Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Graf Alexei Nikolajewitsch Tolstoi: Höllenfahrt - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorGraf Alexej N. Tolstoi
titleHöllenfahrt
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080415
projectida186dc28
Schließen

Navigation:

XL

Jekaterina Dmitrijewna mietete sich nicht weit von Dascha in einem hölzernen Häuschen mit einem Vorgarten bei zwei alten Damen ein. Die eine von den beiden, Klawdia Iwanowna, war vor vielen Jahren Sängerin gewesen, die andere, Ssofja Iwanowna, war eine Art Zofe oder Freundin. Die beiden alten Damen behandelten Katja mit großer Aufmerksamkeit, obwohl Klawdia Iwanowna der Ansicht war, daß in der jungen Frau etwas Dämonisches sei.

Katja führte in diesem patriarchalischen, von den Stürmen der Zeit verschonten Winkel ein friedliches Leben. Sie stand früh auf, räumte selbst ihr Zimmer auf und setzte sich dann ans Fenster, um Wäsche auszubessern, Strümpfe zu stopfen oder ihre alten, eleganten Toiletten in einfachere Kleider abzuändern. (Nach ihrer Rückkehr aus Paris hatte sie sich nichts gekauft oder machen lassen, ihr Geld reichte ja auch noch gerade zum Leben.) Nach dem Frühstück ging sie gewöhnlich mit einem Buch oder einer Stickarbeit auf die ›Inseln‹, setzte sich auf ihre Lieblingsbank am kleinen Teich und sah den Kindern zu, die auf dem Sandhaufen spielten, den zwischen den Bäumen dahin rollenden, in der Sonne funkelnden Equipagen, las, stickte und sann. Um sechs Uhr aß sie bei Dascha zu Mittag. Um elf begleiteten Dascha und Teljegin sie heim: die beiden Schwestern gingen Arm in Arm voraus, und Iwan Iljitsch deckte ihnen pfeifend, die Mütze in den Nacken geschoben, ›den Rücken‹ denn es war jetzt nicht mehr ungefährlich, abends durch die Straßen zu gehen.

Katja schrieb jeden Tag an Wadim Petrowitsch Roschtschin, der an die Front geschickt worden war. Sie berichtete ihm in ihren Briefen aufmerksam und aufrichtig, was sie am betreffenden Tage alles getrieben und worüber sie gedacht hatte; Roschtschin hatte sie darum gebeten und bestätigte es in seinen Antwortbriefen: »Wenn Sie mir schreiben, Jekaterina Dmitrijewna, daß Sie einen Kummer haben, daß das Kleid, das Sie umarbeiten wollten, brüchig geworden ist, oder daß es heute, als Sie über die Jelagin-Brücke gingen, zu regnen anfing, Sie aber keinen Schirm mitgehabt haben und unter den Bäumen gewartet haben, bis der Regen wieder aufhörte; daß Ihnen dort unter den Bäumen der Gedanke gekommen ist, Darja Dmitrijewna zum Geburtstag einen weißen Schirm mit Kirschen zu schenken. ... Mir sind alle diese Bagatellen teuer, und es scheint mir sogar, daß ich jetzt ohne alle diese Kleinigkeiten Ihres Lebens gar nicht leben könnte. ...«

Katja sah mit einem Rande ihres Verstandes wohl ein, daß Roschtschin übertrieb und daß er ohne ihre Kleinigkeiten sehr gut hätte leben können, aber der Gedanke, daß sie auch nur einen einzigen Tag wieder allein bleiben sollte, war so schrecklich, daß sie sich jede Mühe gab, gar nicht nachzudenken, sondern zu glauben, ihr ganzes Leben sei Wadim Petrowitsch teuer und notwendig. Darum bekam auch alles, was sie anfing, einen eigenen Sinn: sie konnte eine ganze Stunde ihren Fingerhut nicht finden, er steckte aber an ihrem Finger: Wadim Petrowitsch würde sicher lachen, wenn er erführe, wie dumm sie geworden ist. Sich selbst betrachtete sie jetzt als etwas, was ihr nicht ganz gehörte. Als sie einmal mit der Näharbeit sinnend am Fenster saß, merkte sie plötzlich, daß ihre Finger zitterten, sie hob den Kopf, stocherte mit der Nadel im Rock über dem Knie und starrte lange vor sich hin; endlich erblickte sie im Spiegelschrank gegenüber ein schmales Gesicht mit großen traurigen Augen und zu einem einfachen Knoten geschlungenen Haaren, – ein zartes, liebes Gesicht ... Katja fragte sich: bin ich das wirklich? Sie senkte die Augen und nähte weiter, aber ihr Herz klopfte, sie stach sich in den Finger, führte ihn an den Mund und blickte wieder in den Spiegel; diesmal war es aber sie selbst, und nicht mehr so schön wie die andere ... Am Abend dieses Tages schrieb sie an Wadim Petrowitsch: »Heute dachte ich den ganzen Tag an Sie. Ich sehne mich nach Ihnen, mein lieber Freund, ich sitze am Fenster und warte. Mit mir geht etwas vor, etwas längst Vergessenes, es sind irgendwelche Jungmädchenstimmungen. ...«

