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Graf Alexei Nikolajewitsch Tolstoi: Höllenfahrt - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorGraf Alexej N. Tolstoi
titleHöllenfahrt
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080415
projectida186dc28
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I

Ein unbefangener Beobachter, der aus irgendeiner lindenbewachsenen Moskauer Nebengasse nach Petersburg geriet und aufmerksam um sich blickte, wurde sofort von einem komplizierten Gefühl geistiger Erregung und einer seelischen Pein ergriffen.

Beim Irren durch die geraden, nebligen Straßen, beim Vorbeischlendern an den wie Kisten düsteren Häusern mit den dunklen Fenstern und den vor den Toren duselnden Hausknechten, beim langen Betrachten der unfreundlichen weiten Wasserfläche der Newa, der bläulichen Linien der Brücken mit den noch vor Anbruch der Dunkelheit angezündeten Laternen, der Kolonnaden der ungemütlichen und freudlosen Paläste, der unrussischen, steilen Höhe der Peter-Paulskathedrale, der armseligen kleinen Boote auf dem dunklen Wasser und der zahllosen, mit feuchtem Brennholz beladenen Kähne längs der Quais aus Granit; beim Anblick der besorgten, blassen Gesichter der Passanten, mit Augen so trüb wie der Nebel der Großstadt, – zog der unbefangene Beobachter – wenn er loyal war – den Kopf möglichst tief in den Mantelkragen ein; der Illoyale aber sagte sich, daß es gut wäre, aus aller Kraft dreinzuschlagen und diesen erstarrten, traurigen Zauber in tausend Scherben zu zerschmettern.

In den Tagen Peters des Großen sah der Küster der Troiza-Kirche, die auch heute noch in der Nähe der Troïzkij-Brücke steht, als er vom Glockenturme herabstieg, im Finstern ein Gespenst – ein mageres Weibsbild mit bloßem Haar; er erschrak sehr und sagte später in der Schenke: »Petersburg wird wüst und leer sein.« Wegen dieser Worte wurde er ergriffen, in der Geheimen Kanzlei gefoltert und unbarmherzig geknutet.

Seit damals wohl hat sich die Meinung verbreitet, daß es in Petersburg nicht mit rechten Dingen zugehe. Bald sah ein Augenzeuge in einer Straße der Wassiljewskij-Insel den leibhaftigen Teufel in einer Droschke fahren. Bald riß sich zur Mitternachtsstunde, bei Sturm und Hochwasser der Eherne Kaiser von seinem Granitfelsen los und sprengte über das Pflaster. Bald wurde ein in einer geschlossenen Equipage fahrender Geheimrat von einem toten Beamten belästigt, der am Wagenfenster klebte. Viele solche Geschichten erzählte man sich in der Stadt.

Erst vor kurzem sah der Dichter Alexej Alexejewitsch Bessonow, als er nachts in einer mit einem Traber bespannten Droschke nach den »Inseln« fuhr und ein buckliges Brückchen passierte, zwischen den Wolkenfetzen im Abgrunde des Himmels einen Stern und dachte sich, indem er ihn durch Tränen betrachtete, daß die Droschke, das bucklige Brückchen, die Fäden der brennenden Laternen und das ganze hinter seinem Rücken schlafende Petersburg nur ein Traum sei, eine in seinem von Wein, Liebe und Langweile benebelten Kopfe entstandene Fiebervision.

In Hast, wie in einem Fieberdelirium war Petersburg erbaut worden. Wie ein Traum verflogen zwei Jahrhunderte: die jedem Leben fremde, am Rande der Erde, mitten unter Sümpfen und Wildnissen stehende Stadt träumte von Weltruhm und Macht; wie Fiebervisionen wechselten Palastverschwörungen, Kaisermorde, Triumphe und blutige Hinrichtungen einander ab; schwachen Frauen fiel eine halbgöttliche Gewalt in den Schoß; in schwülen, zerwühlten Betten wurde über das Schicksal der Völker entschieden; stämmige Burschen mit kräftigem Körperbau und erdbeschmutzten Händen stiegen kühn die Stufen zum Thron hinauf, um die Macht, das Lager und den byzantinischen Prunk zu teilen.

Mit Grauen beobachteten die Nachbarn diese tollen Eruptionen der Phantasie. Mit Trauer und Angst lauschten die russischen Menschen den Delirien der Hauptstadt. Das Land nährte mit seinem Blut und seinem Geist die Petersburger Gespenster und konnte sie doch nie sättigen.

