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Hinter Pflug und Schraubstock

Max Eyth: Hinter Pflug und Schraubstock - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
titleHinter Pflug und Schraubstock
authorMax Eyth
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart
year1958
printrun377. - 408. Tausend
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20020512
modified20150625
firstpub1899
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Berufstragik

In der Grünheustraße

Hat jemals ein kühner Psychologe dem Bewegungsgesetz der Erinnerungen nachgespürt? In seltenen Fällen ziehen sie ruhig dahin, auf ihrem stillen Weg nach rückwärts; meist tanzen sie in wunderlichen Sprüngen wie Irrlichter, kreuz und quer, beleuchten auf einen Augenblick hier eine alte Haustür, dort ein schwimmendes Stückchen Holz, hier ein wedelndes Hündchen, dort das Lächeln eines Menschenangesichts, das längst zu lächeln aufgehört hat. Heller leuchten sie auf, je weiter sie rückwärts hüpfen, lassen lange Strecken in tiefer Nacht, um mit einemmal ein jugendliches Glück, einen kindlichen Jammer zu überstrahlen, als schiene die Sonne von heute darauf, ehe alles wieder in bläulicher Dämmerung verschwindet. Es gehört einiger Mut dazu, die Formel zu suchen, welche die Kräfte dieser Bewegung beherrscht, gleitend, haltend, springend, stockend, fast immer rückläufig, bis an einem kritischen Punkt die Auslösung einer geheimnisvollen Feder den ganzen Mechanismus auf den gestrigen Tag vorschnellt und das Spiel von neuem beginnt. Meines Wissens hat es noch niemand gewagt. Ich kann deshalb, unbesorgt, eine Regel zu brechen, den letzten Abschnitt der Erinnerungen, die diese Bändchen zusammenhalten, beginnen, fast wo ich den ersten begann.

Es wird seit bald vierzig Jahren mit jedem Tage unerklärlicher geworden sein, wie das Sträßchen zu seinem Namen gekommen ist. »Grünheustraße«. Der Gedanke an schnittreife Wiesen, an duftendes Heu, selbst an einen einfachen ländlichen Kuhstall lag wohl keiner Gasse in der weiten Welt ferner als ihr. Von allen diesen lieblichen Dingen trennten sie Meilen von Back- und Pflastersteinen, die der grimmige Kohlenstaub langsam zudeckte, der auch sie schon mit einer Hülle überzog, ähnlich dem bläulichen Duft auf einer Pflaume. Dies wird heute wohl völlig gelungen sein. Damals war das Sträßchen noch jung und hatte seinen phantasievollen Namen vielleicht der Jugend zu danken. Selbst auf den neuesten Stadtplänen von Manchester war es nur in schüchtern punktierten Linien angedeutet, und wer nicht wußte, daß es im Südosten der gewaltigen Fabrikstadt zu suchen war, konnte es kaum finden. Auch der Verkehr der großen Welt ringsumher hatte es noch nicht entdeckt. Sein etwas mangelhaftes Pflaster und seine schmalen Bürgersteige aus Sandsteinplatten waren sauber wie ein Tanzboden, die zwei niederen Häuserreihen rechts und links hinter umzäunten Zwerggärtchen, die eine fortlaufende Front bildeten, strahlten im warmen Rot frisch gebrannter Ziegel. Zu sechsunddreißig geometrisch gleichen Haustüren führten zweimal sechsunddreißig sauber gescheuerte Sandsteinstufen. Sechsunddreißig Fenster im Grundstock, die durch eine erkerartige Ausbuchtung den Blicken der Neugierigen besonders preisgegeben waren, zweimal so viele kleine Fenster im ersten und einzigen Stock sahen regungslos in die stille Straße. In den Erkern, die zu der schönen Stube des Hauses gehörten, standen genau am gleichen Platze sechsunddreißig Tischchen, auf denen sechsunddreißig Kunstgegenstände den ästhetischen Sinn der Bewohner der Grünheustraße bekundeten. Hier aber zeigten sich Unterschiede. Im ersten Erker kniete ein betender kleiner Gipsengel, im nächsten stand ein Teller mit prachtvollen Äpfeln aus Seife. Dann kam eine Kathedrale aus Papiermasse unter einer Glasglocke. Dieser folgte, nicht unpassend, der betende Engel aus dem ersten Fenster noch einmal, in verkleinertem Maßstab, aber auf einem schwarzen Untersatz, und so weiter. Die zwei Sandsteintreppen und der messingene Klopfer an den kleinen braunen Haustüren waren ohne Ausnahme von musterhafter Sauberkeit. Die Kathedrale, die Seifenäpfel sowie die Engel zeigten auch in dieser Beziehung beachtenswerte Eigentümlichkeiten. Gegen die Fensterscheiben gedrückt stand da und dort neben denselben ein Stück weißer Pappe, auf dem in schwarzen Buchstaben zu lesen war: Zimmer zu vermieten. Das war die Grünheustraße.

Ihre Bewohner waren im Durchschnitt achtbare arme Leute; zum guten Drittel Witwen oder Frauen, denen ihr Mann auf andre Weise abhanden gekommen war; dann aber auch kleine Familien mit selten weniger als sechs Kindern. Die Familienhäupter waren Verkäufer in großen Lagerhäusern, Werkführer in Spinnereien, Buchhalter kleinerer kaufmännischer Geschäfte; alles Leute, die morgens mit großer Pünktlichkeit verschwanden und abends mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks wieder auftauchten. Den Tag über war die Straße ein Kindergarten ohne Baum und Strauch, der an den biblischen »Sand am Meer« erinnerte. Dies gab ihr etwas Sonnenlicht, an dem sie keinen Überfluß hatte. Die schwarzen Rauchwolken der Hunderte von Fabrikschornsteinen im Innern der Stadt sorgten hierfür, wenn der Wind aus Osten kam. Drehte er sich, so kam das schwarze Gewölk aus Salford. Die Witwen, die in der Küche unter dem Erdboden hausten, pflegten ihre schöne Stube einschließlich der Benutzung der Kathedrale oder der Seifenäpfel und eines der Schlafzimmer im oberen Stock an einzelne Herren zu vermieten. Gelang dies, so verschwand das Stück weißer Pappe auf einige Zeit, manchmal auf Jahre aus dem Fenster. Manche der Frauen verstanden es, ihrem Mieter das Leben in dieser Einöde von Ziegeln und Bausteinen, von endlosen Häuserreihen und kahlen Straßen in allen Ehren erträglich zu machen. In dieser Beziehung sind sie in England geschickter als auf dem Festland. Es wäre auch sonst nicht zu tragen.

Wie die ansässigen Bewohner der Grünheustraße waren auch diese Mieter im allgemeinen achtbare arme Leute. Ich darf so weit gehen, es kühn zu behaupten, ohne die geziemende Bescheidenheit zu verletzen, obgleich ich selbst seit zwei Monaten bei Missis Matthews in Nr. 23 wohnte. Meine Wirtin war die Witwe eines verstorbenen Schloßbesorgers des verstorbenen Lords von Harewoodcastle, hatte, wie die meisten dieser Damen, bessere Tage gesehen, klagte, wie die wenigsten, nicht allzuviel hierüber und lebte von einer kleinen Pension und ihrem Mieter. Sie war eine Musterwirtin ihrer Art, still, aufmerksam, mütterlich. Mein Englisch jener Tage machte ihr den Eindruck rührender Hilflosigkeit, so daß es ganz natürlich war, wenn sie mich auch in andrer Beziehung wie ein noch nicht ganz sprachreifes, allerdings übergroßes Knäblein betrachtete. Dieses Mißverständnis rührte mich meinerseits wieder, so daß sich unser auf gegenseitiger Rührung beruhendes Verhältnis vortrefflich, gestaltete und sie namentlich meine täglichen, bisher erfolglosen Wanderungen durch Manchester und seine Umgebung mit besorgter Teilnahme verfolgte.