Selbst die zerstreute und von ihren komplizierten, wie sie glaubte seit der Erschaffung der Welt noch nicht dagewesenen Beziehungen zu Iwan Iljitsch in Anspruch genommene Dascha bemerkte diese Veränderung an Katja und redete einmal beim Abendtee lange auf sie ein, daß sie jetzt immer glatte schwarze hochgeschlossene Kleider tragen müsse. »Ich versichere dich,« sagte sie, sich mit der Hand vor die Brust schlagend, »du kennst dich selbst nicht, Katja, aber du siehst jetzt wie höchstens neunzehnjährig aus ... Iwan, sie ist doch jünger als ich?«

»Ja ... Das heißt nicht ganz, aber vielleicht ...«

»Ach, du verstehst gar nichts!« sagte Dascha. »Begreife es doch bitte, du Mann: es ist nicht Jugend, wenn die Frau in Wirklichkeit neunzehn Jahre alt ist ... Bei den Frauen hängt die Jugend gar nicht von den Jahren, sondern von ganz anderen Dingen ab, die Jahre spielen hier keine Rolle ...«

* * *

Das bißchen Geld, das Katja nach dem Tode Nikolai Iwanowitschs geblieben war, ging zur Neige. Teljegin riet ihr, die Einrichtung der Wohnung in der Snamenskaja, die seit März leer stand, zu verkaufen. – Katja willigte ein und begab sich mit Dascha in die Snamenskaja, um einige Sachen, die ihr als Andenken teuer waren, auf die Seite zu tun.

Als sie in den zweiten Stock gestiegen war und die ihr wohlvertraute eichene Tür mit dem Messingschild »N. I. Smokownikow« erblickte, fühlte Katja, wie sich gleichsam ein Kreis ihres Lebens schloß. Der alte, bekannte Portier, der ihr einst nach Mitternacht verschlafen und böse schnaubend, den Hals mit dem Kragen des über die Schultern geworfenen Mantels schützend, die Haustüre aufzusperren pflegte und die Treppenbeleuchtung immer abdrehte, bevor Katja ihr Stockwerk erreicht hatte, – machte sofort mit seinem eigenen Schlüssel die Wohnung auf, zog die Mütze, ließ Katja und Dascha vorausgehen und sagte beruhigend: »Sie können ganz unbesorgt sein, Jekaterina Dmitrijewna, es fehlt auch keine Stecknadel, Tag und Nacht habe ich auf die Mieter aufgepaßt. Ihr Sohn ist in Frankreich gefallen, sonst wären sie auch jetzt noch hier geblieben, so zufrieden waren sie mit der Wohnung. ...«

Im Vorzimmer war es dunkel und roch dumpf wie in einem unbewohnten Raume; in allen Zimmern waren die Vorhänge heruntergelassen. Katja trat ins Eßzimmer und schaltete das Licht ein, – der Kristalllüster flammte hell über dem mit grauem Tuch bedeckten Tisch auf, in dessen Mitte noch immer ein Blumenkorb aus Porzellan mit einem längst eingetrockneten Mimosenzweige stand. Die gleichgültigen Zeugen des einstigen lustigen Lebens, die Stühle mit den hohen Lehnen und den ledernen Sitzen standen längs der Wände. Eine Türe der geschnitzten, wie eine Orgel mächtigen Kredenz war offen und ließ die umgestürzt stehenden Weingläser sehen. Der ovale venizianische Spiegel war von einer Staubschicht überzogen, und oben auf seinem Rahmen schlummerte immer noch der goldene Knabe, das Händchen auf ein Akanthusblatt gestützt. ...

Katja stand unbeweglich an der Türe. »Mein Gott,« sagte sie leise, »erinnerst du dich noch, Dascha? ...«

Dann ging sie in den Salon und machte im großen Lüster Licht. Die kubistischen und futuristischen Bilder, die ihr einst so kühn und unheimlich erschienen waren, hingen jetzt an den Wänden so unglücklich und farblos, wie Fetzen, die man nach dem Karneval als erledigt weggeworfen hat.

