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Historie eines edeln Fürsten Herzog Ernst von Bayern und von Österreich

Unbekannte Autoren: Historie eines edeln Fürsten Herzog Ernst von Bayern und von Österreich - Kapitel 9
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Wie sie in das Königreich Agrippam und wieder daraus mit großem Streite kamen

Mittelalterlicher Holzschnitt

Wann eins Morgens früh ward es nach Wunsch gar heiter und windstill, und das Wetter gestüme und das Meer geruhet. Da sahen sie, gar von fern, eine Gegend oder Land, das, vielleicht von Namen seines Fürsten, Agrippa war genannt. Des wurden sie zumal froh, und mit starkem, fleißigem Ziehen der Ruder teilten sie das Meerwasser und hofften, eine zukünftige Zulandung zu finden: das sie auch, schier nach Begierde, mit GOTTes Hilfe funden. Und sie sahen des ersten an eine gar schöne königliche Stadt, die außermaßen wohl bewahrt war mit einer gar hochfesten und dicken Mauer. Und übermeisterlich wohl gezieret und gepflastert mit manicherlei natürlichen gefärbten Marbelsteinen, deren ein Teil waren grüne, die anderen schöne rot, die dritten hübsch dunkelbraun und etliche gar schön weiß, mit denen auch die Stadt ganz mit liebsichtigem Schauen umgeben war. Es ging auch rings darum ein tiefer, schöner und weiter Graben, der auch, nach Lust und Wunsch, mit lauterklarem Wasser wohl war bewahret. Aber auf der Stadtmauer, zwischen den Zinnen, waren viel kluger Schießerker gar wehrlich, und viel hoher Türme wohl erbauet, die zumal sehr kostlich alle mit Zierlichkeit waren übergüldet. Und zu der selben Zeit war die Stadt von ihren Bürgern, die von Geburt zwiegestalt waren (als hernach wird gemeldt), ganz leere und verlassen.

Da hieß Herzog Ernste, die Segelbäume mit ihren Fahnen ablassen, auch die Anker oder Heftpfähle in das Wasser senken, und die Rennschiff (oder Züllen) los lassen. Und sprach zu seinen Mitrittern: »O meiner vergangnen Trübsale, und, daß Gott wolle, meiner künftigen Tröstung! Liebsten Brüder und Mitgesellen, mir gefället gar wohl, sintemal daß uns die GÖTTliche Barmherzigkeit von des tiefsten Meeres Flüssen hat erlöst und uns hergeführt in dies gute fruchtbare Land und Erdreich, daß wir denn in dieser Stadt unsere Nahrung suchen; also, daß ihr all mit Eilen euch wappnet und eure Schwert kecklich auf eure Hüfte gürtet. Und daß wir versuchen, ob der König und Herre dieses Landes sei ein Christenmensch, oder ob das Volk irre in dem Unglauben der Heidenschaft. Und ist, daß wir erfinden, daß sie unsers Glaubens sind, so sollen und wollen wir, durch Bitte und Geld, als billig ist, unsere nötige Leibes Nahrung von ihnen bitten und gütlich fordern und kaufen. Sind sie aber GOTTes und der Christlichen Kirchen Feinde und Ungläubige, so sollen wir mit Kraft des Streites, es sei in Lieb oder Leide, unser Nahrung bezwungenlich von ihnen erholen. Denn sintemal, daß wir selbst unsers Vaterlands Leute, Freunde und Gutes haben verziehen, um GOTTes Ehre und um das Ewige Reich durch guten Willen uns in pilgrimsweis in das Elende haben geben, so wollen und sollen wir um und in Christlichem Glauben gern sterben. Darum, empfahet eure Waffen keckmütiglich! Das ziemt mir als nütz und auch viel besser, denn daß wir, ohn Tugend trüglich, von Hungers Not in dem Kiele verderben.«

Sie gaben, ohn Verziehen, solichem Rate all ihre Gunst und Wohlgefallen, und wappneten sich rasch an, und fuhren bald aus. Des ersten Graf Wetzel, der trug vor ihnen, als der Herzog Ernst ihnen empfahl, ein schön rot seiden Fähnlin, zu bedeuten das Leiden Unsers Herrn Jesu Christi.

Mittelalterlicher Holzschnitt

Und ging also mit Großmütigkeit die kecke ritterliche Jugend zu Fuße mit dem Herzogen über das Feld, das denn war zwischen der Stadt und des Meeres Gestad, und kamen schier für die Tore. Die funden sie ganz offen und unbeschlossen, das sie, mit etlichem Schrecken, nicht genug verwundert. Und wiewohl sie niemand sahen wider sie streiten, noch in Wehre, doch, als ihnen der Herzog gebot, stunden sie eine kleine Zeit stille.

Da sprach Herzog Ernste: »O ihr lieben Mitbrüder, als ich mich verstehe, so ist die Öffnung der Stadttore nicht ohn Untreue und große Hinterlist der Bürger darinne. Denn sie meinen vielleicht, wir sollten unfürsichtiglich hinein ziehen. so wollten sie uns alle sahen und ertöten. Darum gedenket an euern angebornen Adel und ähnliche Strenglichkeit, und betrachtet die itzo uns gegenwärtige Angst und Hungers Not, und haltet euch mit ganzem Gemüt und Leib bei einander unzertrennt! Und geht, nach der Fahnen und GOTTes und meinem ritterlichen Zeichen, bis zu dem Stadttore! Und ist, daß Jemand heraus kommt, wider uns zu fechten, so bezwingt und treibt sie, mit kühner Macht, gewaltiglich wieder in die Stadt! Und, mitsamt ihnen, überlauft die Stadttore und dringet nach ihnen hinein! Und ohn alle Barmherzigkeit, ob ihr sie itzo an euch habt, so kehrt sie zu Scharfheit, und schlagt und stechet alles, das euch begegne, Junge und Alte, Mann und Frauen. Was gescheh mehr? In solichen Hungers und Furcht Nöten ist mehr zu brauchen Kraft kecker Werke, dann kluge Rede.«

