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Hofluft. Band II

Nataly von Eschstruth: Hofluft. Band II - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleHofluft. Band II
publisherEwald & Co. Nachf.
addressLeipzig
yearo.J.
illustratorM. Flashar
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100317
projectid5b503e8e
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I.

Der Schnellzug war in die große, überdeckte Bahnhofshalle der Residenz eingelaufen. Aus einem Coupé erster Klasse schob sich, dem vorbeidrängenden Publikum in etwas nichtachtender Weise die stattliche Rückseite zuwendend, Herr von Kuffstein und kletterte, im dicken Pelz noch schwerfälliger als sonst, die Trittbretter zum Bahnsteig hinab.

Auspustend stand er still und schaute nach der Wagentür empor. »Na, Urschel-Purschel, mal Trab, die Karre geht weiter!«

Statt aller Antwort sauste eine Reisetasche über die Holzschwellen hernieder, der in hohem Bogen eine Hutschachtel und eine Plaidrolle folgten.

Der alte Herr bog noch rechtzeitig aus und bückte sich, so schnell es seine Korpulenz gestattete.

»Biste denn verrückt, Fröschchen? Du wirfst ja den Leuten Löcher in den Kopf! Laß mal sein, der Schaffner kann uns ja den Krempel ausladen!«

Statt aller Antwort überschlug sich ein Fußsack in der Luft und eckte an dem Zylinder eines Herrn an, der den Kopf eifrig vorgestreckt hatte, in das Coupé zu spähen.

»Himmeldonnerwetter! Welch eine Unverschämtheit ...«

Die wuchtige Hand Kuffsteins patschte ihm auf die Schulter. »Schimpfen Se doch nicht, alter Freund, es war ja die Urschel- Purschel! Ich habe auch schon die Reisetasche auf die Hühneraugen gekriegt!«

»Mein Herr!«

In demselben Augenblick erschien das allerliebste Figürchen Ursulas in der Tür. Das rosige Gesicht unter dem dunklen Pelzbarettchen zeigte in hellem Lachen die weißen Zähne und kokettierte mit den entzückendsten Grübchen.

»Platz da! Sonst kriegt Ihre Angströhre noch einmal das Kippeln!«

Das wütende Gesicht des jungen Herrn hatte sich blitzschnell verändert. Er riß höflich die bedrohte Kopfbedeckung vom Haupt und nahm der jungen Dame galant das Schirmpaket ab. »Pardon, meine Gnädigste, befinden sich keine Herrschaften weiter im Coupé?«

»Nee – keine Laus mehr, geschweige Menschen!«

Leises Auflachen und nochmaliger Blick in das Gesichtchen der Sprecherin und dann eine Verneigung gegen Vater und Tochter; der Fremde wollte weitereilen.

»Ach, Sie da! Junger Mann!« Kuffstein tippte ihm schmunzelnd mit dem Regenschirm in den Rücken. »Sie könnten mir eigentlich eine Droschke ranpfeifen ... wir müssen erst die Töle aus dem Hundezwinger holen und nachher sind die Ratterkasten womöglich vergriffen. Eine erster Güte ... seien Sie so gut!«

Sekundenlang starrte der Fremde den Sprecher an wie eine Vision, dann lachte er abermals laut auf, hob die Hand und winkte einen Diener, der ihm gefolgt war, heran: »Karl, besorge mal eine Droschke für diesen Herrn hier!« Und abermals ein Blick und Gruß für Ursula, und der Unbekannte drängte sich eilig zu dem nächsten Wagen. »Sie sind ja ein famoser Mensch! Tausend Dank!« keuchte der Besitzer von Groß-Wolkwitz, der sich just nach der Hutschachtel bückte, und dann faßte er den Bedienten bei einem seiner Wappenknöpfe und instruierte ihn betreffs der Droschke! »Lassen Se sich aber keine solche Karosse andrehen, die so schmale Plättbretter als Sitze hat, verstanden? Ich brauche Platz, das sehen Sie mir wohl schon an!«

Der Bediente grüßte und eilte davon, Ursula aber schwang sich zur Erde und fuchtelte mit dem Muff durch die Luft! »Sie da! Dienstmann! Dienstmann! Ran mit Ihnen!« Und als der Gerufene auf beträchtliche Entfernung herzueilte, die Passanten aber sekundenlang in starrem Anstaunen des kräftigen Organs sich stauten, da schaute Herr Julius stolz im Kreise umher und ließ sich als Vater einer solchen Tochter bewundern.