Ein solches Nest gefunden zu haben, verdankte ich nicht unmittelbar meinem Glück, das sich damals mit auffallender Beharrlichkeit hinter den Rauch- und Rußwolken der Fabrikstadt verbarg. Gleich am zweiten Tage meines Hierseins, als ich mich mit dem Mut der Unwissenheit, den besten Zeugnissen der Welt und einem warmen, wenn auch sehr allgemein gehaltenen Empfehlungsschreiben aus London stammelnd in einer der ersten Fabriken ManchestersSharp, Steward & Co. vorstellte, teils um die Fabrik besichtigen zu dürfen, teils und noch viel mehr in der Hoffnung, ein bescheidenes Plätzchen als Zeichner zu finden, begegnete ich einem halben Landsmann. Dieser, wie ich rasch herausfand, mit einem geringeren Grad von Unwissenheit, mit noch besseren Zeugnissen und zwei Empfehlungsschreiben aus London ausgestattet, verfolgte genau die gleichen Absichten. Wir erzielten auch beide in sehr kurzer Zeit das gleiche Ergebnis, eine artige Verabschiedung, und wanderten gemeinsam eine Stunde später mit hängendem Haupte weiter, jedoch nicht, ehe durch die Besichtigung der brausenden Werkstätten meine Sehnsucht, Zeichner in einer englischen Fabrik zu werden, eine krankhafte Steigerung erlitten hatte. Vielleicht hätte ich meinen neuen Freund nicht kennengelernt, denn ich schleppte noch zu viel schwäbische Schüchternheit und Menschenscheu mit mir herum. Zum Glück aber war Harold Stoß eine andere Natur, und ehe wir durch das Fabriktor von Sharp, Steward & Co. abzogen, empfand ich die Wahrheit des Horazschen: Solamen miseris socios habuisse malorum; vollends als wir zu dritt waren. Denn unter dem Tor befand sich noch ein junger Herr von unzweifelhaft teutonischem Kleider- und Haarschnitt, der soeben ängstlich den Inhalt seiner Brusttasche ordnete: Visitenkarte, beste Zeugnisse und drei Empfehlungsbriefe, um dies alles gleich uns und mit gleichem Erfolg den Herren Sharp, Steward & Co. zu Füßen zu legen. Die beiden nickten sich zu, der Austretende mit einem spöttisch belustigten Lächeln, der Eintretende mit einem Seufzer, der sich kaum hinter einem freundlichen Gruß verstecken lassen wollte. Dann bat mich Stoß, in der nächsten Bierstube ein Glas Porter mit ihm zu trinken und auf Schindler zu warten, der unfehlbar in zehn Minuten wieder erscheinen werde. Der arme Kerl habe Fabriken genug angesehen und werde sich damit nicht aufhalten. Beide wohnten schon seit einigen Wochen in der Grünheustraße. Stoß empfahl mir sein Nachbarhaus. So kam ich zu Missis Matthews und wurde der Dritte in dem Bunde, der sich das Ziel gesteckt hatte, irgendwo und um jeden Preis in dem damaligen schwarzen Eldorado junger deutscher Ingenieure auf ein paar Jahre unterzuschlüpfen. Es war dies keine kleine Aufgabe, denn es gab zu jener Zeit ähnliche Bünde in erschreckender Anzahl, und das Sprichwort von den vereinten Kräften viribus unitis wollte schlechterdings nicht passen, so daß wir schließlich eine geographische Einteilung von Manchester feststellten und wochenweise jedem sein Interessengebiet zuteilten, um uns nicht immer wieder unter den gleichen Fabriktoren schmerzlich lächelnd begegnen zu müssen. Die Zeiten waren schlecht, wie sie es gewöhnlich sind, wenn man etwas von ihnen erhofft. Wir merkten dies nach wenigen Wochen des Suchens und Anklopfens. Aber es half nichts. Jeder Gang durch eine der tosenden Fabriken, jeder Blick auf das Gewirr einer halbmontierten Riesenlokomotive, eines unbegreiflichen Jacquardstuhls, einer Werkzeugmaschine mit ihren ungewohnten, stämmigen Formen kräftigte den sinkenden Entschluß aufs neue, zu siegen oder zu verhungern.

Stoß und Schindler nahmen diese Wochen der Prüfung, die zu Monaten zu werden drohten, verschieden hin. Stoß, ein hübscher, großer junger Mann von fast aristokratischem Äußern und den gefälligsten Umgangsformen, war eine heitere Natur, die sich von der Last des Lebens nicht drücken ließ, solange sie nicht allzu schwer wurde. Er war Österreicher, wenigstens zur Hälfte; das leichtere, muntere Blut des Südens verriet sich in zahlreichen kleinen Zügen. Sein Vater war als pensionierter Major gestorben. Seine Mutter, eine Engländerin, die der Österreicher während der Feldzüge Radetzkys in Italien kennengelernt hatte, lebte in Karlsruhe von ihrer bescheidenen Pension. Auf der dortigen Polytechnischen Schule hatte Stoß die Weisheit und die Formeln Redtenbachers eingesogen, an denen zu jener Zeit die technische Jugend Deutschlands mit Andacht und Verehrung hing. Wie sich so oft die Gegensätze in einer Menschennatur begegnen, hatte er ausgesprochenes mathematisches Talent und eine begeisterte Vorliebe für die trockensten Spekulationen, wenn sie sich in algebraische Formeln pressen ließen. Sobald er seine Konzepthefte, die mit endlosen Berechnungen gefüllt waren, auf die Seite warf, war er dagegen der fröhlichste Gesellschafter, der unverwüstlichste Optimist, und hatte das große Geschick, seiner Umgebung einen Teil der eignen Lebensfreudigkeit einzuflößen. Er war sicher, in der Heimat seiner Mutter nicht bloß sein eigenes, sondern auch seiner Freunde Glück zu machen, und wir glaubten ihm fast, so wenig bis jetzt davon zu verspüren war. Der natürliche Umstand, daß er seine nordische Muttersprache Muttersprache im wörtlichsten Sinn mit südlicher Gewandtheit sprach, gab ihm Vorteile, die uns bei einem andern mit schmerzlichem Neid erfüllt hätten. Stoß konnte niemand beneiden.

Ganz anders, eine schwerfällige, echt deutsche Natur war Schindler. Er stammte aus einer Pastorenfamilie in Thüringen und hatte sich an einer preußischen Gewerbeschule für seine englischen Abenteuer vorbereitet. Still und scheinbar melancholisch sah er in die Zukunft, und doch machte er, allerdings mit einem Seufzer, die besten Witze in unserm kleinen Kreise, an denen nur er sich nicht zu erfreuen schien. Er hatte einen Herzenskummer; er liebte, seit seiner Schulzeit, treu und geduldig. Deshalb wollte er so rasch als möglich sein Glück machen, und die Aussichten trübten sich mehr und mehr. Mit einer komisch kleinen Summe war er in Manchester angekommen, hatte hier auf einige Wochen als Zeichner bei einem Zivilingenieur Beschäftigung gefunden, denn Gott verläßt keinen Deutschen ganz, und lebte seitdem von der Summe, die er hier in rätselhafter Weise zurückgelegt hatte, in ebenso rätselhafter Weise weiter. Dabei war er krankhaft fleißig, zeichnete und skizzierte tage- und nächtelang und besaß mnemotechnische Einrichtungen in seinem Gehirn, die es ihm ermöglichten, nach einer einmaligen flüchtigen Besichtigung die komplizierteste Maschine geistig nach Hause zu tragen, aufzuzeichnen und wieder zu vergessen, um für andere Platz zu machen. »Denn was man schwarz auf weiß besitzt!« pflegte er kurz abbrechend mit leuchtenden Augen auszurufen, wenn er uns die Berge von Skizzenpapier zeigte, die seine einzigen irdischen Schätze vorstellten, die er aber für die Grundmauern seines künftigen Hauses und Herdes ansah. Sonst leuchteten seine blauen, etwas kurzsichtigen Augen hinter der großen Stahlbrille nie. Man konnte es ihm nicht verargen; es ging zu Ende mit ihm. Seit einigen Tagen schon hatten Stoß und ich vermutet, daß er in Manchester blieb, weil er nicht mehr weiter konnte. Auch in England befördern Eisenbahnen nur gegen Vorausbezahlung; wenigstens menschliche Ware, die naturgemäß weniger Vertrauen genießt als eine Kiste Stiltonkäse oder eine Dreschmaschine.

