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Himmlische und irdische Liebe in Frauenschicksalen

Franz Blei: Himmlische und irdische Liebe in Frauenschicksalen - Kapitel 16
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authorFranz Blei
titleHimmlische und irdische Liebe in Frauenschicksalen
publisherErnst Rowohlt Verlag
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Jane Carlyle

Auch wenn Jane Welsh den jungen Pastor Irving geheiratet hätte, wäre es ihr Los gewesen, einen Narren zum Manne zu haben, nur nicht so lang, denn Irving, der Sektengründer der Irvingianer, starb in jungen Jahren. Aber Jane wäre bei ihm Frau und vielleicht Mutter geworden. Der, den sie heiratete, machte sie nur zur Gattin vor der Welt. Als Mrs. Carlyle hochbetagt starb, hätte man ihr Lilien aufs Grab setzen können.

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19. Jane Carlyle. Nach einem Gemälde von Samuel Laurence.

Liebe war es nicht, was das junge Mädchen aus altem gut-bürgerlichen Hause veranlaßte, diesen bäurischen Sohn eines Maurers aus Ecclefechan zu heiraten, diesen übellaunigen und spleenigen Proleten in eisenbeschlagenen Schuhen und abrutschenden Wollstrümpfen, diesen Menschen ohne Herkunft, ohne Vermögen, ohne Gegenwart und ohne Aussichten, aber besessen davon, berühmt zu werden, wenn auch noch nicht feststand worin, denn das theologische Studium hatte er aufgegeben und als Hauslehrer war keine Karriere zu machen. Auch mit der Kenntnis des Deutschen nicht, die gerade nur hinreichte, sich mit Mißverstand über Kant zu äußern und eine Lebensgeschichte Schillers etwas zusammenzuschludern. Janes Bildung war solider, fast die eines Jungen, wie der frühverstorbene Vater es wollte. Sie konnte Latein, schrieb mit literarischen Ambitionen Verse und ein Trauerspiel mit vierzehn Jahren, galt als ein Wunderkind und war ein hübsches Mädchen mit lebhaften Augen, Witz und Übermut. Das hübscheste und begabteste Mädchen im Städtchen. Dieser ungeschlachte, manierenlose, arme Bursch aus Dumfrieshire, der nach Tabak und Kleidern roch, sagte ihr als Mann gar nichts und sie machte ihm auch kein Hehl daraus. Doch seinen Verstand und seinen Charakter müsse sie bewundern: mehr aber wollte der Bursch gar nicht, denn das war ihm alles. Gefühl, ja, davon müsse man eine Welt haben, aber Gefühle der Liebe, die ein Mädchen betreffen, die schloß er aus. Mit plumpen Witz machte er sich über Laura und Petrarca lustig und auch Dantes Beatrice bekam ihr Teil. Jane Welsh, dem jungen überbildeten und ehrgeizigen Mädchen imponierte der Ernst dieses Freiers, für den die Liebe zu den Futilitäten dieser Welt gehörte und die er rechtschaffen haßte. Worin sie nach wenigen Jahren ihrer Ehe ganz seiner Meinung wurde: »Die Liebe oder was man so nennt gehört nur einer sehr eingeschränkten Zahl der Lebensjahre des Menschen und selbst während dieses wenig bedeutenden Zeitabschnittes ist sie nur eines der Objekte des Menschen unter vielen unendlich viel wichtigeren. Um die Wahrheit zu sagen, die auch Mr. Carlyle ganz klar sieht, ist diese ganze Affäre der Liebe eine so miserable Futilität, daß in einem heroischen Zeitalter kein Mensch sich die Mühe gäbe, daran zu denken oder darüber auch nur den Mund aufzumachen.« Wenn das nicht nur das gefällige Echo dessen ist, was ihr Mann sagte, sondern wirklich Ausspruch dessen, was diese Frau dachte und empfand, dann wird man Jane Welsh bei allen Widerwärtigkeiten, die sie in ihrer Ehe erfuhr, nicht nur nicht beklagen, sondern sie glücklich nennen müssen, in ihrem Mann den kongenialen Partner gefunden zu haben für eine Ehe, die weder aus dem Liebesgefühle noch aus der Leidenschaft ihre Nahrung holte. Sondern nur, es klingt grotesk, aus dem Ruhm. Besser: aus der Berühmtheit. Janes Schmerz war ja auch nur dieser, daß sie nicht immer neben dem Gatten im Scheinwerfer dieses Ruhmes stand, sondern ganz einfach zu Hause bleiben mußte beim Filetstricken.

