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Graf Alexei Nikolajewitsch Tolstoi: Höllenfahrt - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorGraf Alexej N. Tolstoi
titleHöllenfahrt
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080415
projectida186dc28
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VIII

»Dascha, bist du es? Du darfst herein.«

Jekaterina Dmitrijewna stand vor dem Spiegelschrank und schnürte sich das Korsett. Sie lächelte Dascha freundlich zu und fuhr fort, sich geschäftig hin und her zu drehen; sie tänzelte mit den engen Pantöffelchen auf dem Teppich. Sie hatte leichte, mit Bändern und Spitzen verzierte Wäsche an, ihre hübschen Arme und Schultern waren gepudert und die Haare zu einer üppigen Krone frisiert. Neben ihr stand auf einem niederen Tischchen eine Schüssel mit heißem Wasser; überall lagen Nagelscheren, Feilen, Schminkstifte und Puderquasten herum. Der heutige Abend war frei, und Jekaterina Dmitrijewna »putzte sich die Federchen«, wie man es im Hause zu nennen pflegte.

»Weißt du,« sagte sie, indem sie das Strumpfband befestigte, »heute trägt man nicht mehr die Korsetten mit der geraden Planchette, Schau, das da ist neu, von Madame Duclais. Der Leib ist viel freier und sogar ein wenig betont. Gefällt es dir?«

»Nein, es gefällt mir nicht,« antwortete Dascha. Sie stand, die Hände im Rücken, an der Wand. Jekaterina Dmitrijewna hob erstaunt die Braunen: »Es gefällt dir wirklich nicht? Wie schade. Es ist doch so bequem.«

»Was ist bequem, Katja?«

»Vielleicht gefallen dir auch die Spitzen nicht? Man kann ja auch andere annähen. Aber es ist doch merkwürdig: warum gefällt es dir nicht?«

Sie wandte sich erst mit der rechten, dann mit der linken Hüfte zum Spiegel. Dascha sagte: »Frag mich bitte nicht, wie mir deine Korsetten gefallen.«

»Nun, Nikolai Iwanowitsch versteht doch nichts von solchen Sachen.«

»Nikolai Iwanowitsch hat damit auch nichts zu tun.«

»Dascha, was hast du?«

Jekaterina Dmitrijewna riß vor Erstaunen sogar den Mund auf. Jetzt erst merkte sie, daß Dascha sich nur mit Mühe beherrschte, durch die Zähne sprach und rote Flecken auf den Wangen hatte.

»Ich glaube, Katja, du solltest doch aufhören, dich vor dem Spiegel zu drehen.«

»Aber ich muß mich doch ordentlich machen!«

»Für wen?«

»Was hast du nur? ... Für mich selbst«

»Du lügst!«

Beide Schwestern schwiegen darauf eine längere Weile. Jekaterina Dmitrijewna nahm von der Stuhllehne einen blaugefütterten Morgenrock aus Kamelhaar, zog ihn an und band langsam den Gürtel zu einer Schleife. Dascha verfolgte aufmerksam alle ihre Bewegungen und sagte dann: »Geh zu Nikolai Iwanowitsch und sag ihm ehrlich alles.«

Jekaterina Dmitrijewna stand da und nestelte an ihrem Gürtel. Man sah, wie sie etwas am Halse würgte, als hätte sie sich verschluckt.

»Dascha, hast du etwas erfahren?« fragte sie leise.

»Ich war eben bei Bessonow.« Jekaterina Dmitrijewna blickte sie schnell mit Augen an, die nichts zu sehen schienen, wurde plötzlich entsetzlich blaß und hob die Schultern. »Du kannst unbesorgt sein, es ist mir dort nichts geschehen. Er hat es mir noch zur rechten Zeit gesagt. ...«

Dascha trat von einem Fuß auf den anderen. »Ich habe schon lange geahnt, daß du dich gerade mit ihm ... Aber das war mir viel zu ekelhaft, als daß ich daran glauben mochte. ... Du warst feige, hast gelogen und hast dich dabei anscheinend ganz beruhigt. ... Nun will ich in diesem Schmutz nicht länger leben. ... Geh bitte zu deinem Mann, sag ihm alles und sieh selbst zu, wie du dich aus der Affäre ziehst. ...«

Dascha konnte nicht länger sprechen, – die Schwester stand vor ihr, den Kopf tief geneigt. Dascha hätte alles erwartet, nur nicht dieses schuldbewußt und demütig gesenkte Haupt.

