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Hochpreisliche Dekrete

August Sperl: Hochpreisliche Dekrete - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSo war's!
authorAugust Sperl
year1902
firstpub1902
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleHochpreisliche Dekrete
pages74
created20140604
sendergerd.bouillon@t-online.de
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August Sperl.

Hochpreisliche Dekrete.

Eine Verwaltungsgeschichte.

 


 

Es ist schon lange her, wohl hundertzwanzig Jahre. Ein sonniger Frühlingstag ging zur Rüste, und ein goldblauglänzender Abendhimmel war ausgespannt über dem welligen bayerischen Nordgau.

Zwischen hohen, waldbedeckten Hügeln stieg die Heerstraße steil empor, im dämmerigen Grunde rauschte ein starker Bach, mit den Wipfeln der Tannen und Fichten spielte ein sanfter Wind, und in der Tiefe der Wälder rief der Kuckuck – traumverloren, aus weiter Ferne.

Starke Rosse zogen ein leichtes Wägelchen bergan, schnauften und stampften, und die Räder knirschten leise auf der feuchten, sandigen Fahrbahn. Die Geschirre glänzten im Zwielichte, rund um das Wägelchen war eine Guirlande aus Tannenzweigen geschlungen, und der alte Mann, der neben seinen Rossen schritt, war festlich gekleidet: Mann und Rosse waren ausgesandt worden, die neuen Pfarrleute einzuholen.

Schier endlos zog sich die Straße empor, bei jeder neuen Biegung ging es wieder bergan.

»Brrr!« sagte der Mann, und die Rosse standen. Dann nahm er die silberbeschlagene 94 Pfeife aus dem Rocke, stopfte sie und schlug Feuer. Dabei blickte er verstohlen den Weg zurück.

Aus der Tiefe kam langsam der neue Pfarrherr mit seinem jungen Weibe. Er hatte den Hut abgenommen, und blonde Haare umwallten das Haupt. Sie aber schmiegte sich enge an ihn, als fürchte sie die Schatten des Abends.

Plötzlich blieb sie stehen, zog die Hand vom Arm ihres Gatten und sah mit einem so tiefen Seufzer zu ihm empor, daß er sie erschrocken fragte: »Bist du traurig?«

Ihre großen blauen Augen füllten sich mit Thränen, und stoßweise sagte sie: »Verzeih, ich kann's nun nimmer länger bei mir behalten! Das ist ein melancholisches Land; die Brust will's mir zusammendrücken.«

Ein Lächeln flog über seine schönen Züge: »Deshalb bist du so stille den ganzen Tag her?«

»Den ganzen Tag her liegt's auf mir,« sprudelte nun die Klage von den Lippen der jungen Frau, »und ich muß dir's sagen, ich muß: denke doch, wie schön war der Tag heute, wie warm schien die Sonne –«

»Und wie hell sangen die Lerchen auf den Feldern,« unterbrach er sie.

»Ja ja,« rief sie eifrig, »und doch, welch ein seltsames Bild den ganzen Tag. Was ist das für ein Land, Martin, alles so schwer, alles so ernst! Diese unermeßlichen Nadelwälder, diese trotzigen Burgen und Ruinen auf den felsigen Hügeln oder in Schilf und Sumpf an den kleinen, braunen Flüssen. Wie ist das alles so anders bei uns im sonnigen Frankenlande – du mußt es doch auch fühlen? Wie düster sind die kleinen, 95 uralten Städte – gleich großen, weitgedehnten Burgen sind sie anzuschauen mit ihren wetterzerriebenen Mauern, mit ihren dicken Thortürmen, mit ihren versumpften Wassergräben. Und die Bauernhöfe – Martin – die Bauernhöfe sehen auch wieder aus wie kleine, enge Burgen, festgeschlossen, ganz fensterlos nach außen. Martin, mir kommt es vor, als ob sich da zulande ein Nachbar vor dem andern fürchte. – Ja, fürchte,« setzte die kleine Frau mit Nachdruck nochmals hinzu.

»Es ist ein Grenzland, Maria, und war in alten Zeiten eine Mark gegen das Tschechenland,« sagte der Pfarrherr und ergriff liebkosend die Hand seiner Frau. »Hab' guten Mut, mach mir das Herz nicht schwer; laß etliche Tage vergehen, und du wirst alles mit andern Augen anschauen. Wenn sich zwei Menschen lieb haben, dann darf ihr Haus in Polen stehen –«

»Polen!« unterbrach ihn sein Weib, legte ihre Hand wieder auf seinen Arm, schmiegte sich noch enger an den Gatten und schritt tapfer bergan. »Polen,« sagte sie nach einer Weile nochmals; »so habe ich mir Polen immer vorgestellt. Wir sind in Polen, Martin.«

Der Pfarrherr lachte und streichelte die kleine, warme Hand.