Von Stund an, als er das geredt, mitsamt dem Bannerführer, Grafen Wetzeln, dem sie alle strenglich nach folgten bis durch das erste Tor, das innerhalb der Schranken war, und berannten kecklich das Stadttor. Da funden sie Niemand, der ihnen den Eingang wehrte, weder innen noch außerhalb der Stadt. Also gingen sie fröhlich, mit lautsingender, wälscher Stimme, die bis gen Himmel erhallet, ein da mitten in die Stadt. Da funden sie einen königlichen großen Saal und Haus, das zumal wohl war gezieret. Und waren die Stuhl und Bänke herrlich bedeckt, die Tisch und Scheiben mit dreifaltig gewirkten Purpurtüchern aufgebreitet. Und waren unsäglich schön dargelegt und kostlich bereit mit allerlei kostbarlicher Speis. Es waren auch die Schüssel und Teller all von lauterm Silber, die Köpfe und Becher, daraus man trank Wein und Met, Bier und allerlei Getränk, mit denen sie all gefüllet waren, die waren all von reinem, klarscheinendem Golde.

Da sprach aber Herzog Ernst zu seinen Mitbrüdern: »O ihr liebsten Gesellen, ihr sollet, mitsamt mir, GOTT dem Allmächtigen, Der aller Gutheit ein getreuer Belohner ist, groß Dank, Lob und Ehr sagen, der mächtig ist, uns. Seinen Dienern, in der Wüsten die kostbarlichen Tische zu bereiten in dieser Stadt. Doch, als ihr mir vormals allzeit williglich gehorsam gewesen, also folget mir nun itzo auch! Und nehmt dieser Speise und Getränks, als viel euch zu leiblicher Nahrung und Kraft notdürftig ist! Aber Gold, Silber und Purpurgewand verschmähet, und laßt das ihren Herren! Denn GOTT versucht uns, ob wir nicht hitzig seien in der Begierlichkeit, die eine Wurzel ist aller Übel. Euer Bescheidenheit soll auch fürwahr, ohn Zweifel wissen, daß die Bürger dieser Stadt und die Einwohner der Insel nicht fern Wegs sind gezogen, und daß sie in Kürze werden kommen. Hierum, speiset euern müden Leichnam nach Notdurft, und nehmet darnach Speis und Trank zu unserer künftigen Nahrung! Die traget ohn Verziehen in die Schiffe!«

Dem Rat des Herzogen folgten sie alle mit Freuden, und aßen und trunken nach Lust und Notdurft ein gut Genügen. Da sie nun sattlich gelöscht Hungers, Durstes und Leibes Not, da begunnten sie, von Fürwitz beschauen und besehen manicherlei Ende und Gassen der schönen Stadt, die sie allenthalben funden mit Gold und Silber kostlich gemacht und gezieret, und mit hohen Häusern schön aufgebauet, die auch alle gemeinlich mit Gold, Silber und edelm Gestein und kostlichen Kleinoden, mit übertreffenden meisterlichen Arbeiten und Kunst waren visiert und vollbracht. Und war gemeinlich in jedem Hause soviel allerlei guter Speis und Tranks bereit, als oben von dem Königlichen Saal ist beschrieben, daß sie einem mächtigen Kaiser oder Könige mit gar einem großen Volke wohl genugsam wären gewesen.

Die Gäste folgten aber fürbaß ihrem Herrn, dem Herzogen, und trugen der Speis und Getränke in ihre Kiel, Schiffe und Züllen, als viel ihnen ein halbes Jahr genugsam mochte sein. Und ruheten da all mit Freuden in dem Kiele auf dem Meere.

Da nun der Herzog eine kleine Zeit geruhet, da bat er den Grafen Wetzeln, daß er allein mit ihm ging in die Stadt, zu erfahren subtiler das Wesen und Gelegenheit der Stadt. Und gebot seinen andern Gesellen, ob sie etwas verstünden oder hörten, mit Aufmerken, einen streitlichen Auflauf, daß sie dann von Stund, mit vorgetragnem Banner ihnen zu Hilf kämen.

Also gingen die zween großmütigen Fürsten und Ritter alleine wieder in die schöne Stadt, und nach dem, als sie mit größerm Fleiß denn vor durchschaueten die Gelegenheit der Stadtgassen, viel schöner Herbergen und manicherlei seiden und sammetne Kleider und kostlicher Kleinod, (davon ich von Kürze und Etlicher Unglauben wegen hie nicht schreiben will), da kamen sie zum Letzten in einen schönen, lieblichen und unermeßlich großen marbelsteinern Saal, der zumal wohl gefüllet war mit gar zierlichem Hausrate und Kleinoden. In dem zunächst stund eine königliche Kammer, die mit geläutertem Golde und edelm Gesteine unaussprechenlich war gezieret. Item: es waren darinne zwei übertreffenlich schöne Betten, wohlgeziert mit aufgebreitetem unschätzlichem Bettgewande von seiden Lailachen und Kissen, und bedeckt mit kostlichem Sammet und Damaste.

