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Himmlische und irdische Liebe in Frauenschicksalen

Franz Blei: Himmlische und irdische Liebe in Frauenschicksalen - Kapitel 14
Quellenangabe
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authorFranz Blei
titleHimmlische und irdische Liebe in Frauenschicksalen
publisherErnst Rowohlt Verlag
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Stendhals Frauen

Der junge Mann, der am 9. November des Jahres 1799 in Grenoble die Diligence bestieg, die ihn nach Paris bringen sollte, trug, so jung er war – im Januar des nächsten Jahres würde er siebzehn sein – ein Diplom in der Tasche, das ihm den Abgang von der Grenobler Ecole Centrale mit dem ersten Preis in der Mathematik bestätigte. Auf einem gedrungenen, etwas zu kurzen Körper trug er einen kräftigen, vielleicht etwas zu großen Kopf, an dem schwarze, höchst lebendige Augen und ein roter sinnlicher Mund auffielen. Ohne Mühe hatte er sein Diplom gemacht, nur damit es ihn aus diesem Landstädtchen heraus nach Paris bringe, wo er die polytechnische Schule besuchen und endlich das große Leben kennenlernen wollte. Und den General sehen, von dem, es war gerade der Brumaire gewesen, das Gerücht ging, er wolle sich zum König machen. Er hatte nicht viel Aufmerksamkeit für die Verwandten, die ihn zum Abschied an den Wagen begleitet hatten. Er konstatierte, daß sein Vater, dieser Geizhals, nicht schöner würde von den Abschiedstränen, die er sich abpreßte. Tante Elisabeth mit der Corneilleschen Seele und Pauline, die geliebte, hübsche Schwester waren bewegt, aber unterdrückten mit Haltung die Tränen. Der Onkel, der immer viel mehr sein Vater gewesen war als sein unausstehlicher Vater, öffnete die Börse, seinem Neffen zwei Louis zu geben. Der aber lehnte ab. Es kam ihm zu unerwachsen vor, das Geld zu nehmen. Aber er hörte auf das, was der Onkel sagte: »Du hältst dich für einen guten Kopf, mein Junge, und bist von unerträglichem Stolz gebläht, weil du in der Mathematik Erfolg hattest. Aber alles das ist nichts. Man kommt in der Welt nur durch die Weiber vorwärts. Deine Mätressen werden dich verlassen. Merk dir das: in dem Augenblicke, wo man so verlassen wird, ist nichts leichter als im Lächerlichen hängen zu bleiben und da ist der Mann in den Augen der andern Frauen erledigt und nur gut für die Hunde. In den vierundzwanzig Stunden, wo man dich verlassen hat, mach einer andern Frau eine Liebeserklärung, faute de mieux einer Kammerjungfer.«

Der Zynismus solcher praktischen Weisheit chokierte den jungen Mann nicht im mindesten. Als ein Enthusiast der Liebe geboren lebte er nur in der Paradoxie ihrer Extreme: in der größten Erschütterung seiner alles übersteigernden Gefühle oder in dem Fieber seiner leiblichen Sinne. Das lauwarme Mittlere war ihm fremd und verhaßt, wo er es sah. Er hat seine Mutter verloren, als er sieben Jahre alt war: er erinnerte sich nur ihres schönen Leibes und wie er eifersüchtig auf den Vater war, dem er in allem und jedem widersprach, aus Trotz und unbekümmert um Recht und Unrecht. Lieber wollte er sich allein irren, als mit der ganzen Menschheit eine Meinung haben. Daß er es im sogenannten Leben zu nichts bringen würde, war früh vorauszusehen. Auch daß er bei den Frauen mit seinem paradoxen, etwas erschreckenden Enthusiasmus à l'Espagnole nicht das sogenannte Glück haben würde. Diese beiden Umstände machten aus diesem jungen preisgekrönten Mathematiker Henry Beyle später den Romancier Stendhal, einen immer bis zum Äußersten gespannten Mann, den auch das Alter nicht blasierte und der sich mit fünfzig fragte, was sein Charakter sei und die Antwort von seinem fünfundsechzigsten Jahr erwartete, das er nicht mehr erlebte. Dabei tat er eigentlich nichts sonst, als alle seine und auch die geringsten Verrichtungen, seine kleinsten Gefühle und Erregungen notieren und kommentieren, mit außerordentlicher Delikatesse und unerhörtem Scharfsinn. Wenn in seinen Jugendbriefen an die Schwester ihn die Romantik Rousseauscher Art packt, in Momenten eines dichterischen kleinen Fiebers, gibt er sich, ängstlich den Boden der Erde zu verlieren, gleich wieder einen gelinden Stoß zur Erde hinunter: gesunden Menschenverstand mit Tiefe zu haben.

