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Historie eines edeln Fürsten Herzog Ernst von Bayern und von Österreich

Unbekannte Autoren: Historie eines edeln Fürsten Herzog Ernst von Bayern und von Österreich - Kapitel 13
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Hernach folget, wie Herzog Ernst in die ferne India kam und daselbst um Christlichen Glauben stritt

Mittelalterlicher Holzschnitt

Als nun Herzog Ernst merket und betrachtet, daß ihm alle zeitlichen Werke, durch die genähme Miltigkeit GOTTes, nach allem seinem Wunsche und Willen ergingen, da blieb er, als der weise Mann, in der Weisheit der Ewigen Dinge. Und gedacht in allem seinem Herzen und Sinne die Fürsichtigkeit seines Fürsatzes, wie er in ihm bestätigt würde.

Und er ging eines Tags mit Etlichen, seinen liebsten Dienern, bei dem Gestad des Meeres um spazieren. Die Weilen waren die Mohren von der fernen India mit ihrem Kiel, von des Meeres Kraft und widerwärtigen Winden, an das Gestad des Landes Arimaspi geschlagen. Da von Stunde sandte zu ihnen der Herzog seinen Boten und hieß, sie fragen, wes Leute oder Geschlechts, oder von wannen sie her wären, was ihr Geschäft wären, und ob sie bekannten oder hielten den Christlichen Glauben.

Also antworteten sie: »Daß zum Besten von Würdigkeit genennet würd: so sein wir und verjähen uns Christen Menschen, und sind von der fernen oder hintern India von des Meeres Kraft mit Gewalt an dies End getrieben worden. Und wir möchten alle, von großer Arbeit, des Hungers sterben. Darum, wer mit seiner Reichtum wendet unsers Hungers nötige Armut, dem wollen wir Gnade und Barmherzigkeit von dem Ewigen GOTTe immer mit Fleiß erbitten.«

Als der Herzog das erhöret, da ward er froh; und hieß, sie mit guten kostlichen Speisen überflüssiglich versehen, und erzeiget ihnen alle Gutheit. Als sie nun satt waren, da fraget sie der Herzog, ob nicht Kriege oder Streit in ihrem Lande wären. Da antworteten sie und sprachen: »Herre, der König von Babylonia bekümmert und durchächtet mit großem Heere unser Land und Leute ohn Unterlaß, auf das Ende, daß wir abscheiden von dem Licht der Wahrheit und abtreten den Christlichen Glauben, und daß wir uns geben in die schändliche Finsternis der Abgötterei. Aber wir hoffen in GOTT den Herrn, der vollmächtig ist, uns zu bewahren unter den Flügeln Seines Schirms vor solichen Sündern, die heimlich fürheben den Lasterbogen, daß sie vergiftlich schießen die, die da sind eines gerechten Herzens.«

Von Stunde empfing der Herzog des Heiligen Geistes inbrünstige Hitze, und hätt Heimlichkeit seines Rates mit Grafen Wetzeln und andern, seinen bewährten Christlichen Kämmerern. Und ward mit ihnen überein, daß er wollte ziehen in die ferne India, zu fechten und zu üben die Streite GOTTes. Und darzu gaben die Mohren ihren Willen und vergunnten, daß er und die Seinen mit ihnen in ihrem Kiel fuhren, den er genugsam gespeiset hätte, und darzu wohl beladen mit allen Sachen, die ihm not waren. Und schied also, unerlaubt und ohn Wissen des Königs Arimaspi von seinem Lande, darum, daß er ein Heide war. Doch nahm er mit sich seine Gesellen und Wunderleute, die er in Streiten überkommen und gesammelt hätte. Und kam nach viel Schäden, Kummers und Besehung viel wunderliches Dings, das er in dem Meere hätt gesehen, in die ferne India.

Da hätt des selben Landes König eine gemeine Berufung und Sammlung seines Landes Fürsten und Herren geboten, die zu der Zeit bei ihm waren zunächst in einer Stadt, mit denen er, nach seiner königlichen Majestät, eine große Wirtschaft hätte. Und Herzog Ernst ward dem Mohrenkönig durch die Mohren, mit denen er gefahren war, fürgetragen und sein tugendliches Lob zumal sehr gepriesen. Nun, als der Mohrenkönig vernahm sein freundliches Wohltun, das er den Seinen auf dem Wege mannigfaltig hätt erzeiget, und auch seine adelige Frommheit und übertreffende Strenglichkeit, da empfing er ihn, mitsamt seinem Volke, mit großen Ehren und Würdigkeit. Und nach viel Dankbarkeit der Guttat, die er den Seinen auf dem Wege entboten hätte, nahm er ihn und die Seinen an seinen Hof. Und hielt sie zumal ehrlich, und gebot auch in allem seinem Lande, daß man sie in Ehren sollte haben. Und darzu bat der Mohrenkönig den Herzogen und Grafen Wetzeln, daß sie in seinen heimlichen Räten ihnen treulich wollten beistahn. Also geschah es gemeinlich, wenn die Mohren ihre tätliche Meinung fürlegten, daß der König und alle seine Räte erbaten des Herzogen weisliche Meinung und fürsichtigen Rates, dem sie gemeinlich in allen Sachen, als einer rechten endlichen Beschließung, nachfolgten.

Und eines Tags, zu Morgens früh, kam böse fliegende Mär, wie daß der König von Babylonia mit unzählig viel Heiden aus seinem Lande war ausgezogen, in dem Willen, daß er alle Mohren, jung und alt, Frauen und Männer, wollt martern und peinigen, die sich nicht von GOTT, ihrem Schöpfer, der da ist der Weg, die Wahrheit und das Leben, abkehrten und von Seinem Anbeten wichen zu der Falschheit des Unglaubens und anbeteten die Abgötterei. Von solicher erschrockenlichen Sage ward der König und all die Seinen zumal sehr erbleichen und in groß herzenliche Furcht kommen.