Nie hat ein Bräutigam, der es aus freier Wahl ist, so im kalten Schweiß der Angst vor seinem Hochzeitstag gezittert wie der dreißigjährige Thomas. In dem Briefwechsel der Brautzeit spricht er von den vergangenen sieben Jahren als solchen des Schreckens und der Hölle und unausgesetzter Torturen, die ihm Kopf und Herz auf gleiche Weise zerstört und verdüstert haben. »Ich kann und will diese Art des Lebens nicht länger ertragen. Meine Geduld ist zu Ende. Ohne Übertreibung, es wäre der Tod für mich besser als in einem solchen Zustand zu bleiben.« Er erwartet sich die Änderung dieses furchtbaren Lebens von der Heirat und einem Leben als Bauer auf Janes Landgut. Womit sie aber gar nicht einverstanden. »Mein Herz ist einer Liebe fähig,« schreibt sie ihm, »für welche keinerlei Mangel ein Opfer wäre. Aber ... ich habe Ihnen bereits die Natur meiner Zuneigung zu Ihnen expliziert.«

Der Hochzeitstag ist festgesetzt. Der Bräutigam schreibt: »Bin Opfer des Spleens, krank, schlafe nicht, leer an Glauben, der Hoffnung und der Liebe, mit einem Wort schlecht und verächtlich.« Nach der Hochzeit allein mit seiner Frau im Wagen zu sitzen, dies erscheint ihm so unerträglich wie unmöglich. Er schlägt vor, die Diligence zu nehmen, was billiger sei, und einen seiner Brüder mitzuhaben. Aber Jane lehnt Diligence und Bruder ab. Thomas verläßt der Mut völlig. Sich ihn wiederzugeben liest er, ohne Effekt, hundertfünfzig Seiten Kritik der reinen Vernunft. Dann mit besserem Effekt Walter Scott.

Jane schreibt, – ein zum Tode Verurteilter tröstet den andern – dem Bräutigam: »Ich bitte Sie um Himmelswillen, seien Sie weniger düstrer Laune, wobei der Zwischenfall unserer Hochzeit nicht nur einen sehr originellen Aspekt, sondern einen herzbrechenden hat. Wie ich ihn ertragen werde können, weiß ich nicht, bin ganz krank, wenn ich daran denke.« Carlyle, der auf Bruder und Diligence verzichtete, stellt eine Bedingung: »Ich stipuliere bloß, daß Sie mich während der Fahrt drei Zigarren rauchen lassen, ohne Kritik und Ablehnung Ihrerseits, als eine für mein Wohlbefinden unumgängliche Sache.«

Das junge Ehepaar, das sich in einem so ungewöhnlichen Liebesbriefwechsel näherkam, ist nun in einem kleinen möbliert gemieteten Häuschen in Edinburg installiert und so glücklich als es sein kann. Der Gatte versichert Mutter und Bruder, seine junge Frau sei heiter und froh wie eine Schwalbe, er dagegen sei verdrießlich, krank, schlaflos, nervös, gallsüchtig, schwarzsüchtig und alles übrige noch. »Meine Frau übertrifft meine Hoffnungen. Sie ist so nachsichtig, so gut und mir so ergeben. Warum bin ich nicht glücklich? Mein Herz ist voll Bitterkeit und Trauer. Mein Leben ein ständiger Albdruck, mein Erwachen in der Hölle. Der Rest entsprechend.« Er möchte den Bruder da haben für die ersten Monate.