Die Corneillische Seele der Tante Elisabeth machte einen stolzen Spanier aus dem Jüngling, lehrte ihn das bürgerliche Vulgäre verachten, das praktische Verhalten zum Vorwärtskommen gering schätzen. Der geliebten Schwester Pauline wird dieser Schüler solcher Lehre alsbald zum Lehrer in täglichen Briefen. Der Schüler, der Vierzehnjährige, lebt in einer Atmosphäre von Frauen. In einem fortwährenden sinnlichen Rauschzustand. Der verhaßte Vater gibt da kein Gegengewicht. Und der Großvater spricht zu dem Jungen mit einer Klugheit, die er nicht auf der Schule, sondern bei den Frauen gelernt haben muß. »Du bist ja häßlich, mein Junge, aber die Frauen werden dir nie deine Häßlichkeit vorwerfen, denn du hast ein Gesicht.« Und der zynische Onkel ist hinter den Mädchen her und sie hinter ihm. Ganz schamlos lebt der seine Fasson weiter, wie er es in der Jugend getrieben hatte. In Grenoble ist ja das passiert, was Laclos in den Liaisons Dangereuses erzählt, und er zeigt dem Neffen das Modell für die Frau von Merteuil: diese alte würdige Dame dort, Frau von Montmart, die ein bißchen hinkt und den Kindern auf der Straße kandierte Nüsse gibt. Aber vor deiner Zeit, mein lieber Henry ...

Da macht man einen Ausflug nach Pont-de-Claix, und der kleine Henry ist dabei. Tante Camille steigt aus der Karrete, schürzt ihr Kleid, und wie ein Blitz in der Nacht fährt der Anblick des weißen Oberschenkels der etwas üppigen Dame dem Jungen in die Sinne und zündet. Und erregt nähert er sich dem Fräulein Cochet, das mit Mama und Bräutigam mit von der Partie ist. Oder soll er sich an die derbere Magd Fanchon halten, die ja nicht hübsch ist, aber so lebhaft und so unbekümmert lacht? Der Onkel ist hinter ihr her. Fräulein Cochet lacht den Jungen an. Aber da steht schon wieder der Bräutigam und der Knabe ist vergessen. Der läuft davon, versteckt sich, und wie das Paar spazierend vorbeikommt, wirft er mit Erdschollen nach ihm. Zu Hause schließt er sich in seiner Kammer ein und liest ein sehr obszönes Buch, das er bei seinem Onkel gefunden hat: Félicia von Nerciat. Aber dann auch die ganze Nacht durch die Nouvelle Heloise, die er später pedantisch und unlesbar fand. Aber er hat doch daraus als Jüngling das erlesen, was er die Amour-Passion einmal nennen sollte. Nerziats lüsterner Schmöker, das war das weiße Schenkelfleisch der Tante, war Fanchons runde Brust. Die Neue Heloise, das war die junge magere Person mit der Adlernase und den melancholischen Augen, die mit einer dünnen Stimme die Hauptrolle in einer Oper von Gaveau sang, im Grenobler Theater, wo der Schüler Henry in den höchsten Gefühlen schwelgte, für die Musik und diese armsälige Sängerin, die Fräulein Kably hieß und deren Adresse er erfuhr, was ihm als eine tolle Kühnheit vorkam. Er traf sie einmal im Stadtgarten, sah sie von weitem und war einer Ohnmacht nahe, als er gerade noch den Mut zur Flucht fand. Er war aufs höchste erstaunt darüber, daß er Fräulein Kably ganz anders begehrte als Fanchon. Das mußte er mit Victorine besprechen, der kaum siebzehnjährigen Nichte seines Beichtvaters, des Benediktiners Morlon, der ihm den Shakespeare in der Le Tourneurschen Übersetzung geschenkt hatte, um ihn, wie er sagte, zum Guten zu encouragieren. Mit Victorine, dem blonden Mädel mit den schelmischen Augen, war er wie mit einem Jungen seines Alters. Während er von der Sängerin schwärmte, auf dem Gras liegend, drückte über ihn gebeugt Victorine den Saft einer Traube über seinem Munde aus und er verhaspelte sich im Erklären, auch weil er die jungen Brüste in des Mädchens Korsage erblickte. Da rief Victorinens Bruder, und als der kurze Rock, der um die schlanken, zum erstenmal wahrgenommenen Beine des Mädchens schlug, verschwand, sagte sich Henry, daß die Liebe weit mehr Schmerzen als Freuden bereite. Er erhob sich. Wie versengt.

Fräulein Kably hatte Grenoble verlassen. Victorine war auf dem Lande. Fanchon gehörte dem Onkel. Beyle stürzte sich in die Mathematik. Mehr daraus als aus dem gräulich stilisierten Code Napoléon hat er sich prägnant auszudrücken gelernt und eine Vorliebe für das Definitorische bis hinein in das nichts als affektive Leben behalten. Darin von den materialistischen Philosophen unterstützt, deren Schüler er war und sein Leben lang blieb.