Als nun Herzog Ernst das merket, da tröstet er sie mit solicher trostlichen Vermahnung: »Mein gnädiger Herre der König,« sprach er, »und alle andern, meine Brüder und Väter, die all, als ich hoffe, in dem Buch des Lebens geschrieben sind, ich hab oft gehört und meine, ihr habts auch wohl von euren Predigern vernommen, daß – nach Sankt Jeronimi Lehre – nichts Säligers ist, dann ein frommer Christen Mensche, dem das Ewige Himmelreich verheißen ist. Und ist nichts so arbeitsam, als alle Tag schädlich warten seines Lebens Ende; und ist aber so nichts Stärkers, dann der den Teufel und seine Schildknechte überwindet, als denn ist der König von Babylonia und seine Mithelfer. Und zum vierten Male ist nichts Schwächers, dann wer von seinem eignen Fleische überwunden wird. Von solicher Ermahnung, lieber Herre, sollt ihr und die Eurigen und ich, mitsamt meinen Dienern, sie nicht fürchten, die den Leib töten oder mögen töten, denn unsere Seelen mögen sie nicht töten, sintemal, da sie nur in Wägen und Pferde, darauf sie geführt werden, ihre Hoffnung haben und hoffärtiglich üppigen Ruhm suchen. Aber wir sein das heilige Volk, die aus dem harten Felsen des Unglaubens sind auserwählt und gemacht worden Abrahams Kinder, durch GOTTes Auserwünschung zu Christlichem Glauben. Hierum sollen wir uns kecklich aufheben zu GÖTTlicher Hoffnung, und mit aufgereckten Händen und Herzen anrufen den Namen Unsers Herrn Jesu Christi, und sollen den freidigen Übeltätern ohn Verharrung entgegen ziehen. Doch sollt ihr hie hinter euch lassen alle die, die in irdischen Sachen und leiblicher Begierde verstrickt sind; denn, wir sterben oder genesen, so sein wir GOTTes Kinde. Doch sollen die vorgenannten streitbaren Heiden wissen, die dann des Antichrists Boten sind, und ich will ihnen, durch die barmherzige Gnad GOTTes, zu wissen tun, daß ich ihrer viele will, durch den leiblichen Tod, fällen in die Ewige Pein, und wäre auch bei ihnen der feurige Jupiter mit dem unflätigen Abgotte Machmet.«

Von denen und noch viel des gleichen trostlichen Mahnungen des großmütigen Herzogen ward der König von India und auch alle, die da waren, durch GOTTes einsprechende Gnade zumal wohl beherzt und erkeckt. Und sammelten, als Zeit und Statt ihnen verhänget, ein groß Christliches Heer, und zogen dem König von Babylonia entgegen.

Der hätt itzt vor längst die alten GOTTes Häuser und Kirchen zerstört und die Heiligen Sakrament daraus geworfen. Und hätt viel Mütter mit ihren Kinden, durch die Marter der Pein, um Christlichen Glauben gen Himmel gesandt. Also hieß der Mohrenkönig, seine Gezelte und Hütten zunächst bei ihm aufschlagen. Und da zu Morgens die Sonne den Himmelsrand überleuchtet, da kamen beide Streitheere mit sittlichen Fußtritten an die Statt, da der Streit sollte beschehen.

Also hieß der König von India sein Volk ein wenig still stahn, und mit solichen kurzen Worten und Ermahnungen sprach er zu ihnen: »Ach, allerliebsten Ritter, itzo nicht mein, sondern Jesu Christi, ihr habet nun wohl vernommen den elenden grimmen Tod und Marter, den die teufelische Freislichkeit der verdammten Heiden hat angetan so manichen frommen Menschen, jungen und alten, mit neu erdachten Peinen, um Christlichen Glauben. Und sehet wohl, daß die gegenwärtige Sache antrifft unsere Seele, Leib und Leben, Vaterland und zeitliche Ehr und Gut, mitsamt unsere freundlichen Weiber und Kinder, und darzu Vater und Mutter und auch alle Christenleute. Darum, seid eingedenk eures angebornen Adels und ähnlicher Strenglichkeit, und achtet heut, mit ernstlichem Fleiße, zu erlösen euer Leben und Vaterland, euer Leib und Gut von dieser ängstlichen Not, das ist, von dem beißenden Zorne der heidnischen Freislichkeit wider die Christen. Wenn ist, daß ihr heute das schwere Joch und große Bürde der heidnischen Untertänigkeit nicht kecklich ab euern Schultern weist, so werdet ihr immer mit einem armen Wesen gröblich beschwert. Dann ohn Zweifel werdet ihr empfinden, daß alle Peinlichkeit, mit Zerstörung euers Vaterlandes und Raubteilung euers Gutes, an euch von den unerbärmlichen Heiden soll ausgeführt werden. – Hierum erwählt, ihr guten Ritter Christi, aber meine Mitritter, erwählt euch, sprech ich; mehr, um Gott zu sterben, ist, daß seine Fürsichtigkeit das alles geordnet und geschickt hat, denn daß ihr durch schandliche Flucht wöllt euer kurzes und fürbaß schandliches Leben mit Ewiger Verdammnis, darvor uns GOTT all behüte, fristen. Doch hoff ich in die Barmherzigkeit GOTTes, dem wir heut Ritterschaft treiben, Er gestand uns bei, und verleihe uns, durch Seine GÖTTliche Hilf und Kraft, ihm zu Ehren loblichen Sieg Seiner Heiligen Christenheit.«

