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Historietten

Ernst Kossak: Historietten - Kapitel 2
Quellenangabe
typeessay
booktitleHistorietten
authorErnst Kossak
year1859
publisherReinhold Schlingmann
addressBerlin
titleHistorietten
pages214
created20110531
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Des Banquiers Sommerwohnung.

Nicht Jeder hat ein Rittergut, nicht Jeder pflügt nach Horaz väterliche Gefilde mit eigenen Ochsen, nicht Jeder kann sich zur Saison der Kartoffelaussaat in ländliche Abgeschiedenheit zurückziehen und seine alten Fracks mit Schwalbenschwänzen von den Kossäthen als neue Schneiderprodukte bewundern lassen, nicht Jeder kann sich fern von der Stadt auf der grünen Weide von den Rechnungsstrapazen des Winters erholen. Der Banquier ist ein Mann der Stadt; er darf sich höchstens bis zu seiner 3 Sommerwohnung entfernen. Der Banquier muß also zuerst eine Sommerwohnung haben und diese pflegt, möge er sie nun gekauft oder nur gemiethet haben, der höchste und edelste Ausdruck einer Sommerwohnung zu sein.

Sie liegt an einer vielbefahrenen und berittenen Straße, von der sie durch ein Eisengitter getrennt wird. Wenn sie einmal mit einer italienischen Villa Aehnlichkeit besitzt, so sieht sie ein anderes Mal wie ein unerhörter, noch nie dagewesener Gehirnstein aus, von dem ein Baumeister operirt worden ist. In diesem Falle zweifelt kein Mensch daran, daß nur der Mauerschwamm, das Podagra, die Kopfgicht und das kalte Fieber darin behaglich wohnen und sich glücklich fühlen werden, selbst wenn ein solches Ungeheuer von einer Sommerwohnung angeblich über den Leisten der Alhambra geschlagen sein sollte. Wehe dem Baumeister, der im Vaterlande der rothen Hundepflaumen und grünen Stachelbeercompots ein Alhambrist sein will! Die Familie des reichen Banquiers fühlt sich aber durch solche kleinlichen Bedenklichkeiten nicht abgehalten, Villa oder Alhambra zu beziehen, wenn sie nur eine freie Aussicht auf die zwischen zwölf und zwei Uhr Mittags vorübersprengende Kavallerie bieten. Keine Banquierswohnung ohne pittoreske Dragoner- und Ulanen-Lieutenants! Als Steffens die Insekten fliegende Blumen nannte, hatte er noch nicht über reitende Kohlköpfe und Spargel nachgedacht.

Vor dem Sommerhause steht in einem grünen morschen Kübel oder in windbrüchiger Steinvase die statutenmäßige Aloe, als welche einen schönen südlichen Effekt hervorbringt und mit einer Guitarre correspondirt, die zu dem angemessenen Ave Maria mißbraucht wird. Wenn irgend möglich, so liegt an der Straße ein von Tausendfüßen und Kellerwürmern unterwühlter Pavillon, in dem von Unten aus gesehen handarbeitende Frauenzimmer mit fleckigen ungeheuren Helgoländerhüten sich einbilden, »himmlisch«, »reizend«, »unwiderstehlich« zu sein, auch wenn sie tornisterblonde Haare, falsche Zähne und Schaumklöße 4 statt Nasen haben. Statt des Pavillons muß aber meistens ein Söller, Altan oder Balkon ausreichen, von dem nie endendes liebliches Gelächter erschallt, wodurch die Maid ihre Gegenwart so gern dem nichts ahnenden und getrost seinen Glimmstengel rauchenden Jüngling verräth. Von diesen Söllern fallen zuweilen Taschentücher, rollen Knäuel, fliegen Muster im Winde weg, und zwar unglücklicher Weise stets, wenn die Promenade am belebtesten ist.

Mitten in der Sommerwohnung dieses Schlages steht ein störriger Miethsgaul von Piano, den die Familie, um ihren guten Flügel zu schonen, in Sommerweide genommen hat. An diesem mit Stahlsaiten bezogenen Trog letzt sich die Tochter des Hauses oder auch die junge Frau an Lind'schen und Viardot'schen Arien, denn sie ist unmaßgeblicher Weise eine Schülerin von Teschner, Stern oder Jähns. Durch eine unverzeihliche Nachlässigkeit des Magistrates ist dergleichen Gesang bisher noch nicht mit zehn Thalern pro Sommer besteuert worden, obgleich er als die eigentliche Ursache der Vertreibung der Grasmücken und Nachtigallen längst erkannt ist.

Die sommerwohnende Familie thut Alles im Freien; sie benutzt die Natur wie ein Pferd, das für einen Sonntagnachmittag vermiethet worden ist. Ihr Enthusiasmus für die frische Luft mit Mannspersonen reitet immer Galopp, kehrt nirgends ein und kommt schweißtriefend und struppirt Abends in den Stall. Sie fassen die Idee der Sommerwohnung als die Beziehung des Menschen zur staubigen Landstraße auf. Kein mäßiger Regen, sondern nur ein Gewitter kann sie unter Dach und Fach treiben.

