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Historische Erzählungen

Karl May: Historische Erzählungen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorKarl May
titleHistorische Erzählungen
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Der Scherenschleifer

1. Die Vogelscheuche

Wenn man zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts auf der Straße von Oschersleben nach Halberstadt ging, hatte man einen ausgedehnten Wald zu durchwandern, in dem man wohl häufig einem Stück Wild, selten aber einem Menschen begegnete. Der Wald war sogar ein wenig verrufen, und es galt in der Umgegend als ein Beweis von Mut, wenn einer sich entschloß, die Straße ohne Begleitung zu durchwandern ...

Eines Tages gab es bereits am frühen Morgen drei solch mutige Personen. Sie wanderten die Straße durch den Wald, jeder für sich allein, jeder von den anderen durch große Entfernung getrennt, so daß jeder von ihnen glaubte, allein zu sein.

Am Straßenrand saß ein junger Mann, so etwa im Anfang der zwanziger Jahre. Er hatte seine riesigen, aber wohlgebauten Glieder bequem ins Gras gestreckt und kaute behaglich an einer trockenen Brotrinde, zu der er hie und da einen Schnitt harten Bauernkäse zwischen die blanken Zähne schob. Seiner Kleidung nach mußte er der Sohn nicht ganz armer Bürgersleute sein. Der Anzug war sauber und aus einem Tuch gefertigt, dessen Preis ein Armer nicht bezahlen konnte. Seine Züge waren ebenmäßig schön; der klare, mutige Blick seines tiefblauen Auges paßte gut zu der kraftvollen Gestalt und ein schelmischer unternehmender, fast listiger Zug um die mit einem Schnurrbärtchen geschmückten Lippen gab dem jugendlichen Gesicht einen gewinnenden Ausdruck.

Nicht auf der Straße, sondern tiefer im Wald schritt eine zweite Person zwischen den Bäumen dahin. Der Mann mochte am Ende der Zwanziger stehen. Er hatte zwar nicht ganz den riesigen Gliederbau wie der erste, doch hätte sein Kopf wohl immer noch um ein Beträchtliches über tausend andere hervorgeragt. Die breitschultrige, sehnige Gestalt steckte in einem ziemlich abgetragenen grauen Tuchwams, in grauen Hosen und in Stiefeln, deren Schäfte bis weit über die Knie heraufgezogen waren. Das Gesicht war von der Sonne braun gebrannt und erhielt durch den scharfen, strengen Blick der tiefschwarzen Augen und durch einen gewaltigen Zwickelbart einen höchst kriegerischen Ausdruck. Dieser Mann trug über der Schulter eine Büchse, an der ein stattlicher Rehbock hing.

Eine gute Strecke auf der Straße zurück kam noch ein dritter, ein Jüngling von vielleicht achtzehn Jahren, dessen Gestalt sich recht gut neben den beiden anderen zeigen konnte. Er trug einen Knotenstock in der Hand und auf dem Rücken ein altes Ranzel, das ihn, im Einklang mit seiner Kleidung, als einen Handwerksgesellen kennzeichnete, der sich auf der Wanderschaft befand.

Der Jäger mitten im Wald hielt mit rüstigen Schritten auf die Straße zu, die er dann in der Richtung nach Halberstadt verfolgte. Seine Gedanken schienen sich mit irgendeinem fesselnden Gegenstand zu beschäftigen, denn er bemerkte den seitwärts im Grase Liegenden nicht eher, als bis er ihn erreicht hatte. Da blieb er halten und musterte ihn mit einem Blick, in dem man zunächst einige Überraschung und dann ein sichtliches Wohlgefallen bemerken konnte.

»Guten Morgen, Freund«, grüßte er. »Was treibt man denn so früh hier im Wald?«

Der andere hatte den scharfen Blick lächelnd ausgehalten.

»Guten Morgen«, erwiderte er. »Was ich treibe, das ist leicht zu sehen. Ich ruhe mich aus und esse.«

»Donnerwetter, das sehe ich allerdings! Aber wer ist man denn?«

»Einer, der nicht ganz so neugierig zu sein scheint wie Er.«

Über das Gesicht des Fragers zuckte ein eigentümliches Lächeln:

»Meint er? – Meinetwegen! Aber der Mensch hat seinen Schnabel nicht bloß für Brot und Käse, sondern auch zum Sprechen; also sollen Rede und Antwort richtig zusammenklappen. Sieht Er das ein?«

»Ja. Nur muß Er, wenn ich ihm antworten soll, etwas gescheiter fragen! Was soll ich denn auf die Frage ›Wer?‹ antworten, he? Das Wort ist mir zu unbestimmt.«

»Ach so! Na, ganz unrecht hat Er freilich nicht, und da will ich Ihm die Schlackwurst deutlicher vorkauen. Wo ist Er denn her?«

»Aus Oschersleben.«

»Was treibt Er für ein Handwerk?«

»Ich bin Lohgerber.«

»Mache Er mir nichts weis, Er Himmelhund!«

Der Gerber konnte ein befriedigtes Lächeln nicht verbergen. Es zuckte beinahe schalkhaft über seine Züge, als er entgegnete:

»Etwas weismachen! Pah! Er scheint mir nicht der Kerl zu sein, dessentwegen man sich die Mühe geben sollte, eine Lüge an den Mann zu bringen.«

»Hoho! Sehe ich denn gar so vagabundisch aus? Er ist ja ein Grobsack der obersten Sorte!«

»Meinetwegen! Wie es in den Wald schallt, so schallt es wieder heraus: Er hat mich einen Lügner genannt.«

»Ach so! Nun, hat ein Lohgerber etwa solch feine Hände wie Er da?«

»Ich bin Meister und lasse nur meine Gesellen und Lehrbuben arbeiten.«

»Alle Wetter, da ist Er ja ein verteufelt junger Meister und scheint sich nicht ganz schlecht zu stehen!«

Der andere lachte wohlgefällig. »Ja; wir haben, was wir brauchen, und vielleicht auch noch ein bißchen mehr!«

»Darf man denn auch Seinen Namen wissen?«

»Warum nicht? Ich heiße Heinrich Silberling.«

»Hm, vertrackter Name! Hab ihn nur einmal gehört in Bernburg, wo es auch einen Silberling geben soll.«

»Das ist mein Vater«, meinte der Gerber mit einem leichten Zucken seiner Bartspitzen.

»Sein Vater? Sapperlot! – So wäre Er ja ein Anhalter Kind?«

»Das bin ich auch. Ich bin erst vor einem halben Jahr nach Oschersleben gezogen.«

»Da schlagen doch gleich fünfunddreißigtausend Wetter in diese hundsföttische Geschichte! Das ist ja eine Nachlässigkeit, die ihresgleichen gar nicht finden kann. Na wartet nur, ihr Halunken, ich werde euch schon lehren, die Augen besser aufzusperren.«

»Was denn? Auf wen schimpft Er denn eigentlich?«

»Auf meine We – – na, das braucht Er nicht zu wissen. Wohin will Er denn eigentlich jetzt? Vielleicht nach Halberstadt?«

»Nein, nach Quedlinburg.«

»Da muß Er doch über Halberstadt?«

»Fällt mir nicht ein! In Halberstadt sitzt der Dessauer mit seinem Musterregiment, und dieser Spitzbube hat keine größere Freude, als wenn es ihm gelingt, einen Mann von meiner Größe für sein Regiment wegzuschnappen!«

»Wer? Wie sagt Er? Dieser Spitzbube? Mensch, sagt Er dies noch einmal, so werde ich Ihn bespitzbuben, daß – aber, das geht mich ja gar nichts an. Nur laß Er es keinen anderen hören, sonst könnte Er gewaltig in den Käse fliegen. – Und was hat Er in Quedlinburg zu suchen?«

»Ich muß zu einem alten Paten, der im Sterben liegt, und mich noch einmal sehen will. Er hat keine Verwandten und wird mich wohl im Testament bedenken wollen.«

»Viel Glück! Er ist besser dran als andere Leute. Mir zuliebe holt der Teufel keinen alten Paten, der auf den löblichen Gedanken kommt, mir seinen Geldsack aufzuzwingen.«

»Glaube es Ihm. Nach großen Geldsäcken sieht Er allerdings nicht aus!«

»Nach was denn, he, wenn ich fragen darf?«

»Hm! Er ist doch wohl nichts anderes als ein armer Dorfspitz, der sich hinter dem Rücken des gnädigen Herrn einen Braten gemaust hat?«

»Ein Dorfspitz, also ein Büttel? Braten gemaust? Heiliger Ladestock, ich möchte Ihm den Spitz – aber ein gutes Auge hat Er. Kehrt Er vielleicht in dem Krug ein, der da vorn an der Straße liegt?«

»Möglich.«

»So sei Er so gut und verrate Er mich dort nicht. Er braucht mich ja gar nicht ins Maul zu nehmen. Wenn es herauskäme, daß ich mir den Bock geholt habe, so käme ich um mein Amt und müßte ein paar Jährchen brummen. Und dazu habe ich ebensowenig Lust, wie Er zum Soldaten.«

»Werde von Ihm gar nicht reden. Aber, weiß Er vielleicht, ob der Dessauer gerade in Halberstadt anwesend ist?«

»Warum?«

»Weil man jetzt so gar nicht weiß, woran man ist. Der schwedische Karl ist in Sachsen eingefallen, hat den Kurfürsten besiegt und ihn im Altranstädter Frieden gezwungen, die polnische Königskrone herauszugeben. Der König von Preußen hat alles in Kriegsbereitschaft gesetzt, und der Dessauer –«

»Der Spitzbube, wie Er ihn vorhin nannte, Er Schwerenöter«, fiel ihm der Dorfbüttel in die Rede.

»Tut nichts! Er ist ja auch ein Spitzbube, denn er maust im Lande herum wie ein Rabe, und zwar groß gewachsene Leute. Also, der Dessauer steht in Halberstadt auf dem Sprung nach Sachsen hinüber, und dennoch spricht man davon, daß Karl der Zwölfte und unser König eine geheime Friedensunterhandlung im Sinn führten. Das gibt eine Ungewißheit, unter der alle Geschäfte leiden. Darum fragte ich Ihn nach dem Dessauer. Ist er bei seinem Regiment in Halberstadt, so deutet das auf Krieg. Befindet er sich aber in seiner Residenz in Dessau, so gibt das Hoffnung auf Frieden.«

»Er ist ja ein äußerst kluger Diplomat! Ich bekomme Achtung vor Ihm. Der Spitzbube ist in Halberstadt. Das kann ich Ihm ganz genau sagen; denn ich selbst habe ihn noch gestern abend dort gesehen. Nehme Er sich nur in acht, daß er Ihn nicht am Ende auch wegfischt und unter seine Buntröcke steckt! Das Maß hat Er ja wohl. Ich glaube, der Dessauer hat noch niemals einen Flügelmann von seiner Größe gehabt. Stelle Er sich doch einmal in die Höhe!«

Der andere folgte bereitwillig dieser Aufforderung, und der Büttel rief erstaunt:

»Tausend Schock Element! Er ist ja noch größer als ich vorhin dachte. Er muß ja seine sieben Fuß haben. Himmel, Kreuz Bataillon, wenn Ihn der Dessauer zu sehen bekommt, so ist Er geliefert!«

»Wird mir nicht viel anhaben, euer General Schockschwerenöter. Denn wer mich packen wollte, den würde ich zu Mehl zerreiben.«

»Nur sachte, sachte! Sein Maul ist noch größer als Er selber. Er tut wahrhaftig, als ob Er der lange Seeström in eigener Person wäre!«

»Der lange Seeström? Wer ist das?«

»Der größte, stärkste und bravste Offizier, den es gibt. Er dient bei dem schwedischen Karl, der große Stücke auf ihn hält. – Also, ich bitte Ihn, mich dort im Krug nicht zu verraten. Hat Er's verstanden?«

Der Bursche nickte.

»Gut. So sind wir fertig. Leb Er wohl!«

»Guten Appetit zu dem Bock, den Er geschossen hat!«

Diese Worte waren mit einer Betonung gesprochen, die den Büttel veranlaßte, sich noch einmal umzudrehen.

»Was für einen Bock hat Er da gemeint?«

»Hat Er denn noch einen anderen als diesen geschossen?«

»Hm! Seine Rede klang mir beinahe anzüglich, doch hoffe ich, daß ich mich dabei irrte.«

Damit verschwand der Mann mit dem Bock im Wald. Der Lohgerber aber legte sich behaglich wieder nieder.

»Ich tue also, als ob ich der lange Seeström wäre, hahahaha! Und der da ist ein Dorfspitz, der sich einen Bock gestohlen hat! Man müßte dieses Gesicht und diesen Zwickelbart nicht kennen! Und verraten soll ich ihn nicht dort im Krug! Ich wette meinen Goldfuchs gegen ein Heupferd, daß er jetzt selber geradewegs nach dem Krug läuft, um seinen Rekrutenfängern zu sagen, daß sie mich packen sollen.«

Wirklich hielt sich der Büttel nicht allzulange im Wald. Er trat nach einiger Zeit wieder auf die Straße hinaus, die er mit raschen Schritten verfolgte, bis er an ein Häuschen gelangte, über dessen Tür ein Tannenzweig andeutete, daß man hier einkehren könne. Er trat in die niedrige, halbdunkle Gaststube. Es standen nur zwei Tische drin. An dem einen saßen vier Männer und würfelten. Der Wirt hockte in der Ecke auf einem niedrigen Schemel.

Der Dorfbüttel warf den Bock zur Erde, lehnte die Büchse an die Wand und setzte sich an den zweiten, leeren Tisch.

»Holla, Wirt! Hast du ein Bier hier in deiner alten Bude?«

»Ja. Es ist mehr als gut genug für dich und deinesgleichen.«

»Bist wahrhaftig nicht aufs Maul gefallen, Alter! So schaff einen Krug Broihahn herbei, aber ohne Zucker und Zitrone!«

Der Wirt brachte das Verlangte. Indem er es auf den Tisch setzte, fragte er:

»Woher des Weges?«

»Das siehst du ja: aus dem Wald.«

»Bist wohl Forstknecht?«

»Fällt mir nicht ein!«

»Ah! Du hast also die Büchse zum Vergnügen?«

»So ähnlich.«

»Und wagst dich hierher in den Krug?«

»Warum nicht? Oder gibt es hier Menschenfresser?«

»Nicht ganz, aber so ziemlich. Sieh dir einmal hier diese Leute an!«

Er zeigte nach den vieren an dem anderen Tisch. Der Büttel blickte gleichgültig zu ihnen hinüber. Er verzog keine Miene, als sich zwei von ihnen erhoben und zu ihm traten.

»Warum?« fragte er.

»Es sind Freunde von Rehböcken und solchen Kerlen, wie du bist. Mußt einen allerliebsten Grenadier abgeben, Bursche!«

»Meinst du? Bin zu alt und habe auch keine Lust dazu.«

»Papperlapapp, keine Lust!« meinte einer der Nähertretenden. »Hat man den Rock an, so kommt die Lust ganz von selber. Hör, sieh einmal her, was ich dir zeige! Es ist ein hübsches Sümmchen. Das ist dein, wenn du dir einen Dreispitz aufsetzen läßt!«

»Pech und Schwefel! So seid ihr also Werber! Für wen arbeitet ihr?«

»Für den Dessauer.«

»Der wird seine helle Freude an euch haben! Ihr seid ja wahre Wunder von Gescheitheit. Wäre ich der Dessauer, so ließ ich euch durchfuchteln, daß euch die Wolle platzte. Ist das eine Art, einem Fremden gleich im ersten Augenblick zu sagen, wer man ist und was man will! Gibt euch der Dessauer nicht genug Moos, daß ihr so einem Vogel erst zutrinken könnt, bis er euch von selbst ins Garn geht? Wo ist Korporal Waldow, der diese Station kommandiert?«

Die Werber machten große Augen, und einer antwortete:

»Draußen im Stall.«

»Herein mit ihm!«

Das klang so gebieterisch, so unwiderstehlich, daß der Genannte tatsächlich gerufen wurde. Er trat ein. Kaum hatte er den Büttel erblickt, so warf er sich in dienstlich stramme Haltung. Die anderen vier folgten erschrocken seinem Beispiel.

»Korporal Waldow, weiß Er, was Er ist?«

»Zu Befehl, Exzellenz!«

»Nun, was denn?«

»Korporal der ersten Kompanie von Euer Durchlaucht Regiment Anhalt-Dessau.«

»Das wohl. Im übrigen aber ein ganz gewaltiger Esel, ein Ochse, wie er gar nicht dümmer sein kann!«

Der Korporal antwortete nicht. Er war bleich geworden, blickte aber dem Fürsten fest ins Auge, wie es Vorschrift war.

»Exzellenz haben mich bei Namur gesehen, dann bei Kaiserswerth, Venloo, Stephanswerth und Roermonde, nachher bei Höchstädt, am Oglio, bei Cassano und Turin, bei Novara, Mailand, Pizzighettano und so weiter. Da haben der Herr General niemals zu mir gesagt, daß ich ein Esel oder Ochse sei!«

Die finstere Stirn des Fürsten klärte sich wieder auf.

»Hm, ja! Er ist ein Dessauer Kind, hat mich auf allen meinen Feldzügen begleitet und stets seine Pflicht getan. Aber warum nimmt Er diese Schafsköpfe nicht besser in die Schule?«

»Sie sind von den neuen Leuten aus Brandenburg, Exzellenz. Für ihre Köpfe kann ich nicht. Leutnant von Hallau hat sie mir gegeben, weil ich hier nur Leute gebrauchen kann, die der Bevölkerung der Umgegend noch nicht als Soldaten bekannt sind.«

»So hat Er ja den Ladestock. Das ist das beste Mittel, ein zusammengedorrtes Gehirn aufzuweichen. Damit macht man einen Brandenburger Ochsen in vierzehn Tagen zum Professor der Weltweisheit. Merke Er sich das, sonst mache ich diesen Versuch an Ihm selber! Doch, jetzt höre Er: In einigen Minuten wird ein Kerl hier vorüberkommen, den ich haben muß. Er ist gewachsen wie eine Eiche und gibt einen Flügelmann, der sich sehen lassen kann. Kehrt er ein, so nehmt Ihr ihn hier, will er aber vorüber, so faßt Ihr ihn draußen. Er spricht, er sei ein Lohgerber aus Oschersleben und wolle nach Quedlinburg. Ich glaube es ihm aber nicht. Vielleicht gibt er sich bei Euch für etwas anderes aus. Verstanden?«

»Zu Befehl, Durchlaucht.«

»Wenn Er ihn fest hat, so bringt Er ihn mir selber nach Halberstadt, und hier den Bock dazu, den ich geschossen habe. Der Kerl ist stark genug; er mag ihn tragen. Fangt Ihr mir den, so will ich ein Auge zudrücken über die Dummheit von vorhin. Gott befohlen!«

Er trank sein Bier aus, warf dem Wirt ein Geldstück hin und verließ den Krug. – – –

Der Lohgerber erhob sich aus dem Gras; aber statt seinen Weg auf der Straße fortzusetzen, trat er in den Wald und schlug die Richtung quer durch die Büsche nach Quedlinburg ein.

Unterdessen war der junge Handwerksbursche, der dritte Mann auf der Landstraße, an den Krug gekommen, ohne jemandem begegnet zu sein. Er war wohl von einem langen Weg ermüdet; denn er trat in die Schenke ein und ließ sich auf demselben Stuhl nieder, auf dem kurz zuvor der »Alte Dessauer« gesessen hatte. Außer dem Wirt befand sich jetzt nur noch der Korporal in der Stube. Er schien den Eingetretenen gar nicht zu bemerken. Dieser öffnete seinen Ranzen und zog eine mächtige Blutwurst daraus hervor, die er ohne Brot zu verzehren begann. Dazu ließ er sich ein Glas Bier geben.

»Woher des Weges?« fragte der Wirt. »Wohl von Oschersleben?«

Der Fremde nickte.

»Was ist man denn?«

»Sieht Er das nicht, Er Rhinozeros? Ein Handwerksbursche!«

»Hm, Er scheint unter dem wilden Viehzeug sehr bewandert zu sein! Was hat Er denn für ein Handwerk gelernt, he?«

»Bürstenbinder.«

»Glaub es! Grob genug ist Er dazu, und das Saufen hat Er auch gelernt. Schlingt dieser Kerl einen solchen Doppelkrug Braunbier in einem einzigen Zug hinunter! Wo ist man denn geboren, he?«

»Im Bett!«

»Alle Wetter! Nun bin ich so klug wie zuvor. Aber ich möchte doch gern wissen, was für einen Landsmann man vor sich hat.«

»Ich bin ein Lappländer.«

»Das sieht man an den Wurststücken, die Er hinunterlappt! Er hat ein Gefälle wie ein Bulldogge.«

»Wenn Er sich so um mein Gefälle kümmert, so sehe Er zu, daß der Krug nicht in alle Ewigkeit leer stehenbleibt, sonst fahre ich Ihm mit meinem Knotenstock zwischen die Beine, daß sie in Bewegung kommen!«

»Hm, Er ist noch ein junger Kerl, aber man kann von Ihm viel lernen.«

Der Wirt brachte das Bier und ließ sich neben dem angeblichen Bürstenbinder nieder.

»Ist Er nicht vor ganz kurzer Zeit bereits einmal Lohgerber gewesen?«

»Lohgerber? Nein. Aber ich kann es gleich werden. Wenn Er mir noch einmal mit einer solch albernen Frage in die Quere kommt, so gerbe ich Ihm das Fell, daß das Pergament in Fetzen davonfliegen soll!«

»Auch nicht übel! Er hätte bedeutende Anlagen zum Adjutanten beim Fürsten Leopold oder beim Kronprinzen Friedrich Wilhelm, den beiden gröbsten Kerlen, die es gibt.«

»Sage Er ihnen dies einmal selber, Er Lausewenzel, Er!«

»Mag von dieser Ehre gar nichts wissen! – Na, na, nehme Er sich nur Zeit. Weiß Gott, der Doppelkrug ist schon wieder leer!«

»Mach Er ihn voll!«

»Das wollte ich wohl. Aber hat Er denn auch Geld?«

»Will Er wohl auf der Stelle einschenken, oder soll ich nachhelfen?«

»Wenn Er Geld hat, werde ich Ihm einschenken, sonst nicht. Zeige Er seinen Beutel her!«

»Erst den Stock, dann das Bier, und zuletzt den Beutel!«

Mit diesen Worten holte der Bursche aus und zog dem Wirt den Stock mit einem kräftigen Jagdhieb über den Rücken. Der Getroffene sprang auf und wollte den anderen fassen, merkte aber sofort, daß er seinen Meister gefunden hatte. Denn der junge Mensch packte ihn bei den Hüften, hob ihn empor und schleuderte ihn zur Erde.

»Waldow, zu Hilfe!« rief der Wirt.

»Schon da!« antwortete der Korporal.

»Zurück!« gebot der Handwerksbursche und hielt den Knotenstock erneut zum Schlag bereit.

»Gibt es nicht bei mir, mein Junge! Wirst wohl folgen müssen.«

Der Korporal griff zu, erhielt zwar einen Hieb, den er nicht abzuwehren vermochte, hatte aber auch im nächsten Augenblick seine Arme so um den Jüngling geschlungen, daß dieser trotz aller Anstrengung sich kaum zu regen vermochte.

»Herein, Leute!« rief der Korporal dabei.

Die Nebentür öffnete sich, und die vier Werber traten ein.

»Wir haben ihn. Gebt ihm den Hut auf den Kopf und das Aufgeld in die Tasche!«

Sie setzen dem Handwerksburschen den Dreispitz auf und steckten ihm einige Münzen zu. Dann ließ ihn der Korporal los, entriß ihm aber vorher den Stock.