Nach solichen Worten sprach Herzog Ernste zu dem König: »Zeit und Sache, die uns der Feinde Zukunft verkündet, erheischet, daß ihr, Herr, der König, eure Spitze ordentlich, nach Streits Gewohnheit mit weiser Fürsichtigkeit, ohne Verziehen, anschicket, und Etliche darzu ordnet, durch die sie gemeistert und geregiert werden. Und sonders befehlt euer königlich Banner einem Keckmütigen, der darzu geschickt sei, das selb wider die Feind zu führen.« Da sprach der König zu ihm: »Deine ehrwürdigen Werke werden durch Jedermänniglich sehre verbriefet, wie so gar übertreffenlich sei deine mannigfaltige Tugend. Darum bitt ich dich durch GOTT, um Des Liebe du dich ins Elend hast geben und große Arbeit erlitten, daß du mein Banner führest. Des bitt ich dich fleißiglich, und gebiet dirs nicht, denn du unter meinem Gebote nicht verbunden bist.« Da antwortet ihm der Herzog und sprach: »Lieber Herre, der König, euerm fleißigen Gebete will ich gern und willig gehorsam sein, dann ihr seht wohl, daß uns itzt groß angstliche Not bezwingt.«

Also rief der Herzog an die Hilfe Christi, und nahm das Banner zu seinen Handen. Und von Stunde ward um ihn eine große Menge kecker Jünglinge. Da war auch behende hiebei Graf Wetzel mit seinen Mitgesellen, und sprach zu Herzog Ernsten: »Gnädiger Herre und Bruder, sintemal, und ihr das Banner zu euern Handen habt empfangen, so ziemt es euch, nicht länger zu verharren, sondern mehr zu eilen, und euch offenbarlich den Feinden unter ihr Angesicht zu antworten, da wir ein Genüge und Ursache des Streites mögen finden.«

Um solichen des Grafen Rat gab sich Herzog Ernst mit kecklichcm und weisem Anrennen unter die meiste Menge der Feinde. Bei und um ihn blieb stätiglich alle Kühnheit der Ritterschaft, und sonders sein großer Gigant oder Riese, der einen großen Balken in seinen Händen führet. Da sprach der Graf Wetzet zu dem Herzogen: »Nehmt wahr, die Heiden nahen uns mit ihrem Banner. Es ist nun nicht mehr not viel Ermahnung, viel mehr kecker Werke, die unser Jeglichem von Not wohl ziemen. Darum, laßt uns gegen ihnen wenden!«

Und da ihm der Herzog folgen wollte, da kehret sich der König von Babylonia mit ganzer seiner Kraft und Macht mit großer Menge wider den Herzogen. Und ward also begangen der Streit, und nach kurzer Abstoßung der Speere am ersten Anrennen, die viel dicke und ferne hoch aufsprungen, da begingen sie erst den rechten Fechtstreit mit einander in der Nähe mit den Schwerten. Und wie wohl die zwei Heere einander gar ungleich wären an Menge oder Zahl der Personen, noch denn lag der Sieg lange Zeit auf der Wage und Zahlbrett des Glücks. Und als sie zu beiden Teilen lange fochten und stritten, da wurden der Toten auf beiden Teilen gar viel nieder gestreuet, und ward das Blut unter ihnen rinnen als von einem fließenden Wasser.

Und da der König von Babylonia sah, daß sich der Herzog mit den Seinen als die freidigen Leuen wider ihn und sein Volk mit scharfer Freislichkeit und großer Mannschlacht so kecklich satzten, da rennet er mit allen seinen Kräften an sie. Also fürkam ihn der edele Graf Wetzel, und mit einem besondern großen Schwertstreiche, nach seinem Vermögen, schlug er den König mit einem schönen Pferde, darauf er saß, ganz nieder zu der Erden. Und das merket er auch da, daß der große Riese, mit GOTTes Hilfe, seinem Herrn, Herzog Ernsten, kecklich beistund. Und weliche er mit dem Balken oder Stangen erreichen mocht, die schlug er, seinem Herrn zu Hilfe, daß sie tot vor ihm lagen.

Als nun die Heiden merkten und sahen, daß ihr Herre war niedergeschlagen, da meinten sie, ihm wieder aufzuhelfen. Und mit großer Menge liefen sie zu, und wer ihm wollt helfen, die wurden von Stunde von dem Herzogen und den Seinen, sonders von dem Riesen, niedergeschlagen zu Tode. Also zum Letzten, von hartgenöter Sache, mußte das ungläubige Volk weichen; denn der große Riese ihrer gar unzählig viel erschlug mit seinem schweren Balken und Streichen. Wann der Christen wären viel mehr erschlagen worden, hätt es GOTT, der des Ursach war, nicht also geschickt, daß sie der groß und starke Riese nicht so stattlich verwehrt hätte und von ihnen getrieben.

Und mußte sich der König von Babylonia bezwungenlich, mit seinem Schwertreichen, dem Herzog Ernsten begeben. Und trachteten die Heiden all zumale, wie sie, durch Fluchtes Fristung, sich vor den Christen mochten behüten und aufenthalten. Nun, da also der König von Babylonia gefangen und wohlverwahrt war, und als die Seinen ganz durch Weichen verblichen, da gingen die Christen an die Statt, da der Streich war verbracht. Und suchet da Jeglicher seinen nächsten Freund, Herrn, Gesellen oder Diener. Einer war wund, der ander ohnmächtig, der dritte lahm, der vierte nahe tot; einer zertreten, etliche erschlagen und erstochen. Da fand auch Herzog Ernst trauriglich einen seiner Gesellen erschlagen, der mit ihm war gewesen und erlöst aus dem schädlichen syrtischen Meere. Davon er an allen seinen Gliedern bewegt ward und beweinet und klaget seinen lieben Ritter und Mitbruder mit so jämmerlicher und kläglicher Gebärde, daß es ein steinhartes Herz möcht haben erweicht. Und nach der Heiligen Meß, die er seinem lieben Diener halten ließ, befahl er der Erden den Leichnam und, mit aller Andacht, GOTT dem Herrn die Seele.