»Soll ich jetzt gleich hingehen?« fragte Katja.

»Ja. Augenblicklich. ... Ich verlange es. ... Du mußt selbst begreifen. ...«

Jekaterina Dmitrijewna seufzte kurz auf und ging zur Tür. Dort verweilte sie noch einen Augenblick und sagte: »Ich kann nicht, Dascha.« Aber Dascha schwieg. »Gut, ich werde es sagen.«

Nikolai Iwanowitsch saß im Salon und las, mit dem Elfenbeinmesser im Barte wühlend, den Aufsatz Akundins in dem soeben gekommenen Heft der »Russischen Annalen«.

Der Aufsatz war dem Todestage Bakunins gewidmet. Nikolai Iwanowitsch genoß ihn in vollen Zügen. Als seine Frau eintrat, rief er ihr zu: »Katjuscha, setz dich mal her. Hör, was er schreibt, hier diese Stelle. ... ›Der Zauber dieses Menschen – d. h. Bakunins – liegt nicht nur in seiner Gesinnung und in der grenzenlosen Hingabe an sein Werk, sondern in dem Pathos der ins reale Leben umgewandelten Ideen, von dem jede seiner Regungen erfüllt war: – die nächtlichen Gespräche mit Proudhon, der Mut, mit dem er sich in den brennendsten Kampf stürzte und selbst die romantische Geste, mit der er im Vorbeifahren die Kanonen der österreichischen Aufständischen richtete, ohne genau zu wissen, gegen wen und weswegen sie kämpften. Das Pathos Bakunins ist das Urbild der gewaltigen Kraft, mit der die neuen Klassen in den Kampf treten werden. Die Materialisation der Ideen ist die Aufgabe des beginnenden Jahrhunderts. Es ist nicht das Herausziehen dieser Ideen unter dem Haufen von Tatsachen, die dem blinden Beharrungsvermögen des Lebens Untertan sind, nicht das Versetzen dieser Ideen in eine ideale Welt, sondern ein umgekehrter Prozeß: die Eroberung der physischen Welt durch die Welt der Ideen. Die Realität ist ein Haufen von Brennmaterial, die Ideen sind Funken. Diese beiden getrennten und einander feindlichen Welten müssen sich in der Flamme der Weltrevolution verbinden. ...‹ Nein, bedenke nur, Katjuscha ... Das steht hier schwarz auf weiß und bedeutet nichts anderes als: es lebe die Revolution! Ein Prachtkerl dieser Akundin! Wir leben tatsächlich ohne große Ideen und ohne große Gefühle. Die Regierung läßt sich nur durch die wahnsinnige Angst vor der Zukunft leiten. Die Intelligenz frißt und säuft, – es ist Zeit, die Fenster zu öffnen. Wir tun nichts als schwatzen, Katjuscha, und stecken bis an die Ohren im Sumpf. Das Volk verwest bei lebendigem Leibe. Ganz Rußland ist von Syphilis und Schnaps vergiftet. Rußland ist verfault; wenn man es nur anbläst, zerfällt es zu Staub. Man kann nicht so leben. ... Wir brauchen irgendeine Selbstverbrennung, eine Läuterung im Feuer. ...«

Nikolai Iwanowitsch sprach mit erregter, sammetweicher Stimme, seine Augen waren ganz rund, das Papiermesser fuhr nur so durch die Luft. Jekaterina Dmitrijewna stand neben ihm und hielt sich an der Stuhllehne fest. Als er alles ausgesprochen hatte und von neuem anfing, die Zeitschrift aufzuschneiden, kam sie näher und legte ihm ihre Hand aufs Haar.

»Kolja, was ich dir sagen will, wird dir sehr weh tun. Ich wollte es vor dir verheimlichen, aber es kam so, daß ich es sagen muß. ...«

Nikolai Iwanowitsch zog den Kopf unter ihrer Hand fort und sah sie aufmerksam an. »Ja, ich höre, Katja.«

»Erinnerst du dich noch, wie wir uns einmal stritten, und ich dir aus Ärger sagte, du dürfest meinetwegen nicht allzu ruhig sein. ... Später leugnete ich es. ...«

»Ja, ich erinnere mich.« Er legte das Buch weg und wandte sich ganz zu ihr um. Als seine Augen den einfachen und ruhigen Blick Katjas trafen, fingen sie ängstlich zu zwinkern an.