Dascha zeigte auf die futuristische Venus und fragte: »Katja, erinnerst du dich noch an diese hier? Ich hielt sie damals für die Ursache meines ganzen Unglücks, ich hatte ein mystisches Grauen vor ihr ...« Dascha lachte und fing an, die Notenhefte durchzusehen. Katja ging aber in ihr einstiges Schlafzimmer. Hier sah noch alles genau so aus wie vor drei Jahren, als sie in ihrem Reisekleid, mit dem Schleier vor dem Gesicht noch einmal in dieses Zimmer trat, um die auf dem Toilettentisch vergessenen Handschuhe zu nehmen, und sich noch ein letztes Mal umsah.

Jetzt schienen alle Dinge irgendwie trüb und viel kleiner, als sie einst gewesen. Katja öffnete den Schrank voller Spitzen- und Seidenreste, Strümpfe und Schuhe. Alle diese Dinge, die ihr einst so notwendig erschienen, dufteten noch immer schwach nach Parfüm; Katja wühlte planlos in ihnen herum: mit jedem dieser Gegenstände war für sie eine Erinnerung an das für immer entschwundene Leben verbunden ...

Die Stille in der Wohnung erzitterte plötzlich und füllte sich mit Tönen: Dascha spielte die Sonate, die sie vor drei Jahren, als sie sich zu den Prüfungen vorbereitete, eingeübt hatte. Katja klappte die Schranktüre zu, ging in den Salon und setzte sich neben ihre Schwester.

»Katja, nicht wahr, es ist doch herrlich?« sagte Dascha, sich zu ihr halb umwendend. »Hier diese Stelle, hör mal: diese Stimme klingt wie ein Donner durch die Welt: ›Lebet alle in Meinem Namen ... ‹«

Dascha spielte noch einige Takte und nahm vom Boden ein anderes Notenheft. Katja sagte: »Dascha, wollen wir gehen, ich habe Kopfweh.«

»Und wie ist es mit den Sachen?«

»Ich will von hier nichts mitnehmen. Nur das Klavier lasse ich zu dir hinüberschaffen.«

* * *

Katja kam zum Essen, vom schnellen Gehen erregt, gut gelaunt, in einem neuen Hütchen aus schwarzem Stroh, mit einem blauen Schleier. »Ich bin gerade noch zurechtgekommen,« sagte sie, mit ihren warmen Lippen Daschas Wange berührend, »aber die Füße habe ich mir doch durchnäßt, ich will schnell die Schuhe wechseln.« Während sie die Handschuhe abstreifte, trat sie ans Fenster. Der Regen, der schon einigemal beginnen wollte, stürzte plötzlich in trüben Strömen nieder, wirbelte im Winde und rauschte in den Dachrinnen. Weit unten waren rennende Regenschirme zu sehen. Durch die dunkel gewordene Luft fuhr plötzlich ein weißer Lichtschein, und es krachte so, daß Dascha sich bekreuzte.

»Weißt du, wer heute abend zu uns kommt?« fragte Katja, die Lippen zu einem Lächeln verziehend. Dascha fragte »Wer?«

Katja errötete und sagte: »Heute abend trifft Wadim Petrowitsch ein und kommt direkt vom Bahnhof zu euch ... Bei mir kann ich ihn doch nicht so spät empfangen ...«

Um halb zehn ertönte die Klingel, und Katja, Dascha und Teljegin stürzten ins Vorzimmer. Teljegin machte auf; Roschtschin erschien, den zerdrückten Mantel lose über die Schultern geworfen, die Mütze tief in die Stirne geschoben. Sein hageres, düsteres, sonnenverbranntes Gesicht erstrahlte in einem Lächeln, als er Katja erblickte. Sie sah ihn bestürzt und glücklich an. Als er, nachdem er Mantel und Mütze auf den Stuhl geworfen, mit seiner lauten, etwas dumpfen Stimme sagte: »Entschuldigen Sie, daß ich Sie so spät überfalle, – ich wollte Sie heute noch sehen, Jekaterina Dmitrijewna, und auch Sie, Darja Dmitrijewna,« – fingen Katjas Augen zu leuchten an.

»Ich freue mich, daß Sie gekommen sind, Wadim Petrowitsch,« sagte sie und drückte, als er sich über ihre Hand beugte, die zitternden Lippen auf seine Schläfe.

»Schade, daß Sie Ihr Gepäck nicht mitgebracht haben,« sagte Iwan Iljitsch, »Sie bleiben ja sowieso bei uns über Nacht. ...«

»Im Salon auf dem türkischen Sofa, – wenn es zu kurz ist, kann man einen Sessel heranschieben,« sagte Dascha.