Ein ehrgeiziger junger Mensch von noch nicht siebzehn Jahren kommt in Paris an, brennend, dem Glück der Liebe zu begegnen, von der er nichts kennt als den wilden Aufruhr seiner Sinne und die zwei sich widersprechenden Rezepte, das zynische des Onkels, das idealische der Tante, Nerciat und Rousseau, Félicia und Heloise. Er ist nicht hübsch, er nimmt nicht ein: das weiß er und übertreibt es sich. Man muß also eine Strategie der Verführung erfinden, Laclos mit Rousseau vereinen, empfindsam und ein Roué sein. In diesen Jünglingsjahren hat Beyle als sein ganz privates Lehrbuch jenen Traktat über die Liebe konzipiert, den er zwanzig Jahre später schrieb, zu einer Zeit, wo es schon zu spät für ihn war, sich auf nichts sonst als auf seine sinnlich berauschte und unbeständige Natur zu verlassen und dem glücklichen Zufall zu vertrauen, den guten Stern des Abenteurers. Da stand er schon ganz unter der Tyrannei der Gewohnheiten seines Geistes, und die so lang getragene Maske, die nur ein aufmerksam beobachtendes schwarzes Auge zeigte, war ihm ans Gesicht gewachsen. Er ist da schon sein eigener intellektueller Tartüffe geworden, wohl von höchster Kraft und Aufrichtigkeit, aber diese ist aus zweiter Hand, wie bei Hamlet, dem nordischen Orest, und der sich weder verurteilt noch freispricht, weder applaudiert noch auspfeift und die einen Christen erschreckende Maxime hat: »Niemals, niemals bereuen!«

Enttäuscht von der Stadt und ihren Menschen treibt er sich einige Wochen in Paris herum, bevor er seine Verwandten, die Darus aufsucht. Vor der Revolution hat dieser alte Daru als Intendant von Languedoc sich eine halbe Million Franken gemacht, ohne zu stehlen. Durch die Revolution kam er ohne Haß und Liebe durch als ein Mensch, der ohne jede Leidenschaft nur ans Nutzbare dachte. Seine große Nase und sein eines schielendes Auge sagten dem jungen Mann aus Grenoble, daß er sich bei ihm nichts zu erhoffen habe. »Meine Eltern ließen mir die Wahl zu tun was ich wolle«, sagte Henry. »Nur allzusehr die Wahl«, sagte die lange Nase, und die alte Frau Daru nickte, denn zu sprechen traute sie sich in Gegenwart ihres Gatten nicht. Der älteste Sohn Darus, Pierre, Sekretär im Kriegsministerium mit einer Heidenangst vor Napoleon, nimmt den jungen Beyle in sein Amt mit, stellt ihn als Kopisten an, mit Arbeit von früh bis nachts unter den Augen Pierres, dem kein orthographischer Fehler entgeht. Wie er vor Napoleon hatte Beyle vor diesem Daru Angst, der ein Vulkan von Beleidigungen sein konnte. Die andern Schreiber neben ihm sind öde Schwätzer. Der Liebe ist er immer noch nicht begegnet. Nicht einmal irgendeinem Mädchen. Er schaut auf die Linden im Hof des Ministeriums. »Sie setzten endlich kleine Blätter an. Ich war tief bewegt; ich hatte also Freunde in Paris.« Bald kommt Pierres jüngerer Bruder Martial dazu, immer zu Scherzen aufgelegt, und macht ihm Hoffnung auf eine Stelle als Adjunkt beim Kriegskommissariat. Was den Siebzehnjährigen besonders der hübschen Uniform wegen freut: krapproter Rock und gestickter Hut. Der neue italienische Feldzug gibt Beschleunigung: Beyle wird zunächst als einfacher Soldat nach Mailand geschickt. Bald darauf ist er Leutnant. In diesen Zeiten keine militärische Uniform anhaben, bedeutet soviel wie den Abschied als Mann bekommen haben. Beyle ist überglücklich. Und macht in Lausanne der Baronin Montolieu einen Liebesantrag nach dem Rezept des zynischen Onkels. Die Dame ist erst ganz baff, dann wird sie wütend über die Frechheit dieses achtzehnjährigen Jungen. Aber er muß ja weiter nach Mailand und nimmt es hin, hier erfolglos gesagt zu haben, daß er liebe. Er reitet immer stark schwitzend und den Säbel an die Beine geschlagen über den Sankt Bernhard. Er war nicht soldatisch erzogen worden. Militärische Tugenden, das galt zu Hause für Jakobinismus. Da liegt die lombardische Ebene vor ihm, und sein Herz jauchzt auf. Die Heimat von Rousseaus Zulietta! Man zieht in Mailand ein. Er kann zwei Wörter auf italienisch: donna und cattiva. Ein alter Priester hat sie ihm beigebracht. In der ersten Mailänder Nacht wird aus dem Jüngling ein Mann. Bei irgendeinem Mädchen. Der sich an alles erinnerte, an dieses Mädchen und die Umstände dabei erinnerte er sich nicht. Der Rausch muß ungeheuer gewesen sein. Oder völlige Enttäuschung. Nichts weiter als das Faktum behält er davon: »Ich brachte aus Paris meine Unschuld mit, und erst in Mailand sollte ich mich, mit achtzehn Jahren, von diesem Schatz befreien. Komisch, daß ich mich nicht mehr erinnern kann mit wem.« Da er, wie er sagt, immer furchtsam war, wenn er liebte, hat er das Mädchen nicht geliebt. Aber vielleicht verführt, weil er sie nicht liebte.

