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Himmlische und irdische Liebe in Frauenschicksalen

Franz Blei: Himmlische und irdische Liebe in Frauenschicksalen - Kapitel 7
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authorFranz Blei
titleHimmlische und irdische Liebe in Frauenschicksalen
publisherErnst Rowohlt Verlag
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Die beiden Frauen Heinrich des Vierten

Wie die Legende erzählt, wollte der Hussitenführer Ziska, daß man mit der Haut seines Leichnams eine Trommel bespanne, damit er verstorben noch seine Scharen gegen den Feind führe. So verfahren die Biographen, die zur Vergrößerung ihres verehrten Helden eines ganzen Zeitalters Tun und Denken in die Haut ihres Helden stopfen, der so zu einem übermenschlichen Monstrum aufschwillt und jeder andern Figur der Zeit ihren Platz wegnimmt. Solche heroische Geschichtschreibung macht, damit der eine zum Riesen werde, alle um ihn zu Zwergen. Besonders die von der Idee des Königtumes faszinierte Biographik exzelliert in solcher Verheldung eines Kronträgers, macht ihn, der vielleicht nichts ist als ein Detail in einem Basrelief, zur Monumentalfigur und die Männer seines Zeitalters zu Figuranten und Attrappen, um den Sockel gelegt.

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4. Marguerite Valois. Nach einem Gemälde von Francois Clouet. Musee Chantilly

Der König, der jedem seines Landes das Huhn im Topfe versprach, der Mann des Religionsediktes von Nantes, der seinen protestantischen Glauben abschwören mußte, um König von Frankreich zu werden und dessen gemäßigte, vorsichtige, beredte und geduldige Politik ihn nicht vor dem Dolche bewahrt hat, dieser Mann, der sich enkanaillierte, wie Napoleon von ihm sagte, ist der populäre König geblieben, weil er ein homme à femmes war, ein Verdienst, das für seine Landsleute eine hohe Tugend bedeutet. Als ob er ein Franzose wäre, schrieb der Fürst von Ligne: »Je suis vraiment faché que le grand Newton soit mort vierge à quatre-vingts ans.«

Aber so unvorsichtig war Heinrich nicht, daß er einer seiner siebentausend Geliebten das legendäre Wort ins Ohr geflüstert hätte: »Paris ist eine Messe wert.« Er hatte ein katholisches Gewissen und machte mit der Toleranz eine protestantische Politik, die seiner Dynastie das Ende brachte.

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6. Marie Medici. Nach einem Gemälde von P. P. Rubens. Paris, Louvre

Auch seiner Frau sagte er das nicht ins Ohr, der Marguerite Valois, die ihn zu heiraten gezwungen wurde, weil anders sie ihre Brüder vergiftet hätten. Das war das einzige, was sie der Politik zuliebe tat, aber um ihr Leben zu retten, das sie, die Wollüstigste unter den üppigen Frauen dieser Zeit, über alles liebte. Sie fand an allen Männern Gefallen, nur nicht an diesem scheuen kleinen Provinzialen, der auf Nérac König war, und von dem die Madame de Simiers sagte: »Ich sah den König von Navarra, aber ich sah nicht Seine Majestät.« Marguerite war die erste Mondäne des Reiches in Paris und dieses lieber als navarresische Königin in der Provinz. Ihre Laune liebte das Abenteuer und ließ sich zu nichts leiten und brauchen, das über das Vergnügen der Sinne und die Übung eines den Künsten geneigten lebhaften Geistes ging. Man erschlug ihr die Liebhaber oder diese erschlugen sich um ihretwillen, es sind viele Namen, aber für die Politik ließ sie sich nie gewinnen. »Solche, eher göttliche als menschliche Schönheit, ist mehr dazu gemacht, die Männer in die Verdammnis zu führen, als ihnen das Paradies zu öffnen«, rief Don Juan d'Austria, als er Margot sah, welche die Gesellschaft der Frauen mit dem schlechtesten Ruf suchte, mit denen man sie nachts in den dunklen Gassen sah, eine Maske vor dem Gesicht, nicht um nicht erkannt zu werden, sondern um ihre zarte Haut zu schützen. In dieser Zeit der letzten Valois, die rasch gelebt hatten und die im Fieber früh alt geworden waren, hatten die Frauen den Ehrgeiz, ganz wie femmes méchantes zu sein. Sie zogen sich als Pagen an, während sich die Männer Ringe in die Ohren steckten, hohe Coiffüren trugen, sich dekolletierten und das Haar vom Leibe zupften wie die venezianischen Huren. Die kleinen Frauen gehen auf Stelzschuhen, die sie unter den Röcken verbergen, die mageren tragen bauschige Beinkleider. Die blonden lassen sich von der Sonne durch den oben offnen Hut das Haar rot brennen, und die eine dunkle Haut haben nehmen innere und äußere Mittel, um die blasse Modefarbe zu bekommen. Jede neue Erfindung der Mondänen fand im nächsten Augenblick eine Nachahmerin in der Gesellschaft, die sich allmählich aus der reichen Kaufmannschaft und Handelswelt gebildet hatte, was aber die Erfinderin gleich zu einer neuen Anstrengung veranlaßte.

