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Himmlische und irdische Liebe in Frauenschicksalen

Franz Blei: Himmlische und irdische Liebe in Frauenschicksalen - Kapitel 8
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authorFranz Blei
titleHimmlische und irdische Liebe in Frauenschicksalen
publisherErnst Rowohlt Verlag
year1928
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Maria Mancini

Als die französischen und spanischen Armeen vor Casal in Italien loszuschlagen einander gegenüberstanden, da sprengte aus der spanischen Front ein junger Kapitän, hatte dem päpstlichen Legaten das Kreuz entrissen, das er nun in der einen Hand hielt und in der andern seinen Hut, den er schwenkte und schrie: »Den Frieden! Den Frieden!« Die Franzosen wollten ihn nicht hören. Schüsse fielen. Aber was er den Spaniern an Bedingungen entrissen hatte, war gut, und der Friede kam zustande. Durch den geschwenkten Hut. In diesem Jahr 1631 war der Kapitän Giulio Mazarini neunundzwanzig Jahre alt. Er gefiel dem alten Richelieu, der ihn der Königin vorstellte, der spanischen Anna von Österreich, der Mutter des vierzehnten Ludwig, mit den Worten: »Madame, Sie werden ihn gern mögen.« Mit vierzig war er ihr Liebhaber, aus dem geschwenkten Hute von Casal war ein Kardinalshut geworden und aus dem Kapitän der Herr Frankreichs, das er durch eine Frau regierte mit einer von Charme und Finesse temperierten Gewalt. Er starb mit neunundfünfzig zur rechten Zeit in den Armen seiner Mutter, der Fortuna, um nichts als dies bekümmert, daß er alle diese aufgehäuften Schätze seiner Bücher, Statuen und Bilder, Paläste und Parke verlassen müsse, – »alles das nicht mehr sehen, was mich so viel Geld gekostet hat, so viel Geld!« Von allen seinen Passionen hatte ihn nur der Geiz nicht verlassen, diesen alten immer noch schönen Mann. Und nicht der Stern seines Glückes. Er starb, als sich der vierzehnte Ludwig nicht mehr von ihm an der Hand führen lassen wollte und darauf verzichtete, nur in Balletten den Sonnenkönig nec pluribus impar darzustellen und in keinen andern Herzen zu herrschen, als in denen der Hoffräuleins seiner Regentin-Mutter. Man weiß, daß die Söhne für die Liebhaber ihrer Mutter nicht freundliche Gefühle hegen.

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7. Marie Mancini. Nach einem Gemälde von P. Mignard. Gestochen von R. Reyher

Ich will von dem Heptarchat seiner sieben Nichten und einer besonders erzählen, die sich der Onkel und Kardinal in drei Schüben aus Italien nach Paris kommen ließ, aus Familiengefühl dieses Mannes gänzlich unbekannter Herkunft, der sich aber als Ahne fühlte, also einen dynastischen Genius hatte; und aus Hausmacht-Politik; und um das Erbe besorgt. Es ist also nicht der Ort hier, den Mann der historischen Pose zu zeigen, den Mazarin des pyrenäischen und westfälischen Friedens und der Fasaneninsel und den Pazifikator Frankreichs, der vor seinen Feinden bis hinter die eigene Front flüchtete, aber der zurückkam. Nicht also diesen Mann der Geschichte, mit dem die schwere Sprache der Historie nie ganz fertig wurde, ihn bei aller Würdigung seiner Verdienste um Frankreich etwas verächtlich den Mazarin nennt, trotzdem er der größte Mann seiner Zeit war, neben dem ein Condé, der große Condé, zu einem Musketier herabsinkt und sich ein Kardinal Retz nur durch sein schriftstellerisches Talent behauptet, Retz, sein einziger Feind, der glücklich ist in einem Milieu der Kabalen, die er genießt, um kein anderes Ziel bekümmert, als sie zu beschreiben und darum vor Mazarins gutem Verstande und kalter Geduld versagte. Mazarin gab dem Kardinal Retz nie das unterste Schauspiel seines Ekels und seines Zornes, sondern schlürfte lächelnd jede Beleidigung, als ob es guter Wein wäre. Und doch verweigert die Geschichte diesem Mazarin, der fast ein Mediceer war, die Größe. Was aber ist das, die Größe? Nicht die Fähigkeiten und deren richtiger Gebrauch bestimmen sie, und nicht deren Erfolg. Vielleicht aber eine imponierende Art des Seins, sei es in der Tugend, sei es im Laster. Und diese mystische Qualität besaß Mazarin nicht. Menschen gehen unbemerkt durchs Leben und würden groß sein, käme ihnen die geschichtliche Gelegenheit. Und andere haben diese Gelegenheit und sind doch nie groß, auch wenn sie einen Stern haben wie dieser italienische Kapitän unbekannter Herkunft, dieser typische Italiener seiner Zeit im Schlechten wie im Guten. Er war hübsch, war klug und besaß eine verborgene Tiefe. Aber er war auch von liebenswürdiger Verdorbenheit, Falschheit und einer ewig gekrümmten Höflichkeit des Händeküssens. Er meinte: »Wenn man der Herr ist, verbeugt man sich nie zu tief.« Er war ein Abenteurer und hat sicher einmal mit gefälschten Würfeln gespielt und mit gezinkten Karten. Ganz nah kommt er dem Entremetteur, wenn er seine Nichten kommen läßt, um aus ihnen Instrumente seiner Herrschaft zu machen. Und wenn er später sich der Heirat seiner Nichte Maria mit Ludwig XIV. widersetzt, so tut er das in Briefen, geschrieben, um die Geschichte zu fälschen, denn nicht um die Ehre des Königs ist er besorgt und nicht um das Wohl des Staates, sondern er hat Angst, daß ihm die Nichte, indem sie ihm den König nimmt, auch die Macht entreißt. Ein Abenteurer, ein Entremetteur, ein Harlekin, ob er die Kapitänssporen trägt oder die violetten Strümpfe des römischen Monsignore oder den Purpur des Kardinals. Und er war Sicisbeo, Freund, Geliebter und Mann der Königin-Regentin, der Cavaliere servente, weibisch, seine Hände pflegend, seinen Bart kräuselnd und parfümiert wie die Gärten der Armida. Er kam aus dem Lande der Masken und trug eine seidene. Richelieu, der ihm die Leiter hielt, daß er in die Hand der Regentin steigen konnte, sagte von sich: »Ich bin von Natur furchtsam. Ich traue mich nichts zu unternehmen, bevor ich nicht viel darüber nachgedacht habe. Aber hab ich mich einmal entschieden, geh ich gerade aufs Ziel los. Ich stürze um, ich haue nieder, aber ich decke das alles mit meinem roten Kardinalsgewand.« Das traf Mazarin nicht. Sein rotes Kleid verbirgt nicht den Abenteurer, den Maskenträger, den Sicisbeo. Er bleibt so auf eine reizvolle Weise menschlich. Aber das heißt nicht »groß« sein vor dem Forum der politischen Begriffe, welche die Geschichte konstituieren.