Dann wurde der Dienstmann mit dem Handgepäck beladen und die Richtung nach dem Hundecoupé eingeschlagen.

Ursulas Begrüßung mit dem innig geliebten, durch die Fahrt halb toll gemachten Hatzhund war sehr lebhaft und erfreute sich schließlich des Interesses eines Schutzmannes.

»Bitte dringend, meine Herrschaften, hier keinen Aufenthalt zu machen! Nehmen Sie den Hund an die Leine, Fräulein, und gehen Sie weiter!«

Herr von Kuffstein klopfte dem Diener des Gesetzes voll milden Vorwurfs auf den Rücken: »Aber, alter Freund, die Ursel kann sich doch wohl erst mal in aller Gemütsruhe mit ihrem Köter begrüßen, dazu ist doch der Bahnhof da!«

»Wodan, geh hierher, gib dem Onkel Pfötchen!« Und ehe der verblüffte Mann der Sicherheit sich dessen versah, hatte die junge Dame seine Hand mit der Tatze des Rüden vereinigt.

Schallendes Gelächter. »Sehen Sie! Jetzt tun Sie dem Schlingel selber schön!« Und das Backfischchen nickte dem Schutzmann so schelmisch und allerliebst zu, daß er wohl oder übel mitlachen mußte.

»Nun dürfen Sie, als große Auszeichnung, den Hund auch festhalten, bis wir das Gepäck in der Droschke haben – wollen Sie, ja?«

»Aber Fräulein –«

»Hast 'ne gute Idee, Urschel-Purschel! Tun Sie mir den Gefallen, Herr Feldwebel, und wickeln Sie sich die Leine um den Arm! Ich komme gleich zurück und hole den Wodan ab. Das Gedränge ist noch zu toll, verstehen Sie –« und der alte Herr beklopfte abermals mit freundlichem Grinsen die Schulter des Schutzmanns und wandte sich eiligst zurück.

»Es darf aber nicht lange dauern, mein Herr!«

»I wo, wird's denn! Trab, Fröschchen!«

Ursula tänzelte rückwärts und sandte übermütige Grüße zurück – Wodan riß wie wahnsinnig an der Leine, um seiner Herrin zu folgen, und der Wächter der öffentlichen Ordnung stemmte sich im Schweiße seines Angesichts dagegen, ihn zurückzuhalten.

»Verfluchte Zumut...« Da warf Ursula just ein allerliebstes Kußhändchen zurück, und der Schutzmann, welcher bei der leichten Kavallerie gedient, verstummte in seinem grimmigen Selbstgespräch und machte unwillkürlich einen Diener. »Kleine Hexe! Da macht man schon mal eine Ausnahme,« dachte er ritterlich. Mit flinken Ellbogen bahnte sich Ursula ihren Weg neben dem Vater her, keine Antwort schuldig bleibend, wenn darüber Bemerkungen laut wurden. Der fremde Diener stand an dem Portal und überreichte Herrn von Kuffstein eine Wagenmarke, und mit lauter Anerkennung wühlte der Gutsbesitzer sein Portemonnaie hervor und verabreichte ein sehr splendides Trinkgeld.

»Herr Baron lassen fragen, ob ich den Herrschaften noch weiter behilflich sein könnte?«

»Nee, mein Junge, sage deinem Baron, 's wäre gut, und ich ließe mich schönstens bedanken! Und wenn sein Deckel einen Knuff weggekriegt hätte, dann täte mir das jetzt doppelt leid! Verstanden?« – »Befehl, gnädiger Herr.« – »Und mir natürlich dito!« – »Befehl, gnädiges Fräulein.« – »Na, denn los!«

Ursula wartete es nicht ab, bis die gerufene Droschke heranfuhr, sie wand sich schnell und fix wie ein Wiesel durch die vielen über den Platz kreuzenden Wagen.