Roschtschin hörte wie im Schlafe, was ihm diese freundlichen, schönen Menschen sagten. Als er eintrat, war er noch ganz grimmig von den schlaflosen Nächten während der Fahrt, vom Klettern durch die Wagenfenster, um sich auf den Stationen Essen zu holen, vom ewigen Kampf wegen einiger Zoll Platz im Koupee und vom unflätigen, in den Ohren klebenden Fluchen der Soldaten. Es kam ihm so wild vor, daß diese drei fast unfaßbar schönen und sauberen Menschen, die nach Parfüm dufteten und auf dem spiegelglatten Parkett des hell erleuchteten Vorzimmers standen, sich über sein Erscheinen so freuten ... Er sah wie im Traume die schönen grauen Augen Katjas, die zu ihm sprachen: Ich bin so froh, so froh, so froh ... Er zupfte seinen Gürtel zurecht, streckte sich und atmete tief auf.

»Ich danke,« sagte er, »wohin befehlen Sie?«

Man führte ihn ins Eßzimmer zum Füttern. Er aß, ohne darauf zu achten, was man ihm auf den Teller legte, war schnell gesättigt, schob den Teller weg und steckte sich eine Zigarette an. Sein düsteres, mageres, unrasiertes Gesicht, das Katja im Vorzimmer so sehr erschreckt hatte, wurde jetzt weicher und erschien noch müder. Seine großen Hände, auf die das Lampenlicht durch den gelbroten Schirm fiel, zitterten über dem Tisch, als er sich ein Zündholz anrieb. Katja saß im Schatten des Lampenschirmes und starrte auf ihn mit durchdringendem Mitleid; sie fühlte, daß sie jedes Härchen auf seiner Hand und jeden Knopf auf seiner dunkelbraunen, vom langen Liegen im Koffer zerknitterten Feldbluse liebte. Sie merkte, daß er beim Sprechen zuweilen die Zähne zusammenbiß. Seine Sätze waren abgerissen und wirr. Offenbar war er bemüht, eine schon seit langem währende zornige Erregung niederzukämpfen ... Dascha wechselte mit ihrer Schwester und ihrem Mann Blicke und fragte Roschtschin, ob er sich nicht schon hinlegen wolle. Er wurde plötzlich rot und reckte sich auf seinem Stuhl.

»Nein, ich bin wirklich nicht dazu hergekommen, um mich gleich schlafen zu legen ... Nein ... Nein!« Er trat auf den Balkon und stellte sich in den feinen nächtlichen Regen. Dascha wies mit den Augen auf den Balkon und schüttelte den Kopf. Roschtschin sagte vom Balkon her: »Verzeihen Sie mir, um Gottes Willen, Darja Dmitrijewna ... das machen die vier schlaflosen Nächte ...« Er erschien wieder im Zimmer, strich sich die Haare auf dem Scheitel zurecht und setzte sich auf den früheren Platz. »Ich komme direkt aus dem Hauptquartier,« sagte er, »und bringe dem Kriegsminister wenig tröstliche Nachrichten ... Als ich Sie sah, krampfte sich mir das Herz zusammen ... Gestatten Sie, daß ich alles ausspreche: ich habe keinen Menschen auf der Welt, der mir näher wäre als Sie, Jekaterina Dmitrijewna.« Katja erbleichte langsam, Iwan IIjitsch stellte sich, die Hände im Rücken, an die Wand, Dascha sah Roschtschin mit entsetzten Augen an. »Wenn kein Wunder geschieht,« sagte er hüstelnd, »so sind wir verloren. Die Armee existiert nicht mehr ... Die Front flieht ... Die Soldaten fahren auf den Wagendächern heim ... Die Auflösung der Front aufzuhalten ist ein Ding der Unmöglichkeit ... Es ist wie die Ebbe des Ozeans ... Es ist wohl möglich, im Soldaten die Angst vor dem Tode zu überwinden: ich habe schon mit der Reitpeitsche allein eine Kompagnie aufgehalten und in die Schlacht zurückgetrieben. Jetzt hat aber der russische Soldat jedes Verständnis dafür, weswegen er kämpft, verloren, jeden Respekt vor dem Kriege, jeden Respekt vor allem, womit dieser Krieg zusammenhängt; vor dem Staat, vor der Heimat, vor Rußland ... Die Soldaten sind überzeugt, daß es genügt, das Wort ›Friede‹ zu rufen, damit der Krieg augenblicklich aufhöre ... Und daß nur wir, die Herren, keinen Frieden schließen wollen ... Wissen Sie, der Soldat spuckt auf die Stelle, wo man ihn drei Jahre lang betrogen hat, wirft sein Gewehr weg, und man kann ihn nicht mehr zwingen, Krieg zu führen ... Und im Herbst, wenn die ganzen zehn Millionen zurückfluten ...«

