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Hinter Pflug und Schraubstock

Max Eyth: Hinter Pflug und Schraubstock - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
titleHinter Pflug und Schraubstock
authorMax Eyth
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart
year1958
printrun377. - 408. Tausend
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20020512
modified20150625
firstpub1899
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Die Sphinx von Giseh

Vor ungezählten Hunderten von Jahren,
Als noch das Meer bespülte diesen Sand,
Noch ehe Felder, ehe Menschen waren.

Lag hier ein Stein im stummen Sonnenbrand,
Halb Mensch, halb Tiergebild, fast ohne Glieder
Und ohne Antlitz, ohne Fuß und Hand.

Ein Rätselwesen, starrte es hernieder
Auf einen Urweltskampf voll stummer Wut
Und sah durch halbgeschlossne Augenlider

Wohl tausendmal den Sturm der gelben Flut
Des Nils im Ringen mit den Meereswellen,
Wo jetzt das stille Grün der Fluren ruht;

Und sah das salz'ge Naß in Schaum zerschellen
Und aus der Brandung, die der Strom durchbrach,
Der Muttererde heilgen Busen schwellen.

Da riß der Fels die Augen auf und sprach:
»Nun will ich nie mehr staunen noch verzagen.
Der Friede steigt empor; das Glück ist wach!«

Dann schwieg die Sphinx und schwieg seit jenen Tagen,
Als wär sie wirklich Stein. Kein Ohr vernahm
Ihr Rufen mehr, in Freude oder Klagen.

Doch weiß das Urgebild, wie alles kam:
Es sah die Erde wachsen aus den Wogen
Und sah den Nil sie bauen wundersam.

Seitdem die Menschen in das Tal gezogen,
Hat es ein Antlitz, niemand weiß, woher:
Die niedre Stirne, leicht zurückgebogen.

Die Augen offen, lichtlos kalt und leer,
Und doch ein Blick, als blieb ihm nichts verborgen;
Ein Lächeln um den Mund, wehmütig, schwer.

Als ahnte es der Erde Müh' und Sorgen;
Und fast, als sucht' es andrer Sonnen Licht,
So starrt das Rätsel unverwandt gen Morgen.

Zu aller Anfang sah das Steingesicht,
Wie sich das größte von den Totenmalen
Der Welt erhob, und wunderte sich nicht.

Daß schweißbedeckt und unter tausend Qualen
Lebendge Menschen wälzen Stein auf Stein,
Um ihre Schuld den Toten zu bezahlen.

Dann sah es feierliche Priesterreihn
Aus Memphis nahn, mit Opfer und Gebet,
Und wunderte sich nicht und ließ es sein.

Sie bauten einen Tempel, der noch steht,
Dem Rätselwesen, doch ihr Festgesang
Und all ihr brünstig Fragen ist verweht.

Dann zog halb lachend und halb todesbang
Vorbei an seines Tempels stummen Pforten
Der Griechen Schar in frohem Lebensdrang;

Und dann der Römer klirrende Kohorten,
Die Herrscherhand vom Blut der Völker rot.
Sie fragten nichts. Auch sie sind still geworden;

Memphis versank, Kleopatra war tot. –
Da stieg im Osten ein leises Flimmern,
Der Himmel flammt im Christenmorgenrot.

Ein neuer Gott tritt sieghaft aus den Trümmern,
Erlösung, Leben strahlt sein Heilgenschein,
Lebendge hört man aus den Gräbern wimmern.

Um Liebe streitend und um Glauben schrein;
Auf Säulen stehn sie betend, Tag und Nacht.
Groß ist die Wahrheit, doch der Mensch bleibt klein.

Auch Feuer, die der Himmel angefacht,
Erlöschen in des Erdenlebens Mühen.
Doch wieder flammt der Ost in roter Pracht.

Das ist der Islam. Wenn die Wüsten glühen,
Dann brennt die Welt. Hört ihr das Allahrufen?
Seht ihr die Tausende den Nil durchziehen?

Es bebt die Erde unter Pferdehufen;
Sie stoßen eure Kirchentüren ein
Und schlagen Zelte auf den heilgen Stufen.

Dann bau'n auch sie, sich Tempel neu zu weihn.
Kairos Minaretts und Prachtpaläste
Erblickt die Sphinx in schimmernd weißen Reihn

Dort drüben. Blumen, Laubwerk und Geäste
Verschlingen sich zum Gartenparadies,
Im Schutz des Mokattam und seiner Feste.

Vergessen ist die Sphinx; der Faden riß;
Ein Aug' zertrümmert und ihr Leib begraben;
Dem neuen Volk ein Spott und Ärgernis.