»Pst, pst! Heda!«

Empört wandte sich die kleine Tyrannin von Wolkwitz um und stemmte mit zornigem Blick die Hände in die Seiten, ruhig vor der anfahrenden Schimmeldroschke stehenbleibend. »Zum Donnerwetter, Kerl, wenn du mich umfährst! He? Weißte nicht, wer ich bin!?«

Der Kutscher riß erschrocken seine Rosinante zurück und starrte sprachlos auf die so ganz absonderlich auftretende junge Dame. – So was war ihm noch nicht passiert. Die Droschke stoppte, und Ursula schritt voll Seelenruhe an ihr vorbei nach der unweit winkenden Nr. 273.

»Alle neun Hagel – ick kannte ihr weeß Jott nich!« murmelte der Schimmellenker höchlichst verblüfft, schnalzte mit der Zunge und fuhr wieder an, auf seinem Kutscherbock meditierend: »Wo er ihr schon mal jesehen haben könnte, eene von die Prinzessinnen mußte det doch sicher jewesen sind.«

Als alle Taschen, Schachteln und Pakete glücklich eingeladen waren, wurde Wodan abgeholt und mit mancherlei Schwierigkeiten

ebenfalls eingebarkt, und dann machte es sich Herr von Kuffstein mit tiefem Seufzer der Erleichterung in seiner Wagenecke bequem, und stemmte die Füße, der Wärme wegen, gegen Wodans rechte Seite.

»So weit wären wir, Urschel-Purschel, aber ohne Schweißtroppen is es nicht abgegangen! Nun habe ich einen Löwenhunger! Wenn wir jetzt in das Hotel kommen, lassen wir zuerst eine gehorsamste Empfehlung auf dem Draht nach Wolkwitz reiten, und dann sind für heute abend die schwergeprüften Reisenden aller Verpflichtungen enthoben. Erst essen wir die Speisekarte kreuzweise durch, und dann gehen wir in die Konkordia und sehen uns die dressierten Gänse an – einverstanden, Fröschchen?«

»Riesig. Und nachher in ein Café, da soll es so interessant nach dem Theater sein, stand in der ›Roten Gräfin‹.«

»Mir auch recht. Morgen fahren wir dann zu deiner liebenswürdigen Gräfin Antigna, wo dich die Mama für ein paar Wochen eingelocht hat, machen ihr einstweilen eine Visite und drücken uns wieder, denn so lange ich hier bin, habe ich noch väterliche Anrechte an dich. Im Hotel wohnste, und mit mir bummeln tuste – alleine macht mir das doch, weiß der Kuckuck, keinen Spaß!«

»Brrr! – Hotel X., Herr Baron!«

 

Durch die hohen, buntgemalten Scheiben tanzten die Strahlen der Wintersonne über die Marmortreppe, wenn der Wind die Tannenzweige vor den Fenstern bewegte und den goldnen Lichtfunken dadurch Einlaß in die Flurhalle des herrschaftlichen Hauses gewährte, das Graf Ferdinand Antigna mit seiner Familie bewohnte.

Die elektrische Klingel wurde ein paarmal sehr heftig in Tätigkeit gesetzt, leise Bedientensohlen hasteten über die Teppiche

und öffneten die Glastür hinter der gußeisernen Vergitterung.

Ein Wagen stand auf der Straße, seine Insassen waren bereits ausgestiegen und hatten vor der Tür Posto gefaßt.

