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Gutenberg > Hans Dominik >

Himmelskraft

Hans Dominik: Himmelskraft - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleHimmelskraft
publisherVerlag Scherl
printrun41. bis 50. Tausend
yearo.J.
firstpub1937
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160119
projectid10234cb2
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Die Herren Fosdick und Cowper hatten wieder Arbeit. Nach einem gelegentlichen Ausspruch Cowpers sogar viel mehr Arbeit, als der menschlichen Natur auf die Dauer gut und bekömmlich sei.

In der Tat, es gab viel zu tun auf jenem alten versumpften Grundstück, das Headstone und Brooker vor einigen Monaten für die Anlage der neuen amerikanischen AE-Station erwarben.

Wie hatte sich hier in kurzer Zeit alles von Grund auf gewandelt! Ein System von Kanälen schaffte dem Grundwasser, das bisher an vielen Stellen offen zutage trat, einen bequemen Abzug nach den Seen hin.

Es war eine harte Arbeit, ausgeführt von aus allen Staaten der Union angeworbenen Kolonnen unter dem Kommando von erfahrenen Schachtmeistern, denen der Revolver Tag und Nacht nicht von der Seite kam. Nicht um etwa wildwestliche Sitten zu demonstrieren trugen die Leute die Waffen, sondern der Klapperschlangen halber, die in diesem Gebiet fast auf Schritt und Tritt auftauchten und ungemütlich zu werden pflegten, wenn man etwa aus Versehen auf sie trat. Trotzdem waren mehrere Unfälle nicht zu vermeiden gewesen, bis endlich das Grabensystem zu funktionieren begann und das Wasser nach den Seen hin verschwand.

Die ersten, die ihm folgten, waren die Frösche, für die der Sumpf hier bisher ein wahres Paradies bedeutet hatte. Sehr bald darauf machten sich auch die Klapperschlangen auf die Reise, denn die Frösche waren ja ihr Futter. Sie verschwanden ebenfalls nach Norden, und nun wurde das Arbeiten auf dem entwässerten Gelände etwas bequemer.

Rauh genug blieb es trotzdem noch, denn jetzt traten die Betonmischmaschinen in Tätigkeit. Es hieß die Riesenblöcke für die neuen Halteseile in ausgehobenen Gruben fertigzustellen, und als auch das geschehen war, ging es an die Errichtung des neuen Stationsgebäudes, das ebenfalls in Stampfbeton errichtet wurde. Anders und wesentlich größer sah es aus als das alte in der von dem Tornado zerstörten Station.

Drei Ruhetage gab es danach, welche die Herren Fosdick und Cowper für eine dringende Erholung benutzten. Dann kamen die neuen Maschinen. Da staunten beide, obwohl sie sich schon auf einiges gefaßt gemacht hatten. Neunhundert Kilowatt hatte die alte Station im günstigsten Falle geliefert. Sechstausendvierhundert würde die neue jetzt geben, wenn man das Netz mit Hilfe der in Deutschland gekauften Seile in acht Kilometer Höhe verankerte und es außerdem mit den deutschen Strahlkollektoren besetzte.

Eine Woche und noch eine halbe gingen ins Land, während in Tag- und Nachtschichten gearbeitet wurde. Dann standen die Maschinen in dem neuen Hause, die Schalttafeln waren montiert, alles war richtig zusammengeschaltet. Wieder war damit ein Teil des Arbeitsplanes erledigt. Nun kam der letzte, der für Mr. Cowper aus begreiflichen Gründen wenig sympathisch war.

Es galt die Teile des alten, bei den Bergungsarbeiten zerschnittenen Fangnetzes auf dem Gelände auszulegen und wieder richtig zusammenzuflicken. Bis dahin war man von Besuchen Mr. Headstones so gut wie verschont geblieben. Nur ein einziges Mal, ganz zu Beginn der Arbeiten, war er zur Besichtigung gekommen und wollte eben ein schwer definierbares Etwas, das sich unmittelbar vor ihm auf einem Rasenstück bewegte, mit seinem Regenschirm untersuchen, als unmittelbar neben ihm ein Schuß krachte. Erschrocken blickte Headstone sich um und sah einen Schachtmeister mit noch rauchendem Revolver neben sich stehen. Ehe er noch etwas sagen oder fragen konnte, deutete der Mann mit seiner Waffe auf den Rasen, wo das Gekringel, das Headstone eben interessiert hatte, sich im Todeskampf zu einer Klapperschlange von fast einem Meter Länge ausdehnte.

Blaß und schweigend hatte Headstone danach den Platz verlassen und war schleunigst davongefahren. Dies Stückchen war auch für seine Nerven zu stark. Aber inzwischen mochte er wohl gehört haben, daß mit der Klapperschlangenplage aufgeräumt sei, und gerade jetzt, als die Arbeiten an dem Netz begannen, erschien er wieder einmal auf der Baustelle. Mister Cowper versuchte ihm nach Möglichkeit aus dem Wege zu gehen, aber er mußte doch ein paar bissige Bemerkungen über seine unfreiwillige Freiballonfahrt in Kauf nehmen und überdies noch die Frage, ob er wiederum eine Extratour auf Kosten der United Electric vorhabe.

Mit erhobenen Händen wehrte Cowper die Frage ab. »Niemals, Mister Headstone! Es war das erstemal schlimm genug. Jetzt aber in achttausend Meter Höhe ...« Er schüttelte sich wie von einem Schreck gepackt und beugte sich wieder über seine Arbeit.

Headstone wanderte weiter über den Platz. Es lag nun einmal in seiner Natur, derartige Bosheiten an seine Untergebenen auszuteilen, und je mehr er merkte, daß er damit getroffen hatte, um so wohler fühlte er sich. Unter Führung von Fosdick besichtigte er noch das Stationsgebäude und die Maschinenanlagen und betrachtete mit einem zweifelvollen Gesicht die neuen Strahlkollektoren, die dort aufgestapelt waren. Dabei konnte er die Bemerkung nicht unterdrücken, daß die Deutschen doch vielleicht ein Stückchen weitergekommen seien und man hier wieder nachhinke.

»Ich glaube gehört zu haben, daß wir gerade in Deutschland über einen vorzüglichen Dienst verfügen ...«, erlaubte sich Fosdick zu bemerken.