Bei der Erziehung seiner Nichten hatte der Onkel nicht gespart, und es waren köstliche Ladungen, die da in Kutschen aus Italien kamen, um alsbald in den höchsten Familien und Herzen Frankreichs untergebracht zu sein. Laura Mancini wurde Herzogin von Mercoeur, Anna-Maria Martinozzi wurde die Prinzessin Conti, Laura Martinozzi wurde Herzoginregentin von Modena, Olympia Mancini wurde Connetable Colonna, Hortensia Mancini Herzogin von Mazarin, Maria Anna Mancini Herzogin von Bouillon, ein Neffe Philipp Mancini wurde Herzog von Nevers, ein zweiter und ein dritter Neffe – aber von allen zehn Kindern zweier fleißiger Mütter und allen zehn Nichten und Neffen des versorgenden Onkels soll nur die burlesk-phantastische Lebensgeschichte der Maria Mancini erzählt werden, so schön, seltsam und gefährlich auch diese ganze Brut war, die da, aus obskuren Nestern aufgeflogen, nichts als Mancini und Martinozzi hießen, aber am Pariser Hofe lebten wie von fürstlichem Geblüt, voll Schönheit, extravagantem Geist und feinstem Geschmack den belauschten Ton angaben in den leichten Futilitäten des Tages sowohl, in Mode und Möbel und Festen, wie auch im Urteil über Bücher, Musik und Werke der Kunst; sich den Ruf schufen, aber auch die unheimliche Legende, denn als ob es das natürlichste von der Welt wäre, konnte eine dieser Nichten sagen und schreiben, daß sie ihren höchst braven Gatten meide, denn es könnte ihm einfallen, sich wegen ihrer Streiche auf Italienisch zu rächen, indem er sie vergifte. Jede von ihnen eine große Dame, durchbrach jede von ihnen in jedem Augenblicke, der einem Abenteuer günstig schien, die Schranke, und war es nicht mehr. Auch die sehr fromm gewordene Gräfin Conti, die jung starb, lockte das Abenteuer von Port Royal zur unmäßigsten Beziehung zum lieben Gotte, an den keine andere der Nichten glaubte, abergläubisch wie sie lebten inmitten von Astrologen und Wahrsagern, seltsamen Tieren und Zigeunern des Lebens. Sie liebten das Abenteuerliche um seiner selbst willen. Darum konnte sie nie ein Fehlschlag enttäuschen. Sie fingen eben etwas anderes an. Etwas noch Gewagteres. Etwas ganz und gar Verbotenes. Das allein schien ihnen das Vergnügen zu enthalten. Sie waren bar jedes moralischen Sinnes. Durchaus die Nichten ihres Onkels, der überzeugt war, daß nur die Dummköpfe das Leben mit ungefälschten Würfeln spielen. Mit dieser Weisheit hatte er ja auch im Laufe von zwanzig Jahren äußerer und innerer Kriege einen Reichtum erworben, der seinesgleichen bis auf ihn nicht hatte. Als er starb, hinterließ er, was man auf hundert Millionen schätzte, das Jahresbudget Frankreichs betrug damals insgesamt die Hälfte. Mazarin war der umfassendste Armeelieferant, den die Geschichte kennt. Er verkaufte sogar das Trinkwasser an die Soldaten in den Laufgräben. Seine honneteste Form, zu Geld zu kommen, war der Griff in die königlichen Kassen. Sein Vater soll Kammerdiener bei den Colonnas gewesen sein.

So was Ähnliches hatten die Nichten in Italien zurückgelassen, einen Vater Wahrsager, einen Vater Kammerdiener und fanden in Paris das Haus ihres Onkels mit einem militärischen und zivilen Hofstaat wie das des Königs selber, ohne auch nur eine Sekunde über solchen Wechsel zu staunen oder im Schritt zu zögern, der an Leibwachen vorbeiführte, die Offiziere aus den ersten Familien des Landes kommandierten. Es war ihr Blut, das ihnen alles dies als das Selbstverständlichste und Natürlichste der Welt erscheinen ließ. Konnte Maria Mancini, als sie des jungen Königs erste Geliebte wurde, zweifeln, daß sie Königin von Frankreich werden würde?

Die Schwester Conti war eine Heilige, die Schwester Olympia Gräfin de Soissons eine Verbrecherin, Maria war, wie Saint-Simon sagt, »eine Verrückte, aber die beste der Mazarinen«. Mit dem zweiten Nichtenschub, dem vom Jahre 1653, war sie in Paris eingetroffen, ein Wunder an Häßlichkeit und so zwischen dreizehn und vierzehn. Der Hals war zu lang und die Arme hörten nicht auf. Im gelblichen Gesicht ein großer flacher Mund. Die Augen hart und schwarz. Kein Anzeichen, daß daraus einmal was Besseres werden könnte und etwas wie Charme die Häßlichkeit erträglich machen. Aber mit ihrem Witz war sie ihrem Alter voraus. Madame de Lafayette sagte von diesem Geist des zotteligen halbwilden Scheusals: »Elle l'avait hardi, résolu, emporté, libertin et éloigné de toute sorte de civilité et de politesse.« Ludwig hat es später selber gesagt, daß er mit zwanzig Jahren wohl in allen ritterlichen Fertigkeiten des Leibes geschickt, aber im übrigen ein völliger Ignorant gewesen sei. Der Kardinal ließ ihn nichts lernen, und Nichtgelerntes zu erraten war der junge König zu mittelmäßigen Verstandes gewesen. Er zitterte, gab er einem hübschen Mädchen die Hand. Wurde rot und blaß. Der Schüchterne hatte von der Liebe Gefühle erwartet, die ihm daraus entgegenstürmen würden, aber die Kammerfrau seiner Mutter äußerte nur Respekt dabei, das Gärtnermädchen lachte und die überaus erfahrene Herzogin von Châtillon hatte gelächelt, als sie den Knaben voll Ungeschick in den Schätzen ihrer Erfahrung wühlen und so ahnungslos wählen sah, um dem Gefühle etwas zu finden, das bei ihr längst schon nichts als Geschicklichkeit geworden war. Bei diesen Hirtinnen gab es nichts zu schwärmen, zu träumen, zu disputieren und zu weinen, was alles ein schüchterner junger Mensch verlangt, wenn er liebt. Als Maria Mancini den Connetable heiratete, war der, so wird behauptet, sehr erstaunt, in dem so wenig unschuldigen und in Liebessachen so erfahrenen Mädchen eine Jungfrau zu finden, – »er hatte«, so schreibt die Schwester Hortensia, »es nicht für möglich gehalten, daß die Liebe des Königs keusch gewesen war«. Man braucht das nicht so wörtlich zu glauben, aber daß Maria, dieses Mädchen »schwarz wie eine Backpflaume«, die bezaubernden Mittel ihrer Liebe mehr dem romantisch-schwärmerischen Inventar entnommen hat als dem leiblich-sinnlichen, das wird man nicht bezweifeln können. Dieses Mädchen war zu aufgeweckten Verstandes, um nicht zu merken, daß es weit mehr die Schwärmerei war, die dieser junge Mensch suchte und liebte und die er bisher nicht kennengelernt hatte, sondern nur sein ihn etwas beschämendes sinnliches Ungeschick bei Frauen, die damit ihre erzieherische Pflicht zu erfüllen meinten und nicht mehr taten als sie konnten.