Manchmal zeigten sich Lichtblicke am Horizont. Vor ein paar Wochen hatte ich einen Ausflug nach Leeds unternommen und zum erstenmal eine Ausstellung der Königlichen Landwirtschaftsgesellschaft von England gesehen. Ich machte mich ohne Hoffnung und mit wenig Freude auf den Weg, eines Empfehlungsbriefes wegen, den ich von einem Herrn in London erhalten hatte und der an John Fowler gerichtet war. Eine landwirtschaftliche Ausstellung! Vieh, Schweine, Gänse und Enten und landwirtschaftliche Maschinen! Für die letzteren hatte ich wie jeder junge Ingenieur, der sich in den höheren Regionen einer technischen Hochschule bewegt hat, die ausgesprochenste Mißachtung und für die Landwirtschaft von Geburt an eine schwer erklärliche Gleichgültigkeit. Aber ich riß die Augen doch ein wenig auf, schon weil ich in der gewaltigen Fabrikstadt, die ich kaum dem Namen nach gekannt hatte, unter Tausenden von behäbigen Landleuten nur mit größter Schwierigkeit ein Unterkommen finden konnte. Und dann der Maschinenplatz der Ausstellung! Dieses Leben, dieses lustige Klappern und Rasseln, Pusten und Pfeifen, Brummen und Sausen! Diese Hunderte mir völlig unbekannter Formen und Dinge. Mit ehrlichem Staunen stand ich einer großen Industrie gegenüber, die sichtlich ihre Fühler über die ganze Erde streckte und von der ich keine Ahnung gehabt hatte. Man sah den zahllosen Maschinen an, daß sie im praktischen Leben ihre natürliche Eleganz und die Bestimmtheit ihrer Formen gewonnen hatten, daß hundert kluge Köpfe, tausend fleißige Hände an ihrer Entwicklung weiterarbeiteten. Wir schrieben 1862. Wer jene Zeit miterlebt hat, wird mir mein naives Erstaunen verzeihen.

Der Empfehlungsbrief führte wie alle andern zu nichts. Doch lernte ich auf dem Ausstellungsplatz John Fowler kennen, der neben seinem Dampfpflug in der Mitte eines Kreises fröhlich begeisterter Landwirte stand, die nicht aus dem allseitigen Händeschütteln hinauskamen und ihm zu dem eben gewonnenen Preis der Landwirtschaftsgesellschaft Glück wünschten. Ein prächtiger Mann von etwa vierunddreißig Jahren, groß und stattlich, schwarzhaarig und freundlich, mit einem Lachen, das seiner Umgebung auf hundert Schritte wohl tat. Er las meinen Brief, drückte mir die Hand und konnte mich nicht brauchen; jetzt nicht. Vielleicht später. Das sagten die meisten; aber Fowler dachte es auch, man konnte es ihm ansehen. Mein Brief war von einem Quäker, und auch Fowler war Quäker. In dem Brief stand, »daß ich auf dem richtigen Weg sei,« woran ich völlig unschuldig war. Allein mein Freund in London meinte es gut mit mir, und solche Dinge sind in England nicht bedeutungslos. Trotzdem mußte ich mich nach zehn Minuten anstandshalber verabschieden, so gerne ich ohne weiteres geblieben wäre. Für Pflüge stand meine Mißachtung noch in voller Blüte. Aber Fowler war einer der seltenen Menschen, die man lieb gewinnt, wenn sie sich mit dem Taschentuch den Schweiß abtrocknen. Zwei Tage schlich ich ab und zu um den Fowlerschen Stand und studierte die Geheimnisse des »Clipdrums«, ohne zu ahnen, daß ich mit dessen wirklichem Erfinder, einem bescheidenen Männchen, das noch vor kurzem als Klavierfabrikant tätig gewesen war, mehrfach ins Gespräch geriet; aber auch ohne Herrn Fowler wiederzusehen. Mein Gefühl gegen landwirtschaftliche Maschinen aber hatte eine schwere Erschütterung erlitten, ehe ich mich wieder auf den Heimweg nach Mandiester machte. Doch was halfs? Ernstlich hatte ich ja nicht erwartet, auf einer landwirtschaftlichen Ausstellung dem ersehnten Ziele näherzukommen. Damit tröstete ich mich auf dem Rückweg, während ich eine Liste der mir bekannt gewordenen Fabriken von Liverpool zusammenstellte, die besuchsweise von Manchester aus abgemacht werden konnten, ehe ich mein Hauptquartier nach Glasgow verlegen wollte.

Acht Tage später machten Stoß und ich einen Ausflug nach Anglesea, der eigentlich der die Insel von Wales trennenden Meerenge, der Menaistreet, galt. Es war unsre erste Vergnügungsfahrt, eine notwendige Unterbrechung der entmutigenden Wanderungen von Fabrik zu Fabrik, die hinter und vor uns lagen. Schindler begleitete uns nur bis zum Bahnhof. Die Ebbe in seiner Kasse erlaubte derartige wilde Ausschweifungen nicht mehr. Die lieblichen Ufer um Bangor, die gewaltigen Berge von Nordwales, der glorreiche Ozean und der frische Seewind, der den Salzgeruch. des Meeres bis über die Gipfel von Snowdon und Kadr Idris trug, gaben uns in drei Tagen all den Lebensmut wieder, den wir im Dunst von Manchester seit den letzten drei Monaten eingebüßt hatten. Auch waren wir nicht ganz ohne einen technischen Reisevorwand ausgezogen. Stephensons weltberühmte Menaibrücke, die erste ihrer Art, die einen Meeresarm überspannt, hatte namentlich Stoß schon längst angezogen. Zwar übten und ärgerten wir uns an Ort und Stelle gegenseitig ein wenig. Er bestand darauf, nachdem wir einen Vormittag lang an den steilen Abhängen bei Bangor, mit der kastenförmigen Riesenröhre hoch über unsern Köpfen, herumgeklettert waren, mein Skizzenbuch mit Berechnungen anzufüllen, in denen er zu beweisen suchte, daß die Brücke mit der Hälfte des Eisens hätte gebaut werden können, das heute in ihr stak. »Wenn sie rechnen könnten, Eyth! Wenn sie ihren Redtenbacher studiert hätten, diese Engländer!« rief er mit der Begeisterung eines echten Karlsruhers jener Tage und begann das vierte Blatt des besten Whatmanpapiers, das ich je besessen hatte, mit einer neuen Entwicklung seiner Prinzipien zu verunreinigen. Und das alles mitten in einer Gegend, die uns wie ein Paradies anlachte, die mit ihrem sonnigen Meereshorizont hinter jedem Strauch und Felsen einem das Herz vor Sehnsucht sprengte. Ich ließ ihn schließlich machen, was er nicht lassen konnte, und tröstete mich: Ein solcher Kerl wird noch ein berühmter Mann. Dann habe ich auf diesen Blättern ein Andenken von ihm und kann sie vielleicht teuer verkaufen.

Wieder gingen zwei Wochen vorüber mit ihrer einförmigen Folge von Hoffnung und Enttäuschung; dann aber kams anders. Stoß hatte uns zu einem Abendtee eingeladen, um seinen Abschied zu feiern. Er wohnte bei der Frau eines kleinen Schiffskapitäns, deren Gatte nur alle fünf Jahre auf ein paar Wochen nach Hause kam; eine sehr nette, angenehme Frau, die gelernt hatte, mit außerordentlich bescheidenen Mitteln große Festlichkeiten zu veranstalten, und deshalb von uns dreien hoch verehrt wurde. Die deutsche Kneipe bestand für uns kaum mehr: man gab sich gegenseitig Tee mit darauffolgendem Whisky oder Brandy. Nach deutscher Art rollten wir bereits auf der schiefen Ebene der Anglisierung lustig dahin. Stoß war wesentlich schuld daran. Bei ihm kam es natürlich von der Mutter Seite. Man zog sogar in solchen Fällen zu gegenseitiger Ehrung seinen besten Rock an. Zum landesüblichen Frack hatten wir es allerdings in dieser Vorbereitungsklasse des Lebens, in der wir saßen, noch nicht gebracht.

Pünktlich um sieben Uhr abends setzte ich Missis Stevens' glänzend gescheuerten Türklopfer in Bewegung und wurde von Stoß mit seiner gewohnten, etwas stürmischen Freude empfangen. Er hatte in der Tat Ursache, fröhlich zu sein; denn nach allen Anzeichen war für ihn die harte Zeit des Suchens und Wartens vorüber. Und auch Schindler schien endlich ernstliche Aussichten zu haben, den Lohn seiner Beharrlichkeit zu finden. »Wir werden ihn wahrscheinlich erst in einer Stunde sehen,« erklärte mir Stoß. Er hatte sich noch gestern abend in der Aufregung über den bevorstehenden Abgang unseres Freundes rasch entschlossen, nach Derby zu fahren, wo ihm das heißersehnte Ziel wieder einmal winkte. »Ein kurioses Ziel!« lachte Stoß, halb verlegen, halb belustigt, wollte aber nichts weiter mitteilen. Schindler werde schon selbst berichten, wenn er komme. Sein Zug könne nicht vor acht Uhr hier sein. Das sei aber kein Grund, weshalb wir nicht unsern Tee trinken sollten, da Frau Stevens ihm später einen frischen Topf brauen könne.