Darnach kam er wieder zu dem gefangen König von Babylonia und sprach zu ihm: »Herr König, ich wollt gern trachten und schicken, daß ihr ledig würdet, möchte ich euch so viel trauen, daß ihr mich, nach Ledigung eurer Urfehde, wolltet führen in die würdige GOTTes Stadt Jerusalem.« Da antwortet ihm der heidnische König und sprach: »Ursach und Verbringnis dieser, von mir begehrten Sache mag ich in mir selbst nicht finden, sintemal du mich schier bis an den Tod mit schweren, harten Streichen geschlagen hast, und besonders von deinem treuen Grafen Wetzeln wegen, der mich so kräftiglich in dem Streit zur Erden hat geschlagen. Doch vergeb ich euch das also, seit daß euch unvermeidliche Sache in solichen angstlichen Nöten darzu bezwungen hätt.«

Mittelalterlicher Holzschnitt

Da hieß Herzog Ernst, seine wunderlichen gefangnen Leute für den König von Babylonia führen, die vor ihm manichen hübschen Schimpf auszogen und erzeigeten. Und der Herzog saget ihm alle Historie und Läufe seiner großen Sorg und Arbeit, die er bis her auf den Tag, mit seinem Grafen und Gesellen, hätt erlitten. Da sprach aber der König von Babylonia zu ihm: »Ich hab mir itzo in meinem Herzen ganz fürgesetzt und das festiglich zu halten: ist, daß du mich von dem gegenwärtigen Joche dieser Gefängnis vor dem König von India ganz ledig machst, daß ich deine Begierde, mit fleißigem Ernste, treulich will erfüllen, und will dir und den Deinen, mit genügsamer Zehrung und allen Notdürften, sichere Begleitung und Einführung verleihen in die von dir begehrte Stadt.«

Solicher Verheißung des heidnischen Königs ward Herzog Ernst zumal froh, und eilet bald zu dem König von India und sprach zu ihm: »Sintemal, daß euer Reich, von Schikkung des obersten Königs, GOTT des Herrn, mit Überwindung der Christen Feinde gesichert und hinfür ewiglich unbekümmert ist, so gefiele mir zumal wohl, wenn es euern königlichen Gnaden auch ein Wohlgefallen wäre, daß ihr, um Entledigung und Aussöhnung des Königs von Babylonia, mir befehlt zu gedenken und ratlich darin zu sein das Beste.« Da antwortet ihm der König von India und sprach: »Mir ist vielmehr ein Anders zu Mute: wann er wird mir nicht also leichtlich ledig, sondern er soll bezwungen werden, Christlichen Glauben an sich zu nehmen.« Diese Worte und Meinung des Königs von India war dem Herzogen nicht zu Herzen, und sprach, daß Christlicher Glaube nicht durch genöte Zwangnis, sondern durch eignen Willen und getreue Vermahnung der heiligen Predigt würde eingesäet in die Herzen der Menschen, die GOTT hätt auserwählt durch Seine GÖTTliche Fürsichtigkeit in dem Ewigen Leben.

Doch ward der König von Babylonia selbst gefordert für den König von India, von dem ihm genugsamlich ward dar getan, darzu Antwort zu geben. Und sprach zu dem König von India: »Nicht nöte mich, und laß mich unbezwungen zu euerm Christlichen Glauben! Aber nimm Gold und Silber um meine Erlösung, als viel du begehrst, mit solichem Unterschied und Verheißung, daß ich, die Weil ich lebe, weder dir noch deinem Reiche nimmer mehr kein Leid, Übel noch Unruhe will tun.« Von Stunde sprach der Mohrenkönig aus weisem Rate zu Herzog Ernsten: »O, unser, nach GOTT dem Herrn, hilflicher Erlöser und besondrer Beigestander, ist dir nicht dies wortliches Verhalten zu Herzen, oder wie gefället es deiner Bescheidenheit?«

Der Herzog sprach zu ihm: »Ja, lieber Herr, der König, es ist mit Treuen zu raten und mir zumal wohl an und gefällig; wann dardurch mag der Schiffboden euers Reichs an sichrer Schiffstatt ewiglich geruhet und friedsam bleiben mit GOTTes hilflicher Regierung.« Nachdem, als Herzog Ernst gar aus geredt, sprach aber der heidnische König zu dem von India: »Bei meinem Glauben, der da ist eine wahre Bestätigung alles meines Verheißens, und den ich durch keinerlei Ursache mit unstätem Verwandeln minder oder schwäche, so bestätige und verheiß ich dir darbei und bei guten Treuen, daß weder ich, noch keiner der Meinen, dir, König von India, deinem Reiche, noch keinem der Deinen, nimmer ewiglich weder Leid, Übel noch Verdrieß tue! Ja, begehrst du des, so will ich dir des schwören und geloben. Nun betrachte, was dir, nach Rate, zu Mute sei oder werde.«

Und nach fester Bestätigung des Königs von Babylonia Gelöbnisses sprach er zu Herzog Ernsten: »Meine getreuen Diener und Untertanen sind um mein Abwesen, als ich hoff, sehr traurig. Darum, von ihres Trostes wegen, eile ich, ohn Verziehen wieder heimsuchen mein Vaterland und wieder zu kommen in Besitzung meines Reichs. Denn bedarfst du meiner Begleitung gen Jerusalem, so sollst du dich auch ohn Verlängerung schicken, mit mir zu ziehen.«