Und anderes noch wirkte, daß das junge Paar sich füreinander erlesen und miteinander verbunden fühlte. Maria haßte ihren Onkel, der, von der Häßlichkeit und Ungebärdigkeit seiner Nichte beleidigt, sie mit Auszeichnung schlecht behandelte. Und Ludwig haßte den Liebhaber seiner dummen Mutter, die für den jüngeren Philipp von Anjou, seinen Bruder, größere Liebe zeigte als für ihn. Als der zwanzigjährige Ludwig auf den Tod lag und alles schon für Philipp als den Thronerben umpackte, da war es allein Marie Mancini, die Häßliche, die sich einem wilden Schmerz hingab, was man dem Rekonvaleszenten zu erzählen nicht versäumte und was, wie die Madame Lafayette bemerkte, Maria ihm ja wohl auch in der Folge öfters erzählt haben dürfte. Man war nachsichtig gegen diese Liebe geworden, da ja doch hinter dem jungen Mann der Tod stand. Man war äußerst davon alarmiert, als der dunkle Schatten wich und das Licht wieder auf die Krone auf Ludwigs Haupt fiel; denn Maria wollte Königin werden. Weil es ihr als etwas ganz Natürliches zukomme, nicht aus der leeren Eitelkeit der Mätresse, für die der Liebhaber nur das Mittel einer großen Karriere und Sicherheit für die immer Unsichere ist. Für einen so kurzen Gedanken war Maria Mancini zu bedeutend, sowohl in ihrem Geiste wie in ihrer Leidenschaft und, das wußte sie, zu bedeutungsvoll für ihren Geliebten, den sie durch ihre stürmische Liebe zum Manne machte und davor bewahrte, aus einem glücklichen Sardanapal ein weichlicher Sultan zu werden. Wofür sie den Grund legte, das hat dann Madame de Maintenon, eine der respektabelsten Frauen der Geschichte, vollendet. Die wohl häßliche, sonst aber tapfere, stolze, geistvolle und generöse Sizilianerin hat den vierzehnten Ludwig, der alle Anlagen dazu hatte, davor bewahrt, ein fünfzehnter zu werden, indem sie ihn das Gefühl der Liebe erleben ließ, seine leere Eitelkeit in den Stolz auf große Dinge wandte und den unwissenden Menschen dazu brachte, zu sehen, zu lesen, zu lernen und sich bewußt zu werden, daß er einmal der König über dieses Land sein würde und daß dieses etwas bedeuten müsse. Zum Abschied sagte sie ihm: »Ihr liebt mich, Ihr seid König, und ich gehe.« Er hat bei dieser Geliebten in den sechs Monaten mehr gelernt, als in seinem ganzen Leben bisher. Er lernte bei ihr, sich zu schämen, ohne jeden Ehrgeiz so hinzuleben und keine höheren Wünsche zu kennen, als einen neuen Ballettschritt zu lernen, ein neues Kostüm zu probieren, sich mit Buffonen zu unterhalten und im Gespräche mit Männern zu versagen und ernste Dinge nichts als langweilig zu finden. An Jahren jünger, war sie die ältere. Sie führte, er folgte. Wie sein Schatten war sie unzertrennlich von ihm, und er hatte nur Auge und Ohr für diese Geliebte, die seine Egeria geworden war, die er bewunderte, der er vertraute und der er zärtlich dankte. Sie sagte über die Schranke jedes Convenüs wegsetzend alles was sie dachte, und er bekam daraus Mut, sich etwas zu denken und zu sagen, was er sich dachte. Ihre Klugheit fragte er um Rat. Kaum mehr zu merken, so niedrig war die Staffel geworden, um die er höher und dort stand, wo die dicke Regentin-Mutter, von Mazarin besorgt und geliebt, auf dem Thron saß. Kaum einer Bewegung hätte es bedurft, kaum zu merken wäre es gewesen, hätte sie auch den andern Fuß noch hinaufgezogen, um neben dem König und vor dem Thron zu stehen. Wenn der Onkel Mazarin, die spanische Anna und die hohe Politik königlicher Ehen nicht gewesen wären, mit denen man Kriege anfing oder endete.

Es ist das ungewöhnliche Leben einer Frau zu erzählen – und jedes Frauenleben ist paradigmatisch und erzählenswert –, nicht der Staub von einem intriganten Hoftheater zu klopfen, geben die Akteure sich und ihrer Staatsaktion auch noch solche Wichtigkeit. Die achtundfünfzigjährige Anna von Österreich schreibt an Mazarin die heißesten Liebesbriefe, die der kluge und höchst geschmeichelte noch ältere Mann nicht weniger heiß beantwortet. Vielleicht ließ einige Scham den unbändigen Stolz dieser Spanierin so absurd in allen andern Dingen werden, denn Mazarin genierte sich nach einer ersten Zeit der Liebe nicht, recht ehelich grob und gleichgültig zu werden, was um so stärker traf, als er in der Öffentlichkeit von den feinsten Manieren war. Aber die sonst so indolente verliebte alternde Frau nahm es hin, obzwar sie wußte, daß nur ihre Treue den verhaßten Mann so und so oft vor der Rache der Fronde gerettet hatte. Auch er wußte, daß er nur dem Wunder dieser Liebe sein Leben verdanke. Auf diese Liebe hin glaubte er alles wagen zu können. War er doch der wirkliche Souverän Frankreichs! Durch seine geschickt verheirateten Nichten war er mit dem Hause Bourbon verwandt, mit Modena, mit Savoyen. Olympia, die dann den Savoyer geheiratet hatte, wäre beinahe Ludwigs Frau geworden, man wartete nur auf ein Zeichen von ihm, das aber nicht kam. Marias Traum war nicht so müßig. Es kam nur auf den Onkel an. Denn die Königin-Mutter würde nur seinen Willen tun.

Mazarin war ehrgeizig, aber kein Narr, der leeren Träumen nachjagte. Er dachte nicht daran, sein Geld und seine Macht zu riskieren einem nichtigen Ruhme zuliebe. Er brauchte Sicherheiten, um seine Zustimmung geben zu können. Aber die Nichte war ein phantastisches, unberechenbares Geschöpf, bar aller Schlauheit und Berechnung. Sie verteidigte ihre Liebe mit nichts als den wilden Mitteln der Liebe, kämpfte mit Krallen und Zähnen darum wie ein Tier um sein Junges. Und die spanische Anna war in der Affäre nichts sonst als Rasse und Blut und jedem Worte Mazarins unzugänglich machte sie aus dem Liebhaber einen Angestellten, dem man mit der Entlassung droht. Er präsentierte Margerete von Savoyen als künftige Gemahlin Ludwigs, die dann als Königin von Frankreich Kusine der Olympia geworden wäre. Die Regentin-Mutter war für die spanische Infantin. Aber auch dieses Eisen hatte Mazarin bereits ins Feuer gelegt, als man sich zur Begegnung mit Savoyen nach Lyon begab, denn hier weilte, ganz zufällig natürlich, der spanische Gesandte.

Ludwig und Maria ritten Seite an Seite nach Lyon. Und waren hier nicht zu trennen. Erst im äußersten Moment, als man der Savoyerin entgegenfuhr, bestieg er die Karosse seiner Mutter. Und war der willfährigste junge Mann und Sohn, der sich zu verheiraten wünschte. War Maria nicht da, war der Zauber gebrochen. Unter ihrem Wort und Blick lebte er auf.