»Wir können aber den Krieg nicht aufgeben ... Wenn an der Front hunderfünfundsiebzig deutsche Divisionen stehen, können wir die Front nicht entblößen,« sagte Iwan Iljitsch, mit Mühe das Beben seiner Stimme bemeisternd, und der kalte und trotzige Ausdruck, den Dascha schon kannte und den sie immer etwas fürchtete, erschien in seinen auf einmal hell gewordenen Augen. »Ich verstehe dieses Gespräch nicht, Wadim Petrowitsch ...«

»Ich bringe dem Kriegsminister einen Plan, aber ich habe keine Hoffnung, daß man ihn gutheißen wird,« sagte Roschtschin. »Der Plan besteht in folgendem: wir verkünden vollständige Demobilmachung in kürzester Frist, d. h. wir organisieren die Flucht, um auf diese Weise die Eisenbahnen, die Artillerie und die Vorräte an Munition und Verpflegung zu retten. Wir erklären unseren Verbündeten, daß wir den Krieg nicht aufgeben. Zugleich errichten wir im Wolgabecken einen Schutzwall aus zuverlässigen Truppenteilen – solche lassen sich wohl finden –, formieren hinter der Wolga eine ganz neue Armee, deren Kern aus Freiwilligenverbänden bestehen soll, und organisieren und unterstützen zugleich Freischaren ... Gestützt auf die Bergwerke des Ural, auf die Kohle und das Getreide Sibiriens, fangen wir einen neuen Krieg an ... Einen anderen Ausweg gibt es nicht ... Man muß begreifen, was das für eine Zeit ist ... Im russischen Volke wirkt jetzt weder die Vernunft noch der Wille, es wirken nur noch die dunkeln Instinkte des Erdmenschen. Er hat nur den einen Instinkt: sein Land zu pflügen und zu bestellen ... Zum Acker wird das russische Reich ... Sie werden mit dem Pflug über das ganze Land ziehen ... Da sollen sie es lieber schon schneller machen ...«

»Die Front dem Feinde öffnen ... das Vaterland verwüsten lassen ... Nein, Wadim Petrowitsch, viele werden darauf nicht eingehen wollen ...«

»Wir beide haben kein Vaterland mehr«, sagte Roschtschin. »Es gibt nur noch die Stelle, wo das Vaterland einst war.« Er ballte seine großen Fäuste, die vor ihm auf dem Tischtuche lagen, so zusammen, daß die Finger blau anliefen. »Das große Rußland hat in dem Augenblick zu existieren aufgehört, als das Volk die Waffen fortwarf ... Wieso begreifen Sie nicht, daß es schon angefangen hat ... Wird Ihnen jetzt vielleicht Nikolai der Wundertäter helfen? ... Man hat auch schon verlernt, zu ihm zu beten ... Das große Rußland ist jetzt nur noch Dünger für einen Acker ... Man muß alles von neuem schaffen: ein Heer, einen Staat ... Man muß in uns eine neue Seele hineinpressen ... Ein russisches Volk gibt es nicht mehr ... es gibt nur noch Einwohner und diese sind Dummköpfe ...«

Er schlug sich vor die Brust, ließ den Kopf auf den Tisch sinken und schluchzte schwer und dumpf wie ein Hund ...

* * *

An diesem Abend ging Katja nicht nach Hause, – Dascha nahm sie zu sich ins Bett; für Iwan Iljitsch bereitete man in aller Eile das Nachtlager im Kabinett; Roschtschin ging nach der letzten Szene, die für alle so schwer war, auf den Balkon, kehrte nach einiger Zeit ganz durchnäßt ins Eßzimmer zurück und bat alle um Verzeihung: das Vernünftigste wäre tatsächlich, schlafen zu gehen. Er schlief auch sofort ein, sobald er sich ausgezogen hatte. Als Iwan Iljitsch auf den Fußspitzen zu ihm kam, um die Lampe auszulöschen, schlief Roschtschin auf dem Rücken, die beiden großen Hände an die Brust gedrückt; sein hageres Gesicht mit den fest geschlossenen Augen und den im Morgenlichte scharf hervortretenden Runzeln hatte den Ausdruck eines Menschen, der einen wahnsinnigen Schmerz unterdrückt. Iwan Iljitsch beugte sich über ihn, sah ihn aufmerksam an und bekreuzte ihn. Roschtschin seufzte, ohne aufzuwachen, auf und drehte sich auf die rechte Seite.