Mit Pflanzerei beschäftigen sie sich ganz besonders, doch sind es weniger die Kinder Flora's, als die Kinder der Klempner und Schmiede, wie Gießkannen, Hacken, Harken und Spaten, womit sie von der Straße aus in angenehmer Perspektive stehen und auf den Beeten nichts thun, als den Haß braver und stiller Regenwürmer auf sich laden. Sie füttern mit vielem Anstande die Spatzen 5 mit Milchbrod und tragen Dreierkränze von Kornblumen um die Hüte, nebst gelben Bastkleidern und schwarzseidenen Schürzen. Ja wenn nichts fruchtet, entblöden sie sich selbst nicht, in diesem Costüm auf die Landstraße herauszukommen und in den Gängen des Thiergartens zu wandeln, doch muß der Wahrheit gemäß bemerkt werden, daß nur die garstigsten Frauenzimmer in solche Excesse verfallen.

Es fehlt in solchen Familien nie an kleineren Söhnen und Brüdern, die mit Steinen durch das Gitter werfen und nach Umständen von den Söllern Sonntags, wo sie keine Schularbeiten haben, den Spaziergängern auf die Hüte spucken. Diese kleineren Knaben sind eine besondere Zierde einiger Thiergartenwohnungen und noch lange nicht nach Verdienst gewürdigt, d. h. durchgehauen. Sie werden in der Woche mit dem Omnibus herein- und hinausgebracht, schwärmen für die Omnibuscondukteure, essen bei ärmeren Verwandten in der Stadt und haben unter allen Schulkindern stets die besten Censuren, auch genießen sie den Privatunterricht des Ordinarius der Klasse.

Abends kommt der Hausherr hinaus, nach den Vermögensverhältnissen in eigener Equipage, Droschke oder Omnibus. Für diese unglücklichen Männer wird die Sommerwohnung zur bittersten Strapaze ihres Lebens. Das sogenannte »Land« ist gemeinhin für sie nur ein Angstpunkt, um eine Viertelmeile entfernt von dem Telegraphenbüreau, dem Arnheimschen Geldschrank und der Ressource. Wie Robert Burns schwermüthig bemerkte: »Mein Herz ist im Hochland, mein Herz ist bei Dir!« so singen sie: »Mein Herz ist hinter dem Museum, mein Herz ist neben dem Dom!« Sie müssen alle Abende mit Spargeln, grünen Erbsen, gebratenen Hühnchen, Krebsen und Aalen über ihre Vertreibung aus der Stadt getröstet werden. In sich versunken rauchen sie ihre Cigarren, und man darf ihnen nachrühmen, daß sie gute rauchen, wundern sich über die sonderbare Geschäftssitte, daß der Mond den Vorschuß an Licht, den er von der Sonne empfangen, durch Jasmingebüsche und blühende Linden an die 6 Erde abzahlt, und verachten die Johanniswürmchen, weil sie nicht zu beschneiden sind.

Am Sonntage wird stets in des Banquiers Sommerwohnung ein angenehmes kleines Diner gegeben. Dann stellen sich die ärmeren Verwandten, einige liebesieche neugebackene Assessoren und Lieutenants in weißen Pantalons ein und entwickeln ungeachtet der Hitze einen kolossalen Appetit. An solchen Tagen steht bei den Schultern der jungen Damen im Kalender Vollmond und bei den Kehlen der jungen Esser Sturmfluth. Der Hausherr tuschelt in kurzen Intervallen mit dem ersten Buchhalter des Geschäftes, der einzelne Sonntagsfinessen der Geldwelt hinausgebracht hat, und versenkt sich, aber nicht so weit in den Ernst der Staatspapiere, um nicht den Cours der Flaschen zu beobachten und durch Winke den Bedienten zu bedeuten, wohin »die kleinere Sorte« gesetzt werden soll, gleichwie er auch jede hinausspazierende Bartneige wie eine scheidende Geliebte bis unter die Thür mit den Augen verfolgt. Nach Tisch folgt der ländliche Kaffee mit aufgeknöpften Uniformen und weißen Westen, die noch vom Kadettenhause herstammen. Die Unterhaltung wird jetzt so geistreich, daß Bello der Wachtelhund, Caro der gastlich aufgenommene Hühnerhund und Jack, der Affenpintscher sich für befugt halten, durch eingestreute blaffende und kläffende Bemerkungen etwas zur allgemeinen Heiterkeit beizutragen, was ihnen ungestraft hingeht, da alle Damen zu gleicher Zeit sprechen und alle Herren im Chorus lachen. Die älteren Herren ziehen sich alsbald in einen Pavillon des hinteren Gartens zurück und fröhnen dem Kartenspiele zu hohen Einsätzen; die jüngere Welt wirft sich auf die Vergnügungen, welche allem lebenslustigen Volk, wie Fohlen, Kälbern und Ferkeln, die liebsten, sie springt umher oder tanzt zu dem gemietheten Klapperkasten. Die Nacht bricht herein, die Alten spielen noch, die Jungen tanzen noch und leise steigt der Mond herauf und wundert sich, was die Menschen aus seiner Sommernacht machen. 7

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