Alle Welt erschrak über die Häßlichkeit dieser Margerete. Nur Ludwig fiel das nicht auf. Er stieg in ihren Wagen und unterhielt sie von seinen Musketieren. Sie ihn von ihren Gendarmen. Als ob sie sich schon Jahre gekannt hätten. Die savoyische Mama war entzückt, die französische Mama war konsterniert. Und sparte am gleichen Abend dieses burlesken Tages nicht mit Vorwürfen an ihren Sohn, verspottete ihn wegen der Häßlichkeit dieser Prinzessin, bat ihn, beschwor ihn, weinte und bekam nur zur Antwort, daß sie es doch so gewollt habe und daß er außerdem der Herr sei. Anna lief zu Mazarin, der vorsichtig erklärte, daß ihm das alles nichts anginge, es seien nicht seine Affären. Anna lief in ein Kloster und ließ Nonnen eine ganze Nacht beten, daß aus dieser Heirat nichts werde. Aber was sie, Mazarin und alle angerufenen Heiligen des Himmels nicht vermocht hätten, das brachte Maria Mancini zustande. Von allem unterrichtet fiel sie Ludwig, weder resigniert noch klagend, sondern nichts als eifersüchtig an, zunächst mit dem Spott: »Schämen Sie sich nicht, daß man Ihnen eine so häßliche Frau geben will? Und einen Buckel hat sie auch!« Und dann ließ sie einen Sturm leidenschaftlicher, schamloser und frecher Worte über ihn los, – und am andern Tage hatte der die Savoyerin vergessen.

Er gab Arm in Arm mit Maria ein offenes Schauspiel seiner Passion, und die bestürzte savoyische Hofgesellschaft ließ die Kutschen wenden, um heimzufahren. Mazarin entschuldigte sich, indem er den spanischen Gesandten vorschob und den Wunsch der Regentin. Und revidierte seine Ansichten über seine Nichte. Vielleicht setzte er überrascht auch einmal die Leidenschaft einer Liebe in das politische Kalkül. Er ließ die beiden einen glücklichsten Winter erleben. Brächte er Maria auf den Thron, würde das seine Stellung nicht erschüttern; durch sie würde er den König beherrschen. Mit der Mutter würde er fertig werden. Sie würde wütend sein. Aber sie ist die Vergangenheit. Vielleicht würde sie auch versöhnt nachgeben. Er kannte seine wirkenden unfehlbaren Mittel gegen die alte Frau.

Er sprach mit der Nichte. Sie wäre so weit, erklärte sie, es käme jetzt nur noch auf seine Unterstützung an. Er sprach, etwas zweideutig vorsichtig, mit der Regentin, machte sich über die Narrheit Marias ein bißchen lustig, aber doch nicht so viel, daß die Frau nicht merkte, was er für eine Antwort erwartete. Frau von Motteville hat was Anna sagte aufgeschrieben: »Ich glaube nicht, Herr Kardinal, daß der König einer solchen Niedrigkeit fähig ist. Aber sollte es doch so sein, mache ich Sie aufmerksam, daß sich ganz Frankreich gegen Sie und gegen ihn erheben wird und daß ich mich an die Spitze der Revolte stelle mit meinem Sohn Philipp.«

Mazarin rächte sich an Anna – als Gatte. Aber zog sich von Maria zurück, nicht um ihre Sache aufzugeben, sondern sie mit höchster Vorsicht zu fördern und zum Gelingen zu bringen. Aber Marias Ungeduld konnte die Chancen weder wägen noch abwarten. Mit dem politischen Onkel schien ihr die Sache verloren. Sie stellte sie also auf nichts als sich selber. Nahm es auf sich, den Kardinal mit Spott und Witz zu vernichten, und der König fand Geschmack daran und tat mit. Mazarin zog die Stirne hoch. Er wußte, der Tag, an dem die Nichte den Thron besteigt, ist seiner Tage letzter. Er vermißte durchaus die Sicherungen, und Maria war, fortgerissen von ihrem Temperamente, nicht klug genug, ihm solche vorzutäuschen. Da blieb dem Kardinal nichts anderes übrig, als seine Ehre, das Staatswohl und den Ruhm des Königs zu entdecken. Er wurde, wie es der Memoirist Choisy formulierte, »der Held aus Verachtung für eine Krone«, und arrangierte die spanische Hochzeit. Maria war in dieser Liebe und im Kampfe um sie, den sie gegen die Regentinmutter, den Kardinal und die andern Nichten des Kardinals führte, eine hübsche Frau geworden, wenn auch keine schöne. Denn ihre Nase war zu lang, und die etwas schief gestellten Augen und die hinaufgezogenen Mundwinkel ließen sie bizarr aussehen. Aber die Lippen waren rot und die Zähne weiß, die Haare schwarz und der ehemals braune Teint war blasser geworden. Doch von ihren Leiblichkeiten ging ja nicht die Verführung aus. Sondern von dem Dämon, der in ihr steckte. Der astrologische Vater hatte aus ihren Sternen gelesen, daß sie eine Welt zugrunde richten würde. Er hat falsch gelesen. Maria Mancini hat sich nur selbst zugrunde gerichtet, indem sie ihrem Dämon folgte.

Dieses Mädchen war toll in der Wahl ihrer Kampfmittel, aber weder die Intrige noch die Perfidie waren darunter. Sie begleitete den König in das Schlafgemach seiner Mutter, und der so respektvolle Sohn erlaubte sich Frechheiten. Anna drohte ihn nach Val-de-Grâce zu schicken, ins Kloster. Er antwortete ihr, daß sie weit eher dahin gehen könne.

Keinen Augenblick ließ Maria den Geliebten allein. Immer hörte er und horchte er auf ihre Stimme, sah den Blitz ihrer Augen, drohend, lachend, vernichtend.

Was in zwei jungen Menschen jene Illusion eines Gefühles hervorruft, das sie beglückt Liebe nennen, ist gleichgültig, da das Wesentliche ja eben diese Illusion ist und daß sie zustande komme, Auf die Motive geprüft ist Liebe ein äußerst komplexer Zustand, und es laufen diese Motive vom Banalsten bis zum Sublimen und bestehen nebeneinander in gleichem Rechte und mit gleicher Stärke. Für das, was man die wahre Liebe nennt, wird immer die Beteiligung des »Herzens« als das Wichtigste und Wertgebendste angenommen, und wo »das Herz« fehle, wird dem Gefühle so Bedeutung wie Wert abgesprochen. Aber was ist das schon, »das Herz«? Ist es wirklich eine so eindeutig bestimmbare Sache und klar ablesbar aus der Beziehung zweier Menschen? Oder ist »das Herz« nicht gerade das undeutlich gelassene Reservoir, besser die vermeint köstlichste Pumpstelle für halbe Gefühle, halbe Denkungen und Mischprodukte daraus, von denen man meint, sie seien das Superbeste, bloß weil man vermeidet, hinzusehen, aus Scham, aus Bestürzung, aus Klugheit? Man hat, um die Illusion zu behalten, ein vitales Interesse daran, auf die Quellen, welche diese Illusion speisen, keinen Blick zu werfen, der immer nur ein Einzelnes faßte, vor dem man erschrickt. Denn dieses Einzelne kann die Lust sein, der Vorteil, die Klugheit, der Stolz, die Pflicht, die Gewöhnung, die Eitelkeit, das Mißtrauen gegen sich selber, das sich durch die Hingabe eines andern aufgehoben wähnt, es kann die Angst vor dem Alleinsein sein, Furcht vor dem Leben, aber auch Haß, Vernichtungswille, Grausamkeit – und vieles noch und nie bloß dieses oder das, sondern alles das in vielfach gradierten Dosen. Man sagt, daß diese unteren Quellen wie Schleier und Masken vor einem Herzen hängen, das leer ist, und daß solche Täuschung notwendig sei, weil anders der Mensch es nicht ertrüge, mit zwanzig Jahren wahrzunehmen, daß er ein leeres, für Liebe unfähiges Herz habe. Vielleicht ist es so, denn wenn immer wir wahrnehmen, daß ein zwanzigjähriger Mensch Liebe nur kennt und übt als eine egoistische Routine, da geben wir der Zukunft eines solchen Lebens so gut wie nichts.