Als sie durch die Kammer kamen, da gingen sie unter ein liebliches schönes Sommerhaus, das war mit grünenden Zederbäumen besetzt und mit allerlei lustigen Bäumen gepflanzet. Darinne war auch ein sanft aufwallendes und fließendes Wasser, das seine Anschauer durch seine Klarheit beweget, daß sie es gern sahen. Der selbe schöne Fluß ging ein durch zwei lustige Rohr in zween gulden Zuber, mit solicher kunstreichen Arbeit. Welchen lustet, daraus zu baden, der mochte, nach seinem Willen und Wunsch, haben kalt oder warm. Durch solich lustig Einlaufen des klaren, lautern Wassers in die schön gulden Zuber ward Herzog Ernst bewegt, daß ihn zumal sehr lustet, daraus zu baden. Und brachte auch den Grafen Wetzeln durch freundliches Reizen und Bitten zu solicher Begierde des Bades. Also, ohn Verziehen tat ihrer Jeglicher genug seinem begierlichen Willen in dem lustigen Bad, darinne sie abwuschen ihren Schweiß. Und gingen darnach wieder ein in die königliche Kammer, und leget sich ihrer Jeglicher an eins der kostlichen Betten. Nach dem, als sie nun, nach Zeit und Statt, genug hätten geruhet, da gingen sie heraus und legten an ihr Gewand und bewehrten sich mit ihrem Harnisch und Waffen.

Da sahen sie von Stund durch ein vergittertes Fenster ein groß mächtiges Heer von des Meeres Gestad her auf Pferden reiten. Dann der König des Landes und der Stadt war zwiegestalt, also: von der Sohlen bis an die Achsel war er als ein andrer Mensch, und das Oberteil eines Kranichs Gestalt. Der hätte, mitsamt allen seinen Bürgern, die ihm von Natur und Gestalt gleich waren, gefangen und genommen, durch streitliche Gewalt, eine minnigliche, zarte, schöne Jungfrauen, die war eine Tochter des Königs von India, der sie, bei seinen Dienern, eines andern Königs Sohne hätt gesandt zu vermäheln, die sie zu der Hochzeit sollten antworten dem andern Könige in sein Land. Der König von Agrippen, als er die Tochter und den Sieg mit seinen Bürgern hätt gehabt, da zog er wieder in seine schöne Stadt, die vor leere und leutlos war. Denn er hätt, bei Leben, Jedermänniglich ausgeboten, zu nehmen und zu fahen die junge Königin, die ihm denn vor erspähet war. Die selbe war nun zierlich bekleidet mit schönem und kostlichem Gewände, mit Gold und Perlen übernähet. Und führten sie zu beiden Seiten zween zwiegestalte Mannen, die auch mit so kostlichem Gewande bekleidet waren. Und die führten an sich zween, gar wunderlich stark gemachte Bogen, gar kostlich eingefasset. Und hätten bei sich unzählige Menge der Diener, mit denen sie waren umgeben. Und vor der zarten schönen Dirne da gingen, nach ihrem Maß, zween der Edelsten, die trugen vor ihr, für der Sonnen Glaste, ein aufgespanntes seidens Tuch, das war zwiefach gefärbt. Und ging aber so vor ihr ein nach seiner Geburt gar edler Fürste, der trug ein gülden Zepter.

Und führten also dem König die zarte hübsche Jungfrauen für mit großer Würdigkeit, nach dem vorgemeldten Saal oder Eßhaus, darin alle Wirtschaft auf das Kostlichste war bereit. Da saßen sie an die aufgebreiteten Scheiben und Tische, da vor Herzog Ernst mit seinen Gesellen gesessen und gegessen hätt. Doch empfunden sie und sahen wohl, daß die Speis und das Getränk etwas mehr, dann gewöhnlich geschah, war gemindert worden. Doch waren um sie Spielleute und Schimpfmacher, Gaukler und viel Saitenspiels, mit aller Wonnsamkeit und Freuden, nach ihrer Gewohnheit, daß sie alle jubelten und sungen mit ihren Kranichschnäbeln. Und hätte ihrer Keiner Streites keine Furcht noch Zuversicht.

In solichen ihren Freuden sah die klar schöne Jungfrau ihren Rauber, den König, unwilliglich, mit zornlichen Augen, doch ersckrockenlich an, der ihr mit seinem langen Kranichhals und spitzigen Schnabel bot den Kuß. Und die Jungfrau rief sich unsälig und sprach auch, als Sankt Paulus: »Ich unsäliger Mensch, wer erlöst mich von dem Körper des leiblichen Todes? Das tue die Gnad Unsers lieben Herrn Jesu Christi!«

Da soliche und noch viel kläglichere Worte Herzog Ernste die zarte Jungfrau jämmerlich höret klagen, wann er zunächst dabei mit Grafen Wetzeln inwendig verborgen war, da erbarmet sie ihn von Herzen. Und sprach zu seinem Freund und Gesellen Wetzeln: »Eia, lieber Bruder, laß uns nicht länger rasten noch träglich warten, und hilf, daß wir die zierliche Jungfrauen in sollchen ihres Jammers Nöten von der zwiegestalten bösen Leute Gefängnis kecklich erlösen.« Dazu sprach der Graf Wetzet: »Gnädiger lieber Herre, mir ist viel mehr ein anders zu Mute, sei, daß es eurer Liebe auch gefällig ist. Wir mögen einer solichen Menge allein hart oder ganz nicht widerstahn ohn unser beider Leibesschädigung. Darum rat ich uns in guten Treuen und rechtem Gemüte, das zu eurer und meiner Sicherheit wohl dient: daß wir der Dirnen Erlösung noch länger verziehen,bis wir nach Endigung dieser Wirtschaft sehen, daß ihrer Jeglicher heimkommt in seine Herberge.« Der Rat gefiel dem Herzogen zumal wohl.