Jane wartete vergeblich auf die Erfüllung ihres Mädchentraumes: die geistige Gefährtin und Mitarbeiterin ihres Mannes zu werden. Die ihr zugewiesene Aufgabe war die der schweigenden Dienerin. Er machte aus dem Bürgermädchen so was wie ein Proletarierweib, dazu da, ihm sein Leben leichter und angenehmer zu gestalten mit Kochen, Wäschebesorgen, Brotbacken, Strümpfestopfen und Mund halten vor allem. Sie nahm es hin ohne Widerrede, denn sie hatte einen großen Genius geheiratet, der sich nun auf den Weg mache, seine großen Werke zu verrichten. Schweigend, seine Pfeife rauchend, sah er ihr zu, wie sie das Geschirr wusch, genau wie es zu Hause seine Mutter getan hat. Und sie, praktisch klüger als er, nahm es hin ohne zu klagen. »Kleinigkeiten«, sagte sie, »haben nichts, wenn man zu ihnen lacht, und werden schwere Kümmernisse, wenn man sie mit allzu ernstem Geiste betrachtet.« Während sich Carlyle anstrengte, große Gedanken zu haben und unsterbliche Bücher sich einfallen zu lassen, tat sie mit Humor die kleinen Verrichtungen des Tages mit den bescheidensten Mitteln ihres kleinen Einkommens, wirklich eine heroische Natur, in welche sie nicht durch die diesbezüglichen Traktate ihres Gatten eingeführt zu werden brauchte. Ihr Leib litt unter dieser Arbeit einer kleinen armen Bäuerin, aber nicht der noble Anstand ihrer Seele. Nicht ein Wort der Klage kam über ihre Lippen. Sie betrachtete sich als »einen der Umstände seines Loses«, als nichts weiter. Und in der befohlenen und von Jane ängstlich gehüteten Grabesstille und Einsamkeit des Hauses lauschte der schwerhörige Mann, ob er, endlich, die Stimme seines Dämons vernehme. Überlegt die Würfel, mit denen er den großen Wurf wagen solle. Zermartert seinen schweifenden Ehrgeiz um den seinem Wesen kongenialen Stoff, als den er zunächst, da ihm nichts einfallen will, sich selber findet als den Sartor Resartus.

Carlyle, der romantische Puritaner, ist unsäglich stolz auf das, was er seine Ehrlichkeit nennt, ist es bis zur Unehrlichkeit. Bei einer eigentlich komischen, grotesken Schriftstellerbegabung, die aus ihm hätte einen Rabelais machen können, wenn er erfinderische Phantasie gehabt hätte, wird jedes zweites Wort bei ihm der Ernst, die seriousness. Und jedes dritte das Gebot des Schweigens, – um selber überlaut reden zu können. Auch wenn er selber einmal schwieg, konnte er es nicht ausstehen, daß andere redeten. Sie sollten fassungslos in Schweigen versinken vor dem, was er ihnen gerade gesagt hatte. Er liebte seine Frau, weil sie eine vollkommene Zuhörerin war, sein bestes Publikum. Er schämt sich nicht im geringsten, immer recht zu haben. Er ist nie leise, sondern schreit und brüllt. Um sich zu betäuben, weil ihm vielleicht vor dem leisen Hinschauen auf sich selber graut. So lebt er nur für die Idee, die er von sich einem Publikum geben will. Schwer zu sagen, was das für eine Idee ist, denn seine barocke skurile Art machte sofort auch aus seinen Ideen deren Karikaturen.