Die verzweifelte Königin-Mutter, der von seiner Nichte immer wieder gefoppte Onkel, der ganz in dem Kinde verfangene König, den der Minister mit der Drohung, seinen Abschied zu nehmen, vergeblich umzustimmen sucht, das um ihren Geliebten mit Leidenschaft und List kämpfende Kind, die jenseits der Pyrenäen hergerichtete spanische Braut: das politische Europa wartete in höchster Spannung auf die Peripethie dieses es aufregenden ungewöhnlichen Stückes, das in keinem geringeren als Racine seinen Dichter fand, in der Berenice.

Ludwig warf sich vor der Mutter und Mazarin auf die Knie: er könne solches Liebesleid um seinetwillen nicht ertragen und er wolle Marie heiraten. Die Mutter war gerührt. Aber der Kardinal hatte seiner Nichte schon zu arg mitgespielt mit Verbannung und Einsperren, als daß er ihre Rache nicht zu fürchten gehabt hätte: er sei der Herr seiner Nichte, erklärte er, und würde sie lieber erdolchen, als sich durch einen so großen Verrat der dynastischen Interessen zur Würde königlicher Verwandtschaft erheben.

Von diesem Kampf verliebter Leidenschaft mit der politischen Intrige gibt es ein dreifaches Zeugnis: das Racines in der sublimierenden Sprache seines Trauerspieles, das einer aufmerksamen Augen- und Ohrenzeugin in der Frau von Motteville und das der Maria Mancini selber in ihrer Apologie. In der politen Sprache des Dichters geht nichts von der Heftigkeit der Gefühle einer von ihrem Geliebten verlassenen Frau verloren:

's ist also wahr, daß Titus mich verläßt –

Trennung soll sein! Und er ist's, der's befiehlt! wie es jambisch unserm Ohr besser klingt als in den Alexandrinern und ihrem pointierenden Reimpaar. In der Zwiesprache wirft Berenice Titus vor, daß er sie in ihrem Gefühle ermutigt habe und doch nicht daran gedacht hätte, sie zu ehelichen. Er hätte ihr besser sagen sollen:

Gib nicht ein Herz, das nicht hinnehmbar sein kann!

Und von der sich erweichenden Starre des Titus sucht sie gleich zu gewinnen:

Wenn's wahr ist, Herr, weshalb dann Trennung, sagt!

Aber schon erwacht Titus wieder zu seinem Entschluß. Und Berenice verläßt mit der Drohung, sich zu töten, das Gemach, kommt aber gleich zurück, da Titus sie ohne ein Wort gehen ließ. Sie tobt, sie wird ironisch, sie weint, sie stürzt hin, sie hat eine Nervenkrise wie man heute sagt. Und reißt Titus mit hinein, daß er mit ihr weint.

Ihr, Ihr seid der Kaiser, Herr, und weint!

läßt Racine Berenice zu Titus sagen. Nach Frau de Motteville sagte Maria Mancini in der Wirklichkeit dieser Szene: »Sie weinen, und sind der Herr!« In ihren Erinnerungen zitiert Maria, was sie dem König gesagt hat, so: »›Sire, Sie sind König und lieben mich, und doch dulden Sie es, daß ich gehe!‹ Darauf antwortete er mir mit einem Schweigen, und ich zerriß ihm die Ärmelspitze, als ich ihn verließ und sagte zu ihm: ›Ah, ich bin verlassen!‹ Je suis abandonnée! – diesem Aufschrei hat Racine mit seinem »Ihr weint und seid die Majestät« nur ein schwaches Echo gegeben; hier glättete der Vers die Natur zu stark.

Es gab eine Trennung und keine. Man fand Wege zueinander, die der düpierte Onkel selber bereitete, ohne es zu ahnen. Er ging der kleinen Person in jede Falle. Sie war ihm überlegen. Und auf die erneute Drohung, sich samt seiner Nichte nach Italien zurückzubegeben, antwortete der König, er werde die Nichte heiraten und für ihn würde sich, falls er die Geschäfte aufgebe, schon ein anderer finden, der sie gern übernehme. Mazarin ist fast geneigt, nachzugeben. Sein Widerstand, mit dem er erst so stolz getan, wird schwächer. Vorsichtig zieht er sich in seine Liebe mit Anna von Österreich zurück, deren Zärtlichkeit in neue Blüte kam, als sie ihren schönen Geliebten so tapfer für die Interessen der Dynastie gegen die seiner Familie kämpfen sah. Mazarin glaubte, eine Position nicht mehr halten zu können, ohne die seine ganz zu verlieren. Er wiederholt sich: Mit der girrenden Anna würde er fertig werden. Ihre Verliebtheit würde zustimmen. Aus dem frondierenden Adel machte er sich so gut wie nichts. Denn ihn unter das Königtum zu beugen und wenn's sein mußte zu brechen war die Erfüllung des ihm von Richelieu hinterlassenen politischen Testaments, wenn er es auch mit andern, weniger gewalttätigen Mitteln als sein Vorgänger ausführte. So schrieb er an den König: »Ich habe eine solche Verehrung und einen so tiefen Respekt für Ihre Person und alles was von ihr kommt, daß ich nicht einmal den Gedanken fasse, das Geringste zu bestreiten. Im Gegenteil habe ich nicht das leiseste Bedenken, mich Ihren Gefühlen zu unterwerfen und zu erklären, daß Sie in allem Recht haben, Sire.«

Es stand alles außerordentlich günstig für Maria. Man hätte Hochzeitsvorbereitungen treffen können für den Schluß des letzten Aktes dieser Komödie. Dem Schlusse bei Racine, wo Berenice aus reinem Heroismus auf Titus verzichtet, ein ganz anderes Substrat geben können. Es war die Heldin selber, die dem, was sich nun als nichts weiter als ein Convenü vollziehen und so ab- und auslaufen hätte können, eine höchst überraschende Wendung in die Natur gab, aus ihrer Natur. Denn nicht daß die in ihrem Exil so gut wie eingesperrte auf schmale Kost gesetzte Maria nichts von der Geneigtheit ihres Onkels nachzugeben wußte, und hörte, daß die spanischen Heiratsverträge geschlossen seien, nicht dieses motiviert ihren plötzlichen Entschluß, auf den König zu verzichten, wie sie Mazarin schrieb. Sondern: im äußersten Augenblicke der ihr günstigen Entscheidung merkt sie ihre Leidenschaft ausgebrannt und nur mehr die Asche beleidigten Stolzes ist übrig und daß sie mit vielen Mitteln um die Ehe mit einem Mann gekämpft hatte, der nur schwach immer wieder erlag wie ein Knabe, aber nichts tat wie ein Mann. Oder: es war diese Liebe nichts als eine Sache des Kopfes geworden, der nun der Anstrengung sich als Passion zu gebärden müde, nicht weiter will. Was wie eine unbegreifliche Laune des Herzens aussieht, ist ein sehr natürlicher Vorgang des Hirns, das sich in Monaten erschöpft hat, Herz zu spielen. Das kluge Hirn sagt: besser verzichten als den Abschied bekommen. Und das befragte Herz erklärt sich für nicht mehr interessiert.