Katja und Dascha lagen unter einer Decke und unterhielten sich noch lange im Flüsterton. Dascha horchte ab und zu ins Nebenzimmer hinüber: Iwan Iljitsch wollte noch immer nicht zur Ruhe kommen. Dascha sagte: »Da geht er noch immer auf und ab, um sieben muß er aber in die Fabrik ...« Sie stieg aus dem Bett, suchte mit den Füßen die Morgenschuhe, fand sie nicht und lief barfuß ins Kabinett zu ihrem Mann.

Iwan Iljitsch saß ohne Rock und Weste mit herabhängenden Hosenträgern auf dem Sofa, auf dem man ihm das Lager bereitet hatte, und las in einem riesengroßen Buch, das er mit beiden Händen auf dem Schoß hielt.

»Du schläfst noch nicht?« fragte er und sah Dascha mit leuchtenden, nichts sehenden Augen an. »Setz dich ... Ich habe die Stelle gefunden ... hör mal zu ...« Er schlug die Seite um und fing an halblaut zu lesen: »›Vor dreihundert Jahren wehte der Wind frei über die Wälder und Steppen, über den großen Friedhof, der einst Rußland geheißen. Es gab dort nur verrußte Stadtmauern, Asche an Stelle von menschlichen Siedlungen, Grabkreuze und Gebeine an den grasbewachsenen Landstraßen, Scharen von Raben und nächtliches Geheul der Wölfe. Auf den Waldwegen trieben sich noch hie und da die letzten Räuberbanden herum, die schon längst die Bojarenpelze, die kostbaren Schalen und perlenverzierten Ikonen, die sie während zehn Jahren zusammenraubten, vertrunken hatten. Nun war Rußland ganz ausgeraubt und reingefegt. Räuber und Kosaken in zerrissenen Kaftans suchten die letzte Beute.

»Verwüstet und menschenleer war das russische Land. Selbst die Krimschen Tataren kamen nicht mehr in die große Steppe: es gab nichts mehr zum Rauben. In den zehn Jahren der Großen Wirren hatten allerlei falsche Zaren, Diebe, Kosaken und polnische Reiter das russische Land mit Säbel und Feuer von einem Ende zum andern durchzogen. Es herrschte eine furchtbare Hungersnot, – die Menschen aßen Pferdemist und eingesalzenes Menschenfleisch. Die Pest griff um sich. Die Reste des Volkes flohen hinter die litauische Grenze, nach Norden zum Weißen Meer, auf den Ural zu den Stroganows, nach Sibirien.

»In diesen schweren Tagen führte man in einem Schlitten zu den verrußten Mauern Moskaus, das bis auf den letzten Rest ausgeraubt und verwüstet und mit großer Mühe von dem Räubergesindel gesäubert war, in diese große Brandstätte, einen erschrockenen Knaben, Michail Romanow, den die verarmten Bojaren, die heruntergekommenen Kaufleute und die düsteren Bauern der nordischen Gebiete und der Wolga auf Rat des Patriarchen zum Zaren von Moskau gewählt hatten. Der neue Zar verstand nur zu weinen und zu beten. Und er weinte und betete, voller Angst und Trauer durch das Fenster des Reiseschlittens auf die abgerissenen und verwilderten russischen Menschen blickend, die ihn an den Toren Moskaus empfingen. Die russischen Menschen setzten keine zu großen Hoffnungen auf den neuen Zaren. Aber man mußte leben. Und man fing an zu leben. Man lieh sich Geld von den Stroganows, die Städter bauten ihre Wohnungen auf, die Bauern pflügten das verödete Land. Man sandte Berittene und Fußvolk auf die Landstraßen hinaus, um die Räuber zu erschlagen. Es war ein ärmliches, schweres Leben. Man machte tiefe Bücklinge vor den Krimschen Tataren, vor den Litauern, vor den Schweden. Man bewahrte seinen Christenglauben. Man wußte, daß es nur eine Macht gab, auf die man sich verlassen konnte: das zeitweise zu Raub und Diebstahl geneigte, aber starke und geschmeidige russische Volk. Man hoffte durchzukommen, und man kam durch. Und die von Steppengras überwucherte Wüste wurde wieder bevölkert ... ‹«

Iwan Iljitsch schloß das Buch.