»Und, Martin, hast du die vielen Feldkreuze beobachtet und die vielen kleinen Kapellen?«

»Gewiß, Maria.«

»Ach, das ist doch schrecklich, Martin?«

»Schrecklich?« Seine Stimme klang seltsam ernst. »Maria, das nennst du schrecklich?«

Verwirrt senkte sie die Augen. »Ich dächte doch – es ist – so – katholisch.«

96 »Nein, Maria, das ist durchaus nicht katholisch – das ist recht christlicher Brauch,« sagte er mit Nachdruck. »Wir hängen das Kreuz über unsre Betten, über die Betten unsrer Kinder, wir schenken das Kreuz euch Frauen als edelsten Schmuck, wir drücken's unsern Sterbenden in die Hand – warum sollte man's nicht auch zwischen die wogenden Felder oder an einen Scheideweg pflanzen? Traurig ist's, daß wir solchen Brauch für katholisch halten; das ist das einzig Traurige an dieser Sache. Und meine liebe Maria wird sicherlich bemüht sein, fremde Ueberzeugung und fremden Brauch zu ehren, auch wenn sie solchen Brauch und solche Ueberzeugung nicht versteht – oder irre ich mich?«

»Sicher nicht, Martin,« sagte die Frau und richtete die klaren, blauen Augen auf sein ernstes Antlitz.

»Gelt, Nachbar, hierzulande muß alles friedlich nebeneinander leben, Katholiken und Lutherische?« rief der Pfarrherr dem Fuhrmann zu, der noch im Dämmerlichte bei seinen Pferden stand.

Der nahm die Pfeife aus dem Mundwinkel, spuckte aus und sagte: »Wohl, wohl. Lehrt's einem schon, ganz von selber lehrt's einem das. Ist alles gemeinsam, Kirch' und Gottesacker, und ist immer so gewesen, das. – Hüh!«

Die Rosse zogen an, und neben den Pfarrleuten ging der Ackerbürger.

»Immer auch nicht,« meinte der Pfarrer; »ehedem ist ja alles lutherisch gewesen hierorts.«

»Kann sein,« brummte der Mann und steckte die qualmende Pfeife in den Rock. »Aber seit Menschengedenken ist's nicht anders gewesen hier oben.«

97 »So laßt doch Eure Pfeife nicht ausgehen!«

»Wär' schon zu grob,« antwortete der Mann.

»Nur heraus, ich will's haben!«

»Wenn's erlaubt ist,« schmunzelte der andre, und bald zog der Rauch wieder in grauen Streifen von dannen.

Schweigend ging die Pfarrfrau neben ihrem Gatten, in tiefe Gedanken versunken.

»Ist guter Friede im Markte zwischen den Evangelischen und den andern?« fragte nach einer Weile der Pfarrherr.

»Macht sich,« kam die Antwort zurück. »Halten aber auch fest beisammen, wir Evangelischen in Grenzburg.«

»Und habt christliche Liebe auch den Andersgläubigen gegenüber?«

»Versteht sich,« antwortete der Mann und spuckte aus. »Jetzt wir vertragen einander schon, wir Bürgerleut' – die Wohlhabenden und Alteingesessenen sind ja eh alle evangelisch. Aber die vorigen Pfarrer, die waren scharf.«

»Wieso denn?«

»Ha, ist nie anders gewesen, sagen die alten Leut'. Stehen halt auch viel zu nah aufeinander, die Häuser, das von unserm und das vom andern Pfarrer; die eine Wand an der andern.«

»Werden wohl Frieden halten können, zwei Geistliche!« bemerkte der Pfarrherr mit Nachdruck.

Der Bürger blieb einen Augenblick stehen, schob die Pfeife in den andern Mundwinkel, musterte den Pfarrer mit einem raschen Blick und ging dann weiter. »Kann von zwei Nachbarn keiner Frieden halten ohne den andern, keiner, nirgends, Herr Pfarrer,« sagte er, und seine rauhe Stimme 98 klang ebenso nachdrücklich. »Zum Friedenhalten gehören zwei, hat der Has gesagt, und da hat ihn der Fuchs gefressen, Herr Pfarrer. – Nichts für ungut, Herr Pfarrer,« setzte er zögernd hinzu, »aber Sie – Sie werden doch auch – Sie, ich denk' mir, Sie werden doch auch auf unserm Recht bestehen bleiben? Haben so nicht viel Recht, wir Evangelische im Simultanischen.«

»Darauf könnt Ihr Euch verlassen,« meinte der junge Geistliche.

»Das freut mich, freut mich, Herr Pfarrer,« sagte der Alte. »Der andre Herr, der gestern auf'zogen ist, der, hm –«

»Was meint Ihr?«

»Ich mein', der ist kein Guter. Zaundürr – die ganz Dürren hab' ich aufgeschrieben, Herr Pfarrer – ganz kohlschwarz; das ist ein scharfer Herr, ganz und gewiß.«

»Unser Herrgott wird mir zu einem gesunden Frieden verhelfen, Nachbar,« meinte der Pfarrer.

»Unberufen, wenn's sein heiliger Will' ist,« fiel der andre ein und sprach die Worte, wie man eine altgewohnte Formel spricht.

»Gestern ist der katholische Herr aufgezogen, sagt Ihr?«

»Gestern,« antwortete der Bürger. »Ist ein junger Herr, so in Ihrem Alter, Herr Pfarrer. Hat seine Mutter bei ihm. – Nochmal, Herr Pfarrer, wer's nicht gewohnt ist, dem muß das schon hart vorkommen, die gleiche Kirche, die Heiligenbilder drinnen, der Weihrauch von den andern, der Hochaltar, der goldige, und unser armseliges Tischel, das sie immer untern Erdboden verschwinden lassen –«

99 »Unter den Erdboden?« rief die Pfarrerin entsetzt.