»So, mein Bürschchen! Weißt du nun, wieviel es geschlagen hat? Wir sind Werber im Dienst Seiner Durchlaucht des Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau. Du bist jetzt unser. Dein Stock ist mein, und er kommt erst dann in Anwendung, wenn es dir bekommen sollte, mir Widerstand zu leisten.«

»Kerl, hast du Arme! Die sind ja von Eisen!«

»Oh, mit so einem Jüngelchen wird man schon fertig. Aber merke dir: Mit dem ›Du‹ ist es nun nichts mehr. Ich bin der Herr Korporal Waldow und werde ›Er‹ genannt!«

»Schön, Herr Korporal; ich werde Ihm die gebührende Achtung schenken.«

»Na, Er scheint wenigstens gute Anlagen zum Gehorsam zu besitzen und sich in sein Schicksal ergeben zu wollen.«

»Das tu ich auch. Es ist ja doch nicht mehr zu ändern.«

»Bravo! Glaube Er mir, es gibt keinen besseren Rock als den des Königs. Wenn Er die Kleinigkeit von zwölf bis fünfzehn Jahren abgedient und seine Pflicht dabei getan hat, kann Er gar einmal Korporal werden, so wie ich. Er sieht, daß ich seine Willigkeit anerkenne; denn ich nenne Ihn jetzt noch Er, was allerdings anders wird, sobald Er eingekleidet ist. Er wird auf der Stelle nach Halberstadt geschafft. Entscheide Er, ob Er mir gutwillig folgen will, oder ob ich Ihn binden soll?«

»Ich gehe freiwillig mit.«

»Freut mich! Aber denke Er ja nicht, mich anzuschmieren. Diese vier Männer werden uns begleiten. Ein Entkommen ist also unmöglich. Sobald Er versucht, uns durchzubrennen, wird Er geschlossen und als Deserteur betrachtet, der Spießruten laufen muß. Ich meine es gut mit Ihm, also bedenke Er sein Wohl.«

»Werde gehorsam sein, Herr Korporal. Doch sagt mir, an welchen Offizier ich abgeliefert werde.«

»Ich habe Ihn an Durchlaucht selbst abzugeben. Aber fürchte Er sich nicht. Der Fürst hat ein Gemüt wie ein Kind. Er kann mit ihm reden wie mit einer gebackenen Apfelfrau. Jetzt aber müssen wir einmal sehen, was Er in seinem Ranzel hat.«

»Da wird der Herr Korporal nicht viel finden, was er brauchen kann.«

»Will gar nichts finden! Wir sind ehrliche Werber und keine Straßenräuber. Was sein ist, das bleibt auch sein. An seinem Eigentum vergreifen wir uns nicht, und wenn Er tausend Taler im Felleisen hätte, was Ihm aber nicht einfallen wird.«

Der Rekrut lächelte. Der Korporal untersuchte das Ranzel. Er brachte zunächst ein mächtiges Stück Schinken und dann eine Brieftasche und einen Beutel zum Vorschein. Er beroch den Schinken und nickte.

»Vorzüglich! Echt aus Westfalen! Davon könnte Er mir ein Stück losschneiden!«

»Der Herr Korporal kann ihn ganz behalten.«

»Danke! Man sieht schon jetzt, daß Er ein tüchtiger Grenadier wird, mit dem seine Herren Vorgesetzten zufrieden sein werden. Aber, alle Wetter, ist der Beutel schwer! Was ist darin, he?«

»Seh Er nur immer hinein!«

Der Korporal öffnete.

»Donnerwetter! Was ist denn das? Gold, reines Gold, lauter Goldstücke! Kerl, wo hat Er die her?«

»Von meinem Vater als Reisegeld.«

»Schnickschnack! Ein Bürstenbinder kriegt nicht so viel Reisegeld mit. Wieviel ist es denn?«

»Gerade tausend Taler.«

»Tausend Taler? Himmel Element! Kerl, Er hat das Geld doch nicht etwa gar gestohlen?«

»Warum nicht gar!«

»Hm! Er sieht mir allerdings nicht wie ein Spitzbube aus. Und was ist in der Brieftasche?«

»Seh Er hinein!«

Der Korporal zog zunächst einige Papiere hervor. »Was sind das für Wische? Das ist ja eine fremde Sprache!«

»Es ist Latein und Französisch.«

»Versteht Er das?«

»Ja.«

»Sapperlot, dann ist Er ja ein verdammt gescheiter Bürstenbinder! Na, ich sehe schon, daß Er Karriere machen wird. Vielleicht bringt Er es bereits in zehn Jahren zum Korporal. Nun weiter, hier! Das ist doch, hol mich der Kuckuck, schon wieder Geld, Papiergeld die schwere Menge! Wieviel ist das, he?«

»Neuntausend Taler.«

»Neun – tau – – send – – – Ta – – – – ler!« rief der Korporal, die Hände zusammenschlagend. »Ein Bürstenbinder, ein Handwerksbursche, und zehntausend bare Taler im Ranzen? Verdammter Kerl, Er ist ein Räuberhauptmann!«

»Meinetwegen! Übergebt das Geld dem Fürsten! Er mag untersuchen, ob ich ein Räuber bin.«

»Ja, das werde ich. Der Ranzen wird mit zehn Siegeln versiegelt. Er hat wohl auch in der Tasche Geld?«

»Ein wenig.«

»Zeig Er her!«

Der Rekrut zog einen langen, zweizugigen Beutel hervor und gab ihn hin. Der Korporal schüttete den Inhalt auf den Tisch und zählte ihn.

»Gold und Silber! Dreihundertundvierundsechzig Taler, neunzehn Groschen und elf Pfennig! Mensch, wo hat Er das Geld her? Gesteh er es!«

»Von meinem Vater!«

»Na, dieser Vater wird wohl noch herauszubekommen sein! Ich werde Ihn doch noch binden müssen. Solch gefährliche Subjekte läßt man nicht frei in der Welt herumlaufen. Übrigens hat Er hier den Rehbock zu tragen.«

»Ich? Fällt mir nicht ein!«

»Fällt Ihm recht sehr ein, merke Er sich das! Wenn Er sich weigert, setzt es fürchterliche Keile. Mit Ihm wird kein Federlesen gemacht!«

Der Beutel wurde in den Tornister getan und dieser versiegelt. Der Rekrut erhielt ihn auf den Rücken geschnallt, seine Hände wurden gefesselt, und nachdem man ihm den Rehbock über die Schulter gehängt hatte, setzte sich der Zug in Bewegung. –

 

Unterdessen war Fürst Leopold in seinem Quartier in Halberstadt eingetroffen. Er fand im Vorzimmer mehrere Offiziere, die sich zum Bericht eingefunden hatten. Auf seinem Schreibtisch lagen einige Briefe, die er sofort öffnete, um sie zu lesen. Der eine war mit dem Königlichen Privatsiegel versehen. Leopold hob ihn bis zuletzt auf und hatte dann außerordentliche Mühe, die sehr unleserliche Schrift zu entziffern. Schreiben und Lesen gehörten für ihn zu den größten und verhaßtesten Anstrengungen. Hier war diese Anstrengung doppelt groß, und nur mit Hilfe einiger hundert Kernflüche brachte er es endlich fertig, den Brief zu lesen. Er lautete mit Auslassung des Datums:

An Unseren Liebwerten, treyen und besunderbarlich geehrten General Leopold, Fürsten und Herrn von Anhalt-Dessau usw. zu Halberstatt

Ew. Lübden diene vürdersammst zur Nachricht, das Wier in Hult Ewer gedenken, zumahlen die politischen Konstellazionen sich dermaaßen präsentuiren, das Wier Unß Ewrer Hülfe zu getrößten gedenken.

Maaßen wir Uns veranlaßt sehen, Unseren vielliewen Son, den Kronprinßen Friedrich Wilhelm Euch nag Halwerstatt zu senden, damiet Ew. Lübden des Näheren von Ihme selpst müntlich in Erfarung bringen sol. Wolen auch Ew. Lübden Sich sofort auff Seyne Ankunft forbereidten, da Er nuhr kurze Zeidt nach Dießen bei Euch eintreffen wirdt.

Indeme Wier Unß des Beßten von Euch versehen, hofen wier daß beßte Gelingen und versichern Euch Unßerer ganz besonderbaren, gnädigen Freundschaft und Neigung, um zu seyn

Ewer Bruder und König Friedrich.

Dieser merkwürdige Brief brachte eine gewaltige Wirkung hervor. Leopold eilte an die Tür und öffnete sie. Die Herren da draußen waren in einer halblauten Unterhaltung begriffen.

»Ruhe!« donnerte er. »Seine Königliche Hoheit, der Kronprinz Friedrich Wilhelm treffen heute zum Besuch hier ein. Das Regiment exerzierbereit und paradefertig halten, sonst soll euch alle der Teufel holen! Jetzt eintreten zum Rapport! Aber kurz machen! Habe keine Zeit, mich mit Lappalien abzugeben.«

Was noch niemals geschehen und bei seiner Peinlichkeit in militärischen Dingen ein wirkliches Ereignis war, er hatte die Uniform anzulegen vergessen und nahm den Rapport in demselben Anzug entgegen, den er draußen im Wald getragen hatte. Noch aber waren kaum zehn Minuten vergangen, so wurden die Herren durch den Diensthabenden gestört, der einzutreten wagte, obgleich dies nur bei außerordentlichen Veranlassungen gestattet war.

»Was will Er?« fuhr ihn Leopold an, erzürnt über die Störung.

»Exzellenz verzeihen! Der Korporal Waldow ist draußen und sagt – –«

»Der Waldow? Ist er allein?«

»Nein. Er hat vier Mann Begleitung bei sich, um Euer Durchlaucht einen soeben erworbenen Rekruten vorzustellen.«

»Mag eintreten! Der Rekrut aber wartet draußen, bis ich ihn befehle!«

Während der Wachhabende abtrat, wandte sich Leopold an die Offiziere:

»Bin neugierig! Werden einen Kerl sehen, wie wir noch keinen gesehen haben.« Er rieb sich in bester Laune die Hände und fuhr dann fort: »Sieben Schuh hoch, ein Riese unter den Riesen und wohl gebaut! Ein wahrer Simson, ein Koloß zu Rodach oder wie das Nest geheißen hat! Ein Mensch, gerade wie der lange Seeström, für den ich zweitausend Taler geben würde, wenn ich ihn bekommen könnte.«

Der Korporal trat ein.

»Nun, Waldow?«

»Gehorsamst zu melden, wir haben ihn!«

»Wollte es Euch auch geraten haben! Hat er viel Sperenzien gemacht?«

»Gar keine.«

»Wundert mich. Wäre der Kerl dazu, euch alle fünf in Grund und Boden zu stampfen. Scheint kein couragierter Mensch zu sein, werden ihm aber schon den gehörigen Mut einbläuen.«

»Gehorsamst zu vermelden, Durchlaucht, Mut hat der Kerl, und grob war er auch wie – wie der Teufel. Er fing gleich von Anfang Skandal mit dem Wirt an, hieb ihm eins mit dem Knotenstock über und warf ihn zu Boden wie ein Kind. Nachher bekam ich auch eins über den Arm, daß ich lange daran denken werde. Als wir ihm aber das Handgeld und den Hut gaben, war er wie umgewandelt und fügte sich sofort. Muß gern Soldat sein, der Kerl, das war ihm anzusehen.«

»Desto besser. Schick ihn herein!«

»Bitte untertänigst noch um eine Bemerkung, Exzellenz! Der Mensch ist entweder ein Spitzbube oder ein Räuberhauptmann.«

»Wa – wa – wa – was? Bist du verrückt?«

»Nein, Durchlaucht. Er ist ein Bürstenbinder und – –«

»Ein Lohgerber!«

»Zu mir sagte er, er sei ein Bürstenbinder, und er hatte in seinem Tornister eintausend Taler in Gold und neuntausend Taler in Papier. Und außerdem befanden sich in seinem Beutel mehrere hundert Taler in Gold und Silber. Das Geld hat er zusammengeraubt.«

»Alle Teufel! Hat er das gestanden?«

»Nein. Er sagte, er habe es von seinem Vater.«

»Immerhin möglich. Werde ihn ausfragen und ihm den Satan auf den Hals bringen, wenn er die Wahrheit verschweigt. Wo ist der Ranzen?«

»Er hat ihn noch auf dem Rücken. Ich habe ihn zehnfach versiegelt.«

»Gut! Wie steht es mit meinem Bock?«

»Er hat ihn hierher getragen, wie Eure Durchlaucht befahlen.«

»Hast du das Tier in der Küche abgegeben?«

»Nein; er hat ihn noch überhängen.«

»So mag er ihn mit hereinbringen. Es ist ein Kapitalbock, den die Herren sehen müssen. Also herein mit dem Kerl!«

Der Korporal trat ab und brachte gleich darauf seinen Rekruten hereingeführt. Dieser war noch immer gefesselt und schleppte seinen Tornister und den Rehbock auf dem Rücken. Trotz dieser Bürde trat er leicht und rüstig vor, nahm Stellung und grüßte:

»Durchlaucht, eingetroffen als Rekrut!«

»Himmel-Kreuz-Bataillon-Schock-Schw – – –!«

Der Fürst war einige Schritte zurückgewichen, hatte vor Schreck die Arme hochgehoben und den Mund aufgerissen, als ob ihm jemand bis in den Magen hinuntersehen solle. Der Fluch blieb ihm diesmal im Mund stecken. Auch die Gesichter der meisten Offiziere zeigten einen Ausdruck, der deutlich von Bestürzung sprach.

Der Rekrut dreht sich zu dem Korporal um:

»Korporal Waldow, Er hat recht: Mit dem Fürsten von Anhalt-Dessau kann man reden wie mit einer gebackenen Apfelfrau. Er sperrt das Maul auf, als hätte er die Apfeldorre im Bauch!«

Jetzt bekam Leopold die Sprache wieder:

»Hol mich der Teufel; es ist wirklich wahr! Königliche Hoheit! Alle guten Geister loben ihren Meister! Königliche Hoheit als Rekrut, mit meinem – mit – hahahaha – mit mei – hahahahi – mit meinem – hahihi hahihihi – mit meinem Bock auf – hihihihi auf dem – hihihi – auf dem Buckel – hihihi hihihihi –!«

Er hatte sich bei den ersten Worten alle Mühe gegeben, das Lachen zu unterdrücken. Aber er brachte es nicht fertig. Und aus dem anfänglichen Lachen wurde nach und nach ein wieherndes Gekicher, das schon mehr dem Trompeten eines Elefanten glich und fast in einen Lachkrampf ausartete. Der Fürst mußte sich auf einen Stuhl werfen, schob den Kopf über die Lehne, streckte die Füße weit von sich, legte die Hände auf den Bauch und brüllte nun ein solches Klarinettengelächter hinaus, daß die Wände des Zimmers zu wackeln schienen.

Auch die Mehrzahl der Offiziere hatten den Kronprinzen Friedrich Wilhelm sogleich erkannt. Sie strengten sich tapfer an, sich von dem Lachen des Fürsten nicht anstecken zu lassen, aber auch sie wurden davon ergriffen. Und nun ließ sich der Kronprinz selbst mit schallender Stimme hören:

»Himmeldonnerwetter, Durchlaucht, nur um Gottes willen nicht zerplatzen, hihihihiiiiihhh!«

Da konnte sich keiner von ihnen mehr halten, und es brach ein Lachchor los, der nicht eher endete, als bis die Tür aufgerissen wurde und eine weibliche Gestalt eintrat.

»Was ist denn um Gottes willen hier los, Leopold? Man hört das ja über die ganze Stadt hinweg!«

»Hahahahihihi – was hier – hahihihi – hier los ist, hiiii? Anneliese, hahihihihahaha – komm einmal her, und hihihahaha, und sieh dir den Kerl hier an – hohohohohuuuh!«

Die Fürstin trat näher, blickte dem Rekruten ins Gesicht und schlug die Hände zusammen.

»Königliche Hoheit! Herrgott, als Handwerksbursche und mit diesem Tier da! Wie geht das zu?«

Auch der Kronprinz lachte noch aus vollem Hals.

»Hahahaha – Durchlaucht entschuldigen – hihihohoho diesen Bock – hahahihihohoho – habe ich für Eure Küche herschleppen müssen – hohohohohohooooh!«

»Für – meine Küche? Wie geht das zu?«

»Fragt den da, Durchlaucht! Der hat – hahahihoho – es mir – es mir befohlen – hohohoho!«

»Ist's möglich?«

»Jahahahaha!«

Das gab dem Fürsten auf einmal seinen Ernst wieder. Er erhob sich und trat mit drohender Miene hart an den Korporal heran.

»Kerl, Schlingel, Taugenichts, Halunke, ich lasse Ihn fuchteln, bis es keinen Ladestock im Regiment und keinen Haselzweig mehr in Deutschland gibt! Wie hat Er Himmelhund denn diesen hirnverbrannten Streich zuwege gebracht?«

Der arme Teufel hatte dieses Gewitter längst erwartet und darum war ihm vor lauter Herzensangst nicht das geringste Lächeln angekommen. Er wußte, daß der Kronprinz von Preußen, der nachmals als König Friedrich Wilhelm I. eine solche Strenge und Rücksichtslosigkeit entwickelte, daß er sogar seinen eigenen Sohn, den späteren Friedrich den Großen, erschießen lassen wollte, der barscheste Offizier des ganzen Heeres sei und sich gewöhnt hatte, trotz seiner achtzehn Jahre im Notfall selbst den ältesten und verdientesten Militärs entgegenzutreten. Er hatte diesen Prinzen einen Spitzbuben und Räuberhauptmann genannt! Es war ihm, als sei der Jüngste Tag gekommen und er stehe mitten unter den Böcken, die dahin müssen, wo Heulen und Zähneklappern ist.

Trotz dieser entsetzlichen Angst versuchte er sich zu fassen und eine ruhige Antwort zu geben:

»Exzellenz verzeihen allergnädigst! Ich habe handeln müssen, wie mir befohlen war.«

»Befohlen? Heiliges Hagelwetter! Hab ich Ihm befohlen, Seine Königliche Hoheit, den Kronprinzen von Preußen zu arretieren und ihm diesen vermaledeiten Rehbock an den Hals zu hängen, he?«

»Exzellenz haben mir befohlen, den Kerl, der gleich danach in den Krug kommen werde, zum Rekruten zu machen und ihn den Bock hierher tragen zu lassen.«

»Ich habe ihm allerdings befohlen, daß Er den Kerl festnehmen soll. Aber sind Seine Königliche Hoheit der Kerl, den ich meinte?«

»Ich habe nicht die Ehre, Seine Königliche Hoheit zu kennen, und da Allerhöchstdieselben zuerst kamen und sich für einen Handwerksburschen ausgaben, so mußte ich meine Pflicht erfüllen.«

»Der Kerl ist, weiß Gott, unverbesserlich. Er will seine Schuld nicht einsehen! Hoheit, ich gebe ihn in Eure Hände. Tut mit ihm, was Euch gefällt! Er gehört Euch!«

Friedrich Wilhelm, der sich durch das Vergnügen, das er gehabt hatte, zur Milde gestimmt fühlte, lächelte. »Übergebt Ihr ihn mir wirklich, Durchlaucht?«

»Mit Leib und Leben!«

»Dann habe ich also auch das Recht, ihn wieder zu verschenken?«

»Natürlich!«

»Nun gut, so übergebe ich ihn Euch, liebe Fürstin. Bestraft oder begnadigt ihn, ganz wie es Euch gefällt!«

»Himmelsapperlot, das ist falsch, Hoheit! Die würde ihn begnadigen, und wenn er Euch gefressen hätte. Die Anneliese hat ein Herz wie Butter.«

»Ich danke, Königliche Hoheit!« meinte dagegen die Fürstin. »Ich werde nicht entscheiden, ohne vorher gehört zu haben. Erzähle, Leopold!«

»Ich? Erzählen? Etwa ein Verhör anstellen zwischen mir und diesem Schwerenöter? Hm, na meinetwegen, weil du es bist, Anneliese. Also da draußen im Wald liegt ein Mensch, wenn den der Herrgott recht angesehen hätte, so hätte er ihn in den Himmel geholt, um ihn zum Flügelmann in seiner Leibgarde zu machen, ein Mensch, sage ich Euch, der beinah noch einen Kopf länger ist als ich selber. Und ein paar Schultern hat er, wie der Atlas, der früher die Erde auf seinen Achseln getragen hat. Ich renne also nach der Station und befehle diesem Halunken hier, ihn abzufangen, wenn er kommt. Und was tut die Rotte Korah, Nathan und Abraham? Sie fängt mir statt des Kapitalburschen die Königliche Hoheit weg. Ist das nicht geradezu zum Verrücktwerden? He?« –

»Hattest du den Mann näher bezeichnet?«

»Natürlich! Er sagte mir, daß er im Krug einkehren werde, und so gab ich den Befehl, den ersten, der kommen würde, festzunehmen.«

»Und wer ist der erste gewesen, Korporal?«

»Seine Königliche Hoheit.«

»Leopold, der Korporal ist unschuldig!« sagte die Fürstin. »Er hat sich ganz genau nach deinen Worten gerichtet!«

»Aber wo ist denn nun der Richtige geblieben?«

»Der Richtige? Himmelheiliges Pech, das ist ja wahr! Wo ist er geblieben, Korporal?«

»Halten zu Gnaden, Exzellenz, ich weiß es nicht.«

»Was? Er weiß es nicht? Hinaus mit dir! Und wenn du mir den Richtigen nicht bringst, so karbatsche ich dich mit eigener Hand, daß du die Cherubim und Seraphim im Himmel pfeifen und trommeln hörst!«

Nichts konnte dem Korporal so willkommen sein, wie dieser Befehl. An den Nachsatz, der für ihn höchst bedenklich war, dachte er vorläufig nicht weiter. Er machte sich schleunigst aus dem Staube.

»War der Mensch denn wirklich so ausgezeichnet?« fragte der Kronprinz. Friedrich Wilhelm war womöglich ein noch leidenschaftlicherer Liebhaber großer Soldaten als der Fürst. Es ist ja bekannt, daß er als König trotz seiner peinlichen Sparsamkeit bisweilen fünfzehnhundert Taler für einen solchen Mann bezahlte.

»Ausgezeichnet? Geht mir mit diesem Ausgezeichnet! Es sagt noch viel zu wenig. Ein Simson ist er, und wenn ich ein Regiment solcher Kerls hätte, so schlüge ich mit ihm ganz allein an die fünfmalhunderttausend Gegner in die Flucht.«

»So müssen wir ihn haben!«

»Ja, wir müssen ihn haben, und wenn er auf den Mond gelaufen wäre! Ist das ein Elend! Wenn man nur wüßte, wo der Kerl steckt! Im Wald ist er längst nicht mehr.«

»Wo kam er denn her?«

»Aus Oschersleben. Aber er stammt aus Bernburg. Sein Vater heißt Silberling. Es gibt bloß einen einzigen Silberling dort.«

Da trat einer der anwesenden Offiziere vor.

»Pardon, Königliche Hoheit! Pardon, Exzellenz! Der Karl hat eine Lüge gesagt. Ich kenne den Silberling in Bernburg, denn ich habe bei ihm im Quartier gelegen. Er hat gar keine Kinder und einen zweiten Silberling gibt es nicht.«

»Donnerwetter, so hat mich der Mensch geleimt! Wehe ihm, wenn ich ihn bekomme! Dann ist er wohl auch gar nicht aus Oschersleben, und wer weiß, wer er eigentlich ist. Ein solcher Kerl kann gar nicht vom Zivil sein, denn den hätten die Werber längst weggeschnappt. Es wird doch nicht etwa ein Geheimbote des Kurfürsten von Sachsen oder des Schwedenkönigs sein!«

»Möglich!« meinte der Kronprinz. »Oberst Ravenau, der beim König in geheimen Geschäften ist, hat mir geschrieben, daß der lange Seeström auf Urlaub ist. Ich erkundigte mich nach ihm, weil ich ihn gern haben möchte.«

»Alle neunundneunzigtausend Teufel! Am Ende ist er es gar gewesen. Ich habe hier die eisernen Ladestöcke, den Gleichschritt und das neue Exerzitium eingeführt, und ich halte es für sehr möglich, daß der Schwede auf den Gedanken kommt, mir diese vorteilhaften Neuerungen ablauschen zu lassen!«

»Wo wollte der Fremde hin?« fragte der Kronprinz.

»Nach Quedlinburg, aber um Halberstadt herum.«

»Es ist möglich, daß er Euch auch damit belogen hat.«

»Das soll ihm schlecht bekommen; denn ich werde ihn dennoch fangen. Ich lasse die ganze Gegend besetzen und nach ihm absuchen. Ich lasse jedes Haus in der Stadt und auf den Dörfern umwenden, und es müßte mit dem Satan zugehen, wenn er mir entkäme.«

Der Kronprinz war für eine solche Rekrutenhetze begeistert und bemerkte:

»Macht Euch keine Sorge, Durchlaucht! Ihr wißt, daß ich überflüssige Schnirkeleien nicht leiden mag. Der Kerl muß gefangen werden, und ich werde selbst mithelfen. Wenn Ihr Streifscharen in die Gegend von Quedlinburg, Oschersleben und Thale aussendet und die Stadt mit ihrer Umgebung gut absuchen laßt, so werden wir den Urian bekommen, und dann könnt Ihr ja den Preis sagen, für den ich ihn erhalten kann.«

»Schön, Hoheit! Werde auch selbst mitsuchen und brauch mich also auch nicht in Gala zu werfen. Anneliese, schaff etwas zum Schlucken und Beißen und laß hier den Bock abholen! Er braucht sich nicht jetzt und in alle Ewigkeit hier herumzusielen!«

»Und meinen Ranzen«, fügte der Kronprinz bei, »übergebe ich Euch. Den Inhalt werden wir vielleicht gut brauchen können. Habt Ihr die Zuschrift meines gestrengen Vaters erhalten?«

»Gleich vorhin erst.«

»Ich weiß nicht, was er schreibt. Darf ich den Brief einmal sehen?«

»Hier ist er! Hat mir viel Mühe gemacht. Will lieber auf eine Festung Sturm laufen, als solchen Krimskrams enträtseln.«

Der Kronprinz las das Schreiben und meinte dann:

»Steht gar nichts drin. Werde Euch alles ausführlich erzählen müssen. Doch das hat noch Zeit. Gebt also Eure Befehle, daß die Hetze losgehen kann!«

Der Gegenstand dieser Unterredung, der angebliche Lohgerber, war unter dem Schutz des Waldes bis auf drei Viertelstunden an die Stadt herangekommen. Am Saum des Forstes blieb er halten, um die Gegend zu erkunden. Vor ihm lag ein niedrig gehügeltes Gelände mit fruchtbaren Feldern und Wiesen, die hier und da durch ein dünnes, durchsichtiges Buschwerk getrennt wurden.