»Du siehst, wie es einst war ... Auch jetzt werden wir nicht zugrunde gehen! Die Enkel jener zerlumpten Bauern, die, mit Zaunpfählen bewaffnet, Moskau zu Hilfe kamen, haben Karl XII. geschlagen, die Tataren in die Krim zurückgetrieben, Litauen gebändigt und sind in ihren Bastschuhen bis ans Ufer des Stillen Ozeans gekommen ... Und ein Enkel jenes Knaben, den man im Schlitten gewaltsam nach Moskau brachte, hat Petersburg erbaut ... Das große Rußland ist verloren! ... Von uns bleibt nur noch ein Landkreis zurück, und mit diesem beginnt ein neues Rußland ...«

Er schnaubte mit der Nase und sah zum Fenster hinaus; draußen dämmerte ein grauer Morgen. Dascha lehnte ihren Kopf an seine Schulter, er streichelte und küßte ihr das Haar.

»Nun geh schlafen, du feige Häsin ...«

Dascha lachte. Sie verabschiedete sich von ihm, ging zur Tür und wandte sich noch einmal um: »Iwan, wenn du wüßtest, wie Katja ihn liebt ...«

»Ist auch ein Prachtmensch ...«

Dascha ging. Iwan Iljitsch blätterte noch eine Weile im Buch, legte es weg, zündete sich eine Zigarette an, lehnte sich im Ledersofa zurück und wurde nachdenklich. Diesen ganzen Abend hatte er das beunruhigende Gefühl gehabt, als täte er irgendwie unrecht. Jetzt, wo alle im Hause schliefen, erkannte er klar und schonungslos, was ihn gequält hatte: »Ich bin glücklich und will, um dieses Glück zu genießen, absichtlich nichts sehen und hören, was um mich geschieht. Ich betrüge mich selbst und auch Dascha. Ich werde böse, wenn man mir sagt, daß Rußland zugrunde geht, tue aber nichts, damit es nicht zugrunde gehe. Nun muß ich entweder dieses unehrliche Leben bewußt fortsetzen oder ...«

Die Konsequenzen aus diesem ›oder‹ erwiesen sich als so unerwartet, und Iwan Iljitsch war auf sie so wenig vorbereitet, daß er es nach kurzer Zeit für das beste hielt, alle Konsequenzen und alle Entschlüsse auf den nächsten Tag zu verschieben, den Fenstervorhang zuzog und sich schlafen legte.

* * *

Der Abend war windstill und schwül. Es roch nach Benzindämpfen und nach dem Teer des Holzpflasters. Die Fensterscheiben loderten. Auf dem Newskij bewegten sich in dem vom Boden aufsteigenden Dunste, im Tabakrauch und dem von den Füßen aufgewirbelten Staub bunte, ungeordnete Menschenmassen. Stöhnend und ächzend sausten die mit flatternden kleinen Fahnen versehenen Regierungsautos vorbei. Die durchdringenden Stimmen der Zeitungsjungen verkündeten erschütternde Neuigkeiten, an die kein Mensch glaubte. Verkäufer von Zigaretten, Zündhölzern und allerlei gestohlenen Sachen trieben sich in der Menge herum. Auf dem Katherinen- und dem Nikolai-Boulevard lagen auf dem Rasen zwischen den Blumenbeeten faule Soldaten; sie knabberten Sonnenblumenkerne und schäkerten mit den feisten Straßendirnen.

Katja kam vom Newskij. Wadim Petrowitsch hatte mit ihr verabredet, sie gegen acht Uhr auf dem Quai zu treffen. Katja bog zum Schloßplatz ein. Die großen Fenster im zweiten Stock des düsteren, blutroten Winterpalais waren erleuchtet. Vor dem Hauptportal standen Autos und gingen lachend Soldaten und Chauffeure auf und ab. Auf einem ratternden Motorrade flog ein Kurier vorbei, – ein Junge mit bösem, blassem Gesicht, in Chauffeurmütze, einer vom Winde geblähten Hemdbluse, mit Wickelgamaschen an den Beinen. Auf dem Eckbalkon des Palais stand, an das Gitter gelehnt, unbeweglich und traurig ein alter Mann mit langem grauen Bart. Katja bog um die Ecke und wandte sich um: auf dem Schwibbogen des Generalstabsgebäudes bäumten sich wie immer die leichten bronzenen Rosse der Quadriga dem Abendrot entgegen. Katja stieg den Quai hinunter und setzte sich auf eine halbrunde Granitbank dicht am Wasser. Über der träge dahinfließenden Newa hingen blau und durchsichtig die Brücken. Das schwertförmige Dach der Peter-Paulskathedrale schimmerte wie verstaubtes Gold. Ein elender Nachen zog über das glänzende Wasser. Links, hinter den Dächern und Rauchsäulen sank die große, verglimmende Sonnenkugel in ein gelbrotes Flammenmeer.