Der Pariser Barrikadensturm jagte die fliegende Eskadron der Liebe über das Land hin, in die Klöster, Schlösser und kleinen Städte der Provinz. Aber die Pariserinnen kümmerten sich nicht darum, den kleinen Leuten ein Beispiel zu geben. Sie fühlten, die Zeit sei zu Ende und man müsse sich auf die Erinnerung einrichten. Jeanne de Bourdeille, eine Nichte Brantômes, schreibt auf ihrem Provinzschloß das genaue Inventar aller ihrer Kostbarkeiten auf, bereitet sich melancholische Feste, indem sie ihre Koffer umkehrt und schreibt: Geschmeide, Bänder, Kleider, Samt, Seide ... Aber Frau de Launary, die neben der Reine Margot in der Mode herrschte, läßt ihre Koffer geschlossen. Wozu es den Bauern zeigen? Und stirbt mit fünfundvierzig Jahren so schön wie mit zwanzig, ohne zu klagen. Denn wozu dieses Leben, dem der Tod so nötig ist wie der Schlaf? Die Frauen dieser Zeit sterben jung, wie Blumen, die nur im Treibhaus gedeihen können und die man ins Freie gesetzt hat. Jung stirbt Frau d'Aubeterre, eine andere Nichte Brantômes. Auf den Hügeln von Périgord liegt die Sonne, aber sie scheint nur in Paris, und geschmückt wie in den schönsten Tagen sitzt die junge Frau auf ihrem Sterbebett. Sie verlangt nach dem Spiegel und sieht sich darin so schön wie früher und keine Spur ihrer Krankheit. Da sagte sie: »Ah! traistre visage à ma maladie, pour laquelle tu n'a changé!«