Headstone ließ ihn nicht zu Ende kommen, sondern unterbrach ihn ziemlich barsch: »Wer Ihnen das gesagt hat, ist der größte Lügner seines Jahrhunderts, Mister Fosdick. Unser Nachrichtendienst in Deutschland ist unter aller Kritik. Ich fürchte, wir werden noch schwere Nackenschläge haben, wenn es nicht gelingt, darin Wandel zu schaffen.

Sehen Sie zu, daß wenigstens hier alles in Ordnung geht und die Station bald arbeitet. Sie wissen, Mister Fosdick, was für Ihre Stellung und für Ihre Zukunft davon abhängt.«

Damit hatte Headstone für diesmal so ziemlich alles Gift verspritzt und machte sich auf den Heimweg. Cowper schlug drei Kreuze, als er den Wagen in der Ferne verschwinden sah.

»Gott sei Dank, daß er fort ist!« atmete er leichter auf. Danach besahen sie sich zusammen den Rest der Arbeiten, die bis zur Inbetriebsetzung der Station noch zu bewältigen waren, und sie fanden, daß es ein gerüttelt und geschüttelt Maß voll wäre. An Ruhe war weder für Fosdick noch für Cowper in der nächsten Zeit zu denken. Nach wie vor würde der Tag noch sechzehn Arbeitsstunden für sie haben. Und viele solcher Tage, ja vielleicht Wochen würden verstreichen müssen, bis die neue Station wirklich einmal arbeitsfähig war. Galt es doch erst einmal, die sechzig neuen Strahlkollektoren an dem Netz anzubringen; blieb es doch ferner noch notwendig, die feine Brennstoffleitung zu allen diesen Kollektoren hinzuleiten und ferner an einem der Halteseile nach unten zu führen, so daß man später den Brausebrennern der Strahlkollektoren den Brennstoff von unten her zupumpen konnte. Und schließlich würde es sich dann noch darum handeln, dies ganze Riesennetz mit Hilfe der Tragballone bis zu einer Höhe von acht Kilometer emporzulassen.

Eine große und gewaltige Arbeit! Aber hätten die Herren Fosdick und Cowper eine Ahnung von dem gehabt, was sich ungefähr zur gleichen Zeit in der norddeutschen Heide abspielte, so hätten sie sich wohl der Länge nach in das üppig wuchernde Gras ihres Stationsplatzes geworfen und keinen Handschlag mehr getan. Denn um ein Vielfaches würde dort in Bälde die Leistung übertroffen werden, die sie hier im günstigsten Fall erreichen konnten.

Aber sie wußten nichts davon. Sie wußten nur, daß Mr. Headstone sich auch in New York intensiv um die Station kümmerte und wenigstens jeden dritten Tag ausführlichen Bericht über den Fortgang der Arbeiten verlangte, und so arbeiteten sie unverdrossen, obwohl Mr. Cowper öfter als einmal seiner Meinung dahin Ausdruck gab, daß es die Neger in den Baumwollplantagen der Südstaaten wesentlich besser hätten als Ingenieure der United Electric.

*

Gedanken ähnlicher Art bewegten auch Mr. Turner, als er nach mehrtägiger Abwesenheit nun doch wieder im Heidekrug auftauchte und neben anderer Post auch verschiedene Telegramme Headstones vorfand. Gewiß, die Angelegenheit der Halteseile war glücklich erledigt und hatte sogar mit einem Lob für den Agenten geendigt. Um so ungestümer waren die übrigen Wünsche, die James Headstone in seiner üblichen wenig rücksichtsvollen Weise zum Ausdruck brachte. Über den alten Heideläufer wünschte er endlich gründlich Auskunft zu bekommen. Was es Neues auf der deutschen Station gebe, wollte er wissen, und zum Schluß war in diesen Telegrammen noch eine Mitteilung enthalten, die Turner als eine persönliche Zurücksetzung empfand. Headstone schien Turner allein die Lösung dieser Aufgaben nicht mehr zuzutrauen und kündigte ihm die Ankunft eines amerikanischen Professors Voucher an, der sich in den nächsten Tagen bei ihm im Heidekrug melden werde.

Im ersten Aufbrausen zerriß Turner die Depesche und wollte sie zum Fenster hinauswerfen. Erst im letzten Augenblick besann er sich und verbrannte die Papierstückchen sorgfältig im Ofen. Erregt lief er danach im Zimmer hin und her und überdachte die neue Lage ... Professor Voucher ... Turner hatte keine Ahnung, was für ein Mensch das sein mochte, den ihm Headstone da auf den Hals schickte, aber immer fester verrannte er sich in die Meinung, daß seine Stellung dadurch verschlechtert werden würde.

Eben warf er sich ärgerlich in den alten Lehnstuhl in seinem Zimmer, als es an der Tür klopfte. Sollte das schon der unerwünschte Professor sein?

» Come in!« rief er verdrießlich. Die Tür ging auf, aber kein amerikanischer Professor erschien in ihrem Rahmen, sondern der Turner wohlbekannte junge Bursche, der in der Gaststube an der Theke als Aushilfe tätig war.

»Es ist was für Sie abgegeben worden, Mister Turner«, sagte er und legte eine bauschige weiße Tüte auf den Tisch.

»Abgegeben ...? Für mich? ... Von wem?«

Er erhielt auf seine Fragen keine Antwort. Der junge Mensch hatte die Tür schon hinter sich ins Schloß geworfen, und die knarrende Treppe verriet zur Genüge, daß er nach unten eilte. Neugierig erhob sich Turner aus seinem Sorgenstuhl und ging zum Tisch hin. Da lag die Tüte weiß wie frischgefallener Schnee, ohne irgendeinen Firmenaufdruck. Er griff danach, hob sie empor, und eine dunkle Ahnung überkam ihn, als er das geringe Gewicht fühlte. Seine Hände zitterten merklich, als er sie öffnete. Das feine Geflecht eines Panamahutes leuchtete ihm daraus entgegen. Mit raschem Griff zog er ihn heraus. Während er das leichte Geflecht mit den Fingern wog, stand sein Entschluß schon fest.

Unter keinen Umständen durfte dies sein alter Panamahut sein, und wenn er es auch zehntausendmal wäre. Aber war er es denn überhaupt? Das Strohgeflecht hatte durch die etwas derbe Behandlung, die Zacharias ihm hatte angedeihen lassen, merklich an Feinheit verloren, und alle Künste des Berliner Hutmachers, dem Bergmann den Hut später anvertraute, hatten diesen Schaden nicht wieder wettmachen können.