Katja beobachtete still, die Hände im Schoße gefaltet, dieses Erlöschen und wartete ruhig und geduldig auf Wadim Petrowitsch. Er kam von ihr unbemerkt von rückwärts her, lehnte sich über die Granitbalustrade und sah von oben auf Katja herab. Sie fühlte seine Nähe, wandte sich lächelnd um und stand auf. Er sah sie mit seltsamen, erstaunten Blicken an. Sie stieg die Stufen zum Quai hinauf und nahm Roschtschin am Arm. Im Gehen fragte sie leise: »Nun, was?«

»Was ... Ich gehe und sehe einen Engel des Himmels sitzen.«

Katja drückte ihm stumm die Hand. Dann fragte sie ihn, wie heute seine Sachen stünden. Er begann ihr zu berichten, – es gab wenig Tröstliches. Sie gingen über die Troizkij-Brücke; am Anfang des Kamennoostrowskij-Prospekts blieb Roschtschin stehen und wies mit einer Kopfbewegung auf eine kleine Villa mit kachelverzierter Fassade, die hinter dem Gitter eines Vorgartens stand. Die breiten Fenster und die Glaswand des Wintergartens waren hell erleuchtet. Vor dem Tore standen mehrere Motorräder.

»Das ist das Schlangennest«, sagte Roschtschin. »Na ja ...«

Es war die Villa einer berühmten Ballettänzerin, in der sich jetzt, nach der Vertreibung der Eigentümerin, die Bolschewisten festgesetzt hatten. Die ganze Nacht klapperten hier die Schreibmaschinen, und in den Morgenstunden, wenn sich vor der Villa fixe, abgerissene Individuen und auch gewöhnliche Müßiggänger ansammelten, trat auf den Balkon das Oberhaupt der Partei und sprach zu der Menge vom großen Brande, von dem die ganze Welt ergriffen sei, die ihre letzten Tage lebe ... Er rief zur Zerstörung und Gleichheit auf ... Den abgerissenen Individuen brannten die Augen und juckten die Hände ... »In der nächsten Woche werden wir dieses Nest ausheben«, sagte Roschtschin. Sie gingen langsam den Kamennoostrowskij-Prospekt weiter. Ein Mann mit krummem Rücken, in abgerissenem Mantel, einem alten Schlapphut mit heruntergebogener Krempe auf dem Kopfe, überholte sie; in der einen Hand hielt er einen kleinen Eimer, in der andern einen Pack Zettel.

»Ich weiß nicht, ob ich das Recht habe ...« sagte Roschtschin. »Ich weiß aber, daß Sie mir jetzt wichtiger sind als alles.« Katja hob die Brauen und sah ihn an. »Ich kann Sie nicht verlassen, Jekaterina Dmitrijewna.« Sie schlug die Augen gleich wieder nieder. »In einer solchen Zeit darf man sich nicht trennen.«

Katja antwortete leise: »Ich wagte es Ihnen nicht zu sagen ... Wie könnten wir uns auch trennen, liebster Freund? ...«

Sie kamen bis zu der Stelle, wo der Mann mit dem Eimer soeben einen kleinen weißen Zettel an die Mauer geklebt hatte; da sie beide erregt waren, blieben sie für einen Augenblick stehen. Im Scheine der Laterne konnte man lesen: »An Alle! An Alle! An Alle! Die Revolution ist in Gefahr! ...«

»Jekaterina Dmitrijewna,« sagte Roschtschin, indem er ihre schmächtige Hand in die seine nahm und an ihrer Seite langsam den in der Abenddämmerung still gewordenen Prospekt weiterging, an dessen Ende das Abendrot immer noch nicht verlöschen wollte: »es werden Jahre vergehen, die Kriege werden aufhören, die Revolutionen verrauschen, unvergänglich wird eines bleiben: – Ihr sanftes, zärtliches, geliebtes Herz ...« Aus den offenen Fenstern der großen Häuser flutete Licht und klangen bald Töne von Musik, bald lustige sorglose Stimmen, Lachen und Streit ... Der Mann mit dem Eimer durchquerte die Straße und erschien wieder vor Katja und Roschtschin; während er auf einen granitnen Mauervorsprung einen Zettel klebte, wandte er sich um. Katja erblickte im Schatten seines tief in die Stirn gedrückten Hutes eine eingefallene Nase und einen zottigen schwarzen Bart.

Ende

 << Kapitel 39  Kapitel 41 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.