Mazarin, der gestern noch seine Nichte eine gefährliche Närrin genannt und entsprechend behandelt hatte, gibt seiner Freude über die Wendung den höchsten Ausdruck damit, daß er, der Geizhals, seine Börse öffnet und Maria jeden gewünschten Betrag zur Verfügung stellt. Er empfiehlt ihr, zu heiraten, hat auch schon in dem Connétable Colonna einen Mann, den aber Maria mit einem andern, an den sie denke, ablehnt; und er rät ihr den Seneca zu lesen, da sie sich nun für die Moral entschieden und dieser Seneca so vortrefflich darüber geschrieben habe. Am meisten profitiert die alte kuhäugige Anna, denn der verärgerte unfreundliche von der Gicht geplagte Mazarin wird wieder zärtlicher Philemon dieser Baucis. Ludwig aber ist so beleidigt darüber, daß man ihn ausschlagen kann, daß er seine Liebe zur Infantin Marie Therese entdeckt. Überlegungen, daß es ohne Mazarin in der Politik ein bißchen schwierig werden könnte, helfen nach. Der König versteht nichts von den politischen Geschäften und der Friede ist noch nicht unterzeichnet, würde es auch kaum werden, hätte er statt der Infantin irgendeine Demoiselle Mancini geheiratet. Schon am 6. Juni 1660 wird die spanische Hochzeit gefeiert. Der Roman mit der Heldin Maria Mancini ist aus. Der Roman der Abenteurerin Maria Mancini beginnt.

»Wenn ich den Prinzen Karl von Lothringen nicht zum Gatten bekomme, gehe ich ins Kloster«, schwört Maria, und dieser Karl hat wie früher der König völlig den Kopf verloren. Auf der Heimreise von der Hochzeit hatte Ludwig eine sentimentale Anwandlung, die einzige seines Lebens: er ließ seine Frau in Saintes warten, um nach Brouage zu reiten, hier die Tränen der Einsamen, Verzichtenden, Verlassenen zu trocknen. Im Schmerz, im untröstlichen, eines Opfers wollte er noch einmal die Freuden, geliebt zu werden, genießen. Er wollte eine Liebe sehen, die um ihn leidet. Aber in Fontainebleau erfuhr er, daß er schon einen Nachfolger gefunden habe. Auch ein anderer Mann als dieser, der einzig auf dem Thron und in den Herzen sein wollte, hätte diese Nachricht übel aufgenommen. Daß er sich in diese Frau mit zweifelhaften Nachfolgern teilen sollte, das erlaubte ihm sein königliches Metier nicht. Er hielt sich jetzt und künftig an den andern Teil, an das Oder von Maria Mancinis Schwur: das Kloster. Daß sie ihn trotz des Lothringers noch immer lieben könne, wenn auch in bloßer Eifersucht auf die andere, eine solche Ambianz des Gefühles ließ, so natürlich sie war, das Schema seiner Absolutität nicht zu und auch nicht jene männliche Grausamkeit, die den Tod der Geliebten aus Gram dem vorzieht, daß sie sich mit einem andern tröstet. Bei der ersten Zusammenkunft, wo Maria der Königin vorgestellt wird, kann es sich der König nicht versagen, seiner früheren Geliebten die Vorzüge seiner Frau zu rühmen.

Alle politischen Affären waren geordnet mit dem pyrenäischen Frieden, und Mazarin konnte sich ohne weitere Sorgen solcher Art in das Privatleben seiner Gefühle und Neigungen zurückziehen, ohne Furcht, daraus Opfer bringen zu müssen. Seine eben noch höchst geliebte Nichte Maria wurde unter die gespannteste Aufmerksamkeit ihrer Gouvernante gestellt, ihr Einkommen auf das geringste reduziert und ihr die Heirat mit dem Prinzen Karl verweigert, der sich rasch mit einer andern tröstete, so daß Maria zwei verlorene Liebhaber zu betrauern hatte. Die von der Laune des Kardinals abhingen, hatten nichts zu lachen. Die Gicht und die Blasensteine machten ihn noch geiziger, als er von Natur aus war. Der Königin zahlte er nur die Hälfte ihrer Revenuen aus und diese in gekippten Goldstücken, die er selber mit der Waage aussuchte. Seine Nichte Hortense wollte und konnte den Karl Stuart heiraten, er hatte es verhindert, und zwei Monate später war dieser Stuart als Karl II. König von England –, daß es ihm nicht gelang, diese verpatzte Geschichte in Ordnung zu bringen, bekam die Österreicherin zu spüren, die er »wie eine Kammermagd« behandelte. Er ahnte seinen Tod und ordnete, fluchend inmitten seiner Schätze, was noch zu ordnen war. Wie einen Gegenstand auch seine Nichte Maria, die er an den Colonna verheiratete. Daß er das nicht verhindere und ihr zu dem Lothringer verhelfe, warf sie dem König in einem Briefe vor, der seinen Gefühlen, wenn noch etwas davon da war, den Rest gab.

»Endlich ist er verreckt«, rief die ganze mazarinische Familie, als die Nachricht kam, der Onkel sei gestorben, dieser Onkel, dem diese Familie allen ihren Glanz verdankte. Gleich darauf richtete der König Marias Hochzeit mit dem Colonna aus und schickte die Braut zu ihrem künftigen Mann nach Italien. »Sie erlebte den Schmerz, vom König aus Frankreich gejagt zu werden«, schreibt die Madame de Lafayette, aber sie, die erst daran zu sterben meinte, überlebte ihn. Der wie alle andern toll verliebte Colonna, beau cavalier et fort hônnete homme, ertrug alle üblen Launen und Bösartigkeiten seiner Frau, die ihn nicht ausstehen konnte. Plötzlich liebte sie ihn. Von einer Minute zur andern. Und es gab die glücklichste Menage mit einer ganzen Menge Kinder. Der Colonna war der beste, der nachgiebigste, rührendste aller verliebten Gatten. Keine Laune seiner Frau, die er nicht sofort befriedigte. Und sie hatte viele und seltsame Launen. Selbst ihre Kindbetten machte sie zu prunkhaften Festen. Nach ihrer ersten Niederkunft empfing sie das heilige Kollegium der gratulierenden Kardinäle in einem Bett, das die Form einer goldenen Muschel hatte, in der sie als Venus lag. »Die Muschel schien auf den Wellen eines Meeres zu schaukeln«, erzählt Maria in ihren Memoiren, »so gut nachgemacht, daß es nichts Wahrhafteres gab. Die Muschel wurde von der Kruppe vierer Seepferde getragen, auf denen Sirenen ritten, in einem Material wie Gold geschnitten. Ein Dutzend Kupidos hielten als Agraffen die Bettvorhänge aus reichem Goldbrokat und ließen sie so geschickt fallen, daß nur das zu sehen war, was gesehen zu werden verdiente.«