Als Stendhal nach Mailand kam, stand immer noch das Cicisbeat in Blüte als eine gesellschaftliche Institution. Der Cicisbeo war etwas mehr als der Freund, etwas weniger als der Liebhaber einer verheirateten Frau. Er war ihr Vertrauter, ihr Herr für alles außer die Liebe. Er war beim Petit lever gegenwärtig und durfte das Hemd reichen, und solange er bei seiner Dame war, war dem Gatten der Eintritt verboten. Er trug das Hündchen, das Taschentuch, den Fächer. Er war der Begleiter, der immer bereit sein mußte. Er konnte zwanzig oder achtzig Jahre alt sein wie der Engländer Mann, der als Cicisbeo begeistert seine letzten Kräfte ausgab. Nicht selten stand der Cicisbeo im Heiratskontrakt.

Beyles Schüchternheit, wenn er liebte, schien ihn für das Cisisbeat zu predestinieren. So wie er war schien der junge Leutnant als Liebhaber so ungefährlich, daß ihn ein Kommissär von Darus Bureau zu seiner Geliebten mitnahm, der süperben Madonna Angela Pietragrua. Es scheint, daß er den Liebhaber dieser Dame nicht täuschte mit seinen Radamontaden im Stile der Liaisons Dangereuses, die ihm unter seinen Kameraden das Air eines verfluchten Kerls geben sollten, der sich wie keiner darauf verstünde, die Widerspenstigsten herumzukriegen. Er traute es sich auch durchaus zu und daß es ihm weit mehr zukomme als diesem Martial Daru, der so viel Glück hatte. Er wartete nur den romantischen Augenblick ab, der ihn einer Frau in die Arme werfen würde, dieser Angela zum Beispiel. Aber immer waren so viele junge Leute um sie herum. Mehr noch als er wußte. Denn Angela Pietragrua hatte einen starken Verbrauch, wobei ihr die Freundin, Madame Dembowski, die Frau des Generals half als Entremetteuse gegen recht kostbare Geschenke. Der junge Leutnant und Adjutant war einer Situation nicht gewachsen, die seinem Sentimentalismus mißfiel und seine Sinne erregte. Er genoß Ruf und Ansehn eines guten tapferen Offiziers, – vielleicht wollte er diesen Ruf nicht durch den eines ungeschickten und lächerlichen Liebhabers riskieren. Er verließ plötzlich Mailand und fuhr nach Paris, logierte sich da in einem Zimmerchen im fünften Stock der rue d'Angevilliers ein und schaute in Gedanken auf die Kolonnaden des Louvre.

Stendhals erste italienische Reise war beschlossen. Mit einem nichts als generellen Abenteuer ohne Bedeutung. Einige Jahre später schrieb er seiner Schwester aus Braunschweig: »Ich fahre fort, an meinen Gefühlen zu arbeiten, das ist der einzige Weg zum Glück.« Aber er wußte auch, merkwürdiger Tatmensch, der er war, daß man das Leben schütteln müsse, damit es uns nicht zernage und daß man sich mit den Leidenschaften nie langweile und ohne sie stupid werde und daß man, wenn die Leidenschaften, die man hat, nicht befriedigt werden können, sich neue machen müsse. Tugend, das ist Vermehrung des Glücks. Laster, das ist Vermehrung des Unglücks. Der Rest ist nichts weiter als Heuchelei oder bourgeoise Eselei.

Der erste Akt mit Madame Pietragrua war verfehlt. Abgekühlt vielleicht von dem gefälligen Blumenmädchen ohne Namen war er der großen Dame gegenüber in den ihm von Tante Elisabeth beigebrachten Espagnolismus gefallen und der eigene Dupe seiner heroischen Gefühles am falschesten Platze. Der Weg zu den Maximen des Onkels mußte wiedergefunden werden, aus den Wolken auf die Erde, die seine Welt war. Der Himmel nur sein mißbilligtes Artifizium.

