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Himmlische und irdische Liebe in Frauenschicksalen

Franz Blei: Himmlische und irdische Liebe in Frauenschicksalen - Kapitel 17
Quellenangabe
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authorFranz Blei
titleHimmlische und irdische Liebe in Frauenschicksalen
publisherErnst Rowohlt Verlag
year1928
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Die Kaiserin Tsü-Hi

Als Siao, der Lieblingseunuch der Kaiserin-Mutter Tsü-hi, auf Befehl ihres Sohnes, des jungen Kaisers Tong-tsche die Rote Stadt verlassen mußte, tat er es in der kaiserlich-gelben Sänfte, vor der das Volk in den Straßen aufs Knie fällt. Denn er hatte, da sie auf seine Rückkehr hoffte, noch einen Auftrag seiner Herrin zu erfüllen: ihr solche breitrandige Strohhüte zu beschaffen wie sie als neueste Mode die Engländer trügen und von denen er ihr erzählt hatte. Es war Siaos letzte Reise. Denn als er in Tschontong eintraf, da hatte der Gouverneur bereits ein ihm von einem Eilkurier überbrachtes Dekret des Kaisers erhalten, das ihm befahl, den Verschnittenen gebührend zu empfangen. Das tat er wie ihm geheißen, indem er auf der Stelle Siao köpfen ließ. Er hatte richtig gelesen: im kaiserlichen Dekret fehlte dem Schriftzeichen, das »Verschnittener« bedeutet, der obere Teil, der Kopf: es hieß nun »töten«.

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20. Tsü-Hi. Nach einer Photographie

Noch ein anderer Umstand, der sich bei dieser Gelegenheit ereignete, zeigte die Intelligenz dieses Beamten, die ihm alsbald eine große Karriere sicherte. Siao hatte das mit dem purpurnen Siegel der Kaiserin versehene Dekret, das vom Gouverneur jede Unterstützung des Eunuchen verlangte, durch einen Boten voraus an den Gouverneur gesandt, der sich gerade zum Empfang der also wichtigen Persönlichkeit anschickte. Da traf das mit dem zinnoberroten Siegel versehene Dekret des Kaisers ein. Der Beamte löste den schwierigen Fall zweier sich so widersprechender Befehle damit, daß er das Dekret der Kaiserin zusammenfaltete und Befehl gab, es ihm einige Stunden später zu überreichen. Da aber konnte nichts mehr getan werden, um Siao zu unterstützen. Denn er lebte nicht mehr.

Das Geheimnis der chinesischen Schriftzeichen wie der chinesischen Seele zu deuten, verlangt selbst vom chinesischen Gelehrten höchste Klugheit. Was vermöchte da der Verstand des Europäers? Dieses Volk kennt den Gebrauch der Masken nicht, so sehr ist ihm sein Gesicht Maske. Und aus dem Rituell, in dessen Rhythmus es jede Bewegung des Lebens und jede Starre des Todes gesetzt hat, bricht nicht einmal der Mord aus, der ohne Entsetzen hingenommen wird wie irgendeine andere Krankheit, an der man stirbt; in diesem von Wesen wimmelnden Reiche zählt das Einzelleben des Menschen nichts, so wie unendlich viel bei den kleinen Stämmen der Südseevölker, deren Kriege nicht vier Jahre, sondern vier Stunden dauern und enden, wenn die eine Partei einen Toten und zwei Verwundete zu beklagen hat. So kostbar ist das Einzelleben bei diesen Völkern, daß sie den totgeschlagenen Menschen auch im Tode noch dadurch ehren, daß sie ihn oft als Leckerbissen verspeisen.

Drei Jahrtausende hatte in einer in sich vollendeten Zivilisation dieses ungeheure Reich der Mitte bestanden, als es, im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts, von der europäischen Zivilisation überfallen, sich mit nichts anderem zu wehren verstand als mit einer mittelalterlichen Kriegskunst, einer verachtenden Weisheit und einer Kunst der Diplomatie, zu fein gespitzt als daß sie den gefoppten europäischen Gegner, der gegen das Spinnweb im Dunkel dieses chinesischen Wesens wie gegen Balken rennt, nicht immer rasch zum kürzeren Schluß der Gewalt gerufen hätte. Wofür man in den Gewalttaten des aufgeregten Volkes, das den Christen weder als Missionar noch als Kaufmann wollte, immer Rechtfertigung fand.

Als ob über das England der Tudor das Amerika des Präsidenten Coolidge sich stürzte: das ist die Geschichte Chinas zur Zeit seiner letzten Mandschu-Kaiserin Tsü-hi, die als der »alte Buddha« verehrt und so genannt im Jahre 1908 in aller Macht ihres bedeutenden Geistes starb und im dreiundsiebzigsten Jahre ihres Alters, im siebenundvierzigsten ihrer kaiserlichen Herrschaft. Mit ihr wurde auch das alte Reich begraben.

Tsü-ngan, die der Kaiser Hien-fong kurz nach seiner Thronbesteigung im Jahre 1851 zu ihrem höchsten Rang der Kaiserin-Frau erhob, blieb ihre einzige Pflicht schuldig: sie gebar keinen Erben. Am Gemahl, dessen Leben nur Lust an der Frau und Lust am Trunk kannte, lag es nicht. Und Tsü-ngan erkannte ihre Unfruchtbarkeit, mied das Drachenlager des Himmelssohnes und schenkte ihre Sorge den Insassinnen des kaiserlichen Frauenhauses, den jungen Mädchen aus adeligem Geschlechte, Töchtern von Bannerherren, für das kaiserliche Gynäzeum von früh auf bestimmt, von der Schar der Eunuchen bewacht und erzogen und auf ihre Stunde wartend, wo der Obereunuch sie für ihr Schicksal, das kaiserliche Lager zu teilen, holen würde. Für nicht mehr als eine Nacht. Keines dieser vierzig oder fünfzig Fräulein ergab sich Träumen, daß sich nach solcher Nacht der Purpurmantel mit den eingestickten goldenen Phönixen um ihre Schultern legen würde, das Emblem der Himmlischen Augusta. Sie langweilen sich ein bißchen, diese Kinder, die in allen nötigen Künsten unterrichtet werden. Zu einer bestimmten Stunde des Tages erscheint der Obereunuch zur Prüfung, ob sie das Futter wert sind. Seine abtastenden fleischigen Hände prüfen. Manche spürt es, schlecht bestanden zu haben und nächstens unter den bloßen Dienerinnen zu verschwinden. Besonders jetzt, wo die Kaiserin sich mehr als früher um sie kümmert. Schon zweimal ist sie dagewesen und gleich darauf kam gegen die Regel, daß alle drei Jahre die Insassinnen erneuert werden, ein neuer Schub Mädchen. Darunter war dieses Mandschufräulein Ye-ho-na-la, die sich von ihnen absonderte, trotzdem sie von nicht besserem Adel war. Vielleicht glaubte sie ihrem leicht gebogenen Naschen verpflichtet zu sein. Vielleicht machte das sie so stolz.

Da stehen sie, aufgerufen vom Obereunuchen, in einer langen Reihe, alle in ihren wassergrünen Kleidern, an den Seiten geschlitzt, daß man die seidenen Hosen sieht, die über den hochstöckeligen Schuhen schließen, und in der kurzen, rosenfarbenen Jacke mit der blauen Gürtelschleife. Unter der dicken Bleiweißschminke und dem Karmintupfen auf Lippen, Nasenspitze, Wangen, das Grübchen im Kinn, dem Antimon, das die Augen verlängert, den zitternden Schmetterlingen aus blauer, grüner, schwarzer Seide im auf chinesische Weise hochgebauten Haar sieht eine aus wie die andere und jede wie ein zierliches höchst gebrechliches Spielzeug. Und ihnen so ähnlich schreitet die Kaiserin die Reihe ab, lächelt etwas resigniert, sich der Zeit erinnernd, wo der vierte Sohn des Kaisers Tao-kwang sie aus eben diesem Frauenhause gerufen hatte, das sie nun besuchte, um jene zu erraten, die dem Kaiser das Kind geben und damit neben ihr als Mutter des Thronfolgers Kaiserin dem Titel und dem Rang nach sein würde. Vielleicht ist sie vor dem Adlernäschen der Ye-ho-na-la nachdenklich geworden. Aber zwei Jahre mußte diese im Frauenhause verbringen und war zwanzig alt geworden, bevor das Zeichen sein rotes Licht auf sie warf.