»Also ... ich habe damals gelogen. ... Ich bin dir untreu gewesen. ...«

Er versuchte zu lächeln und verzog das Gesicht zu einer schmerzvollen Grimasse. Sein Mund war wie ausgetrocknet. Als es unmöglich war, noch länger zu schweigen, sagte er mit dumpfer Stimme: »Es ist gut, daß du es mir gesagt hast. ... Ich danke dir, Katja.«

Sie ergriff nun seine Hand, berührte sie mit den Lippen und drückte sie an ihre Brust. Seine Hand entglitt aber der ihrigen, und sie hielt sie auch selbst nicht zurück. Jekaterina Dmitrijewna ließ sich nun leise auf den Teppich sinken und drückte ihren Kopf an die Lehne des Ledersessels.

»Brauche ich dir sonst nichts mehr zu sagen?«

»Nein. Geh, Katja.«

Sie stand auf und ging aus dem Zimmer. In der Eßzimmertüre fiel ganz unerwartet Dascha über sie her; sie erdrückte Katja schier in ihren Armen und flüsterte, ihr das Haar, den Hals und die Ohren küssend: »Verzeih, verzeih! ... Du bist herrlich, du bist wunderbar! ... Ich habe alles gehört. ... Wirst du mir jetzt verzeihen, wirst du mir verzeihen, Katja? ... Katja! ...«

Jekaterina Dmitrijewna befreite sich vorsichtig aus ihren Armen, trat an den Tisch, strich die Tischdecke glatt und sprach: »Ich habe getan, was du mir befohlen hast, Dascha.«

»Katja, wirst du mir jemals verzeihen?«

»Du hattest recht, Dascha. So ist es besser.«

»Ich hatte gar nicht recht! Ich habe dir aus bloßem Ärger allerlei Gemeinheiten gesagt, das ist alles. ... Jetzt sehe ich aber, daß niemand dich verurteilen darf. Mögen wir alle leiden, mögen wir uns alle quälen, aber du hast recht, ich fühle es, du hast in allen Dingen recht. Verzeih mir, Katja.« Große Tränen liefen Daschas Wangen hinab. Sie stand einen Schritt hinter ihrer Schwester und flüsterte laut: »Wenn du mir nicht verzeihst, will ich nicht länger leben. Ich weiß überhaupt nicht, wie ich jetzt leben soll. ... Und wenn auch du noch so zu mir bist. ...«

Jekaterina Dmitrijewna wandte sich rasch um: »Wie bin ich zu dir, Dascha? Was willst du noch von mir? Du willst wohl, daß alles wieder gut und herzlich sei? ... Nun will ich es dir sagen. ... Ich habe nur darum gelogen und geschwiegen, weil es die einzige Möglichkeit war, mein Zusammenleben mit Nikolai Iwanowitsch noch eine Weile aufrechtzuerhalten. ... Jetzt ist es aber zu Ende. Hast du es verstanden? Ich liebe Nikolai Iwanowitsch schon seit langem nicht mehr und bin ihm längst untreu. Ob Nikolai Iwanowitsch mich liebt oder nicht, das weiß ich nicht, aber er ist mein Mann. Hast du es verstanden? Vielleicht hat er noch eine andere Familie, oder vielleicht braucht er überhaupt keine Frau, oder er leidet an akuter Neurasthenie, – das weiß ich alles nicht. Hast du es verstanden? Du versteckst wie ein Fink den Kopf im Gefieder, um die schrecklichen Dinge nicht zu sehen. Ich habe sie aber gesehen und gekannt, und wenn ich in diesem Schmutz noch weiterlebte, so nur darum, weil ich eine schwache Frau bin. Ich sah, wie auch dich dieses Leben hineinzieht. Ich versuchte, dich davor zu retten, ich untersagte Bessonow, zu uns zu kommen. ... Das war noch bevor er ... Nun, es ist ja ganz gleich. ... Jetzt ist, aber alles zu Ende. ...«

Jekaterina Dmitrijewna hob plötzlich den Kopf und horchte. Dascha überlief es kalt. In der Türe trat seitwärts hinter der Portiere Nikolai Iwanowitsch hervor. Er hielt die Hände im Rücken. »Bessonow?« fragte er und schüttelte lächelnd den Kopf. Dann machte er einen Schritt ins Eßzimmer. Jekaterina Dmitrijewna antwortete nicht. An ihren Wangen waren rote Flecken hervorgetreten, die Augen waren trocken. Sie preßte die Lippen zusammen.