»Gräfliche Herrschaften zu sprechen?«

Der Pelz des Fragers war dem geübten Lakaienauge maßgebend. Ein devoter Bückling antwortete ihm. »Wen habe ich die Ehre zu melden?«

Herr von Kuffstein schlug voll behaglicher Umständlichkeit sein Portefeuille auseinander. »Hier, mein Junge, auf diesem weißen Zettel steht's geschrieben! Sagen Sie aber der gnädigsten Gräfin noch mündlich, das Tüpferl auf dem i wäre auch dabei!« Und er wies mit dem Daumen nach Ursula und stampfte den feinen Schneesaum von den Stiefeln. Ein respektvolles Lächeln. »Darf ich gehorsamst bitten, Herr Baron!« Die Tür flog weiter auf, und der Galonierte eilte die Treppe empor.

Einen schnellen Blick auf die Karte: »v. Kuffstein-Wolkwitz, Rittmeister a. D.« Selbstverständlich! Franz verstand sich auf sein Publikum und kannte seine Pappenheimer. Der große, dicke Herr mit seinen derben Manieren konnte wohl Leuten ohne Menschenkenntnis zuerst den Eindruck eines Onkel Bräsig machen, wenn man aber die feinen Nüancen der Noblesse studiert hat, wußte man sofort, daß diese behagliche Ungeniertheit »Rasse«, und der Verkehrston nicht Intimität, sondern wohlwollende Herablassung war. Franz war überzeugt, daß es in dem voluminösen Taschenbuch dieses Herrn von Tausendmarkscheinen wimmelte, und daß seine so bärenhaft stampfenden Füße gewiß ein großes Stück eigenen Grund und Boden träten.

Die Art und Weise, wie Gräfin Antigna die Karte empfing, gab ihm die Bestätigung seiner Annahmen.

In freudigster Hast trat die Gräfin dem Besuch entgegen; aber obwohl ihre Schritte beschleunigt waren und sie dem Gemahl ihrer intimsten Freundin beide Hände entgegenbot, lag dennoch über ihrer ganzen Erscheinung eine unverletzliche Würde und Eleganz, eine Feinheit, die selbst in der größten Erregung Maß und Ziel zu halten weiß!

Groß und schlank, fast mager, ohne eckig zu sein, mit schmal geschnittenem und blassem Antlitz unter aschblonden Haarwellen, machte Gräfin Antigna den Eindruck einer noch jugendlichen Frau, die man eigentlich nur für die Stiefmutter ihres erwachsenen Sohnes halten konnte.

Mit einem Kuß auf die Stirn hieß sie Ursula bei sich willkommen und sprach die Hoffnung aus, daß sich ihr liebes Pflegetöchterchen bald ebenso heimisch bei ihr fühlen möge, wie daheim im Wolkwitzer Schloß.

Das erschien Ursula ganz selbstverständlich, denn das Mißtrauen, das sie Gräfin Antigna anfänglich entgegengebracht hatte, war bei dem Anblick ihres milden, vornehmen Antlitzes verschwunden. Nein, das war kein Gouvernanten- und Tyrannengesicht mit eisigem Blick und funkelnden Brillengläsern, das war eine nette, famose Frau, mit der es sich brillant auskommen lassen würde.

»Und nicht wahr, meine verehrteste Gräfin, Sie halten mir mein Schlingelchen nicht gar zu feste im Kappzaum?« fragte Papa Kuffstein sorgenvoll. »Das Kind ist so frisch und fröhlich in die Höhe gewachsen, daß mir schon angst wird bei dem Gedanken, daß dieser Wildfang hier in den engen Straßen aushalten soll. Erschrecken Sie nur ja nicht, wenn die kleine Wetterhexe Ihnen eines schönen Tages durchbrennt, denn das macht sie! Was, Urschel-Purschel? Da biste riesig kurz angebunden drinne, immer mit dem Kopp durch die Wand.