»Allemal, ehe daß sie ihren Gottesdienst halten, windet's der katholische Mesner in die Versenkung; haben hernach wir Evangelische Gottesdienst, dann geht unser Mesner her und windet's wieder in die Höh' – da darf's dann stehen vor dem Hochaltar. Haben die einen und die andern keinen Gottesdienst, so stehen's in Frieden hintereinander, der Hochaltar und das Tischlein,« sagte der Bürger und lachte grimmig.

»Empörend!« murmelte die junge Frau vor sich hin.

»Das ist das ärgste noch alleweil nicht,« fuhr der Erzähler fort, und man konnte ihm fast ein gelindes Behagen anhören. »Wir haben auch keinen Taufstein nicht, Frau Pfarrerin.«

»Geht doch, Nachbar, macht meiner Frau nicht grauen; die muß sich jetzt recht bei euch eingewöhnen und kommt aus einem ganz evangelischen Lande,« sagte der Pfarrherr.

»Ist schon hart, recht hart,« brummte der Bürger und bemühte sich, ein besonders freundliches Gesicht zu machen, als könnte man's in der tiefen Dämmerung noch sehen. »Und ist so kalt bei uns in Grenzburg, acht Monat Winter, und die bösen Wind'! – Aber Holz genug,« setzte er tröstend hinzu. »Und das mit dem Taufstein ist auch nicht so schreckhaft. Daß ich's halt kurz sag', der Taufstein ist alleweil strittig gewesen, von altersher, und jetzt hat ihn das Amt vernageln lassen mit einem Holzdeckel unterm vorigen Herrn Pfarrer, so daß die Evangelischen und die Katholischen jedes aus ihrem eigentümlichen Zinnbecken 100 taufen müssen. Das stellen sie dann auf den vernagelten Taufstein. ›Es gewohnt sich alles,‹ hat die Gans gesagt, wie ihr die Frau die Federn ausgerupft hat.« –

Schweigend gingen die drei nebeneinander her. Fledermäuse schwirrten lautlos über die Straße, und von ferne tönte leises Glockengeläute. Der Bürger blieb stehen, steckte den Zeigefinger in den Mund und hielt ihn prüfend in die Luft. »Wieder der böhmische Wind. – Herr Pfarrer, das sind unsre Glocken.«

Der junge Pfarrer entblößte sein Haupt, und leise bewegten sich seine Lippen. Sein Weib neben ihm faltete die Hände auf dem Arm ihres Gatten. Aber sie konnte an nichts andres denken als an den simultanischen Taufstein, den man vernagelt hatte, und an den kleinen lutherischen Altar, den man allsonntäglich versinken ließ, als wäre er ein Schandmal vor dem glänzenden Hochaltar. –

Schnaufend standen die Pferde. Ein kühler Wind strich über die Hochebene, die sich mählich gegen die langgestreckten böhmischen Waldberge emporhob. Dunkel wölbte sich der nächtliche Himmel; nur ein einziger Stern funkelte über der weiten Einsamkeit.

»Ist auch dies und das strittig zwischen den Evangelischen und Katholischen; da heißt's aufpassen, Herr Pfarrer, Tag und Nacht,« sagte der Alte. »So, und jetzt können wir wieder aufsteigen.«

Schweigend hob der Pfarrherr seine Frau in den Wagen und setzte sich neben sie; fröstelnd hüllte sich Frau Maria in ihr Tuch. Der Alte schwang sich auf den Bock.

101 »Da – geradeaus überm Grund, wo die Lichter sind, liegt Grenzburg,« sagte er und gab mit der Peitsche die Richtung an. »In einer halben Stunde haben wir's; hüh! – Ist dies und das strittig zwischen uns und den andern. Da heißt's aufpassen, Herr Pfarrer. – Der Gartenweg ist auch strittig, Frau Pfarrerin. – Hüh, Brauner!«

Gleich schwarzen Riesen huschten die hohen Tannen und Fichten vorüber, die da und dort im öden Weidelande standen. – Mitten auf dem Wege hielt ein dunkler Reiter, der wartete, bis der Wagen ganz nahe herangerollt war. Dann warf er sein Pferd herum und jagte in die Nacht hinein. – Einzelne Hütten kamen heran und verschwanden in der Finsternis. – Von ferne dröhnte ein Böllerschuß; Glockengeläute drang herüber. Der Alte knallte mit der Peitsche, die Rosse trabten stärker. Fackeln blitzten auf, dunkle Massen drängten sich zu beiden Seiten des Weges im Rauche. Finster lag das alte Schloß auf seinem Felsen, unter ihm der Markt. Der Wagen hielt. Schulkinder sangen mit hellen Stimmen. Ein Mann trat an den Wagen und hielt die Ansprache; der Pfarrherr erhob sich und antwortete. Und Schritt für Schritt fuhren sie dann durch das finstere Thor, die breite Straße bergan, zum Pfarrhofe.

Der Pfarrer Martin Philipp Justus und seine Ehefrau Maria hatten ihren Einzug gehalten in der Simultanpfarrei Grenzburg an der böhmischen Grenze.

*

Drei Tage der Unordnung waren vergangen, und Schritt für Schritt hatte die Ordnung 102 gesiegt. Das Stroh verschwand von der Treppe, die leeren Kisten wanderten auf den Speicher, in der Küche glänzte das Zinn, blinkte das Kupfer.