»Hm«, meinte er halblaut zu sich selbst, »fatale Geschichte! Ich muß den Klas Baldauf unbedingt sprechen. Ich muß also auf alle Fälle in die Stadt. Aber ich komme in Gefahr, wenn man mich sieht. Der Büttel war kein anderer, als der Dessauer selbst. Er wird das Blaue vom Himmel herunter wettern, wenn er hört, daß sie mich nicht ergriffen haben, und ich setze meinen Kopf zum Pfand, daß er die ganze Gegend nach mir absuchen läßt. Geh ich durch eins der Tore in die Stadt, so bemerkt man mich; denn meine Größe fällt auf. Springe ich irgendwo über die Mauer, so ist das erst recht gefährlich. Was tun? Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mich möglichst nahe heranzupirschen und dann zu sehen, was zu machen ist.«

Er schritt in der Richtung nach Halberstadt weiter, indem er jede Begegnung sorgfältig zu vermeiden und sich durch die Büsche zu decken versuchte. Hätte er gewußt, daß man gerade damals so fleißig an einem neuen, jenseits der Holtemme gelegenen Stadtteil baute, so wäre er nicht so sehr besorgt gewesen, in die Stadt zu kommen.

Das Gelände brachte es mit sich, daß er nicht in gerader Richtung gehen, sondern einen Bogen um die Stadt schlagen mußte. Da erblickte er die vor der Mauer gelegenen neuen Gebäude, bei denen zahlreiche Arbeiter beschäftigt waren. Ein befriedigtes Lächeln glitt über sein Gesicht. Er ging geradewegs auf einige Zimmerleute zu, die nicht weit von ihm mit dem Behauen von Balken beschäftigt waren. Er grüßte und fragte:

»Könnt ihr mir nicht sagen, wo in der Stadt ein Gastwirt namens Hilarius Wolf zu finden ist?«

»Der Hilarius?« antwortete einer. »Der wohnt gar nicht mehr da drüben. Der wird doch nicht so dumm sein und sich dort hinüber setzen, wo es hier hüben einen Batzen zu verdienen gibt. Sehe Er sich das Haus dort an, das ist der Gasthof ›Zum Leopold‹. Da wohnt der Hilarius Wolf.«

»Lebt seine Frau noch?«

»Die lange Margarete? Die lebt noch; die stirbt nimmermehr.«

»Haben sie Kinder?«

»Fällt ihnen gar nicht ein. Sie sind ganz allein und haben nur den schwarzen Klas bei sich, den alten Eulenspiegel. Er will wohl zum Hilarius?«

»Ja.«

Mit diesen Worten ging er weiter, gerade auf das bezeichnete Haus zu. Es war noch neu, und über seiner Tür prangte ein riesiges Schild mit einem Reiter. Das Pferd sah eher wie ein Ziegenbock aus, und wen der Mann vorstellen sollte, konnte man nur aus der Unterschrift erraten. Sie lautete »Gasthof zum Leopold«, war aber samt Pferd und Reiter vom Regen bereits wieder verwaschen.

Eben, als er eintreten wollte, war ein anderer im Begriff, herauszukommen. Sie stießen zusammen, machten erst erzürnte, dann überraschte Gesichter und faßten sich schließlich bei den Händen.

»Klas!« rief der Fremde.

»Leutnant Erich! Um Gottes willen, wenn man Euch sieht!«

»Kannst du mich verstecken?«

»Ja. Kommt herauf, ich will es wagen.«

Er führte ihn die Treppe empor in ein kleines zweifenstriges Stübchen, dessen einfache Möbel erkennen ließen, daß es seine Wohnung sei. Ein Tisch, zwei Stühle, ein Bett und ein Uhrkasten bildeten die ganze Einrichtung. Der aus starkem Eichenholz gefertigte Uhrkasten hatte eine Breite von fast einem und eine Höhe von sicher zwei Metern. Die Uhr fehlte; vielleicht war sie unten in der Gaststube aufgehängt worden.

»Hier herein, Herr Leutnant. Hier seid Ihr sicher.«

»Wer wohnt hier?«

»Ich.«

»Kommt niemand herein?«

»Niemand, außer des Abends einige Freunde, die wir aber jetzt nicht zu erwarten haben. – Doch erlaubt, daß ich erst noch einmal hinuntergehe, um zu sehen, ob wir sicher sind!«

»Bring mir ein Bier und etwas zu essen mit!«

Es dauerte lange, ehe Klas wiederkam. Man hatte ihn gegen seinen Willen aufgehalten. Er stellte Essen und Trinken vor den Leutnant hin und betrachtete ihn dabei mit Augen, aus denen die innigste Liebe und Anhänglichkeit glänzte.

»Nun sagt, wie kommt Ihr nur nach Halberstadt, gnädiger Junker!«

»Ich war in Stralsund und Stettin.«

»Ah, ich denke, Ihr steht beim König in Sachsen!«

»Allerdings. Du weißt, daß wir den Sachsen kleingemacht haben. Der König will nun auch an den Preußen. Der ahnt das und hat ihm den Obersten Ravenau geschickt, um einen Vertrag vorzubereiten. Währenddessen aber rüsten beide. Kommt der Vertrag ja noch zustande, so gibt es nur eine Galgenfrist; der König bricht doch noch los. Daher mußte ich nach Stettin und Stralsund und komm auf dem Rückweg zu dir. Wie steht es mit deiner Aufgabe?«

»Sehr gut. Ich bin fertig.«

»Kennst also das neue Exerzitium?«

»Das Reglement?«

»Ja.«

»Auch! Hab es hier im Tischkasten.«

»Wie kamst du dazu?«

»Sehr leicht. Mit den Papieren, die Ihr mir aushändigtet, fand ich in Halberstadt sofort die Erlaubnis, bleiben zu dürfen. Ich wählte mir einen passenden Dienst und wurde Hausknecht hier beim Hilarius. Zu ihm kommen sehr viele Soldaten, ich trollte oft mit hinaus auf den Exerzierplatz und habe mir die neue Geschichte recht wohl zu Kopf genommen.

»Aber das Reglement?«

»Habe ich von einem guten Freund, der mich oft besucht und hier oben ein Gläschen mit mir trinkt.«

»Wer ist er?«

»Korporal Waldow. Er hat die Werbestation da im Oscherslebener Wald.«

»Ah! Hätte mich heut beinah in die Hände gekriegt!«

»Nicht möglich! Wieso?«

»Ich traf den Dessauer – –«

»Donnerwetter! Doch nicht?«

»Ja. Eben da draußen im Wald. Er hatte einen Rehbock und fing ein Gespräch mit mir an. Ich gab mich für einen Oscherslebener Lohgerber aus, und er suchte mich zu veranlassen, im Krug, der im Wald liegt, einzukehren.

»Da hätten Euch die Werber gegriffen.«

»Glaube es; bin also nicht auf den Leim gegangen. Hast du einen Plan von Halberstadt?«

»Ja. Ist schon längst fertig.«

»Gut! Wird aus dem Vertrag nichts, so schlägt der König los. Der nächste und der schlimmste Feind ist der Dessauer. Daher beabsichtigt der König, Halberstadt zu überrumpeln und den Fürsten mit seinem ganzen Regiment auszuheben. Deshalb bist du hierhergeschickt worden, und deshalb steigt auch der Wachtmeister Roller zwischen hier und Merseburg herum, um sich den Weg zu besehen. Es ist jetzt die Zeit der frühen Kirchweihen. Er benutzt das und geht bald als Leiermann, bald als Vogelhändler umher und kundschaftet dabei Dinge aus, die mancher Offizier nicht herausbringen würde.«

»Aber wenn man ihn ertappt, so ist er geliefert!«

»Ich und du auch. Diese Art von Vergnügen wird nun einmal Spionage genannt und mit dem Strange bezahlt. Habe übrigens verdammt wenig Lust, dergleichen Geschichten auch fernerhin mitzumachen. Schickt sich nicht für einen ehrlichen Offizier. Weiß gar nicht, warum der König allemal mich auswählt, da ich doch wegen meiner Gestalt in größerer Gefahr bin als jeder andere.«

»Er weiß, daß er sich auf Euch verlassen kann.«

»Pah, das weniger! Ich habe so meine eigenen Gedanken, beinah einen Verdacht. Ich habe nämlich eine Braut – –«

»Ihr? Eine Braut? Wollt Ihr mich dumm machen?«

»Ich sage die Wahrheit. Sie ist eine sehr reiche Erbin.«

»Jung?«

»Achtzehn. Beinah so lang und stark wie ich. Aber dabei ein Gemüt wie Wachs, ein Gesicht wie Milch und Blut und einen kühnen, entschlossenen Sinn.«

»Wo wohnt sie?«

»Bei Merseburg. Sie ist eine Waise, und der Herzog von Sachsen-Merseburg ist ihr Vormund. Hole ihn der Teufel!«

»Weshalb?«

»Weil er sie an unseren Obristen Börjesson verschachern will.«

»Ah, an den Liebling des Königs.«

»Der König ist auch für den Plan eingenommen. Was kann ich als armer, kleiner Leutnant dagegen tun? Der Obrist hat erfahren, daß Anna mich kennt und hat dem König einen Floh ins Ohr gesetzt. Nun bürdet man mir Geschäfte auf, die eine lange Abwesenheit mit sich bringen. Die Zeit wird man wohl benutzen. Vielleicht tritt gar der Fall ein, daß ich irgendwo abgefangen werde, und dann hat der Obrist freie Hand. Wenn sie es mir zu toll machen, werde ich ihnen die Rechnung durchstreichen. Wo hast du den Plan und das Reglement?«

»Hier!«

Der Hausknecht zog den Tischkasten auf und nahm die Papiere heraus. Noch aber hatte Seeström sie nicht geöffnet, als sich unten im Flur eine Stimme hören ließ:

»Wird oben in seiner Stube sein.«

»Gut! Steige ich hinauf!«

»Alle Wetter! Herr Leutnant, da kommt dieser verdammte Korporal Waldow!« meinte Klas erschrocken.

»O weh! Wenn man sich nur verstecken könnte!«

»Rasch hinter den Uhrkasten!«

Sie zogen den Kasten von der Wand zurück, und Klas schob ihn, nachdem der Leutnant dahintergeschlüpft war, wieder an die Mauer an. Kaum war er damit fertig, so trat der Korporal ein. Dieser warf sich nach einem außerordentlich mürrischen Gruß auf einen Stuhl und schlug mit der Faust auf den Tisch.

»Klas! Ich erschieße mich, denn sonst läßt mich der Fürst bei lebendigem Leib braten. Denk dir, ich habe Seine Königliche Hoheit den Kronprinzen arretiert!«

»Mensch! Wie kommst du dazu, den Kronprinzen zu arretieren?«

»Ja, das ist es ja eben! Eigentlich bin ich nicht schuld, aber schuld bin ich doch! Ich werde es dir erklären, und dann gib mir einen guten Rat!«

Und der Korporal Waldow erzählte seinem Freund die seltsame Geschichte von der gewaltsamen Anwerbung des Kronprinzen, bis zu der Szene, die es im Empfangszimmer des alten Dessauer gegeben hatte.

»Das ist ja eine ganz verdammte Geschichte!« meinte der andere. »Sollst du denn allein nach ihm suchen, oder haben auch andere noch dabei zu tun?«

»Ich habe nur wenig davon gehört. Aber ich denke, daß man die ganze Gegend mit Streifscharen belegen und auch in der Stadt nachsuchen lassen wird.«

»So kannst du dich trösten. Vielleicht wird man ihn finden. Kommst du grad vom Fürsten?«

»Nicht ganz. Ich habe erst eine halbe Stunde nach meinen Leuten herumgesucht. Die sind jedenfalls hinaus nach der Station und ich bin – – Donnerwetter, da ist Leutnant Kummer! Er weiß, daß ich hier verkehre, wenn ich in der Stadt bin. Er wird mich doch nicht etwa suchen?«

Unten wurde die Stubentür geöffnet, und man hörte eine Stimme fragen:

»Korporal Waldow heut hier gewesen?«

»Ja«, lautete die Antwort. »Er ging vorhin hinauf zum Hausknecht.«

Der Korporal geriet in die größte Angst. Er fuhr in der Stube herum wie eine Maus, die ihr Loch nicht finden kann.

»Kreuzbataillon, wo verstecke ich mich?«

»Ist nicht notwendig. Er mag dich immer treffen!«

»Nein! Er soll mich zum Fürsten schleppen.«

»Fahr unter das Bett!«

»Da sieht er mich. Ich stelle mich hinter den Uhrkasten. Schieb ihn schnell wieder an die Wand zurück!«

Er faßte den Kasten und zog ihn ab, um in höchster Eile dahinterzuschlüpfen, blieb aber sogleich erstarrt stehen, denn an der Wand lehnte ein Mensch, der einen ganzen Fuß länger war als er selber. Wie ein Blitz durchzuckte ihn der Gedanke: das ist der Kerl, den wir suchen!

In diesem Augenblick trat der Leutnant ein. Der Offizier erblickte den Hausknecht und den Korporal, den schwedischen Leutnant aber nicht, weil diesen der halb verschobene Kasten deckte.

»Korporal Waldow, wo treibt Er sich denn herum?«

»Ich bin von Seiner Exzellenz entlassen, Herr Leutnant!«

»Ja, aus dem Audienzzimmer, aber im Vorzimmer hat Er zu bleiben! Hätte ich nicht gewußt, daß Er immer hier zu finden ist, so hätte ich nach Ihm laufen können bis ans Ende der Welt! Er kennt den Oscherslebener Wald?«

»Ganz und gar.«

»So komme Er! Er soll einer Streife durch den Forst als Wegweiser dienen.«

»Um den – Richtigen zu fangen?«

»Ja.«

»Das ist nicht notwendig, Herr Leutnant. Ich habe ihn bereits!«

»Donnerwetter, ist es wahr? Wo hat Er ihn denn?«

»Hier!«

Er deutete hinter den Kasten. Der Leutnant trat näher, und zu gleicher Zeit trat auch Seeström hervor. Er wurde von dem Leutnant mit erstaunten Blicken betrachtet.

»Mensch, was macht Er denn hier hinter dem Uhrkasten?«

»Ich wollte sehen, was es geschlagen hat.«

»Was soll das heißen?«

»Werdet es hören. Ja, ich bin der Richtige, den Ihr sucht. Das will ich gern gestehen. Aber wer ich eigentlich bin, das weiß noch keiner von Euch. Der Herr Kamerad mag Seiner Durchlaucht dem Fürsten von Dessau und Seiner Königlichen Hoheit dem Kronprinzen von Preußen sagen, es sei nicht so leicht, wie sie es sich denken, den Junker Erich von Seeström, Leutnant in Seiner Schwedischen Majestät Regiment Gustav Adolf unter die preußischen Rekruten zu stecken. Nun weiß Er, wer ich bin. Dieser Hausknecht hier ist der Feldwebel Klas Baldauf in meiner Kompanie. Wir empfehlen uns!«

Ein Schlag seiner Faust traf den Leutnant, daß dieser betäubt niederstürzte, ein zweiter brachte auch den Korporal zu Fall.

»Hast du etwas mitzunehmen, Klas?«

»Die Papiere hat der Herr Junker. Weiter brauche ich nichts.«

»Dann vorwärts! Es ist hier nicht mehr recht geheuer.«

Sie traten aus dem Zimmer, stiegen die Treppe hinab und verließen ungehindert das Haus. Auch durch die neuen Straßen kamen sie ohne Belästigung. Als sie aber die Stadt im Rücken hatten, sahen sie, daß die Umgebung von zahlreichen militärischen Trupps durchstreift wurde, denen man nur zu Pferde oder unter dem Schutz der Nacht entkommen konnte. Es waren lauter Infanteristen; nur zwei berittene Männer waren dabei. Der eine kam von links und der andere von rechts dahergetrabt, und unweit der Stelle, an der sich die Flüchtigen befanden, mußten sie sich begegnen.

»Der Fürst!« meinte Seeström besorgt.

»Und der Kronprinz!« fügte der Feldwebel hinzu.

»Wir sind verloren!«

»Noch nicht. Wir sind zunächst nur zwei gegen zwei.«

»Aber da hinter uns kommt eine Truppe.«

»Alle Wetter! Was ist zu tun?«

Da glitt über das sonnenverbrannte Gesicht des Feldwebels ein halb entschlossener, halb lustiger Zug.

»Ich habs! Sieht der Herr Junker die beiden Vogelscheuchen? Schnell hin! Den einen nieder, und der Herr Leutnant an seine Stelle!«

»Ah! Hm! Und du?«

»Der Fürst kennt mich. Der Herr Junker werden schon sehen, was ich will: jetzt ist keine Zeit zu Weitläufigkeiten. Vorwärts!«

Sie standen vor einem umfangreichen Weizenfeld. Die Ähren waren bereits gelb vor Reife. Um die gefräßigen Vögel von ihnen abzuhalten, hatte der Besitzer zwei Vogelscheuchen mitten ins Feld gesetzt. Seeström bückte sich zur Erde nieder und kroch zwischen die Halme hinein, auf die nächste Figur zu. Sie bestand aus einer Strohpuppe, der man einen riesigen Dreispitz aufgesetzt und einen langen Rock mit Bratenschößen angezogen hatte, von dem die Fetzen hingen. Seeström legte seinen eigenen Hut ab, setzte den anderen auf, warf sich den alten Rock über, erhob sich dann langsam und streckte die beiden Arme geradeso wie sein Vorgänger steif von sich.

Der Feldwebel war unterdessen weitergetrollt ...

Leopold und der Kronprinz, beide noch immer in Zivil, hatten sich in der Stadt getrennt, um draußen den Streifscharen schneller Anweisungen geben zu können. Hier trafen sie sich wieder.

»Etwas bemerkt?« fragte Friedrich Wilhelm.

»Nein.«

»Ich auch nicht. Wer ist der Mensch, der da kommt?« Leopold drehte sich um.

»Hausknecht im Gasthof ›Zum Leopold‹. Kommt auf uns zu und macht ein verteufelt wichtiges Gesicht. Heda, Klas, was schnuppert Er hier herum?«

Der Angerufene trat heran und zog den Hut unter einer linkischen Verbeugung, wobei sein Gesicht ein verschmitztes Lächeln versuchte.

»Exzellenz suchen einen Flügelmann, der im Wald davongelaufen ist? Ich hab ihn.«

»Donnerwetter, ist's wahr?«

»Ein Kerl, gerade sieben Fuß hoch, blond, himmelblaue Augen.«

»Stimmt, stimmt! Kerl, du kriegst hundert Taler, wenn es wahr ist, und wenn wir ihn bekommen!«

»Danke! Die hundert Taler sind mein. Aber ehe ich sage, wo er ist, müssen mir Durchlaucht eine Bitte gewähren!«

»Gut, zugestanden! Was ist's?«

»Er steckt in meinem Herrn seinem Feld. Reiten es Durchlaucht doch nicht nieder!«

»Ah, im Feld? Gut, wir werden es schonen. Also, nun heraus damit!«

»Sehen die Herren dort die Vogelscheuche im Weizen? Das ist der Richtige.«

»Kerl, Er ist verrückt!«

»Nein, Exzellenz. Ich bin meiner Sache sicher. Ich war bei den Kartoffeln daneben und hatte mich niedergebückt, um sie zu untersuchen. Da kam er hier den Rain entlang. Er hat die beiden Herren kommen sehen und im Augenblick kein anderes Mittel gewußt, sich zu retten. Er kroch zu der Vogelscheuche hin, setzte sich deren Hut auf, zog ihren Rock an und – nun, da steht er.«

Die Arme Seeströms mochten ermüden. Er ließ den einen ein wenig sinken, hob ihn aber sofort wieder empor. Der Fürst hatte es bemerkt.

»Gott steh mir bei, es ist wahr! Diese Vogelscheuche ist ein Mensch! Seht Euch einmal sein Gesicht an, Königliche Hoheit, und er hat mit dem Arm gewackelt.«

»Wirklich!« meinte der Kronprinz. »Den kriegen wir!«

»Unbegreiflich!« eiferte Leopold. »Der Kerl muß doch Gottstrambach noch weniger Verstand im Kopf haben als sein Vorbild, von dem er sich Hut und Rock geborgt hat. Na, Bursche, warte, ich werde dich bekrautscheuchen! Komm Er einmal her, Klas, und halte Er unsere Pferde! Wir werden nicht in das Feld Seines Herrn reiten. Aber hineinsteigen werden wir doch müssen.«

Auch der Kronprinz saß ab und übergab dem Feldwebel die Zügel seines Pferdes.

»Durchlaucht«, meinte er dabei zu dem Fürsten gewendet, »wir tun gar nicht, als ob wir etwas ahnten. Wir umgehen das Feld, Ihr rechts und ich links, und dann spazieren wir gerade auf ihn zu. Nachher kann er uns ja gar nicht entkommen.«

Sie stiegen von dannen und umgingen, scheinbar müßig Kornblumen pflückend, das Feld, bis sie die unbewegliche Vogelscheuche gerade zwischen sich hatten.

»Los!« rief jetzt der Kronprinz, und rannte vorwärts in den Weizen hinein.

»Hallo, hab ihn!« rief der Fürst, und folgte von der entgegengesetzten Seite seinem Beispiel.

Seeström rührte sich nicht eher, als bis sie beide auf drei Schritte herangekommen waren. Da aber flog dem Prinzen der alte Rock um den Kopf und dem Fürsten der Hut ins Gesicht. Der Schwede raffte den seinigen auf und sprang in mächtigen Sätzen davon. Leopold stand einige Augenblicke ganz verblüfft; auch der Prinz war eine kleine Weile bemüht, seinen Kopf aus dem Rock zu bringen. Inzwischen aber war der Flüchtling bereits über zwanzig Schritte von ihnen entfernt, und bei den gewaltigen Sätzen, die er machte, war keine Hoffnung, ihm zu Fuß nachzukommen.

»Halt ihn auf, halt ihn auf!« brüllte der Fürst. »Her, schnell her mit den Pferden, Klas!«

»Gleich!« rief dieser.

Im Nu saß er auf dem einen Tier und im nächsten Augenblick der Leutnant auf dem anderen.

»Gute Verrichtung, meine Herren!« rief der Offizier lachend. »Seid so gut und vergeßt den Leutnant Seeström nicht!«

»Und auch nicht seinen Feldwebel Klas Baldauf!« rief der Hausknecht.

Im Galopp, so daß die Ackererde hinter den Hufen der Pferde aufflog, ging es durch dick und dünn davon.

»Donnerwetter! Der Seeström ist's gewesen!« knirschte Leopold.

»Hol mich der Kuckuck! Er war es, und sein verdammter schwarzer Feldwebel dazu!« pflichtete ihm der Kronprinz bei. »Ihr mußtet auch so albern sein und vom Pferde steigen!«

»Seid Ihr klüger gewesen, he?«

»Aber Ihr habt den Vorschlag gemacht!«

»Nicht schimpfen, Hoheit, sonst soll das Donnerwetter dreinschlagen! Mit Maulaffenfeilhalten kriegen wir die Höllenhunde nicht wieder. Still über unseren albernen Streich, und rasch in die Stadt! Alle Pferde, die es dort gibt, müssen her. Tausend Taler dem, der mir diesen schwedischen Satan fängt!«

*

2. In der Patsche

In Dankerode war Jahrmarkt. Dies war an sich kein besonderes Ereignis. Aber daß zum Dankeroder Jahrmarkt einmal ein so ausgezeichnetes Wetter war, das hatte man seit Menschengedenken nicht erlebt. Daher wanderte auch alles, was nicht mit Gewalt zu Hause festgehalten wurde, dem Dorf zu.

Dankerode war keine Stadt, nicht einmal ein Marktflecken. Es hatte auch gar keine Gerechtsame zur Abhaltung eines Jahrmarkts. Aber es war nun einmal herkömmlich, daß am 24. Juni jeder, der etwas zu verkaufen hatte oder etwas kaufen wollte, jeder, der sich entschlossen hatte, in Dienst zu gehen oder der einen Dienstboten brauchte, überhaupt jeder, der ein Geschäft irgendwelcher Art abzumachen hatte, nach Dankerode lief, um dort seine Angelegenheit unter freiem Himmel in Ordnung zu bringen.

Da stand denn sehr oft Bude an Bude und Regenschirm an Regenschirm; denn wer am 24. Juni nach Dankerode ging, der wußte, daß er naß wurde, von außen bis auf die Haut und von innen noch tiefer.

Daß es nun heute nicht wie aus Kannen goß, war ein Wunder aller Wunder. Nicht einmal ein Gewitter stand am Himmel, der so hell und rein, so unschuldig aussah, als ob er alle Jahre den Dankerodern ein so freundliches, liebenswürdiges Gesicht gemacht hätte.

Aber das Anfeuchten war man in Dankerode nun einmal gewohnt. Ging es nicht von außen, so geschah es doppelt und dreifach von innen, schon wegen der ungeheuren Hitze, wie man sich entschuldigte.