Es gehört zum Proletarier-Parvenü, der er ist, daß er mit einem Stammbaum immer ernsthafter kokettiert, der ihn von den Rittern Carlisle direkt abstammen läßt. Es gehört aber auch dazu, daß er aus dem Umstand, daß er als schottischer Bauern-Proletarier auf die Welt kam, ein pathetisches Theater macht. Er redet von seiner Familie und von seinen Verwandten als ob sie weiß Gott was für eine menschliche Elite wären und waren nichts als irgendwelche brave Leute. Sein Vater ein Held der Maurer. Und der Menschlichkeit. Seine nichts als sehr bigotte Mutter, die Pfeife raucht, wird zur Mutter aller Mütter. Nie gibt er, bis an sein Lebensende, seinen Dialekt auf, erklärt den Poridge von Zuhause für Ambrosia, trägt eisenbeschlagene Schuhe, dicke Wollstrümpfe und gibt kräftige Schläge auf den Rücken. Er übertreibt noch, daß er nach Pfeife stinkt und nach zu lang getragenen Kleidern. Er glaubt, sein Händedruck sei ehrlicher, weil er sich nicht die Nägel putzt. Seine Kraft ist die proletarische Brutalität, nach der sich ihm auch sein Heldentyp formiert. Zur Aufstellung des Helden kommt er aus derselben inneren Weichlichkeit und Schwäche, die er als Grund für sein übertrieben starkes und lautes Schreiben angibt. Er ist was man ihn nannte: ein Ezechiel in Knickerbockers, ein als Elias verkleideter Pickwickier. In seinen visionären Momenten der Clown von Pathmos. Wenn er in ein Zimmer tritt, in dem die Luft schlecht ist, öffnet er nicht ein Fenster, sondern schlägt es ein: als Schotte, als Puritaner, als Sohn eines Maurers und als eine Art protestantischer Tertullian, der er sich glaubt, vertraut mit den Wegen Gottes und seinem Strafgericht. Er redet in Zungen aus Unordnung des Geistes, diametral am andern Pol als der ihm ganz fremd gebliebene Goethe, aus dem Bedürfnis, zu bedeuten und groß über alle zu sein und stark über alle. Ein Kraftanbeter bis zum Exzeß – aus Schwäche. Er ist immer ganz außer sich. Kein Lächeln geht über das Gesicht dieses schottischen Großinquisitors. Viertausend maßlose Seiten schreibt er, preußischer als ein Preuße, über den König Friedrich voll Hofgeschichten und Prinzessinnengeklatsch und Schlachtenbeschreibungen, in denen er schwelgt. Mitten in der Arbeit kommen ihm Bedenken über seinen Helden. Aber er kann das Ergebnis jahrelanger Arbeit nicht ins Feuer werfen, kann mitten in der Arbeit nicht seine Einstellung ändern, also lügt er die Heldenlegende weiter bis zur Seite viertausend, und das Ungeheuer dieser sechs Bände enthält weit weniger als die vierzig Seiten von Macaulay über denselben König. Der aus der Moral eine Rhetorik machte, ist er nicht, wie man ihn auch nannte, der Tartarin des Nordens, dem jede Gelegenheit eine Gelegenheit ist, auf der Bühne zu erscheinen, immer als Hauptakteur und fest überzeugt, daß es ohne ihn nicht ginge? Weil er als ein richtiger Autodidakt immer lehren muß, besonders das, was er nicht gelernt hat. So steht er vor der Bude, die große Trommel schlagend für den reinen Charakter, der sich sofort in der Bude produzieren würde, der große Schotte aus Ecclefechan, das moralische Wunder von Dumfrieshire. Er donnert, wenn er schweigt. Wenn er spricht, ist's die Sintflut. Seine Überzeugung, er habe »eine Botschaft aus der Ewigkeit zu verkünden«, ist so stark, daß er damit seine Zuhörer außerordentlich impressioniert. Sie glauben es ihm. Nicht aus dem Inhalt seiner Botschaft, sondern aus dem Impetus seiner Verkündigung. Seit Christus, so sagt er, ist er der erste Mensch, der den Menschen als ein unbekleidetes Tier sah. Seit dem Evangelium gab es kein Buch wie dieses seine hier und dieses andere aus seiner Sturmfeder. Solches Selbstgefühl überwältigt. Daß Bücher solcher Bedeutung für dieses und die kommenden Jahrhunderte nicht in gewöhnlichem Englisch geschrieben werden durften, war einleuchtend. Also wurden sie in carlylisch abgefaßt, bis auf jene Artikel, die Geld ins Haus bringen sollten und man sich da in die landesübliche Sprache begeben mußte.