Im Museum des Pfarrherrn stand die altererbte Bibliothek auf großen Regalen, und freundlich sahen die schöngeschriebenen Titel von den vergilbten Lederrücken herab. Summend ging Justus umher in seinem kleinen Reiche und qualmte aus der langen Pfeife, schlug hier einen Nagel in die Wand und hängte einen Schattenriß daran, stellte dort einen Folianten an den richtigen Platz, und hell und warm leuchtete die Nachmittagsonne auf den knospenden Garten, so hell, daß Justus endlich an eines der Fenster treten mußte.

Da öffnete sich die Thüre, und Frau Maria steckte den Kopf herein. »Wie schön es bei dir ist, Martin, und was für ein sonniges, stilles Zimmer!«

»Nur herein, nur herein!« rief Justus, und sein Weib trat neben ihn. »Da sieh hinaus, Maria! Sagst du noch, daß wir in Polen wohnen?« Und liebkosend strich er über ihren blonden Scheitel.

»O, ich glaube, daß auch in Polen die Sonne in manches Gärtlein scheint,« antwortete sie lachend. »Aber es ist alles besser, als ich damals dachte, und die Leute sind so freundlich – das Pfarrhaus gilt etwas bei ihnen, man kennt's jedem ordentlich am Gesicht an, Martin,« setzte sie hinzu, hob sich auf den Fußspitzen und gab ihrem Gatten einen herzhaften Kuß. »Ich kann mich gar wohl eingewöhnen.«

»Sieh nur die wundervolle Aussicht!« sagte Justus. »Da drunten der grüne Garten, da drüben das uralte Gemäuer und dort hinter den 103 grauen Schindeldächern die weiten Saatfelder – wie mag das wogen, wenn die Aehren reifen! Und sieh, Maria, wie stolz vom Horizonte die hohen Waldberge herübergrüßen. Ueberall ragen die Berge, von denen uns Hilfe kommt, überall, im fremdesten Lande.«

Die Pfarrfrau stand schweigend neben dem Gatten und sah lange hinaus über die sonnigen Felder. Dann glitten ihre Augen ab und spähten aufmerksam in die Tiefe, wo eine graue Plankenwand den Garten des evangelischen Geistlichen von dem des katholischen schied. »Da!« sagte sie flüsternd, »da kommt die alte Frau wieder, ich habe sie gestern schon beobachtet; es ist die Mutter des Priesters. Wie langsam sie geht! Und jetzt kommt er selbst – wie er sie stützt! Aber, Martin, die alte Frau sieht unfreundlich aus, zum Fürchten. Und er – Martin, diese schwarzen, funkelnden Augen!«

»Er scheint ein guter Sohn zu sein,« antwortete Justus und blickte sinnend hinunter.

»Und, Martin, da drüben in der Plankenwand ist die Thür, und gelt, du läßt dir das Wegrecht nicht streitig machen!«

»Ist denn der Umweg gar so groß?« fragte der Pfarrherr.

»Aber ich bitte dich, Martin! Gleich hinter dem katholischen Garten liegt mein Gemüsegärtlein. Da ist die eine Thür, dort die andre – mit zehn Schritten bin ich durch den katholischen Garten gegangen. Und da soll ich einen Umweg von zehn Minuten machen, um das ganze Häuserviertel herum, wenn ich mir eine gelbe Rübe holen will?«

104 Lächelnd strich Martin Justus über ihr Haupt: »Ich werde ihn morgen besuchen, Maria, und ihm alles eindringlich vorstellen.«

Zweifelnd sah die Pfarrfrau in die Tiefe. »Der da drunten, Martin?« sagte sie plötzlich sehr bestimmt und warf den Kopf zurück. »Der wird uns gar nichts zuliebe thun, wenn er nicht muß.«

»Dann ist's ein böses Ding,« meinte der Pfarrherr; »denn unser Recht ist durchaus zweifelhaft, ich habe mich heute schon gesprächsweise beim Bürgermeister danach erkundigt. Und zudem werde ich, soviel an mir liegt, in allen Stücken Frieden halten. – Auch unter Opfern,« setzte er nach einer Weile hinzu.

*

Es war zu Anfang des Sommers. Weißhäupel, der Schmied, hatte einen Knaben bekommen, und alles war glücklich abgelaufen. Die Hebamme war eine wohlerfahrene Frau und hatte auch hier ihre Pflicht redlich gethan: das Messer war zur rechten Zeit in die Thüre gestoßen, das Brot in der Lade aufs Gesicht gelegt worden, wie es der Brauch verlangte – und die Drud hatte sich nicht einzuschleichen vermocht.

Heute nachmittag hatten sie den jungen Heiden in die Kirche getragen, damit er zum Christen würde. Jetzt saßen sie alle in der großen Stube und tranken. Das Mahl war abgetragen, und der Pfarrherr war mit freundlichem Gruße aufgebrochen; er hatte die Wöchnerin draußen in der Kammer noch einmal besucht und das schlafende Kindlein gesegnet. Dann war er gegangen.

105 »Ein hübscher Herr,« sagte der Kindsvater und nahm einen kräftigen Schluck.

»Wohl wahr,« sagte da und dort einer, und es entstand ein beifälliges Gemurmel auf allen Bänken.

»Leutselig und gemein, und das ist wohl wahr,« sagte der Gevatter.