In keiner Bude aber wurde so viel getrunken wie bei der ehrsamen Witib Veronika Salzmeierin. Das war aber auch eine Frau, bei der man unwillkürlich mit der Zunge schnalzen mußte, geradeso als wenn man etwas Leckeres vorgesetzt bekäme. So sauber, so nett und anmutig gab es in der ganzen Grafschaft Mansfeld kein zweites Frauenzimmer, und dabei hatte sie ein Mäulchen, so fleißig wie ein zwölfgängiges Mühlwerk, und ein Paar Augen, die es jedem antaten, der noch ein Herz im Leibe trug.

Heute hatte sie es besonders auf einen Tisch abgesehen, der da hinten in der Herrenecke stand. Da saßen nämlich sieben oder acht Gäste, von denen jeder wenigstens drei leere Flaschen vor sich stehen hatte. Die Leute hatten so etwas an sich, so etwas Vornehmes, Anziehendes, daß die gute Veronika kein Auge von der Gruppe verwandte und alle drei Minuten herbeigetrippelt kam, um zu fragen, ob vielleicht noch eine Flasche befohlen werde.

Und jetzt kam gar ein Mann herein, der hatte eine Haltung, einen Schritt, ein Auge, einen Zwickelbart! Herrjeh, dem sah es die Wirtin sofort an, daß er noch viel ausgezeichneter und anziehender sein müsse als die anderen. Die erhoben sich auch sofort von ihren Sitzen und machten Gesichter, als ob er sie alle ungefährdet verschlingen dürfe. Er aber gab nur einen kleinen Wink, so setzten sie sich augenblicklich wieder nieder, und er nahm bei ihnen Platz.

Sie kam wie eine Bachstelze herbeigewippt, wischte sich mit der schneeweißen Schürze den Mund ab, schlug wie in jungfräulicher Beschämtheit die Augen nieder und fragte nach den Befehlen des gnädigen Herrn Bergamtmanns. Denn in der Grafschaft Mansfeld war damals der Bergamtmann die angesehenste Persönlichkeit, und weil dieser Herr gar so vornehm aussah, mußte er unbedingt ein Bergamtmann sein, obgleich er für eine solche Stellung eigentlich noch sehr jung war.

»Woher kennt Sie mich denn so genau?« fragte er mit einem Blick, der eigentlich für einen hohen Herrn viel zu wohlwollend war.

»Von dem letzten Bergaufzug hier«, antwortete sie ganz entzückt, daß sie so scharfsinnig gewesen war, sofort das Richtige zu treffen. »Da schritt der gnädige Herr voran und hatte einen roten Federsturz oben«, antwortete sie, denn so war es bei den Bergamtmännern der Fall.

»Hm, ja! Sie hat ein sehr gutes Gedächtnis. Sage Sie einmal, könnte Sie wohl einen Bergamtmann gut leiden?«

Diese Worte gingen ihr tief in das liebebedürftige und doch verwitwete Herz. Sie machte einen tiefen Knicks.

»Ja!« flüsterte sie.

»Donnerwetter, das paßt; denn ich habe noch keine Bergamtmännin. Kann man denn einmal mit Ihr über diese Sache reden, Sie kleine Hexe Sie?«

»Zu jeder Zeit, gnädiger Herr!«

»Schön. Ich gebe Ihr mein Wort, daß ich zu keiner anderen gehe, wenn ich mir meine Amtmännin hole.«

»Aber vergeßt es nur nicht, gnädiger Herr!« lispelte sie.

»Nein. Sie hat mein Wort, und damit basta! Bringe Sie mir auch so eine Flasche!«

Sie schnellte hinter den Schenktisch und suchte einige von den wenigen Flaschen hervor, die sie für ganz besondere Ehrengäste zurückgestellt hatte. Da kostete eine zwanzig Silbergroschen. Aber sie nahm sich vor, ihm nur zwölf abzuverlangen. Das erste Glas goß sie ihm selbst ein und nippte leise davon.

»Zur Gesundheit, gestrenger Herr!«

»Danke, Schatz!«

Er trank das Glas aus, schenkte wieder voll und leerte es nochmals; dann streckte er die Beine von sich und wollte eben ein Gespräch beginnen, als er daran verhindert wurde und sich plötzlich in eine horchende Stellung aufrichtete.

Draußen vor der Bude hielt nämlich ein Schleifer mit seinem Karren. Er hatte sehr viel zu tun; aber nicht nur seine Kunden standen bei ihm, sondern auch eine ganze Menge anderer Leute. Er war seit einigen Tagen in der Gegend bekannt, und man wußte, daß er gar schöne Schleiferlieder zu singen verstand. Er hatte heute bereits viel gearbeitet, aber noch nicht gesungen. Darum, wurde er so dringend um ein Lied gebeten, daß er endlich nachgeben mußte. Er begann:

»Der Schleifer ist allzeit ein Mann,
Den man nicht gut entbehren kann,
Weils vieles gibt, wie ihr ja wißt,
Was abgestumpft und schartig ist,
Und man sich da nur nutzlos quält,
Wo Schärfe, Schnitt und Rundung fehlt.
Der Schleifer findet weit und breit
Gar manche Ungeschliffenheit,
Und wo er nicht selbst helfen kann,
Da packen andere Kräfte an.
Das Schicksal faßt ja manchen Tropf
Mit eisenfestem Griff,
Setzt ihm den widerspenstgen Kopf
Zurecht und gibt ihm Schliff!«

Der Klang dieser Stimme war es, der den zwickelbärtigen Herrn Bergamtmann am Sprechen verhindert hatte. Er hörte die Strophe zu Ende und meinte dann:

»Nicht übel, das Lied, hm; sollte länger sein, nicht Hauptmann?«

Derjenige, an den die Worte gerichtet waren, beeilte sich beizustimmen:

»Gewiß, Exzellenz! Doch da kommt ja bereits eine zweite Strophe!«

Wirklich erklang es bereits nach dieser kurzen Pause draußen weiter:

»Der Meister und die Meisterin,
Die haben oft gar eignen Sinn.
Der Lehrling ist ein Aschenbrod,
Hat wenig Freud und sehr viel Not,
Er schuftet wie ein Droschkenpferd
Und gilt doch keinen Heller wert.
Der Sündenbock für alle Welt,
Auf halbe Ration gestellt,
Zu spät ins Bett, zu früh heraus,
Das halte doch der Teufel aus!
Und klagt und schimpft und jammert er,
So kommt der Meister Pfiff,
Nimmt Elle oder Knieriem her
Und appliziert ihm Schliff!«

Der Bergamtmann strich schmunzelnd seinen schwarzen Schnurrbart. Der Schleifer aber fing die dritte Strophe an.

»Bei einem wohlbekannten Haus
Fliegt Geld hinein, Papier heraus.
Man sagt, daß es ein Bankhaus sei,
Doch ist's die höhre Schleiferei;
Denn man dreht drinnen dem Hans Tapp
Die schwer ersparten Groschen ab.
Da plötzlich wird die gute Bank
An hoffnungsloser Schwindsucht krank;
Der Prinzipal kniff gerne ex,
Doch faßt ihn ›Polyp multiplex‹.
Jetzt brummt er in der Einsamkeit
Und kaut an seinem Kniff,
Und für das Schleifen frührer Zeit
Bekommt er selbst nun Schliff!«

»Wenn dieser Kerl sich seine Lieder selber macht, so ist er ein ganz vertrackter Pfiffikus!« meinte der Fürst. »Das schnappt und klappt ja alles ganz vortrefflich! Und das mit der höheren Schleiferei ist ganz richtig; nur will ich ihm nicht raten, einen Namen zu nennen, sonst wird er selber geschliffen. Aber wahrhaftig, der Mann bringt noch mehr. Hört!«

Draußen erklang die Fortsetzung des Liedes:

»Im Schulhaus geht für jedermann
Das offizielle Schleifen an.
Und was die liebe Frau Mama
Bisher am Zuckerkind versah,
Wird hier barmherzig und geschickt
Mit Stock und Rute ausgeflickt.
Das niederträchtge Abc
Schmeckt unbedingt nach Aloe,
Und wer das Einmaleins verdaut,
Der stirbt auch nicht an Sauerkraut.
In dieser Art Philosophie
Fährt man mit raschem Griff,
Legt sie gemütlich übers Knie
Und appliziert ihr Schliff.«

»Bravo, bravo! Immer übers Knie mit den Rangen, und gehörig aufgewichst. Mir sollte die Anneliese nicht wagen, die Buben und Mädels zu verzärteln! Warum hat man jetzt so gottlose Bengels unter den Rekruten, Hauptmann? Nun?«

»Es liegt an der Erziehung; die Eltern sind schuld!«

»Und darum verdienen sie mehr Prügel als die Jungens. Es ist jetzt eine traurige Zeit, eine Zeit, in der eigentlich hoch und niedrig, jung und alt ganz gehörig durchgeprügelt werden müßten; denn ich sage euch, ihr Herren – – –«

Er war dabei auf eins seiner Lieblingsthemen gekommen, über das er stundenlang zu reden vermocht hätte, wenn er nicht von dem Schleifer gestört worden wäre:

»Wohnt einmal einer in der Stadt,
Der gar zu lange Finger hat.
Bei Tage bleibt er stets zu Haus,
Geht nur im Dunkelmunkel aus,
Ist aller Straßenlampen Feind
Und liebt den Mond, wenn er nicht scheint.
So wandert heimlich er fürbaß,
Denkt bald an dieses, bald an das,
Bis er, Kreuzhimmelelement,
Ein fremdes Portemonnaie umrennt.
Doch leider wird der Schelm ertappt
Bei dem verbotnen Griff;
Ein Gänsedarm hat zugeschnappt
Und sorgt für bessern Schliff!«

»Hm«, brummte jetzt der Fürst. »Da fällt mir ja etwas ein, ihr Herren. Ich habe da einen Wisch vom Oberst Ravenau, der beim Schwedenkönig sitzt, erhalten, worin ich benachrichtigt werde, daß ein Wachtmeister, ein gewisser – – Teufel wie heißt doch der Bengel gleich? Major, er hat das Schreiben ja gelesen!«

»Wachtmeister Roller«, antwortete der Offizier.

»Roller, ja! Also daß ein gewisser Wachtmeister Roller in der Gegend zwischen Merseburg, Halberstadt und da herum sein – – – Donnerwetter, da geht es wieder los. Hört!«

»Ich kenne ein Amphibium,
Heißt Redakteur und ist nicht dumm.
Im Tintenfasse schwimmt das Tier,
Frißt Federn, Schreib- und Druckpapier,
Hat eine Zunge, spitz und scharf,
Und quakt, was man nicht quaken darf.
Drum bringt den Herrn Amphibius
Das Quaken öfters in Verdruß,
Wobei es hier und da gelingt,
Daß man ihn auf das Trockne bringt.
Denn tritt er in der Setzerei
Etwas zu stark aufs Schiff,
So stürzt ein Paragraph herbei
Und sorgt für bessern Schliff!«

»Fertig? Also nun kann ich fortfahren. Der Oberst Ravenau schreibt mir, daß sich da ein Wachtmeister Roller herumtreibe, bald als Brillenmann, bald als Bänkelsänger oder Scherenschleifer, bald als sonst etwas. Was das für einen Zweck hat, kann sich jeder denken, und ich möchte mir den Kerl da draußen doch einmal in Augenschein nehmen. Was meint Er, Major?«

»Ein gewöhnlicher Schleifer hat diese Verse nicht gemacht. Soviel ist sicher, Durchlaucht. Sie stammen nicht bloß von einem witzigen, sondern auch von einem gewandten und erfahrenen Kopf – – ah, noch eine Strophe!«

»Herr Müller und Frau Müller sind
Zuweilen sehr konträr gesinnt.
Er liebt den Skat, sie haßt das Spiel,
Er schweigt gern, und sie plappert viel,
Er ist ein Feind von Tand und Putz,
Und sie hält's mit dem Federstutz.
Der Frau gebührt natürlich Recht;
Sie ist das schönere Geschlecht.
So war es schon zu Adams Zeit,
So bleibt es auch in Ewigkeit.
Und fehlt dazu dem Grobian
Der richtige Begriff,
Faßt sie ihn etwas straffer an
Und sorgt für bessern Schliff!«

Schallender Beifall war der Lohn für den Vortrag dieses Liedes. Auch in der Bude stimmte man ein. Nur die Offiziere verhielten sich zurückhaltend. Auf einen Wink des Fürsten erhob sich der jüngste von ihnen und trat hinaus vor die Bude zu dem Schleifer.

»Hat Er einen Augenblick Zeit?«

Der Gefragte sah ihn forschend an.

»Wozu?«

»Da drin am hintersten Tisch sitzen einige Männer, die Ihn gern sehen möchten, weil er so schöne Lieder singen kann.«

»Werde gleich kommen!«

Die Haltung und Ausdrucksweise des Scherenschleifers verrieten dem Kenner allerdings eine nicht vollständig zu verbergende militärische Schulung. Er schliff das Messer, das er in der Hand hielt, vollends fertig und trat dann in die Bude. Als er dort der Wirtin begegnete, fragte er sie: »Wer sind die Leute dahinten?«

Sie kannte ihn jedenfalls schon und nickte ihm aufmunternd zu.

»Sehr vornehme Leute! Da wird es ein Gläschen Guten geben. Der eine, der mit dem schwarzen Zwickelbart, ist der Herr Bergamtmann, der erst eine halbe Stunde hier ist und bereits die dritte Flasche hat.«

»Bergamtmann? Sehe nicht viel Vornehmes daran«, antwortete er.

Sie warf ihm wegen dieser Rede einen vernichtenden Blick zu. Er aber achtete nicht darauf und schritt nach dem bezeichneten Tisch. Leopold wandte sich ihm zu.

»Er ist der Schleifer von da draußen? Woher hat Er seine Lieder?«

»Die mache ich mir selber.«

»Und die Melodie dazu?«

»Auch.«

»Kreuzelement, da ist Er ja ein ganz gescheiter Kerl. Heda, Wirtin!«

Die ehrbare und lobsame Witwe Veronika Salzmeierin kam herbeigeschwippt. »Was gebieten der Herr Bergamtmann?«

»Eine Flasche für den da, aber hinaus an den Karren!«

Sie knickste erst, dann schwippte sie eiligst davon.

»Danke, Herr Amtmann!« meinte der Schleifer.

Der Fürst wehrte mit der Hand. »Wo ist Er denn eigentlich zu Hause?«

»In Treptow.«

»Soso! Hat Er seinen Schein bei sich? Zeig Er ihn einmal her!«

Der Schleifer brachte seine Legitimation aus dem Wams und gab sie dem Fürsten. Dieser buchstabierte sie zusammen. Seine Miene verriet dabei einige Bedenklichkeit.

»Dieser Ausweis ist doch nicht in Treptow, sondern in Merseburg ausgestellt worden!«

»Die ursprüngliche Legitimation ist mir verlorengegangen. Da hat man mir an ihrer Stelle diese hier gegeben.«

»Ach so! Aber der Verlust der ersteren müßte doch hier vermerkt sein?«

»Das verstehe ich nicht. Vielleicht ist diese Bemerkung vergessen worden.«

»Möglich! Doch kann Er dadurch in Verlegenheiten geraten.«

Leopold hätte vielleicht noch etwas hinzugefügt, aber es hatte sich ein Mann herbeigedrängt, der dem Schleifer die Hand auf die Achsel legte.

»Nicht wahr, Er ist der Schleifer?«

»Ja.«

»Hier ist der Brief, den Er zu besorgen hat. Bezahlt ist Er wohl bereits?«

»Ja. Werde ihn gut besorgen.«

Der Mann entfernte sich und Leopold fragte nun weiter:

»Hat Er seine Lieder nur im Kopf oder auch auf Papier geschrieben?«

»Was ich selber dichte, brauche ich doch nicht erst niederzuschreiben!«

»Wohin wird Er von hier aus gehen?«

»Vielleicht nach Querfurt. Da ist in ein paar Tagen auch Jahrmarkt!«

»So! Na, da will ich Ihm gute Geschäfte wünschen. Jetzt kann Er gehen.«

Kaum war der Schleifer fort, so begann der Major, der neben Leopold saß:

»Exzellenz, der Mann, der den Brief brachte, war ein Diener des Grafen Johann Georg des Dritten von Mansfeld!«

»Ah! Etwa gar heimliche Intrigen des Grafen! Aber es kann ja auch eine Privatsache des Dieners betreffen.«

»Dann hätte der Diener den Mann gekannt und nicht erst gefragt, ob er der Schleifer sei. Dann hätte er sich auch anders ausgedrückt und nicht gesagt: ›Hier ist der Brief, den Er zu besorgen hat!‹«

»Das ist richtig.«

»Und dann hätte der Brief wohl auch ein anderes Siegel und eine andere Adresse gehabt. Ich habe beides zwar flüchtig, aber genau gesehen: es war das Siegel des Grafen und die Adresse des Herzogs von Sachsen-Merseburg.«

»Dann ist irgendeine Teufelei im Werk. Diese Grafschaft Mansfeld ist nicht mehr selbständig; sie steht unter brandenburgischer und sächsischer Verwaltung. Der Graf erhält bloß die Einkünfte des Bornstädtischen Amtes. Man weiß von sächsischen Umtrieben, denen der Graf nicht fernsteht, und dieser Merseburger Herzog ist ein durchtriebener Bursche, der sich freuen würde, uns einen Streich zu spielen. Ich werde diesem Schleifer doch einmal auf die Finger sehen, und wehe ihm, wenn sie schmutzig sind!«

Während er noch sprach, kam die Wirtin herbei und berichtete mit einem tiefen Knicks:

»Gestrenger Herr Bergamtmann, der Schleifer läßt sich noch einmal für den Wein bedanken.«

»So? War nicht notwendig!«

»Vielleicht weil er jetzt fortgeht. Er hat alle Scheren und Messer, die er noch zu schärfen hatte, zurückgegeben und sich auf den Weg gemacht.«

»Wohin?« fragte der Fürst.

»Nach Eisleben zu.«

»Gut. Ich danke Ihr!«

Sie knickste tief und schwippte davon. Der Fürst wandte sich an den Leutnant Walther:

»Höre Er, diesen Schleifer übergebe ich Ihm. Wir haben denselben Weg mit ihm. Mach Er sich jetzt auf und reite Er so hinter ihm her, daß der Mann nichts merkt. Er läßt ihn nicht aus dem Auge, bis wir nachkommen. Verstanden?«

»Zu Befehl, Exzellenz!«

Der Offizier entfernte sich. Nach einer Viertelstunde verließen auch die anderen die Bude. Der sonst so sparsame Leopold berichtigte die ganze Zeche.

»Also merke Sie es sich«, meinte er zur Wirtin. »Wenn ich eine Bergamtmännin brauche, so komme ich zu Ihr!«

»Sehr viel Ehre, gnädiger Herr!«

»Wenn ich Sie aber nun nicht mehr ledig finde?«

»Oh, ich warte so lange, bis Ihr kommt.«

»Darauf verlasse ich mich auch; denn zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre wird es wohl noch dauern, bis ich komme!«

Sie machte ein höchst erschrockenes Gesicht. Er aber trat mit lächelnder Miene ins Freie.

In einiger Entfernung vor dem Dorf gab es seitwärts von der Straße eine kleine Waldwiese, auf der mehrere Reitknechte mit Pferden standen. Die Herren waren hier im Verborgenen abgesessen.

»Leutnant Walther hiergewesen?« fragte der Fürst.

»Vor einer Viertelstunde«, berichtete der Knecht.

Sie stiegen auf und verfolgten den Weg in scharfem Trab, bis sie den Leutnant erreichten.

»Wo ist der Schleifer?«

»Da vor uns hinter der Straßenkrümmung.«

»Dann vorwärts!«

Der Schleifer hörte das Pferdegetrappel hinter sich und wandte sich um.

Er wunderte sich merkbar, die Herren auf militärisch aufgeschirrten Pferden zu sehen.

»Was? Er hier?« meinte der Fürst erstaunt. »Ich denke, Er hatte da oben so viel zu arbeiten?«

»Die Leute wollten nicht viel zahlen, darum bin ich fort.«

»Das mache Er mir nicht weis! In seinem Geschäft wird nicht abgehandelt. Er hat erhalten, was Er verlangte. Ich meine, es gibt einen anderen Grund, weshalb Er den Ort so rasch verlassen hat.«

»Den möchte ich wissen! Es kann anderen überhaupt gleichgültig sein, ob ich bleibe oder gehe. Es gefiel mir nicht mehr, und damit basta!«

»Und damit gar nicht basta, Er Himmelelementer! Mir zum Beispiel ist das, was Er tut, ganz und gar nicht gleichgültig. Er ist nur deshalb so schnell von da oben fort, weil seine Fixfaxerei mit dem Grafen abgetan ist!«

»Mit dem Grafen?«

»Tu Er nicht unschuldig, sonst klatsche ich Ihm seine Heimlichkeit um die Ohren, verstanden? Wo ist der Brief, den Ihm der Diener des Grafen brachte?«

»Das war kein Diener eines Grafen.«

»Mensch, lüge Er nicht! Heraus mit dem Brief!«

»Der gehört mir. Ihr als Bergamtmann habt mir überhaupt gar nicht zu befehlen. Ich mach, was ich will.«

»Schön, sehr schön von Ihm!« meinte Leopold mit einem gefährlichen Lächeln. »Wer hat Ihm denn gesagt, daß ich ein Bergamtmann bin?«

»Die Wirtin.«

»Die ist dumm und Er noch zehnmal dümmer! Ein Wachtmeister Seiner Schwedischen Majestät sollte sich von einem Weibsen nicht foppen lassen. Aha, Er erbleicht! Habe ich den Nagel auf den Kopf getroffen?«

»Was meint Ihr da mit dem Wachtmeister?«

»Weg mit den Faxen, Kerl! Der Dessauer läßt sich von einem Wachtmeister Roller nicht an der Nase herumführen!«

Der Mann wurde noch bleicher als vorher. »Wer seid Ihr? Der Fürst Leopold von Dessau?«

»Ja, wenn Er nämlich nichts dagegen hat. Komme Er einmal mit seinem Karren hier seitwärts in den Wald herein!«

»Warum?« fragte der Mann trotzig.

»Warum? Weil ich es Ihm befehle, Er Himmelhund! Vorwärts, sonst helfe ich nach!«

Der Schleifer blickte sich um, machte einen Sprung zwischen den Offizieren hindurch und wollte entfliehen. Da riß Leopold sein Pferd in die Höhe, setzte ihm nach und ritt ihn nieder.

»Ich werde Ihn lehren auszureißen! Bindet ihn und schafft ihn mitsamt seinem Karren unter die Bäume! Wir wollen es nicht an die große Glocke hängen, daß der berühmte Schleifer gefangen worden ist. Die Sachsen und Schweden brauchen es nicht zu hören!«

Diesem Gebot wurde schnell Folge geleistet. Die Herren zogen sich mit ihrem Gefangenen so weit unter die Bäume zurück, daß die zu erwartende Verhandlung von einem zufällig Vorübergehenden weder gesehen noch gehört werden konnte.

»Jetzt nehmt ihm einmal ab, was bei ihm zu finden ist!«

Der Major untersuchte die Taschen des Schleifers und brachte zunächst einige Zettel zum Vorschein, auf denen Gedichte standen.

»Was ist das, Major?«

»Schleiferlieder sind es.«

»Ah! Ist das auch dabei, das Er vorhin gesungen hat?«

»Ja.«

»Sieht Er es, Er Halunke, daß Er mich vorhin belogen hat! Wird Er mir wohl sagen, wer Er ist, he?«

»Durchlaucht haben ja meinen Ausweis gesehen!«

»Unsinn! Ich frage Ihn, ob Er eingestehen will, daß Er der Wachtmeister Roller ist. Wir haben keinen Krieg, und wenn Er auch die Gegend ausgekundschaftet hat, so werde ich Ihn dennoch nicht als Spion betrachten. Seine Vorgesetzten haben es Ihm geheißen, und Er hat gehorchen müssen. Na, also!«

Der Gefragte schwieg verlegen.

»Wenn Er fortfährt, mich zu belügen, so laß ich Ihn durchpeitschen. Stöcke wachsen hier genug. Gesteht Er es aber, so kann Er wählen: Entweder bleibt Er einen Monat als Kriegsgefangener hier bei mir und kann gehen, wohin es Ihm beliebt, oder Er tritt in Seiner gegenwärtigen Eigenschaft als Wachtmeister in preußische Dienste. Also, ist Er der Roller oder nicht?«

»Zu Befehl, Durchlaucht; ich bin es.«

»Gut! Wer hat diese Lieder gemacht?«

»Der Herr Leutnant von Seeström.«

»Donnerwetter, der Kerl kann doch alles! Sie waren wohl extra für Ihn gemacht, damit Er den Schleifer richtig spielen könne?«

»Ja.«

»Und was war Seine Aufgabe?«

»Diese Gegend zu durchforschen, ob die Bevölkerung preußisch oder sächsisch gesinnt ist.«

»Nun, wie hat Er es gefunden?«

»Man hält es mehr mit Sachsen.«

»So mag der Teufel die ganze Gegend holen! Und Pläne hat Er wohl auch gezeichnet?«

»Ja.«

»Wo sind sie?«

»Im Schleifkarren, hier in dem verborgenen Kästchen.«

»Heraus damit!«

Der Major öffnete das Schubfach, das ein Fremder wohl schwerlich dort vermutet hätte, und gab die Pläne dem Fürsten hin, der sie prüfte.