Und als die Wirtschaft Ende hätt, da ging Jedermann schnell heim an seine Herberge. Und der König Agrippinus ging auch, mit lützel seiner Diener, in seine Kammer, die gar herrlich, als vor ist beschrieben, gezieret war. Nach dem führten etliche andere seiner Diener dar die zarte junge Königin, und ihrer einer zog sie ganz aus bis an ein seiden Hemde. Und lief, vor anderen Dienern, ein zu dem König, daß er ihm, als um ein gemeines Botenbrot, künde die Zukunft seiner Gesponstn und Gemahls. Der sah am Einlaufen ungefährde, daß die zween verhohlnen Gäste waren verborgen an einer heimlichen Statt oder Winkel. Als er sie anblickt, da erschrak er, daß er erzittert, und ging ihm das Haar oder Federn zu Berg, daß er nicht gereden mochte. Doch erkeckt er zum Letzten ein wenig, und kam also wieder zu sich selbst, und lief bald ein zu seinem Herrn, zu dem ihn der vorige Weg trug, und schrie, nach seiner Stimme, unsinniglich: »Waffen, immer Waffen! Herr König, es ist hie alle Ritterschaft von India gewappnet, um wieder zu nehmen die junge Frauen, die wir ihnen mit Streites Gewalt haben genommen. Aber ich will ihnen die Ursache, darum sie her sein kommen, benehmen. Daß sie uns die Dirnen nicht wieder nehmen, so will ich es mit ihrem eignen Töten fürkommen.«

Das sprach er, und verließ den König, der mit lautem Kranichgeschrei brüllet, und wußte nicht, wo er bleiben oder sich hin kehren sollte. Und lief grimmiglich dar zu der edeln jungen Fürstin, mit großer Ungestümigkeit, und durchstach ihr mit seinem scharfspitzigen Schnabel ihre beiden zarten Seiten, daß ihr das rosenfarbe Blut daraus schoß.

Der lautrufenden klaglichen Stimme, die sie um soliche tiefgestochene tödliche Wunden schrie, erhöret der Herzog und auch Graf Wetzet mit großem Jammer, und wischten schnell herfür. Mit behendem Eilen stießen sie die Kammertüre kecklich auf, darein die Jungfrau zu dem König geführet war. Und ertöteten den König und all seine umstehenden Diener, und nahmen die nahgestorbene Jungfrau, der zu beiden Seiten ihr warmes Blut ausfloß, auf ihre Arme und wollten sie trösten und ernähren von dem Tode, das doch leider nicht mocht gesein.

Da sprach sie, mit kranker Stimme und mit klaglichen Worten, zu ihnen: »O weh, mir armen Frauen! Warum habet ihr kühnen Ritter meinen scharfen elenden Tod mit eurer schnellen Zukunft nicht fürkommen? Denn hättet ihr den gewendet und gehindert und meinem Vater mich, seine Tochter, lebendig wieder geantwortet, so wäre ich eurer Einem vermähelt worden. Und hätt darüber, mit meinem väterlichen Erbe, mit Reichtum, Gewalt und großen Ehren, eurer Einen, welcher der gewesen, zum König gemacht in India. Doch wiewohl nun, ohn Verziehen, hie ist die Stund und Zeit meines leiblichen Todes, der aller Ding ein End ist, so freue ich mich doch, und es ist mir meines Todes ein großer Trost, daß ich euch, Christenmenschen, vor meinem Ende an soll sehen.« Das sprach sie, und mit diesen Worten zog sie ihren letzten Atem und gab GOTT ihren Geist auf.

Da wurden die zween Herren zumal sehr traurig, und wiewohl sie sahen des Königs Hofgesinde, mitsamt dem Stadtvolke, allenthalben um sich zulaufen, so gedachten sie doch an das Wesen menschlicher Natur und bedeckten den toten Leichnam, also unbegraben, mit einem schönen purpurfarben Tuch zu, und baten GOTT den Herrn, in dem der Auserwählten Geist ruhet, mit demütigem Fleiß um ihrer Seele Säligkeit und Behältnis. Und machten darnach sich selbst zu dem Stadttor einen Weg mit den Schwerten durch der ungestalten Leute Menge, die um sie rings mit Schreien liefen, und der sie viel, die ihnen begegneten, ertöteten. Da schussen die Feinde mit manicherlei Geschoß und mit Steinen, Holze und mit großen Pflöcken und mit Pfählen, und was ihre Hände mochten begreifen und mit Kräften erheben. Das wurfen sie mit großer Ungestümigkeit und mit lautzornlicher Kranichs Stimmen grimmiglich auf die zween ihnen ungenehmen Gäste. Und als sie nun mit hartwehrender Hand kamen zu dem Stadttore, da funden die großmütigen Streiter, in denen man der großen Riesen Stärke und männliche Keckheit sichtiglich mochte prüfen, das Tor beschlossen. Da entwichen sie mit Wissen in die Schwibbogen der Stadtmauer, und wurfen da für ihre Halsschilde, darein sie kecklich empfingen alles, das die feindlichen Leute wider sie wurfen und schussen; des so viel zu Haufen unter sie fiel, daß sie darauf stiegen. Und stunden recht als die freidigen Leuen, die mit zornigen Jagdhunden umgeben sind. Und als viel sie ihrer Feinde mit den Schwerten erreichen mochten, denen boten sie des Todes Trank und sandten sie mit Leide dem höllischen Gott.

Mittelalterlicher Holzschnitt

Zuletzt, von solichem großem Auflauf und streitlichem Geschreie, wurden des Herzogs Schiffleute und Gesellen auf dem Kiele ermuntert und bewegt, und rasch, mit gewappneter Macht, liefen sie großmütiglich, mit vorgetragenem Banner zu dem Stadttore, das sie, mit Erschrecken um ihre liebsten Herren, verschlossen funden. Doch zum Letzten, mit gemeinem Rate, hieben sie das auf mit Äxten und großer Arbeit und gewannen den Weg und kamen, doch nicht gar ohn Schaden, ihren getreuen Herren zu Hilfe. Und mit viel Mannschlacht und Mord der Kranichleute nahmen sie ihre Herren und führten sie mit Gewalt und großer Arbeit aus der Stadt. Des waren sie all zumal froh, und vermeinten, von Stunde auf die Schiffe zu sitzen und von der Stadt zu fahren.