Gewiß, es war immer noch ein recht anständiger Hut, aber jetzt bestimmt nicht mehr besser als jener andere, den der Agent sich auf seiner Fahrt in Köln kaufte. Er blickte in das Innere und besah sich das Leder.

»Allzu schlau macht wieder dumm«, lachte er vor sich hin und drückte auf die Klingel. Schon kurze Zeit danach kam der Krugwirt selber in das Zimmer.

»Sie wünschen, Mister Turner?«

»Ich wünsche zu wissen, Herr Horn, was das hier bedeuten soll. Man hat hier einen fremden Hut bei mir abgegeben.«

Klas Horn stutzte einen Augenblick, bevor er eine Antwort fand.

»Fremden Hut, Mister Turner? Na, dat is doch ganz bestimmt Ihr oller Panama. Ich habe ihn doch oft genug gesehen.«

Mr. Turner ging zum Kleiderschrank, holte seinen neuen Hut hervor und hielt ihn dem verblüfften Krugwirt unter die Nase.

»Das hier ist mein richtiger Hut, Herr Horn«, erklärte er energisch. »Hier sehen Sie das Leder. Hier ist der Stempel der amerikanischen Firma, bei der ich ihn gekauft habe ...«

Mit einem eleganten Schwung setzte er sich den Hut auf und fuhr fort: »Das andere Ding geht mich nichts an. Weiß der Teufel, wem es gehören mag! Nehmen Sie es bitte wieder mit, ich will es nicht in meinem Zimmer haben!«

Wohl oder übel mußte der Krugwirt mit dem zweiten Exemplar abziehen. Ein paar Entschuldigungen murmelnd, verließ er das Zimmer. Lachend schaute ihm Turner nach, bis die Tür ins Schloß fiel. Dann wurde seine Miene mit einem Schlage ernst.

Verteufelt, das war hart auf hart gegangen! Welches Glück für ihn, daß er sich rechtzeitig ein Duplikat besorgt hatte! Aber trotz alledem blieb die Lage noch reichlich kritisch. Derjenige, der ihm den alten Panama zuschickte, mußte einen bestimmten Verdacht auf ihn haben. Wer mochte es sein? Immer wieder kam er in seinen Überlegungen auf den alten Zacharias zurück. Aber der sollte ja verreist sein ... oder war er inzwischen mit seiner Erbschaftsangelegenheit zu Rande gekommen und schon wieder zurück?

Der Hieb ist die beste Parade! Die Wahrheit dieses alten Satzes hatte Turner öfter als einmal in seiner Laufbahn bewährt gefunden; auch jetzt beschloß er danach zu handeln. Sein Plan war sehr einfach: Den neuen Hut aufgesetzt, dann frisch und frech dem Alten in den Weg gelaufen und dann ... über das Weitere machte er sich im Augenblick keine Gedanken. Das würde sich finden, wenn er ihm erst gegenüberstand. Mit diesem Entschluß verließ er sein Zimmer und nahm den Weg durchs Dorf. Seine Hoffnung, daß der Alte ihm auch diesmal wieder irgendwo über den Weg laufen würde, erfüllte sich jedoch nicht. –

Zacharias befand sich zu dieser Zeit bei Dr. Frank und ließ sich den Bericht Bergmanns über die ersten Erfahrungen mit dem neuen Schwerstoff vorlesen, der mit der Frühpost gekommen war.

Bei jedem Satz, den der Doktor las, wurde der Alte vergnügter. Über Hoffen und Erwarten hinaus war alles, was Dr. Frank als wahrscheinlich und möglich hingestellt hatte, in Erfüllung gegangen.

Zwar mit spanabhebenden Werkzeugen ließ sich der neue Stoff, dessen Moleküle ja tausendmal dichter gelagert waren als die aller anderen bekannten Stoffe, nicht bearbeiten. Er ließ sich nicht bohren oder fräsen, aber er ließ sich bei mäßiger Rotglut zu allerfeinsten Blechen auswalzen, und das war es ja, was Dr. Frank wollte. Bis zu Filmen von Seidenpapierstärke hatte man das neue Material in den Laboratorien des Bergmann-Konzerns ausgewalzt, und auch diese, man konnte wohl sagen, hauchfeinen Schichten zeigten eine weit über alles Bekannte hinausgehende Isolierfestigkeit. Es war weiter auch gelungen, diese kaum ein Hundertstel Millimeter starken Bleche zu stanzen und durch Falzung zu verbinden.

Zacharias konnte nicht länger an sich halten. »Großartig, Doktor!« schrie er vergnügt und schlug mit der Hand auf den Tisch. »Das ist es, was wir brauchen. Das wird die Kondensatoren geben, die uns unser AE-Werk vor jedem Blitz schützen. Mit denen werden wir unser Wunder erleben. Wenn wir sie nur erst hätten!«

»Halt, halt, mein lieber Zacharias, nicht so eilig! Bergmann schreibt hier weiter, daß er gleichzeitig den ersten Probekondensator mit der Post abgesandt habe. Ich wundere mich, daß er noch nicht hier ist.«

»Wird ein bißchen zu schwer für einen Landbriefträger gewöhnlicher Bauart gewesen sein«, lachte Zacharias vor sich hin. »Vermutlich haben sie das Stück auf der Post irgendeinem Fuhrwerk mitgegeben, das hier vorbeikommt. Sollte mich nicht wundern, wenn sie's wieder mal dem Milchwagen aufgeschwenkt hätten. Der muß ja gewöhnlich als Notnagel dienen.«

Dr. Frank sah auf die Uhr. »Den Meiereiwagen meinen Sie, Zacharias? Der müßte jetzt ungefähr fällig sein.«

Zusammen mit dem Alten trat der Doktor ans Fenster und blickte den Feldweg entlang.