»Er ist doch ein ganz verdammter Kerl! Diese Arbeiten sind ausgezeichnet. Er soll es gut haben, wenn Er sich entschließt, zu uns überzugehen. Mit Seinem Schwedenkönig bleibt es nicht so stehen wie jetzt; das kann ich Ihm sagen. Und nun der Brief des Grafen?«

»Im Westenfutter.«

Der Brief wurde hervorgeholt; der Fürst öffnete ihn.

»Wie kommt Er zu dem Grafen?«

»Der Herzog von Merseburg gab mir einen Brief an ihn mit auf den Weg.«

»Den hat Er abgegeben?«

»Ja. Das hier ist die Antwort.«

»Das ist ja eine richtige deutsche Kanzleihand. Man weiß, daß der Graf wie gedruckt schreiben soll. Das ist aber auch alles, was er kann. Will einmal sehen, was er schreibt!«

Der Brief lautete folgendermaßen:

An meynen vielliewen Bruder, Hertzogen zu Sachßen-Merzeburg, zu üwergewen durch Dießen hier.

Auf Ewer werthen Anffrag von wegen dere Sequestrazzion bien Ich bereitt, deß Näheren zu vernehmen und unter den erffahrene Bedingnißen auff Ewer Vorschlägg einzuhalten, maßen Ich weiß, daß Ich Mir von Sachßen deß Besserem zu versehen hawe als von diesem Preußen. Schreybt mir also deß Baldigen wiedder.

Von Erfforderniß der Mamßell Anna von Boberfeld bien ich allerdinge der eintzige Verwantte, dene Selwige annoch besizzen mag, abber sindt so vielle Stuffen der zwischen, daß mann wohlen sehr schwehr finden möchte welchem Grad dieße Verwanttschafft angehören möchte. Gebe alßo gern meyn Permiß zu deren Heyrath mit deme Obrißten von Börjesson, maßen Ich Seyner Mayestät von Schwedten gern rekommandirret bien.

Daß Auffseheramt zu Eißleben hat bereidts Meyn Klagen üwer diesem Leopold von Anhalt empfangen, wasmaßen Ich auf Sonntag nach Merßeburg kommen werdte, um mit Euch zu berathen, auff welch Weisen Wier dießen Uewermuth demüthigen und auch Euch zu dem Eurigen zu verhelffm vermögen.

Damiet Gott beffohlen, obgleych daß Einkommen vom Amdte Bornstädt bey dieße Theyrung faßt nimmer zureichen mag.

Meynes Herrn Hertzogen Bruder und Freundt
Johann Georg III., Graff zu Mannsfeldte.

 

Leopold hatte diese Zeilen nicht laut gelesen; nur daß sie ihn erzürnten, konnten die Umstehenden an seinem Gesicht sehen. Nun aber donnerte er los:

»Also so schreiben die heiligen Apostel Matthäus, Markus, Luxius und Sankt Paulum? Solch saubere Geschichten haben diese Herren im Kopf? Über den Leopold wollten sie herziehn? Kreuzmohrenelement, das soll ihnen versalzen werden! Ich werde zwischen sie hineinfahren wie damals die Sau unter die – oder vielmehr wie damals der Teufel unter die Säue. – Und eine Verschwörung wollen sie machen gegen die kurbrandenburgische Sequestration?« fuhr er nach einer Pause fort. »Ich werde ihnen den Sequest um die Nase wischen, daß sie niesen sollen bis zum Jüngsten Tag! Dem schwedischen Karl will er sich rekommandieren? Werde ihm zeigen, daß ich auch rekommandieren kann, mit dem spanischen Rohr nämlich! Und was ist denn das mit Der von Boberfeld? Die soll an den Schweden Börjesson verschachert werden? Die Boberfeld, die länger und stärker sein soll als ein Flügelmann? Die kriegt keinen anderen als einen Offizier von meinem Regiment. Wir brauchen große Mütter, wenn wir große Rekruten haben wollen. Habe sie in Dresden gesehen. Sie ist ein Prachtweibchen, und mir soll beim Teufel kein Schwede wagen, sie mir wegzuschnappen! Kennt jemand der Herren die Anna von Boberfeld?«

Fast alle bejahten.

»Ihr Vater hat mit mir bei Namur, Kaiserswerth und Venloo gefochten. Da bat er mich, an seine Tochter zu denken. Er hatte zwar in seinem Testament den von Sachsen-Merseburg zum Vormund bestimmt, hatte dies aber nachher bereut, und ich denke, daß ich es ihm schuldig bin, seine Tochter nicht so elend verschachern zu lassen. Weiß jemand, wo sie ist?«

»Exzellenz«, antwortete der Major, »ich glaube, daß sie sich jetzt in Allstädt befindet. Das ist eine ihrer vielen Besitzungen, deren Einkommen der Merseburger in seine Tasche steckt.«

»Werde ihm einmal auf die Tasche klopfen! Muß sowieso zum Schweden hinunter. Ihr wißt ja, weshalb. Müssen eine kleine Demonstration unternehmen, damit diesem kleinen König die Lust vergeht, die Verhandlungen in die Länge zu ziehn. Hm, Sapperlot! Kommt mir da ein Gedanke, ein lustiger, famoser Gedanke! Höre Er, Roller, wofür wird Er sich entscheiden? Will Er Wachtmeister oder Gefangener sein?«

»Desertion, Durchlaucht!«

»Papperlapapp! Ist Er durchgebrannt? Ist Er freiwillig vom Regiment gelaufen? Er kann ja annehmen und sagen, daß ich Ihn mit Gewalt unter meine Buntröcke gesteckt habe. Ich habe dazu das Recht. Na, entschließe Er sich!«

»Gut, ich trete über.«

»Schön! Hier hat Er mein Handgeld und meinen Hut auf Seinen Schädel. Lege Er Seine Hand in meine Patsche und schwör Er, was ich Ihm vorsage!«

Der Wachtmeister tat wie ihm geheißen wurde, obgleich er noch gefesselt war.

»Wie ist Sein vollständiger Name?«

»Jakob Roller.«

»Woher?«

»Aus Dresedow.«

»Also ein Pommer! Schwör Er: Ich, Jakob Roller aus Dresedow in Pommern – –«

»Ich schwöre: Ich, Jakob Roller aus Dresedow in Pommern –«

»Bisher Wachtmeister in der Kavallerie des Königs Karl von Schweden – –«

»Bisher Wachtmeister in der Kavallerie des Königs Karl von Schweden – –«

»Mag von diesem Schwedenkönig von heute an nichts mehr wissen – –«

»Mag von diesem Schwedenkönig von heute an nichts mehr wissen – –«

»Und trete also hiermit in den Dienst Seiner Majestät des Königs von Preußen über.«

»Und trete also hiermit in den Dienst Seiner Majestät des Königs von Preußen über.«

»Ich gelobe, in die Hand meines nächstobersten Kriegsherrn – –«

»Ich gelobe, in die Hand meines nächstobersten Kriegsherrn – –«

»Fürst Leopold von Anhalt-Dessau, Generals der Infanterie – –«

»Fürst Leopold von Anhalt-Dessau, Generals der Infanterie – –«

»Daß mich der leibhaftige Teufel holen soll – –«

»Daß mich der leibhaftige Teufel holen soll – –«

»Wenn es mir beikommen sollte, von meiner neuen Fahne zu desertieren – –«

»Wenn es mir beikommen sollte, von meiner neuen Fahne zu desertieren – –«

»Amen!«

»Amen!«

»So, nun ist Er mein. Nehmt ihm die Stricke fort! Er ist nun mein Soldat und soll frei sein.«

Der Wachtmeister wurde von seinen Banden befreit. Dann fragte der Fürst: »Wem gehört die Karre?«

»Der Herzog von Merseburg hat sie mir versorgt.«

»Den werde ich bekarren, daß er an mich denken soll! Ich werde Sein Schleiferlied lernen, und Er hat mir dabei zu helfen. Den Karren bringe ich dem Herzog selber zurück.«

Er hob den Karren in die Höhe und schob ihn eine Strecke fort.

»Er wird gehen, ganz prachtvoll. Jetzt spann Er sich vor. Wir reiten über Hettstedt nach Oschersleben, und Er folgt uns nach. Ich lasse zwei Reitknechte bei Ihm, die mit ihrem Kopf für Ihn haften. Sie haben Pistolen mit. Merke Er sich das!«

Die Herren stiegen zu Pferd und verfolgten ihren Weg weiter. Ihnen nach trollte der Schleifer, von den zwei Knechten zu Fuß begleitet. Er wäre ihnen wohl schwerlich entkommen, wenn er etwa einen Fluchtversuch gemacht hätte. – – –

 

Es war einige Tage später, und zwar an einem Sonnabend. Jungfer Zeißig, die Wirtschafterin des Ritterguts Allstädt, hatte sehr viel zu tun. Überall sollte geputzt und gescheuert werden, aber es fehlten die notwendigen Hände dazu. Es gab nämlich auf Feld und Wiese so viel Arbeit, daß alle Knechte und Mägde dabei angestellt werden mußten. Mit Getreide oder Heu hochbeladene Wagen schwankten hintereinander durch das Tor herein, auf die geräumigen Scheuern zu, und Jungfer Zeißig lief aus einer Stube in die andere und ärgerte sich, daß noch nirgends gescheuert war und überall der Staub auf Tischen und Stühlen lag.

Nur in den Zimmern der Herrin war gesäubert worden. Dort gab es nämlich ein Stuben- und ein Kammermädchen, und diese beiden hatten dafür gesorgt, daß alles blitzblank aussah. Konnte Jungfer Zeißig sich dies gefallen lassen? Nein! Sie ging hinauf zu der Herrin, stemmte die Arme in die Seiten und meinte, indem sie sich einige Male um ihre Achse drehte und dabei die Möbel besichtigte:

»Ja, das laß ich mir gefallen, gnädiges Fräulein! So muß es sein; hier gibt es Ordnung und Sauberkeit. Aber unten bei mir, da sieht es grad wie in Polen aus, wie mein Seliger immer sagte.«

»Da muß Sie sich gedulden, meine gute Jungfer Zeißig«, antworte Anna von Boberfeld. »Die Leute haben keine Zeit. Aber am Spätnachmittag werden sie fertig sein.«

»Das ist es ja eben! Wenn ich am Spätnachmittag erst anfange, kann ich ja gar nicht fertig werden, selbst wenn ich bis tief in die Nacht hinein scheuern laß. Es ist ein Kreuz und ein Elend. Sie könnten helfen, gnädiges Fräulein! Wenn Sie mir das Kammermädchen und das Stubenmädchen für einige Stunden ablassen wollten, ginge es.«

»Ah! Ich habe Ihr doch bereits oft gesagt, meine gute Jungfer Zeißig, daß das nicht geht.«

»Es geht schon, wenn Sie nur wollen, gnädiges Fräulein.«

»Nein, es geht nicht! Die beiden haben bei mir zu tun. Die eine ist eben über dem Plätten, und die andere näht an der Garderobe. Und überdies habe ich die Mädchen nicht für den Stall oder für die Wirtschaft gemietet. Sie sind auschließlich zu meiner Bedienung da und würden sich sehr wundern, wenn ich ihnen zumuten würde, Gesinderäume zu scheuern.«

»Oh, dazu sind sie auch nicht zu gut! Aber ich weiß schon, sie bilden sich ein, mehr zu sein als die anderen. Das Naschen steht ihnen hoch, und der Hochmutsteufel steckt ihnen im Leib. Da kann man ihnen freilich nicht zumuten, eine Treppe tiefer zu steigen und zu uns Plebs herunterzukommen. Das ist eine Wirtschaft grad wie in Polen, wie mein Seliger immer sagte. Ich werde am Ende noch selber scheuern müssen! Dann aber lauf ich auf und davon, und wer bleibt denn übrig zum Wischen und Putzen? Das Kammer- und das Stubenkätzchen. Und wenn die nicht wollen, so müssen das gnädige Fräulein endlich selber scheuern, melken und ausmisten. Es ist ein Kreuz und ein Elend hier in Allstädt!«

Damit ging sie zur Tür hinaus.

Unten begegnete ihr ein Soldat, der am Tor abgestiegen war und sein Pferd dort angezäumt hatte.

»Bitte – ist das gnädige Fräulein von Boberfeld zu sprechen?«

Ihr Gesicht heiterte sich bei seinem Anblick schnell auf.

»Ihr seid es, Herr Korporal? Oh, das ist doch einmal eine Erholung in all diesem Jammer und Elend.«

»Hat Sie denn schon wieder einen Jammer erlebt?«

»Wie, nur von einem einzigen Jammer redet Ihr? Unzählige Jammer erlebe ich täglich! Denkt Euch nur: es ist bereits zwei Uhr, und ich habe noch nicht mit dem Scheuern anfangen können!«

»Ja, Sie hat gar zu viel auf Ihren Schultern liegen. Als Frau Korporalin hätte Sie es bedeutend besser!«

Sie schlug verschämt die Augen nieder. »Frau Korporalin, oh, das hat einen Klang, einen Klang wie ein Waldhorn oder eine Trompete! Aber wo wäre dann mein Korporal?«

»Wo? Hier steht er, meine schöne Jungfer Zeißig!«

»Hier? Ihr wäret es? Ihr wollt mich nur ein wenig zum Narren halten?«

»Bewahre! Ich rede die reine Wahrheit, aber natürlich nur unter gewissen Umständen.«

»Darf man diese Umstände erfahren?«

»Warum nicht! Sie weiß, daß mein Herr, der Oberst Börjesson, Ihr Fräulein liebhat. Sie scheint nicht ganz einverstanden damit zu sein, und leider habe ich den Schwur getan, nur mit meinem Obersten zu heiraten. Dann wird er General und ich werde Feldwebel oder gar Leutnant. Das wäre ein Leben!«

»O mein Gott, wie schön, wie prächtig, wie herrlich, wie entzückend!«

»Nicht wahr? Aber mein Oberst wird nie heiraten, wenn er das Fräulein Boberfeld nicht bekommt, und dann muß ich meinen Schwur halten und ledig bleiben.«

»Ach, das ist traurig! Das ist ja eine Wirtschaft, grad wie in Polen, wie mein Seliger immer sagte!«

»So ist es! Wenn nur beim Teufel Ihr Fräulein mit meinem Obersten ein wenig freundlicher sein wollte! Sie könnte dabei helfen! Wie wärs, wenn Sie ein wenig mit Intrige spielte?«

»Oh, das kann ich, darin habe ich gelernt, darin bin ich erfahren wie keine andere. Aber worin soll ich denn Intrigen spielen?«

»Gegen diesen Leutnant von Seeström.«

»Ach so! Ja, ich glaube, dem ist sie gut!«

»Versteht sich! Aber dieses Gutsein muß man eben alle machen.«

»Ich bin dabei, Herr Korporal. Aber wie kann man das fertig bringen?«

»Das weiß ich noch nicht, aber mein Oberst wird Ihr schon die nötigen Anweisungen geben, und wenn Sie diese ausführt, so ist es sehr leicht möglich, daß Sie Frau Korporalin, Frau Feldwebel und Frau Leutnant wird.«

»Oh, ich werde sie ausführen; darauf könnt Ihr Euch verlassen! Aber ist es denn auch wahr, Herr Korporal?«

»Ja.«

»Oh!« seufzte sie entzückt. »Frau Korporalin, Frau Feldwebel und gar Frau Leutnant, verwitwete Zeißig, geborene Linde. Wann kommt Ihr Herr Oberst wieder einmal nach Allstädt?«

»Heute, jetzt! Er ist bereits unterwegs, und ich bin vorausgeritten, um ihn dem gnädigen Fräulein anzumelden.«

Da schlug sie die Hände erschrocken zusammen.

»Herr, mein Heiland! Der Herr Oberst kommt, und es ist noch nicht gescheuert! O weh, das ist ja eine Wirtschaft! Grad wie in Polen, wie mein Seliger immer sagte! Geht hinauf, Herr Korporal! Ich muß eilen, ich muß fliegen, ich muß mich sputen!«

Sie rannte in die Küche, und er stieg die Treppe zu der Herrin von Allstädt empor ...

 

Während dieses Gesprächs schritten zwei Männer dem Gut zu. Es waren kräftige, aufrechte Gestalten, die im Gleichschritt nebeneinander gingen, als ob sie vor dem Dessauer exerzierten.

»Das ist Allstädt, Korporal?« fragte der eine. »Ob er bereits da ist?«

»Abwarten!«

»Verdammte Geschichte! Wenn er uns sieht!«

»Lassen uns eben nicht sehen. Müssen erst auskundschaften. Wollte doch, es käm ihm einmal etwas in die Quere! Dann bissen wir ihn heraus und erhielten vielleicht Pardon!«

»Der Teufel hole diesen verdammten Seeström! Seinetwegen sind wir fortgejagt worden wie alte Hunde, die keine Zähne mehr haben.«

»Das ist richtig! Aber muß man denn nun deshalb den Seeström zum Teufel wünschen? Er ist ein prächtiger Kerl. Daß er uns so geleimt hat, ist allerdings eine ganz dumme Geschichte; aber man muß Achtung vor ihm haben. So etwas bringt ein anderer nicht gleich fertig. Aber diesen Feldwebel Baldauf, den mag der Teufel zur Hölle reiten! Gibt sich für einen Hausknecht aus, führt mich an der Nase herum und haut mir nachher gar eins über den Kopf, daß ich niederplumpse wie ein Sack.«

»Es wäre am Ende besser, wir gingen zu den Schweden!«

»Warum, Er Elementer?«

»Nun, hat uns der Dessauer nicht fortgejagt, uns alle fünf, weil wir den Kronprinzen gefangen haben, und weil ihm nachher der Junker entwischt ist.«

»Ja, das hat er! Aber muß man nun da gerade durch dick und dünn zu den Schweden rennen, he? Hat Er keine Ehre im Leib? Mich, den Korporal Waldow, kann der Leopold tausendmal fortjagen, ich bleib ihm dennoch treu. Er ist ein ganz verfluchter Grobian und schüttet das Kind zuweilen mit dem Bad aus, das ist wahr; aber wenn die Hitze verflogen ist, dann ist er wieder der beste Kerl, den es nur geben kann. Und Er will zu den Schweden? Jetzt, wo der Teufel den Fürsten reitet, daß er durchaus als Scherenschleifer nach Allstädt und Merseburg will?«

»Wißt Ihr es denn gewiß?«

»Ja. Der Wachtmeister Roller, den er neu angeworben hat, hat es mir gesagt. Er hat ihm das Schleifen und auch das Lied dazu lehren müssen. Der Fürst hat etliche fünfzig Messer verschliffen, etliche dreißig Scheren ruiniert und das Lied doch nicht in den Kopf gebracht. Singen kann er nicht, denn der Herrgott hat ihm seinen Bärenbaß grade nur zum Kommandieren gegeben, und die achtundneunzig Zeilen, die das Lied hat, mengt er wie Kraut und Rüben untereinander. Aber er hat sich von seinem Vorhaben nicht abbringen lassen; er ist eben ein Eisenkopf, der alles tut, was er sich einmal vorgenommen hat. Wenn er anfängt zu schleifen und zu singen, so müßte es seltsam zugehen, wenn sie ihn nicht erkennen und festhalten.«

»Es ist doch kein Krieg!«

»Ihm fehlt wahrhaftig ein ganzes Rad vom Verstand. Es ist wahr, der Preuße verhandelt mit dem Schweden. Aber das ist auch eine Verhandlung, die keinen Dreier wert ist. Ich sage Ihm, Krieg gibt es allemal. Durch die Verhandlung kann er nur auf einige Jahre oder Monate hinausgeschoben werden. Wird man aber über gar nichts einig, so bricht er sofort los. Darum rüstet der Sachse im stillen, trotz des Altranstädter Friedens, darum hält der Schwede seine Leute schlagbereit, und darum stellt auch der Preuße seine Buntröcke heimlich an die Grenze, so daß sie in einem einzigen Tag in Merseburg sein können. Und wie ich den Dessauer kenne, so ist er nicht so ins Blaue hinein als Schleifer in diese Gegend gegangen. Er weiß, welche Gefahr er dabei läuft, und hat sich sicher einen Hinterhalt für den Fall gelegt, daß sie ihn ertappen. In Allstädt ist er sicher. Denn die Besitzerin ist eine Tochter des Majors von Boberfeld, unter dem ich in den Niederlanden gekämpft habe. Er war mit dem Leopold ein Herz und eine Seele. Das weiß sie, und darum wird sie ihm nichts Übles zufügen.«

»Und der Kronprinz?«

»Der ist auch so ein Sapperloter. Ich glaube, er ist gleichfalls inkognito zu den Schweden oder nach Merseburg, und es sollte mich wundern, wenn ich mich täuschte. Warum hat er sich in Halberstadt bei meinem Gevatter Schneider einen gewöhnlichen Anzug und bei einem Tischler einen Kasten machen lassen, wie ihn die Krämer brauchen? Das kann, wenn er erkannt wird, eine ganz heillose Geschichte werden!«

Sie waren inzwischen an das Gutstor gekommen und blieben dort halten. Von da aus konnten sie den ganzen weitläufigen Hof übersehen.

»Ich sehe keinen Schleifer«, meinte der Korporal Waldow.

»Und auch keinen Karren«, fügte sein Gefährte hinzu. »Was machen wir?«

»Er kommt jedenfalls noch. Dort guckt ein Weibsbild aus dem Fenster. Vorwärts, hin zu ihr!«

Sie stiegen über den Hof hinweg bis an das Fenster, aus dem die Wirtschafterin ihnen entgegenblickte.

»Guten Tag, Jungfer!« grüßte er, indem er den Dreispitz lüftete.

»Guten Tag«, entgegnete sie freundlich. Er hatte sie mit seiner Anrede sofort gewonnen. »Was wollt Ihr hier?«

»Nicht wahr, dieses Rittergut heißt Allstädt und gehört dem gnädigen Fräulein von Boberfeld?«

»Ja!« nickte sie.

»Ihr seid gewiß das gnädige Fräulein selbst, nicht wahr, Jungfer?«

Sie lachte vor Entzücken im ganzen Gesicht. Der Korporal verstand es gar nicht so schlecht, sich die Gunst eines weiblichen Herzens im Sturmschritt zu erobern.

»Nein! Das gnädige Fräulein bin ich nicht, aber die Wirtschafterin.«

»Tut nichts! Das ist ja beinah ebensoviel. Darf man Euren Namen wissen?«

»Jungfer Zeißig, geborene Linde.«

Der Korporal beherrschte sich. Sein Kamerad aber hatte die Kraft nicht dazu. Er machte ein höchst verblüfftes Gesicht, denn er konnte sich nicht erklären, wie eine geborene Linde noch Jungfer Zeißig heißen konnte.

»Schön, Jungfer Zeißig!« meinte der Korporal. »Ich heiße Waldow, und mein Kamerad heißt Hammer. Wir suchen Arbeit. Habt Ihr vielleicht welche?«

»Arbeit? Oh, genug! Was könnt ihr denn?«

»Wir können alles, was zur Landwirtschaft gehört.«

»So könnt ihr sofort eintreten. Kommt aber zunächst herein in die Küche; ich will euch zu essen geben. Dann könnt ihr mit dem ersten Knecht, der mit dem Wagen kommt, hinaus aufs Feld oder auf die Wiese fahren.«

Diese Einladung war den beiden willkommen. Sie gingen in die Küche und bekamen reichlich vorgesetzt. Sie hatten eben die Messer in die Hand genommen, als der schwedische Korporal eintrat. Er warf einen kurzen, hochmütigen Blick auf die beiden Fremden und meinte dann mißmutig: »Verfluchte Geschichte! Wollte Ihr Fräulein heute ausfahren?«

»Nein!«

»Donnerwetter! Und als ich ihr melde, daß mein Oberst kommt, sagte sie, das tue ihr leid. Sie sei für heute bereits in die Nachbarschaft versprochen und werde gleich abfahren; ich solle das dem Herren Oberst melden. Sie tut das natürlich nur, um dem Herrn Obersten von Börjesson auszuweichen.«

»Wohin mag sie wollen?«

»Ich nahm mir den Mut und fragte sie. Da fuhr ich aber verteufelt ab. Sie donnerte mich an, daß es eine Art hatte. Wenn es der Oberst nur erst erfahren hätte, daß der Sturm vorüber wäre, den es geben wird. Übrigens weiß ich auch den Weg gar nicht, den er einschlägt. Es ist also sehr unsicher, ob ich ihm begegnen werde. Lebe Sie wohl, Jungfer.«

Er ging, und sie begleitete ihn über den Hof hinweg zu seinem Pferd. Die beiden Zurückbleibenden sahen einander an.

»Ein Schwede!« sagte Hammer.