Gab es kein solches Kindbett, so Maskeraden, Karussells, Bankette, Reisen, Bälle bis zur fünften Niederkunft, die ein bißchen schwierig und schmerzlich war, so daß das schöne Schauspiel der Venus in der Muschel nicht aufgeführt werden konnte. Maria erklärte daher ihrem Gatten, sie hätte genug Kinder und wolle mit diesen Sachen nichts mehr zu tun haben. Als sich der Connetable anderwärts das Vergnügen holte, das zu gewähren ihm seine Gattin sich weigerte, wurde sie eifersüchtig. Als das nichts weiter nützte, tat sie etwas ganz Dummes: sie rächte sich mit Liebhabern. Das war leichte und zu leichte Arbeit, denn kein Mann, den die Dreißigjährige in höchster Entfaltung ihrer Reize wollte, widerstand. Es war auch nicht Liebe, was sie da beschäftigte. Nicht einmal deren Vergnügungen. Sondern damit verbundene Extravaganzen und Streiche. Der häßliche Kardinal Flavio Chigi, Neffe eines Papstes, war mit seiner Verdorbenheit und Lustigkeit der geeignete Mann, zu jedem Unsinn immer bereit. Nur gerade zur Hälfte angezogen, sollte er einer Kongregation präsidieren, als ihn Maria in einem Wagen aufs Land entführte und ihn bis zum Abend bei sich behielt. Ein anderesmal nahm sie ihm seine Kleider weg, zog sich als Kardinal an und wollte an seiner Statt Audienz geben. Als Diana kostümiert zog sie vierzehn Tage lang mit ihm jagend durchs Land und übernachtete in den Wäldern. Die kirchliche Zucht Roms in dieser Zeit konnte sich einen Kardinal wie Flavio Chigi erlauben. Aber selbst dieser Kardinal weigerte sich aus Moral, einen Glücksritter wie den Chevalier de Lorraine zu empfangen, den Lustknaben Monsieurs, des Gatten der Liselotte von der Pfalz und Bruders des Königs. Aber er überbrachte der Colonna im Namen Monsieurs einen köstlich mit Bändern geschmückten Jagdwagen und sich in einem solchen prinzlichen Geschenk ihren römischen Landsleuten zu zeigen, dem konnte die petite harengère von ehmals nicht widerstehen.

Den Chigi wollte der Colonna übersehen. Bei diesem Chevalier war es nicht möglich. Er machte seiner Frau Vorstellungen, aber »ich antwortete ihm, wie es sich gehört«, sagt sie in ihren Memoiren. Einen Mönch, der sie ins Gebet nehmen soll, wirft sie zur Tür hinaus. Auch den Chigi, der sich beschwert.

Wie alle verliebten und verlorenen Gatten war der Colonna nicht sehr geschickt und ein bißchen brutal in der Wahl seiner Mittel, auf alles draufzukommen. Er bezahlte Vigilanten und Spione und plagte die Frau mit seinem ihm hinterbrachten Wissen. Er wurde lästig und langweilig. Und da gerade Hortense, eine andere Nichte, mit dem ziemlich närrischen Herzog von Mazarin verheiratet, diesem durchgebrannt und nach Rom gekommen war – in Männerkleidern war sie durch ganz Frankreich geritten –, so lockte dieses Beispiel. Maria und Hortense verließen in ihrem Wagen Rom an einem schönen Maitag des Jahres 1672, zwei junge Damen, die unter ihren Kleidern Männerhosen trugen. Was wie eine kleine Spazierfahrt nach Civita-Vecchia aussah, war eine Flucht. Sie schickten den Wagen heim, zogen ihre Kleider aus und warteten, zwei junge Herren, auf die bestellte Feluke, die sie nach Marseille bringen sollte. Sie kam nicht, es war drückend heiß und es gab nichts zu essen, achtundvierzig Stunden lang. Maria verlor den Mut. Nicht Hortense. Die hatte sich schon in viel schwierigeren Situationen befunden und bewährt. Hatte in einem Kloster die Belagerung durch ihren Gatten und sechzig Kavaliere ausgehalten und die Belagerer heimgeschickt. Der ausgesandte Diener fand zwar die Feluke nicht, aber eine Bark, deren Leute bereit waren, die beiden nach Frankreich zu bringen. Das kostete den Nichten all ihr Geld. Anders drohte ihnen, von der Mannschaft über Bord geworfen oder auf einer einsamen Insel ausgesetzt zu werden. Bei einbrechender Nacht mußte sich die Bark vor einem türkischen Korsaren hinter Felsen verstecken, zum Leide der Flüchtigen, die sich von einem türkischen Abenteuer im Augenblick weit mehr versprachen als von einem französischen, das sie zunächst nur an die provenzalische Küste warf, wo man sie nicht aussteigen lassen wollte, denn in Civita-Vecchia war die Pest. Es gelang durch falsche Papiere und sie fielen um vor Müdigkeit.

Aber aus dem kurzen Schlaf schreckten sie zwei Kerle, der Bravo Manechini im Solde des Connétable und der Kapitän Polastron im Dienst des Herzogs von Mazarin, hinter die Flüchtigen gesetzt und sie hetzend. Hortense wurde eingekreist und von Polastron über die Grenze gebracht. Maria entkam, borgte sich bei Madame de Grignan unterwegs ein paar Hemden und zog gegen Paris. Um den König zu sprechen. Daß die beiden behosten, ihren Männern durchgebrannten Damen unterwegs seien, hatte sich schon verbreitet. Man war in Paris belustigt und gespannt auf den Ausgang. Nicht Ludwig, der ohne Sinn für Komik derlei Abenteuerlichkeiten höchst abgeschmackt fand. Und der in seiner Umgebung noch zu viel Leute wußte, die seine rotgeweinten Augen und seinen Nachfolger gesehen hatten. Auf einen Brief Marias, in dem sie bat, in Paris wohnen zu dürfen, antwortete er kurz und trocken, daß sie sich in ein Kloster begeben möge, um »der üblen Nachrede zu steuern, die ihrer Abreise aus Rom so schlechte Deutungen gegeben hatte«. Nach diesem Briefe schien es Maria höchste Zeit, den König zu sprechen. Aber die Posten hatten Auftrag, ihr die Pferde zu verweigern, und hinter ihr war ein Abgesandter Ludwigs her, der sie aufhalten sollte. Er erreichte sie erst in Fontainebleau. Bis dahin war sie, durch dick und dünn reitend, auf gekauften Pferden gelangt. Herr de la Gibertière überbrachte was er ihr vom König zu sagen hatte: entweder sie kehre sofort nach Rom zurück oder begebe sich in ein Kloster in Grenoble. »Das habe ich ihm geantwortet: ich bin von zu Hause nicht weggegangen, um so bald wieder dahin zurückzukehren. Was mich veranlaßt hat sind keine eingebildeten Vorwände, sondern gute solide Gründe, die ich aber nur dem Könige sage. Ich bin überzeugt, habe ich ihn nur gesprochen, daß er von dem schlechten Eindruck abkommt, den man ihm von meiner Aufführung beigebracht hat. Was die Reise nach Grenoble betrifft, bin ich zu müd dazu. Außerdem warte ich hier die Antwort Seiner Majestät ab.« Dann nahm sie eine Laute und spielte dem Abgesandten so lange vor, bis der seine Versuche, zu Wort zu kommen, aufgab und abreiste.