In einem Retiro des kaiserlichen Palastes befindet sich das Register des Frauenhauses. Schmale Karten aus dunkelgrüner Jade geschnitten tragen in Gold die Namen der Mädchen: Zärtlichkeit heißt eine, die andere Perlenglanz, eine dritte Sonnenleuchten, Meer der Jade eine, Erfinderische eine andere, Lachender Lotus, Pflaumenblüte des Morgens. Der Kaiser hat in einer müßigen Stunde des Tages in dieser Bibliothek gelesen, seine Phantasie einen Namen gewählt, und bei einbrechender Nacht wartet der Eunuch vom Dienste auf das Täfelchen. Dann eilt er ins Serail, die Mädchen hören hinter den dünnen Wänden ihrer Zellengemächer den dumpfschweren Laut der Filzschuhe, jedes blickt auf. Und vor der Tür der Erwählten hängt er das Zeichen auf, die Laterne aus rotem Horn, und das Licht zittert durch das Türfenster über die Wartende, die sich sofort erhebt und entkleidet. Denn da tritt schon der Eunuch ein, den ärmellosen purpurnen Mantel unterm Arm, und die Nackte zittert nackt zu sein vor dem Blick des riesigen empfindungslosen Mannes, der schon den weiten Mantel über sie geworfen hat wie eine mächtige Umarmung, sie packt, aufhebt und mit seiner Last durch die Korridore läuft. Da und dort klappert ein neugieriges Rollfensterchen, erstirbt ein Seufzer, erstickt ein Lachen. Der Eunuch beeilt sich. Seine Finger graben sich durch den Mantel ins Fleisch, sein Atem geht fauchend unter der Last, unter der Lust. Ein kurzes Stück Weges geht in der klaren Nacht, die das Opfer in einem beglücktem Zuge trinkt, aber da bedrängen schon wieder die tausend Gerüche eines Palastes. Und der dampfende keuchende Träger legt seine kostbare Last auf ein Lager. Es ist sehr weich. Acht wattierte Decken bilden es, darüber liegt gelbe Seide straff, dann blaue Seide. Das Dunkel des Raumes wird Halbdunkel von zerstreuten Punkten Lichtes, – nicht festzustellen, ob es Augen sind oder Nachtlämpchen. Auf einem Tischchen neben dem Lager ertastet die Hand gläserne Flaschen. Hien-fong, der ein großer Trinker ist, langt nach ihnen nicht weniger oft als nach den Reizen des Mädchens.

Es ist drei Uhr und die Nacht zögert noch, sich in Tag zu wandeln. Eine Stimme fällt in das schlaflose Schweigen: »Der Kaiser ist gebeten.« So fordert es die Tradition, daß der Kaiser vor der Sonne sich vom Lager erhebe, um im Kerzenlicht des Thronsaales mit den Großmandarinen des Reiches die Staatsgeschäfte zu besprechen. Übelgelaunt wie immer, denn die Geschäfte sind ihm verhaßt, erhebt sich der Herr der zehntausend Jahre, noch übelgelaunter dieses Mal, denn die Frau war köstlich gewesen und zum Verweilen ladend. Und während er seinen blauen Mantel umlegt, bringt der Eunuch der letzten Nacht die Ausgezeichnete ins Frauenhaus zurück und schreibt einen Rapport für den Fall der Schwängerung.

Am 27. April des Jahres 1856 erfuhr die Kaiserin Tsü-ngan, daß eine Frau des Harems einen kaiserlichen Sohn geboren habe. Als Souveränin dankte sie dem Himmel. Als Frau wußte sie, daß nun eine andere ihren Platz haben würde: Tsü-hi wurde Gattin-Mutter und Kaiserin. Tsü-ngan wußte, was das bei diesem Kaiser bedeuten konnte, der nichts als ein von Eunuchen und Frauen bedienter Schwächling war mit den Zeichen frühen Todes im Auge. Sie verließ ihren Palast nicht mehr, und der Kaiser fragte, als man ihren Namen nannte, ob sie denn noch lebe. Er glaubte sie schon vor zwei Jahren gestorben. Daß diese Frau in loyalem Verzicht sich selber abgesetzt und vor den primordialen Gesetzen der Mutterschaft gebeugt hatte, das verstand er nicht. Er sah nur Auflehnung gegen eheliches Recht und die Natur. Aber die sehr fromme Frau gab keinen Botschaften und Bitten nach, verblieb in ihrem östlichen Palast und überließ es der Kaiserin des westlichen Palastes, die Melancholie des Kaisers zu bestehen. Aber es erwarteten sie weit schwierigere Dinge.

Es gibt allerlei politische Wissenschaften, aber keine Wissenschaft der Politik. Denn sie ist eine Kunst. Keine Angelegenheit von Prinzipien, sondern des Taktes. Es ist weit mehr gute Politik ohne Intelligenz gemacht worden als mit ihr. Gute Politik, das ist erfolgreiche Politik und der Zufall hat am Erfolg größeren Anteil als sonst etwas. Um ein bedeutender Staatsmann zu sein, braucht man kein großer Mensch zu sein. Nicht einmal ein Mensch schlechthin, denn es würde ihm das politische Geschäft das Herz umdrehen. In große Geschehnisse vermengt sein und Glück haben in seinen Geschicklichkeiten bis dorthin, wo die Situation so schlecht wird, daß der Geschickte dem Starken Platz macht, der Staatsmann dem General: anders ist der Staatsmann nicht zu definieren. Das Wohl der Nation, die Zukunft des Vaterlandes: Wattons, die sich der Politiker um Brust und Waden legt. Oder Schallverstärker seiner Stimme. Oder Dekorationsstücke seiner Bühne.

Im gesteckten Rahmen dieses Bildnisses einer Frau die politische Historie einiger Jahrzehnte aufrollen, hieße das Bild um Licht, Farbe und Leben bringen um eines Gleichgültigen willen, das in seinen wesentlichen Zügen jedem vertraut ist als das Bemühen der europäischen »Barbaren« – nicht anders, nicht richtiger nennen sie alle chinesischen Dekrete – jene Geschäfte zu machen, die mit dem Nachdruck von Marinegeschützen und gelandeten Truppen entriert den ungefragten Partner willfährig machen sollen, die Bedingungen jenes anzunehmen, der ein Kaufmann ist und als Konquistador auftritt. Oder auch mit dem ganz lächerlichen Anspruch eines Kulturbringers und hier an ein Volk, das Philosophen hatte zu einer Zeit, als diese Kulturbringer und -träger noch in den Wäldern Eicheln fraßen. Nicht das brennende Peking ist zu nennen und nicht der von einer internationalen Soldateska zerschlagene und geplünderte kaiserliche Stadtteil, denn das sind Kriegssitten überall, aber eine Photographie aufgenommen im Jahre 1900: sie zeigt den kaiserlichen Thronsaal der Roten Stadt, und auf dem Throne Herrn Pichon, den Gesandten Frankreichs, umgeben von einem Dutzend anderer Eroberer im Cut, im Bratenrock, im Reitdreß, gestiefelt und gespornt und mit Schnurrbärten aller Art, eine Gesellschaft hier spaßig wirkender Parvenüs von vorgestern inmitten dieser dreitausendjährigen großen Welt. Während diese Aufnahme der Sieger gemacht wurde, schlugen die Sieger der kleineren Grade den »Götzenbildern« lachend, brüllend die Köpfe ab oder verpackten die Schlaueren gestohlene Seide. Das Maschinengewehr ließ die Eroberer sich als die Spitzen jeder Zivilisation dünken und jene, die es nicht besaßen oder nur sehr schlecht damit umgehen konnten, für »Wilde« erachten, um nichts besser als Urwaldneger oder die braunen Leute der Südseeinseln. Ein erstaunliches Schauspiel höchster Würde und feinsten Verstandes bietet inmitten dieser Stiefel und Bärte, Geschütze und Plünderungen, großer Worte und schäbiger Geschäfte, »offner Tür« und Gewehrkolben, laufender Missionare und geldgieriger Kaufleute das, was China dagegen aufbietet, geschlagen als Materie, immer sieghaft im Geiste. Und unter allen diesen chinesischen Köpfen der feinste, der einer Frau: Tsü-hi. Man nahm diese »Barbaren aus den abgelegensten Winkeln der Welt« nicht weiter ernst noch wichtig. Sie besetzen Taku, marschieren auf Peking, aber Chinas Armee wird, so glaubt man, damit fertig werden. Man wußte ja nicht, daß diese Barbaren viele Schiffsladungen ihrer schwer bewaffneten Kulis herbeiführen können, Monate hindurch. Erst zwei Jahrzehnte später bereiste ein chinesischer Gelehrter die europäischen Länder, sah die Waffenfabriken dieser Völker und was in Kasernen und auf Übungsplätzen an zahllosen Mannschaften zur Verbreitung des Christentums ausgebildet wurde. Auch ohne den Rat Kungs, des kaiserlichen Bruders, der für eine hinhaltende Politik mit diesen Engländern und Franzosen war und gegen den äußersten Widerstand zudem die konservativen Prinzen in der Umgebung des Kaisers rieten, zog Tsü-hi die natürlichen Gaben ihres Geistes, von denen sie wußte, den chinesischen Armeen vor, von denen sie auch wußte und vor allem dieses, daß sie nicht viel taugten. Als die Ratgeber des Widerstandes ihre Sache verloren sahen, rieten sie gegen den Willen der einsichtigen Kaiserin zur Flucht des Hofes oder vielmehr zu dem jährlichen Jagdausflug des Kaisers nach Jehol. Dahin machte sich der nicht endende Zug der Senften, Eunuchen, Panzerreiter und Bogenschützen auf. Die ganze rote Stadt zog nach Jehol in eiligem Aufbruch, der so sehr das Zeremoniell störte, daß man den Kaiser Hien-fong allen Augen preisgab, als er, eine Pelzmütze über die Augen gezogen, auf Krücken zu seiner Sänfte schwankte. Die französische Brigade Collineau stand schon vor dem Südtor, und die letzten, welche die rote Stadt verließen, waren die tatarischen Reiter, die noch rasch umbrachten, was an europäischen Gefangenen da war.