»Richtig, Doktor, Ihre Vermutung trifft zu. Da hinten kommt der Wagen schon; es sieht aber nicht so aus, als ob die brave alte Liese davor übertrieben schwer zu ziehen hätte.« –

»Ein Paket für Herrn Doktor«, sagte der Kutscher, als das Fuhrwerk vor der Rampe hielt, »ist aber verflucht schwer, das Ding.« Dabei deutete er auf eine kräftige Holzkiste von mäßiger Größe. »Die Herren müssen schon mithelfen, allein schaff' ich's nicht.« Dr. Frank griff kräftig zu, auch Zacharias zeigte, daß er noch über einige Kräfte verfügte, und zu dritt schafften sie die Kiste mit ziemlicher Anstrengung bis zum Tisch. Johannes Zacharias griff in die Tasche, und der Kutscher bedankte sich viele Male; ein so üppiges Trinkgeld hatte er von dem Alten noch niemals bekommen, seitdem der hier im Dorfe war.

Kaum war das Fuhrwerk verschwunden, als die beiden sich über die Kiste hermachten. Schnell war der Deckel abgenommen, und dann sahen sie Holzwolle. Wieder und immer wieder Holzwolle. Büschelweis zogen sie sie heraus. Jetzt endlich war die größte Menge dieses Füllstoffes beseitigt. Ein winziger Pappkarton kam zum Vorschein, kaum so groß wie eine Streichholzschachtel. Sie griffen danach, aber vergeblich war ihr Bemühen, das Päckchen aus der Kiste herauszubekommen. Immer wieder entglitt es infolge seiner Schwere ihren Händen ... bis Dr. Frank endlich Werkzeug holte, mit dem sie es unterfangen und gemeinsam herausheben konnten. Schnell war jetzt die Papphülle entfernt. Noch einmal kam Holzwolle, dann Seidenpapier, und schließlich lag es vor ihnen: dunkel, metallisch schimmernd, ein winziger Block in der Größe eines normalen Taschenfeuerzeuges etwa.

Mit weißem Lack war etwas auf der einen Flachseite aufgepinselt. Zacharias mußte eine Lupe zu Hilfe nehmen, um es zu lesen. Wenige Worte nur: »Ein Mikrofarad, dreißig Millionen Volt Spannung.«

Dr. Frank legte die Stirn in die Hand und blickte eine geraume Weile auf den winzigen Apparat. Nur ein kaum merkliches Spiel seiner Mienen, ein leichtes Wiegen des Hauptes verrieten, wie die Gedanken in ihm arbeiteten. »Wissen Sie, was das bedeutet, Zacharias?« brach er endlich das Schweigen.

»Was das bedeutet, Doktor?« antwortete Zacharias in einem fast triumphierenden Tone. »Es bedeutet, daß wir jeden Blitz, der unserer Station schaden will, wie in einer Mausefalle einfangen können. Jetzt haben wir das letzte überwunden, Doktor Frank, was uns bei dem AE-Werk noch Sorge machte. Wir beherrschen den Blitz jetzt, wie ihn einst der Götterkönig Jupiter beherrschte.« Er griff nach dem winzigen Kondensator. »Wir halten ihn in unserer Faust und schleudern ihn nach unserm Willen.«

Mit stillem Vergnügen bemerkte Dr. Frank die vergeblichen Bemühungen von Zacharias, den kleinen Kondensator zu bewegen, der trotz seines geringen Umfanges immer noch reichlich einen Zentner wiegen mochte. »Geben Sie es auf, Zacharias«, meinte er lächelnd. »Ihre Prophezeiungen mögen stimmen, aber Ihre Faust ist nicht so kräftig wie die des Zeus. Sie vermag die Blitzkeile nicht so zu schwingen wie der alte Götterkönig.«

»Aber recht habe ich doch, Doktor!« verteidigte sich Zacharias.

»Ich will's Ihnen nicht bestreiten«, fiel der Doktor ihm ins Wort, »aber mit meiner Frage vorhin meinte ich etwas anderes. Ich wollte Sie fragen, was es bedeutet, daß in diesem neuen Kondensator eine Elektrizitätsmenge von dreißig Coulomb auf den geringen Raum von wenigen Kubikzentimetern konzentriert wird. Ich will's Ihnen sagen«, fuhr er fort, als der Alte den Kopf schüttelte. »Es bedeutet etwas Ungeheures, etwas nie Dagewesenes. Es wird elektrische Erscheinungen geben, die wir bisher noch niemals beobachten konnten, Erscheinungen, an denen unsere Gelehrten noch jahrzehntelang studieren werden. Ich bin neugierig auf die ersten Versuche mit diesem Apparat. Hält er, was er verspricht, dann stehen wir an einer Wende unserer Technik.«

»Ich glaube es Ihnen, Doktor«, sagte der alte Zacharias, »aber –«, ein Lächeln schlich über seine faltigen Züge, »ich möchte gern wissen, was unser Freund Headstone zu dieser Sache sagen würde.«

»Der Tag wird kommen, mein lieber Zacharias, an dem er davon wissen soll, sogar wissen muß, um die Lizenzen für die United Electric zu erwerben. Doch bis dahin hat es noch gute Wege. Wenn es aber so weit ist, sollen Sie wieder derjenige sein, der ihm davon Kenntnis gibt, ihm oder seinem Agenten Turner. Sie haben ja schon einige Erfahrungen auf diesem Gebiet, Herr Zacharias.«

Der Alte streckte ihm die Hand entgegen. »Abgemacht, Doktor – den Spaß möchte ich auf keinen Fall missen!«

Er erhob sich und ging, von Dr. Frank geleitet, zum Ausgang; er wollte sich eben verabschieden, als der Bursche vom Heidekrug angetrabt kam. Vor der Rampe machte er halt und reichte Zacharias eine weiße Tüte hin.

»Wat schall dat, Hinrich?« fragte Zacharias.

»Ja, Herr, de Amerikaner, de bi uns wahnt, seggt, dat wär gar nich sin Hot, he hätt Herrn Horn ok sinen richtigen mit'm amerikanischen Stempel zeigt, und dat hier ginge em nix an. Da hebb'n Se em wedder.« Ehe er sich's versah, hielt Zacharias die Tüte in seiner Hand, und der Bursche trabte schon wieder zum Heidekrug los.