Der Herzog war gefolgig seinen Worten, und fordert zu ihm die schimpfliche Frucht seiner sorglichen Arbeit, das waren die wunderlichen Leute, die er vor in Streiten gewonnen hätte. Und kam mit ihnen für den Mohrenkönig von India und sprach zu ihm: »Gnädiger Herre, der heutige gutgelobte Tag, Statt und Glück raten und geben mir Ursache, den fürgenommenen Weg zu vollbringen gen der Heiligen Stadt Jerusalem. Um manicherlei Gutheit und Freundschaft, die ihr und die Euern mir und den Meinen entboten habet, belohne euch die GÖTTliche Miltigkeit in Ewiger Säligkeit.« Da sprach der Mohrenkönig zu ihm: »Dies Wort deines Abscheidens von uns verwundt und betrübt mich zumal sehre und hart, und bedächtest du dich, fürbaß ewiglich bei uns zu bleiben, so würdest du von mir mit großen Ehren und Reichtum, mit hoher Gewalt, die von der Welt Liebhabern groß werden geschätzt, aufgerüstet und reich gemachet.« Darzu antwortet der Herzog mit sanften Worten also: »Alle Ehr und Reichtum dieser Welt und alle Wollust, die ich hie in diesem Leben immer möcht gewinnen, die verschmäh ich lauter ganz, und schätz es als minder, denn daß ich anschauen möge die werte GOTTes Stadt, die, nach ihres Namens Auslegung, wird gesprochen eine Beschauung des Frieds, um Des Lieb und Ehr willen, der von Anfang der Welt Seine Auserwählten hat erkoren und sie lieb gehabt bis an Sein End. Hierum laßt und verhänget, daß ich und die Meinen, die nicht länger hie wollen bleiben, mit dem Segen euers willigen Urlaubs von euch scheiden. Doch bitt ich euer königliche Majestät, daß ihr euch die Seele meines treuen Ritters und geselligen Bruders mit Andacht laßt befohlen sein, und sie euern Christlichen Priestern mit Fleiß befehlet. Darum bitt ich, mit ernster Demütigkeit, eure würdige Säligkeit.« Und da ihm nun von dem König Urlaub ward gegeben, mitsamt großen Schätzen Goldes, Silbers und kostliches edels Gesteins, und nach Heimsuchung und fleißigem Gebete mit Andacht ob seines Dieners Grabe, schied er und die Seinen, mit großen Zähren und kläglichem Weinen, von dem Mohrenkönige und seinem Volke von India. Und alle die Tage und Zeiten, die Herzog Ernst mit dem König von Babylonia zog, waren ihnen beiden und allen ihren Dienern kurz von manicherlei Schimpfe und Gaukelspiels, das die ungleichen wunderlichen Leute des Herzogen mit einander vor ihnen allen trieben, und machten ihnen den schweren und fernen Weg zumal unarbeitsam und gar kurz.

Da sie nun also etliche Tagereisen geritten, und der König schier nahet zu seinem Lande und Reiche, da warb seine Zukunft seinem Volke von Tag zu Tage verkündt. Die wurden über Maß erfreuet, und zogen ihm mit Schalle entgegen und mit großer Macht. Und da sie zu ihm kamen und so manicherlei seltsamer Menschen und Leut bei ihm sahen, da erschraken sie mit großem Verwundern. Da sie aber, von ihres Herrn Sag, vernommen Ursach und Verheißung seiner Entledigung und Urfehde durch Rat und Hilfe des gegenwärtigen Herzogen, des die wunderlichen Leut waren, da ward der edel Fürste und Herre und all die Seinen von des Königs Herren, Rittern, Edeln und Dienern gar hochwürdiglich empfangen und gegrüßet mit großen Ehren, und allzeit stätiglich von ihnen allen in ihren Sammlungen und Räten heimlich und offenlich hoch aufgeworfen.

Und da hätt Babylon itzo gar vergessen der großen angstlichen Ausrufung, als geschrieben steht in dem Buch der heimlichen Offenbarung apocalipsi: »Gefallen, gefallen ist Babylon!« Und gingen die Bürger und Einwohner von der Stadt heraus entgegen, mit großen Freuden, mit Pauken, Pfeifen, Orgeln und allerlei Saitenspiele, ihrem Könige, den sie lobten und ehrten. Aber da sie auch sahen des Herzogen wunderliche Leute, die mit ihm dar zogen, da entzog sich das Volk etwas lang von dem König, auf daß sie möchten schauen und sehen die seltsamen Munster, die der Ewige Werkmann, nach Seinem GÖTTlichen Willen, aus der Erden hätt gemacht und geformiert in manicherlei Gestalt, Größe und Sprachen.

Als man nun mit großzierlicher Würden und Ehren kam in des Königs Hof, und der König mit dem Herzogen und anderen Herren abgesessen war, da wurden die frechen Pferde angehest, die, mit Kauen ihrer schaumigen Zäume, die Erde scharreten. Und ward da der Herzog von dem Könige eingeführt gar in eine schöne königliche Kemnat, die mit allen kostbarlichen Gezierden war lustlich und herrlich umgeben. Und ward er und die Seinen von des Königs Rittern, Edeln und Dienern, als der König sie hieß, freundlich und lieblich umgeführet, zu beschauen des königlichen Saales Gebäue, Gemäch und Gezierde. Und ward ihm alles das zu Ehren und Dienst entboten, das, nach aller Scheinbarlichkeit, alle Fürsten und Herren dem König und ihm mochten entbieten und erzeugen. Denn wie wohl ihnen sein Christliches Leben und Wesen nicht gemeinsam war, sondern mehr wider sie, noch banne hätten sie ihn zumal lieb und wert um seine übertreffende Tugend.