Wir setzten uns an dem sauberen, wohlversehenen Teetisch nieder, dem ein Strauß mächtiger Dahlien das erforderliche festliche Aussehen gab, Den Umständen entsprechend bestand das Festmahl aus zwei Gebirgen von goldgelbem köstlichem Toast und zwei gebratenen Heringen; der dritte wurde zurückgelegt. Dann sahen wir der üblichen kalten Hammelkeule mit Pfefferminzsauce und Pickles entgegen, und zum Schluß winkten zwei Töpfe Marmelade, eingemachte Johannisbeeren und die Reste eines Stiltonkäses; alles reinlich, nett und freundlich. Nur Frau Stevens selbst warf einen bekümmerten Scheideblick auf den Tisch und wollte sich durch das Lob, das ich der vortrefflichsten Wirtin der Grünheustraße spendete, nicht aufrichten lassen. Der Verlust ihres Mieters lag schwer auf ihrem Gemüt, und da ihr Mann erst vor drei Jahren hier gewesen war und vor kaum vier Monaten geschrieben hatte sein Schoner lebte zwischen Hongkong und Singapore, so sah sie einer freudlosen Zukunft entgegen.

Stoß, dieses fröhliche Kieselherz, war um so vergnügter und erzählte mir zwischen dem Hering und der Marmelade, wie sich alles so plötzlich und unerwartet gestaltet hatte.

»Ich bin zu der Überzeugung gekommen, Eyth, daß man nichts in der Welt verachten darf nichts!« sagte er, indem er mit der ihm eignen aristokratischen Feinheit das Gerippe seines Herings umdrehte, um zu sehen, ob auf der unteren Seite nicht noch etwas Fleisch hängengeblieben war. »Meine Mutter hat aus ihrer Jugendzeit noch ein paar alte Freundinnen in London, von denen ich natürlich nichts erwartete. Eine derselben eine Miß Plunder hat ein kleines Pensionat bei Richmond, soviel wir wußten. Die Nachbarvilla gehört einem Mister William Bruce, Zivilingenieur seines Zeichens und beratendes Mitglied des Direktoriums der Nordflintshire-Eisenbahn, welcher sein Geschäftsbureau in London hat und seit zwanzig Jahren in aller Welt Brücken baut. An diese Freundin schrieb meine Mutter in ihrer Herzensangst um ihr Söhnchen, und Bruce hatte das Glück, über die gemeinsame Gartenmauer hinweg von meinem Dasein zu hören, das ihm bisher völlig entgangen war. Auch ich hatte von dem Vorhandensein des berühmten Herrn Bruce erst über Karlsruhe einige verschwommene Nachrichten erhalten, beehrte ihn aber trotzdem vor acht Tagen mit einem Schreiben, in welchem ihm meine unschätzbaren Dienste angeboten wurden. Merkwürdigerweise nahm er dies ziemlich kühl auf. Doch erhielt ich, nicht ganz umgehend, eine Antwort mit der Aufforderung, wenn ich gelegentlich nach London komme, möge ich ihn in seinem Bureau, Westminsterstraße Nr. 18, aufsuchen. Das war letzten Freitag. Die Gelegenheit bot sich unerwartet rasch; denn am Samstag früh saß ich bereits in einem Eisenbahnwagen, auf dem Wege nach London, und fuhr vom Bahnhof mit dem besten Pferd eines guten Cabs nach Westminsterstraße, wo bekanntlich, wie in einem Bienenkorb, alle berühmten Zivilingenieure der Welt, das heißt der englischen Welt, beisammen hausen. Nicht ganz ohne Hochachtung betrat ich das geheiligte Pflaster, und die palastartige Häuserfront mit ihren weltberühmten Namen auf glänzenden Messingplatten rieselte mir über den Rücken wie ein Anflug unpassender Bescheidenheit. Es war fast ein Uhr, ehe ich vor Nr. 18 anlangte, am Sonnabendnachmittag aber schließen die Könige unseres Berufs die Bude. So kam es, daß ich Herrn Bruce kennenlernte, als er eben seine strohgelben Handschuhe anzog und seine sechs Zeichner, die in einem großen hellen Saal hausen und sechs Brücken für fünf Weltteile entwarfen, bereits freiheitstrunken mit den Reißschienen klapperten. Ein schöner, stattlicher Mann in weißer Weste, mit einem gewaltigen goldblonden Bart, den er liebevoll streichelt, so oft ihm die Gedanken stillstehen. Man kann sich in seiner Gegenwart vernunftloser Hochachtung kaum erwehren. Er las meine Karte, sah mich fragend an und strich seinen Bart etwas ungeduldig; es half offenbar nichts. Ich fing an, mich zu erklären, und war bald im ruhigen, gewohnten Fahrwasser. Wir haben uns in den letzten zwei Monaten einige Übung in der Behandlung ähnlicher Fälle erworben. Sein Antlitz verdüsterte sich. Ich fühlte, wie mitten in meinem schönsten Satz die Hoffnungslosigkeit ihre eiskalte Hand auf meine Schulter legte. Auch das kennen wir zur Genüge. Plötzlich überzeugte mich ein leises vergnügtes Zucken im Gesicht des großen Mannes, daß ihm ein Licht aufging. Ah ah die alte Miß Plunder über der Gartenmauer murmelte er, ich weiß, ich weiß! Aber ich habe keine Zeit jetzt, Herr Stoß. Man kommt nicht Samstag nachmittags. Wissen Sie was? Morgen ist Sonntag. Sie sind ein Verwandter von Miß Plunder wie? Kommen Sie morgen nachmittag zu mir nach Richmond hinaus, Princess Road, Irawaddyvilla. Kommen Sie um vier; wir speisen um fünf. Dann kann ich Sie in Ruhe anhören. Adieu! Er war zur Türe hinaus und die Marmortreppe hinunter, ehe ich recht wußte, wie mir geschah. Die sechs Zeichner sahen mich einen Augenblick mißtrauisch an, klapperten dann noch heftiger mit Schienen und Winkeln auf ihren Reißbrettern und warfen mit der Behendigkeit von Verwandlungskünstlern ihre Geschäftsröcke ab. Als ich zur Türe hinausging, hörte ich einen zu den andern sagen: Das verdammte Narrenglück dieser Ausländer! Der Teufel soll sie holen! Wir haben seit drei Monaten nicht viel von ihm verspürt, Eyth? Wie?«

»Vom Teufel?« fragte ich, bereit, meinem Freund heftig zu widersprechen.

»Vom Glück!« erklärte er begütigend, so daß ich ihn fortfahren lassen konnte. »Nun aber kams wirklich und wahrhaftig in seiner ganzen Glorie, wenigstens auf einen Sommernachmittag. Es war ein prachtvoller Tag, und das Themsetal um Richmond herum ist ein Paradies, wenn die Sonne scheint. Diese Blumen und Sträucher, diese Gärten und Parke, diese vornehme Stille, dieser freudige Glanz, dieser Duft über allem, der den nächsten grünen Hügel zu einem Waldgebirge macht und den kleinen Fluß in der Ferne blitzen läßt, als sei's der stolzeste Strom des Kontinents. Ich hatte einige Mühe, Irawaddyvilla zu finden. Ein wundervoll gehaltener Garten, mit Bananen und Palmetten, Blutbuchen und weißem Flieder bestockt, führte zum Haus hinauf und auf der andern Seite nach der Themse hinunter. Das Haus war nicht groß, nicht allzu vornehm, aber behaglich und reich ausgestattet mit allem, was das Leben lebenswert macht. Wenn ich diesen verspeisten Hering ansehe, Eyth, welcher Gegensatz!«

Er ergriff den Glockenzug am Kamin.

»Frau Stevens, Sie können die Heringe wegnehmen! Lassen Sie das dritte Gedeck nur liegen; Herr Schindler muß in zwanzig Minuten hier sein.«

»Wo steckt er denn eigentlich? Derby ist keine bedeutende Fabrikstadt, soviel ich weiß,« bemerkte ich, indem ich mich nach englischem Brauch daranmachte, die kalte Hammelkeule meines Freundes zu zerlegen, die vor mir stand.

»Man soll nichts im Leben verachten!« rief Stoß zum zweitenmal. Er triefte heute von Lebensweisheit, vermutlich, weil er jetzt im Hanfsamen saß und wir armen Sperlinge noch nestlos auf den Hecken umherhüpften. Das gab ihm ein Recht, uns zu belehren. Dann fuhr er fort: »Meine mehrerwähnte Miß Plunder, die ich übrigens noch heute nicht gesehen habe, schrieb im gleichen Brief, in welchem sie meiner Mutter die Irawaddyvilla verriet, daß ihr Bruder mit großem Erfolg die maschinenmäßige Erziehung von kleinen Jungen in Derby betreibe, und daß dieses hervorragende Institut einen Lehrer der französischen Sprache suche. Du weißt doch, daß Schindler in Paris geboren ist?«

»Nicht möglich,« rief ich fast entsetzt. Ich kannte keinen Menschen, der urdeutscher aussah als der gute Schindler.