Frau Carlyle erfuhr die Segnungen, die sie sich vom Genie ihres Mannes erwartet hatte, aber »das Genie eines Mannes ist keine Sinekure«, mußte sie zugeben. Sie erfuhr nicht die Segnungen der Liebe, aber diese hatte sie ja ausgeschaltet um seines Ruhmes willen: das Äußerste mußte der Mann leisten, das Unerhörte, damit der Effekt seines Ruhmes sie für ihren Verzicht auf die Liebe entschädige. Dafür nahm sie jeden Dienst auf sich, den ihr der Mann als ihr zukommend anwies. Im Jahre 1855 war das hochgesteckte Ziel erreicht: ihr Mann war ein großer Name Englands. Auf dem Weg dahin hatte sie ihren Verstand verschärft. »Ist es nicht sonderbar,« sagt sie, »daß die Schriften meines Mannes nur von Frauen und Narren völlig verstanden und ganz geschätzt sind?« Sie war als junges Mädchen eine vortreffliche Mathematikerin gewesen! Mit der Zeit hat sie auch einen feinen Humor bekommen, dem der Sévigné ähnlich. Sie erinnert sich der sieben ersten Jahre ihrer Ehe in der wüsten Öde eines elenden schottischen Bauernhauses verlebt ohne Geld, ohne menschlichen Verkehr, acht Meilen weit weg von der nächsten Poststation, mit dem Manne, den nicht die Frau, wie er gehofft hatte, sondern diese schweigende Einsamkeit von den »Mächten der Blödheit« befreite, in diesem schweigenden Hause, in dem keine Henne gackern durfte, um den über seinen Büchern und seiner Galle eingesperrten Mann nicht zu stören. Während sie das Brot backen mußte, das allein er vertrug und der Weg zum Bäcker, zu Pferd zurückzulegen, zu weit war. »Die ich verzogen von der ganzen Familie aufwuchs und deren Wohlbefinden die Beschäftigung des ganzen Hauses war und von der man nie was anderes verlangt hatte, als daß sie ihren Geist kultiviere, ich war darauf beschränkt, die Nacht damit hinzubringen, ein Brot zu backen, das vielleicht überhaupt kein Brot werden würde. Das machte mich verrückt, so sehr, daß ich den Kopf auf den Tisch sinken ließ und stöhnte. Ich weiß nicht, wie mir da Cellini einfiel und wie er eine Nacht lang am Ofen wacht, aus dem der Perseus hervorkommen sollte. Und ich fragte mich: Ist denn schließlich, vor den Augen des Allerhöchsten, ein so großer Unterschied zwischen einem Brote und einer Statue, wenn eines wie das andere die Pflicht repräsentiert? Der entschlossene Wille, seine Geduld, sein Scharfsinn, das sind die wirklich wunderbaren Qualitäten, deren zufälliger Ausdruck nur der Perseus ist. Und wenn es nun eine Frau gewesen ist, in Craigenputtock lebend mit einem dyspeptischen Mann, sechzehn Meilen von einem Bäcker entfernt und dieser Bäcker bäckt schlecht, so hätten alle diese selben Qualitäten Cellinis ihre Beschäftigung darin gefunden, ein gutes Brot zu backen. Ich kann nicht sagen, wie dieser Gedanke mir Trost über die Traurigkeiten meines Lebens gab während der Jahre, die wir in dieser öden Gegend wohnten, wo von meinen drei unmittelbaren Vorgängerinnen zwei verrückt und die dritte eine Trunkenboldin geworden waren.«

