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Himmlische und irdische Liebe in Frauenschicksalen

Franz Blei: Himmlische und irdische Liebe in Frauenschicksalen - Kapitel 15
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authorFranz Blei
titleHimmlische und irdische Liebe in Frauenschicksalen
publisherErnst Rowohlt Verlag
year1928
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Pauline – Claire – Juliette

I

Als das jüngste von den vielen Mädeln des Geheimen Rates Cäsar in das Alter kam, wo nach einem Vorurteil der Eltern die Bildung als der wichtigste Faktor des Erziehungswerkes auf das Kind losgelassen wird, hatte die kleine Pauline das Glück, ihren Vater zu verlieren und in ihm den, der gebildet und pedantisch wie er war sie in diese Zucht genommen hätte. Die Mutter, eine französische Emigrantin leichten Sinnes und wenig von Vorurteilen belastet, tat nichts, die großen natürlichen Anlagen und Gaben der kleinen Pauline durch den Zusatz gleichgültiger Kenntnisse zu verschneiden. Zur Not, daß man französisch und deutsch schreiben lernte, wobei die orthographischen Fehler um so weniger zählten, als Pauline das was sie zu schreiben hatte immer höchst eindringlich und präzis ausdrückte. Ob im Dativ oder im Akkusativ kam dabei gar nicht in Betracht.

Mama Cäsar besaß Vermögen, eine Pension und ihre guten Beziehungen zur Hofgesellschaft vom Verstorbenen her. Das Haus war voll hübscher Mädchen, und der Gäste waren nicht wenig. Ab und zu heiratete eines der Mädchen, und kam es einmal bei einer Liebschaft nicht zu solchem Abschluß, so machte sich Mama auch keine Sorgen. Wenn es nur lustig herging. Die lustigste war Pauline. Noch nicht fünfzehn war sie, als das Feuer in ihren Augen aufblitzte. Und mit siebzehn hatte sie ihre erste Liebe. Das war der junge Domherr Graf Hugo von Hatzfeld. Er wollte Pauline heiraten, konnte aber seine Säkularisation nicht erlangen. Er wird sie nicht sehr ernsthaft betrieben haben. Er wird gefürchtet haben, daß das Feuer der unbändigen Person nicht taugen würde, ihm den ehelichen Kochtopf linde zu wärmen. Pauline dachte noch mit siebenundvierzig Jahren an ihn – er war ja der erste gewesen! – der ihr so viel Leid zugefügt habe »durch Liebe, durch Schwäche, durch Mangel an Mut«.

Der nächste war ein Narr. Oder doch ein Mensch, qui frise la folie, wie Gentz von dem reichen und melancholischen Russen Schuwalow sagte, der für das kurze Glück, das er bei ihr genießen sollte, Paulinen eine lebenslängliche Pension auswarf, die später öfter als einmal wichtig wurde als einzige Ressource im Auf und Ab eines abenteuerlichen Lebens. Es war ein kurzes Glück, denn dieser Schuwalow war ein Melancholiker mit der Angst verrückt zu werden im Nacken, und Pauline war ganz eingestellt auf das Glück des Augenblickes. »Ich bin nie ganz unglücklich, und nie lange«, schreibt sie einer Freundin, die wiederholt: »Zum Leiden ist ihr starkes Herz nicht gemacht.«