»Tatsache!« versicherte Stoß. »Sein Papa ist in jüngeren Jahren Prediger an einer deutsch-evangelischen Kirche oder Kapelle in Paris gewesen. Wie er dazu kam, wissen die Götter, die die deutschevangelische Kirche im modernen Babylon damals geleitet haben mögen. Auf dieser Grundlage weiterbauend, ließ der betörte Mann das Pfarrtöchterlein aus Westfalen kommen, das er seit fünfzehn Jahren treu geliebt hatte, und heiratete sie, wahrscheinlich auf dem Wege der Selbstkopulation. Du siehst, unser Schindler hat seine rührende Treue nicht gestohlen; er ist erblich belastet. Jedenfalls waren seine Eltern ein seltenes Pärchen in Paris. Auch dauerte es nicht lange. Kaum erblickte unser Freund das Licht der Welt, so schrie er unablässig nach seinem wahren Vaterland. Der bedrängte Vater erhielt endlich sein geordnetes Pfarramt in Thüringen; der kleine Schindler verließ in seinem siebenten Monat Paris und war von dieser Stunde an der zufriedenste Mensch auf Gottes Erdboden. Ich habe das alles von ihm selbst; es muß also wahr sein.«

»So erklärt es sich zur Not!« sagte ich, mich beruhigend.

»Seine Zufriedenheit hindert ihn jedoch nicht,« fuhr Stoß fort, »augenblicklich in einer wirklichen Notlage zu sein. Er hat nämlich seit einiger Zeit tatsächlich nicht mehr genügend Geld, um nach Hause zu kommen, auch eine Folge der wahnwitzigen Sucht, in übereilter Weise eine Familie zu gründen. So viel könnten wir ihm vielleicht vorstrecken. Wenn einer seine Schulden bezahlt, so ist es Schindler. Eine sicherere Kapitalanlage wäre nicht zu finden, wenn wir einmal unter die Kapitalisten gehen, wozu du besonders veranlagt bist, Eyth. Also, geniere dich nicht. Inzwischen habe ich ihm verraten, was der Schulmeister in Derby sucht. Meine Londoner Erfolge haben ihn dermaßen aufgeregt, daß er heute früh hinfuhr.«

»Kann er Französisch?« fragte ich entrüstet. Der leichtfertige Ton, den Stoß anschlug, gefiel mir nicht. Die Sache war doch zu ernst für unsern guten Schindler.

»Ist er nicht in Paris geboren? Hat er nicht eine Braut in Thüringen? Die Liebe kann schließlich alles,« antwortete Stoß mit einem siegreichen Lächeln. »Aber unterbrich mich nicht fortwährend. ich komme jetzt zum interessanteren Teil meines Reiseberichts.

»Unter den Riesenblättern eines Bananenbusches empfing mich in dem Paradiesgarten, den ich nicht weiter schildern will, eine kleine Eva, die ich dir nicht schildern kann. Blaue Augen, goldene Haare, ein Wuchs wie eine Tanne in deinem Schwarzwald, ein Mund eine Nase ein Paar Ohren kurz, wie um aus der Haut zu fahren und ihr an den Hals zu fliegen. Du verstehst mich. Dabei nichts Gefährliches: zwölf oder dreizehn Jahre, das Alter, in dem sie bei uns völlig unmöglich sind. Ich mußte mich tüchtig zusammennehmen, als sie mich nach dem schattigsten Teil des Gartens führte, wo ihr Papa im Gras lag, so lang er war. Er befand sich in Hemdsärmeln; in seinem Bart hing etwas Heu; er war ein völlig andrer Mensch als der von der Westminsterstraße. Als er seinen Engel sagen hörte: Papa, hier ist der fremde Herr! drehte er den Kopf ein wenig, ohne sich zu erheben. Hallo, Herr Plunder, sagte er dann sehr ruhig, schön, daß Sie kommen. Legen Sie sich hierher. Wir können am besten so sprechen. Ich gehorchte, nicht ohne einige Verlegenheit, und blieb Herr Plunder für den Rest des Nachmittags. Der Empfang hatte etwas Ungewohntes, namentlich da Herr Bruce längere Zeit kein Wort mehr sagte und, wie mir schien, einzuschlafen drohte. Tiefe Stille herrschte ringsum. Bienen summten. Da und dort regte sich ein leises Rauschen in den Bäumen. Nur von der Themse her, die sonnig durch, das Buschwerk blinkte, hörte man von Zeit zu Zeit einen fernen, fröhlichen Ruf.

›Wie gefällt Ihnen das?‹ begann er nach einer Zehnminutenpause. ›Sehen Sie, das ist der einzig wahre Genuß im Leben. Im Gras liegen, den blauen Himmel ansehen und ein Blatt oder zwei, die im Wege hängen. Ich kenne nichts Himmlischeres zwischen der Themse und dem Irawaddy.‹

Dann war er wieder still, fünf Minuten lang.

Doch nach und nach kam ein Gespräch in Gang. Er wollte wissen, woher ich komme, was ich getrieben habe, wie ich zu meinem Englisch gekommen sei. Ich erzählte ihm gewissenhaft, was ich davon wußte, sprach von den polytechnischen Schulen in Deutschland und begann von meinen Zeugnissen zu fabulieren, ich hatte sie natürlich in der Tasche und lag darauf.

›Der Kuckuck hole Ihre Zeugnisse!‹ rief er plötzlich lebhaft, zog eine goldene Bleifeder aus der Westentasche, griff nach einer der Zeitungen, die um ihn her im Grase lagen, schrieb nachdenklich etwas auf ihren Rand und reichte mir das Blatt. ›Lösen Sie mir das!‹

»Es waren zwei ziemlich harmlose Gleichungen zweiten Grades mit zwei Unbekannten, deren Lösung ohne Schwierigkeit auf dem Rest des Zeitungsrandes Platz fand. Jetzt erst setzte sich Herr Bruce auf, sah mich näher an und schien plötzlich zu energischer Tätigkeit zu erwachen. ›Es ist Zeit zum Ankleiden fürs Mittagessen, Herr Plunder, vielmehr Herr Stoß,‹ sagte er im freundlichsten Tone. ›Sie haben keinen Frack hier?‹

›Ich hatte keine Ahnung, daß ich die Ehre haben würde‹ stotterte ich, nun ebenfalls aufstehend.

›Auch gut!‹ meinte Bruce. ›Missis Bruce wird Sie entschuldigen. Kommen Sie!‹

Wir holten ohne weitere Umstände Missis Bruce, die im benachbarten Gebüsch zwischen zwei Bäumen hing, aus ihrer Hängematte herunter. Nach einer Viertelstunde saßen wir unter der schattigen Veranda bei einem kleinen, einfachen, aber vortrefflichen Mittagsmahl. Bruce, der aufmerksamste Wirt, behandelte mich, als ob ich zehn Brücken für Indien zu vergeben hätte; Missis Bruce war liebenswürdig, wenn auch etwas zurückhaltend und erschöpft, von der Hängematte her; die zwei kleinen Miß Bruce waren dagegen um so lebhafter. Ich war ihnen als Deutscher hochinteressant, weil davon die Rede gewesen war, sie auf ein Jahr nach Bonn zu schicken. Sie wollten wissen, weshalb nicht alle Welt Englisch spreche, da ich es doch auch könne und es die einzige Sprache sei, in der man sich verstehe.

›Es wird schon kommen, Ellen!‹ meinte Bruce mit der Überzeugung des Engländers aus der Zeit Palmerstons.