Es ist nur zu ahnen, wie groß der Anteil Jane Carlyles am Ruhme ihres Mannes durch das Brot ist, das sie für ihn buk. Wie sich sein Ruhm auf ihren Opfern aufbaute. Schwer zu sagen, was es war, das sie an diesem Manne und Werber faszinierte. Da es die Liebe nicht war. Aber auch nicht die Eitelkeit, denn damals, als sie heiratete, war er ja nichts. Aber er wollte alles werden. Vielleicht fesselte sie dieser wilde Fanatismus des Mannes zum Ruhme. Nicht um eine berühmte Frau Carlyle zu werden, was ja nur bedeutete: die Frau des berühmten Carlyle. Darüber schwindelte sich ihr sehr gesunder Verstand nichts vor. Sie machte sich oft lustig über »diese unglückliche junge Person Jane Welsh, die als einzige Tochter erzogen in Hinsicht auf eine große Position nun Mrs. Thomas Carlyle geworden war«. Vielleicht hatte sie es als eine interessante, ihr gestellte Aufgabe angesehen, was durch ihren Verzicht auf Geliebten, Liebe, Mann, Kinder, Haus und Wohlstand aus dem Manne werden würde, dem sie solches Opfer bringt? Sie war es wohl, die dem Mann das gab, was er nicht besaß: Ausdauer, Willen, Mut, Zuversicht, Glauben, Gesundheit bis zu achtzig Lebensjahren. Gab es ihm damit, daß sie jeden Dienst tat, schweigend, wie ihr geheißen. Oder war es der unglückliche Mensch, der Carlyle war, was sie ergriffen hatte, sich ihm zu unterwerfen? Er war der schlechthin unheilbare Hypochonder, der von seinen wirklichen oder eingebildeten Leiden redet, bis er taumelt. Als ein reaktionärer Puritaner sieht er im Leben nur die strafende Hand Gottes, eine grausame und lächerliche Tragödie, sich selber als von einem bösen Dämon besessen, der ihn reden und tun heißt was er nicht reden und tun will. Den Tau in Blumenkelchen konnte dieser Mensch mit dem Überfluß seiner Galle vergiften, den gestirnten Himmel mit einem bittern Witz belächeln. Und diese Frau peinigen, die ein so tapferes Herz besaß, diesen Mann auszuhalten, der sich selber nicht aushielt. Nach ihrem Tode sagte er zu seinem ergebensten Schüler Froude: »Wenn ich sie nur für fünf Minuten wiedersehen könnte, um ihr zu versichern, daß ich ihr immer wirklich ergeben war! Aber sie hat es nie gewußt! Sie hat es nie gewußt!« Sie hat eine lange Zeit das Gegenteil gewußt. Ohne viel mehr zu verlangen in höchster Bescheidenheit als »einen guten Blick, ein gutes Wort, aber wenn das nicht, was soll ich sonst tun als in die Verzweiflung fallen?« Er hätte sich vorwerfen können, zu dieser Frau, die für sein Essen hungerte, für seinen Trunk durstete, für seinen Schlaf wachte, nicht ein einziges Mal »danke« gesagt zu haben. Das nahm sie ihrem »armen genialen Mann« nicht übel, weil sein barbarischer Egoismus ihr zu seinem Genie zu gehören schien, zu dessen Rechten, wenn auch nicht ganz zu dessen Pflichten. Aber sie litt, als die unausbleiblichen schönen und intellektuellen Bewunderinnen ihres Mannes einen Kreis um ihn schlossen, in dem er sich gefällig drehte und darüber ganz seine Frau vergaß, die außerhalb des Kreises stand. Sie nahmen ihr nicht aus Verehrung für den Mann die Strümpfe ab, die sie ihm stopfte, sondern stahlen seine Schreibfeder, um sie unter einen Glassturz zu legen. Mit Händen, deren Weiße er mit der Grobheit jener seiner Frau verglich und deren elegantes Wesen es ihm auffallen ließ, daß seine Frau »so rustikel« aussah, ohne sich zu erinnern, daß er es war, der dieses feine Bürgermädchen mit Brotbacken, Kochen, Stubenfegen, Flicken zu so was wie einer Magd im Aussehen gemacht hatte. Dagegen hatte natürlich die Frau seines hochgebornen Freundes Lord Ashburton, die brillante Lady Ashburton, das »Wesen einer Königin«, wie auch die andern Damen, die er in ihrem immer häufiger und für länger besuchten Salon traf, dieser so vielbeschäftigte Mann, der für seine Frau kaum »zwanzig Minuten« im Tage fand, nach ihrer Gesundheit zu fragen und ob die Bettgardinen schon gestopft seien.