Da sahen sie von viel Gegenden des Meeres allenthalben viel gewappneter Haufen der Kranichleute herreiten und, eines schlechten Weges, ohn Hoffnung der Flucht, wider sie herziehen. Da stärket Herzog Ernst die Seinen und sprach zu ihnen: »O ihr kühnen Ritter GOTTes, ihr sehet wohl, daß des Todes Pfeile antreffen unser leibliches Leben, das da säliglich wird verloren, wenn man das um Christlichen Glauben verliert: denn von diesem tödlichen Elend geht man, durch einen guten Wechsel, in das ewige Leben. Hierum, sintemal daß wir um soliche Hoffnung uns täglich üben in GÖTTlichem Dienste, so sollen wir mannlich sein und kecklich fechten wider die Feinde Christi und Seines Glaubens. Und geschieht das von Gottes Schickung, daß uns der leibliche Tod, von einer also großen Menge der ungestalten Leute, zugeht, so wöllen wir doch, mit manichem ihrem Todschlag, uns durch den zergänglichen Tod, den wir hie leiden, erkaufen das Ewige Leben.«

Das sprach er, und mit herzlicher Anrufung der GÖTTlichen Hilf ergriff er das Banner selbst und, mitsamt seiner Gesellschaft, ging er sittlich seinen Feinden entgegen. Da das die Agrippini sahen, da teilten sie sich allenthalben aus auf die Weite des Feldes, und umgaben unsichtiglich Herzog Ernsten und die Seinen. Und täten ihnen viel mehr Schaden durch vergifte Pfeile, die sie von ferne an sie schussen, denn sie ihnen in der Nähe mit Schwerten und anderen Waffen täten. Aber die Gäste widerstunden ihnen mit kühnstarker Macht unzertrennet, und ertöteten ihrer gar viele und schlugen ihrer fünf hundert nieder. Und hätten zwischen ihnen selbst einen kurzen, aber doch weisen Rat, also: sintemal daß die zwiegestalten Leute in der Nähe ihnen zu Streit nicht bestunden, so sollten sie langsamlich hinter sich, in ihre Schiffe weichen, das sie auch täten.

Da stund Herzog Ernste mit Grafen Wetzeln auf dem Sande und waren den Feinden widerstahn und die Ihren schirmen, so lang, bis man, in den Rennschiffen oder Züllen, die man an das Gestad heraus führet von dem Kiele, die Wunden, Todsiechen und auch die Gesunden alle einführet in den Kiel. Zum Letzten ließ sich der Herzog, mitsamt seinem getreuen Freunde, auch einführen. Und hießen von Stund an, mit Ablösen der Stricke, das Ufer und Gestad verlassen und mit starkem Ruderziehen in das Meer einwärts schiffen, das auch bald geschah.

Da nun die Kranichleute sahen, daß ihnen der Feldstreit entzogen ward, da vermeinten sie, nachzueilen mit Schiffen, der sich der Herzog und die Seinen aber kecklich begunnten zu wehren, und ihnen auch entwichen, daß die Agrippini nichts geschaffen mochten. Und also, mit großer Arbeit Etlicher, die da die Schiffe zogen, und Etlicher, die sehre krank und verwundt waren, fuhren sie zwölf ganze Tag und Nächte, daß sie weder Gestad noch kein Erdreich nirgend mochten gesehen.

Hierum, da stieg der Schiffmeister einer, der dann die Gelegenheit des Meeres wohl wußte, auf den Segelbaum, und sah von ferne eine Höhe aufgehöht, als einen übergroßen Berg, da die Segelbäume, als in einem dicken Walde der Tannen, waren aufgereckt. Das sahen auch Etliche in dem Kiele, und meinten, es wäre ein großer Berg, und forchten, es wären etliche Meerrauber aber vor ihnen, die auf sie warteten.

Aber dem Schiffmeister, dem das leidliche und bald kommende Übel wohl wissend war, erkaltet alles sein Gemüte und Herze vor großer Furcht des schierkünftigen Todes. Und sprach zum Herzogen und den Seinen: »O der heiligen Wallfahrt und unsers raschkommenden Todes! Meine liebsten Mitbrüder und getreuen Mitgesellen, nehmt wahr, daß uns allen gegenwärtig ist der grimme, bittere Tod, der da ein End ist aller zergänglichen Dinge. Reckt auf eure Herzen und Hände demütiglich gen Himmel, und bittet fleißiglich von GOTT dem Herrn! Gnade, Barmherzigkeit und Ablaß aller der Sünden, Laster und Missetat, der Er, Seine Engel und ihr selbst euch schuldig wißt. Das sollet ihr tun, mitsamt mir, mit allem andächtigem Fleiße, daß unser Seelen und Geiste heil werden in dem Ewigen Leben, so unsere Leichnam verderben und sterben durch den itztkünftigen Tod. Nehmt wahr, an dem Berge, den wir sehen, müssen wir all sterben! Denn, wir wollen oder wollen nicht, so fließen wir itzo, ohn Vermeiden, in das sorgliche oder syrtische Meer. Denn als ich je und je von meinen Eltern vernommen habe, so trägt dies Meer allen, die darein kommen, gemeinlich den scharfen, verderblichen Tod. Die hohen Bäume, die ihr aufgericht sehet, das sind eitel Segelbäume der zugelehnten Schiffe, die da, von Ungewitter und von Kraft des tobenden Meeres, dahin getrieben sind und geschlagen. Und alle die Menschen, die darinne sind gewesen, haben itzo all versucht das Getränk des bittern Todes, das wir auch alle, ohn Zweifel, werden und müssen in Kürze versuchen: das lasset euch allen mit Jammer zu Herzen gahn.«