Um Mut zur Liebe zu haben und die Schüchternheit zu verlieren, muß man Geld haben, sagte sich der Zweiundzwanzigjährige. Trage immer hundert Louis bei dir, das gibt Sicherheit. Aber der junge Mann hatte sehr knappe Mittel. Es galt, sie zu vermehren. Mit Theaterstücken. Aber der Versuch kam über einen Verkehr mit Theaterleuten nicht hinaus und vortreffliche Beobachtungen über sie, wie die Bemerkung über Napoleon, daß er nur ein Theaterlächeln habe, wobei man die Zähne zeigt, aber wo die Augen nicht lächeln. Mit seinen imaginären Eroberungen zu prahlen, kann er nicht lassen. Die frühzeitige sexuelle Schwäche kündigt sich an, die sich in Vorstellungen verliebter Abenteuer als dem besseren Teil der ganzen Liebe gefällt. Da erzählt er einem Freund von der Tochter eines Negerbändigers in San Domingo, dessen Tochter er seinerseits bändige. Oder einer Bankiersfrau, die grausam gegen viele weit höherstehende und schönere Männer als er sei, den sie erhöre. In vierundzwanzig Häusern sei immer ein Kuvert für ihn gedeckt. Aber er redet nur wie ein Snob. Bei einem Schauspieler, der Unterricht gibt, trifft Beyle ein kleines etwas molliges Wesen mit Stupsnase und großen zärtlichen Augen und gerade so viel Koketterie, als eine Frau braucht, die zwischen Theater und Galanterie schwankt. Mélanie Guilbert heißt sie, Mademoiselle Louazon nennt sie sich. Der Lehrer fordert Beyle auf, etwas zu rezitieren. »Welche Wärme!« ruft er als ein Lehrer, der an sein Honorar denkt. »Ja,« bemerkt ironisch oder gleichgültig die junge Dame, »er hat sehr viel Wärme.« Das genügt, um Beyle in Flammen zu setzen. Die ganze Nacht denkt er über die Möglichkeiten dieser Geliebten nach, die beim Wiedersehen am andern Tage ihn gar nicht anschaut – sie ist unwohl, erklärt es sich Beyle zu seinen Gunsten – und ihre Lektion beginnt. Mit großer Talentlosigkeit rezitiert sie ihre Alexandriner, betont falsch, holt mitten im Satz Atem, was ein alter Habitué der Kulisse hinter ihr zum Anlaß nimmt, zu zeigen, daß er die junge Dame »gehabt« hat: bei jedem Fehler schlägt er sie leicht mit seiner Reitgerte auf das runde Hinterteil. Mélanie kehrt sich wütend um. Herr Pacé aber sagt: »Du bist ja ein Engel.« Da läßt sie ihn lächelnd weiter hauen, während sie ihre Rezitation zum Schluß bringt. Beyle ist sehr bewegt, aber er verbirgt es hinter studierter stolzer Kälte. Er, der Roué, für den immer vierundzwanzig Gedecke ...

Beyle begleitet Mélanie. Auf der Straße erzählt sie ihm, ihr Kleines sei gestern die Treppe hinuntergefallen und sie hätte noch immer den Schreck in allen Gliedern. Beyle legt sich das so aus: »Wenn das nicht passiert wäre, dann hättest du mich auf der Stelle.« Das genügt ihm. »Ich bete in ihr die Wollust selber an, alles wirkliche Vergnügen der Liebe, frei von allem Tristen und Trüben dieser Leidenschaft.« Er besucht sie, verplaudert eine Stunde. Beim Abschied zwinkert sie ihrer Zofe: noch nicht so weit. Beyle deutet sich das so: »Wohl nur die Augen, die zur Lust erwacht sind, die noch nicht befriedigt ist. Morgen will ich ihr den Shakespeare bringen. Freitag hab ich sie, wenn ich will.« Als ob es eine vestalische Unschuld zu verführen gelte und nicht eine kleine Frau zu lieben, die auf nichts anders wartet als genommen zu werden, arbeitet der junge Liebhaber, glücklich über den Vorwand für solche Exerzitien, eine Schritt um Schritt anschleichende Strategie aus, notiert Terraingewinn und Terrainverlust, wo Mélanie, die nichts von ihrem Bühnentalent hält, nur denkt, sich einem Mann hinzugeben, den sie sich als so etwas wie ihren brauchbaren Beschützer vorstellt. Er hält sie für eine große Schauspielerin und für eine leidenschaftliche Seele. Aber mit den Zweifeln des Jünglings, die gleich ganz ins Grobe fallen, legt er sich die Frage vor, ob sie nicht eine Hure ist, schließlich. Er wird nicht eifersüchtig, wenn sie ihm ihre bisherigen Liebhaber aufzählt, sondern stolz, und ist von der Delikatesse hingerissen, die er in ihrer Erklärung sieht, daß sie bis zu ihrem ersten Auftreten keine Liebhaber haben wolle, aus Angst geschwängert zu werden.

Nach einem erfolglosen Debut in Paris nimmt Mélanie in Marseille ein Engagement an. Beyle fährt mit und wird, um das Geld für seine prinzipielle Liebesgeschichte zu beschaffen, Kommis in einem Lebensmittelgeschäft. Es wird zum Absturz in die simplen Realitäten der Liebe gekommen sein, wie sie auch ein junger Theoretiker wie Beyle nicht vermeiden kann und wahrscheinlich als das Triste und Trübe dieser Leidenschaft erlebte. Er folgt einer Aufforderung seines Cousins Daru, eine Stelle als Adjunkt im Kriegsministerium anzutreten, sofort, unbekümmert um Mélanie, die ohne Geld, ohne Engagement sich seiner in einem Briefe erinnert, ihn an die Stunden ihrer Liebe erinnernd. Das wirft ihn sofort wieder in die Positur der Leidenschaft: er empfiehlt Mélanie, dieses »himmlische Geschöpf« zusamt der Heftigkeit seiner Leidenschaft seiner Schwester Pauline. Aber Mélanie verläßt sich lieber auf sich selber und heiratet. Beyle zieht das Resultat: »Die Liebe wie ich sie kennengelernt habe, kann mich nicht glücklich machen. Ich beginne seit einiger Zeit den Ruhm zu lieben.«

Der Widerspruch zwischen den Fakten der Liebe, die sich realiter konsumiert, und dem, was er sich von ihr imaginiert, treibt ihn von einer Frau zur andern. Dieser ganz vorurteilslose, durchaus machiavellistische Mensch ist in allem, was die Liebe betrifft, ein ganz ungewöhnlicher Pedant und Prinzipienreiter. Er hat seinem dürrsten Buche, dem über die Liebe, auch immer den Vorzug vor allen seinen andern Büchern gegeben. Er glaubte damit einen Steckbrief der Liebe verfaßt zu haben.