»Reingefallen, lieber Zacharias!« lachte Dr. Frank, der das Ganze schweigend mit angehört hatte. »Ihr dürft den guten Turner nicht für ganz dumm verkaufen. Diesmal hat er sich aus der Affäre gezogen, aber –«, die Miene des Doktors wurde ernst, als er weitersprach, »der Verdacht bleibt natürlich bestehen, und eins ist bestimmt: In dieses Haus hier darf der Agent niemals kommen. Er würde bei dem ersten Versuch etwas erleben, gegen das sein Abenteuer mit Ihren Bienen harmlos wäre. Und nun –«, der Doktor sprach fast vergnügt weiter, »nun gratuliere ich Ihnen zu Ihrem schönen Panamahut, mein lieber Zacharias! Verbrauchen Sie ihn mit Gesundheit, aber setzen Sie ihn nicht beim Schwarmfangen auf! Sie wissen, daß das bisweilen schiefgehen kann.«

Ein wenig bedrückt nahm der Alte Abschied von dem Doktor. Der schaute ihm noch ein gutes Stück Weges nach und mußte unwillkürlich lächeln, als er Zacharias mit der Tüte in der Hand über den Feldweg dahintrotten sah.

*

Verdrießlich kehrte Turner in den Heidekrug zurück, nachdem er das Dorf und die ganze Umgebung vergeblich durchstreift hatte. Beim Eintreten überlegte er sich gerade, ob er es riskieren könnte, noch einmal nach dem alten Zacharias zu fragen, als ihm der Wirt mit einer andern Nachricht entgegenkam.

»Herr Turner, es ist ein Landsmann von Ihnen angekommen, ein Mister Votsch – oder so ähnlich. Ich habe den Namen nicht recht behalten. Der Herr spricht nur wenig deutsch; ich habe nur herausgehört, daß er ein guter Bekannter von Ihnen ist und Sie erwarten will ...«

Der verdammte Professor, den mir Headstone auf den Hals schickt! schoß es Turner durch den Kopf.

»Ich vermute, es wird mein Freund Professor Voucher sein«, antwortete er dem Heidekrugwirt, ohne sich seine Erregung anmerken zu lassen. »Wo ist der Herr?«

»Auf Ihrem Zimmer, Mister Turner«, erwiderte Klas Horn. Im stillen ärgerte sich Turner über die Eigenmächtigkeit des Wirtes, einen x-beliebigen Fremden in sein Zimmer zu lassen. Laut sagte er: »Es ist gut, ich werde hinaufgehen.«

Über die unvermeidlich knarrende Treppe trat er den Weg nach oben an, öffnete die Tür und sah sich einer ihm unbekannten Person gegenüber.

»Ich vermute, Herr Professor Voucher?« eröffnete er die Unterhaltung. Der andere erhob sich aus einem Sessel und schüttelte ihm kräftig die Hand.

»Ganz recht, Mister Turner. Ich bin Professor Voucher und komme im Auftrage von Mister Headstone. Ich bringe einen Brief an Sie mit, gewissermaßen mein Einführungsschreiben ...« Er lachte leicht, während er Turner ein verschlossenes Kuvert übergab.

Der Agent hatte inzwischen Gelegenheit gehabt, den ihm wenig willkommenen Sendboten Headstones zu betrachten. Das typische amerikanische Professorengesicht. Ein paar scharfe Brillengläser, leicht ergrautes Haar, ein glattrasiertes Gesicht, sonst kaum etwas besonders Auffallendes.

»Bitte, behalten Sie Platz, Herr Professor!« sagte er mit einer einladenden Handbewegung, während er sich selbst niederließ und das Schreiben Headstones öffnete. Zusehends verdüsterte sich seine Miene beim Lesen des umfangreichen Schriftstückes. Wieder die alte Litanei: Aufträge, die Headstone schon wiederholt gegeben hatte und die immer noch nicht erfüllt waren. Zum Schluß die für Turner besonders unangenehme Mitteilung, daß er von jetzt an mit dem Professor zusammen und nach dessen Direktiven zu arbeiten habe.

Er ließ das Schriftstück fallen und wandte sich an Voucher, »Kennen Sie den Inhalt dieses Schreibens?«

Der Professor nickte. »Jawohl, Mister Turner. Mister Headstone hat mich über alles informiert.«

»Und wie denken Sie über die Angelegenheit?«

»Oh, ich halte sie für ziemlich einfach«, meinte der Professor. »Erst werde ich mir das deutsche AE-Werk ansehen und dann –«

Turner lachte laut auf.

»Das deutsche AE-Werk ansehen, Professor? Wie denken Sie sich das? Beim ersten Versuch, es zu betreten, wird man Sie festhalten und zum mindesten als lästigen Ausländer abschieben, falls Ihnen nicht –«, Turner machte eine Pause, um den Eindruck seiner Worte zu verstärken, »nicht noch etwas Schlimmeres bevorsteht.«

Professor Voucher lächelte leicht vor sich hin. »Ich glaube, Sie sehen die Dinge zu schwarz, Mister Turner. Ich werde mit offenen Karten spielen und mich als Mitarbeiter des ›Electric Engineer‹ anmelden und legitimieren.«

Oh, du ahnungsloser Engel! dachte Turner bei sich. Sie werden dich schon an der Tür höflich, aber sehr bestimmt zurückschicken. Laut fuhr er fort: »Ich fürchte, Herr Professor, daß Sie auf diesem Wege nicht zum Ziele kommen. Mister Headstone verlangt Unmögliches. Ich habe die Schwierigkeiten in den letzten Monaten zur Genüge kennengelernt.«

»Zweitens«, fuhr Voucher unbewegt fort, »muß die etwas rätselhafte Persönlichkeit dieses alten Heideläufers erforscht werden. Mister Headstone war sehr unwillig, daß Sie immer noch nichts in Erfahrung gebracht haben.«

»Sie meinen Mister Zacharias, Professor? Er ist leider seit mehreren Tagen verreist. In einer Erbschaftsangelegenheit nach Berlin, wie ich hörte, sonst hätte ich Mister Headstone wahrscheinlich schon über ihn berichten können.«

»Hm, das ist freilich störend, Mister Turner. Wissen Sie ungefähr, wann er zurückkehren wird?«

Turner zuckte die Achseln. »Völlig unbestimmt, Professor. Ich kann auch nicht direkt fragen – es könnte Verdacht erregen.«

Der Professor nickte. »Sie haben recht, Mister Turner. Verdacht dürfen wir unter keinen Umständen erregen. Wir werden eben abwarten müssen, bis der Mann wiederkommt.«

Turner sprach nicht aus, was er dachte. ›Wenn du wüßtest, wieviel Verdacht hier schon besteht, wie verdammt heiß der Boden hier schon geworden ist, du würdest anders reden‹. Eine kurze Weile überlegte er, ob er Voucher nicht gleich die bedenkliche Kontaktverbindung an den Zimmerfenstern zeigen solle, beschloß jedoch, vorläufig davon abzusehen.