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21. Tsü-Hi mit ihren Lieblingseunuchen. Nach einer Photographie

Was den Sohn des Himmels sich allen irdischen Augen zeigen ließ, war die Sorge, daß für seinen »Jagdausflug nach Jehol« auch das Wichtigste nicht vergessen und gut verpackt wurde: die Mädchen, die Mignons, die Getränke. Die beiden Kaiserinnen und sein dreijähriger Sohn kümmerten ihn weniger, weder jetzt noch in Jehol, und dieses andere pflegte er so sehr, daß er am frühen Morgen des 22. August 1861 »den Drachenwagen bestieg« und »Gast des Himmels« wurde, nämlich starb. Inzwischen schloß Kung den Frieden mit den Barbaren. Um den dreijährigen Thronfolger ging in Jehol der Kampf zwischen der Mutter und Witwe Tsü-hi und den fünf Eisenkappen-Prinzen um Tsai-Yüan, den Regenten aus Gnaden der kaiserlichen Agonie. Um das Kind dem Namen, um die Macht der Sache nach. Es war ein Kampf auf Tod und Leben. Tsü-hi ließ Kung hinterbringen, sein Friede sei von den Regenten gefährdet, und Kung kam nach Jehol. Sie brauchte seine Geschicklichkeit, und sie gewann sie mit der ihren: sie war sechsundzwanzig Jahre alt und eine ihrer Schönheit bewußte Frau. Der schöne Garde-Hauptmann, den sie sich gewonnen hatte, diente ihr womit er konnte, als Spion, als Aufpasser. Aber der überaus kurzsichtige Kung hatte den weiteren Blick. Die Regenten glaubten, sich in der andern Kaiserin, in Tsü-ngan, ihre Position verstärken zu können. Aber diese Frau, noch nicht dreißig, war ganz nur ihrem Schmerz hingegeben. Und die schon um ihr Leben Zitternden lagen vergeblich vor ihr auf den Knien, daß sie ihnen Macht aus ihrer Macht gebe, die sie nicht üben wollte und auf die sie verzichtete, wie auf den Schmuck, auf die langen Hülsen für die Fingernägel, auf frische Schminke.

Der Hauptmann lag mit seinen Ohren heimlich an dieser Unterredung und berichtete. Nun war Tsü-hi ihrer Sache sicher. Daß die andere es in Unbeweglichkeit den Regenten abgeschlagen hatte, sich als die sich rächende Nebenbuhlerin zu benehmen, ihr also nicht ans Leben wollte, – dieses Geheimnis besaß sie nun und sagte es Tsü-ngan, daß diese Verschwörer gegen ihr Leben sterben müßten. »Es ist eine politische Notwendigkeit, die sie zum ewigen Schweigen verurteilt.«

Die Rückkehr des Hofes nach Peking war beschlossen, der Tag der Abreise festgesetzt. Kung verließ eine Woche zuvor Jehol. Gleich nach ihm zogen vier von den Regenten aus. Vielleicht, um Kung zu töten aus einem Hinterhalt. Aber das konnte für Tsü-hi nur das Ende einer Intrige aus Politik bedeuten. Nichts mehr an ihrem sicheren staatsmännischen Siege ändern. Sie hatte wieder das kaiserliche Kind, sichtbares Zeichen ihres Sieges, unter dem sich sofort die Garde der Eunuchen um sie sammelte. Den Regenten aus eignen Gnaden blieb kaum eine Handvoll Leute.

Drei Tage später hatte die Rote Stadt wieder ihr Idol: den Kaiser. Und vierundzwanzig Stunden danach war keiner der Verschwörer mehr am Leben. Den zurückgebliebenen und verspätet eintreffenden Su-Tschun fing man auf der Straße vor Peking. Auf dem Schaffot klopfte er, bevor ihm der Henker den Kopf abschlug, den Staub mit einer hübschen Geste aus seinen seidenen Kleidern.

Tsü-hi wurde nur was ihre Macht betraf mit diesen Verschwörern fertig, deren Anschauung und Gesinnung, was die Barbaren betraf, sie teilte. Den Frieden hielt sie für eine Geste, einen geschickten Betrug, der nichts am traditionellen Leben Chinas änderte. Sie war erschüttert, als sie merkte, daß das gar nicht nur ein toter Buchstabe sei, sondern daß sie die dauernde Anwesenheit von Repräsentanten dieser barbarischen Völker in Peking dulden müsse und daß diese berechtigt seien, direkt mit dem Sohn des Himmels zu verkehren, daß man weiter die Einrichtung eines Bureaus für die auswärtigen Angelegenheiten respektieren müsse, – mit diesem Volke von Händlern direkt verkehren, diesen Leuten, die nichts als ihren Profit im Kopfe hatten, auch wenn sie als Prediger ihrer Religion auftraten. Der Mitregent Prinz Kung hatte viele Arbeit mit dieser Frau, die oft aufschrie, genau wie jene, deren Schrei sie erstickt hatte. Aber Kung besaß die Autorität eines, der den Staat in schwierigster Situation gerettet hatte, vielleicht auch ihr Leben. Im Jahre 1842 fuhr das Schwert der Barbaren nur aus der Scheide, im Jahre 1858 blitzte es, aber in diesem Jahre 1860 traf es die Rote Stadt ins Herz. Was da 1860 als Friede unterzeichnet wurde, das mußte jedem gebildeten Chinesen wie eine Erniedrigung erscheinen. Daß mit dem Eintritt Chinas in den Interessenkreis der europäischen Völker sich Gesetze des Lebens der Völker erfüllen und China nicht nur nicht zugrunde, sondern einer »größeren Zukunft« entgegengehen solle, – wie sollte eine solche Vergangenheit solche Modernität des Augenblickes billigen oder auch nur verstehen? Aber das eminent praktische anpassende Denken des Chinesen fand die Mittel, ohne sich als fortschrittlich zu formulieren, das Neue hinzunehmen ohne das Alte aufzugeben. Was nicht so einfach war, da sich nach den beiden Signatarmächten auch alle andern Staaten Europas mit dem gleichen Anspruch und Recht meldeten, – was für ein seltsames Land dieses Europa, das so viele Rassen und Staaten enthält, die alle nichts zu fressen haben, dachten mit Kung die chinesischen Beamten-Gelehrten. Und Tsü-hi hörte wohl, daß diese Königin Victoria einiges Recht über ihre Staatsleute hatte, aber daß sie nicht jedes Recht habe und es sich auch so mit diesen andern Dynasten dieser vom Verhungern bedrohten europäischen Völker verhalte, das verstand sie nicht und bestätigte ihr, daß diese Könige tief unter dem Sohn des Himmels stünden. Welche Anmaßung, daß sie sich den Abgesandten solcher Könige sie empfangend zeigen sollte! Daß sie hinter dem sie verbergenden Vorhang ihre Stimme hörten – schon das war zu viel.

Aber weit mehr Aufmerksamkeit als diese Barbaren, die nicht weit über die Küstenstädte hinauskamen, verlangten die aufständischen Chinesen selber, deren Anführer sich mit jeder neuen Provinz, die er eroberte, einen höhern Titel gab, nun schon nicht mehr Hong sich nannte, sondern Himmlischer König und von Christus als von seinem Bruder sprach, und war ein Schulmeister in Honkong gewesen und da ein Baptist geworden. Er würde nicht sterben, predigte er seinen Anhängern, sondern am siebenten Tage auferstehen, um seine Scharen weiter zum Siege zu führen über die Großen und Mächtigen des Reiches und die usurpatorische Dynastie von jenseits der großen Mauer. Nun residierte dieser Bruder Christi in Nanking mit Hunderttausenden seiner Anhänger. Dieser chinesische Johann von Leyden schien das Ende der Mandschu zu bedeuten, als die Barbaren gegen Peking zogen, und gerade aus diesem Umstand, sich so als Macht anerkannt wenn auch bedroht zu sehen, gewann die Dynastie ihre Kraft: noch galt sie, noch war sie da. Es war nach der Unterzeichnung des Friedens ein guter Einfall Yehonalas, diese selben Barbaren mit ihren so wirksamen Kriegsmaschinen gegen die Tai-ping-Rebellen in Dienst zu nehmen. Der Engländer Gordon erhielt den Oberbefehl, dieser helläugige Mensch, dem die immer wieder gelesene Bibel neben dem nie gezogenen Revolver in der Tasche steckte und der vor seiner Armee einherging mit nichts als einem Reitstöckchen in der Hand. Nanking fiel, brannte nieder, mit ihm der jüngere Sohn Jehovas mit Tausenden. Tai-ping war zu Ende. Tseng, Gordons Helfer, der am Rande des Reiches gegen Westen das Jahr zuvor die muhamedanischen Chinesen ausgerottet hatte zu Millionen, dieser weise Tseng, der seinen Freunden seine Gärten zeigte und was er da Neues in Gurken versuchte und Melonen, und dem immer der Henker zur Seite schritt, er wurde Vizekönig von Nanking. Gordon bekam zur Belohnung die gelbe Reitjacke, die doppelte Pfauenfeder und eine dicke goldene Medaille. Diese schenkte er ein paar Jahre später in London einer alten Bettlerin auf der Straße. Er besaß nichts anderes. Die Regierung seines Landes erinnerte sich seiner erst, als sie ihm Kartum als verlorenen Posten anvertraute, um ihm die Hilfe etwas zu spät zu schicken. Denn als diese kam, hatten ihn die Krieger des Mahdi schon in Stücke gehauen.