Mit zwanzig verfehlte Pauline nicht, den richtigen Mann zum Gatten zu nehmen. Mama vertrat nach den zwei Liebesaffären die Wahrung der gesellschaftlichen Dehors, und Pauline weigerte sich nicht, ihre Hand dem Kriegsrat Wiesel zu reichen. Er galt mit seinen libertären Allüren für ein Original. Kluge Frauen wie Rahel Varnhagen, die ihn Humboldt ähnlich fand, haben alles Lob für ihn. Nur seinen Heiratsantrag schlug die Rahel aus. Der Kriegsrat war in seiner geistigen Unrast sicher ein amüsanter Herr, aber kaum ein Gatte, wie sich ihn diese romantischen Frauen trotz aller Schwärmerei der Titaniden wünschten. Dafür war er nicht brav genug. Er eignete sich gar nicht dafür, die geistvollen Aussprüche einer Gattin bewundernd zu Papier zu bringen und der Welt mitzuteilen. Er war imstande, das was man sagte mit dem wie man lebte zu konfrontieren und eine polygame Äußerung, die man modisch tat, mit der Tatsache eines brav monogamen Daseins abzulehnen. Er hatte das Unangenehme, beim Wort zu nehmen. Er war kein schöner Geist. Er war der richtige Geist für Pauline, die in dem was sie sagte nie über das hinausging, was sie lebte. Gerade der richtige für Pauline, das enfant terrible dieses Berliner Bureau d'esprit. Der Moralist jener Zeit stellt fest, daß Wiesels »nihilistische Betrachtungsweise der irdischen Dinge die letzten Moral- und Idealbegriffe der jungen Frau zu ertöten vermochte«. Die zwanzigjährige Pauline hatte noch keine Minute ihres Lebens daran gegeben, sich Moral- und Idealbegriffe zurecht zu legen. Sie war zu intelligent, um intellektuell zu sein. Sie war zu lebendig, um trübe Bodensätze des Lebens begrifflich zusammenzukratzen und zu deuten. Was und wie sie lebte, das mußte sie sich mit ihrem eigenen Leben zeigen, nicht mit allgemeinen Vorstellungen vom Leben überhaupt. Man möchte hier die Erzählung ihres Lebens unterbrechen und von der alten Pauline sprechen, der rückschauenden. Aber es sei nur dies vorweggenommen: der Genuß des Augenblickes ist schön gewesen und die Weisheit eines erreichten Alters desavouiert ihn nicht. Jedes ihrer späten Worte ist Essenz des erinnerten Genusses, nicht bitterer Rückstand eines à quoi bon. »Die Jugend und die Leidenschaften verklären alles. Im Alter kehren wir wieder zu den simpelsten Dingen zurück, wir beginnen uns um Rat zu fragen über unser wahres Glück«, heißt es einmal in ein paar Notizen, die sie sich im Alter über das macht, das ihre Jugend nicht verleugnet.

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17. Pauline Wiesel. Nach einem Gemälde.

Die Ehe mit Wiesel hatte wie alle Ehen mehr schlimme als gute Tage. Aber weder Tiefen noch Höhen. Für den häßlichen von Blatternarben entstellten Mann, dessen boshaften Geist man bewunderte und fürchtete, auch Pauline tat es, war das eheliche Besitzrecht an diese schöne vielbegehrte Frau ein Titel, der ihm mehr schmeichelte als der andre seiner geistigen Brillanz. Denn er ließ eine erotische Magie vermuten, die er sicher nicht besaß, sondern nur deren verständige Stratageme. Pauline lernte eine Menge bei ihm, aber mit Schmerzen. Doch übertreibt sie, einer Korrespondentin zu Gefallen, wenn sie schreibt, daß Wiesel der Urheber aller ihrer Leiden war und: »eine Hausfrau, eine Mutter hätte ich werden sollen, dazu war ich geboren, aber nicht zu einer Kokette, ich war weich, mein Herz liebend, aber die Welt, die Menschen drückten mich, ein jeder machte seine Frau aus mir, wie er sie liebte und verlangte.« Der letzte Satz sagt die Wahrheit über Paulinens Natur – nur der protestierende Akzent ist zufällig und falsch –: in der Verzauberung, die sie dem Manne antut, indem sie liebt, als Eigenwesen mit einer gleichgültigen Geschichte zu verschwinden, und nichts sonst zu sein als Liebe, die sich gibt. Das höchste Glück des liebenden Erdenkindes ist nicht die Persönlichkeit. Im agonischen Moment sind bei stärkster physiologischer Gegensätzlichkeit Mann und Frau seelisch identisch.