›Also!‹ rief Miß Ellen. ›Warum soll ich dann nach Bonn? Wenn manchmal ein deutscher Herr zu uns herauskommt, so spricht er ganz ordentlich Englisch. Das genügt mir völlig, Papa. Maud, es ist nichts mit Bonn. Mama behält recht; wir bleiben, wo es am schönsten ist. Komm, spielen wir!‹

Die Mädchen, ich kann dir sagen, Eyth, ein wahres Engelspärchen verliefen sich wieder im Garten, und die Mama folgte ihnen. Bruce und ich blieben beim Sherry sitzen, bis es Dämmerung und Zeit für mich wurde, an meinen Zug nach der Stadt zu denken. Er hatte mir ein zweites Problem vorgelegt: die Berechnung eines eigentümlichen Gitterbalkens unter einer Belastung an drei Punkten. Es schien etwas aus seiner Praxis zu sein, denn er sah das Ergebnis die Stärke der zu verwendenden Flacheisen lange schweigend an, schüttelte den Kopf, nickte wieder, sagte dann kurz: Das geht nach Kanada! und steckte das Papier in die Tasche. Dann begann er in der harmlosesten Weise von seinen Arbeiten zu erzählen, von Viadukten in Neuseeland, von Brücken in Bengalen, von einer riesigen Markthalle in Kalkutta. Die Welt schrumpfte zu einem Kügelchen zusammen, auf dem wir herumhüpften, bald mit dem Kopf, bald mit den Füßen nach oben, wie Fliegen auf einem Apfel. Und überall große Pläne, Arbeit in Menge und Ausblicke in die Zukunft, daß einem die Augen übergingen. Dabei blieb er so ruhig und kühl, als verstände sich alles von selbst, als brauchte er nicht vom Stuhl aufzustehen, um alle Weltteile zu übersehen. Ein andrer Horizont als in Karlsruhe, Eyth! Ich wunderte mich schließlich mehr über mich als über ihn, daß er mir das alles sagte und dabei nicht vergaß, mein Sherryglas zu füllen. Aber ich brauchte mich nicht zu beunruhigen. Er sprach mehr für sich als zu mir. Es war sein Sonntagnachmittagstraum. Schließlich begleitete er mich bis an das Gartentor, unter dem er plötzlich stehenblieb. Wie mit einem Ruck ging eine Veränderung in ihm vor. Das Traumgesicht verschwand, das Geschäftsgesicht kam zum Vorschein, bestimmt, scharf, mit einem leisen Zug von Ironie um den halb versteckten Mund. Dann sagte er:

›Ich brauche einen Rechner. Wann können Sie eintreten?‹

›Am Mittwoch, Herr Bruce!‹ sagte ich. Du kannst dir denken, wie mir zumute war.

›Gut! Bis Mittwoch also. Adieu!‹

›Und um es nicht zu vergessen!‹ – Stoß machte einen völlig mißlungenen Versuch, Gleichgültigkeit zu heucheln ›am Ende der Gartenmauer, an der mich der Weg zum Bahnhof hinführte, steht auf derselben ein mit Efeu völlig überwachsenes Gartenhäuschen, eine kleine eiserne Pagode, wenn man das Ding näher ansieht. Als ich, noch halb betäubt von der plötzlichen Wendung der Dinge, unter demselben weiterging, wurde von unsichtbaren Händen ein Korb voll Blumen auf mich herabgeschüttelt, so kunstvoll und energisch, daß mein Hut in einem Blumenregen davonrollte und das silberne Lachen von zwei Kinderstimmen das heißt ziemlich großen Kinderstimmen mich in keinem Zweifel ließ, wer mich in dieser lieblichsten Weise verabschiedet hatte. Das nennen sie hierzulande practical jokes. Sie sind eben praktisch, wo sie die Haut anrührt, diese Engländer!‹

Ich fand Stoß Begeisterung für seine Engländer mehr und mehr unbegreiflich, je öfter er auf den Blumenregen zurückkam, dem er sichtlich eine übertriebene Bedeutung beilegte. Doch hinderte ihn dies nicht, dem kommenden Ernst des Lebens fröhlich entgegenzugehen. Unser Tee war beendet. Wir rückten nach Landessitte an das offene Kamin, das statt des Feuers mit Papierschnitzeln zierlich gefüllt war, und begannen Vorbereitungen für das übliche Glas Brandy oder Whisky zu treffen, als sich Schindler, von seiner eigenen, neugierigen Witwe gefolgt, im Gange hören ließ. Wir empfingen ihn mit den gebührenden Freudenbezeigungen, um so mehr, als er der Ermutigung bedürftig schien. Rasch war die zweite Auflage des Tees und der dritte Hering zur Stelle. Da er versicherte, einen Wolfshunger mitgebracht zu haben, ließen wir ihn für den Augenblick in Frieden, bis auch er seinen Stuhl ans Kamin schob und wehmütig den Zucker im dampfenden Glase umrührte.

»Nun, alter Freund!« rief Stoß, klopfte derb auf seine Schulter und steckte ihm eine Zigarre in den Mund. In seiner Freude konnte er Schindlers bekümmerte Miene nicht länger untätig ansehen. »Raff dich auf! Ists mißlungen?«

»Nein!« antwortete dieser, ohne Neigung zu zeigen, weiterzusprechen.

»Aber was der Kuckuck machst du dann ein Gesicht wie eine verwitwete Nachteule?«

»Weil es gelungen ist, Stoß, über alles Bitten und Verstehen gelungen,« rief Schindler mit plötzlich erwachender Heftigkeit. »Ich glaube, ich bin ein verlorener Mann!« Er sah in stummem Leid wieder in sein Brandyglas.

»Du hast doch auf dem Heimweg nicht etwa zuviel getrunken?« fragte ich teilnehmend.

»Ich wär's imstande, und, bei Gott, ich wäre berechtigt dazu!« antwortete er und leerte sein Glas mit einer komisch desperaten Bewegung, die er vielleicht zum erstenmal im Leben versucht hatte. Schindler war keine theatralisch angelegte Natur. Der Brandy aber tat ihm gut. Er wurde ruhiger und fühlte sich genügend gestärkt, um einen unzusammenhängenden Bericht seiner Abenteuer zu erstatten.

Um zehn Uhr war er in Derby angekommen und hatte ohne große Schwierigkeit Doktor Plunders berühmtes Knabeninstitut aufgefunden. Die Knaben schienen, in Derby wenigstens, berühmt genug zu sein. Ein altes, etwas zerfallen aussehendes Gebäude stand in einem ziemlich großen, von einer Mauer umgebenen Garten, der mannigfache Spuren jugendlicher Tätigkeit aufwies. Die eine Hälfte war in einen Spielplatz umgewandelt, auf dem etliche zwanzig gesunde, kräftig und nach Schindler boshaft aussehende Jungen mit furchtbarem Ernste und gelegentlich wildern Geschrei Kricket spielten. Als er über den Platz dem Haustor zu ging, traf ihn der Kricketball schmerzhaft an den Hinterkopf. Die Jungen waren hierüber in hohem Grade entrüstet, obwohl er, halb betäubt, sich zu entschuldigen suchte. Doch hatte der Zwischenfall auch sein Gutes. Der Doktor erschien unter der Haustür, nahm ihn nicht allzu unfreundlich unter seinen Schutz und führte ihn in sein Studierzimmer.

»Das erinnert mich lebhaft an meinen Blumenregen, Schindler,« sagte Stoß träumerisch. »Wir scheinen beide Glücksvögel zu sein, jeder in seiner Art. Hat es dir auch den Hut vom Kopf geschlagen?«

»Hast du auch eine faustgroße Beule am Hinterkopf?« fragte Schindler etwas gereizt, ehe er fortfuhr. Der Doktor, ein riesiger Fettklumpen, wohlgeölt, würdig und wohlwollend, schien kein übler Mann zu sein. Er half dem neuen Kandidaten freundlich über den stotternden Anfang der Vorstellung weg. Dieser erzählte, wie er durch seinen Freund Stoß, dessen Mutter eine intime Freundin der verehrten Fräulein Schwester des Herrn Doktors sei, erfahren habe, daß das berühmte Institut eines neuen französischen Lehrers bedürfe. Er komme, um sich um diese Stelle zu bewerben.

»Sehr schön, sehr schön!« meinte der Direktor, der mit dem Blick eines weltkundigen Menschenkenners sofort bemerkte, daß er einen billigeren französischen Professor schwerlich gewinnen könne. »Sie haben wohl Zeugnisse, Papiere, Referenzen?« fragte er aber trotzdem mit würdiger Zurückhaltung.

»Zeugnisse – gewiß das heißt« stotterte Schindler und griff nach seiner wohlgefüllten Brusttasche. Seine Zeugnisse waren ja ausgezeichnet, berührten aber, wie ihm plötzlich schwer aufs Herz fiel, seine Leistungen im Französischen nicht im geringsten. Die wenigen auf seine sprachlichen Kenntnisse bezüglichen Papiere aus der Gymnasialzeit waren die einzig mittelmäßigen, die er besaß, und trotzdem hatte sie der ehrliche Mensch mitgenommen.

»Sie sehen, Herr Direktor,« sagte er mit dem Mut der Verzweiflung, ehe er diese entfaltete, »ich bin ein geborener Pariser, wie Ihnen hier mein Paß bestätigt. Und so ist es wohl nicht unerklärlich, daß ich keinen Wert auf Zeugnisse bezüglich meines Französischen legte.«

Dies war eine geschickte Lüge, wenn man berücksichtigt, daß es eine seiner ersten war. Der Gedanke an die ferne Braut hatte sie ihm abgerungen. Sie wirkte wie ein leichter, angenehmer elektrischer Schlag.