Er ist ein Musterbeamter, Napoleon lobt ihn, sein Chef Daru behandelt ihn von oben herunter, seine Kollegen hassen ihn wegen seiner ironischen Art, und er macht der Frau Generalin Curial den Hof. Aber das Déshabillée der Ersten Tänzerin der Oper, zu der ihn Martial nach einer Vorstellung gebracht hat, läßt ihn Madame Curial vergessen. Es geht ihm mit ihr wie mit Angela Pietragrua: richtig mit seiner großen Liebe liebt er sie erst zehn Jahre später. Der erste Blick entzündet nur seine Sinne. Für die Liebe braucht er Zeit und die Melancholie der Erinnerung. Und: ein leichtes Verhältnis, dessen nichts als fleischlicher Kontakt ihn davor bewahrt, diesen bei der mit der spanischen Leidenschaft geliebten Geliebten zu suchen und damit Sättigung, Langeweile, Selbstvorwürfe zu riskieren, bei ihr und bei sich. Nach dem Moskauer Rückzug – Beyle ist jeden Morgen dieser wilden Flucht immer frisch rasiert – protegiert ihn die Gräfin Daru, Pierres etwas zum Embonpoint neigende, aber höchst aktive Frau, aus Gefälligkeit erst, dann aus Liebe, die Beyle mit jenem Platonismus erwidert, der für ihn Dauer bedeutet, und den ihm Angela Bereyter, eine Schauspielerin von der Opéra Bouffe, erleichtert, die jede Nacht bei ihm zubringt. So kann er ohne Gefahr bei Tag für die Gräfin Daru schwärmen, die ihn zum kaiserlichen Domänen-Intendanten in Braunschweig macht, zum Auditor im Staatsrat befördert und zum Inspektor des Kronmöbels. Er muß ihr schließlich dafür danken und die platonischen Wechsel einlösen, trotzdem er weiß, dies bedeute das Ende. Es wird ihm damit erleichtert, daß es der Gräfin nicht gelingt, ihn, wie er wünscht, zum Maître de requêtes und Baron zu machen. Wahrscheinlich hat sie in wenig begeisternder Erinnerung an Beyles schließliche Quittung, die zu der vorher gegebenen platonischen Glut im abscheulichem Mißverhältnis stand, diese letzte Ernennung, die er wünschte, nur so beiläufig betrieben. Beyle findet nun die Gräfin als eine trockene, phantastische und unerträgliche Person und verzichtet darauf, dem Ruhm zu dienen, welcher Dienst ihn über Frauen und von der Liebe weg führte. Er nimmt seinen Abschied und geht nach Mailand, wo er Angela Pietragrua wußte, das Glück in der Leidenschaft, das er von ihr erhoffte. In jenem Herbst des Jahres 1801 hat er die Fingerspitze der schönen Angela berühren dürfen. Das ist jetzt Jahre her, und man ist nicht mehr der kleine Leutnant. Man hat das brennende Moskau gesehen. Nicht nur ein Blumenmädchen, sondern sogar eine Gräfin besessen. Man ist nächstens zweiunddreißig Jahre alt. Ein Mann und kein Knabe mehr. Angelas Züge waren etwas strenger geworden, ihre Hüften etwas ausladender und von der Grazie von ehemals kam nur ein Rest zum Vorschein, als sie ihn überrascht wiedererkannte, der sich vorstellte: »Ich bin Henry Beyle, der Freund von Martial Daru.« Angela wandte sich lebhaft zu einem alten Herrn um, der mit ihr eingetreten war: »Was sagst du! Der Chinese, du weißt doch!« Beyle unterhält mit Geist und benützt einen Moment, wo der alte Herr sich abwendet, Angela zu sagen, daß er seit zehn Jahren keine andere als sie liebe. Angela macht große Augen: »Aber warum haben Sie mir das nicht schon früher gesagt!« Sie war ein naives Geschöpf und kannte Beyle nicht, der naiv auf einer ganz andern Ebene war.

Sehr zufrieden mit seinem Besuch, kauft sich Beyle einen eleganten Stock, um nicht immer wie ein Papa die Hände auf dem Rücken zu knüpfen. Und erzählt am andern Tage Madame Angela ausführlich die ganze Geschichte seiner zehnjährigen Liebe, was sie zu zärtlichen Tränen rührt. Auch Beyle ist so überwältigt von dieser Erzählung, daß er Hut und Stock beiseite legt und die Hände der schönen Frau küßt. Aber vor dem kühner Werdenden erhebt sie sich: »Empfangen Sie, aber nehmen Sie nicht!« Und schickt ihn fort: »Morgen werde ich nicht mehr den Mut aufbringen ...« Beyle macht die Geste des Verzweifelnden. Angela aber: »Du hast die Gewißheit, geliebt zu werden.« Sie erwartet nämlich einen andern und der muß in jedem Augenblick eintreffen; es ist höchste Zeit, daß dieser da geht. Anders als mit der Versicherung, daß sie ihn liebe, bekommt sie diesen Redner nicht aus dem Hause.