Den Kriegsrat zu betrügen lag nahe. Seine Eitelkeit, wohl auch eine gewisse Verwegenheit seines flackrigen Geistes, vielleicht auch ein sinnliches Moment, das man errät, kamen dem, was man Betrug oder Hintergehen nennen könnte, damit zuvor, daß er seine Frau nicht geradezu an ihre Liebhaber hinschenkte, aber sie vorwissend duldete. Auf den Reisen, welche das Ehepaar vier Jahre lang durch ganz Europa führte, war man nicht allein. Ein Schweif von Anbetern begleitete. Modische junge Herren, die Gelegenheit suchten und wohl auch fanden, aus dem eben gepredigten Evangelium von der Emanzipation des Fleisches so viele und so schöne Vorteile zu ziehen, als dieser köstliche Anlaß Pauline bot. Und bei solcher Bequemlichkeit! Denn hier war alles schon vor dem modischen Schwatz entschieden nach Gefallen oder Nicht-Gefallen und weder das eine noch das andere tat sich mit den romantischen Redensarten irgendeinen Zwang an, einem neuen Evangelium zu dienen. Pauline traf ihre Wahl wie eine Frau. Sie hatte keinerlei Theorie darüber, um hinter deren kokettischer Aufmachung so zu tun, als ob sie wohl könnte, um schließlich angenehm vom Spiel erregt zu ihrem Gatten ins Bett zu schlüpfen.

Ihre impulsive Natürlichkeit, die sich nicht in den neuen Stil finden konnte und wollte, verblüffte ihre Berliner schöngeistige Umgebung, und das drückt sich in deren widerspruchsvollen Urteilen über diese Frau aus, deren Simplizität in Liebesdingen ungewöhnlich dort erscheinen mußte, wo man nichts als einen Stil der Liebe, aber keinerlei Liebe hatte, nur vieles Gerede darüber, was die Ehen problematisierte, die sich, soweit sie sich nicht lösten, in einer falschen Ekstase erhitzten. Aber auch die trockensten Urteiler, die am liebsten von moralischer Verkommenheit gesprochen hätten, mußten sich vor der starken Natur dieser Frau, die ein Elementargeist unter Esprits war, in ein wohlwollendes Verzeihen begeben. Und nicht wenige weibliche Snobs dieser romantischen Erotik waren nur deshalb zufrieden mit dem Falle Wiesel, weil sie mit dem Namen Pauline die erotischen Wechsel, die sie wohl ausstellten, aber nicht einzulösen dachten, signieren konnten. Hier war und in ihrem Kreise eine, welche bar bezahlte, – das gab diesen vernünftig Glühenden, Frauen wie Männern, das schöne Recht, in gesprochnen und geschriebenen großen Worten zu schwelgen ohne Verpflichtung, wie dem schwedischen Legationssekretär Brinckmann, der »liebte, der Briefe wegen« und an eine pseudonyme Freundin Stella an tausend Stück schrieb, darunter welche von 114 Quartseiten.

»Pauline, diese alle lieben dich doch nicht! Alle diese Menschen, auch dein ekliger Gentz, sind so kalt überspannt. Exaltation ist zuweilen die Folge eines heftigen Gefühls, und diese Menschen exaltieren sich, um sich oder andern den Beweis ihres Gefühles zu geben, kein Ausdruck ist wahr, keiner einfach an ihnen«, so schrieb ihr – man hatte sich gesehen und auf den ersten Blick geliebt – aus der Tiefe eines starken Gefühles sehr klarsichtig der »Alkibiades des preußischen Heeres«, wie man den Prinzen Louis Ferdinand von Preußen nannte oder einen »verlorenen Menschen«, wie ihn die Prüden am Hofe fanden, kaum wegen seiner Zechgelage und Weibergeschichten, deren er die ersten mit siebzehn Jahren hatte. Aber er lebte in freier Ehe zusammen mit dieser Henriette Fromm und hatte sogar zwei Kinder von ihr. Und jetzt zeigte er sich auch noch mit dieser Wiesel, über deren Lebensführung selbst ihre Freunde den Kopf schüttelten.