Doch mit dem Aug', das sie vergessen haben
Ihr auszuschlagen, sieht sie klar wie je,
Den ewgen Wechsel aller Schicksalsgaben:

Sieht sinken von der stolz erklommnen Höh'
Die Wüstenfürsten, und sieht Sklavenscharen
Vom rauhen Kaukasus und seinem Schnee

Beherrschen die, die einst die Herrscher waren;
Sieht lächelnd auch die wilde Sklavenbrut
Mit blutgen Köpfen in die Hölle fahren.

Dann eine Nacht, schwarz von ersticktem Blut,
Die Welt bedeckend, öd und hoffnungslos,
Die halb betäubt in dumpfem Schlafe ruht.

Doch wieder dämmerts. Glänzend, hell und groß
Steigt diesmal aus dem Westen neues Leben.
Ob es der Himmel barg, der Erde Schoß.

Der unerschöpfliche, es uns gegeben?
Denn schöpfungsartig ist ein Auferstehn,
Ein unaufhaltsam mächtig Vorwärtsstreben.

Und wunderbare Zauberkräfte wehn
Im Sturm durch Wasser, Erde, Luft und Feuer,
Wie sie die Menschheit nie zuvor gesehn,

Sie fragen nicht, ob es ein Ungeheuer,
Ein Himmelswesen, das in ihnen schafft;
Sie wissen nur, es ist ein fremder, neuer,

Ein unbekannter Geist mit seiner Kraft.
Er reißt die alten Welten auseinander
Und überbrückt die Meere, riesenhaft.

Was nicht ein Cäsar, nicht ein Alexander
Sich träumen ließ, sie treibens wie ein Spiel;

Als lehrte sie ein höllscher Abgesandter
Mit Dampf und Feuer stürmen an ihr Ziel.
Sie blitzen sich Gedanken zu auf Drähten,

Und rauschen aufwärts, bis zum Quell des Nil.
Die heilgen Wasser, die sie mit Gebeten
Einst ehrten, führen sie in kreuz und quer
Bergauf, wenn sie auf Bergesgipfeln säten!

Sie dämmen ein, sie graben ringsumher,
Und graben selbst das alte Rätselbild,
Die tausendjährge Sphinx aus ihrem Meer

Von Sand. Ihr Lächeln auf den Lippen, mild
Und spöttisch steigt sie schweigend aus dem Grunde,
Die Züge halbverwittert, wie verhüllt.

So eines Tags, zu später Abendstunde,
Fand ich das Steingebild am Wüstensaum.
Als ich allein noch ging die stille Runde

Vor meinem Zelt. Kein Halm mehr und kein Baum.
Kein Tier, kein Mensch schien nah. Rings Mondeshelle.
Auf kahlen Hügeln lag die Welt im Traum.

Im fernsten Dunste ragt die Zitadelle
Kairos dort und seiner Minaretts.
In Nebelschleier hüllt des Niles Welle

Die Palmenufer des versunknen Betts.
Und scharfe Schatten wirft der Pyramiden
Schwarzdunkle Wucht, nach ewigem Gesetz,

Aus grauser Nähe in des Bildes Frieden:
Ein stummer Gruß aus ururalter Zeit,
In stiller Nacht, von denen, die geschieden.

Doch auch das Leben ist noch grußbereit,
Mit Lachen da, und dort mit seinen Tränen:
Manchmal am Wüstenrand, nicht allzu weit,

Hört man den Schrei der hungrigen Hyänen,
Und aus dem nahen Beduinenzelt
Die Fellahlieder, die sich endlos dehnen;

Auch manchmal wie aus einer andern Welt,
Von Giseh her das lange dumpfe Grollen,
Den scharfen Pfiff, der durch die Stille gellt,

Die Klänge unsrer Zeit, der arbeitsvollen,
Die niemals schläft. 's ist wohl der letzte Zug
Aus dem Fayum; man hört die Räder rollen

In ihrem ruhelosen Feuerflug.
Und auch vom Nil her kommt noch dumpfes Rauschen:
Ein später Dampfer hat noch nicht genug,

Das graue Steingebild schien jetzt zu lauschen;
Da hub ich an, ich fürchtete mich nicht,
Wortlos Gedanken mit ihm auszutauschen:

»Wir kommen vorwärts, altes Traumgesicht!
In jedem deiner Tausende von Jahren
Dem Glücke näher und dem Sonnenlicht!«

Da sprach's: »Ich seh die ungezählten Scharen
Der Menschen kommen und auch gehn im Nu!
Sie sind noch immer, wie sie waren,

Voll Stolz und froher Hoffnung, ganz wie du;
Doch alles, was ihr schafft, in wengen Tagen
Geht's mit dem eignen Dampf dem Ende zu.

Da wird erst Pfeifen sein und heulend Klagen! –
Doch andre kommen, hoffnungsfroh wie du.
Ich werde niemals staunen noch verzagen.«

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