»Drittens«, fuhr Voucher fort, »muß es hier in der Nähe einen neuen Bau geben. Ein ganz neues Haus, wissen Sie. Mister Headstone hat Gründe zu der Vermutung, daß dort die Neuheiten für das deutsche AE-Werk ganz im geheimen entwickelt werden.«

Turner fuhr sich nachdenklich über die Stirn. »Ein neues Haus, Professor? Nicht daß ich wüßte. Die Häuser in der Gegend hier haben meistens ihre hundert Jahre auf dem Rücken. Da hat man Mister Headstone falsch unterrichtet ...« Er überlegte eine Weile, bevor er fortfuhr. »An neueren Baulichkeiten gibt es hier nur das AE-Werk und außerdem – wenn Sie das als Haus rechnen wollen – die große Umformerstation für die Elektrizitätsversorgung. Es ist ein ziemlich massiver Betonbau, in den die Hochspannungsleitungen hineingehen und die Mittelspannungsleitungen herauskommen. Das Umformerwerk steht außerhalb des Dorfes auf freiem Felde. Ich habe es mir einmal von weitem angesehen. Dort etwas anderes als die übliche Großtransformatorenstation zu vermuten – etwa eine Erfinderbude, wie Mister Headstone vielleicht annimmt – halte ich für ganz ausgeschlossen. Ein bißchen Blick für solche Dinge habe ich denn doch, Professor. Die ein- und ausgehenden Leitungen lassen gar keinen Zweifel über den Zweck dieses Bauwerkes zu.«

»Das ist Ihre Meinung, Mister Turner«, erwiderte Professor Voucher. »Ich will aber auf alle Fälle sichergehen. Ich werde mir das Gebäude aus der Nähe ansehen und womöglich auch von innen. Die Nachrichten, die Mister Headstone von einer dritten Stelle bekommen hat, sind so bestimmt, daß ich das für nötig halte.«

Turner schüttelte den Kopf. »Tun Sie meinetwegen, was Sie nicht lassen können, Professor. Aber sehen Sie sich vor; ich habe unter der Hand gehört, daß die Hochspannungsleitung mit dreihundertsiebzigtausend Volt in die Umformerstation hineinkommt. Solche Spannungen sollen recht ungesund sein.«

»Weiß ich, Mister Turner, ist mir durchaus nicht unbekannt. Trotzdem muß die Sache klargestellt werden. Ich werde die nächste Nacht dazu benutzen. Schließlich kann mir niemand verbieten, einen nächtlichen Spaziergang in die Heide zu machen ...«

Nun hielt es Turner doch für angebracht, dem Professor die Kontaktvorrichtung an seinem Fenster zu zeigen. »Ich weiß nicht, welches Zimmer man Ihnen geben wird«, sprach er weiter, »aber ich würde mich nicht wundern, wenn dort die gleiche sinnvolle Einrichtung vorhanden wäre.«

»Sehr primitiv, Mister Turner, aber trotzdem bedenklich«, meinte Voucher, nachdem er von den Gegenmaßnahmen Turners unterrichtet worden war. » Well, Mister Turner, ich werde mir ein Zimmer neben Ihrem geben lassen und dann bei Nacht für einige Zeit verschwinden.« –

Zu Abend speisten Turner und Professor Voucher gemeinsam im Gastraum. Wie vorher verabredet, unterhielten sie sich nur über belanglose Dinge, denn die Möglichkeit, daß sich unter den Gästen des Heidekrugs jemand befände, der englisch sprach, war nach den Erfahrungen, die Voucher vor Monaten mit dem alten Heideläufer gemacht hatte, zum mindesten nicht ausgeschlossen.

Gegen zehn Uhr abends gingen sie nach oben und machten sich einen Spaß daraus, die alte Treppe stärker denn je knarren zu lassen. Oben angelangt, kam Voucher sofort mit in Turners Zimmer. Die Kontaktanlage wurde mit den bewährten Mitteln Turners wirkungslos gemacht, die Strickleiter aus dem Koffer des Agenten am Fensterkreuz befestigt.

»Wenn Sie zurückkommen, pfeifen Sie dreimal ›Columbiam Hail‹,« sagte Turner, nachdem er dem Professor noch einmal genau den Weg nach der Umformerstation beschrieben hatte. Dann kletterte Voucher schnell und gewandt die Leiter hinab. Als er wieder auf festem Boden stand, zog Turner die Leiter zurück und schloß das Fenster.

Besorgt warf er sich in den alten Lehnstuhl und sinnierte vor sich hin. Der Professor ist ein Greenhorn ersten Ranges. Er hat keine Ahnung, wie gefährlich der Boden hier ist. Ich werde kein Auge zutun können, bis er wieder zurück ist. Er versank in tiefes Grübeln und malte sich alle denkbaren Fährnisse aus, die dem andern zustoßen könnten. –

Inzwischen marschierte Professor Voucher auf dem angegebenen Weg munter seinem Ziel entgegen. Wo die Beschreibung Turners nicht mehr ausreichte, nahm er einen Taschenkompaß mit leuchtender Skala zu Hilfe, und bald konnte er in dem schwachen Mondlicht in der Ferne die Umformerstation in undeutlichen Umrissen erkennen. Vorsichtig pirschte er sich näher heran und war geneigt, Turner recht zu geben. Die Hochspannungsleitungen, die hier hineinliefen, andere Leitungen, die wieder herausgingen, ließen das Ganze in der Tat als eine Transformatorenstation erscheinen. Auch die Größe der Baulichkeit sprach nicht dagegen.

Schon ein paarmal hatte er das Haus umkreist, ohne einen rechten Entschluß fassen zu können, als er wieder an das Eingangsportal gelangte. Lange stand er davor und überlegte. Dieses Portal war das einzige, was ihm nicht recht zu stimmen schien. Professor Voucher hatte in seinem Leben genügend viele Umformerstationen gesehen, um zu wissen, daß sie ausnahmslos durch schwere eiserne Schiebetüren verschlossen waren, die das internationale Zeichen eines roten gezackten Blitzes und die Worte »Achtung! Hochspannung! Lebensgefahr!« trugen. Das fehlte hier. Dafür war eine kräftige Holztür vorhanden, die nur eine einfache Klinke trug.