Tsü-hi war es etwas müde geworden, sich so ausschließlich und intensiv mit den Staatsaffären zu beschäftigen. Sie war eine sehr gebildete und den heiteren Dingen des Lebens geneigte Dame, liebte es, Geschichten zu hören, in Büchern zu lesen, das Theater zu sehen, die Geschicklichkeiten der Schauspieler, der Sänger und Musikanten zu bewundern. Aber Onkel Kung bekam es zu spüren, als er glaubte, aus einem Berater des Thrones, was sein Titel und Amt war, ein eigenmächtiger Regent zu werden. Als er höchst unklug und vergeßlich es wagte, an seine Verdienste um die Erhaltung des Thrones zu erinnern, wurde er von Tsü-hi, die seinen Ernst drei Jahre lang ertragen hatte, kurz entlassen. Und nach Monaten erst wieder in Dienst genommen, auf Vorstellungen von Beamten, wie es im Dekret hieß, Milde für Strenge walten zu lassen. Tsü-hi war eine intelligente Frau und erkannte und anerkannte Talente. Wie das des jungen Li-hung-tschang, der sich schon bei Gordon ausgezeichnet hatte und eben dabei war, mit neuen Revolutionären aufzuräumen, mit diesen Langhaaren, die sich zum Abzeichen das Haar nicht in Zöpfe flochten, und diesen Rotbärten, die sich einen roten Roßschweif unters Kinn banden. Ihr Führer Klein-Yama, ein Bandit, der sich in einer gelben Sänfte tragen ließ und sich sieben Minister ernannte, dieser satanische Fürst, wie man ihn nannte, hatte ja wenig Vertrauen zur Zucht seiner Armee, mit der er im Reiche herumzog. Anders hätte er nicht jedem seiner Leute mit einem glühenden Eisen ein Zeichen in den Oberschenkel gebrannt, um sie zu hindern, überzulaufen, denn an diesem Zeichen hätte man sie erkannt und hingerichtet. Mit diesen Leuten wurde Tseng und Li fertig irgendwo weit im Reiche. Kung war wieder in Gnaden aufgenommen. Man brauchte ihn für den Verkehr mit den Fremden. In die Rote Stadt kam er selten, schickte nur Nachricht. Tsü-hi war sehr froh, diesen bebrillten Pedanten so selten zu sehen. Und die Eunuchen, die schon lange untätig gewartet hatten, bekamen Arbeit.

Ein traditionelles Institut des chinesischen Regierungssystems sind die Zensoren. Ihr Amt ist es, den Thron in seinen Maßnahmen und seinen Verhaltungen zu kritisieren. Ihre im klassischen Chinesisch abgefaßten Schriftstücke werden aufmerksam bei Hofe gelesen, beantwortet und zu dem übrigen gelegt. Kein Zensor erwartet es anders. Seine Tätigkeit ist ein bureaukratisches Zeremoniell wie das Austauschen von Höflichkeiten bei der Begrüßung. Weniger alt, oft abgeschafft und wieder eingeführt ist das Institut der verschnittenen Hofdiener. Kein Streitfall wird im Chinesischen nach dem augenblicklichen Wert oder Unwert des Umstrittenen entschieden. Ein Volk, dessen oberster Kult die Ahnenverehrung ist, hat nicht bloß so Gegenwarten und Realpolitiken. Sondern den Beweis seiner Jahrtausende, die nicht bloß moderne Geschichtsbücher sind, sondern Legitimierung des gegenwärtigen Lebens. In der großen antiken Zeit der Chou-Dynastie hatten die Eunuchen keinen Einfluß. Er kam im Zerfall auf, in der Ära der Lehnsstaaten, und Kon-fu-tse mißbilligt ihren Einfluß. Die Manschus übernahmen als Eroberer Betrieb und Personal des chinesischen Hofes; auch die Eunuchen. Aber es gab da schon früh Vorhaltungen, daß jene »nur fähig seien, den Boden zu fegen und durchaus kein Recht hätten, Zutritt zum Monarchen zu haben.« Es kam ganz auf den Monarchen an, welche Rolle die Eunuchen spielten. Der letzte Ming-Kaiser ließ seinen Obereunuchen enthaupten und allen Eunuchen verbieten, die Rote Stadt zu verlassen. Unter den großen Manschu-Kaisern Kang-Hsi und Chien-Lung spielten sie gar keine Rolle und fegten den Boden. Das änderte sich unter den späteren zugunsten der Eunuchen. Wohl ließ der Kaiser Kuang-Hsü seinen Obereunuchen prügeln, aber der war doch kaiserlicher Mignon gewesen und rächte sich im Boxeraufstand. Hien-fong starb erschöpft in den Armen seiner Lieblinge. Wie der Sohn, den Yehonala von ihm hatte, der junge Kaiser Tung-Tschih an den Eunuchen starb. Sie waren, wie es im Chinesischen heißt, die Macht der Dunkelheit an hoher Stelle. Das heißt die Macht hinter dem Throne. Zuweilen schöne Burschen, zuweilen begabte; manchmal beides in einem.

Die von der Politik ermüdete Tsü-hi begab sich zur Erholung in diese seltsame turbulente Kastratenwelt, die ihren Palast des Ewigen Frühlings füllte mit ihren Geschichten und Intrigen, ihrem Geschwätz und Gekeif, ihren spaßigen Gewohnheiten und seltsamen Geschmacken. Sie heißt sie verweilen und ihr erzählen. Sie läßt sich von ihnen vorspielen. Sie amüsiert sich köstlich. Ganz Peking spricht davon, und schon erheben die Zensoren ihre Stimme, warnend, und schon antworten darauf kaiserliche Dekrete, sich verwahrend, daß die Eunuchen Einfluß auf die Staatsgeschäfte nähmen, übermäßig beschenkt würden oder gar stehlen und sich bereichern. Die Sprache der Zensoren ist so kühn wie energisch die Antwort aus dem Palast. Das für die Galerie gespielte Stück entsprach allen Erwartungen. Aber »in der tiefen Abgeschlossenheit unseres Palastes« gab es das reizendste chinesische Trianon unter der Leitung des schönen Hämlings Siao, der ein vorzüglicher Schauspieler war, unerreicht in den großen Frauenrollen der historischen Stücke und höchst erfinderisch in täglich neuen Amüsements. Er trieb es ein bißchen arg und ist, wie eingangs erzählt, geköpft worden auf Betreiben Kungs, der die solchem Greuel ganz abholde Kaiserin Tsü-ngan trotz ihrer Angst vor der Mit-Kaiserin gewann, ihre Unterschrift und Siegel unter den Befehl zu setzen. Zur selben Zeit wurden der Tsü-hi noch weitere sechs Eunuchen erdrosselt. Und von da ab hatte man jeden Grund, ihre Wutausbrüche zu fürchten.