»Habs gesehen, daß es kein Mohr war«, antwortete Waldow. »Dieser Oberst Börjesson scheint also mit der von Boberfeld Süßholz raspeln zu wollen, und sie mag nichts von ihm wissen.«

Der andere kam nicht dazu, etwas zu entgegnen, denn die Wirtschafterin trat wieder ein und meldete:

»Draußen hält der Knecht mit dem Wagen. Ich habe es ihm gesagt; er wird euch mitnehmen. Das andere werde ich mit dem Verwalter ausmachen, wenn er nach Hause kommt.«

Sie begleitete sie bis in den Hof. Dort war wohl ein ungeheurer Leiterwagen, aber kein Knecht zu sehen.

Die Wirtschafterin suchte und fand ihn im Wagenschuppen.

»Was tut Er hier? Er muß ja hinaus aufs Feld!«

»Ich habe für das gnädige Fräulein anzuspannen.«

»Wer hat es Ihm befohlen?«

»Das Fräulein selbst. Sie guckte zum Fenster heraus.«

»So, hm! Na, dann mach Er Seine Sache. Sie wird selber fahren, wie gewöhnlich, und Er bringt dann diese beiden Männer hinaus aufs Feld.«

Sie kehrte in die Küche zurück. Waldow und Hammer griffen mit zu, so daß der leichte Wagen bald zur Abfahrt bereit war. Nun kam auch die Herrin in den Hof herab.

Sie war allerdings auffallend groß und kräftig, dabei aber doch so wohlgebaut, daß ihre Körpergröße ihrer ungewöhnlichen Schönheit keinen Abbruch tat. Ihre Bewegungen waren sicher, leicht und anmutig, und der Blick ihres Auges ließ erraten, daß sie neben weiblicher Anmut auch über einen guten Teil männlichen Selbstbewußtseins verfügte.

»Wer seid Ihr?« fragte sie die beiden ehemaligen Werber.

»Neue Arbeiter«, antwortete der Korporal.

Sie nickte mit dem Kopf, stieg ein und ergriff die Zügel. Und bald darauf war der schnell dahinrollende Wagen nicht mehr zu sehen.

Auch der Leiterwagen verließ den Hof.

Kurze Zeit später sprengte ein Reiter durch das Tor, ließ sein Pferd in kurzen Sätzen über den Hof galoppieren und warf dabei einige verstohlene Blicke nach den Fenstern des herrschaftlichen Stockwerks empor. Als er dort niemanden bemerkte, stieg er ab und band sein Pferd an die Angel eines Fensterladens. Seine Miene war finster geworden. Eben wollte er ins Haus treten, als ihm die Wirtschafterin entgegenkam.

»Der Herr Oberst von Börjesson! Willkommen auf Allstädt, gnädiger Herr!«

»Willkommen?« fragte der Oberst. »Es scheint nicht so! Es gibt hier ja nicht einmal einen Diener, der mir das Pferd abnimmt.«

»Entschuldigen der Herr Oberst! Es sind alle Mann hinaus aufs Feld, und wir haben erst vor einigen Minuten erfahren, daß wir Euch zu erwarten hatten.«

»War der Korporal hier?«

»Ja! Seid Ihr ihm nicht begegnet? Er hatte Auftrag, Euch zu sagen, daß unser gnädiges Fräulein nicht zu Hause ist.«

»Wer hat ihm diesen Auftrag erteilt?«

»Das Fräulein selber.«

»Also war sie vorher zu Hause? War es denn schon vorher bestimmt, daß sie fort wollte?«

»Mir hatte sie nichts davon gesagt.«

»Seit wann ist sie denn fort?«

»Seit einer Viertelstunde.«

»Wohin?«

»Sie hat es niemandem gesagt.«

Sein Gesicht legte sich in düstere Falten. »Das heißt also, daß sie vor mir geflohen ist und mich nicht wissen lassen will, wo ich sie finden könnte! War der Leutnant Seeström hier?«

»Gestern abend um sechs Uhr kam er.«

»Und wann ritt er wieder fort?«

»Vielleicht um Mitternacht.«

»Also für ihn hat sie sechs volle Stunden übrig, für mich aber ist sie nicht daheim. Ich werde sie dennoch erwarten.«

»Sie wird wohl spät kommen, gnädiger Herr!«

»Tut nichts. Ich hätte auf alle Fälle heut hier über Nacht bleiben müssen. Ich habe sehr angenehmen und hohen Besuch anzumelden, den ich morgen vormittag an der Seite der Herrin des Hauses hier empfangen muß.«

»Ist's möglich! Herr, mein Heiland, ist das ein Jammer und ein Elend! Hoher Besuch und noch nicht gescheuert! Das ist ja eine Verwirrung und Unordnung, grad wie in Polen, wie mein Seliger immer sagte. Darf ich fragen, wer die hohen Herren oder Damen sind?«

»Nur Herren. Bin auch nicht befugt, die Namen zu nennen. Es sind ihrer drei oder vier. Zwei kann ich Ihr bezeichnen, nämlich den Herzog von Merseburg, den Vormund Ihrer Herrin, und den Grafen von Mansfeld. Treffe Sie also Ihre Vorbereitungen! Ich will Sie dabei nicht stören und werde darum einen Spazierritt unternehmen. Mit der Dunkelheit bin ich zurück. Aber spute Sie sich, denn es ist immerhin möglich, daß schon heut noch einer der Herren eintrifft.

Er band sein Pferd wieder los, schwang sich auf und ritt davon. Sie aber stand ratlos vor der Tür und schlug die Hände zusammen.

»Was ist zu tun? Was ist anzufangen? Wer hereinkommt, wird festgehalten. Ich lasse keinen Menschen wieder fort. Sie alle, die Knechte und Mägde, müssen putzen und scheuern, daß es kracht!«

Sie hätte ihr Selbstgespräch vielleicht noch weiter fortgesetzt, aber sie wurde darin unterbrochen. Es kam abermals ein Reiter durchs Tor. Er hielt vor ihr an und fragte:

»War das nicht der Oberst Börjesson, der jetzt das Gut verließ?«

»Ja, mein gnädiger Herr Herzog.«

»Mein Mündel ist zu Hause?«

»Nein, das gnädige Fräulein sind ausgefahren.«

»Wohin?«

»Wir wissen es nicht.«

»Wann kommt sie zurück?«

»Auch das wissen wir nicht.«

Seine Miene wurde strenger und finsterer als sie schon ohnehin war. »Hat sich der Oberst anmelden lassen?«

»Ja, bei dem gnädigen Fräulein.«

»Sie war also noch da?«

»Noch vollständig da.«

»War ihre Spazierfahrt bereits geplant und sehr notwendig?«

»Nein, gnädiger Herr.«

»So hat sie also dem Obersten ausweichen wollen. Ich werde ihr diese Mucken austreiben! War der Leutnant Seeström hier?«

»Gestern, sechs Stunden lang.«

»Ah, vor ihm reißt sie also nicht aus!«

»Ja, das ist ein Jammer und Elend hier auf Allstädt, mein gestrenger Herr Herzog. Alles geht drunter und drüber. So hoher Besuch, und nicht geputzt, gereinigt und gescheuert, keine Vorbereitung getroffen, nicht gebacken, kein Fleisch gekauft! Oh, das ist eine Wirtschaft, grad wie in Polen, wie mein Seliger immer sagte.«

»Also nicht einmal absteigen kann man? Hat der Oberst den Besuch angemeldet und Ihr gesagt, wie viele Personen Sie zu erwarten hat?«

»Ja, drei oder vier sehr hohe Herren.«

»Oder auch fünf! Denn ich glaube nicht, daß der Kö – – wollte sagen, der eine Herr, ganz ohne Begleitung kommt. Spute Sie sich mit Ihren Vorbereitungen! Ich werde einen Spazierritt machen und versuchen, ob ich den Obersten noch einholen kann. – Wann wollte er wiederkommen?«

»In der Dämmerung.«

»Gut! Da bin ich auch zurück. Kann Sie lesen?«

»Ach nein, mein gestrenger Herr Herzog. Unsereiner hat eine solche Schule – –«

»Schon gut! Hier nehme Sie einmal diese kleine Mappe und trage Sie das Ding hinauf in mein Zimmer. Aber sorge Sie dafür, daß sie kein Mensch in die Hände bekommt!«

Er zog aus der Satteltasche einen mit dem herzoglichen Wappen versehenen Umschlag hervor, in dem mehrere Papiere lagen, die durch einen Gummi zusammengehalten wurden. Nachdem er ihr diese Mappe übergeben hatte, ritt er davon. Sie aber trat in die Küche, legte die Mappe auf den ersten besten Tisch und begab sich in den Vorratsraum.

Noch waren nicht zehn Minuten vergangen, so kam abermals einer durch das Tor. Diesmal war's kein Reiter, sondern ein Fußgänger, der einen Karren vor sich herschob. Er blieb einige Augenblicke halten, besah sich die Gebäude und brachte dann seinen Karren nach dem Wagenschuppen.

Nirgends war ein Mensch zu sehen. Der Mann schritt dem Eingang des Wohnhauses zu und trat in die Küche. In demselben Augenblick kam die Wirtschafterin von ihrem Gang zurück.

»Guten Tag!« grüßte er mit tiefer Baßstimme, indem er mit der Linken seinen Knebelbart strich. »Gibt es hier Arbeit für mich?«

»Arbeit? Genug! Was ist Er denn?«

»Ein Scherenschleifer.«

»Ah, ich dachte, vielleicht ein Taglöhner. Aber Er kann auch als Schleifer hier Arbeit finden; denn unser ganzes Schneidzeug ist stumpf geworden. Doch ich habe jetzt keine Zeit. Setze Er sich und – – ah, da kommt mir ein Gedanke! Es ist gut, daß Er hier vorspricht. Ich muß hinaus aufs Feld und auf die Wiesen, um die Leute zu rufen. Bleibe Er einstweilen hier. Dort steht Brot, Wurst und Käse. In zehn Minuten bin ich wieder da; das kann Er sagen, wenn jemand kommen sollte.«

»Schön! Wer ist Sie denn eigentlich?«

»Ich bin Jungfer Zeißig, geborene Linde, die Wirtschafterin vom Gut.«

»Hm, Jungfer Zeißig, geborne Linde, wo ist denn Ihre Herrin?«

»Ausgefahren.«

»Sonst kein Besuch hier?«

»O ja, sehr vornehmer Besuch sogar! Der Herzog von Merseburg und der Oberst von Börjesson. Aber ich habe jetzt keine Zeit zum Plaudern. Halte Er aus, bis ich wiederkomme!«

Sie eilte davon. Er blickte ihr durchs Fenster nach.

»Ein ganz verfluchtes Weibsen, das! Wie war nur gleich ihr Name? Es war ein Vogel und ein Baum. Ja, so ist's; Jungfer Finke, geborne Birke, oder nein, Jungfer Wachtel, geborne Erle, so war es. Muß es mir merken, denn sie scheint hier im Hause etwas zu gelten! Aber was ist denn das hier?«

Sein Auge war auf die Mappe gefallen.

»Das Merseburger Siegel! Kreuzschockschwerenot, vielleicht spielt mir da der Zufall gerade das in die Hände, was ich suche! Muß doch einmal nachsehen. Bin nun einmal als Kundschafter unterwegs und wäre wahrhaftig ein riesiger Esel, wenn ich die Gelegenheit nicht benutzte!«

Er öffnete die Mappe und nahm die Papiere heraus. Je weiter er die Schriftzüge überlas, desto gespannter wurde seine Miene, und von Zeit zu Zeit stampfte er mit dem Fuß oder schlug mit der Faust auf den Tisch und stieß dabei einen kräftigen Fluch aus. Als er fertig war, legte er die Papiere wieder in den Umschlag zurück und zog den Gummi darüber.

»Himmeldonnerwetter! Da hab ich ja einmal in einen netten Topf geguckt! Na warte, diesen Braten soll euch der Teufel segnen! Aber essen muß ich noch schnell etwas, sonst merkt diese Jungfer Zippe, geborne Fichte, daß ich spioniert habe.«

Er schob sich ein Stück Brot in den Mund und einen halben Käse hinterher. Dann setzte er kauend seine Betrachtungen fort.

»Das ist ja die elendeste, die allerelendeste Schlechtigkeit! Also über uns herfallen wollen sie! Der Mansfeld will die Sequestration los sein, und der Merseburger bekommt einige Hunderttausend in die Schatulle gesteckt. Ihr verdammten Bengels, ich werde euch sequestrieren und schatullieren, daß euch die Augen flimmern sollen! Und den Meißner Kreis kriegt der Merseburger? Nicht auch noch Österreich und Bayern, Frankreich und das Kaffernland dazu? Das sollte der sächsische Kurfürst wissen! Kommt dieser Schwedenbengel herein nach Deutschland und gebärdet sich, als ob er hier der Herr sei und Herzogtümer verschenken könne!«

Er schob ein riesiges Stück Wurst dem Käse nach.

»Wir haben den Kerl jetzt ungestört schalten und walten lassen, weil er zu unserem Vergnügen einigen von unseren lieben Vettern das Fell ausklopfte, daß die Flöhe davonsprangen. Jetzt hält er uns für Tolpatsche und will auf uns los. Und auch mir, dem Leopold von Dessau, wollen sie die Fingernägel verschneiden, weil ich mir zuweilen einen Rekruten über die Grenze herübergeholt habe. Prosit Mahlzeit! Dazu gehört eine Schere, und jetzt bin ich Schleifer. Ich werde euch die Schere so verschleifen, daß sie euch in die eigenen Tatzen zwackt! Also die Verhandlung mit unserem Oberst von Ravenau wird nur zum Schein, und zwar so lange geführt, bis diese Spitzbuben hier sich geeinigt haben! Hm! Hätte ich nur gleich jemand, der mir hinüber nach Blankenfelde laufen könnte zum Major! Aber halt, da kommt die alte Schachtel! Ich muß mich noch einmal über den Käse hermachen!«

Als die Wirtschafterin, atemlos und in großer Eile eintrat, saß er mit dem unschuldigsten Gesicht beim Essen.

»Na, da ist Sie ja wieder! Braucht Sie Ihre Leute denn gar so notwendig, Jungfer Amsel, geborne Erle?«

Sie sah ihn erstaunt an.

»Will Er mich vielleicht schimpfen, he? Das lasse Er nur immer bleiben!«

»Schimpfen? Fällt mir gar nicht ein! Warum denn?«

»Weil Er mir einen so albernen Namen gibt!«

»Das ist ja der Ihrige, den Sie mir selber genannt hat!«

»Jungfer Zeißig, geborne Linde, habe ich gesagt!«

»Bomben und Granaten! Ich wußte wohl, daß es ein Vogel und ein Baum war. Aber ich habe mir nur nicht die richtigen gemerkt, das ist der Fehler.«

»Wenn es so ist, will ich es Ihm für dieses Mal nicht anrechnen, aber für später mag Er es sich besser merken. Jetzt kann Er hinausgehen und sich einen Stand aussuchen. Ich werde wohl so viel Zeit übrig behalten, einige Scheren, Messer und anderes für Ihn auszulesen.«

Er verließ die Küche und ging hinaus in den Hof. Dort besah er sich die Stallungen und Scheunen, während die Knechte und Mägde von den Feldern heimkehrten. Zu seinem Karren zurückkehrend, sah er zwei Männer, die davorstanden und ihm den Rücken zukehrten. Als sie seinen Schritt vernahmen, drehten sie sich um. Es gab eine große Verblüffung auf beiden Seiten.

»Waldow, Hammer! Ihr verfluchten Halunken ihr, was habt ihr denn in Allstädt zu suchen?«

»Wir taglöhnern hier, Exzellenz«, antwortete Waldow.

»Halt den Schnabel, Kerl! Sagst du noch einmal Exzellenz, so pfeife ich dir eine ins Gesicht, daß du denkst, du hast zweiunddreißig Elefantenzähne im Maul! Was ihr hier wollt, das weiß ich sehr genau: mit den Schweden wollt ihr dunkelmunkeln!«

»Wahrhaftig, das ist nicht wahr! Und da Ihr uns so kommt, so will ich aufrichtig sagen, was wir hier wollen. Wir haben gewußt, daß Ihr als Schleifer nach Allstädt wollt, und weil das gefährlich ist, sind wir Euch nach, damit Ihr doch jemanden habt, auf den Ihr Euch verlassen könnt, wenn etwas schiefgehen sollte.«

»Aber ich habe euch doch fortgejagt!«

»Der Kuckuck soll mich holen, wenn Ihr uns nicht auch wieder annehmt!«

»Halunke, du sprichst ja wie einer, der nur zu reden braucht! Na, ich werde euch einmal auf die Probe stellen. Paßt auf, was ich euch sage! Ihr tut jetzt, als ob die Arbeit euch nicht gefällt und macht euch auf die Socken. Ihr lauft hinüber nach Blankenfelde zum Major Hagen. Morgen abend Punkt halb elf muß er mit fünfzig Mann hier hinter dem Gut stehen. Diese Leute müssen durch feindliches Gebiet. Er wird also für Zivilkleider sorgen, nur lauter zuverlässige Männer nehmen und sie den Weg vereinzelt machen lassen. Wenn der Major auf die Minute hier ist, so habt ihr eure Scharte ausgewetzt, und du, Waldow, magst meinetwegen Feldwebel werden. Jetzt aber packt euch fort, ihr Ungeziefer, sonst merken diese Leute, daß wir uns kennen.«

»Aber nehmt Euch in acht bis dahin – –«

»Will Er wohl gleich verduften, he, oder soll ich Ihm Beine machen, daß Er in einem Atem läuft von hier bis nach Konstantinopel?«

Die zwei gingen davon und benutzten die nächste Gelegenheit, das Gut heimlich zu verlassen. Nach einiger Zeit kam der Verwalter zu dem Schleifer.

»Hier bringe ich Ihm Verschiedenes zum Ausbessern. Aber Er braucht sich damit nicht sehr zu beeilen!«

»Wird dennoch heute gemacht. Morgen ist Feiertag, da mag ich nicht arbeiten.«

»Ganz wie Er will! Standen nicht die beiden neuen Taglöhner vorhin bei Ihm? Ich sehe sie nicht mehr. Wovon sprachen sie?«

»Davon, daß ihnen das Ding nicht recht gefallen wolle. Es sei keine Ordnung hier auf dem Gut.«

»Aha, liederliches Pack! Sie sind auf und davon. Landstreicher, nichts weiter!«

Der Alte begann seine Arbeit.

Gegen Abend kehrte der Herzog von Merseburg an der Seite des Obersten zurück. Ihre Zimmer waren in Ordnung, wie ihnen die Wirtschafterin meldete.

»Das Fräulein zurück?« fragte der Herzog.

»Noch nicht.«

»Melde Sie es mir sofort, wenn sie kommt! Und jetzt besorge Sie uns etwas zu essen!«

Eine halbe Stunde später saßen die beiden Herren bei Tisch und unterhielten sich von den Plänen, die morgen hier zur Sprache kommen sollten. Sie wurden hier und da durch ein schallendes Gelächter unterbrochen, das vom Hof heraufklang.

»Was gibt es da unten?« fragte der Herzog, als die Wirtschafterin eine neue Schüssel brachte.

»Es ist ein Schleifer da, ein possierlicher Grobsack, mit dem sich das Volk jetzt unterhält. Sie fragen ihn, ob er singen kann. Aber er hat keine rechte Lust dazu.«

In diesem Augenblick erhob sich unten ein Geräusch, wofür man unmöglich einen Namen haben konnte; es war kein Reden, kein Brüllen, kein Singen, und es war doch alles dies zusammen. Die Fenster waren geöffnet, und man konnte jedes Wort deutlich verstehen:

»Der Schleifer ist allzeit ein Mann,
Den man nicht gut entbehren kann.
Er schuftet wie ein Droschkenpferd,
Und gilt doch keinen Heller wert.
Denn man dreht drinnen dem Hans Tapp
Die schwer ersparten Groschen ab.
Das niederträchtge Abc
Schmeckt unbedingt nach Aloe,
Wobei es hier und da gelingt,
Daß man ihn auf das Trockne bringt.
In dieser Art Philosophie
Kaut er an seinem Kniff;
Er legt die Elle übers Knie
Und appliziert ihr Schliff!«

Der Herzog sah den Obersten erstaunt, und dieser ebenso den Herzog an.

»Unser Schleiferlied!« meinte überrascht der Merseburger. »Aber wie! Das klingt ja, als würde es von einem Hahn, einer Katze, einem Löwen und einer Klarinette einstimmig gekräht, gemiaut, gebrüllt und gepfiffen. Und diese Verse! Hört!«

Unten fuhr der Sänger mit donnernder Stimme fort:

»Wohnt einmal einer in der Stadt,
Der gar zu lange Finger hat.
Im Tintenfasse schwimmt das Tier,
Frißt Federn, Schreib- und Druckpapier.
Und wer das Einmaleins verdaut,
Der stirbt auch nicht an Sauerkraut.
Und wo er selbst nicht helfen kann,
Da packen andre Kräfte an.
Man sagt, daß es ein Bankhaus sei,
Doch ist's die höhre Schleiferei.
Und klagt und schimpft und jammert er
Bei dem verbotnen Griff.
So stürzt ein Paragraph daher
Und kriegt nun selber Schliff!«

Ein grölendes Gelächter war der Lohn für den ungewöhnlichen Vortrag. Droben sahen sich die beiden Herren noch immer erstaunt an. Die Wirtschafterin war wieder fortgegangen und lauschte von der Küche aus gleichfalls auf den Gesang, aus dem kein einziger Mensch klug werden konnte. Eben begann der Schleifer wieder:

»Ich kenne ein Amphibium,
Heißt Redakteur und ist nicht dumm.
Bei Tage bleibt er stets zu Haus,
Geht nur im Dunkelmunkel aus.
So war es schon zu Adams Zeit,
So bleibt es auch in Ewigkeit.
Der Prinzipal kniff gerne ex,
Doch faßt ihn ›Polyp multiplex.‹.
Zu spät ins Bett, zu früh heraus,
Das halte doch der Teufel aus!
Jetzt brummt er in der Einsamkeit
Mit eisenfestem Griff,
Und für das Schleifen frührer Zeit
Sorgt er für bessern Schliff!«

»Wahrhaftig, unser Lied, aber zum Tollwerden! Sollte der Leutnant Seeström sich den Spaß gemacht haben, seine Verse einem Menschen zu geben, der sie nicht in der gehörigen Reihenfolge behalten kann?«

»Das ist möglich, aber sehr unwahrscheinlich. Ich traue es ihm nicht zu. Diese Art von Menschen, die sich Dichter nennen, haben ein eigenes Ehrgefühl, das sie sicher abhält, ihre Reime in solche Hände kommen zu lassen. Wahrhaftig, es ist noch nicht alle; der Kerl fängt wieder an. Hört, Oberst!«

»Bei einem wohlbekannten Haus
Fliegt Geld hinein, Papier heraus,
Wobei es hier und da gelingt,
Daß man es auf das Trockne bringt.
Der Frau gebührt natürlich Recht,
Sie ist das schönre Geschlecht,
Ist aller Straßenlampen Feind
Und liebt den Mond, wenn er nicht scheint.
Der Sündenbock für alle Welt,
Auf halbe Ration gestellt,
Hat eine Zunge spitz und scharf,
Und quakt, was man nicht quaken darf.
Doch leider wird sie auch ertappt
Mit ihrem Meister Pfiff;
Ein Gänsedarm hat zugeschnappt
Und kriegt nun selber Schliff!«

In das Lachen, das unten erschallte, stimmten jetzt auch die Herren oben ein.

»Das ist mehr als komisch!« rief der Herzog. »Den Kerl möchte ich sehen.«

»Gehen wir einmal hinunter, Hoheit?«

»Wenn Ihr mitwollt, ja. Kommt!«

Sie kamen in den Hof. Es war gerade noch so hell, daß der Schleifer seine Arbeit so leidlich verrichten konnte.

Er drehte den Stein mit dem Fuß und sang dabei:

»Der Meister und die Meisterin,
Die haben oft gar eignen Sinn;
Der Meister findet weit und breit
Gar manche Ungeschliffenheit.
Der Lehrling ist ein Aschenbrod,
Hat wenig Freud und sehr viel Not.
Weil er sich da nur nutzlos quält,
Wo Schärfe, Schnitt und Rundung fehlt,
Bis er, Kreuzhimmelelement,
Ein fremdes Portemonnaie umrennt.
Doch dazu fehlt dem Grobian
Ein widerspenstges Schiff,
Man faßt ihn etwas straffer an
Und gibt ihm bessern Schliff!«

Die zwei Herren waren während der letzten Verse näher hinzugetreten. Da packte der Herzog den Obersten beim Arm.