Wenn der lange Nostitz, des Prinzen Adjutant, Louis Ferdinand einen Titanen nennt, so ist das Stil der Zeit, aber er hat Recht mit dem Satz, daß er »den Adel der Empfindung neben allen Frivolitäten in den Ausbrüchen des Temperamentes wahrte«. Louis Ferdinands körperliche Kraft – »mein Körper versagt mir keine meiner Phantasien« konnte er sagen – bewahrte ihn vor der erotischen Schöngeisterei, wie sie Mode war, ebensosehr wie sein wohlerzogener guter Geschmack. Er brauchte den Glühenden nicht zu spielen in den modischen Übertreibungen, weder nach der Richtung des Sentimentalischen, noch nach der andern des Roués. Er hatte da und dort ein gutes Gewissen. Aber keine militärische Aufgabe, wie sie seinem draufgängerischen Temperamente entsprochen hätte. Als er sie bekam, war es, als ob ein Stauwehr aufgezogen würde. Er stürmte in die Schlacht wie ein Rasender, und fiel.

Er wollte sich gerade etwas bürgerlich mit der Fromm und seinen zwei Kindern einrichten, als er Pauline sah. »Mit Zärtlichkeit und Innigkeit hänge ich an der himmlischen guten lieben Henriette«, schreibt er seiner Freundin, der Rahel, umschreibt damit, daß es mit dieser Liebe schon so weit war, daß sie in die Tyrannei der Gewöhnung überging, die eine Ehe maskieren sollte. Da war es eine Lust, sich in die Liebe und alle ihre Qualen zu werfen. Denn Pauline war keine bequeme Frau. Auf gar kein System ihres Verhaltens eingestellt und ohne gesellschaftliche Ambition – die ihr auch nicht mehr geholfen hätte – überließ sie sich wie immer sinnlich-melancholische Frauen ganz der Laune des Augenblickes. Das Herrische des Prinzen schüchterte sie gar nicht ein; sie tat was sie wollte; betrog ihn auch, wenn es sich so gab. »Du lachtest«, schreibt er ihr, »und aßest, und mit der andern Hand stießest Du mir den Dolch ins Herz.« Und: » ... verliere Dich nicht für mich ... es ist auf einen Punkt gekommen, der nicht steigen darf.« Pauline hatte die Erfahrung: die Passion der Männer ist so ephemär. Aber wenn es sie packt, im Affekte kann sie aufschreien: »Du hast alles in mir getötet«, und ruft ihm, der an die Saale dem Tode entgegenzieht nach: »Du Krieger, du Jäger, du Musikus.« Er war ein hinreißender Geliebter gewesen, denn alle Leidenschaftlichkeit dieses starken, tatdurstigen Mannes schoß aus diesem einzigen offnen Ventil der Liebe, überstürzte die gar nicht so einseitig bedingte Frau mit einer Hitze, die sie verbrannte und aufschreien ließ.

Der Gefallene trug das Bildnis Paulinens an einem silbernen Kettchen auf der Brust.

Pauline zieht das mütterliche Blut nach Paris. Gentz wird ihr Liebhaber, nicht unangenehmer Ersatz wohltemperierter Liebeskunst für das stürmische Auf und Ab der letzten Liebe, die zu viel Zeit für sich hatte und einem damit die Luft aus der Brust nahm. Gentz, der sonst was zu tun hat, liebt die Liebe als den Genuß mit allen reizvollen Garnierungen, und dabei bleibt die Frau, als die weniger leicht erschöpfte, die stärkere. Das ist ja nicht ganz so schön, wie das andere in seinen großen Momenten, aber ... »wir armen Frauen« sagt sie. Auch in dem banalen Sinn des Wortes ist das gemeint, denn man hat kleine Geldsorgen, und Gentz hilft aus. Louis Ferdinand hatte nur Schulden hinterlassen, und die Pension von Schuwalow verzögert oft ihr Eintreffen beängstigend. Die Geschicklichkeit Paulinens in Geldsachen ist nicht der Rede wert. Sie lebt da gänzlich unbekümmert in den Tag. Sie nimmt als Geschenk, was man ihr gibt. Aber sie gibt nichts für ein Geschenk. Wiesel, ihr Mann, kümmert sich nicht um sie. 1826 schreibt sie der Rahel: »Also Wiesel ist auch tot, der hat es auch überstanden; ich beneide ihn.« Schon seit dem Prinzen lebte sie getrennt von ihm.