An die Stelle Siaos trat der nicht weniger hübsche, aber weit geschicktere, vorsichtigere und klügere Eunuch Li-Lien-ying, der mit siebzehn Jahren »seine Familie verlassen« hatte, wie man offiziell die Operation nennt. Siebzig Jahre, bis zum Tode der Kaiserin, blieb er in ihren Diensten, als Berater, als Genosse ihrer Vergnügungen, als Kamerad. »Wir beide«, so nannte er sich und die Kaiserin hohen Beamten des Reiches gegenüber, die ihm alle tributär waren, ihm, der sich mit der vierten Rangklasse, die den Eunuchen nur gestattet ist, begnügte und auf alle Ehren verzichtete, aber nicht auf hundert Mark, die er zu fordern hatte. Er betrieb im größten Stile den Ämterverkauf, nahm Bestechungsgelder und Provisionen, und teilte mit der verschwenderischen Kaiserin. Unter seinen Leuten hieß er der »Herr der neuntausend Jahre«, also nur um tausend Jahre weniger hatte er im Titel und heimlichen Rang als der Kaiser selber. Man wagte solche Gotteslästerung, so bedeutend war die Rolle, die Li spielte neben denen seines Theaters. Während der Irrfahrten des verbannten Hofes im Jahre 1900 hatte Li alle seine in der Roten Stadt vergrabenen Schätze eingebüßt. Einer seiner Vertrauten hatte die Orte den Franzosen verraten und Lis Schatz war nicht die geringste Beute, die sie machten. Das erste, was Li nach der Rückkehr tat, war, daß er mit Erlaubnis der Kaiserin den Verräter köpfen ließ. Li hat aber aufs neue verdient. Als er starb, hinterließ er ein Vermögen von drei Millionen Pfund Sterling, in Leihhäusern und Wechselgeschäften angelegt. Nicht sehr viel, da er für den Verkauf eines hohen Amtes 40 000 Pfund bekam. Aber dieser Li war mehr als ein geschickter Finanzier seiner Tasche. Auch mehr als ein Lustigmacher seiner Herrin. Daß sie die Herrin bleibe, darum bemühte sich dieser erfinderische Kopf, und nicht nur weil dies sein Vorteil war. Aber Tsü-hi brauchte gegen den wachsenden Einfluß Kungs und der frommen Kaiserin ein Gegengewicht, das ihr die Eunuchen allein nicht geben konnten, auch die Geschicklichkeit Lis nicht, der die hohe und niedere Beamtenschaft korrumpierte. Li erinnerte Tsü-hi an ihren Sohn, den künftigen Kaiser Tong-Tsche, der ganz unter den Einfluß der andern Kaiserin gekommen war, die sich schon einbildete, es sei ihr eigenes Kind. Tsü-hi hatte keinerlei Gefühle für dieses blasse schwächliche Geschöpf, das alle Zeichen der Degeneration trug, kaum ein Wort sprach, nie lachte und ins Leere schaute. Gerade diese starre Idolhaftigkeit, die keinerlei individuelles Leben zeigte, entzückte die konservativen Chinesen des Hofes, denn so und nicht anders ist der Kaiser-Gott. Aus keinem Schlaf, so schien es, nur aus seinem Bett hob man jeden Tag um vier Uhr früh dieses leblose Püppchen und setzte es auf den Thron, wie es das Zeremoniell vorschrieb, daß der Kaiser um diese Zeit seinen Regierungsgeschäften obliege. Vor dem starren Kinde gaben Bericht, berieten die Räte und faßten Beschlüsse. Schlag fünf wurde das Kaiser-Kind wieder in seine Nursery zurückgebracht oder zu den Lehrern, wo es den Schreibpinsel führen lernte und die Buchstaben singen, ohne Widerwillen, aber ohne jede Neigung.

Li erinnerte Tsü-hi, daß der Kaiser nächstens fünfzehn Jahre alt würde und das Gynäzeum, das ganz vernachlässigte, durchaus der Erneuerung bedürfe. Die Eunuchen, der Sohn, das kaiserliche Frauenhaus: Tsü-hi erkannte, daß hier die Mittel lagen, ihre Macht zu behaupten.

In Tientsin massakrierten die fremd- und christfeindlichen Chinesen den französischen Konsul, die Missionare, die Klosterfrauen und die getauften Chinesen. Aber das war Sache Kungs und Li-hungtschangs. Tsü-hi war damit beschäftigt, das Frauenhaus zu füllen. Kung befand sich gerade beim französischen Gesandten, ihm zu sagen, daß die Tientsiner Rebellen hingerichtet seien, als ihm der Gesandte vom Fall von Sedan Mitteilung machte. Prinz Kung sagte zu einem seiner Begleitoffiziere: »Bringen Sie meine Karte zur deutschen Legation und sagen Sie, ich werde morgen vorsprechen.« Und zu Herrn von Rochechouard: »Am selben Tage, wo ich Frankreich mein Beileid ausdrücke, kann ich nicht gut Deutschland gratulieren.« Kung war geschickt in jedem à propos.

Tsü-hi brauchte ein Jahr, um das Frauenhaus zu beleben, das ihren Sohn beleben sollte. Und der Fünfzehnjährige fand was ihm das Frauenhaus bot weit mehr nach seinem Geschmack als Unterricht und Staatsgeschäfte. Er verlor seine morbide Misanthropie, wenn auch nicht seine weichen weiblichen Gesichtszüge und die lässige Trägheit seiner Bewegungen. Er erkannte als seine Geliebte ein Mädchen, das den Namen »Eleganz« bekommen hatte, und als feststand, daß dieses Mädchen durch den Kaiser in anderen Umständen war und ihm eine Tochter gebar, war alles Nötige geschehen, um den Kaiser zu verheiraten. Seit dem Kaiser Kang-hi des Jahres 1665 mußte der Kaiser vor seiner Thronbesteigung sich verheiraten. Ein Dekret vom 10. März 1872 bezeichnete die Braut: die Tochter Ha-lu-to des Doktors der kaiserlichen Akademie Tschung-Ki. »Sie ist lieblichen Charakters, voll Sorgfalt, gebildet und ernsthaft.« Diese Schwiegertochter hatte aber die andere Kaiserin ausgesucht unter ihren Anhängern, – es war ein Schlag gegen Tsü-hi. Sie wartete ihre Zeit ab. Damals, als man ihr den Siao umbrachte, hatte sie im ersten Zorn den Obereunuchen der Ost-Kaiserin erdrosseln lassen, welche Unbeherrschtheit ein Fehler war. Sie wußte jetzt, daß die Rache auf langsamen Füßen geht, um ihr Ziel zu erreichen.

Die fremden Gesandtschaften bestanden darauf, dem neuen Kaiser ihre Aufwartung zu machen ohne Kotau. Das konzedierte man ihnen nach vielen Beratungen, nicht aber den Eintritt in die Rote Stadt. Außerhalb derer Mauer wurde ein Palast für diesen Empfang hergerichtet. Blasser noch als sonst von der wassergrünen Seide seiner Kleider und mit ängstlichem Gesicht sah der Kaiser diese fremdartigen Leute, die sich nur tief verbeugten und aus Papieren was vorlasen, worauf der Interpret übersetzte, was der junge Kaiser stotternd kaum zu Ende brachte: eine Frage, ob die Herren in guter Gesundheit wären. Dann gingen die Herren, und ein chinesischer Beamter meinte, mit einigem guten Willen könnten sich diese Barbaren leidlich zivilisieren lassen. Die von der Roten Stadt redigierte Beschreibung dieses Empfanges lautete so: »Die fremden Gesandten kamen in Waffen. Nachdem sie eingetreten waren, schloß man die Tore. Sie begrüßten den Kaiser durch bloßes Kopfneigen. Neben dem Thron stand ein Tisch, vor dem jeder der Gesandten der Reihe nach sein Beglaubigungsschreiben vorlas. Zuerst kam der Engländer. Aber kaum hatte er einige Worte gelesen, als ihn ein solches Zittern faßte, daß er nicht weiterkonnte. Vergeblich sprach der Kaiser voll Güte und fragte ihn; keine Antwort kam. Darauf kamen die andern dran. Sie waren alle von solchem Schrecken gepackt, daß sie ihre Schriftstücke zu Boden fallen ließen, weder lesen noch sprechen konnten. Prinz Kung ordnete darauf an, daß Palastleute die Herren unter den Arm nehmen und ihnen so die Stufen hinunter helfen. Aber ihr Schrecken war so groß, daß sie sich nicht aufrecht halten konnten, sich auf den Boden setzten, schweißbedeckt, um Atem zu holen. Dem Festmahl beizuwohnen, das man ihnen bot, wagten sie nicht und begaben sich so rasch als möglich in ihre Quartiere. Prinz Kung sagte ihnen: Hab' ich euch nicht gesagt, daß es keine Kleinigkeit sei, den Kaiser zu sehen? Ihr wolltet mir nicht glauben. Jetzt wißt ihr es. Die Gesandten gaben zu, daß es eine überirdische Kraft sei, die vom Kaiser ausginge und die sie so erschreckt habe. Daran erkennt Ihr diese hohlen Menschen, diese Fanfarons und Poltrone.«

Der Empfang der fremden Gesandten durch einen chinesischen Kaiser, erstmalig in der Geschichte des Reiches, ist ein Symbol. Das mit größter Mühe aufrecht erhaltene Gleichgewicht der Kräfte der Roten Stadt war gestört. Was diese drei Köpfe, die beiden Kaiserinnen und Prinz Kung, in zehnjähriger Arbeit mit Hilfe von Koterien, Clanen, Appetiten und Geschicklichkeiten geschaffen hatten, daß es wie eine Einheit aussehe und wirke, das fiel, begann sich aufzulösen. Nun hatte, großjährig gesprochen, nur mehr dieser junge Kaiser die Macht. Den drei abgesetzten Mächten blieb kaum mehr ein Prestige. Aber nur dem Titel nach hatte dieser gänzlich erfahrungs- und kenntnislose Jüngling, dieser blasse, stammelnde Knabe die Macht. Wo sie wirklich sein würde, das beschäftigte die Rote Stadt. Nur dies wußte sie: daß sie aus Intrigen geboren würde. Die Egoismen der Roten Stadt versuchten neue Gruppierungen, suchten neue Affinitäten im Widerspiel der Interessen und Leidenschaften, damit der Apparat funktioniere. Die berühmten Praktiker des Palastes wußten, daß die Souveränität Tong-tsches, ganz illusorisch, wie sie war, ihnen nichts nütze und kümmerten sich nicht um ihn, sondern suchten anderwärts ihre Geschäfte aus louchen Betrieben. Ganz vereinsamt war der Kaiser ein Patron ohne Klienten. Es war nicht leicht, einer Kamarilla so vieler Münder ein Gebiß zu liefern.