»Himmel! Wer ist denn das! – Kommt rasch zurück, daß er mich nicht bemerkt!«

Er zog ihn unter den Eingang und flüsterte dann erregt: »Welch ein Fall! Oberst, wir machen hier einen Fang, der den Erfolg aller unserer Pläne und Absichten aufs beste sichert! Dieser Schleifer ist kein anderer als der Fürst Leopold von Anhalt-Dessau, wie er leibt und lebt!«

»Hoheit! Unmöglich!«

»Ganz gewiß! Wir haben einander zwar noch nie gesprochen, aber ich habe ihn dennoch oftmals gesehen und kenne ihn sehr genau.«

»Ihr müßt Euch täuschen.«

»Nicht im geringsten! Habt Ihr noch nie gehört, wie gern er verkleidet im Land umherzieht, um zu horchen, wie es steht? Habt Ihr noch nie gehört, daß er nicht imstande ist, nur zehn Worte richtig auswendig zu lernen? Habt Ihr noch nie gehört, daß es ihm unmöglich ist, eine Melodie zu merken oder auch nur einen richtigen Ton zu singen?«

»Allerdings habe ich das gehört.«

»Nun? Es stimmt alles! Und den Grund könnt Ihr Euch doch auch denken, warum er in dieser Gegend umherschleicht.«

Der Oberst nickte. Er schien jetzt überzeugt zu sein, daß sich der Herzog nicht geirrt habe. Dieser fuhr fort:

»Und Ihr erkennt auch den unendlichen Vorteil, der uns erwachsen muß, wenn wir ihn dingfest machen können?«

»Das versteht sich!«

»Aber Ihr begreift, daß ich mich wenigstens offiziell rein halten muß?«

»Das begreife ich sehr. Die Schweden haben diese Provinz besetzt; der General einer Macht, die uns jetzt nicht eben freundlich gegenübersteht, schleicht sich mitten in unseren Bezirk. Ich habe nicht nur das Recht, sondern sogar die strenge Verpflichtung, ihn gefangenzunehmen.«

»Aber ohne alles Aufsehen!«

»Habt da keine Sorge, Hoheit! Ich bin fest überzeugt, daß der Fürst sein Inkognito nicht preisgeben wird. Ich nehme also nur einen verdächtigen Schleifer gefangen, und das übrige wird sich dann von selbst ergeben. Aber wie kommt er zu diesem Lied?«

»Mir ein Rätsel!«

»Ob Seeström eine Abschrift bei seiner Flucht aus Halberstadt bei sich gehabt und verloren hat?«

»Schwerlich. Ich befürchte vielmehr, daß Wachtmeister Roller eine Unvorsichtigkeit begangen hat und dem Dessauer in die Hände gefallen ist.«

»Das wäre verdammt! In diesem Fall läßt sich vermuten, daß der Fürst den Karren des Wachtmeisters benutzt. Ich werde mich überzeugen.«

»Aber wie greifen wir ihn? Er ist ein verwegener Gesell.«

»Das ist einfach. Ich lasse ihn zu mir hinaufkommen, bleibe selbst aber noch eine Weile unten und besehe mir den Karren. Dann bringe ich mir gleich so viel Knechte mit, daß er keinen Widerstand zu leisten vermag. Ihr geht hinauf ins Nebenzimmer, dort könnt Ihr die ganze Verhandlung mit anhören.«

»So mag es gehen. Aber wohin stecken wir ihn?«

»Ihr kennt die Räumlichkeiten dieses Hauses besser als ich. Bestimmt Ihr das!«

»Hier im Flur gibt es ein Gewölbe, das ein ganz kleines vergittertes Fenster hat. Die Tür ist aus starkem Eichenholz und mit sicheren Riegeln versehen. Daraus könnte er nicht entkommen. Bis morgen früh steckt er da vollständig sicher.«

»Warum bis morgen früh? Ich halte es für vorteilhafter, wenn wir ihn bis zur Ankunft des Königs und des Grafen hierbehalten.«

»Ihr habt recht. Also wollen wir beginnen. Ich gehe nach oben. Macht Eure Sache gut!«

Einige Minuten später trat die Wirtschafterin zu dem Schleifer.

»Höre Er, Er könnte nun aufhören. Es ist ja so dunkel, daß Er gar nichts mehr sehen kann!«

»Ja, Sie hat recht, meine gute Jungfer Bachstelze, geborne Akazie. Macht Platz, Jungens, daß ich meinen Karren wieder in den Schuppen bringe!«

»Was fällt Ihm denn ein, he, mich wieder so zu nennen?« rief die Wirtschafterin, indem sie sich breit und drohend vor ihn hinstellte.

»Einfallen? Was denn? Sie hat mir ja gesagt, daß Sie so heißt!«

»So! Na, wie heiße ich denn?«

»Na, glaubt Sie etwa, daß ich mir Ihren Namen nicht merken kann, Jungfer Drossel, geborne Nußbaum!«

Ein dröhnendes Gelächter war die Antwort. Selbst die Wirtschafterin lachte ihren Ärger mit fort.

»Er ist ein Dummrian, wie es keinen zweiten wieder gibt!«

»So? Aaach! Ein Dummrian? Sage Sie das noch einmal, so fahre ich Ihr mit dieser Schinkengabel in das Gesicht, daß Sie auf der Stelle die Maulsperre kriegt, Sie altes Feuereisen, geborene Kachelofen!«

»Schimpfe Er nicht! Das kann ich nicht vertragen, und komme Er mit!«

»Wohin?«

»Hinauf zum gnädigen Herrn Obersten.«

»Was soll ich da?«

»Er hat Sein schönes Lied gehört und will Ihm seine Anerkennung aussprechen.«

»Seine Anerkennung? Danach frage ich den Teufel. Er mag sie auf Leinwand schmieren und jemandem auflegen, der einen Karfunkel hat. Ich brauche kein solches Pflaster. Ich singe für mich und nicht für Maulaffen.«

»Na, meinetwegen! Aber er will Ihm auch ein Messer aushändigen, das Er scharf machen soll.«

»Das ist etwas anderes; das hole ich mir. Führe Sie mich zu ihm!«

Sie schritt voran, und er folgte ihr die Treppe empor bis in das Zimmer, in dem die Herren gesessen hatten.

»Warte Er einen Augenblick! Der Herr Oberst wird gleich kommen!«

Sie ging, und er setzte sich auf den nächsten Stuhl. Nach kurzer Zeit trat der Oberst ein. Er betrachtete sich den Schleifer mit einem Blick, dessen Ausdruck nicht zu entziffern war.

»Er ist der Schleifer von da unten?«

»Hm, jetzt bin ich der Schleifer von hier oben!«

Der Oberst lächelte. »Zugestanden! Wo ist Er denn eigentlich zu Hause?«

»Im Bückeburgischen.«

»Und wie heißt Er?«

»Friedrich Langer.«

»Hat Er eine Legitimation mit?«

»Versteht sich!«

»Zeige Er sie einmal vor!«

»Hm! Wo hat mich denn da diese Jungfer Krähe, geborene Weide, hingeführt? Sie wollte mich doch zum Obersten Börjesson bringen!«

»Der bin ich ja!«

»Der – –? Ach so! Ich dachte, Er wäre der Büttel von Allstädt, weil Er nach meiner Legitimation fragt. – Na, schadet nichts! Er erniedrigt sich wohl auch nicht viel, wenn Er dem Büttel einmal die Arbeit versorgt. Hier ist der Wisch!«

Der Oberst prüfte den Ausweis. Er stimmte genau mit den Angaben des Schleifers.

»Stimmt! Woher hat Er denn das Lied, das Er vorhin sang?«

»Gehört! Von einem anderen Schleifer.«

»Wo?«

»Weiß ich nicht mehr. Der Teufel mag sich die Namen der ganzen Nester merken, in denen man geschliffen hat!«

»Und woher hat Er den Karren, mit dem Er arbeitet?«

»Von zu Hause.«

»Aus dem Bückeburgischen? Er sagt mir die Wahrheit nicht. Diesen Karren hat Er erst seit einigen Tagen.«

»Wer hat Ihm das weisgemacht?«

»Niemand. Ich weiß es selbst. Höre Er, mit Ihm hat es keine guten Wege! Der Karren, den Er hat, gehört einem Schleifer, der seit einigen Tagen spurlos verschwunden ist! Man vermutet, daß der Mann ermordet worden ist. Ich muß Ihn verhaften, um die Sache untersuchen zu lassen. Wenn Er sich nicht gutwillig fügt, mache ich kurzen Prozeß mit Ihm!«

»Er mit mir? Wage Er es, mich anzurühren! Her mit meinem Wisch!«

Er riß dem Obersten den Ausweis aus der Hand und stieß die Tür auf. Draußen standen wohlbewaffnet sämtliche Knechte.

»Was ist denn das, he?« fragte Leopold, indem er sich zurückwendete. »Das sind wohl die Häscher, die Er Judas Ischariot auf mich hetzen will? Wer hindert mich, Ihm eins auf die Nase zu geben, daß Ihm das große Einmaleins sechs Jahre lang im Kopf herumwirbelt? Aber ich durchschaue Ihn und werde mich hüten, mich mit diesen Christians und Traugotts herumzuschlagen. Gut, ich bin Sein Gefangener. Ein Schleifer macht sich nichts daraus, wenn er einmal in die Patsche gerät; er weiß sich wieder herauszudrehen. Er aber, Er schwedischer Lausewenzel Er, soll sicher nicht gleich wieder herausgeraten, wenn Er einmal bis über die Ohren in der Tinte sitzt. Darauf kann er sich verlassen, jetzt und in alle Ewigkeit!« – – –

*

3. Herausgebissen

Am anderen Nachmittag ritten zwei Männer auf dem Feldweg dahin, der nach Allstädt führte. Der eine trug einen militärisch geschnittenen Rock. Er mochte ungefähr fünfundzwanzig Jahre zählen. Seine lebhaft blitzenden Augen gaben dem Gesicht einen bedeutsamen Ausdruck. Der andere war wesentlich älter. Er trug Zivil. Seine Züge verrieten auf den ersten Blick den Denker.

»Und was sagst du zu diesem Plan, Pier?« fragte der Jüngere.

»Wenn er gelingt, Majestät, so macht er Euch zum Herrn des ganzen nördlichen Deutschlands, und Ihr könnt Euren Feinden die Grenzen vorschreiben, hinter die Ihr sie zurückdrängen wollt.«

Der Sprecher war der schwedische Reichsrat Piper, der bekannte Freund und Ratgeber Karls XII. von Schweden.

»Deine Zustimmung freut mit«, meinte der König. »Ich weiß, daß ich diesmal nicht den gewohnten geraden Weg gehe. Aber ich habe mich so entschlossen, weil ich hoffe, auf diese Art am schnellsten zum Ziel zu kommen.«

»Wer hat diesen Plan entworfen?«

»Ich nicht! Er stammt von dem Obersten Börjesson, der sich auch alle mögliche Mühe gegeben hat, ihn zur Ausführung zu bringen. Ich werde seinen Eifer belohnen.«

»Wodurch?«

»Sobald unser Vorhaben geglückt ist, mach ich ihn zum General, und bereits jetzt geb' ich ihm eine Frau, die er sich von mir erbeten hat.«

»Das klingt, als ob er diese Hand freiwillig nicht erhalten würde.«

»So ist es auch. Sie liebt ihn nicht.«

»Ich könnte ihn auch nicht lieben. Wer ist das Mädchen?«

»Ein Fräulein von Boberfeld; ihr Vater war Oberst in preußischen Diensten.«

»So ist der Herzog von Merseburg ihr Vormund?«

»Ja.«

»Ist es edel von Börjesson, sich die Hand eines Mädchens zu erzwingen, das ihm ihre Liebe versagt?«

»Ich kann darüber nicht urteilen, denn du weißt, ich hasse die Frauen. Ein Freund, wie du, ist mir mehr wert als alle Frauen der Welt. Und darum hast du mir mit deiner Reise von Schweden hierher eine Freude bereitet, die ich dir hoch anrechnen werde. Übrigens was diese Boberfeld betrifft, so verhält sie sich nur deshalb abweisend zu dem Obersten, weil sie eine kleine Liebelei mit einem meiner niederen Offiziere angesponnen hat.«

»Mit wem?«

»Mit Erich Seeström, dem Sohn des Axel Seeström.«

»Ein ausgezeichneter junger Mann, der schnell aufsteigen wird, obgleich er einer armen Familie angehört.«

»Ich weiß es. Er hat mir bereits verschiedene schwierige Aufgaben gelöst, und ich stehe im Begriff, ihm einen Auftrag zu erteilen, dessen gute Ausführung ihm viel nützen wird. Ich sende ihn morgen nach Warschau.«

»Ich verstehe! Dann ist er dem Obersten aus dem Weg geräumt. Majestät, ich würde das nicht tun!«

»Warum nicht? Ich verbinde mir dadurch nicht nur den Obersten, sondern auch den Herzog und den Grafen von Mansfeld. Ich pflege meine Entschlüsse reiflich zu erwägen. Es muß jeder einzelne von ihnen beurteilt werden nach dem Zusammenhang mit den anderen, mit denen er eine geschlossene Kette bildet, die mir dazu dient, meine Feinde zu fesseln. – Doch hier ist Allstädt! Ich hoffe, daß die anderen bereits zur Stelle sind.«

Sie ritten in den Gutshof ein. Da ihre Ankunft bemerkt worden war, kam ihnen der Oberst mit dem Herzog und dem Mansfelder, der auch bereits eingetroffen war, entgegen, um sie zu empfangen ...

Kurze Zeit später schritten zwei andere Männer auf demselben Weg. An dem herkulischen Gliederbau war Erich von Seeström, und an dem von einem dunklen Bart bewaldeten Gesicht der schwarze Klas, der Feldwebel Baldauf, leicht zu erkennen.

»Also es ist wirklich wahr von dem Börjesson?« fragte Erich.

»Ja, Herr Leutnant, Er ist gestern mittag fort und bis heute noch nicht zurückgekehrt. Sein Bursche sagte, daß er nach Allstädt sei.«

»Und ohne Bedienung? Auffällig!«

»Und zwar hat er sich durch den Korporal Malholm dort anmelden lassen. Ich habe es von dem Korporal selbst erfahren.«

»Was hat das Fräulein dazu gesagt?«

»Daß ihr der Oberst willkommen sei, sie habe ihn längst mit Sehnsucht erwartet.«

»Lüge! Gerade das Gegenteil hat sie gesagt! Dafür will ich mit meinem Leben einstehen. Dieser Malholm weiß, daß du mir alles wiedersagst, und hat mich ärgern oder gar mit dem Fräulein veruneinigen wollen. Ehe wir nach dem Gut gehen, kehren wir erst im Dorf ein. Dort werden wir erfahren, ob sich der Oberst bei dem Fräulein befindet oder nicht.«

Das Dörfchen bestand nur aus einigen Bauerngütern und Häusern. Ehe sie es erreichten, sahen sie einen Mann langsam seitwärts vom Feld kommen.

»Der Wirt! Der wird uns Auskunft geben können«, bemerkte der Leutnant.

Sie versuchten ihn einzuholen. Es gelang ihnen aber erst, als er seinen Garten bereits erreicht hatte.

»Ah, der Herr Leutnant!« rief er. »Wollt Ihr auch aufs Schloß?«

»Auch? Das klingt ja, als ob bereits jemand dort wäre?«

»Will es meinen!« antwortete der Wirt mit wichtiger Miene. »Wißt Ihr es wirklich noch nicht, Herr Junker? Der König.«

»Der König?« fragte Seeström erstaunt. »Welchen König meint Ihr denn?«

»Wir haben ja jetzt nur einen König hier, Euren König, den König von Schweden.«

»Das ist wohl nicht gut möglich. Was will der König in Allstädt?«

»Weiß es nicht.«

»Er hat sich eine Unwahrheit aufbinden lassen!«

»Dann müßte ich sie mir selber aufgebunden haben. Ich habe ihn nach dem Gut gehen sehen.«

»Wenn das wahr ist, so muß es allerdings etwas höchst Wichtiges geben. Sind noch andere Herren da?«

»Ja. Der Graf von Mansfeld, der Herzog von Sachsen-Merseburg und der Oberst Börjesson. Der Graf ist heute vormittag gekommen, die beiden anderen aber schon gestern.«

»Alle Wetter, das Fräulein ist zu Hause?«

»Ja.« Und mit gutmütig verschmitzter Miene fuhr der Wirt fort: »Sie ist auch erst heute vormittag gekommen. Gestern ist sie vor dem Herrn Obersten ausgerissen.«

»Weiß Er das genau?«

»Sehr! Die Kammerzofe ist meine Base, sie macht mir keine Lügen. Es gibt übrigens auf dem Gut heute noch mehr Sonderbares.«

»Er will mich neugierig machen! Nun?«

»Gestern haben sie einen Scherenschleifer gefangengenommen, weil er einen anderen Schleifer totgeschlagen und ihm den Karren und die Lieder abgenommen hat.«

»Die Lieder?«

»Ja. Die hat er hier gesungen, und dadurch ist es herausgekommen.«

Der Leutnant wurde aufmerksam.

»Weiß Er, was das für Lieder gewesen sind?«

»Es soll seltsames Zeug sein, was er gesungen hat. Die Base hat alles mit angehört und gar sehr lachen müssen. So hat es zum Beispiel darin geheißen:

Der Frau gebührt natürlich Recht,
Sie ist das schönere Geschlecht.

dann ferner:

Im Tintenfasse schwimmt das Tier,
Frißt Federn, Schreib- und Druckpapier.

und auch:

Denn wer das Einmaleins verdaut,
Der stirbt auch nicht am Sauerkraut.

Klingt das nicht possierlich? Und nun steckt der Schleifer unten im Gewölbe, und ein Knecht muß stets Wache vor der Tür stehen, damit er nicht ausreißen kann. Gehen die Herren einmal mit herein? Ich habe ein frisches Faß angesteckt!«

Da Seeström nickte, führte der Wirt die beiden gleich in die Herrenstube.

Diese war von der gewöhnlichen Gaststube durch eine Glastür getrennt, die keinen Vorhang hatte. Eben wollte sich der Leutnant setzen, als er einen Blick durch die Glasscheibe warf und rasch zurückfuhr.

»Alle Wetter!«

»Was denn?« fragte der Wirt.

»Dieser Krämer dort im Zimmer ist ein Bekannter von uns. Wirt, Er kann mir einen großen Gefallen tun!«

»Sehr gern, wenn es mir möglich ist.«

»Sagt diesem Krämer nicht, daß ich hier bin. Verschweigt ihm auch, daß die Herrschaften sich auf dem Gut befinden, und versucht es, ihn nur eine Viertelstunde aufzuhalten, bis ich wiederkomme. Baldauf, beobachte ihn! Daß du ihn mir ja nicht aus den Augen läßt!«

Seeström verließ das Zimmer durch die Küche und eilte mit raschen Schritten nach dem herrschaftlichen Gut.

Dort trat ihm die Wirtschafterin entgegen.

»Der Herr Leutnant!«

»Ja. Ist das gnädige Fräulein zu Hause?«

»Sie ist in der blauen Stube bei den Herren.«

»Ich muß hinauf.«

»Halt, das ist verboten! Der gestrenge Herr Herzog haben gesagt, daß kein Mensch Zutritt haben soll, er mag heißen, wie er will.«

»Das gilt nicht für mich.«

»Oh, für Euch auch, denn der Herr Oberst hat das hinzugefügt.«

»Ah! Und dennoch gehe ich hinauf!«

»Ihr dürft nicht!«

Sie wollte ihn beim Ärmel zurückhalten, brachte es aber nicht fertig.

»Herr, mein Heiland, ist das eine Not und eine Sorge! Wer soll das aushalten? Da soll er nicht hinauf und tut es dennoch. Über wen wird man dann herfallen? Über mich! Das ist ja eine ganz heillose Geschichte, eine Unordnung, grad wie in Polen, wie mein Seliger immer sagte!«

Oben trat der Leutnant in die blaue Stube. Die Herren saßen um die Tafel, hatten allerlei Karten, Pläne und Schriftstücke vor sich liegen, und bei ihnen stand die Herrin des Hauses in einer Haltung, die sehr kampfbereit aussah. Bei seinem Anblick erhoben sich alle Herren.

»Leutnant Seeström!« rief der König im strengsten Ton. »Weiß Er, daß der Eintritt hier verboten ist?«

»Die Wirtschafterin sagt es.«

»Und Er wagt es, meinen Befehl zu übertreten?«

»Majestät, der Grund wird mich entschuldigen.«

»Es gibt keinen Grund, der einen solchen Ungehorsam entschuldigen könnte. Ich werde Ihn bestrafen lassen!«

»So mag der Fang zum Teufel gehen, Majestät!«

»Halt! Von welchem Fang spricht Er?«

»Ich habe soeben den Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen gesehen.«

Es kam eine heftige Bewegung unter die Anwesenden. Der König fragte:

»Wo hat Er ihn gesehen?«

»Hier in der Nähe. In der Schenke.«

»Inkognito?«

»Als Krämer.«

»Hat Er Seine Maßregeln getroffen, daß er nicht entkommen kann?«

»Feldwebel Baldauf bewacht ihn.«

»Wieviel Mann braucht Er, um ihn gefangen herzubringen?«

»Keinen als mich allein.«

»Warum hat Er ihn dann nicht gleich gebracht?«

»Einen Kronprinzen? Ohne Euer Majestät Erlaubnis oder Befehl?«

»Er hat recht! Ich vertrau Ihm diesen Auftrag an, Gehe Er und bring Er ihn!«

Der Leutnant trat ab und eilte nach der Schenke. In der Herrenstube angekommen, sah er, daß der Krämer noch anwesend war. Er hatte mehreres an die Gäste abgesetzt und verschloß soeben seinen Kasten, um das Wirtshaus zu verlassen.

»Du folgst mir nachher, Baldauf, daß er nicht fliehen kann!«

Mit diesen Worten trat Seeström in das Gastzimmer und legte dem Krämer, der ihm den Rücken zudrehte, die Hand auf die Achsel.

Der Krämer wandte sich um.

»Donnerwetter, der Seeström!«

»Ja, der Seeström«, antwortete dieser freundlich. – »Willkommen hierzulande! Wie geht der Handel, Kamerad?«

Der Krämer hatte sich bereits wieder gefaßt. »Schlechte Zeiten! Man muß zufrieden sein!«

»Ja, ja! Wenn Er ein besseres Geschäft machen will, als hier, so folge Er mir!«

»Wohin?«

»Auf das herrschaftliche Gut.«

Das Gesicht des Krämers wurde ernst. »Hab keine Zeit!«

»Und ich habe Befehl, Ihn mitzubringen, tot oder lebendig!« antwortete der Leutnant in scherzhaftem Ton.

Der Krämer aber mußte erkennen, daß der strengste Ernst dahintersteckte. Sollte er es auf einen Kampf ankommen lassen? Der Junker war ihm überlegen, und ein Aufsehen mußte auf alle Fälle vermieden werden.

»Gut, ich gehe mit!«

»So nehm Er Seinen Kasten!«

»Ich bin ermüdet. Ich werde ihn mir tragen lassen!«

»Mir auch recht!«

Gegen eine kleine Belohnung nahm einer der anwesenden Gäste den Kasten auf den Rücken, und die drei brachen auf.

»Seh Er sich einmal um!« meinte Seeström. »Kennt Er den, der hinter uns herkommt?«

Der Händler blickte sich um. »Geht mich nichts an!« erwiderte er.

»Ist der Kasten in Halberstadt gemacht?«

»Halt Er das Maul!«

Sie erreichten das herrschaftliche Gut; der Kasten wurde im Flur niedergesetzt und der Prinz von dem Leutnant nach oben geführt.

»Er tritt ab, bleibt aber zur Verfügung!« bemerkte der König zu Seeström.

Der Leutnant gehorchte. Es war kein Mensch auf dem Flur. Er wagte es, an die Tür zu Annas Wohnzimmer zu gehen und zu klopfen. Sie öffnete.

»Erich!«

»Anna! Was geschieht hier?«

»Ich weiß es nicht. Etwas politisch Wichtiges aber ist es.«

»Ihr habt bereits einen Gefangenen? Wer ist es?«

»Ich weiß es nicht.«

»Wegen Mordes?«

»Ja! Er hat dein Lied gesungen.«

»Ich muß kurz sein, denn der König kann jeden Augenblick rufen. Du hattest eine Szene mit den Herren gehabt? Ich sah es dir an, als ich eintrat. Was war es?«

»Ich habe mich mit aller Kraft gegen die Heirat mit dem Obersten gewehrt. Der König und die anderen wollen mich zwingen.«

»Was war der Erfolg?«

»Man gab mir noch zwei Stunden Bedenkzeit.«

»Ach! Und wenn du nicht einwilligst?«

»Komm ich in ein Stift für adlige Fräulein.«

»Was wirst du tun?«

»Nicht heiraten und auch nicht ins Stift gehen.«

»Wohin sonst?«

»Nach Berlin zum König oder nach Dessau zum Fürsten. Beide nehmen sich sicher meiner an. Mein Vermögen soll dann, wenn ich nicht auf die Heirat eingehe, halb dem Herzog, viertels dem Mansfeld und viertels dem Herrn Bräutigam zufallen, abgerechnet die Summe, die das Stift beanspruchen wird.«

»Schöner Plan! Sie wollen dich wohl gleich mitnehmen?«

»Ja.«

»So willst du fliehen? Ich gehe mit!«

»Wolltest du?« jubelte sie.