Ist sie glücklich? Ganz unglücklich, schreibt sie, könne sie nie werden, außer durch körperliche Schmerzen, Gefängnis oder Blindheit. Und wenn sie einmal ganz verarme, bliebe ihr immer noch übrig, zu betteln oder Orangen zu stehlen in Rom. Die gute Gesellschaft in Paris kennt sie, schätzt sie, aber sie macht sich nichts daraus. Blumen, Wagenfahrten, Reisen, die Sonne, ein Duft, das entzückt sie. Ihre »grünen Gedanken«, wie sie das nennt. Menschen und Bücher schätzt sie nur, wenn sie ihr Lebensgefühl steigern. Die Wahlverwandtschaften findet sie weitläufig und ennuyant, weil keine Liebe darin ist, »nichts als Tugend, Entsagen auf alles«. Voltaires Pensées in der Schweiz für zehn Rappen gefunden zu haben und zu lesen macht ihr weit größeres Vergnügen als der ganze Schiller. »Sie leben alles, weil Sie Mut haben – ich denke mir das meiste«, schreibt ihr die arme Rahel, Gattin des Varnhagen, der jedes Bonmot seiner Frau, kaum gesprochen, für die Nachwelt aufzeichnet und der Pauline die Briefe der Rahel an sie abkauft, das Stück für einen Dukaten.

»Hat mich denn der Tod vergessen? Was ist das Leben wert, wenn man nicht mehr geliebt wird und nicht mehr lieben kann?« schreibt die Zweiundsechzigjährige. Sie hat nun das Alter, um das zu tun, was sie nie getan hat: über das Leben nachzudenken, wie ihre Berliner romantischen Freundinnen, die damit schon im zwanzigsten Jahr begannen. So sagt sie jetzt: »Das Nichtwissen ist das Leben, das schöne goldne Rosenleben.« Oder: »Nur Schönheit und Jugend allein bringen uns glückliche Augenblicke ... und ist nicht die große Leidenschaft das einzige auf Erden?« Drei Jahre nach dem Tode ihres Mannes hatte sie, mit neunundvierzig Jahren, einen pensionierten Hauptmann in der Schweizer Garde Karls X. geheiratet, noch immer eine schöne Frau, über deren jugendliches Aussehen sich Frau von Staël wunderte. Der Mann war, wie sie schreibt, schön, groß, gutmütig und unbedeutend, aber jeden Tag bemüht, ihr zu beweisen, daß er ohne sie nicht glücklich wäre. Ihr Körper, der nicht altert, freut sich dessen, aber ihr Geist, über den die Reife des Alters kommt, wird nachdenklich, ihr Wesen sonderlich. Sie überlebt ihren schönen aber unbedeutenden Mann um Jahre, eine vergessene Greisin. »Wenn die Leidenschaften früher sterben als wir, das heißt man das Leben vor dem Tode beenden«, sagte sie.

Und starb, siebzig Jahre alt, im September 1848 in Saint-Germain en Laye. Die Totenfrau, die sie wusch, erzählte, nie einen schöneren Frauenkörper gesehen zu haben.