Da nun vierzehen Tag vergingen, in denen er mannigfaltige große Freude hätt, da forderte Herzog Ernst zu sich seinen getreuen Freund und werten Grafen Wetzeln. Und kam bald zu dem König und sprach zu ihm mit solichen züchtigen Worten: »Herre König, die verheißene Führung und gelobte Begleitung begehr ich, mir geleistet werden.« Solicher seiner ziemlichen Begierde willfahrt der König bald mit fröhlichem Antlitz, und sprach zu ihm: »Meines verheißenen und getreuen Gelübdes, durchleuchtester und hochgeborner Fürste, sollst du von mir nicht Verzichtnis empfinden. Denn alles, das ich Hab, Ehr, Würde, Gut, Leib und Leben, mitsamt dem Reiche, wäre alles verloren, wärest du Treuhalter nicht gewesen. Ich will durch Fleiß schicken und bietlich schaffen, durch meine allergetreuesten Ritter und Diener, daß du und die Deinen, mit aller Notdurft des Weges und des Lebens, mit guter Sicherheit vor allen denen, die auf Erden leben, geführt werdet in deine begierliche Stadt Jerusalem.«

Da er Soliches geredt und nun wohl durch Erfahren verstund, daß der Herzog und die Seinen itzt ganz zu dem Weg fertig und bereit waren, da schenkt er ihnen einen unermeßlichen Haufen Gold und Silbers. Und hieß bald seiner getreuesten Diener und Ritter zwei tausend sich anlegen und mit Waffen zurüsten nach aller wehrlichen Not, die alle keck und strengmütig waren. Denen allen gebot er, bei ihren verheißenen Treuen und seinen königlichen Hulden unvermeidentlich, daß sie den Herzogen und die Seinen vor allem Übel behüteten und ihn mit treulichem Fleiß ehrlich führten an ein solich Ende, da man möcht anschauen die Stadt Jerusalem.

Also saß der werte Herzog zu Rosse mit seinen Dienern, und hieß voran ziehen seine kurzweiligen Leute. Und gesegnet ihn die ganze Stadt und die ganze Gemeinde um sein Hinscheiden. Und ward also von der heidnischen Ritterschaft und Schar, die, ihn zu begleiten, war zugegeben und geschafft, durch ihre Heidenschaft mit guter Sicherheit durchgeführt. Und ward von ihnen auf dem Wege mit guter Wirtschaft geehrt, und kamen also zum Letzten an ein Ende, da sie die werte Gottes Stadt mochten anschauen.

Da sprach zu ihm der Heiden Hauptmann: »Herre,« sprach er, »hie, an diesem Ende müssen wir euch, von Not wegen, verlassen, denn ihr seht nun wohl die Stadt, die von euern Christen stetiglich wird heimgesucht, zu der wir, über das Ziel, da wir nun sind, nicht baß ihr dürfen genahen, denn uns vielleicht Schädigung unsers Lebens von ihnen entboten würde. Hierum erlaubt uns, abzureiten!«

Da neiget Herzog Ernste gen ihnen gar demütiglich sein Haupt, und nach mannigfaltiger Dankbarkeit um alle freundliche Gutheit, die sie ihm auf dem Wege und vor entboten hätten, ließ er sie mit seinem Segen von sich scheiden. Und lobet da des Allmächtigen GOTTes Barmherzigkeit, daß Er ihn, wider seine Meinung und Hoffnung, durch Seine wunderbare Fürsichtigkeit, gnädiglich hätt geantwortet und gebracht zu Seiner werten Stadt.

Und als er in die Vorstadt zu Jerusalem kam, da ward ein groß Rumor und Meldung von Jedermänniglich, wie daß Herzog Ernst darkommen wäre. Und lief eine große Menge der Bürger zu, ihn zu sehen und zu empfahen; denn sie vor von ihm hätten gehört, wie daß er, mit dem Kreuze gezeichnet, ausgezogen wäre mit viel edler, ritterlicher Brüderschaft, in dem Willen, das Heilige Grab Jesu heimzusuchen, und wie er und alles sein Heer wäre eingeflossen, mit anderen Schiffen, die sich zu ihm hätten gesellet, und wären all verdorben in dem syrtischen Meere. Da auch die Priesterschaft des hochgelobten Fürsten Zukunft vernahm, da gingen sie ihm entgegen und empfingen ihn mit hochzeitlichem lautsingendem Lobgesange. Ihm ging auch der König von Jerusalem, mitsamt der Königin, selbst entgegen, ihn grüßlich zu empfahen.

Und da man nun saget, wie daß mit dem Herzogen viel wunderlicher Leute kommen wären, die mit ihm auf der Straß und Gassen eingingen, da lief Jedermänniglich zu, jung und alte, Frauen und Männer, solich seltsame Menschen zu beschauen, der sich aber niemand genug verwundern mochte. Und lobeten den fürsichtigen Herzogen mit großem Wohlgefallen. Also hieß da der Herzog seine Munsterleute, mitten in der Stadt still stahn; aber seinen großen Riesen, den hieß er, mit ihm gahn und von ihm, mit einer großen Stangen, die er in seinen Händen trug, das gemeine Volk zu beiden Seiten abwenden und ihm einen Weg durch sie machen. Und eilet da von Stunde mit seinen Mitbrüdern, zu dem Heiligen Grabe zu kommen.