Nach dem, als der Schiffmeister ein End machet seiner kläglichen Rede, da tat der durchlauchtigste Fürste, Herzog Ernst, den Seinen eine gemeine trostliche Vermahnung, und war zu ihnen sprechen: »O ihr liebsten Brüder, wir sollen all GOTT, dem Allmächtigen, groß Dank und Ehr sagen, um Unruhe all unsrer Trübsal, die Er gnädiglich über uns verhänget, um Abtilgung all unsrer Sünde in diesem Leben. Hat uns dann des Barmherzigen GOTTes Fürsichtigkeit den leiblichen Tod an dieser Statt vorgeschickt und fürsehen, so sollen wir ihn leiden mit aller Geduldigkeit, daß uns die Willigkeit des Gekreuzigten GOTTes an dem strengen letzten Richttage wieder belohne um unser gelittene Trübsal. In des Namen und Willen, Seine Heimlichkeit heimzusuchen und demütiglich zu Jerusalem anzubeten, wir auf diesem Weg sein.«

Mittelalterlicher Holzschnitt

Soliche Worte redet der edel Herzog Ernst trauriglich mit zährenden Augen zu seinen jämmerigen Mitbrüdern. Darauf er und Graf Wetzel, mitsamt dem ganzen Heere, empfingen mit andächtiger Reue und Beichte das Heilige Sakrament, den Würdigen Fronleichnam GOTTes, durch der Priester Hände, derer auch etliche, als nicht zuviel ist, unter einer solichen Schar und Menge waren.

Die Weil nahet ihr Kiel und Schiff, je länger, je näher, zu des Todes Statt. Und ward da schier von dem Magneten, der da Kraft hat, Eisen an sich zu ziehen, beheftet, gefangen und behalten. Wann daselbst ging des Magneten Schein und Flammen aus dem Wasser auf, davon ihr altes Schiff damitten entzwei brach und rann mit ihnen auf den Sand, der viel sorglicher und schädlicher ist denn das Wasser des Meeres. Von solichen ausschießenden Feuerstrahlen aus dem Magneten wurden viel großer und hoher Segelbäume angezündet und abgebrannt. Der Bränd und Stücke von oben abfielen in den Kiel der neu kommenden Gäste, und die erschlugen ihrer viel zu Tode.

Darvon Herzog Ernst, zumal von ganzem Herzen sehr, ward betrübt, und weinet inniglich (dann er nichts anders mocht getun,) und sprach: »Herr Jesu Christe, ein Sohn des Ewigen GÖTTlichen Vaters, was Mittels mag oder soll ich armer han? GOTT wollt, daß ich gestorben wäre, daß ich vor meinen Augen soll sehen sterben die Sammlung meiner auserwählten Ritter und allzeit meiner getreuen Diener!«

Also weinet er all Tage, und auch zu aller Stunde martert er sich mit jämmerlicher Klage. Und wenn man die toten Körper in das Meer sollt auswerfen, so hätt er eine soliche große Erbärmde über sie, daß er sie hieß oben, auf des Kieles Deck legen, daß er doch, durch Anschauen ihrer toten Leichnam, etwas möcht Tröstung empfahen.

Da kamen die Greifen dargeflogen, die zunächst darbei auf den hohen Bäumen und an unbesteiglichen Bergen genistet hätten. Die schmeckten die toten Körper und führten viel Leichname in ihre Nester, ihren Jungen zur Speis. Und blieben also von der ganzen Menge des Herzogen Volks nicht mehr am Leben als ihrer Sieben, die alle nicht mehr in ihren Zehrsäcken hatten dann ein halbes Brot.

Da sprach der edel Graf Wetzel: »Sintemal, daß wir der Schar unsrer Gesellen, die hie bei uns gestorben sind, haben vergolten mit weinenden Zähren, was uns zustund, wann wir ihnen nicht mehr mochten tun, mein lieber Herre, gefället es eurer Bescheidenheit, so sollen wir uns doch einen andern als den jämmerlichen Tod des Hungers aus erwählen. Also, daß wir uns selbst in Tierhäute ein heißen nähen und heften, und zu Raube auf den Kiel legen, daß wir von den Greifen über Meer werden geführet in ihre Nester, daß wir ihrer Kind Speise werden, oder, ob es GOTT der Herre vielleicht gnädiglich also schicket, daß wir durch etliche Mittel lebendig mögen entrinnen.«

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Der Rat, als ich vermein, dem Grafen Wetzeln nicht gegeben war von menschlicher Verständnis, sondern mehr wunderlich von GOTTes Eingießen; der gefiel dem Herzogen zumal wohl. Und sie gingen ohn Verziehen in andere Schiffe, darinne sie funden neugestorbene Menschen, die bei sich hätten Gold, Silber und edel Gesteine und allerlei kostbarlicher Kleider ein Genügen. Sie funden auch da große Ochsenhäute, die sie mit sich wieder in ihr Schiff hießen tragen. Des wundert die anderen, ihre Gesellen, gar, was sie darmit meinten.