Oh, ich sage Ihnen, liebste Gräfin« – und der alte Herr richtete sich hoch auf und sah unendlich stolz aus, »Sie werden Ihr blaues Wunder an dem Mädel erleben! Geschichten führt sie aus, daß einem Mund und Nase offen stehen, aber immer kolossal witzig, immer Schneid drin! Wie wir gestern abend in der Konkordia waren –«

Gräfin Antignas Haupt zuckte empor, als habe sie nicht recht verstanden. Das feine Lächeln, das bis jetzt ihre Lippen umspielt hatte, wich starrem Staunen. »Wo waren Sie, bester Baron?«

»Na, in der Konkordia, bei den dressierten Gänsen.«

»Um Gottes willen – mit Ursulachen? Wer in aller Welt konnte Ihnen dies Lokal empfehlen?!«

Das Backfischchen rückte eifrig näher. »Auf irgendeiner Station warfen sie uns alle möglichen Zeitungen und Zettel in das Coupé und daraus suchten wir uns das Beste aus – und das waren eben die dressierten Gänse – und gingen am Abend hin! Na, gelacht haben wir, daß wir uns nur immer so rollten! Nicht wahr, Julchen« – ein kräftiger Patsch auf seine Knie – »wie der dicke Kerl als Ballettänzerin kam.«

Die Palastdame schlug wahrhaft entsetzt die Hände zusammen. »Das hast du mit angesehen, mein Herzchen? Aber bester Baron, warum kehrten Sie nicht sofort um, als Sie sich in dem Lokal überzeugten, daß es nicht der geeignete Aufenthalt für Damen der Gesellschaft sei?«

Das runde, rote Gesicht Kuffsteins glänzte vor Gutmütigkeit und Vergnügen. »I wo werd' ich denn! Hat ja gar nichts zu sagen! Die Ursel hat sich amüsiert wie ein Gott in Frankreich, und von den Couplets hat sie ja überhaupt gar nichts verstanden. Das Kind können Sie überall mit hinnehmen.«

»So? Nichts verstanden hätte ich? – Alles habe ich verstanden!« Und triumphierend sprang Ursula empor und stemmte beide Händchen auf den Tisch. »Ganz tolle Witze waren's zeitweise – aber ich werde den Kuckuck tun und darüber schimpfen! Wärst ja sofort mit mir ausgerückt!«

»Nun sehen Sie mal die Range an, Gräfin! Ist's zu glauben?! Aber ich sag's ja immer, auf den Kopf gefallen ist sie nicht, pfiffig für sechse!« Und der erstaunte Vater nickte vor sich hin, als wolle er sagen: wie komme ich mit meinem schwachen Untertanenverstand zu einer so hervorragenden Tochter?

»Nun, ich hoffe, liebe Ursula, daß dir die Theater und Konzerte, in die ich dich künftighin führe, noch besser gefallen werden!« lächelte Gräfin Antigna, der Briefe gedenkend, die ihre Freundin ihr geschrieben und zu denen Graf Lohe noch mancherlei Kommentare geliefert hatte; gleichzeitig blickte sie nach der Tür, zwischen deren Portieren die Gestalt eines jungen Herrn erschien, der bei dem Anblick der beiden fremden Gesichter hastig zurücktreten wollte. »Ach, lieber Henry! Du bist uns willkommen.«

Es lag durchaus kein befehlender Klang in der Stimme der Palastdame, aber ihr Blick hatte trotz seiner Milde etwas Zwingendes.

Der Gerufene trat zögernd ein. Seine hoch aufgeschossene, überschlanke Gestalt verneigte sich hastig, ohne daß sein Blick sich von dem Teppich, an dem er haftete, gehoben hätte. Ein finsterer Ausdruck auf dem farblosen Gesicht mit den schwarzverwachsenen Augenbrauen; herb und schmal preßten sich die Lippen zusammen.