Rasch verließ das wenige, was er an Geistigkeit haben mochte, den Kaiser. Er verkam in gröbsten Neigungen. Er verzehrte ungeheure Mengen Zuckerzeug und Kuchen. Die Küchenchefs der Eunuchen hatten gute Zeit. Aber eine Politik war damit nicht zu machen. Nur ein Gaudium. Gutmütig gab der Kaiser zu, daß er von Staatsgeschäften gar nichts verstünde und auch nichts verstehen wolle, denn sie seien höchst langweilig. Essen, das sei schön, auch bei seiner Frau sein oder bei Eleganz, der »edlen Konkubine« oder bei der Erfinderischen, der Konkubine erster Ordnung oder bei Hübscher Jade und Glanz der Gemme, Konkubinen der zweiten Ordnung. Die Ost-Kaiserin machte Vorwürfe, versuchte des Kaisers Beschäftigung ins Politische umzugestalten. Aber schon war die West-Kaiserin auf dem Plan: sie, beide Kaiserinnen, hätten sich bei der Thronbesteigung feierlich verpflichtet, von jeder Beeinflussung des Kaisers abzusehen und Schweigen zu bewahren. Tsü-ngan breche dies Versprechen, indem sie wie in den Tagen ihrer gemeinsamen Regentschaft eine Nebenregierung konstituieren wolle, die sich des freien Willens des Kaisers verbrecherisch bemächtige. Jeder verstand die Worte Tsü-his. Niemand war überrascht. Man hatte ihre Rückkehr erwartet. Aber war sie denn fort gewesen? Dieses Unsichere, Schwankende, Zerfließende in der Roten Stadt, das war ja ihr Werk, getan mit Hilfe der Eunuchen und der Frauen. Daß es so bleibe, wollte sie. Aber mit ihren Worten erklärte sie sich, und alles in der Palast-Stadt erklärte sich für sie. Die maßvollen und tugendhaften Formeln, mit denen sie auf das Widerrechtliche der Ost-Kaiserin aufmerksam gemacht hatte, fand entzückte Zustimmung. Man hatte es durch das diplomatische Geschick der Rede leicht gemacht bekommen, sich so zu stellen, als merkte man nicht das Paradox, daß Tsü-hi an die oligarchische Regierung der Clan-Chefs appelliert hatte, die Absolutität des Monarchen zu schützen. Worin bestand diese? In der leeren und öden Isolation einer Autokratie über jeder praktischen Wirklichkeit. Nicht einmal seine jungen Verwandten, die Prinzen, durfte der Kaiser um sich haben. Auch die Pferde nicht reiten. Nicht Bogenschießen. Seine Kuchenmahlzeiten wurden eingeschränkt, oft bis zum Hunger. In den Pavillon der literarischen Blüten wurde er, der ganz talentlos war, eingeschlossen für Stunden, um Gedichte zu machen. Sein Leben wurde das eines Götzenbildes. Wie das seiner Kaiserin-Frau. Als diese sich einmal schüchtern zu bemerken erlaubte, daß sie doch mit höchsten Ehren durch das Haupttor in den Palast gezogen sei, bekam sie von Tsü-hi zu hören: »Bald werde ich dich durch die gewöhnliche Tür wieder draußen haben.« Dabei geschah nichts, als daß man sich streng an das Protokoll und das Hofritual hielt, das vom Kaiser die Entmenschlichung forderte.

Der sank wehrlos wortlos in schwere Melancholie. Ihn zu heilen, trennte man ihn von seiner Frau, die weinte und zitterte. Ihn zu erheitern führte man ihn in großer Begleitung zu den Ruinen des Sommerpalastes. Der irre Gefangene taumelte und schwankte vor solcher Freiheit, im Anblick nie geschauter Seen, blühender Bäume. Den Sommerpalast wollte er wieder aufbauen, und schon nahmen die Interessenten der Umgebung Aufträge entgegen. Kaum hörte die Rote Stadt von dem geheimgehaltenen Plan, als andere Interessenten geärgert, daß nichts in ihre Tasche fließen sollte, protestierten. Es gab eine Revolte der hungrigen Portemonnaies. Es war des Kaisers höchst persönliche Angelegenheit. Er sollte entscheiden, wozu er etwas brauchte, das er nie besessen hatte: Autorität. Die zahlreichen Syndikate der hungrigen Gebisse wandten sich klagend an Tsü-hi: die Verfassung sei verletzt. So nannten sie ihre Börsen. Tong-tsche widerrief sein Dekret und seine Ernennungen zu Lieferanten. Aus denen wurden weitere Gegner. Diese erklärten: »Ein Kaiser, so sich selber überlassen und so unabhängig, bringt unsere Staatsinteressen in Gefahr, ist eine Ursache für Unordnung. Das Heil liegt in einer neuen Regierung.« Tsü-hi lächelte. Sie beriet sich mit Kung, und sie beschlossen, den Kaiser vor den Prinzen, Großräten, Ritualoffizieren, Kanzlern und Astrologen zu tadeln. Tong-tsche sprach kein Wort. Aber am andern Tage publizierte die Pekinger Zeitung die Absetzung des Prinzen Kung als kaiserlicher Prinz. Tsü-hi brauchte nicht viele Worte, und der Kaiser widerrief die Absetzung, ohne Glauben an jene, die ihm zum Widerstand geraten hatten. Von da ab ließ er sich fallen. Die paar Eunuchen und Frauen, die scheu und im Zwang ihren Dienst taten, ließen ihn seine Einsamkeit grauenhaft wie den Tod empfinden. Er verweigerte zu essen. Er lag und stierte vor sich hin. Bald würde man ihn seiner Verpflichtungen entheben. Das hektische Rot der Schwindsucht setzte sich auf seine Wangen. Man erwartete das Ende. Es kam zu langsam. Tsü-his Obereunuch Li gab einen guten Rat.

An einem Novemberabend ließen den Kaiser die Eunuchen ein gewöhnliches Kleid aus Wolle anziehen, stiefelten ihn, setzten ihm einen Hut aus schwarzem Tuch auf, legten ihm einen Kamtschatkapelz um. Er erfuhr, daß man außerhalb der Roten Stadt Zerstreuungen für ihn habe, und er folgte gehorsam. Keine Wache stand am Tor des Göttlichen Kriegers. In der verbotenen Stadt hatten die Gongs schon befohlen, die Herdfeuer zu löschen. Aber die Straßen der Mongolenstadt waren noch voll Leben. Man drückte sich an die Wand, um die nächtliche Polizei passieren zu lassen, die ein Hauptmann zu Pferde beschloß mit einem Fackelträger zur Linken, der sein Licht auf eine Tafel fallen ließ, darauf Namen und Rang des Offiziers geschrieben stand. Auf den Straßen Pekings herrschte die Ordnung. Das Laster versteckte sich. In Spielhäusern, in Opiumhöhlen, bei Seiltänzern, Gauklern, Jongleuren, bei üppig geschminkten jungen Herrn, in Schnapsbuden und Theatern verbrachte von dieser Nacht ab der Kaiser jede Nacht und berauschte sich, und präsidierte um vier Uhr, bevor die Sonne aufging, eine Stunde lang dem Nei-Ko in der Roten Stadt. Eines Morgens warteten die Räte des Staates vergeblich auf den Knien. Der Kaiser sei krank. Es war fast die Wahrheit. Er lag, von den Eunuchen bewacht, erschöpft irgendwo in der Chinesenstadt; er hatte die ganze Nacht Theater gespielt.

Im Dezember bekam der Kaiser die Blattern, und Tsü-hi ließ ihren sterbenden Sohn ein Dekret unterzeichnen, daß er ihr alle Macht übertrage. Auch der große Rat überlegte seinen Vorteil aus dem Tode des Kaisers. Da gab es ein fünfjähriges Kind von einem Bruder des früheren Kaisers Hien-fong. Natürlich müsse man diesem kleinen Tun eine Regentschaft geben: Tsü-ngan und die baldige Witwe Tong-tsches. Tsü-hi parierte mit einem andern Kinde als Kaiser, denn kam der Kaiser nicht aus ihrer Hand, war ihre Macht nicht mehr. Sie ließ das vierjährige Kind ihrer Schwester holen.