Da näheten und hefteten sie der Häute etliche zusammen, und gesegneten mit Treuen ihre fünf Gesellen, und nahmen zu sich all ihren Harnisch und etlich ander Gezeuge, des ihnen not mocht gesein. Darmit sie sich in die Haut hießen vernähen und auf des Kieles Deck legen, daß sie die Greifen hinführten. Dem Gebote ihre Gesellen zumal trauriglich und ungern gehorsam waren, und legten den Herzogen und Grafen Wetzeln verheftet auf das Deck und die Höhe des Schiffs.

Als sie die Greifen ersahen und meinten, es wäre, nach Gewohnheit, totes Aas, da kamen sie und führten den Herzogen und Grafen, wunderlich und durch des Allmächtigen GOTTes fürsichtige Schickung, über das weite und furchtsame Meer ihren Jungen in ihre Neste; des die fünf elenden Verlassenen zumal trauriglich weinten. Da sprungen über sie die jungen Greifen und wollten sie zerreißen; und wiewohl sie durch die Ochsenhäute eingrimmeten mit ihren Klauen, so mochten sie doch die stählern Panzerringe, mit denen die zween furchtelenden Herren waren bewehrt, nicht gewinnen. Zuletzt funden sie, daß sie jenhalb des Meers waren gelegt an eine feste und harte Statt; und empfingen langsamlich wieder Kraft, und schnitten die Häute auf.

Und da sie sahen, daß die zween alten Greifen wieder ausgeflogen waren, um andere Speis über das große Meer, da versuchten die zween Elenden ihre Flucht, und stiegen herab aus dem Neste und kamen, mit sittlichem Hangen und Klimmen, von den ausgespitzten Bergen, mit großer Arbeit, wie sie mochten, und eilten in einen dicken Wald, zunächst darbei.

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Der anderen fünf Gesellen, in dem Kiel verlassen, ließen sich aber zween in solichem Maß einheften in Ochsenhäute, die auch, von GOTTes Schickung, von den Greifen mit geizigem geschwindem Fluge in das vorige Nest wurden geführet, und entrannen, in aller Weis als Herzog Ernst und der Graf Wetzel, in den vorgemeldten Wald. Dennoch waren ihrer Drei in dem Schiff geblieben, deren Einer die anderen Zween auch einheftet in Ochsenhäute, mit Harnisch und Waffen. Die wurden auch, als ihre Herren, von den vorigen Greifen in das Nest geführt, daß ihnen allen Sechsen das Glück durch Gottes Wirkung doch beschert ward. Und die selben letzten Zween kamen auch, als die ersten Vier, mit arbeitsamer Flucht kaum darvon in den vorbeschriebenen Wald. Der Siebente und Letzte, sintemal er Niemand hätte, der ihn einheften mochte, so mußte er mit großem Jammer elendiglich in dem Schiffe bleiben; und da er kein ander Speis hätte denn ein halbes Brot, das vor ihrer Sieben hätten, und er das nun genoß, da mußte er da mit Leid sterben und das Heerhorn des Jüngsten Gerichts, in einer gemeinen Urständ, da erwarten. Da kamen aber die letzten Viere in dem wilden unweglichcn Walde ungefährlich zusammen durch GOTTes schicklichen Willen, des sie zumal sehr wurden gefreuet.

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Und wurden, mit gemeinem Rate, überein, daß sie ihren Herrn, Herzog Ernsten, und Grafen Wetzeln in dem wilden Walde, an scharfen, ungewöhnlichen Bergen sollten suchen. Darum sie fleißiglich anriefen des Allmächtigen GOTTes Hilfe, der sie aber durch Seine Gnade erhöret. Denn da sie mit Ängsten, fürbaß ihren Herrn zu suchen, in die scheußliche Wüsten kamen, da sahen sie dort von fern zween Menschen vor ihnen gahn, und zweifelten des ersten, ob sie die Zween wären, die sie suchten. Doch zum Letzten erkannten sie ihren Herzog Ernsten, zu dem sie mit schnellem Laufen eilten, der sie auch, mitsamt dem Grafen, bald erkannt. Und ging ihnen entgegen, und ward von ihnen, zu beiden Teilen, um große Freud, ein michel Teil Zähren vergossen.

Nach viel lieblichem Umsahen und brüderlichem Kusse sprach der Herzog zu ihnen: »Saget mir, lieben Brüder, wer hat euch in die Häute geheftet?« Da sprachen sie: »Gnädiger Herre, der (den sie ihm nannten), euer getreuer Knecht und auserwählter Diener. Den haben wir gar traurig hinter uns in dem Schiffe gelassen, dann er Niemand hätt, der ihn möcht einheften. Und ist nicht Zweifel, er sei itzo elendiglich vor Jammer und Hunger verschieden. Darum sollen wir seine Seele mit Fleiß dem Allmächtigen GOTT befehlen.« Als Herzog Ernste das höret, da ward er mit fließenden Zähren bitterlich weinen. Und sandte, um seiner Seele Heil, ein andächtiges Gebet zu GOTT dem Herrn, der ein Schöpfer und Erlöser ist aller Gläubigen.

Aber die Sechs hätten große Arbeit von langem, ungebüßtem Hunger. Da aßen sie Schwämme und Pfifferling, Kräuter und Wurzen, und was ihre Hände in dem Walde mochten begreifen. Und da sie nun den Hunger etwas sattlich gebüßeten, da bezwang sie, gleich so hart, der hitzige Durst. Also gingen sie alle Sechs den ganzen Tag bis an den Abend, und bis in den Tod durstig, durch des Wald Dicke, Unwege und Finster; denn Jemand daselbst weder Steg noch Wege je gesucht hätte. Und nahm sie selbst wunder, wie sie bei Leben mochten bleiben.