Immer noch zögerte der Professor. Ihm war gar nicht mehr wohl zumute, doch andererseits scheute er sich, unverrichteter Dinge zurückzukehren. So raffte er sich endlich zu einem Entschluß auf, trat an die Tür heran und drückte die Klinke herunter in der unbestimmten Hoffnung, doch vielleicht in die Station hineinzukommen.

Außerordentlich schwer beweglich war die Klinke. Der Professor mußte beide Hände zu Hilfe nehmen, um sie vollständig herunterdrücken zu können, und dieser Widerstand hatte seine guten Gründe. Während Professor Voucher die Klinke bewegte, führte er zwangsläufig gleichzeitig eine Schaltung aus. Er brachte eine in dem Gebäude vorhandene, auf Höchstspannung geladene Kondensatorbatterie aus Parallel- auf Serienschaltung. Im Augenblick addierten sich dadurch die einzelnen Kondensatorspannungen, und eine Spannung von mehr als hundert Millionen Volt entstand. Aber der Professor hatte keine Gelegenheit mehr, sich darüber Gedanken zu machen, denn im selben Moment stand der Himmel in hellem Feuer. Ein Riesenblitz zuckte über dem Gebäude auf, und im gleichen Augenblick folgte auch schon ein Donnerschlag von ohrenbetäubender Mächtigkeit. War es der Blitz, war es der krachende Donner, war es der plötzlich auftretende Luftdruck – Professor Voucher wurde einige zwanzig Meter beiseite geschleudert und blieb bewußtlos auf dem Rasen liegen. –

Trotz seinen Sorgen war Turner doch leicht eingenickt, als ein schwerer Donner ihn jählings weckte. Erschrocken fuhr er empor, eilte zum Fenster und blickte hinaus. Seine Erwartung, einen dunklen Gewitterhimmel zu sehen, wurde enttäuscht. Kein Wölkchen war am Firmament, in leichtem Mondschein lag die Landschaft friedlich vor seinen Augen. Kopfschüttelnd wankte er zu seinem Stuhl zurück, und jetzt war ihm der Schlaf wirklich vergangen. Eine dunkle Ahnung, daß dieser Blitz aus heiterem Himmel – nach der Stärke des Donners zu schließen mußte es ganz in der Nähe eingeschlagen haben – irgendwie mit dem waghalsigen Unternehmen Vouchers zusammenhing, wurde immer stärker. –

Professor Voucher hatte keine Gelegenheit mehr gehabt, zu erkennen, was wirklich geschah. Nicht vom Himmel her schlug dieser so unvermutete und so über alle Maßen gewaltige Blitz in die Stange auf dem Dach des Gebäudes ein. Umgekehrt fuhr er aus ihr heraus in die freie Atmosphäre, in der die entfesselte Energie sich einen Ausgleich suchte.

Der Professor wußte nicht, wieviel Zeit vergangen war, als er wieder zu Bewußtsein kam. Immer noch halb betäubt, zog er mit zittrigen Händen seine Uhr hervor und sah, daß sie stand. Kein Schütteln und Rütteln half dagegen. Unbeweglich blieb der Sekundenzeiger auf seinem Platz. Voucher griff nach seinem Taschenkompaß und sah, daß auch der irre geworden war. Die Nadel zeigte keine feste Richtung mehr an.

Mühsam raffte er sich auf, suchte sich nach den Sternen zu orientieren und gelangte schwankend und wankend in das Dorf und zum Heidekrug zurück. Der Pfiff, den er verabredetermaßen über die Lippen brachte, war recht kläglich und schwach, aber Turner war wach und auf der Hut. Sofort öffnete er das Fenster und ließ die Strickleiter hinab. Doch Voucher war nicht imstande, sie allein zu erklimmen. Turner mußte hinabsteigen und den immer noch halb Ohnmächtigen emportragen.

Er atmete auf, als er ihn in seinem Zimmer hatte, legte ihn auf das Bett und schloß vor allen Dingen wieder das Fenster. Dann wandte er sich zu ihm.

»Wasser! Geben Sie mir Wasser, Turner!« stöhnte Professor Voucher. Gierig trank er das Glas aus, das Turner ihm reichte, und erholte sich danach ein wenig. Turner versuchte Fragen zu stellen, aber er bekam nur stammelnd und zusammenhanglos Antworten. Zum zweiten Male griff er nach dem Glas, füllte einen tüchtigen Schuß Kognak ein und zwang Voucher zu trinken. Der scharfe Alkohol verfehlte seine Wirkung nicht. Jetzt kam der Patient erst wieder recht zur Besinnung.

»Nun, wie war es, Professor?« wiederholte Turner seine Frage.

»Entsetzlich, Turner!« erwiderte der andere mit leisem Stöhnen. Helle Schweißperlen standen auf seiner Stirn, während er weitersprach. »Grauenhaft! Das ist keine Umformerstation – ein Haus des Satans ist es!« stieß er erregt hervor und versuchte trotz seiner Schwäche sich aufzurichten.

Mit leichtem Druck zwang ihn Turner in die Ruhelage zurück und sprach weiter: »Ein Haus des Satans, sagen Sie, Voucher? Ich bin immer noch der Meinung, daß es eine einfache Umformerstation ist.«

Ein heiseres Lachen kam aus Vouchers Kehle. »Umformerstation – ein Teufelshaus, ein Spukhaus, das Blitze in den Himmel schleudert, wenn man die Türklinke berührt!« Seine frühere Schwäche machte jetzt einer wachsenden Erregung Platz. »Tausendmal recht hat Headstone!« schrie er. »Das ist der Platz, an dem die Deutschen ihre Erfindungen machen – Erfindungen, von denen wir in Amerika noch nichts ahnen – oh, sie wissen sich zu schützen«, er knirschte mit den Zähnen, »die Hunde, die verfluchten! Blitz und Donner werfen sie auf jeden, der hinter ihre Geheimnisse zu kommen versucht ...!«

Er atmete tief auf und streckte sich wieder lang aus. Von neuem überkam ihn die Schwäche. Schweigend saß Turner an seinem Lager. Erst nach langen Minuten fragte er wieder:

»Was gedenken Sie zu tun, Professor?«

Die Stimme Vouchers war matt, als er antwortete. »Ich werde Headstone schreiben, daß es unmöglich ist, seinen Auftrag zu erfüllen.«

»Ich fürchte, Mister Headstone wird das nicht gern hören«, warf Turner ein.