Als er nun darzu kam, da opfert er des ersten sein zeitliches Opfer; darnach fiel er ganz zu der Erden und opfert zum andern Male das geistliche Opfer seines reuigen Herzens. Und da er die Erden hätt feucht gemacht mit dem Regenflusse seiner andächtigen Zähren, da sprach er: »O der heutige aller süßeste Tag über alle die Tage meines Lebens! Wie gar groß und milde Gabe geistlicher Freuden hat uns GOTT der Herre getan, daß Er uns so aus manicher Trübsal und Angst des bittern Todes oft hat erlöset, und uns gnädiglich mit Gesundheit her geantwortet zu Seinem Heiligen Würdigen Grabe! Darum, in der Ehre des so barmherzigen Unsers Schöpfers und Erlösers von der Angst des scharfen Todes, der uns oft verschlingen wollte, so gelob und verheiß ich Ihm, ein ganzes Jahr mit meinen Untertanen und Mitbrüdern hie zu dienen.« Als er das geredt, da ward er von der Erden von ehrwürdigen Personen aufgehoben; und ward der König und die Königin soliches seines Verheißens, mit allem gegemeinem Volke, zumal von Herzen froh.

Darnach, über kurze Zeit, kamen die Tempelherren und Spitalmeister und klagten dem König von Jerusalem von mannigfaltiger Schädigung und Wüstung ihrer Stadt und Provinzien,die ihnen die Heiden sehr schädlich hätten angegriffen. Nach solicher offener Sage sprach der werte Graf Wetzel: »Mit Behaltung meines Herrn, des Herzogen, Gnade, der mir nicht für übel aufnehmen wolle, daß ich ihn mit Worten fürkomme, so weiß ich an ihm so oft bewährte Tugend, daß durch ihn, mit GOTTes Vorhilfe, ob er im Leben bleiben soll, eure mannigfaltige Schädigung und Kümmernis mit hilflichem Gemache wird widerkehrt, also, daß er euern Übeltätern in kurzer Frist Uberflüssiglich wird vergelten und zahlen ihre Ungerechtigkeit mit baß gemeßnem Maße, dann euch des Teufels Kinder haben gemessen.«

Soliche wahrhafte Worte wurden nach Notdurft festiglich bewährt durch den viel klaren und strengen Fürsten Herzog Ernsten, mit Verbringung der Werke: denn etliche Städt und Provinzien, die itzt durch die heidnische Freislichkeit sehr verwüstet waren und die bald in Kürze wären vernichtet und vertilget worden, wäre ihnen das Mittel der Hilfe nicht zu statten kommen, die brachte der Herzog, mit streitlicher Hand und Macht, wieder unter der Christen Gebiete und Gewalt. Und als ein kecker Leue hoffet er nicht in sich selbst, sondern in GOTT den Herrn, um des Willen er viel Schaden, Mannschlacht und Raubnehmens an den Feinden Christi und Seiner Heiligen Kirchen beging.

Darvon kam, daß der König von Babylonia allen seinen Dienern und Untertanen bietlich riet, daß sie sich von Anfechten und Kriegen der Stadt zu Jerusalem und von allem dem, das darzu gehöret,allermeiste sollten hüten und sie ungekümmert lassen, die Weil der mannhafte Fürste Herzog Ernste in dem selben Land wäre; anders sie würden alle von ihm gefangen und erschlagen oder ertötet, des streitbarliche Großmütigkeit er selbst vormals wohl erfahren hätte.

Also ward von dem wohlriechenden Geschmack seiner tugendlichen Frommheit sein Name in viel Menschen Mund gegeben als ein süßer Honig. Es geschah auch, daß seine werte und liebste Mutter Adelheid, die Römische Kaiserin, vernahm, daß ihr liebster Sohn, Herzog Ernste, mitsamt seinem liebsten Freunde und Mitbruder, Grafen Wetzeln, wäre zu Jerusalem. Da vergoß sie von Stunde um ihn heimlich einen Regen ihrer fließenden Tränen. Und nach dem, als sie nach Gewohnheit GOTT dem Herrn ihre andächtigen Gebete für ihn hätt gesandt, da sprach sie in sich selbst: »Mein Sohn Erneste, mein trautherzliebster Sohn, wer verleiht mir, daß ich, etwann vor dem End meines Todes, anschauen und gesehen möge dein begierliches Antlitz!«

Unter den Zeiten kam zu ihr der Kaiser Otte, und merket wohl das Vergießen ihrer Zähren, und fraget, warum sie geweint hätt. Und setzet das darzu: »Frau Adelheid, ich hab euch etliche Botenbrot zu sagen: euer Sohn Ernestus ist zu Jerusalem, und als man sagt, so ist er nahe ganz grau worden.« Zu den Worten ward die liebe Kaiserin erst recht bitterlich und ossenbarlich weinen und von Herzen erseufzen. Und sprach zu dem Kaiser:

»Herr, solich graue Scheitelhaar
wachsen meinem Sohn, das glaubet zwar,
vor rechter Zeit der Natur itzt nun.
Wannen kommt das meinem liebsten Sohn?
Solich unfürsichtiges Alter schnell
kommt von manichem Übel und Unfäll,
das ihm gar groblich geschehen ist,
und großer Arbeit zu aller Frist.«

Nach dem, als der Kaiser aus der Kemnat kam, da ward er von seinem Hofgesinde und edeln Rittern und auch Dienern demütiglich und mit allem Fleiße ernstlich gebeten, er wolle, mit Ablassen seines Zorns, den Herzogen mit Sicherung seines Lebens wieder zu Gnaden seiner kaiserlichen Majestät aufnehmen; des sie von ihm, mit Verdienst seiner Ungnaden, nicht gewährt wurden.