Der Bauernprolet, der nach Pfeife stinkt, erliegt dem Duft der feinen adeligen Häuser. Der Plebejer entzückt sich an der Folie, die ihm die Noblesse gibt, die ihn auf ihre Schlösser einlädt, ihn, nur sehr selten seine Frau. Wenn dies in gewissen Zeitabständen nicht mehr zu umgehen war, ließ die Lady die Frau es spüren, daß sie nur als die zufällige Gattin ihres Mannes geladen sei, und der Gatte selber ließ es seine Frau merken, daß sie nur »eines seiner Gepäckstücke« sei, mit dem er sich auf Schloß La Grange zu seinen adeligen Freunden begebe. Daß man sie nicht im Eßzimmer der Dienerschaft ihre Mahle einnehmen ließ, ist alles.

Auch darin hatte sie sich vom Anfang ihrer Ehe aus Nicht-Liebe ihrem Gatten unterworfen, der ihr immer erklärte, daß »er keinerlei Sentimentalitäten liebe«. Das war um so leichter zu leisten, als diese Ehe sich ja nie aus der Liebe und deren Gefühlen bestritt. Eifersucht war es daher nicht, was nun Mrs. Carlyle verzweifeln machte und ihr die Erinnerung verdarb an ihr ganzes Leben mit diesem Manne. Sie kam sich um ihr Opfer betrogen vor. Wie ein erschöpfter, im Dienst erschöpfter Dienstbote, den der Herr entläßt, indem er über ihn wegsieht. Dem immer miselsüchtigen, immer verzweifelten Manne, der kein Mann war und sich Krankheit und Düsterkeit aufstöberte, um dafür eine Entschuldigung zu haben, diesem trüben Genossen hatte sie ihr Lachen und ihre Fröhlichkeit, und wie oft weinenden Herzens, gegeben, – nun war ihr für ihre Verlassenheit nichts mehr davon geblieben als so etwas wie Reue und die Frage: wozu tat ich das alles? Sie wurde launisch und bitter in dieser Qual, und der Herr gab der Magd, die zu seinem Gefallen nicht mehr lachen wollte, böse Worte, und Sturm war im Haus, der die Frau auf die Gasse treibt, im Gehen sich zu ermüden, den Körper wenigstens, um aus Erschöpftheit schlafen zu können. Anders hilft Morphium. Oder ein Tagebuch, das Bittere noch bitterer zu machen. »Verbrachte den Abend damit, die Hosen Mr. Carlyles zu flicken. Als ich noch ›einziges Mädchen‹ war, hab ich nie danach verlangt, Männerhosen zu flicken, nein, niemals.« Oder: »Diesen Abend allein. Lady Ashburton ist zurück. Und natürlich ist Mr. Carlyle in Bath House.« Oder: »Mr. Carlyles Hausrock geflickt. Viel Bewegung in freier Luft brauch ich, um mein Herz zu hindern, daß es mir in den Kopf springt und mich verrückt macht. Wie glücklich müssen die sein, die Muße haben, daran zu denken, in den Himmel zu kommen! Mein dauerndstes und drängendstes Bedürfnis ist, daß es mir glückt, nicht ins Irrenhaus zu kommen. Nichts anderes.« Oder: »Wenn dieser Besuch in La Grange nur schon vorbei wäre! Die Vorbereitungen dafür absorbieren mich, nehmen mir jeden ruhigen Gedanken, jede stille Beschäftigung. Mich in meinem Alter mit meiner Toilette beschäftigen müssen, mehr als zur Zeit, wo ich jung, hübsch und glücklich war – daß ich das alles einmal war, mein Gott! – und tu ich's nicht, damit dafür bestraft sein, als häßlicher Fleck auf diesem Himmel aus Gold und Azur betrachtet zu werden, das ist wirklich zu stark. Ah, wären wir doch in der uns zukommenden Sphäre geblieben, wie viel mehr wert wäre das für uns in jedem Betracht!« Oder: »Die Natur wollte nicht, daß wir zurückschauen, sie hat uns die Augen nach vorn gestellt. Schau vor dich, Jane Carlyle, und wenn du kannst, nicht zu weit ins Vage. Schau deine unmittelbare Pflicht an und tu sie! Ah, der Geist möchte schon, aber das Fleisch ist schwach, und vier Wochen Krankheit haben das meine weich gemacht wie Wasser. Kann nicht mehr London auf Siebenmeilenstiefeln durchlaufen ... Das wahre Glück ist schlafen. Darauf bin ich gekommen. Armer Kerl, der ich bin!«