»Und so auferbaulich kann er sein' Sach' vorbringen, und gar kein Wort hat er nicht ausgelassen bei der heiligen Handlung. Da pass' ich schon immer ganz scharf auf,« meinte die Hebamme.

»Wär' schon aus, wenn das der Pfarrer nicht wüßt'!« sagte der alte Großvater vom Ofen her. »Das weiß der jüngste und der dümmste, das von der Mondscheinigkeit.«

»Laßt mich nur mit dem dummen Aberglauben!« lachte der Schmied.

»Aberglauben?« rief der Alte. »Das ist kein Aberglauben nicht, das ist Erfahrungssach'. Wenn der Pfarrer beim Taufen ein einzig Wörtl ausläßt, so wird's Kind mondscheinig. Das lass' ich mir nit nehmen.«

»Ist aber doch allerorten das Gebet wieder anders! Respekt vor dem Herrn, daß er's gleich so richtig gemacht hat von Anfang an,« sagte die Hebamme.

»Respekt, Respekt!« hieß es da und dort, und von unten herauf rief ein alter Mann: »Auch der Auswurf ist gut, er hat 's Predigen gelernt, da schläft so leicht keiner ein.«

»Kinder,« fiel der Großvater am Ofen ein und machte ein grämliches Gesicht, »der andre steckt ihn doch in die Taschen, werdet's sehen. Respekt, aber ich weiß, wie ich dran bin.«

106 »Läßt ihm nicht zu nah' kommen, Vater, schaut nicht aus nach einem solchen, der Herr Pfarrer,« sagte der Schmied.

»So?« rief der Alte giftig. »Werdet's schon inne werden. Wie ist's denn mit dem Gartenweg? Sag's!«

»Das ist seine Sach',« meinte der Sohn.

»So? Ist seine Sach'?« rief der Greis, und sein spitziges Kinn wackelte. »Ist seiner Frau seine Sach' und ist unser Sach', wenn er ein Recht aufgiebt; uns alle geht's an. Warum läßt er das Recht fahren? Er darf kein Kirchenrecht fahren lassen. Läuft seine Frau ums ganze Viertel, bis sie an ihren Garten kommt. Und warum? Bloß weil's der andre so haben will.«

»Seid nur nicht so hitzig, Vater!« sagte der Sohn und schnitt ein Stück vom Käse. »Ist ja gar kein Kirchenrecht. Ich hab' erst heut' mit ihm geredet, mit unserm Herrn Pfarrer. Der Weg ist strittig, und die Geschicht' so: die Pfarrhöf', die zwei, die sind bis vor sechs Jahren im Wechsel gewesen. Ihr wißt's ja, alle dreißig Jahr' hat der unsrige in den katholischen, der Katholische in den evangelischen Pfarrhof ziehen müssen. Hinter jedem Haus liegt der Garten, und der war auch im Wechsel. Jetzt hat vor zwanzig Jahren die alte Huberin, Gott hab's selig, war ein böser Drach', dem unsrigen Pfarrer ihren Gemüsgarten vermacht. Der ist dazumal hinter dem evangelischen Pfarrgarten gelegen. Jetzt haben sie vor sechs Jahren gewechselt, die Herren, und jetzt hat damals der katholische Herr zugeben, daß der unsrige das Thürl hat setzen lassen in den Plankenzaun, und hat ihn lassen durchgehen. 107 Jetzt ist aber da nichts Schriftliches abgemacht worden, und wie sie sich zerkriegt haben, die zwei, nach drei, vier Jahren, jetzt hat der Katholische dem unsrigen das Thürl vor der Nasen zugesperrt. Und jetzt ist's strittig geworden, das Wegrecht.«

»Es ist schriftlich gemacht worden dazumal,« knurrte der Alte. »Der vorige hat mir's oft verzählt, daß er nur das Papier verloren hätt'. Der andre, der Katholische, muß die Abmachung auch schriftlich haben, ganz und gewiß. Schwören müßt' er mir, prozessieren thät' ich.«

»Und das will unser Herr Pfarrer nicht,« sagte der Sohn mit Nachdruck.

»Und warum nicht?«

»Weil er den Frieden will, hat er mir gesagt, erst heut', Vater.«

»Sein Recht muß er wollen,« rief der Greis. »Wenn er sein eigen Recht nicht will, dann läßt er auch unser Recht schwächen.«

»Schaut nicht so aus, Vater,« meinte der Schmied und schüttelte bedächtig den Kopf.

»Der Vater hat recht,« riefen drei, vier Stimmen, und wieder ging ein beifälliges Gemurmel durch die Stube.

»Wer recht hat, wird sich weisen,« sagte der Schmied und legte die große Faust auf den Tisch; »ich halt' zum Herrn Pfarrer, weil der ein richtiger Herr ist.«

»Wenn er zu uns hält, halt' ich auch zu ihm,« sagte der Gevatter. »Immer zusammenhalten, immer zusammenhalten, ist mein Spruch.« –

»Weiß einer 'was vom Schneiderhannes?« fragte der Schmied.

»Der Lump!« hieß es an allen Enden.

108 »Sauber zugerichtet hat er sich, das ist gewiß,« meinte der Gevatter.

»Ist's denn wahr, daß er dem Windmessinger auch noch an den Hals gesprungen ist?« fragte der Schmied.