II

Claire de Kersaint, Herzogin von Duras: in der langen Reihe der »Belles Madames«, wie die Vicomtesse de Chateaubriand mit herablassender Ironie die vielen Geliebten ihres Mannes nannte, oder wie der Unwiderstehliche mit gespielter Indifferenz von ihnen sagte: unter »all den Frauen, die an mir vorbeikamen«, war diese Claire die als Geliebte Verschmähte. Denn auch solche, die ihn wollen, die er aber nicht will, braucht für seinen Ruf der Verführer-Dandy. Sie war nicht hübsch – ihr größter, aber einziger Fehler, denn sie war unter allen Frauen, welche die Langeweile Chateaubriands erheiterten, die wahrhaftigste und zärtlichste. Dabei intelligent, verständig, fromm ohne Bigotterie, literarisch ohne Pedantismus, royalistisch ohne Übertreibung. Und unerschöpflich an liebendem Enthusiasmus und romantischer Selbstverleugnung, so unerschöpflich, daß diese Quelle ein so unersättlicher Egoismus wie der des Vicomte nicht austrocknen konnte. Sie war völlig verzaubert von ihm, der sie beim ersten Treffen »meine Schwester« nannte, und der er immer, zu ihrem größten Leide, nichts als »der Bruder« blieb, – daß er wenigstens ein zärtlicher Bruder sei, war dann ihre auf alles andere verzichtende Sehnsucht. Aber er war ein Bruder, der alle seine schlechten Launen, seine Zornausbrüche, seine Empfindlichkeiten an ihr ausließ, gerade so als ob sie seine Frau gewesen wäre. Denn Frau von Chateaubriand hatte unter der scharfen Nase einen scharfen spöttischen Mund: bei ihr wäre es ihm nicht gelungen, so launisch sich auszulassen, wie es die untreuen Männer am häuslichen Herd zu tun lieben. Claire ertrug es, sie war in ihrer hingebenden Liebe waffenlos, selbst gegen die Unarten dieses Mannes. Da sie ihn nicht zum zärtlichen Bruder machen konnte, wollte sie ihn wenigstens glücklich wissen, und glücklich sein bedeutete für Chateaubriand nach 1815 so oft als möglich Minister oder Gesandter sein. Damit diente sie ihm, tat alles, ihm zu helfen. Für nichts. Sie schrieb ihre stille Klage in einer Geschichte »Ourika« auf, – Chateaubriand ließ sich herab, die Korrekturen dieses für die Sensibilität der Zeit sehr merkwürdigen und mit einem Minimum von Literatur geschriebenen Dokumentes zu lesen, das echter ist, beredter als Atala und René. Man hat Briefe von ihm und von Claire. Die seinen sind kurze sachliche Billetts: »Es geht mir besser. Morgen komm ich zu Ihnen, mir den Schnupfen holen.« In ihren Antworten auf solche Grausamkeiten stöhnt oft mitten im Sachlichen ein Wort auf, eine Klage. Sie setzt wahrhaft die Tradition der Aïssé, der Lespinasse fort, der der Liebe für nichts Geopferten. Sie findet aus ihrem Jammer den Satz: »Echte, ehrliche Liebe gibt die Laster und die Vorzüge der Sklaverei.« Dieses mit Schmerz erfüllte Herz schreibt an den Minister, um Chateaubriand fürs Auswärtige Amt zu empfehlen und ist glücklich, daß es ihr gelingt, ihn als Gesandten nach London zu bringen. Kann sie ihn schon nicht haben, dann soll er weit weg sein. Vor dem Abschied ist er grausam wie nie. Er fühlt es selber und schreibt zwei kühle Zeilen der Entschuldigung. Und was antwortet sie? »Sie sind verstimmt, mich gekränkt zu haben, ich glaub es wohl, tyrannisches verwöhntes Kind. Ich bin krank. Ganz geschlagen, daß Sie abreisen. Ich hatte Angst, daß Sie nicht kämen, mir Adieu zu sagen. Das sind alles meine Verbrechen. Aber schließlich, – Sie waren bei mir. Und um diesen Preis wollte ich noch einmal Ihre Beschimpfungen ertragen.«

Zwei Monate später starb sie. Die Staël, häßlich wie diese Herzogin von Duras, sagte: »Der Ruhm ist für eine Frau nur die eklatante Trauer des Glückes.« Aber sie hatte wenigstens den Ruhm.