Heinrichs Ehe mit Marguerite wurde in Rom getrennt wegen kanonischer Fehler und von nun ab lebten die beiden Gatten in den freundlichsten Beziehungen zueinander und begannen sich zu schätzen. Ihre ehelichen Rechte an Heinrichs Geliebte Gabrielle d' Estrées abzutreten, à cette tant décriée bagasse, das widerstrebte ihr, aber Gabrielle starb früh und rechtzeitig und vor der neuen Gattin, der Nichte des Großherzogs von Toskana, gab sie, die mediceisches Blut hatte, nach. Heinrich war gerührt und schickte einen seiner Edelleute, daß er der früheren Königin seinen Dank überbringe und hielt was er ihr versprach und mehr als das. Mit einer zärtlichen Sorgfalt regelte er die etwas schwierige Situation der Abgedankten, erlaubte ihr, daß sie ihr Exil in der Auvergne verlasse und bei Hof erscheine. Aber Margot war nicht weniger delikat und kam erst sechs Jahre später nach Paris. Heinrich schickte ihr einen Edelmann entgegen, der Marguerite aus früherer Zeit mehr als bekannt war. Wahrscheinlich hatte der Gatte das längst vergessen. Man unterhielt sich einige Stunden lang und Heinrich bat, daß sie ihrer Gesundheit wegen nicht mehr die Nacht zum Tage und den Tag zur Nacht mache. Was sie versprach. Aber nicht, etwas sparsamer zu sein in ihren Ausgaben. Ihren Sohn, den Dauphin und künftigen Louis XIII. wünschte sie zu sehen, und der verschreckte Junge kam und begrüßte sie als seine »Mama-fille«, – diese Bezeichnung war eine Erfindung der Marie Medici. Sprach Heinrich von seiner ersten Frau, so sagte er »meine Schwester«. Die Dichter, die Musiker, die Schöngeister waren glücklich über Marguerites Anwesenheit. Sie hielt wahrhaft Hof. Ihr Name war im Munde und Herzen aller, schreibt ein Zeitgenosse. Da wurde ihr ein junger Geliebter von einem andern jungen Mann aus Eifersucht erschossen. Margot tat den Schwur, nicht früher zu essen, bevor nicht Gerechtigkeit geschehen, nun ganz Schwester Karl des Neunten und dritten Heinrich. Der Verurteilte schritt fröhlich zum Tode. Und von einem Fenster ihres Hôtels de Sens schaute die alte galante Dame Brantômes der Exekution zu. Aber sie war besser als sie glaubte. Es graute ihr vor ihrer Rache und sie fiel in Ohnmacht. In derselben Nacht noch verließ sie ihr Palais und betrat es nie mehr wieder.

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5. Marie Medici und Heinrich IV. Nach einer Medaille von Dupre

Sie wurde fromm. Heinrich versuchte sie weltlich zu trösten. Er ließ ihr sagen, es gäbe an seinem Hofe eben so tapfere und galante Ritter wie den getöteten Saint-Julien, mindestens ein Dutzend. Aber die alte Margot blieb bei der Frömmigkeit. Nur die Pamphletisten sagen ihr noch ein paar Liebhaber nach. Und der Mönch, der mit ihrer Leichenrede betraut war, trat als Abgesandter der Musen auf, die ihn beauftragt hätten, auf dieses Grab die Lilien der Reinheit und die Rosen der Tugend zu legen und alles dies mit dem Lorbeer und den Palmen zu überschatten.

Währenddem ließ sich Marie, die zweite Gattin und Witwe Heinrichs, von Rubens malen, und der ein Liebhaber vielen Fleisches war hatte Mühe, mit den ungeheuren Fettmassen der Königin so weit fertig zu werden, daß sich das Ganze noch einigermaßen schön präsentiere. Aber man hatte bei ihm ja auch kein Porträt, sondern eine Apotheose bestellt und so kam es ihm nicht darauf an, der Nachwelt ein so irrtümliches Bildwerk zu hinterlassen. »Sie hat keinen Schimmer von der Malerei«, schreibt er. Das wahrhafte Porträt dieser jedes Maß überschreitenden Dummheit, Bösartigkeit und Eitelkeit hat Guillaume Dupré in dem Profil seiner Medaille gegeben. Sie hätte trotz ihrer Eifersucht und ihrer Borniertheit, schreibt Saint-Simon, die glücklichste Frau Europas sein können, wenn sie sich nicht nur ihrer Laune und dem Geschwätz ihres Dienstpersonals überlassen hätte. Der vierte Heinrich war kein guter Ehemann, aber Marie war die Frau der Szenen. Das ging bis zu Ohrfeigen, wie Sully, der Minister, Zeuge sein mußte. Nicht einmal die Witwenschaft brachte etwas Ruhe über sie. Sie ohrfeigte in der Erinnerung noch den Toten.

Vous êtes êntière, sagte Heinrich zu ihr, pour ne pas dire têtue. Er wollte sie in die Staatsgeschäfte einführen. Aber sie begann dabei, völlig ohne Verstand und Verständnis, ihre privaten Affären, ihre Schlafzimmerangelegenheiten zu erledigen. »Ein wenig sympathischer Charakter« melden die venezianischen Gesandten nach Hause.

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