»Was denn anders?« antwortete der Gevatter. »Gestern nacht um zehn Uhr hat ihn der Windmessinger erwischt, wie er in seine Scheuer steigt und Heu stehlen will. Er schreit ihn an, der Hannes springt auf den Holzstoß, springt übern Zaun, springt zu kurz und spießt sich am innern dicken Bein bis auf zum Bauch. Der Windmessinger geht auf ihn los – er hat mir's selber verzählt – und will ihn packen. Der Hannes klaubt sich zusammen und springt dem Windmessinger an den Hals. Wenn ihm der junge Windmessinger nicht zur Hilf' springt, erwürgt ihn der Lump. War schon ganz blau.«

»Ein verdächtiger Kerl, ein verdächtiger, der,« sagte einer von den Männern. »Und so eine kreuzbrave Frau.«

»Das ist wahr, die kann man nicht genug loben,« rief die Hebamme. »Unsereiner schaut tief in die Winkel – gegen die kann auch der Neid nichts sagen.«

»Hat sich was mit dem Neiden,« lachte der Schmied. »Die ist nicht zum Neiden mit ihrem versoffenen Tagdieb.«

»Ist halt so eine Redensart,« meinte die Hebamme. »Hat aber die ärmste Person oft wieder etwas, was keine Gräfin besser haben könnt'. Der Schneiderin ihr Sohn, der ältere, der ist ein braver Bub.«

»Ja, das ist wahr, so brav wie sie selber,« 109 bekräftigte der Schmied. »Unser Herrgott meint's niemalen zu hart mit den Leuten; ein bissel Lindigkeit ist bei jedem Weh. – Hat der Herr Landrichter die Schau vorgenommen?«

»Ja, gestern nacht noch, die Scheuerschau und die Wundschau.«

*

Zur selben Stunde saß der Pfarrherr Martin Justus vor dem Lager des Schneiderhannes im Turm.

»Die leiblichen Schmerzen sind Ihm von unserm Herrgott verordnet, damit's von Grund aus anders werden könne mit Ihm, Hannes,« sagte Justus.

Der Hannes ächzte erbärmlich und stieß von Zeit zu Zeit hervor: »Daß gerad' mir so 'was geschehen muß, gerad' mir, ich sag' nur, gerad' mir!« Dann meinte er: »Was dem Menschen zubestimmt ist, Herr Pfarrer, das ist ihm zubestimmt.«

»So red' Er doch nicht so gottlos daher, Hannes, und so thöricht obendrein! Wer hat's Ihm geheißen, in die Scheuer zu steigen und Heu zu stehlen?«

»Ja, Herr Pfarrer, Sie wissen's freilich nicht, was unsereiner sorgen muß in der harten Zeit mit einem Weib und vier Kindern. Fünf, sechs Mäuler, Herr Pfarrer, alle Tag'!«

»Und eine Gurgel wie ein Brunnenrohr!« brauste der Pfarrherr auf und erhob sich. »Heute ist nichts zu machen mit Ihm, Er verstockter Mensch!« Und damit ging er.

Hannes sah ihm mit giftigen Augen nach und murmelte etwas zwischen den Zähnen. Dann 110 legte er sich auf den Rücken und pfiff leise vor sich hin. –

Der Abend kam, und der Eisenmeister brachte Brot und Wasser.

»Kann's krumm gehen, Herr Nachbar?« fragte der Schneider.

»Kann?« knurrte dieser. »Ganz gewiß wird's krumm gehen, du Lump.«

»Ach, wegen dem Schüppel Heu, das ich gar nicht genommen hab'!«

»Schüppel Heu? Das wird man dir schon weisen! Eingestiegen bist bei nachtschlafender Zeit, das ist das erste Verbrechen. Gestohlen hast, das ist das zweite Verbrechen. Wahrscheinlich hast auch Brand stiften wollen, Numero drei.«

»Gott straf mein' Seel'!« fuhr der andre auf.

»Maul halten! Numero drei. Den Windmessinger hast erwürgen wollen, Mordversuch, Numero vier. Widersetzt hast dich, wie der Scherg zu dir gekommen ist, Numero fünf. Und vor zwei Jahren hast dich auch schon unterschrieben, wirst's wohl noch wissen, und aus der Zunft haben's dich auch ausgestoßen.«

»Ich hab' halt unterschrieben; was, das weiß ich auch nimmer.«

»Da brauchst dich nicht zu kümmern, das weiß Gnaden der Herr Landrichter schon. Da liegt's wohlverwahrt in denen Akten. Die fünfzehn Karbatschenstreich' wirst aber selber noch wissen, so dir der Blutscherg damals aufs Kamisol gebrennt hat – oder nicht?«

»Die schon noch,« räumte Hannes ein und schnitt sein wehmütigstes Gesicht.

»Und wenn du rückfällig wirst, du Lump, hat 111 Gnaden der Herr Landrichter gesagt, hernach geht's dir ans Leben. Und das hast unterschreiben müssen.«

»Kann sein,« sagte der andre kleinlaut, und es entstand eine lange Pause.

»Dein Pfaff' wird's dir auch heiß gemacht haben, die Höll', oder nicht?« begann der Eisenmeister aufs neue.