»Pariser! Ausgezeichnet! Ganz vortrefflich!« rief der Doktor. »Dies dürfte einen vortrefflichen Eindruck machen. Es ist mir leider selten gelungen, einen geborenen Franzosen dauernd an mein Institut zu fesseln. Einen geborenen Pariser könnte ich als Stern erster Größe bezeichnen. Lassen Sie Ihre Zeugnisse nur in der Tasche: ich bin völlig befriedigt, Mosiu Skindl!«

»Ich habe allerdings darauf aufmerksam zu machen,« stotterte Mosiu Skindl, dessen deutsches, in einem wackeren Pfarrhaus geschärftes Gewissen erwachte, »daß ich Paris schon ziemlich jung verließ.«

»Papperlapapp!« Woher der Doktor das Wort hatte, ist unbekannt, er hielt es für französisch »Sie sind noch jetzt ein junger Mann, Mosiu Skindl. Das geht uns nichts an. Ihr Paß ist nicht gefälscht, das sieht man Ihnen sofort an.«

»Aber ich kam jung, ganz jung nach Deutschland!« Schindler bestand eigensinnig darauf, sich zu erklären.

»Nach Deutschland!« rief der Doktor und machte die Gebärde des Fliegens, als ob er sich mit jugendlicher Leichtfertigkeit über all das wegzusetzen gedenke. »Um so besser! Darauf komme ich noch zurück. Das ist wirklich ein ganz wunderbares Zusammentreffen glücklicher Umstände. Was sind Ihre Bedingungen?«

Schindler war der bescheidenste Mensch der Welt. Trotzdem verdüsterte sich die Miene des Herrn Doktors ein wenig.

»Hm – hm!« machte er und rieb sich sein fettes, glattes Kinn heftig. »Ihrem Herrn Vorgänger hatte ich allerdings ein Drittel, ein volles Drittel weniger Gehalt zu bezahlen. Kost und Wohnung frei. Auch die Wäsche. Beachten Sie wohl, auch die Wäsche! Da scheint mir doch die von Ihnen genannte Summe etwas hoch.«

»War mein Herr Vorgänger auch geborener Pariser?« fragte Schindler, dem es an Galgenhumor nicht fehlte, wenn ihm das Wasser an die Kehle ging.

»Nein, das nicht,« gestand der Direktor; »wir konnten ihn in unsern Anzeigen nur als hervorragenden Franzosen anführen, wenn wir streng bei der Wahrheit bleiben wollten; und wir bleiben grundsätzlich bei der Wahrheit, Mosiu Skindl, schon der uns anvertrauten Jugend wegen. Er war von Schaffhus.«

»Aber Schaffhausen liegt nicht in Frankreich,« bemerkte der unerschütterliche Schindler.

»Nicht? Was Sie sagen!« rief der Doktor erstaunt. »Nun ja, wie dem auch sein möge: in andrer Beziehung war er um so mehr Franzose. Allzusehr! Ich mußte mich von ihm trennen, weil es sich nach kurzer Zeit herausstellte, daß zwei liebende Bräute aus Derby auf sein Herz Anspruch erhoben. Dazu ist Derby zu klein. Ich hoffe, Herr Skindler, daß Sie Grundsätze haben. Ich sehe auf die strengste Achtbarkeit, selbst bei meinem Professor der französischen Sprache.«

Schindler beruhigte ihn mit der Bemerkung, daß er eine heißgeliebte Braut in Deutschland zurückgelassen habe.

»Das ist mir lieb; lassen Sie sie nur zurück,« meinte der Doktor. »Und wissen Sie was: Geben Sie eine kleine Probelektion. Das genügt und ist mir mehr wert als alle Zeugnisse. Ich werde mir erlauben, anwesend zu sein, und danach das Gehalt zu bestimmen, das ich Ihnen auszusetzen berechtigt bin.«

Er öffnete ohne weitere Umstände das Fenster und brüllte mit der Stimme eines Posaunenengels über den Spielplatz: »Die jungen Gentlemen der ersten Klasse sofort antreten! Französische Lektion!« Schindler trocknete sich die Schweißtropfen von der Stirn, während das wilde Heer über die Treppen tobte und durch donnerähnliches Zuschlagen von Türen andeutete, daß sich die jungen Gentlemen, tiefgekränkt durch die Unterbrechung ihres Spiels, versammelten. Nachdem etwas Ruhe eingetreten war, betrat der Doktor, von Schindler gefolgt, das Schulzimmer. Der letztere hing den Kopf wie ein Opferlamm, das zur Schlachtbank geschleppt wird. Er hätte der hoffnungsvollen Jugend lieber auf dem Kricketplatz noch zehnmal zur Zielscheibe gedient.

Die Klasse bestand aus zehn großen, kräftigen Burschen von fünfzehn bis sechzehn Jahren, mit roten, blühenden Gesichtern, alle noch keuchend von den Anstrengungen des Spiels. Der Doktor gab Schindler ein Buch in die Hand und sagte feierlich: »Die jungen Herren lesen die schwierigeren Kapitel von Fénelons Telemach. Wollen Sie anfangen lassen?«

Schindler raffte sich auf. »Bitte,« stotterte er, das Buch aufs Geratewohl aufschlagend, »lesen Sie auf Seite 27 den ersten Abschnitt.«

Ein langer Junge begann mit durchdringender Stimme siegesbewußt:

»Gwand onk ä diu köratsch, onk weint äbaut diu taut.«

Der Doktor nickte befriedigt. Schindler fühlte sich gerettet: hier konnte er noch wirken. Er machte darauf aufmerksam, daß man neuerdings zu Paris nicht »Gwand«, sondern »quand«, nicht »Korätsch«, sondern »courage« zu sagen pflege, was die Jungen mit skeptischem Lächeln hinnahmen, dem Doktor aber ein zweites Nicken der Billigung entlockte. »Auch die Aussprache von on in der Form von onk ist nicht ganz richtig,« fuhr der neue Professor fort, »obgleich ich weiß, daß Engländer, die Frankreich häufig bereisen, Didonk, garsonk! statt Dites donc, garçon zu sagen vorziehen. Man sagt on, donc, garçon. Überhaupt wird das Französische mehr mit der Nase gesprochen. Sie müssen sich diese Eigentümlichkeit anzueignen suchen, meine Herren.« Diese Bemerkung wurde mit großem Beifall aufgenommen. Auf der zweiten und dritten Bank wurden sofort eigentümliche, kaum menschliche Laute hörbar und entsetzliche Grimassen geschnitten, um dem Wunsch des Herrn Professors wenigstens versuchsweise entgegenzukommen. Die Lektion dauerte eine Viertelstunde, in deren Verlauf der ermutigende Satz von allen Seiten beleuchtet und schließlich von den Schülern so ausgesprochen wurde, daß man ihn fast verstehen konnte. Befriedigt klappte der Direktor sein Buch zu. Selbst er hatte viel gelernt.

»Eine schöne Wahrheit, eine große Wahrheit, Herr Skindler,« rief er. »Quand on a du courage, on vient à bout du tout! Sehr wahr, sehr wahr! Ihr könnt weiterspielen, Jungen!« Das wilde Heer stürmte hinaus. Es war ein erhebendes Gefühl, durch das offene Fenster vom Spielplatz her zwischen den Schlägen der Kricketbats den lauten Ruf: »Quand on a du courage!« zu hören.

»Ich bin zufrieden, ich bin sehr zufrieden,« sagte der Doktor lauschend. »Sie scheinen ein geborener Lehrer zu sein, Herr Skindler. Nur auf eins möchte ich Sie aufmerksam machen. Alle Franzosen, die den Sprachunterricht in meinem Institut leiteten gütiger Himmel, ich hatte schon über ein Dutzend!, auch der von Schaffhus, machten, wenn sie im Schulzimmer auf und ab gingen, ganz kleine, zierliche Schritte. Ganz kleine, zierliche Schritte, Herr Skindler! Sehen Sie, so.«

Der fette Koloß gab eine Vorstellung.

»Daran erkennen wir den wahren Franzosen sofort – Sie, Herr Skindler – ich bedaure, es sagen zu müssen, machen ganz unförmliche, riesig lange Schritte. Sie haben sich dieselben wahrscheinlich in Deutschland angewöhnt. Dies erregt Zweifel. Man kann nicht jedermann und fortwährend Ihren Paß vorzeigen. Wollen Sie die Güte haben, sich im Interesse des Instituts eines weniger ausschreitenden, eines zierlicheren Ganges zu befleißigen. Vielleicht wären Gamaschen zu empfehlen. Bitte, versuchen Sie es doch. Sehen Sie, so! Ganz kleine, zierliche Schritte! Bravo, bravo! Noch kleiner, bitte!«

Der Doktor marschierte mit Schindler im Schulzimmer auf und ab, bis letzterer den »französischen Schritt« zur Zufriedenheit des ersteren ausführte. Tief in Schindlers Seele schlummerte der schmerzstillende deutsche Humor. Der regte sich zum Glück. Sonst hätte er diese Szene vielleicht nicht überlebt.