»Mag er es gern oder ungern hören«, erwiderte Voucher, »ich werde ihm schreiben, daß seine Vermutung richtig war, daß in diesem Betonhaus die Stelle ist, an der deutsche Erfinder am Werke sind, und ich werde ihm auch mitteilen, daß sie sich mit übermenschlichen Mitteln geschützt haben und daß jeder Versuch, dort eindringen und spionieren zu wollen, barer Wahnsinn ist.«

Turner erhob sich, ging an seinen Koffer und holte aus der Reiseapotheke ein gleichzeitig beruhigendes und stärkendes Medikament, das er Voucher einflößte. Wie ein Kind nahm er ihn auf die Arme, trug ihn in sein Zimmer und bettete ihn. Geduldig wartete er, bis der Professor eingeschlummert war. Leise kehrte er danach in seinen eigenen Raum zurück. Doch er war noch zu erregt, um an Ruhe denken zu können. Wieder warf er sich in den alten Lehnstuhl, in dem er bereits die halbe Nacht verbracht hatte, und hing seinen Gedanken nach.

Sie waren von zweifacher Art. Einmal tat ihm der Professor wirklich leid; denn es war außer Zweifel, daß er bei dem Abenteuer haarscharf am Tode vorbeigegangen war. Andererseits aber empfand er auch eine gewisse Freude darüber. Als Konkurrenten, ja gewissermaßen als Vorgesetzten hatte ihm Headstone den Mann hierhergeschickt, und gleich der erste Tag hatte diesen krassen Mißerfolg gebracht. Langsam begann er in Gedanken eine Bilanz aufzumachen. Was hatte er selber in den Monaten geleistet, die er hier auf dem gefährlichen Gelände schon tätig war! Die Höhe des deutschen Fangnetzes hatte er erkundet. Hinter das Geheimnis der deutschen Halteseile war er gekommen, und einen deutschen Strahlkollektor hatte er unter reichlich aufregenden Umständen erbeutet. Das waren Aktivposten von einer nicht zu unterschätzenden Bedeutung ...

Der andere dagegen, die neue Kraft – Turner lächelte leicht vor sich hin –, war gleich am ersten Tage plump in die Falle getappt, weil er die Lage vollkommen verkannte. Bei Headstone mußte er, Turner, jetzt sicher eine gute Note haben, davon war er überzeugt. Nur eine Sorge beschäftigte ihn: ob nicht die Ungeschicklichkeit Vouchers die Lage so verschärft hatte, daß sie beide guttaten, Deutschland so schnell wie möglich zu verlassen.

Das Frührot schimmerte schon durch die Fenster, als er sich endlich entschloß, zur Ruhe zu gehen. –

Dr. Frank und der alte Zacharias hatten beide einen gesunden Schlaf, aber der Donner, der jenem künstlichen Blitz folgte, wäre imstande gewesen, Tote aufzuerwecken. Gleichzeitig fuhren beide von ihrem Lager empor und kleideten sich in Eile an.

»Es ist jemand an der Torklinke gewesen«, sagte der Doktor, als Zacharias über die Schwelle seines Zimmers trat.

»Das habe ich auch schon gedacht«, lachte der Alte. »Sollte vielleicht unser Freund Turner derjenige sein, welcher ...«

»Man müßte es feststellen«, meinte Dr. Frank. »Ernstlich Schaden gelitten kann er kaum haben, eine Ohnmacht halte ich nicht für ausgeschlossen. Kommen Sie mit, Zacharias, Sie kennen den Amerikaner persönlich. Wir wollen uns davon überzeugen, was geschehen ist.«

Während sie zusammen durch die Säle des Hauses gingen, schaltete der Doktor die Blitzsicherungen aus. Ungefährdet konnte der Alte das Tor öffnen und trat ins Freie. Das Mondlicht war stark genug, um die Umgebung erkennen zu lassen. Johannes Zacharias brauchte nicht lange zu suchen, um in einiger Entfernung einen auf dem Rasen liegenden menschlichen Körper zu erblicken. Lautlos ging er näher heran. Staunen malte sich in seinen Zügen, als er den Körper schärfer ins Auge nahm. Sein Freund Turner war es zwar nicht, wohl aber jemand anders, der ihm auch nicht unbekannt war. Vorsichtig beugte er sich nieder, brachte sein Ohr an den Mund des Liegenden und stellte fest, daß dessen Atem noch ging. Dann kehrte er ebenso leise, wie er gekommen war, in das Haus zurück.

»Nun, wie steht's, wer ist's?« empfing ihn Dr. Frank.

»Harmlose Sache, Doktor. Nur eine Ohnmacht. Turner ist's nicht; aber – sollte man es für möglich halten? – der amerikanische Professor vom ›Electric Engineer‹ ist's ...«

»Dem gegenüber Sie sich einmal etwas verplappert haben, lieber Zacharias? War es nicht so?« unterbrach ihn der Doktor und drohte ihm scherzend mit dem Finger. Dem Alten war die Erinnerung nicht angenehm, und er suchte den Vorfall zu seinen Gunsten zu wenden.

»Wer weiß, wofür das damals gut war, Doktor! Dadurch wissen wir jetzt wenigstens, mit wem wir es zu tun haben. Wir kennen den neuen Agenten, den Mister Headstone nach Deutschland geschickt hat; ich werde Geheimrat Bergmann schleunigst davon in Kenntnis setzen.«

»Tun Sie's in Gottes Namen, lieber Zacharias. Ich halte es kaum für nötig. Ich glaube, der Neue wird von der ersten Probe genug haben und sich schleunigst wieder in die Staaten verziehen.«

Während sie langsam durch die Säle zurückgingen, schaltete der Doktor die Blitzkondensatoren wieder ein.

»Für alle Fälle«, meinte er lachend, »falls noch ein anderer Lust haben sollte, bei uns Besuch zu machen. Kommen Sie, wir wollen wieder schlafen gehen.«

Viel früher als Turner und Professor Voucher im Heidekrug lagen Dr. Frank und der Alte wieder in ihren Betten und bald in festem Schlummer.

* * *

 

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