»Ah der –!« sagte Hannes. »Was weiß so einer, wie's unserei'm zu Mut ist? Das stolziert herum die ganze Wochen, ißt gut, raucht gut, und am Sonntag thut's eine Predigt. Im Vertrauen, bin zwar selber lutherisch, aber auf die lutherischen Herren – hm, geb' ich nicht viel.«

»Das ist das dümmste nicht, was du heut und gestern geredet hast,« antwortete der Alte, und seine Stimme bekam einen freundlicheren Klang.

»Wißt Ihr was, Herr Eisenmeister,« begann der Gefangene, und sein Gesicht bekam einen lauernden Zug, »ich hätt' schon zu jemand Vertrauen, groß Vertrauen – wenn mich der besuchen thät'.«

»Und wer soll das sein?«

»Ha, so ein hochwürdigster Herr, wie der eurige ist, den lass' ich mir gefallen, da geht einem das Herz auf die Zung'. Mit euerm Herrn Pfarrer, da könnt' ich reden, wie mir 's Maul gewachsen ist. Hab' mir's vorhin gedenkt, wie der andre bei mir gesessen ist, was verstehst du vom Volk? Aber der eurige, das ist was andres! Der ist selber eines armen Hirten Sohn – war mein Vater seliger auch nur ein Hirt – mit dem könnt' ich wohl reden, ich armer Wurm.«

Es war ganz stille in dem Turmgemache.

112 Der Eisenmeister hatte sich auf den Rand der Pritsche gesetzt, und seine rote Nase funkelte im Dämmerlichte. Der andre aber hatte die Hände unter den Kopf gelegt, die Lippen eingekniffen und wandte die Augen nicht von dem Alten.

»Ob er halt reden möcht' mit so einem lutherischen Tröpfel?« fragte Hannes.

»Der muß mit manch einem Lumpen reden,« sagte der andre; »von Amts wegen, gerad' wie ich. Und fragen kostet nichts – aber wir gehen auch nicht gleich zum Pfarrer. Ich wüßt' einen andern, der helfen könnt' – wenn ich nur wüßt', ob's dir auch Ernst ist?«

»Werd' wohl keinen Spaß mehr machen,« meinte Hannes und stöhnte erbärmlich. »Mir vergeht der Spaß, wenn ich an mein Geschriebenes denk'.«

»Hernach will ich zu ihm gehen,« brummte der Eisenmeister und erhob sich. »Wenn's aber Lug und Trug gewesen ist, dann genad' dir Gott!« fügte er drohend bei, ging aus der Thüre, sperrte sie dreimal zu und tastete sich die enge Stiege hinunter.

*

Nach kurzer Zeit saß Anastasius Alois Binkerl, der Gerichtschreiber, am Lager des Delinquenten.

»Ist's denn wahr, Herr Gerichtschreiber, daß sie mir von wegen den Bund Heu ans Leben können, ist das wahr?«

Anastasius Binkerl zog die Schultern in die Höhe und antwortete mit tiefer Stimme: »Das peinliche Verfahren, lieber Freund, gleichet einer Säge, so durch einen langen Baum gehet – und der Baum ist der Delinquent. Hat besagte Säge 113 einmal angefangen, so hält sie nimmer inne, bis daß sie durch ist auf der andern Seite. Und was nun Seine Sache anbetrifft, so steht dieselbige schlecht, steht schlecht – hört Er?«

Der Schneiderhannes stöhnte.

»Wer wird aber auch so leichtsinnig sein,« fuhr der Schreiber fort und faltete die Hände auf den Knieen; »wer wird so schlechte Streiche machen!«

»Herr Gerichtschreiber, der Hunger thut weh – ich denk', denen reichen Leuten wird's auch als Sünd' angerechnet, daß es so viele arme Leut' giebt.«

»Freilich,« murmelte der andre, »ich weiß, ich weiß. Aber die Justitia, guter Freund, die fragt nicht nach Hunger und Kummer, die geht vorwärts, ratsch, ratsch, wie die Säge durch den Baum. – Schad' um Ihn; aber ich seh' schon alles im voraus. Ich seh' die Ratsfreunde und Gnaden den Herrn Landrichter, alle in schwarzen Mänteln, und Gnaden der Herr Landrichter hat seinen Degen um. Hernach geht die Glocke auf dem Rathause und läutet 's Gericht auf, und Ihn führt man in den Saal. Da sitzt Gnaden der Herr Landrichter, und an seinem hohen Stuhle hängen die Eisenhandschuhe und das bloße Schwert, und ringsherum sitzen die Ratsfreunde. Er aber, guter Freund, steht da, und neben Ihm der lutherische Herr. Sodann hält Gnaden der Herr Landrichter die Umfrage, und die neun Ratsfreunde erkennen das Urteil für recht, der Richter zerbricht den Stab – ich höre ihn krachen in meinen Ohren –«

»O haltet ein!« jammerte der Schneiderhannes.

»– und wirft Ihm denselbigen vor die Füße,« 114 murmelte der Schreiber unbeirrt weiter. »Hernach schreit der Löwe Zeter über Ihn, sie führen Ihn über den Marktplatz hinaus zum Thore und auf den Galgenberg. Dort kriegt Er vom Löwen – weiß Er, wer der Löwe ist?«

»Dem Henker sein Knecht – haltet ein, Barmherzigkeit!« stöhnte der Delinquent.