Der Kaiser starb. Chinesische Testamente werden immer von den Erben gemacht. Also verlas Tsü-hi des verstorbenen Kaisers Testament, wonach, da er kinderlos sterbe, Tsü-his, seiner Mutter, Schwesterkind von ihm adoptiert werde mit dem Rechte der Thronfolge.

China hatte seinen neuen vierjährigen Kaiser Kuang-si aus Tsü-his Händen bekommen. Die siebzehnjährige Witwe des verstorbenen Kaisers verschluckte aus Scham und Trauer ihre Geschmeide und starb daran. Das Gerücht ging, sie sei von Li vergiftet worden, als ihre Schwangerschaft bekannt wurde. Ein Staatsrat protestierte mit seinem Selbstmord gegen das neue Regime. Er schloß, was er gegen Tsü-hi zu sagen hatte, mit einem Gedichte: »Der Sang des Vogels, der zu sterben kommt, ist ein Klagegesang. Die Ratschläge eines Mannes, der stirbt, sind vortrefflich. Hier endet, was ich zu bemerken hatte, hier enden meine Wünsche, hier endet mein Leben.«

Es starben zu viele an diesem Hofe. Und die beiden toten Kaiser hätte man als Fuchsgeister gesehen, und einer hätte die Regentin angefaucht, um sie zu strafen. Nun starb auch die brave Tsü-ngan. Sie hätte sich selber den Tod gegeben, als sie sich mit achtundvierzig Jahren von einem Liebhaber schwanger sah, – diese so fromme Frau, die nur um das Kaiserkind besorgt war! Tsü-hi lief verspätet das etwas ausschweifende Leben früherer Jahre als böse Nachrede nach, das längst um weit Interessanteres aufgegebene. Sie wußte, warum sie immer um ihre Macht besorgt war. Weil keiner, bis auf Kung, sie sinnvoll ausüben konnte. Sie sah wie sich das politische Problem ihres Reiches komplizierte, und ihr höchst lebendiger lebhafter Verstand war davon gefesselt, suchte wenn nicht eine definitive doch provisorisch annehmbare Lösung. Welche, das wußte sie nicht. Aber daß es ihre Umgebung noch weniger wußte, auch nicht wissen wollte, das hatte sie immer erkannt. Ja, da war nur dieser Kung in den auswärtigen Affären und Negozen. Aber mehr und wertvoller als er dieser Vizekönig von Tschili, die graue Eminenz, Li-Hung-Tschang. Das war eine Intelligenz, die Initiativen suggerierte. Keinerlei Zweifel hatte er darüber, daß China durch seine Zivilisation, seine Sitten und Bräuche allen fremden Ländern überlegen war. Aber er sagte auch die Punkte, wo es nicht überlegen war: Industrie, Handel, Verkehr, Kriegswesen. Er demonstrierte das. Mit Hilfe des erfolglosen Krieges Chinas gegen Frankreich um Tonking und einer quadratmetergroßen Landkarte des Reiches, auf den Boden des Thronsaales gebreitet, und von Miniatureisenbahnen, die er darüber hinfahren ließ: mit Gütern beladen oder mit Soldaten. Tsü-hi war fasziniert von diesem »größeren China«, vorgeführt in einer Miniatüre. Aber da war gerade nach zehnjährigem siegreichen Krieg gegen die Muselmanen im chinesischen Turkestan dieser alte Haudegen Tso Tsong-tang zurückgekommen, mit allen Ehren eines Triumphators in der Roten Stadt empfangen. Und der sprach, wie immer glückliche Generäle reden, daß man das Reich ans Ausland verkaufe, wo man ihm äußersten Widerstand leisten müsse. Wenn man auf ihn höre, dann gäbe es in acht Tagen keinen Fremden mehr auf chinesischem Boden. Man müsse nur skrupellos vorgehen. China sei reich an allem und habe ein vorzügliches Menschenmaterial für den Krieg. Tsü-hi war auch von dieser Männlichkeit fasziniert, und vergaß die Eisenbahnen Li-Hung-Tschangs. Das Unfruchtbare eines Regierens aus dem Dunkel der Palastintrigen mit Hilfe der alten Anzeiger, Angeber und Schacherer hatte sie erkannt und aufgegeben. Mit legalen Mitteln wollte sie öffentlich regieren mit einem neuen Personal ohne schlechten Ruf aus einer Vergangenheit, ohne Neigung zu üblen Kompromissen für die Zukunft. Sie war bereit, das Neue zu gewinnen, das Alte darüber nicht zu verlieren. In den Extremen stand das vor ihr: Li-Hung, der politische Mensch, Tsong-tang, der kriegerische, jener ein unsicherer Versuch, dieser ein eben errungener Erfolg. Aber doch nur ein Erfolg gegen jene Stämme im fernen Westen, während hier im Osten des Reiches jeder Krieg gegen die Barbaren verlorenging. Die Schwankende in ihrer sterilen Ruhe zu empfangen standen die Eunuchen mit Li-lien-yin an der Spitze im Hintergrunde wartend. Die Kabale rührte sich, diese Frau loszuwerden. Kuang-si, gaben die Astrologen bekannt, sei sechzehn Jahre alt geworden: am 7. Februar 1887 müsse er großjährig gesprochen werden und den Thron besteigen. Erst will ich ihm eine Frau geben, erklärte Tsü-hi. Sie zögerte das zwei Jahre hinaus, und Kuang-si bekam nach einer Probe seiner Mannbarkeit mit den Konkubinen, der dreizehnjährigen Köstlichen und der fünfzehnjährigen Glanz der Geschmeide, die Tochter eines Offiziers aus der Familie der Ye-ho-na-la zur Frau. Der Vater war ein Bruder Tsü-his. Die junge Kaiserin-Tochter verachtete ihren Gatten, lebte nur für die Interessen ihrer Tante. Tsü-hi konnte also beruhigt die souveräne Macht dem Kaiser übertragen.

In der Roten Stadt trieb Li-Hung-Tschang einen industriellen Snobismus mit Telephonen, Eisenbahnen und andern barbarischen Wunderdingen. Scharen von barbarischen Ingenieuren warteten an den Mauern auf immer neue Aufträge für Spielzeug. Noch immer regierte die Kaiserin Tsü-hi. Um den jungen Kaiser waren ihr zu viele Gesichter, denen sie mißtraute, Leute aus der Gefolgschaft Kungs. Der Obereunuch verstand sich auf die Spionage und hinterbrachte. Der junge Kaiser unterzeichnete schweigend ein ihm von der Kaiserin geschriebenes Dekret, das zwei Minister entließ wegen verleumderischer Reden über Tsü-hi. Der großen Tradition verpflichtet mit ihrem ganzen Wesen sah diese Frau die neuen Dinge wie wohl nötige, aber lästige und kleinliche Plagen. Sie konnte sich nicht entscheiden, so wurde sie immer zur Seite gedrängt, dorthin, wohin sie längst nicht mehr wollte, zurück in die sinistren Mittel der Roten Stadt, Eunuchen und Frauen, deren Gebrauch ihr längst schon Routine geworden als daß sie Befriedigung in ihrer Handhabung hätte finden können. Nicht ihre Beamten drängten sie ab und dorthin, wie es ihr scheinen mußte. Diese gaben nur den Druck, den die sich vorschiebenden Posten der Fremdeninvasion Chinas ausübten weiter. Was sich vollzog, war der Untergang des alten Reiches, Schritt um Schritt, und der Beginn einer Zertrümmerung ins Chaotische, in Einzelstücke je nach Kraft, Geschick und Interesse der eindringenden Fremdstaaten oder vielmehr ihrer modernen Kapitalien. Aus dem alten Kuli wurde der moderne Kuli-Arbeiter der Fabrik. In dieser neuen Fassonierung war er noch weit weniger geneigt als früher, einem kaiserlichen China zu dienen, das die Manschus beherrschten. Und der Kuli schnitt sich das Dienstzeichen ab: den Zopf. Nun verlor man auch noch den Krieg gegen die Japaner, die Zwergaffen, wie sie in den offiziellen chinesischen Dekreten genannt werden. Und Prinz Kung wurde wieder der wichtigste Mann, nachdem Li-Hung-Tschang mit seiner Versicherung, daß die chinesischen Streitkräfte den japanischen zehnmal überlegen wären, so unrecht hatte. Tsü-hi verlangte, um zu sehen was sie gelte, die pomphafte Feier ihres sechzigsten Geburtstages. Später, sagte ihr, der von Kung beratene Kaiser, wenn der Krieg mit Japan aus ist, jetzt sei kein Geld da. Es blieb bei einer intimen Feier im Palast.