Petersburg lebte ein stürmisch kaltes, übersättigtes, mitternächtiges Leben. Phosphoreszierende, wahnsinnige und wollüstige Sommernächte, schlaflose Winternächte, grüne Tische mit klirrendem Gold, Musik, tanzende Paare hinter den Fenstern, rasende Troikas, Zigeunerchöre, Duelle und Truppenparaden im Morgengrauen, beim Pfeifen des eisigen Windes und unter schrillem Heulen von Flöten vor den Glotzaugen eines wahnsinnigen Kaisers, – so lebte die Stadt.

Im letzten Jahrzehnt entstanden mit unglaublicher Schnelligkeit kolossale Unternehmungen. Wie aus Luft bildeten sich Millionenvermögen. Aus Glas und Zement wurden Banken, Music-Halls, Scating-Rings und prunkvolle Weinetablissements erbaut, wo die Menschen von der Musik, den vielen Spiegeln, den halbnackten Frauen, dem Licht und dem Champagner betäubt wurden. In aller Eile gründete man Spielklubs, Rendezvous-Häuser, Theater, Kinos und Lunaparke mit amerikanischen Vergnügungen. Ingenieure und Kapitalisten arbeiteten am Projekt der Gründung einer neuen Hauptstadt von noch nie dagewesener Pracht auf einer unbewohnten Insel in der Nähe Petersburgs.

In der Stadt wütete eine Selbstmordepidemie. Scharen hysterischer Weiber füllten die Gerichtssäle und lauschten gierig den blutigen, aufregenden Prozessen. Alles war zugänglich: der Prunk und die Frauen. Das Laster drang überall ein, und auch das Winterpalais war von ihm durchseucht.

Ein ungebildeter Bauer mit ungeheurer Manneskraft und verrückten Augen drang in das Palais, bis vor den Thron des unglückseligsten der Kaiser und fing an, höhnend und grinsend das russische Land zu schänden.

Petersburg lebte wie jede Stadt ein gespanntes und besorgtes Leben. Eine Zentralkraft leitete diese Bewegung. Aber sie war mit dem, was man den Geist der Stadt nennen könnte, nicht eins: die Zentralkraft wollte Ordnung, Ruhe und Zweckmäßigkeit schaffen, der Geist der Stadt wollte aber diese Kraft vernichten. Der Geist der Zerstörung war in allen Dingen; er durchdrang mit fauligem Gift die grandiosen Börsenmachinationen des berühmten Saschka Sackelmann, den finstern Haß des Arbeiters auf dem Gußstahlwerke und die verrenkten Phantasien der jungen Dichterin, die um fünf Uhr früh im Künstlerkeller »Rote Schellen« saß, – und selbst diejenigen, die gegen diese Zerstörung ankämpfen sollten, taten, ohne es selbst zu wissen, alles, um sie zu verstärken und zu verschärfen.

Es war eine Zeit, wo Liebe und gute und gesunde Gefühle als abgeschmackte Vorurteile galten; niemand liebte, aber alle dürsteten und fielen wie Vergiftete über alles Scharfe her, was die Eingeweide versengt.

Die jungen Mädchen verheimlichten ihre Unschuld, die Gatten – ihre Treue. Vernichtung galt als geschmackvoll, Neurasthenie als Zeichen der Verfeinerung. Dies lehrten die jungen Dichter, die in einer einzigen Saison aus dem Nichtsein erstanden waren. Die Menschen schrieben sich Laster und Perversionen zu, nur um nicht als langweilig zu gelten.

Den Geruch des Grabes zu atmen und zugleich das Zucken des von teuflischer Neugier erhitzten Frauenkörpers zu fühlen, – das war das Pathos der Poesie dieser letzten Jahre: Tod und Wollust.

So war Petersburg im Jahre 1914. Von den schlaflosen Nächten zerquält, seinen Gram mit Wein, Gold, mit liebloser Liebe und den peinigenden, kraftlos sinnlichen Tönen des Tango, dieser Hymne des Sterbens, betäubend, lebte es wie in Erwartung eines verhängnisvollen und schrecklichen Tages. Viele Zeichen kündeten einen solchen Tag an: Neues und Unverständliches drängte sich aus allen Ritzen.

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