Der zweite Abgesandte traf ein. Maria saß im geliehenen Hemd auf dem Bett der elenden Herberge und zupfte die Laute. Bewegt von dem Anblick versuchte der Herzog von Créqui seine Botschaft so freundlich wie möglich vorzubringen. Aber ihren Inhalt änderte das nicht: das Verbot nach Paris zu kommen und vor dem König zu erscheinen. Um Zeit zu gewinnen, gab sie nach und ließ sich in ein Kloster bei Mélun bringen. Und Brief auf Brief ging nach Paris, worin sie sich über die »geringe Courtoisie beklagte, die sie von Seiner Majestät erfahre«. Mélun war der Majestät zu nah von Paris. Er hatte Angst, sie könnte doch zu ihm kommen trotz aller Garden. Colbert beförderte sie also in ein Kloster sechzig Meilen weit von Paris. Nur ein einzigesmal wolle sie noch den König sprechen, schreibt sie Colbert, der keine Antwort gibt. Darauf: »Es ist nicht möglich, daß der König gerade bei mir beginnt, unerbittlich zu sein!« Der König aber schickt wieder Herrn de La Gibertière, der sie in ein Kloster nach Reims einpackt und dahin befördert. In ihren Memoiren schreibt sie: »Der König behandelte mich sehr kalt, ohne daß ich auch heute noch weiß warum.« Sie wußte es wirklich nicht. Sie war eine Zigeunerin.

In der Folge der Jahre gab es wohl kein Kloster in ganz Frankreich, aus dem sie nicht ausgebrochen wäre, immer wieder entweder vom König oder von ihrem Mann in ein anderes gesperrt. Immer unterwegs, wird ihr Frankreich zu klein. Man trifft sie in Italien, in Spanien, in den Niederlanden. Überall fällt sie auf und die Briefschreiber erzählen von ihr. Frau von Sévigné schreibt im November 1673 an ihre Tochter – diese hatte Maria das Hemd geliehen –: »Man fand Madame Colonna am Rhein, in einem Boot mit Bäuerinnen. Sie begibt sich in ich weiß nicht welche Tiefen des Deutschen Reiches.«

Im Älterwerden bekommt sie eine fixe Idee: daß es nur ihres Blickes bedürfe, um sich Ludwig besiegt und reuevoll zu Füßen zu werfen. Der König aber läßt die Grenzen für sie sperren.

Libera nos, Domine, de la Condestabile, sangen die Nonnen eines Madrider Klosters in einer Prozession zum König von Spanien, der ihnen die Colonna als Pensionärin auferlegt hatte, diese Kirchengeisel, wie sie die Klöster der europäischen Christenheit nannte, die sich kaum war Maria eingetroffen aus Orten beschaulicher Frömmigkeit in Tollhäuser oder höchst weltliche Unterhaltungsstätten verwandelten. Sie goß Wasser in die Betten der guten Nonnen oder Tinte ins Weihwasserbecken. Sie hetzte die Klosterfrauen mit Hunden durch die Korridore wie in einer Jagd. Fand sie des Nachts die Ausgänge versperrt, brach sie ein Loch in die Mauer und abenteuerte mit ihrer Schwester Hortense, vom gleichen klösterlichen Pensionärtum betroffen wie sie, oder mit einer ihrer Dienerinnen im Prado. Im Sprechzimmer empfing sie ihre Kavaliere und der fromme Ort zwang sie zu keinerlei Einschränkung ihres unfrommen Tuns. Und einer ihrer eifrigsten täglichen Besucher im Kloster war ihr immer noch verliebter Gatte. »Er kam jeden Tag,« erzählt die Madame d' Aulnoy in ihren Erinnerungen an den spanischen Hof, »und ich sah ihn ihr Zärtlichkeiten erweisen, wie sie nur ein Liebhaber für seine Geliebte aufbringt.« Maria war nah an vierzig und nun vollkommen schön geworden. Aber zu ihrem verliebten Gatten, der »schön zum Malen« war, wollte sie nicht zurück. Das Horoskop hatte ihr verkündigt, daß sie an einem weiteren Kinde sterben würde. Darum zog sie dem Gatten einen Liebhaber vor, der so häßlich war wie jener schön.

Wieder einmal war sie aus einem Kloster ausgebrochen. Es lockte sie, ihren Gatten zu besuchen. Der empfing sie entzückt und sperrte das Haus ab. So aber hatte sich Maria ihren Besuch nicht gedacht und schrie Mörder und Hilfe und daß er sie sicher vergiften wolle, sie kenne die Italiener. Der Hof, der Adel, die Klerisei Madrids nahmen Partei, die einen für den Mann, die andern für die Frau. Der Colonna verlor völlig den Kopf. Er hatte Angst, seine Verliebtheit könnte ihn wirklich zum Mörder machen. Er ließ sie fortschaffen. Bewaffnete schleppten und zerrten die Halbnackte an den Haaren aus dem Bett und in ein Gefängnis. Hierher ließ der Connétable seinen Vorschlag bringen: er würde Malteserritter werden unter der Bedingung, daß Maria den Schleier nehme. Sie kannte die Klöster aus reichlicher Erfahrung und hatte keine Angst davor. Eine Augenzeugin schreibt: »Die Connétable Colonna traf Samstag zu früher Stunde beim Kloster ein. Die Nonnen empfingen sie an der Tür mit Kerzen und allen bei solchem Anlaß üblichen Zeremonien. Man führte sie in den Chor, wo sie mit höchst bescheidener Miene den Habit der Novizen anlegte. Der Habit ist ziemlich kokett, das Kloster bequem.« Ein kleiner Teufel war Nonne geworden. »Unter ihrem Wollhabit trug sie Kleider in Silberbrokat, und so wie sie keine Nonnen um sich hatte, warf sie das Oberkleid ab zusamt dem Schleier, machte sich das Haar auf spanische Art mit Bändern in allen Farben. Passierte es, daß es da gerade zu einer Observanz läutete, bei der sie anwesend sein mußte, warf sie rasch Kutte und Schleier über Putz und Coiffüre, und bot einen höchst lustigen Anblick.«

Der Connétable wurde nicht Malteser und ging nach Rom zurück. Er war dieser Frau müde geworden und ließ sie es treiben wie sie wollte. Er ging in dieser Gleichgültigkeit etwas zu weit. Denn er gab ihr auch kein Geld mehr, und Maria saß frierend in einem kalten Loch von Zelle. Vier Jahre lebte sie so im Dunkel, als der Connétable starb, in tiefster Reue. Er bat sie in seinem Testament um Verzeihung. Und aus Angst, daß der Schein seine Kinder gegen ihre Mutter einnehme, beschuldigte er sich selber alles Übels. Maria verließ ihr Kloster und ging nach Rom zu ihren Kindern, ungeniert vor ihnen und ihren fünfzig Jahren ihre Galanterien weiter treibend wie früher. Als eine alte Dame kam sie nach Frankreich, bis Passy, denn Paris blieb ihr verboten. Saint-Simon berichtet von diesem kurzen Aufenthalt: »L'ennui lui prit d'être si mal accueillie, et d'elle-même s'en retourna assez promptement.« Sie ging nach Spanien zurück, sah aus wie eine alte Hexe und beschäftigte sich mit der Zauberei. Man weiß nicht, wann und wo sie gestorben ist, ein verhutzeltes, verrunzeltes altes Weiblein mit ungemachtem weißen Haar und großen schwarzen Augen.

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