III

Juliette Bernard, die 1793 im Alter von sechzehn Jahren an den reichen Bankier Récamier verheiratet wurde, wäre bescheiden wie sie war und gar nicht durch besondern Geist glänzend oder glänzen wollend nichts als eine unbekannte schöne Frau geblieben, hätte die Schönheit dieser Juliette nicht einige Dutzend Romeos zu Füßen gelegt und wäre nicht das Licht einiger berühmter Sterne auf sie gefallen. Frau von Staël, Lucien Bonaparte, Bernadotte, Chateaubriand, beide Montmorency, Wellington, Ballanche, Benjamin Constant, nur dieser letzte wandte sich nach zwei Jahren vergeblicher Versuche, sie zur Liebe zu bringen, plötzlich von ihr ab; alle andern bewahrten diesem Schaustück der Schönheit, das sich nur ansehn ließ – nun, man konnte auch seufzend das Haupt auf ihre schönen Knie legen –, bewahrten ihr die Treue bis zum Tode. So ausdauernde Tugend, ein Komposit aus Güte, Mitleid, Freundschaft und Fächerspiel, war in dieser napoleonischen Gesellschaft, deren militärische Männer überall sonst, nur den Frauen und der Liebe gegenüber keine Disziplin kannten, so große Mühe sich auch der Kaiser und die Kirche gaben, – solche Tugendhaftigkeit, deren leidenschaftlichste Äußerung die Freundschaft gerade noch erreichte, war wie ein Wunder berühmt in ganz Europa. Und so gegen alle Natur, daß man ihr die Natur absprach, und Leben, das sie lebte, der Liebe entsagend, einige veranlaßte, Zweifel zu äußern über die physiologischen Möglichkeiten dieser schönen Frau. Man machte aus ihrer Tugend eine Not, nachdem sie, wie man sagte, aus der Not eine Tugend gemacht hätte. Verheiratet, war sie doch nicht Gattin. Herr Récamier blieb immer ein Herr im Hintergrunde. Zweiundvierzig war er alt, als er heiratete. Sie konnte tun was sie wollte, und da die Gesellschaft des Konsulates anderes zu tun hatte, als sich eine Moral suchen, hätte sie alles tun können. Tat aber nichts, als am hellichten Tage leben; es gab nicht den leisesten Klatsch um sie; nur auf ihre Freundschaft war man eifersüchtig, und es gab da Gradunterschiede. Auf ihre Freundschaft, als ihr hohes Alter es verbot, zu ihr von Liebe zu sprechen. Denn das taten sie erst alle. Lucien mit soldatischer Geradheit, Mathieu de Montmorency mit katholischer Mystizität, geistvoll-leidenschaftlich Constant, Ballanche ängstlich-verwirrt. Sie hörte sich alles an, seufzte, lächelte. Kokette Unklugheiten lehrten sie die richtige Taktik, Vorwürfe zu vermeiden: sie zog sich so langsam zurück, daß der Anbeter es gar nicht merkte, bis er, der als hitziger Liebhaber begonnen hatte, als geduldiger und treuer Freund endete. Mit August von Preußen war sie sehr weit gegangen, wenn man das von einer so keuschen Person sagen kann. Sie scheint ihn geliebt zu haben, und er wollte sie heiraten. Es war in Coppet bei der kuppelnden Staël, daß auf einem gemeinsamen Spazierritt zu dritt August plötzlich zu Constant sagte: »Herr von Constant, wenn Sie ein bißchen Galopp machen wollten.« Als man nach Coppet zurückkam, war die Heirat beschlossen. Herr Récamier wäre kein Hindernis gewesen. Aber die Braut. Sie wurde kühl, aber blieb lächelnd. Es endete in Freundschaft. Prinz August, »der junge Mann ohne Kompaß« wie ihn Napoleon nannte, dachte Juliettens noch in dem Testament, das er kurz vor seinem Tode im Jahre 1813 schrieb und dem ihr Verlöbnis beilag, ausgestellt wie ein Scheck: »Ich schwöre bei meinem Seelenheil, das Gefühl, das mich an den Prinzen August von Preußen attachiert, in seiner ganzen Reinheit zu erhalten; alles mit der Ehre vereinbare zu tun, meine Ehe zu trennen, keine Liebe oder Koketterie für einen andern Mann zu haben, den Prinzen sobald als möglich wiederzusehen, und was immer auch die Zukunft bringen möge, mein Geschick seiner Ehre und seiner Liebe anzuvertrauen.« Als dann dieser Scheck nicht eingelöst wurde, fiel der Prinz ins Nachdenkliche und fragte sich: »Sollte sie eine Kokette sein?« Constant schloß seine zwei Jahre vergeblichen Kniens mit der echtesten Liebeserklärung, die Juliette je gehört hatte: »Mir graut vor ihr!«

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18. Juliette Recamier. Nach einem Gemälde von I.-L. David.

