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Himmelwärts und andere Prosa aus dem Nachlaß

Ödön von Horváth: Himmelwärts und andere Prosa aus dem Nachlaß - Kapitel 1
Quellenangabe
typemisc
authorÖdön von Horváth
titleHimmelwärts und andere Prosa aus dem Nachlaß
publisherSuhrkamp Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume3347
printrunErstausgabe
editorKlaus Kastberger
year2001
firstpub2001
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070212
projectidc75e4f6f
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Also gut, ich will Dir das alles erzählen

Also gut, ich will Dir das alles erzählen, aber Du mußt mich ausreden lassen. Ich kenn Dich nämlich, Du unterbrichst einen immer, wenn man nur ein bißchen was ausschmückt, aber das muß man doch, sonst wird ja am Schluß alles dasselbe. Es ist dann zuguterletzt doch ganz gleichgültig, ob ich nun verheiratet bin oder schon gestorben, oder ob sie mich begraben haben oder ob ich mich von der Brücke herabgeschmissen hab. Da fällt mir ein, daß sich die Clementine den Gashahn aufgedreht hat, man hat sie dann abtransportiert, aber sie ist verstorben ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Sie hat sich vor lauter Liebeskummer umgebracht. Ihr Mann nämlich hat sich mit anderen Weibern herumgetrieben, das hätt ja noch nichts gemacht, aber er hat sie angesteckt und da haben es halt ihre Nerven nicht mehr ausgehalten, sie hat den Hahn offen lassen, sie war allein in der Wohnung, weil sie ihn verhaftet haben, wegen Hehlerei, er ist aber dann verurteilt worden, weil er bei einem großen Diebstahl Schmiere gestanden ist. Ich hab ihn nicht gekannt, ich war nur beim Begräbnis, es war fast niemand da, das war vor vier Jahren. Wie die Zeit vergeht! Jetzt bin ich schon dreiundzwanzig und wir haben uns schon drei Jahr nicht gesehen! Ich kann mich noch gut erinnern, wo wir uns das letztemal gesehen haben, Du warst damals [ver]ärgert, weil ich mich verspätet hab, aber ich kann wirklich nichts dafür, ich wohnte ja damals noch bei meiner Tante, mit der bin ich jetzt zerkracht. Sie hat sich sehr gemein benommen, ich glaub sie hätt gar nichts dagegen gehabt, wenn ich verludert wär, nur, daß sie mich los hat. Weißt Du, damals so gleich nach der Inflation, da hab ich mal ein halbes Jahr nichts zu tun gehabt und da wohnte ich bei ihr. Seit der Zeit haben wir uns ja nicht gesehen, ich bin seit der Zeit verheiratet und hab einen Sohn, der ist jetzt zwei Jahr alt, er lernt erst gehen und sprechen. Mein Mann ist nett, er hat viel zu tun, er säuft auch nicht, das ist ja auch verboten, denn er ist bei der Bahn. Er ist nicht auf Lokomotive, wir haben ein Haus im Wald als Bahnwärter. Ja, es ist einsam, aber der Wald ist schön und dann am Abend – – jetzt bin ich erst seit gestern hier in der Stadt und ich möcht schon wieder nachhaus. Ist das nicht ein Zufall, daß wir uns da treffen? Glaubst Du an ein Schicksal oder an den lieben Gott? Ich nicht, da bei uns der Pfarrer, das sind alles ganz furchtbare Halunken. Es ist ein reines Geschäft, der ganze liebe Gott. Da draußen am Dorf da haben sie noch eine große Macht. Da ist ein altes Mütterlein, das sitzt in der Kirche auf der Hurenbank, weil ihr Sohn ein uneheliches Kind war. Der Sohn aber ist jetzt schon Großvater und so sitzt die Urgroßmutter in der Hurenbank. Mein Mann geht nie in die Kirch, der Pfarrer hat ihn mal gefragt und da hat [er] ihn hinausgeschmissen. Der Pfarrer ist gegangen die Beichtzettel einsammeln, und da hat er überall Wein und Schnaps gekriegt, und wie er zu uns gekommen ist, da war er schon ganz besoffen. Mein Mann hat gesagt, was er wünscht? Wein, Sekt, Schnaps. Da hat der Pfaff gesagt, ich möchte die Beichtzettel, und da hat mein Mann gesagt, er hat keine.

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