Nun gibt es nichts als Heimlichkeiten, denn Angela sagt, er könne sie nur sehen und treffen, wenn niemand was merke. Er schleicht also ins Haus mit tausend Ängsten, seine Geliebte zu kompromittieren, trifft sich mit ihr in verborgnen Hinterstuben von Cafés, in Gassenwinkeln abgelegener Quartiere. Napoleons Ungelegenheiten, die Beyles Aufenthalt in Mailand unterbrechen, kommen Angela gelegen: ihre Sicherheit verlangt es, daß er in Turin bleibe und er gehorcht. Alle zehn Tage kommt er nach Mailand, und eine bestochene Jungfer gibt Nachricht, ob Angelas Gatte, jener alte Herr, da ist oder nicht, Beyle in das Haus kommen kann oder nicht. Die Jungfer hat mit der Herrin einen Streit gehabt und rächt sich: der Gatte, ein guter alter Herr, sei ja nie da, aber andere Liebhaber. Da Beyle zweifelt, läßt sie ihn den Beweis durch ein Oberlichtfenster sehen, das in Madames Schlafzimmer geht. Hier ist man lebhaft beschäftigt. Beyle ist überrascht, so viele ihm unbekannte Schönheiten der Geliebten wahrzunehmen, von der Magie eines andern zum Leben beschworen, der, er muß es zugeben, Qualitäten besitzt, die ihm nicht so eignen. Um nicht seiner Lächerlichkeit zu erliegen, folgt er dem Rat seines Onkels und macht sofort der Freundin seiner Freundin, der Generalin Méthilde Dembowsky den Hof, deren patriotisches Herz Foscolo und den Carbonari und der Befreiung Italiens schlug und die ihre vielen Verehrer an ihre Freundin Angela weiter gab. Für Beyle war Méthilde, deren Gesicht schon kleine Pölsterchen bekam, Inbegriff himmlischer Keuschheit und Reinheit. Sie duldete den kahlköpfigen Verehrer als Cicisbeo, aber nicht als mehr. »Sie sind zu indiskret«, sagte sie ihm. Aber Angela dürfte ihr erzählt haben; Frauen sind gegen ihre früheren Liebhaber von einer barbarischen Indiskretion Freundinnen gegenüber. Und sehr boshaft gegen die Freundin, die sie ersetzen soll.

Beyle muß nach Paris. Sein Vater ist gestorben und hat ihn hinsichtlich des erwarteten Erbes sehr enttäuscht. Die kleine Rente reicht nicht im Entferntesten, Beyle das elegante Leben seiner Launen und Leidenschaften führen zu lassen, das er als sein Leben führen möchte. Er nimmt Abschied von Méthilde. Die Stunden waren hingegangen. Es schlägt zwölf. »Es schlägt Mitternacht«, sagte Méthilde und gähnte. Beyle erhob sich und ging.