Sie hatte das vierzigste Jahr überschritten, aber noch nichts von ihrer Schönheit verloren. Ein bißchen melancholisch war sie geworden, denn im Jahr zuvor war die lauteste Trompete ihres Ruhmes, Madame de Staël, gestorben, und die Freunde begannen sie mit ihrer Freundschaft ein bißchen zu tyrannisieren. Sie war ein junges Mädchen, das einundvierzig Jahre auf das große Unbekannte gewartet hat, als sie Chateaubriand kennenlernte. Etwas später sagte sie einem Freunde: »Il était impossible, d'avoir la tête plus complètement tournée que l'était la mienne, du fait de M. de Chateaubriand. Je pleurais tout le jour.« Nicht aufzuklären, worüber sie weinte. Es sind so wenige Briefe von den wenigen, die sie schrieb, erhalten; man kennt ihren Ausdruck nicht; kann sich aus diesen nichtssagenden Billetten keine Vorstellung über Grade ihres Gefühles machen. Der Vicomte war 1818 bereits ein etwas ausgebrannter Vulkan. Aber vielleicht waren gerade diese halb verlöschenden Feuer die rechten, die kühle Frau zu erhitzen. Als der Vicomte seine Memoiren redigiert, tut er es, sowie er auf Liebesaffären sehr diskret zu sprechen kommt, für die Augen Juliettens, die er als die einzige wirklich von ihm geliebte Frau auszeichnet. Daher jener nonchalante Satz: »toutes ces femmes, qui ont passé devant moi.« Und er unterschlägt alle Frauenaffären, die er nach 1818 gehabt hat. Wie immer auch das Verhältnis zwischen den beiden gewesen sein mag – man wünscht es so, daß die Keuschheit aufhört, monströs zu sein –, es dauerte dreißig Jahre, bis zu Chateaubriands Tode im Jahre 1848. Juliette starb das Jahr darauf. Als der Vicomte im Jahr 1847 Witwer geworden war, bot er Madame Récamier seinen Namen an. Es hielt sie nur das hohe Alter ab, den Einfall wirklich zu machen, denn er war taub und erloschen, sie war blind und zitterte an allen Gliedern.

Was ihre Freunde über sie schrieben, das sind allgemeine schwärmerische Deklamationen, aus denen man sich kein Bild machen kann. Das gelang einem Maler. Und es gelang ihm so gut, daß Madame Récamier die Sitzungen aufhob: Davids Bildnis blieb unvollendet. Um ihr Porträt herum ist alles im neu-klassischen Stil, aber vor diesem Gesichte vergaß das unbestechliche Auge des Malers seine Mythologien. Er verweltlichte diesen Engel und malte sie wie sie war: eine amüsierte kleine Frau, wie sie diesem alten Jakobiner nicht fremd war, die weder was träumt noch was denkt, noch was weiter bedeuten will, außer dies, daß sie die hübscheste ist. Ein etwas zerbrechliches Spielzeug, das man aus der Vitrine nimmt, ansieht und wieder hineinstellt. Es verkehrten zu viele Literaten bei ihr, als daß ihr ein echtes Porträt hätte gefallen können. Sie gab sich dem Hofmaler Gérard in Auftrag, der sie dann malte, wie sie zu sein verlangte, träumerisch, etwas melancholisch, tief, kurz wie eine nachdenkliche Muse in Ruhestellung. Aber ein drittes Bildwerk, die Büste von Chinard im Lyoner Museum, gibt David recht. En face zeigt es Reine und Unschuld in der ganzen pädagogischen Würde einer Institutsvorsteherin für junge Mädchen. Aber das Profil überrascht und verrät mit einer entzückenden kleinen, witternden, nach verbotnen Früchten lüsternen Nase ein höchst charmantes Grisettchen – gegen alle Legende.

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