War doch dieser Li-Hung-Tschang der Klügste? Da war der Krieg mit Japan verloren, und dieser Mann brachte die Barbarenmächte auf Chinas Seite und Japan mußte Port Arthur zurückgeben. Allerdings gegen sehr viel Geld. Aber schon kassierten die fremden Protektoren Chinas für ihre Hilfeleistung weit mehr ein, als für ihren Schutz China erhalten hatte. Prinz Kung starb darüber, ging unter in einem diplomatischen Imbroglio, das er nicht mehr verstand, und gerade noch bevor sich Tsü-his neue Partei seiner bemächtigte, die ganz alt-chinesisch war: Jong-Lu, ein Tartarengeneral, ihr Neffe; Prinz Tuan, der Boxerchef; Kang-Yi mit seinen Palastbeamten, und Li, der Obereunuch. Da Kung tot war, mußte die Partei warten, was weiter geschah.

Überall standen Reformatoren auf, neue Konfutsiusse. Der Kaiser empfing sie zu hunderten. Die Dekrete, die sie abfaßten, rochen nach Pulver. Die Generäle wurden umworbene Personen. Und überall tauchten Generäle auf. Sammelten Truppen. Wie dieser Juan-Schi-kay im Norden. Der im Süden. Jener im Osten. Abgesandte horchten sie aus. Yuan war bereit, diesen Jung-lu wie einen Hund abzustechen. Auch mit der »Dame Na-la«, wie man Tsü-hi in diesen Kreisen nannte, würde er fertig werden.

Aber es kam so, daß Tsü-hi dem Kaiser nicht nur Vorwürfe über seine sinnlose Politik machte, sondern, um ihm zu zeigen, wer hier die Macht habe, mit dem Fächer ins Gesicht schlug. Er unterzeichnete seine Abdankung und ernannte seine Adoptivmutter zur alleinigen Regentin. Die neuen Konfuziusse erlitten alle Arten von Todesstrafen, ihre Frauen schickte man den turkestanischen Chinesen, soweit von ihnen noch was übrig war. Den Kaiser sperrte man ein. Wenn er seine müden Augenlider hob, sah er nichts als die faltigen Gesichter lächelnder Eunuchen. Aber seine gefälschte Unterschrift steht unter allen Dekreten der Reaktion. Den fremden Geschäftsträgern wird gesagt, der Kaiser sei krank. Sie ziehen lange Gesichter. Sie kennen die Krankheiten, an denen Manschu-Kaiser leiden und sterben.

Tsü-hi, die Herrscherin, improvisierte ihre Politik von Tag zu Tag. Sie sucht den gierigen Fremden zufriedenzustellen und den für seine Vergangenheit fanatischen Chinesen, den Manschu, der Angst vor den Fremden hat, und den Chinesen, der die Fremden liebt oder »den Fortschritt«. Sie ist intransigent und progressistisch, je nachdem. Eine sehr kluge Frau, die jeden zu benützen versteht, keinem ihr Vertrauen schenkt, außer dem einen, dem Eunuchen Li. Dessen ist sie sicher. Sie weiß: wer den Weg zu ihr durch Li nehmen will, der ruiniert sich. Wie Jung-lu, der Außenminister geworden ist und sich schon von den Engländern kaufen läßt, die am besten bezahlen. Aber er nimmt von den andern, auch wenn es weniger ist. Tsü-hi sucht Unbestechliche. Die gibt es nur unter den Hassern der Fremden. Wie der Prinz Tuan einer ist, der Boxerchef, dessen Sohn sie zum Thronerben ernennt. Das hieß, sich für die »Gesellschaft des großen Messers« erklären, für die Boxer gegen die fremden Mächte. Aber Tsü-hi gibt den Damen der fremden Gesandtschaften einen Tee, bezaubert alle, berührt mit ihren Lippen jede eingeschenkte Tasse und sagt mit ihrer süßesten Stimme: »Eine Familie! Alles eine Familie!« Inzwischen organisiert sich die Armee der Rächer, die Ruhmreichen Tiger. Die Gatten der bewirteten entzückten Damen verlangen die Auflösung der Banden und die fremden Admiräle schießen ein bißchen an der Yang-tse-Mündung. Tuan ist im Großen Rat für Losschlagen. Der gekaufte Jong-lu ist reservierter. Aber »Tod den Fremden« begeistert die Rote Stadt bis ins Eingeweide der Rotgürtel und Gelbgürtel und der letzten eunuchischen Diener, welche die Leibstühle leeren.

Am 14. August 1900 zog die internationale Armee in Peking ein. Der Hof war geflohen. Diesmal fast bis ins Tibet. Hier in der alten Hauptstadt Singanfu lebte Tsü-hi ein Jahr. Neben ihr der Schatten des Kaisers, seine Frau, seine Frauen, Prinzen und Prinzessinnen, die Gürtel aller Farben, Bannerherren, Würdenträger. Lebte von Fischen, die man sich fing. Und Herr dieses Hofes war Li, der Obereunuch Tsü-his. Auf der Heimreise im Jänner 1902 erfuhr die Kaiserin den Tod Li-Hung-Tschangs. Er hatte sich übergessen an Zuckerzeug.

Aber zuvor löste er noch die Angelegenheit des Sühneprinzen, der vor den Thronen der europäischen Barbaren Kotau machen sollte mit einem befolgten Rat. Dem Eunuchen, der die Rolle des Sühneprinzen spielte, wurde nach seiner Rückkehr der Kopf abgeschlagen. Er bat selber darum. Aber es wäre auch ohne diese seine Bitte besorgt worden.

Schlimm waren die Barbaren mit der Roten Stadt umgegangen in den zwei Jahren: nichts hatten sie niedergebrannt, aber weit Ärgeres: sie hatten allerlei nach ihrem Geschmack her- und eingerichtet, und der Anblick verletzte das feine Auge dieser Frau weit stärker als die rauchenden Trümmerhaufen von damals es taten, als sie aus Jehol zurückkam. Vor so vielen Jahren. So jung damals! Wie alt jetzt! Der alte Buddha, wie man sie nannte, saß allein, betrachtete die weiße Asphyxie ihrer Finger, spürte da und dort diese merkwürdige Sensation der Kälte an Stellen des Leibes. Aber sie gab dem nicht nach. Der Kaiser lebte wie sein Vorgänger sein schwaches Leben zu Ende unter den Händen der Frauen. Tsü-hi mußte regieren. Die Fremden drängten zu Entscheidungen. Den Boxerprinzen schickte sie in Verbannung. Nichts mehr war es damit, daß dessen Sohn Kaiser würde. Aber sie rührte doch nur so gedrängt an den Hebel der Regierungsmaschine. Lieber sah sie den ausgelassenen Stücken zu, die sich der Kaiser vorspielen ließ, das so komische Stück vom Hochzeitsbett oder das so unanständige vom Lüstling oder das sentimentale vom Jadespiegel. Oder sie selber spielte die von ihr bevorzugte Rolle der Kwan-Yin, der Göttin des Erbarmens, neben ihr Li als buddhistischer Bonze. Vom »Fortschritt« gab es immer neues Spielzeug. Die photographische Kamera, lange von den Riten verboten gewesen, war das neueste. War denn noch was zu sagen und zu bedeuten? Ja, man kabbalierte ja noch ein bißchen, aber doch nur so in catimini. Tsü-hi regierte unbeschränkt, auch von Koterien des Palastes frei, und es gab immer delikater werdende politische Fragen. Ihr Interesse daran ließ im Alter nicht nach, so wenig wie ihre Ungeduld über sich selber, daß sie nicht im höchsten Maße den Verstand für alle diese neuartigen Probleme besaß und immer wieder Räte brauchte, immer wieder diese Beamten, die an ihre Tasche dachten, dumm waren und logen. Da hatte sie eine Studienkommission nach Europa und Amerika geschickt, zwei Jahre war sie weggewesen, und nun zurückgekehrt, brachte sie statt vernünftiger und brauchbarer Projekte nichts mit als ein lächerliches Gepäck von falschen Wahrnehmungen und Informationen, die sich untereinander aufs absurdeste widersprachen. Das machte es den Eunuchen und Weibern leicht mit ihren billigen Behauptungen und Vorstellungen, das Fremde tauge in nichts nicht für China, und waren, die das sagten, ihr doch so liebe und vertraute Leute, und die Kaiserin weinte und sagte ihnen, sie hätten recht, der Fortschritt sei eine ebenso dumme wie abscheuliche Sache, mit der sich China nicht beschmutzen wolle. Und nichts derlei solle sie künftig beschäftigen, Fächer malen wolle sie und Gedichte machen auf die Kindesliebe und das Verharren in der Tugend. Darin starb sie. Und mitten in ihr Sterben hinein gab es einen andern Toten: den Kaiser Kuang-si. Im Prinzen Tsai-fong bestimmte sie noch den Thronfolger, und dann trat sie die große Reise auf dem Drachenwagen an, um zwei Uhr nach Mittag des 15. November 1908.

In dem langen Zuge des Trauergefolges gab es nur einen einzigen, der wahren Schmerz zeigte, und das war der mühsam seinen mächtigen Bauch schleppende alte Eunuch Li. Er begrub China, das Reich.

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