»Ja. Zum Dessauer! Ich werde den Kronprinzen wieder befreien. Das ist kein Hoch-, kein Landesverrat und keine Fahnenflucht, das ist nur die einfachste Notwehr. Für meine Treue wollte man mich betrügen; wer weiß, was später noch meiner wartete. Wir besprechen das Weitere noch. Leb wohl einstweilen!«

Kaum hatte er seinen Posten wieder eingenommen, so wurde er gerufen ...

In dem blauen Zimmer hatte sich unterdessen eine eigentümliche Szene abgespielt. Der Kronprinz hielt es unter allen Umständen für geraten, sein Inkognito festzuhalten. Er kannte die Herren alle persönlich und war ebenso allen persönlich bekannt. Sie erhoben sich bei seinem Eintritt, nur Karl blieb sitzen.

»Monseigneur«, meinte er mit einem ironischen Lächeln, »es ist eine eigentümliche Audienz, die ich Euch gegenwärtig erteile!«

»Audienz? Alle Teufel, was ist das für ein Ding?«

»Ich hoffe nicht, daß Euch Euer bekannter Starrsinn – – –«

»Herr!« donnerte der Krämer dazwischen. »Wer seid Ihr?«

»Ich bin der König von Schweden!«

»Gut! Und ich bin ein armer Krämer. Ihr habt mich kommen lassen. Was wollt Ihr von mir kaufen?«

»Ich ermahne Euch dringend, Euer Inkognito aufzugeben, da Ihr sonst als derjenige behandelt werdet, für den Ihr Euch ausgebt!«

»Inkognito? Macht Euch nicht lächerlich! Inkognito gibt es nur bei sehr vornehmen Herren. Wäre ich ein solcher, so würde ich nicht stehen bleiben, sondern mich setzen, und Ihr würdet nicht sitzen bleiben, sondern so höflich sein, aufzustehen. Verstanden, Herr König von Schweden?«

»Also Ihr seid ein Krämer? Wie heißt Ihr?«

»Hier ist mein Hausierzettel, da steht alles drauf. Macht es kurz!«

Der König nahm Einsicht in die Zeilen und fragte darauf:

»Was wollt Ihr gerade in dieser Gegend?«

»Seltsame Frage! Ehrlichen Handel treiben! Was aber wollt Ihr in dieser Gegend?«

»Zunächst habe ich hier zu fragen! Er schweigt, bis ich eine Antwort verlange! Ist Er mit Erlaubnis Seines Vaters hier?«

»Geh Er doch dahin, wo mein Vater ist, und frag Er diesen! Ich pflege mich nicht so wie andere den Leuten zum Unfrieden umherzudrücken. Er wird wohl verstehen, wen ich meine!«

»Ein widerspenstiger Kerl! Man wird Ihn aber zu packen wissen und Ihm zeigen, daß Er die Angelegenheiten Seines Herrn Vaters vollständig über den Haufen wirft!«

»Wir kein großer Haufen sein! Ich habe übrigens keine Zeit. Laß Er mich gehen!«

»Daß man ein Tor wäre! Man wird sich Seiner Person versichern. Seeström!«

Auf diesen Ruf trat der Leutnant ein.

»Dieser Krämer wird in dasselbe Gewölbe gebracht, in dem sich bereits der Scherenschleifer befindet. Er kommt dann wieder zu mir!«

Seeström führte den Kronprinzen ab, nahm der Wache den Schlüssel aus der Hand und öffnete. Der Kronprinz trat willig ein.

»Durchlaucht!«

»Hoheit!«

Diese beiden Rufe vernahm der Leutnant, warf einen Blick in das Gewölbe und erkannte den Dessauer. Er hatte aber keine Zeit, seiner Überraschung Ausdruck zu geben; er mußte wieder nach oben.

Als er das blaue Zimmer wieder betrat, winkte ihm der König, näherzutreten.

»Leutnant von Seeström, Eure Umsicht, Tapferkeit und Treue haben mir schon öfters lobenswerte Dienste erwiesen. Ich bin Euch zu Dank verpflichtet und mache Euch hiermit zum Hauptmann!«

»Majestät!«

»Schon gut! Ich bin überzeugt, daß ich mich auch ferner auf Euch verlassen kann, und will Euch einen Beweis meines unbeschränkten Vertrauens geben, indem ich Euch einen Auftrag erteile, von dessen Erfüllung sehr viel abhängt. Ihr geht nach Warschau, wo Euer voraussichtlich ein längerer Aufenthalt wartet. Eure Anweisung ist bereits ausgefertigt. Ihr geht jetzt sofort zu meinem Sekretär, sie zu holen. Morgen früh müßt Ihr abgereist sein. Die Instruktion habt Ihr erst in Warschau zu öffnen. Lebt wohl!«

Er streckte ihm mit gnädigem Lächeln die Hand entgegen. Seeström aber ergriff sie nicht, sondern verbeugte sich kalt.

»Ja, lebt wohl, Majestät. Ich werde um meinen Abschied einkommen!«

»Warum?« fuhr der König auf.

»Weil ich Euch durchschaue, Majestät. Ich werde niemals ohne Gegenwehr den Ort verlassen, an dem ein gewisser Börjesson nicht am Platz ist.«

»Was will Er damit sagen?«

»Daß ich selbst einem König das Recht nicht zugestehe, in das Glück zweier Herzen hindernd einzugreifen. Ich war Eurer Majestät ein treuer, eifriger und furchtloser Soldat. Man belohnt mir diese Treue mit Verrat. Ich nehme meinen Abschied.«

Der König schnellte in die Höhe.

»Verrat! Elender, Er ist mein Gefangener. Ich selbst werde Ihn in das Gewölbe bringen, und ich will sehen, ob Er es wagt, sich an der Majestät zu vergreifen!«

Er faßte den Leutnant beim Arm.

Dieser lächelte von oben auf ihn hernieder.

»An der Majestät? Pah! Wo wäre die in diesem Augenblick zu finden? Aber dennoch werde ich mitgehen, und zwar nicht wie der Verbrecher mit der Majestät, sondern wie das starke edle Roß, das sich willig von dem kleinen Buben führen läßt. Vorwärts! Ich bin bereit und werde wieder Fürsten für Euch fangen!« –

Unten im Gewölbe hatte unterdessen eine kernige Auseinandersetzung stattgefunden.

»Durchlaucht!« hatte der Prinz, und

»Hoheit!« hatte der Fürst gerufen.

Dann schloß sich die starke Eichentür hinter ihnen. Sie beguckten einander vom Kopf bis zu den Füßen, und dann brachen sie beide in ein schallendes Lachen aus, das zu ihrer Lage allerdings nicht gut stimmen wollte.

»Donnerwetter, nehmt Ihr Euch gut aus, Prinz! Wer hat Euch denn eigentlich abgefangen, he?«

»Dieser verdammte Seeström!«

»Was? Der? Den soll doch ein Donnerwetter neunundneunzig Klafter tief in den Erdboden schlagen! Hat denn den der Teufel überall?«

»Wie es scheint! Und wer hat Euch beim Zopf genommen?«

»Der Herr Börjesson! Diesen verfluchten Kerl laß ich noch Spießruten laufen, und wenn ich die Stöcke dazu barfuß und höchst eigenhändig aus Sibirien herbeischaffen sollte! War da über dem besten Schleifen, habe jedes Messer und jede Schere um eine halbe Elle kürzer gemacht und stets von der verkehrten Seite an den Stein gehalten, sang dazu wie eine Heidelerche mein schönes Lied – da läßt mich dieser Himmelhund zu sich kommen und schickt mir das ganze Gesinde auf den Hals. Hab mich aber nicht gewehrt!«

»Ich auch nicht.«

»Warum sollte man denn Spektakel machen! Das bißchen Holz hier könnte man mit dem Fuß zertreten. Ist aber gar nicht nötig. Jetzt ist es bereits acht Uhr und um halb elf Uhr kommt der Major Hagen mit fünfzig Mann von Blankenfelde herüber, um mir die Tinte, in der ich stecke, abzulecken.«

»Ah! So habt Ihr Euch also vorgesehen?«

»Ja, doch still! Man schließt wieder auf.«

Die Tür wurde geöffnet, und der König in eigener Person steckte den Leutnant herein. Dieser war einigermaßen verlegen, wie er sich benehmen sollte. Aber seine Verlegenheit schwand sofort, als er von einem dröhnenden Gelächter empfangen wurde.

»Oho! Wer kommt denn da? Ich glaube gar, der Herr Urian selber! Auch als Gefangener oder um uns hübsch auszuhorchen?« fragte der Kronprinz.

»Als Gefangener«, antwortete Seeström einfach.

»Kann Er Sein Wort als Edelmann darauf geben?«

»Ich gebe es!«

»Na, da schlag doch das Donnerwetter drein! Erzähle Er!« – – –

 

Während der Leutnant seinen Bericht erstattete, saß Anna von Boberfeld in schweren Sorgen oben in ihrer Stube. Sie hatte erfahren, daß Seeström eingesperrt worden war, und die Zeit, da sie ihren Entscheid geben sollte, rückte heran. Doch als die Stunde gekommen war, wurde sie nicht gerufen. Sie hätte leicht fliehen können, aber sie mochte es nicht tun ohne den Geliebten. Man hatte da drüben im blauen Zimmer gewiß sehr notwendige Beratungen zu pflegen. Es wurde neun Uhr und zehn Uhr und die Dunkelheit des Abends begann, sich über die Gegend zu breiten.

Da kam ein Mann durch das Tor und über den Hof herüber. Im Flur bei der Wache stand die Wirtschafterin, die sich die Bewachung der Gewölbetür angelegentlicher sein ließ, als der Posten selbst. Der Mann trat ein. Es war der Feldwebel Baldauf, der die Rückkehr seines Leutnants in der Schenke vergebens erwartet hatte.

»Wo ist der Herr Junker von Seeström, Jungfer Zeißig?« fragte er.

»Wo der ist? Da drin steckt er! Er brummt!«

»Was soll das heißen? Weshalb denn?«

»Weiß ich es?« fragte sie schnippisch.

»Ist das wahr?« wandte sich Baldauf an den Posten.

»Ja«, antwortete der Knecht treuherzig. »Ich stehe hier Wache. Ich darf das Fräulein nicht herunterlassen und auch die drei nicht hier heraus, sonst werde ich selber eingesteckt.«

»Das Fräulein? Donnerwerter! Und die drei? Wer sind sie?«

»Der Herr Leutnant, der Schleifer und der Krämer.«

»Darf man denn nicht einmal mit dem Herrn Leutnant sprechen?«

»Nein, das ist streng verboten!« erwiderte die Wirtschafterin.

»Halt Sie Ihr Maul! Sie hat gar nichts dreinzureden! Klaus, ist es wirklich wahr, daß ich nicht mit dem Herrn Leutnant reden darf? Ich habe als Feldwebel ganz notwendig mit ihm zu sprechen.«

»Hm! Mir ist bloß gesagt worden, daß ich eingesteckt werde, wenn sie ausreißen.«

»So mach mir einmal auf!«

»Nein, das darf Er nicht, Klaus!« warnte die Wirtschafterin. »Ich sage es dem Herrn Obersten!«

»Will Sie wohl stille sein, Sie alte Kanaille, Sie!«

Klaus hatte den Schlüssel bereits angesteckt und öffnete.

»Herr Leutnant!«

»Feldwebel!«

Seeström trat heraus, um sich zu zeigen, da faßte ihn aber die Wirtschafterin am Arm.

»Ihr habt hier drin zu bleiben! Versteht Ihr?«

Der Leutnant war ganz erstaunt über das Frauenzimmer und antwortete ihr nicht. Aber an seiner Stelle antwortete ein anderer.

»Ah, da ist ja Sie mit Ihrem gottvergessenen Plapperment, Sie Jungfer Star, geborene Kreuzdorn! Sie soll doch gleich der Gottseibeiuns bei Ihren Storchwaden nehmen und durch die Lüfte säuseln!«

»Halt Er sein großes Maul, Er Tunichtgut! Er ist ja keinen Heller wert! Er hat mir ja lauter Unheil angestiftet! Die Wiegmesser hat Er auf der oberen statt auf der unteren Seite geschliffen, bei den Tischmessern die Hefte statt der Klingen und bei den Scheren die Griffe anstatt der Schneiden. Das war eine schöne Bescherung, das war ja eine Wirtschaft, gerade wie in Polen, wie mein Seliger immer sagte!«

»Warte! Da werde ich Sie auch gleich beim Heft nehmen. Höre Er, wie heißt Er?«

»Klaus.«

»Er ist der Posten hier? Hat Er einmal vom Dessauer gehört?«

»Ja.«

»Der bin ich, und das ist der Kronprinz von Preußen. Wer jetzt muckst, dem schneid ich den Hals ab. Draußen vor dem Gut stehen meine achttausend Soldaten, die rauben, morden, sengen und brennen, wenn Ihr nicht Order pariert. Herein mit euch zweien! Sie, Jungfer Henne, geborene Balsamine, wag Sie es nicht, einen Laut auszustoßen, und Er, Klaus, bewacht sie drin und sieht drauf, daß sie keinen Skandal macht! Also hinein mit den zwei Sechsern in den Klingelbeutel! So!«

Er schob die beiden hinein, schloß zu und steckte den Schlüssel ein.

»Nun wartet einen Augenblick! Ich will sehen, ob der Hagen da ist!«

Er ging in den Hof und hinter das Gut.

»Hagen!«

»Hier!«

»Alle da?«

»Alle, Durchlaucht!«

»Das Ding wird eingeschlossen, daß niemand heraus kann. Hinein darf aber jeder. Waldow, Er ist Feldwebel; besorg Er das. Die Offiziere aber folgen mir jetzt!«

Als er mit diesem Gefolge den Flur erreichte, trat ihm Baldauf entgegen.

»Exzellenz, der Herr Leutnant von Seeström sagt mir, daß er mit Euch geht. Ich bin sein Feldwebel!«

»Kenn Ihn schon, Er Halunke, von wegen der Vogelscheuche damals!«

»Darf ich mit?«

»Komm Er nur, denn solche Galgenstricke kann ich gut gebrauchen! Jetzt hinauf!«

Die Treppe wurde leise erstiegen, und ebenso leise öffnete Leopold die Tür. Drin stand jetzt Anna von Boberfeld vor den Herren, und der Herzog meinte eben:

»Ihr laßt also nicht von diesem Seeström und habt die Wahl zwischen Börjesson und dem alten Jungfernstift. Entscheidet Euch!«

»Packt Euch selber zu den alten Jungfern, Ihr malefizer, gichtbrüchiger Kuppler Ihr!« klang es da von der Tür her.

Der Fürst, der Kronprinz, Seeström, Baldauf und vier Offiziere vom Halberstädtischen Regiment traten ein. Die Überrumpelten sprangen auf.

»Was ist das? Verrat!« rief der König und suchte die auf der Tafel liegenden Schriftstücke fortzuschaffen.

»Laßt das Zeug in Gottes Namen hegen! Ich hab' die Mappe meines lieben Merseburger Vetters bereits gestern in der Küche gelesen.«

»Ihr seid unsere Gefangenen! Was wollt ihr hier oben? Ich werde euch schärfer bewachen lassen!« brauste der König auf.

»Da steckt nur auch meine Buntröcke mit ein, die das ganze Allstädt umzingelt haben, daß keine Maus und keine Laus sich durchbeißen kann! Setzt euch nieder, ihr Herren! Wir haben mit euch zu reden!«

Man folgte seinem Gebot. Er wandte sich nach der Tür:

»Major Hagen, befehlt zehn Mann mit guten Stricken herauf! Man weiß nicht, wie man den Hanf brauchen kann. Denn ich habe nicht Lust, mir den Schnabel wund zu reden.«

Der Major entfernte sich. Leopold wandte sich wieder der Tafel zu.

»Ihr Herren habt vorhin diesem Fräulein von Boberfeld Bedingungen gestellt. Jetzt kommt die Reihe, Bedingungen zu machen, an uns. Ihr alle kennt mich genau und wißt, daß ich kein Faselhans bin. Was ich sage, das gilt, und damit Punktum! Hört ihr die zehn Mann mit den Stricken kommen? Sie bleiben draußen; denn unsere Unterredung brauchen sie nicht zu hören. Unten stehen noch soviel Buntröcke, wie ich brauche. Und nun sage ich euch, entweder werden wir einig, oder ihr alle geht als meine Gefangenen mit mir!«

»Das ist gegen das Völkerrecht! Ich protestiere da –«

»Donnerwetter!« unterbrach Leopold den König. »Wer muckst noch? Habe ich nicht deutlich genug gesagt, daß jetzt ich, nämlich ich, spreche! Ihr habt uns ohne Umstände gefangengenommen. Ich könnte es mit Euch ebenso machen. Aber ich will gnädig sein und Euch Bedingungen stellen, die Euch den Rückzug erleichtern. Geht Ihr nicht darauf ein, so ist es Euer eigener Schaden. Ich schere mich den Teufel um Euer Völkerrecht und um Eure Proteste. Ihr macht es ebenso, wenn Ihr das Heft in den Händen habt. Also hört mein letztes Wort: Ihr habt zu Altranstädt im vorigen Jahr Frieden mit dem Kurfürsten von Sachsen gemacht; Ihr wollt zu Altranstädt in diesem Jahr einen Bund mit dem Kaiser von Österreich schließen; ich verlange, daß Ihr in diesem Jahr und noch vor dieser Konvention ein Bündnis mit Preußen schließt. Ihr habt uns bisher hingehalten und unseren Obersten Ravenau mit schönen Redensarten gefüttert. Ich verlange, daß nun endlich Ernst gemacht wird, und daß der Vertrag bis spätestens den 16. August unterzeichnet ist. Wollt Ihr nicht, dann marsch mit Euch nach Halberstadt! Gebt eine Antwort! Aber kurz und deutlich!«

»Dieser Antrag«, meinte der König vorsichtig, »ist allerdings einer reiflichen Überlegung wert, und ich werde in Zeit von einigen Tagen – –«

»Bombenhagel und Granatenwetter! Ist das eine kurze und deutliche Entscheidung? Ich sehe, daß ich in den Wind rede. Major Hagen, laßt die Leute eintreten! Wir müssen in einer anderen Sprache – –«

»Halt, Herr Major!« gebot der König, da er sah, daß sich Hagen bereits nach der Tür kehrte. »Ich bin bereit, bis zu dem angegebenen Tag das Bündnis abzuschließen und zu unterzeichnen!«

»Gut! Aber ein Hundsfott, wer sein Wort nicht hält! Weiter, wir haben vorhin unten in unserem Gefängnis Zeit gehabt, die einzelnen Punkte dieses Traktats zu Papier zu bringen. Sie sind sehr gerecht und billig von uns gestellt worden, und wir legen sie Euch hiermit vor. Papier liegt genug hier. Diese Punkte werden in zwei Exemplaren abgeschrieben und unterzeichnet; ein Exemplar bekommt der König und das andere der Kronprinz hier. Das ist der Traktat, der am 16. August öffentlich ausgefertigt wird. Unsere heutige Abmachung bleibt bis dahin geheim, ebenso alles, was in diesen zwei Tagen geschehen ist, und auch die Art und Weise, wie Ihr dazu gekommen seid, uns willfährig zu sein. Ihr seht, daß wir Euch schonen wollen. Die geheimen Ausarbeitungen, die Ihr hier liegen hattet und die gegen uns gerichtet sind, kommen in meinen Gewahrsam. Sie werden Euch aber sofort und vollständig ausgehändigt, sobald das Bündnis abgeschlossen ist. Lest unser Papier durch! Ich gebe Euch zehn Minuten Zeit. Am Schluß der zehn Minuten aber kommandiere ich meine Jungens herein, und wenn Ihr dann zehnmal ›Ja‹ sagen wollt, – so ist es zu spät. Das schwör ich Euch bei allen Heiligen des Kalenders, bei meiner Seligkeit und beim Teufel und seiner Großmutter, ganz wie Ihr wollt! Heraus also mit dem Wisch! – Hoheit!«

Der Prinz griff in die Tasche und brachte einen Fetzen Papier hervor, den er dem König übergab. Dieser studierte die Punkte.

»Fünf Minuten«, zählte der Dessauer, »sechs – – sieben – – acht – – –«

»Ich muß bemerken«, meinte der König, dem wirklich der Schweiß auf der Stirn stand, »daß der dritte Punkt von mir nicht – – –«

»Nichts wird bemerkt, Majestät! Ihr sprecht heute mit dem Dessauer. Angenommen oder gefangen! – Neun Minuten – – zehn – – Major Hagen, laßt – –«

»Halt, ich nehme an!«

»Gut! Hagen, laßt die Leute wieder hinuntergehen!«

»Aber, Fürst, Ihr seid ein ganz entsetzlicher Mensch!«

»Gott bewahre! Ich bin ein höchst gemütlicher und verträglicher Bursche. Nur laß ich mir nicht gern die Katzen vor dem Weg herumlaufen. Also schreiben, meine Herren! Ein Exemplar schreibt mein Major und das andere der Herr Graf von Mansfeld!«

»Exzellenz, ich bin mit der Feder nicht so recht – –«

»Papperlapapp! Ihr schreibt eine ganz erträgliche Pfote. Hier seht Euch einmal diesen Brief an! Ich habe ihn dem Wachtmeister Roller abgenommen, der jetzt bei mir in Halberstadt steht. Auch diese beiden gehen über. Der Junker von Seeström wird als Hauptmann mein Adjutant. Könnt ihm gratulieren!«

Mit größtem Ärger sah Mansfeld sein Schreiben in der Hand Leopolds; er mußte sich bequemen und griff zur Feder. In einer halben Stunde waren die beiden Exemplare geschrieben und unterzeichnet und gingen in die Hände des Königs und des Kronprinzen über.

»So!« meinte Leopold. »Ich weiß, das ist nur für kurze Zeit; denn ich kenne die Majestät von Schweden. Aber wenn es losgeht, dann wird der Dessauer mit dem Säbel ebenso dazwischenfahren, wie beute mit dem Maul. Und nun zu etwas anderem! Herzoglich Merseburgische Durchlaucht wissen, daß mein Freund und Kampfgenosse von Boberfeld in meinen Annen gestorben ist. Der Teufel hol die Kugel, die ihn traf! Er legte mir in seinen letzten Worten das Glück seines Kindes ans Herz, und ich will heute abend an mein damaliges Versprechen denken. Herzogliche Durchlaucht, ich bitte hiermit bei Euch um die Hand Eures hier stehenden Mündels Anna von Boberfeld für meinen Adjutanten, den Hauptmann Erich von Seeström!«

Das kam dem Herzog denn doch zu überraschend.

»Exzellenz, mein Mündel ist bereits versprochen, und übrigens hat der Junker von Seeström seinen Abschied aus dem schwedischen Dienst noch nicht erhalten.«

»Richtig, Euer Mündel ist bereits versprochen! Sie selbst hat sich nämlich an meinen Adjutanten versprochen. Ein anderer hat nichts darüber zu bestimmen, sonst laß ich bei der obersten Reichsbehörde die Verwaltung ihres Vermögens untersuchen. Basta, abgemacht und kein Wort mehr! Was den Herrn von Seeström betrifft, so bitte ich Euer Majestät um seinen mündlichen Abschied. Die Erfüllung dieser Bitte würde ich Euch zu aller Zeit gedenken.«

Der König mußte schließlich lächeln über die rasche, unwiderstehliche Art, in der der Eisenfresser Bresche zu legen wußte.

»Exzellenz, da Ihr mich bittet, so verabschiede ich ihn hiermit!«

»Auch seinen Feldwebel, den schwarzen Klas, den Halunken, der mich so unverschämt gefoppt hat?«

»Auch ihn!«

»Danke, Majestät! Und nun, Herzogliche Durchlaucht, Eure Antwort!«

»Was soll der Herr Oberst von Börjesson sagen!«

»Der? Der hat gar nichts zu sagen! Der mag sich zum Kuckuck scheren, und wenn er ihn nicht findet, so will ich ihm gern einen Wegweiser malen! Also, heraus damit!«

»Ich habe nichts dagegen!«

»Gut! Hauptmann, geht hin, nehmt sie bei der Parabel und gebt ihr einen Schmatz, aber einen Zwanzigpfünder!«

Der Hauptmann gehorchte. Dann meinte Leopold lustig:

»Und nun ist heute Verlobung; die Herren sind eingeladen. Und am 16. August, wenn man das Bündnis unterzeichnet, wird die Hochzeit gefeiert. Hier, Hauptmann, hat Er den Schlüssel zum Gewölbe. Laß Er die zwei Gefangenen heraus und bring Er mir die Jungfer Rabe, geborene Eiche, mit herauf!«

In kurzer Zeit trat die Wirtschafterin ein. Leopold zog ihr sein fürchterlichstes Gesicht.

»He, Sie alte Trauerweide, heute abend ist Verlobung, weiß Sie, was das ist? Spute Sie sich und schaffe Sie her, was Sie nur finden kann! Aber bringe Sie um Gottes willen kein Messer von denen, die ich gestern geschliffen habe! Eigentlich sollt ich Ihr verschiedenes um die Ohren pfeifen. Aber da alles ein so gutes Ende nimmt, so will ich mich einmal nicht weiter um Ihre Sünden kümmern, Sie alte Jungfer Stieglitz, geborene Holunder, Sie!« –

*

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