»Du glaubst wohl, Katja, daß unser Gespräch schon zu Ende ist? Du bist im Irrtum.«

Er fuhr fort zu lächeln. »Dascha, laß uns, bitte, beide allein.«

»Nein, ich gehe nicht.« Dascha stellte sich neben ihre Schwester.

»Nein, du wirst gehen. Wenn ich dich darum bitte.«

»Nein, ich gehe nicht.«

»In diesem Falle muß ich dieses Haus verlassen.«

»Verlasse es,« erwiderte ihm Dascha mit einem Blicke voll Haß.

Nikolai Iwanowitsch wurde blaurot, aber gleich darauf leuchtete in seinen Augen der frühere Ausdruck von lustigem Wahnsinn.

»Um so besser. Bleib nur hier. Es handelt sich um folgendes, Katja ... Ich saß eben dort, wo du mich zurückgelassen hast, und habe in diesen wenigen Minuten das überstanden, was man im Grunde genommen nicht überstehen kann ... Ich kam zu dem Schluß, daß ich dich töten muß. ... Ja, ja.«

Dascha schmiegte sich bei diesen Worten an ihre Schwester und umschlang sie mit beiden Armen. Jekaterina Dmitrijewnas Lippen zitterten verächtlich. »Du hast einen hysterischen Anfall ... Du solltest Baldrian nehmen, Nikolai Iwanowitsch ...«

»Nein, Katja, diesmal ist es keine Hysterie ...«

»Dann tue das, weswegen du gekommen bist,« rief sie aus; sie stieß Dascha zurück und ging ganz nahe auf Nikolai Iwanowitsch zu. »Nun, los! Ich sage es dir ins Gesicht: ich liebe dich nicht!«

Er wich zurück, legte den Revolver, den er im Rücken gehalten hatte, auf das Tischtuch, steckte die Fingerspitzen in den Mund, biß hinein, drehte sich um und ging zur Tür. Katja blickte ihm durchdringend nach.

»Es tut so weh!« sagte er, ohne sich umzuwenden. »Es tut so weh! ...«

Nun stürzte sie zu ihm hin, packte ihn bei den Schultern und wandte sein Gesicht zu sich um: »Du lügst! ... Du lügst doch! ... Du lügst auch jetzt! ...« Er schüttelte aber den Kopf und ging.

Jekaterina Dmitrijewna setzte sich an den Tisch und sagte: »Das war eben eine Szene aus dem dritten Akt mit einem Revolverschuß, Dascha. Stell dir nur selbst vor, was aus einer Frau in diesem Schmutz werden muß. ... Ich ziehe von ihm fort.«

»Katjuscha! ... Gott, was fällt dir ein!«

»Ich ziehe fort, ich will nicht so leben. In fünf Jahren bin ich eine alte Frau, dann ist es zu spät. Ich kann nicht länger so leben. ... Ekelhaft, ekelhaft!«

Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen und ließ es auf den Tisch sinken. Dascha setzte sich neben sie und küßte schnell und vorsichtig ihre Schulter. Jekaterina Dmitrijewna hob den Kopf: »Glaubst du vielleicht, er tut mir nicht leid? Er tat mir immer leid. Aber bedenke nur: wenn ich jetzt gleich zu ihm gehe, so wird es zwischen uns ein unendlich langes, durch und durch verlogenes Gespräch geben. ... Es ist, als mische sich immer irgendein Teufel ein und verdrehe unsere Worte. ... Mit Nikolai Iwanowitsch zu sprechen ist dasselbe, wie auf einem verstimmten Klavier zu spielen. ... Nein, ich zieh von ihm fort! ... Ach, Dascha, wenn du nur wüßtest, wie ich mich quäle! Mit meiner ganzen Seele, mit jedem Härchen will ich lieben. Ich will mit allen meinen Gedanken, mit meinem ganzen Körper lieben, lieben. ... So wie ich jetzt bin, hasse ich mich aber, – ich habe Ekel vor mir selbst.«

Spät am Abend ging Jekaterina Dmitrijewna dennoch ins Kabinett. Das Gespräch mit dem Manne dauerte lange, beide sprachen leise und bedrückt, bemühten sich, ehrlich zu sein und einander nicht zu schonen, und doch gingen sie mit dem Gefühl auseinander, als wäre durch diese Unterredung nichts erreicht, nichts geklärt, nichts gewonnen.