»Mein ältester Sohn Henry!« lächelte Gräfin Antigna mit graziöser Handbewegung, und die schlanken, brillantblitzenden Finger auf die Schulter des jungen Mannes legend, ganz wie von ungefähr, und dennoch ihn durch den leichten Druck dirigierend, fügte sie scherzend hinzu: »Du hast, ebenso unerwartet wie ich, den Vorzug, deine zukünftige Pflegeschwester Ursula Kuffstein und deren Vater kennenzulernen, lieber Henry! Ich bin überzeugt, daß du unsere verehrten Gäste ebenso herzlich willkommen heißt wie ich!«

»Ah, siehe da, der kleine Henry von ehedem! Der kleine Henry, den ich zuletzt in weißen Höschen auf dem Schaukelpferd sitzen sah!« lachte Herr von Kuffstein, Henry bieder die Hand entgegenstreckend, »freut mich, Sie so frisch und hochgewachsen wiederzusehen!«

Henry verneigte sich stumm; feine Röte stieg in sein Gesicht, und der Blick, der den alten Herrn in schnellem Aufblicken traf, hatte etwas Scheues.

Neugierig hatte ihn Ursula vom Kopf bis zu den Füßen gemustert. »Er ist wohl blöde!« flüsterte sie der Gräfin ins Ohr; diese lächelte und nickte, und das Backfischchen trat schnell neben den Vater, reichte ebenfalls die Hand hin und sagte in mütterlich wohlwollendem Ton: »Guten Tag, Henry! Vor mir brauchen Sie sich absolut nicht zu genieren, so eine Landpomeranze ist nicht etepetete!« – Und sie lachte silberhell auf und schüttelte seine Rechte, daß die Gelenke knackten.

Kalt und regungslos lag diese zwischen ihren warmen Fingerchen.

Henry wurde noch röter, verneigte sich sehr hastig zweimal nacheinander, ohne die junge Dame anzusehen, und trat dann, den Kopf mit einer hochmütig unnahbaren Bewegung in den Nacken werfend, nach der Tür zurück.

»Leistest du uns nicht für kurze Zeit Gesellschaft, my boy

»Bedaure, liebe Mama, mein ehemaliger Mentor erwartet mich in meinen Zimmern.«

Leise und heiser klang die Stimme, abermals eine kurze Verneigung, und die Portieren fielen hinter dem Sohn des Hauses Antigna zusammen.

»Mein guter Henry hat vor acht Tagen sein Referendarexamen bestanden,« lächelte die Gräfin, ihm nachschauend, »er hat sich entschieden überarbeitet und ist infolgedessen noch menschenscheuer als früher geworden.«

»Ja, er machte ein ganz sauertöpfiges Gesicht!« nickte Herr von Kuffstein mit bedenklicher Miene. »Sie müssen ihn beizeiten flottmachen, beste Gräfin, ehe diese Marotte ganz von ihm Besitz ergreift. War er denn nicht Student?«

»Nur dem Namen nach. Das wüste Treiben der Verbindungen war ihm ein Greuel. Mein Mann und ich waren stets sehr glücklich über unseren soliden, charakterfesten Sohn, bekommen aber jetzt Bedenken, weil es mit seiner Scheu vor allem Verkehr krankhaft zu werden droht. Immer nur Lernen und Studieren taugt nicht für ein so junges Blut.«

»Ja aber, du lieber Gott, was wollen Sie denn mit ihm anfangen, Tante Renée?« alterierte sich Ursula, ratlos die Händchen zusammenschlagend. Die Gräfin lächelte fein und wundersam. Ihr Blick haftete auf dem frischen Gesichtchen, das sich mit großen, neugierig-naiven Augen zu ihr hob.

»Henry hat sich bis jetzt standhaft geweigert, irgendwelche Geselligkeit mitzumachen, und Strenge, die ihn mit gebieterischer Hand in den Strudel des high life stößt, würde bei diesem Trotzkopf gerade das Gegenteil bewirken. Seine schwärmerische Liebe für unser Herrscherhaus ist die einzige schmale Planke, aus der sich hoffentlich ein Steg zum Parkett schlagen läßt: hat er ihn überschritten, ist er der Welt geschenkt!«

»Am Hof ... zwischen all den vielen Menschen wird er sich aber erst recht fürchten und sich die Sache noch mehr verekeln!« schüttelte das Backfischchen nachdenklich den Kopf.