»Dort kriegt Er vom Löwen noch einen Trunk süßen Weines – wird Ihm aber nicht wohl schmecken, die Süßigkeit, denk' ich mir. Hernach ruft der Stadtknecht das Friedgebot vom Galgenberge gen Morgen und Abend. Er – das heißt der arme Sünder – leistet seinem Pfarrer, dem lutherischen, Abbitte –«

»Ich hab' ja in der Not gehandelt – wofür sollt' ich Abbitt' leisten?« jammerte der Schneider.

»Wird man Ihm schon weisen, guter Freund. Die Justitia fragt nichts nach Armut und Schwachheit. Also, Er leistet Abbitte, sie binden Ihm die Augen zu, sie hauen Ihm zuerst die rechte Hand ab, sodann den Kopf, stecken die Hand und den Kopf auf einen Pfahl, derweil Er in die Hölle fährt, als ein Dieb und als ein lutherischer Ketzer.«

Hannes lag mit verzerrtem Antlitz da. Der Schreiber hatte die hageren Hände vor das Gesicht gedrückt, als wollte er sich den Anblick der entsetzlichen Hinrichtung ersparen. Aber die schwarzen Augen glitzerten zwischen den Fingern hervor und waren unverwandt auf das Opfer gerichtet.

»Herr Gerichtschreiber,« begann der Schneider stotternd und schielte nach den lauernden Augen, »ich, ich dächt', unser Herrgott müßt' schon ein Einsehen haben; weil ich halt nur ein ketzerisches Tröpfl bin; uns wird's halt nit so gut gelehrt 115 in der Schul', bei uns giebt keiner was auf die guten Werk' – da steckt's.«

Der Schreiber nahm die Rechte von den Augen und ließ den langen, spitzigen Zeigefinger im Bogen auf des Schneiders Brust gehen: »Freilich steckt's da, nirgends anders steckt's. Die Ketzerei ist schuld daran, wie sie schuld ist an allem Unglück in der Welt. Da hat Er Recht.«

Der Zeigefinger ging langsam wieder zurück, und der Schneider stöhnte erbärmlich.

»Herr Gerichtschreiber,« begann er nach einer Weile, »zu Ihnen hab' ich Vertrauen, so viel Vertrauen, wie sonst zu keinem Menschen nicht – giebt's für mich armen Sünder keine Rettung?«

Der andre wiegte bedenklich das Haupt: »Es ist, wie ich gesagt habe; ratsch, ratsch, macht die Säge, immerfort ratsch, ratsch.«

Des Hannes Zähne schlugen aufeinander.

»Aber freilich, guter Freund, vor Gericht kommt viel an auf den Leumund. Wie steht's wohl mit dem Leumund bei Ihm, Hannes?«

Der Schneider schielte verständnisvoll herüber und überschlug in Gedanken seinen Leumund. Er war ihm noch niemals so wichtig vorgekommen und noch niemals so verdächtig wie jetzt, sein Leumund.

»Er muß mich recht verstehen, Hannes! Hat – Er einen, der mit Gnaden dem Herrn Landrichter reden könnte, so ganz vertraulich, vielleicht sein lutherischer Pfarrer, und der ihm sagen könnte: Menschliche Schwachheit, Gnaden Herr Landrichter; viel Not und Kummer, starke Familie, schwacher Augenblick. Kenn' ihn, den Hannes, hat mir sein ganzes Herz geoffenbart, hat mir reumütig einen 116 guten Wandel gelobt. Derhalben komme ich zu Ihnen, Gnaden Herr Landrichter, und lege Fürsprach' ein. Ist so schon genug gestraft, der Hannes. Der wird noch, ich nehm' ihn auf mich. – Weiß Er keinen, der so sprechen könnt' im Schloß? Etwa sein lutherischer Pfarrer?«

»O Herr Gerichtschreiber,« seufzte der Schneider, haschte nach der Hand des Männleins und führte sie an die bleichen Lippen, »so schön und auferbaulich hat noch nie keiner mit mir armem Tröpfl geredet. Ja, unser lutherischer Pfarrer, da hat sich was! Hab' oft schon nachgedenkt, warum daß grad' ich hab' lutherisch werden müssen? Freilich, gar manches Mal, wenn die katholische Kirch' gehalten worden ist, und vornehmlich wenn's einen Umzug gethan haben mit fliegenden Fahnen und Weihrauch, da ist's mir so eigen gewest in der Herzgruben, so eigen, nit zum sagen, und hat mich grad' so 'zogen, grad' so 'zogen. Hannes, hat mir eine innere Stimme zugeflustert, katholisch solltest sein, dann wärst ein ganz andrer Mensch.«

»Die innere Stimme gehört auch dazu, da hat Er recht,« nickte Anastasius Alois Binkerl.

»O Herr Gerichtschreiber, mit Ihnen thut sich einer leicht. Seit Sie bei mir sitzen, ist es mir gerad', als wär' ich ein Kind und Sie wären meine Mutter. Ist mir, wie ich sag', so ganz absonderlich, ist mir grad', als sollt ich was veräußern, eh's zu spät ist.«

»So veräußere Er's, Hannes!«

»O Herr Gerichtschreiber, grad' weinen könnt' ich, so wohl ist's mir. Aber es ist halt zu spät für dieses Wort.«

»Ist nie zu spät für solch ein Wort, Hannes.«

117 »O Herr Gerichtschreiber, alles thät' ich auf mich nehmen, wie die heiligen Martyrer, Haß und Verfolgung – aber katholisch möcht' ich werden.«

*

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