»Und noch etwas,« sagte der Doktor, dem Schindler seinen Lebenslauf nunmehr in aller Ausführlichkeit mitgeteilt hatte, in flüsternder Vertraulichkeit: »Sie sind also eigentlich ein Deutscher. Ich danke Ihnen für Ihr offenes Geständnis. Es macht Ihrem Charakter Ehre. Ich mache Sie aber darauf aufmerksam, daß dies niemand zu wissen braucht außer uns. Als Deutscher sind Sie musikalisch.«

Schindler wollte lebhaften Widerspruch erheben. Seit Paris habe er nicht mehr musiziert.

»Keine Einrede! Ich kenne Ihre Bescheidenheit. Sie sind musikalisch. Ich bezahle Ihnen das von Ihnen verlangte Gehalt. Sie übernehmen aber hierfür dreimal wöchentlich den Gesangsunterricht in meinem Institut. Haben Sie nicht vielleicht zwei Namen?«

Schindler sah seinen neuen Herrn entsetzt an.

»Mehrere Ihrer Herren Vorgänger hatten zwei Namen,« fuhr der Doktor nachdenklich fort. »Es wäre sehr hübsch, wenn wir Sie für den Gesangsunterricht als Herrn Schindler und für den Sprachunterricht als Mosiu Petischoos annoncieren könnten. Wir sollten zwei Namen haben, um Mißverständnisse zu vermeiden. Darüber will ich doch ernstlich nachdenken. Alles übrige ist abgemacht, mein lieber Mosiu Skindler. Wann können Sie eintreten?«

»Er schüttelte mir die Hand so heftig, daß ich nichts mehr sagen konnte,« schloß unser Freund, und aufs neue lagerte sich eine schwere Wolke auf seinen sonst so zufriedenen, wenn auch nicht strahlenden Gesichtszügen. »Von heute an bin ich Professor des Gesanges und der französischen Sprache zu Derby. Ich ließe mirs ja gefallen. Die Geschichte hilft mir aus der augenblicklichen Not; wer weiß, zu was sie sonst gut ist. Wenn ich nur God save the Queen von einem Choral unterscheiden könnte!«

»Man sieht, wie dein glücklicher Instinkt dir beisteht,« bemerkte ich ermutigend. »God save the Queen war ursprünglich ein Choral. Erst neuerdings, seit einem Jahrhundert ungefähr, ist er etwas entartet. Du kannst dies in der ersten Musikstunde verwerten.«

»Quand on a du courage!« rief Stoß, die Gläser wieder füllend, und wollte in seiner chronisch gewordenen Herzensfreude ein Hoch auf den neuen französischen Musiklehrer ausbringen. Da erschien durch die vorsichtig geöffnete Türspalte der Kopf von Missis Matthews, meiner Wirtin. Sie brachte einen Brief, der mit der Abendpost angekommen sei, und da ich vielleicht spät nach Hause kommen würde, habe sie gedacht dann verschwand der Kopf wieder.

»Was wird es sein?« brummte ich. »Die Damen werden nachgerade alle aufmerksam. Die Epistel hätte sicherlich bis morgen warten können!« Gleichgültig riß ich den Umschlag auf; dann aber griff auch ich nach meinem Glas.

»Hipp hipp hurra!« war zunächst alles, was ich meinen Freunden mitteilte.

Der Brief war von John Fowler in Leeds, kurz und bündig wie alle Briefe Fowlers, deren Form und Wert ich allerdings erst später besser kennenlernen sollte. Er lautete:

»Lieber Herr Eyth!

Mein Freund Taylor in London erinnert mich an Sie. Wenn Sie Lust haben, in meine soeben in Gang kommende Maschinenfabrik einzutreten, so finden Sie einen Schraubstock. Sobald sich Gelegenheit bietet, sollten Sie dampfpflügen lernen, wofür ich sorgen werde. Das weitere muß sich finden. Ich glaube an die Zukunft der Sache. Für den Anfang biete ich Ihnen dreißig Schilling die Woche. Damit können Sie leben, was Ihnen vorläufig genügen sollte.

Freundlich grüßend Ihr ergebener Fowler.«

»Hipp hipp hurra!« riefen die zwei andern. Bei näherer Betrachtung mußte ich zwar zugeben, daß nicht alles glänzt, was Gold ist. Ein Schraubstock im Vordergrund und ein Pflug am Horizont, brrr! Aber es war ein Anfang auf diesem Kreideboden, dessen unerwartete Härte wir seit drei Monaten kennengelernt hatten; ein Ende des bangen, müßigen, erschöpfenden Wanderns von Fabrik zu Fabrik, mit der Hoffnung im Herzen, die in den letzten Zügen lag und nicht sterben wollte. Es war eine Erlösung.

Die Bewegung ergriff das ganze kleine Haus in verschiedener Weise. Wir brauten das letzte Glas Punsch ziemlich stark. Jeder Grund, die Brandyflasche und die Zuckerdose zu schonen, war verschwunden. Wir stießen die Gläser zusammen, was in der Grünheustraße einen völlig ungewohnten Klang gibt und unsre Hausfrauen erschreckte. Wir begannen deutsche Lieder zu singen: »Muß i denn, muß i denn zum Städtele naus.« Manchester ein Städtele! »Morgen muß ich fort von hier« und »Wohlauf, noch getrunken«. Der neue Musiklehrer brachte all die drei herrlichen Abschiedslieder in einer ergreifenden Mischung zur Geltung, ohne es zu ahnen. Bedauerlicherweise war ich der Lauteste. ich wollte die Grünheustraße nie vergessen, schon weil ich hier fast drei Monate lang schwer gelitten hatte, was mir jetzt erst ganz klar wurde; aber ich wollte hinaus, so schnell als möglich, noch vor den andern! Wohlauf, noch getrunken!

In der Küche standen unsre drei Wirtinnen beisammen und lauschten. Sie ahnten, was der Lärm zu bedeuten hatte. In gewöhnlichen Zeiten liebten sie sich nicht. Missis Matthews rümpfte die Nase über Missis Stevens, und Missis Stevens verachtete Missis Wilson, Schindlers Hausfrau, die dem Schustergewerbe entstammte; Missis Wilson aber beklagte die Hoffart und unverbesserliche Weltlichkeit der beiden andern. Allein das gemeinsame Unglück, das sie an einem Tage betroffen hatte, schmolz die dünne Rinde dieser drei Herzen. Missis Stevens holte das Material zu einem kleinen Sonderpunsch herbei, und als Missis Wilson bei dem Gedanken, den stillen, freundlichen Schindler zu verlieren, die erste Träne vergoß, war auch bei den andern kein Halten mehr. Stoß, der zu ziemlich später Stunde nach der Küche ging, um womöglich noch etwas heißes Wasser zu bekommen, denn Schindler wollte zum Schluß unsre glänzende, wenn auch nebelhafte Zukunft in einer größeren Rede verherrlichen, fand alle drei schluchzend um das erloschene Küchenfeuer sitzen. Es soll dies in der Grünheustraße nie zuvor gesehen worden sein, sonst würde ich es nicht erwähnen.

Wir wollten uns am nächsten Morgen nicht mehr begegnen. Es war schöner, heute abzuschließen. Stoß und ich begleiteten den wackeren Schindler, der uns zum erstenmal tief in seine treue Seele hatte blicken lassen, während er die Photographie seines Gretchens ans Herz drückte, nicht ohne einige Schwierigkeit nach Hause. Noch aus seinem Schlafzimmer rief er uns mit vor Rührung zitternder Stimme zu: »Quand on a du courage, on vient à bout du tout.«

Dann begleitete ich Stoß heim. Wir wollten uns häufig schreiben und auch im Glück nie verlassen. So trennten wir uns. Vor meiner Haustüre machte ich die merkwürdige Entdeckung, daß auch sie von der allgemeinen Bewegung ergriffen war und sich heute das Schlüsselloch auf der linken statt, wie sonst immer, auf der rechten Torseite befand. Oder sollte sich die sonst so ruhige Straße gedreht haben? Aber es kümmerte mich wenig. Die schönen Verse Uhlands gingen mir wie ein fern verklingender Abschiedsgruß immer und immer wieder durch den Kopf: »Wann treffen wir uns, Brüder, in einem Schifflein wieder?«

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