Gräfin Antigna zuckte mit amüsiertem Lächeln die Achseln: »Da heißt es eben ›va banque‹! Daß der Träger eines der besten Namen sich und seiner Familie gewisse Rücksichten schuldig ist, steht außer Frage. Die drei Wappenfähnlein der Antignas haben, solange sie existieren, in Hofluft geweht; Hofluft hat jedes Zweiglein unseres Stammbaumes genährt, in der Hofluft sind die Ahnen und Urahnen geboren und gestorben, darum hat dieses Gemisch von Sonne, Mond und Veilchenduft Rechte an die Enkel. Henry möchte mit rastlosem Eifer studieren und Professor werden; seine reiche, außergewöhnliche Begabung prophezeit ihm eine bedeutende Zukunft. Mag er in Gottes Namen dereinst den ›Mantel der Doktrin‹ um sein Wappenschild schlagen, vorerst aber hat er seine Passion seinen Verpflichtungen zu opfern.«

Die Sprecherin schien ihrer Miene nach zu scherzen; sie plauderte in dem leichten, graziösen Konversationston wie zuvor, aber in ihrem Auge, das sich zur Tür wandte, als folge sein Blick noch der schlanken Gestalt des jungen Mannes, lag wieder das faszinierende, unerklärliche Etwas, das vorhin schon mächtiger als alle Worte den Sohn über die Schwelle gerufen. Dann änderte die Gräfin das Thema, erzählte von ihrem jüngsten Sohn, der zurzeit noch die Ritterakademie besuchte, und von Graf Lohe, der sich vor kaum einer Viertelstunde von ihr verabschiedet habe. Ihr Blick traf dabei Ursulas eifrig aufhorchendes Gesichtchen. Herr von Kuffstein erhob sich und warf seinem Töchterchen den Muff in den Schoß. »Mach deinen Knix, Fröschchen, und küsse der gnädigsten Tante mit der gehorsamen Anfrage die Hand, ob du übermorgen mit Sack und Pack samt deinem Vielfraß Wodan hier einrücken darfst?«

Henrys Mutter hatte eine silberne Glocke in Bewegung gesetzt. Jetzt legte sie den Arm um die Schultern des jungen Mädchens und zog es mehr liebenswürdig als innig an sich heran. »Wollen Sie mir eine große Bitte erfüllen, mein alter Freund Kuffstein?« fragte sie in der vornehm graziösen Weise, die Ursula schon bei dem ersten Blick als etwas ganz Besonderes aufgefallen war.

»Wenn Sie es befehlen, meine gnädigste Gräfin, esse ich selbst Stiefelwichse und lasse mich trotz meiner dreihundert Pfund noch zum Schlangenmenschen trainieren!«

Die Palastdame lachte leis und melodisch auf: »Solche Wünsche würden barbarisch sein! Non, mon ami, mein Attentat richtet sich lediglich gegen Ihr Vaterherz. Lassen Sie mir Ursulachen schon jetzt als langersehnte Tochter zurück, holen Sie Ihr Gepäck in dem Hotel ab und machen Sie meinem Mann und mir die große Freude, unser Logierzimmer als Ihr home anzusehen!«

»Sie sind ja ein Engel, gnädigste Gräfin!« Und Kuffstein zog beide Hände seiner langjährigen Bekannten abwechselnd an die Lippen. »Was mich anbelangt, so bitte ich, als unruhiger und verkrautjunkerter Geist allergehorsamst, mich mit meinem Quartierbillett ruhig in den Armen des wackeren Hotelwirts liegen zu lassen! Habe meine Zahnbürste und die Nachtkappe bereits ausgepackt und scheue jeden Umzug, wie die Katze das heiße Ofenblech. Aber die Urschel-Purschel ... gern gebe ich das Ding nicht her, aber wenn Sie denken ... He! Fröschchen, willste gleich hierbleiben?«

Ursula kniff den Vater in den Arm. »Was hast du denn gestern in der Droschke gesagt, hm?«

Der Besitzer von Groß-Wolkwitz wurde beinahe verlegen: »Wenn doch aber die gnädigste Tante es wünscht, Urschel- Purschel! Heute abend hole ich dich ab, dann fahren wir in die Reichshallen!«