Wenn es sich nur um einen auf Halbsold gesetzten Offizier Henry Beyle handelte, bestünde kein Anlaß, sich mit dem auf Halbsold der Liebe gesetzten Liebhaber zu beschäftigen, der nie ganz sicher ist, ob er die Frauen liebt oder ob er die Liebe liebt, das Vergnügen der Sinne oder den Elan der Seele, den Genuß oder die Schwärmerei, die Viertelstunde des Stöhnens oder die Jahre des Schmachtens, eine vielfältige Praxis oder eine einfache Theorie. Nie ganz sicher, ob dort oder da das Glück ist. Er kennt und treibt das Dort und Da, nicht in der Ablösung des einen durch das andere, sondern gleichzeitig, soweit es eine Situation mit sich bringt, aber ohne die Situation eines solchen Gleichzeitigen der himmlischen und irdischen Liebe zu suchen oder zu billigen. Denn auch in der himmlischen Situation, das heißt also in einer Verliebtheit in das untaugliche Objekt, redet er sich zu »Attacke! Attacke! Attacke!« Er glaubt das seiner Ehre schuldig. Seinem männlichen Stolze. Und es war die Predigt des erfahrenen Onkels nachwirkend, die ein von Natur aus Schüchterner als Gesetz nahm. Er glaubt, er muß die Frau beim zweiten Sehen im Galopp nehmen à la charge. Aber er verpaßt entweder die Gelegenheit oder er verliert den Steigbügel. Ein Schatten wirft ihn aus dem Sattel, und er hinkt. Was nun diesen Dragoner Beyle zu einem ungewöhnlichen Liebhaber macht, ist die außerordentliche Ehrlichkeit, mit der er alle seine Unfälle erzählt, wie zur Strafe dafür, daß er den Galopp wagte. Aber kommt es nicht bloß darauf allein an? Ist für den Liebenden zu lieben nicht weit wichtiger und wesentlicher als geliebt werden und dieses immer höchst labile und supraindividuelle Glück der Zustimmung zu erleben? Die Geliebte zu besitzen, ist das einzige Ziel des nichts als Galanten, um kein häßlicheres Wort zu gebrauchen. Wer nur das will, der strauchelt nicht. Wer nur das will, der stürzt nicht in den Abgrund, den jede Liebe kraft ihrer ungeheuren Phantasie vor dem Liebenden aufreißt. Noch bevor sich Beyle den einen Namen gab, unter dem er in die Unsterblichkeit einging, gab er, der so viele Masken trug und Rollen spielte, daß er sich fragte: »Wer bin ich?«, sich schon viele Namen, aber keinen besseren als den: Sir Fiasko Esqu. Als Stendhal war er den Verstrickungen, die ihn sich Sir Fiasko nennen ließen, dankbar. Ohne auch als Stendhal und im Alter von mehr zweimal sechsundzwanzig Jahren diese gewisse sogenannte Abgeklärtheit zu besitzen, die ihn immer noch ein Fiasko zu riskieren gehindert hätte. Nach der abgeschlagenen Attacke auf eine geistreiche Frau schrieb ihm diese: »Bedauern Sie Ihren Tag nicht, er muß zu den besten Ihres Lebens und zu den gloriosesten des meinen zählen. Ich erlebe alle Freude eines großen Erfolges. Gut attackiert, gut verteidigt, kein Traktat, keine Niederlage, alles ist Ruhm in beiden Lagern. Beyle, nennen Sie mich eine dumme Kuh, ein kaltes Weibchen, ein blöde Angstliese, alles was Sie wollen, Ihre Beleidigungen werden nicht das Glück Ihrer göttlichen Unterhaltung auslöschen.« Die Dame war übrigens sechsundvierzig und der Liebhaber, wie gesagt, dreiundfünfzig. Und hatte gerade eine höchst lebhafte Liebe zu Frau von Curial hinter sich.

Auch diese etwas exaltierte Frau Curial gehört zu jenen Frauen, bei denen der ungeschickte Angriff der jungen Jahre abgeschlagen und ein Jahrzehnt später erneuert wurde. Wie gewisse Birnen werden sie für Beyle erst reif, nachdem sie einige Zeit auf Stroh gelegen haben. Diese Frauen müssen, so scheint es, um sein Glück zu machen, erst eine gewisse mütterliche Zärtlichkeit und Nachsicht bekommen und Fältchen um die Augen. Der sich eigentlich ganz wohl bei kleinen anspruchslosen Mädchen fühlt, wo er halb Papa, halb Liebhaber ist, nie ein Schwärmer, ihn lockt es immer wieder zu den sich verkannt glaubenden und daraus etwas pathetischen älteren Frauen, vorausgesetzt, daß er sie in ihrer Jugend gekannt und vergebens umworben hat. Mit Frau Curial begibt er sich im Sommer auf deren Landsitz in der Umgebung von Paris, denn der Gatte ist abwesend. Aber der kommt nun unerwartet zurück, und der erschreckte Beyle muß sich drei Tage lang in einem Kellerloch verstecken. Madame bringt ihm das Essen und besorgt seinen Leibstuhl. Sie ist viel mehr eine sentimentale als eine sinnliche Frau, aber Beyle hat das Pathos der Gefühle vor zehn Jahren erledigt und ist jetzt wirklich der Dragoner, der er damals nur der Uniform nach war. Madame schreibt ihm: »Was die tours de force eines gewissen Genres betrifft, so profitiere ich davon, aber schätze sie nicht. Das kommt mir als eine zu vulgäre Manier vor, mir Deine Zärtlichkeit zu beweisen.« So war diese Liebe, die Beyle nicht wollte und arrangierte, sondern erlitt, wieder ein Irrtum nach der andern Seite. Und man trennte sich in Eifersucht, Streit und Haß.

Als Konsul in dem Rattennest Civita Vecchia gibt Stendhal sein Urteil über Beyle: »Hätte ich bei meinem ersten Aufenthalt in Mailand geliebt, so wäre mein Charakter sehr verschieden geworden. Ich wäre viel mehr ein homme à femmes und ich besäße nicht diesen Bodensatz von Sensibilität, der mir nun für die Kunst dient. Die zwei Jahre Seufzer, Tränen und amoureusen Elan, die ich ohne Frauen und Vorurteile in Italien verbrachte, haben mir wahrscheinlich diese unerschöpfliche Quelle der Sensibilität gegeben, die mich heute alles und bis in das geringste Detail fühlen läßt ... Wieviel verfehlte Erfolge! Wieviel Demütigungen! Aber wäre ich geschickt gewesen, so wäre ich heute von der Liebe angewidert. So genieße ich das Glück, was Frauen betrifft, ein Dupe zu sein wie mit fünfundzwanzig Jahren. Nie werd ich mir aus Ekel eine Kugel in den Kopf schießen. Ich habe noch eine Menge zu tun und könnte zehn Leben damit beschäftigen.«

Man ist schöpferisch nur aus der eigenen Substanz.

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