Und um der Sonnen Niedergang sahen sie von ferne, dort gegen der Sonnen Glaste, scheinen über groß spitzige Berge in einem Tale ein lauter und lustig fließendes Wasser. Zu dem sie sich über die abgebrochenen Berge, dahin, als wohl glaublich ist, weder vor noch nach kein Mensch nie kommen war, itzo mit Klimmen und Hangen, itzo mit Steigen und Fallen, itzt mit Knien, itzt mit Händen, nicht ohne große Sorg ihres Lebens, abließen und kamen mit großer Arbeit. Und löscheten da genugsamlich des natürlichen Durstes übergroße Not mit dem süßen, kühlen und lautern Wasser.

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Aber doch hätten sie noch eine große furchtliche Sorge vor der Greifen Grimmigkeit, daß sie nicht von denen gehört würden und wieder, als vor, hingeführt. Darum hielten sie ihr Schweigen in Stille und blieben da bei dem Wasser rasten. Und merkten da durch das Gesichte, daß man das Wasser fische, wann sie zumal schön große Fisch darin sahen. Darum wollten sie ihrem Hunger und wegmüden Leib wieder helfen, und nahmen die Fische, als viel sie wollten, die der Gras Wetzel mit einem Eisen oder Gleven fing und stach. Und schlugen aus den Kieslingen Feuer, und etliche brieten sie ob den Kohlen, etliche kochten sie, vielleicht in Eisenhüten. Und also löschten sie des Hungers Mangel nach ihrem lustlichen Willen und Begierde. Nachdem sie nun satt waren, wollten sie fürbaß gehen; das mochten sie nicht tun von der vom abgebrochenen Berge wegen, die, als man spricht, in der Himmel Gewolken waren als eine Mauer oder Wand auferhöhet, daß auch die Vögel sich nicht wohl mit gleichem Fluge hinauf mochten schwingen. Item: der Weg, den sie dar kommen waren, war ihnen auch nicht mehr möglich aufzusteigen vor seinen überschießenden und auch abgeebneten Steinbrüchen.

Da nahm sie erst ein groß Wunder, wie sie doch herab wären kommen. Und mit gemeinem Rate gingen sie dem Wasser nach, und kamen zum Letzten zu einem großen Berge, durch den das selbe Wasser mußt laufen, wiewohl, daß er mit anderen Felsen umgeben und beschlossen war. Da mochten sie aber nicht fürbaß kommen, wann es war daselbst eine große Höhle in dem Berge, darinne das Wasser einen grausenlichen Hall machet, als ob ein groß Schiff da zerstoßen würde und unterginge, von der Tiefen wegen der großen und scheußlichen Höhlen.

Und eine Weile, so verbarg sich das Wasser ganz und gar, daß man es weder sah noch höret. Und über eine kurze Zeit, so breitet es sich wieder aus in einem furchtsamen lauten Hall jenhalb des Berges in einem breiten, fließenden Wasser. Da waren die elenden Ritter aber verlassen von aller menschlichen Hilfe: denn sie sahen keinen anderen Weg, dann wieder zu kommen in das furchtschädliche syrtische Meer, daraus sie GOTT erst durch Seine Gnad hätt erlöst. Den sie aber, nach Gewohnheit, mit demütigem Fleiße treulich um Hilfe anriefen.

Durch Des Einsprechen wurden sie zu Rate, und hauten ab große Bäume und Balken, der Herzog mit seinen Mitgenossen. Und behauten sie mit großer Arbeit, und bunden sie mit Weiden zusammen, nicht gar kluglich, aber zumal festiglich. Und mit gar einem erschreckenlichen und unsäglichen Zweifel und sorglicher Furcht ihres Lebens, bunden sie ihre Harnisch und ander Dinge, die sie bei sich hätten. Darzu sie auch darauf saßen, waglich, mit Hoffnung GOTTes Hilfe, und ließen sich das raschlaufende, grausenliche Wasser hindurch führen. Da war inwendig in dem Berge dreierlei furchtliches Schadens: des ersten, daß von umlaufendem Wirbel und stätiglichem Schwindel das zusammengeheftete Dielenfloß ohn Unterlaß gar sehr anstieß zu allen Orten, daß Wunder war, denn daß es stark gebunden war, daß es ganz mocht bleiben. Das ander grausenlich Übel war die Finsternis; denn es war so finster darinne, daß ihrer keiner den andern mocht gesehen. Zum dritten Male mocht ihrer keiner gehören, von großer Ungestümigkeit der Wasserwogen, die in dem Berge zu allen Orten tummerlich anstießen und mit lautem Halle wieder zusammen liefen.

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Da riefen sie aber zu GOTT dem Herrn, mit lauthallender Stimme und Gebete, und sprachen: »O Herre Jesu Christe, der Du bist Wahrer GOTT und Mensch, Unser Heiland, behüt uns, und erlös uns, als Du hast Deinen lieben Jünger Petrus aus dem Meere! Und der uns vor hat erlöst aus dem syrtischen Meere durch die grimmen Greifen, vor deren Klauen Du uns hast bewahrt: also mach uns heut auch ledig und heilsam!«

Da sie nun endeten solich fleißige Gebete, nehmt wahr, da kam des ersten eines seltsamen Lichtes Schein von den Gnaden des Ewigen Lichts, und das machte ihnen eine große Freude in dem Berge. Da sahen sie am Fürfahren einen scheinbarlichen Felsen, der heißet zu Latein Unio, das ist zu Deutsch als viel gesprochen als eine Einigkeit: denn als man liest, so ist seines Gleichen, in Gestalt und Natur, keiner mehr in der Welt; darab brachen sie ein Stücke.

Des Steins ein jeglicher Römischer Kaiser in seiner Krone trägt, von groß zierlichen Scheins wegen. Den Kaiser Otto darein hat lassen machen, den ihm Herzog Ernste, als am Ende beschrieben wird, geschenkt hat.

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