»Hören Sie mich, bester Rittmeister. Zu Tisch, um fünf Uhr, sind Sie selbstverständlich unser Gast. Wir dinieren zusammen und fahren dann in das Opernhaus, uns die ›Lustigen Weiber‹ anzusehen. Das wird Ursulachen viel Vergnügen bereiten und ist sehr bequem, weil unsere Plätze abonniert sind. Einverstanden?«

»Lustigen Weiber?« Die Augen des Backfischchens blitzten. »Das klingt ja ganz famos! Wird gemacht, liebe Tante, da müssen wir hin!« Und das Köpfchen über die Schulter zu dem Vater umwendend, fügte sie selbstbewußt hinzu: »Karre du meinetwegen in das Hotel zurück! Ich bleibe gerade so gern hier!«

»Aber Urschel-Purschel, das sagste so kaltblütig?!« Der tiefe Baß grollte in noch tieferem Vorwurf.

»Um Gottes willen, lieber Baron, machen Sie nur doch das Kind nicht selber rebellisch!« wehrte die Gräfin, Ursula abermals in die Arme schließend, und gleichzeitig wandte sie das Haupt nach der Tür, in der ein Diener erschienen war. »Ist der Herr Graf aus dem Auswärtigen Amt zurückgekehrt?«

»Noch immer nicht, gräfliche Gnaden, zu Befehl.«

»Es ist gut. Wartet der Wagen für Herrn Baron?«

»Zur Stelle, gräfliche Gnaden.«

Eine leichte Handbewegung. Der graue Kopf des Alten neigte sich respektvoll, und die Portieren schlossen sich.

»Nun schnell, mein guter Kuffstein! Abschied wird für die zwei Stunden nicht genommen. Um fünf Uhr auf Wiedersehen

bei einem Teller Suppe; dann kann Ihnen mein Pflegetöchterchen bereits erzählen, ob sie mit ihrem kleinen Salon zufrieden ist! Ich führe sie sofort persönlich in ihr zukünftiges Reich. Also, auf Wiedersehen, mein lieber Freund, auf Wiedersehen!« Und die schlanken Finger, über die sich der alte Herr neigte, sie abermals zu küssen, dirigierten ihn ebenso unsichtbar, aber auch ebenso unwiderstehlich wie den Sohn Henry; diesmal rückwärts.

Kuffstein verstand die Absicht.

»Adieu, Fröschchen!« sagte er mit erzwungener Heiterkeit, verabfolgte seinem Herzblatt einen zärtlichen Nasenstüber und wuchtete »mit vielen einstweiligen Grüßen an den verehrten Herrn Gemahl« über die Schwelle.

Ursula aber zog die Gräfin mit an das Fenster, riß flink die Scheibe auf und raffte den Schnee auf dem Fensterbrett zu einem Ball zusammen.

»Was willst du denn tun, Urselchen? Ich denke, wir wollen deinem Vater einen respektvollen Gruß nachwinken?«

Der kleine Übermut wandte lachend das Köpfchen, die Antwort schwebte bereits auf den Lippen, daß dies ja der Gruß für Julchen werden solle ... da sah sie in die Augen der Gräfin. Freundlich und lächelnd sahen diese zu ihr nieder, aber so durchdringend klar und so hoheitsvoll und so ganz eigentümlich, daß Ursula ein nie gekanntes Gefühl von Unsicherheit und Verlegenheit beschlich.

»Ich wollte nur mal den Spatz da werfen!« sagte sie und zielte mit dem Schneeball auf gut Glück in die Fichtenzweige.

»Gut, daß er fort ist, mein Herzchen! Wie fatal wäre es gewesen, wenn er ganz aus Zufall deinen guten Vater getroffen hätte! Die Leute hätten eine ganz falsche, häßliche Meinung von dir bekommen!«

Und die Gräfin winkte Herrn von Kuffstein lächelnd zu, und Ursula machte es ihr genau nach und dachte: »Nun nimmst du dich famos aus!«

 

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