Nikolai Iwanowitsch saß dann bis zum Tagesanbruch am Tisch und seufzte. In diesen Stunden hatte er, wie Katja später erfuhr, sein ganzes Leben durchdacht und überprüft. Das Resultat war ein langer Brief an seine Frau mit folgendem Schluß: »Ja, Katja, wir befanden uns in einer moralischen Sackgasse. Während der letzten fünf Jahre habe ich kein einziges starkes Gefühl, keine einzige starke Regung gehabt. Selbst meine Liebe zu dir und die Heirat mit dir spielten sich irgendwie in großer Eile ab. Es war eine seichte und halbhysterische Existenz unter ständiger Narkose. Es gibt nur zwei Auswege: entweder Selbstmord zu begehen oder diesen schwülen Vorhang, der alle meine Gedanken und Gefühle, mein ganzes Bewußtsein verhüllt, zu zerreißen. Ich bin aber nicht imstande, das eine oder das andere zu tun. ...«

* * *

Das Unglück war so plötzlich gekommen und der häusliche Friede so leicht und endgültig zusammengestürzt, daß Dascha wie betäubt war und gar nicht imstande, an sich selbst zu denken; was für einen Wert hatten noch alle ihre Jungmädchenstimmungen, – Unsinn, die schreckliche Ziege an der Wand, wie sie ihr und Katja einst die Kinderfrau Lukerja vorzumachen pflegte, indem sie eine Kerze anzündete und die Hände entsprechend zusammenlegte, und die Ziege an der Wand fraß Kohl und bewegte die Hörner.

Dascha trat einigemal am Tage vor Katjas Türe und kratzte daran mit dem Finger. Katja bat: »Dascha, wenn es geht, laß mich, bitte, allein.«

Nikolai Iwanowitsch mußte in diesen Tagen im Gericht auftreten. Er ging früh aus dem Hause, aß im Restaurant und kehrte erst nachts zurück. Seine Rede zur Verteidigung der Frau des Akzisebeamten Ladnikow, Soja Iwanowna, die in der Gorochowaja-Straße ihren Geliebten, den Studenten Schlippe, Sohn eines Petersburger Hausbesitzers, im Schlafe ermordet hatte, erschütterte die Richter und den ganzen Saal. Die Damen schluchzten. Die Angeklagte, Soja Iwanowna, schlug sich den Kopf an die Wand und wurde freigesprochen.

Als Nikolai Iwanowitsch blaß, mit eingefallenen Augen das Gerichtsgebäude verließ, umringte ihn eine Menge von Frauen, die ihm Blumen zuwarfen und schluchzend die Hände küßten. Aus dem Gericht fuhr er nach Hause und sprach wieder mit Katja in vollkommener seelischer Auflösung.

Jekaterina Dmitrijewna hatte schon ihre Koffer gepackt. Er gab ihr den gutgemeinten Rat, nach Südfrankreich zu fahren, und bewilligte ihr zu diesem Zweck zwölftausend Rubel. Er selbst beschloß während dieses selben Gesprächs, die laufenden Geschäfte seinem Gehilfen zu übergeben und in die Krim zu fahren, um auszuruhen und seine Gedanken zu sammeln.

Eigentlich war es ganz unklar und ungewiß, ob sie sich nur für eine Zeitlang oder für immer trennten und wer wen verließ. Diese akuten Fragen wurden sorgfältig durch die Hast und Unruhe der Abreise verdeckt. An Dascha dachten sie beide überhaupt nicht. Jekaterina Dimitrijewna erinnerte sich ihrer nur im allerletzten Moment, als sie, in grauem Reisekleid und elegantem Hütchen, abgemagert, traurig und niedlich Dascha auf einem Koffer im Vorzimmer sitzen sah. Dascha baumelte mit den Beinen und aß Brot mit Marmelade, da man an diesem Tage vergessen hatte, zu Mittag zu kochen.

»Dascha, liebes Kind,« sagte Jekaterina Dmitrijewna, sie durch den Schleier küssend, »was geschieht nur mit dir? Willst du mit mir gehn?«

Dascha antwortete aber, sie wolle in der Wohnung allein mit dem Großmogul bleiben, ihre Prüfungen machen und Ende Mai für den ganzen Sommer zum Vater reisen.

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