Die Weile verging das Jahr, das Herzog Ernst mit viel arbeitsamem Schweiß und arbeitsamer Tugend hätte verzehrt um GOTTes Ehre und Christlichen Glauben. Und wie wohl, daß ein jeglicher starkmütiger Mann alles Erdreich hat gleich als fUr sein Vaterland, als den Fischen das Wasser, noch verlangt oft einen Menschen nach seinem Vaterlande und alter Wohnung. Darum durchsuchet er vorhin fleißiglich alle Stätten der Wunderwerke und Heimlichkeit Unsers Herrn Jesu Christi mit seinem andächtigen Gebete und aus ganzem seinem Herzen. Und begehret darnach den Segen und Urlaub von dem Patriarchen, auch von dem König und der Königin und von viel andern trefflichen Personen, geistlichen und weltlichen, und auch von der Stadt Obersten und Hauptmann. Und er nahm da mit sich all scin wunderliches, hartgewonnenes Spielvolk und auch zwei tausend Pilgrim, die, mitsamt seiner Bruderschaft, wollten mit ihm über Meer fahren. Mit denen allen er aus der werten GOTTes Stadt schied, mit großem, kläglichem Weinen der Bürger, die um sein Hinscheiden zumal sehr trauerten.

Zum Letzten saßen sie auf die Kiel und Galeinen und durchfurchten und schifften das Meer und kamen mit schifflichem Winde gen Barus. Da starb ihm seiner zwiegestalten Menschen einer, der den platten Fuß hätte. Die selben Bürger bereiteten zierlich eine wohlbesetzte Schiffahrt und fuhren ihm loblich entgegen und empfingen ihn und die Seinen mit ehrlicher Würde und entboten ihnen Zucht, Ehre und alle Freundschaft. Und als sie nun auch sahen die wundergestalten ungleichen Menschen, des erschraken sie viel sehre und sprachen: »Wie gar großwürdig ist der edel Fürste, der in unsere Stadt also mächtiglich einzeucht mit so wunderlichen Leuten.« Daselbst verharrt er mit seinen Mitgefährten zween Tage, GOTTe und dem lieben Herrn Sankt Niklausen zu Lob und zu Ehren. Darnach saß er wieder auf mit seinem Volke und der Stadt Bürgern, die ihm zu Ehren williglich das Geleite gaben, und in glücksamem Fahren kamen sie in etwie viel Tagen gen Rom. Da zog ihm aber aller römischer Adel, Senat und Bürgerschaft entgegen, und mochten alle der wunderlichen Munsterleute nicht satt werden mit Anschauung. Da man nun zu der Kirchen kam der Heiligen Zwölfboten da ward ihm der Eingang des Tempels ganz benommen von der großen, unzähligen Menge des Volkes, das ihn mit Begierden sah und lobet. Vor denen er nicht bald ein mocht kommen, und ward also vor dem Tempel von Jedermänniglich großloblich empfangen. Darnach ward er von aller gemeinen Priesterschaft, in des Papstes Gegenwärtigkeit, aber mit hübschem Lobgesange empfangen.

Und als er die lieben Heiligen mit fleißiger Andacht angebetet, da führet ihn der Papst selbst mit sich in seinen Palast, ihn zu beherbergen, und wurden alle andern, seine Diener und Mitbrüder, in andere Herbergen von den Römern allenthalben geführt. Nach viel süßem und lieblichem Gespräche mit dem Papst und nach reicher Wirtschaft, die ihm der Papst entbot, ward er von ihm und den anderen Edeln und Senaten mit demütigem Fleiße gebeten, daß er ihnen alle Historie und Verlaufen seiner unausleglichen Arbeit erzählete; dardurch er ihrer viel zu bittern Zähren beweget. Zum Letzten leget er ihnen in treulicher Klagweis für seine ungütliche und unrechte Austreibung von seiner Herrschaft, väterlichem Erbe und Besitzung seiner Güter, die ihm, unverdienet und allzumal unschuldiglich, von dem Römischen Kaiser Otten, seinem Stiefvater, wäre geschehen; das dem Papste, mitsamt allen edeln Römern und Senaten, zumal leid und wider war.

Und nach dem, daß er und die Seinen dem Papste ihre heimliche Beicht täten, nach Christlicher Gewohnheit, mit reuigem Herzen, da entlediget sie der Papst offenlich, vor aller Priesterschaft und Senaten, von allen Sünden und Bannen, die sie vormals begangen hätten, mit Brennen, Rauben, mit Mannschlacht und in anderer Weise, da sie dannoch wider den Kaiser kriegten. Da nun das alles also vollendet war und der Herzog mit andächtiger Demütigkeit hätt angebetet die lieben Himmelsfürsten Petrum, Paulum und ander liebe Heiligen, die dann da rasten bis an den Jüngsten Tag, da nahm er den päpstlichen Segen und macht sich aber so mit seinem Gesinde auf den Weg. Also täten viel Pilgrim Urlaub von ihm begehren, die mit ihm über Meere von Jerusalem waren gefahren.

Und da er also mit den Seinen, von Tage zu Tage, je länger je näher, kam zu deutschen Landen, da sprach er eines Tages mit herzlichem Seufzen: »Ich vermeinet etwann, da ich war in weit fernen Landen, ich hätt meiner Arbeit ein Ende gemacht. Aber nun, jetzt in meinem Vaterland, erhebt sich erst der Anfang meiner Arbeit und furchtlichen Schädigung meines Lebens. Etwann Hab ich frommen Leuten, die des begehrten, Herberg gegeben, aber itzo muß ich, armer flüchtiger Gast, in unstätem Wesen von andern Herberg bittlich begehren. Hierum, Ewiger GOTT und Herre, sieh an mein groß Trübsal, und urteil nach meiner Unschuld, und verleih mir Deine GÖTTliche Gnad und Hilfe, daß ich vor des Kaisers Auge möge milde Gütigkeit erfinden. Und darzu mit Freuden möge beschauen meine allerliebste Mutter, die dann bis her zumal unsäglich traurig und sorgfältig ist um mein Abwesen.«

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