Da starb plötzlich Lady Ashburton. Damit schien die Ehe der Carlyles wieder in Ordnung zu kommen. Aber es ordnete sich alles um eine Leere. Über die in Janes Herzen lief ein etwas gemachtes kräuselndes Lächeln. Carlyle wäre ein wilder Ausbruch vielleicht lieber gewesen, der Versöhnung wegen. Er ist gerade mit seinem »tristen Buche über Friedrich« beschäftigt in Ängsten, Verzweiflungen und Anfällen trübster Schwermut. Frau Carlyle brachte das Lächeln nicht mehr zusammen. Ein Sturz aus dem Wagen verursachte dem geschwächten Leibe unerträgliche Schmerzen. Sie klagte nicht, aber ihr Blick fiel in ein ungeheures: Chaos grenzenloser Untröstlichkeit. »Schnitte man mit Messern an mir herum,« sagte sie, »risse man mir die Knochen auseinander, es wäre ein Lust gegen das, was ich leide.« Carlyle fürchtet in diesen neun Monaten, sein Weib zu verlieren und wird ein ganz klein wenig mitleidig. Für die Frau ist es so viel, daß sie beglückt davon ist, und sie weiß ja auch, daß die »Sentimentalitäten« Herrn Carlyles von sehr kurzer Dauer sind. Geschwind, geschwind freut sie sich, und stirbt. Am 21. April des Jahres 1866. Sie ist fünfundsechzig Jahre alt geworden. Carlyle sucht in seinen intimen Aufzeichnungen, die er seine Frau um fünfzehn Jahre überlebend nach ihrem Tode macht, sich zu entschuldigen: »Ich sah nicht ... ich merkte nicht ... ich vermutete nicht ...« Er hatte nicht nur ein schlechtes Gehör, sondern, von seinen Gesichten abgesehen, auch ein kurzes Gesicht. Wenn er den Tod Janes als »den Verlust all dessen, was das Leben wertvoll macht« bezeichnet, so spricht er nur eine Redensart nach. Was diese Frau ihm war, das hat er in der Dürftigkeit seines Herzens nie erfahren, im Ausschweifenden seines Denkens nie gewußt. Der, dem als Heldentum die barbarische Macht galt, hatte keine Ahnung, daß sich ihm heldenhaft dienend ein Leben geopfert hatte. Aber die Anschauung, daß das Genie ein natürliches Anrecht darauf habe, ein im Gefühle roher Patron zu sein, hat ihre Anhänger.

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