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Gutenberg > Hans Dominik >

Himmelskraft

Hans Dominik: Himmelskraft - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleHimmelskraft
publisherVerlag Scherl
printrun41. bis 50. Tausend
yearo.J.
firstpub1937
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160119
projectid10234cb2
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Etwa zehn Minuten, nachdem Turner den Garten des alten Zacharias verlassen hatte, kehrte Jochen Dannewald von seiner Besorgung zurück. Sein erster Weg ging zu den Bienenständen, und ein einziger Blick überzeugte ihn davon, daß sich hier nichts verändert hatte. Der leere Beutekasten stand leer wie vorher auf dem Stuhl vor den Stöcken. Aber Jochen war ein zu alter und erprobter Imker, um sich durch Nebensächlichkeiten täuschen zu lassen. Nach seiner Erfahrung war es viel wahrscheinlicher, daß der Schwarm sich an irgendeinem der vielen Bäume des Gartens niedergelassen hatte. Er stellte das Fahrrad mit seinen Einkäufen vor dem Wohnhaus ab und begann danach systematisch den Garten zu durchwandern, wobei kein Baum und Strauch seinen prüfenden Blicken entging. Schon hatte er den größten Teil des Geländes auf diese Weise durchstreift und war nahe daran, die Sache als zwecklos aufzugeben, als sein Blick plötzlich wie gebannt an einer Stelle auf dem Rasen zwischen einem Rosenbeet und der vorderen Gartentür haftenblieb.

Da war ja der lang gesuchte Schwarm! Aber nicht in Gestalt einer Traube hing er an einem Baumast, sondern in Form einer großen Halbkugel hatte er sich unmittelbar auf dem Rasen niedergelassen. So etwas hatte Jochen Dannewald in seiner langen Praxis noch nicht erlebt. Überdies mußte er feststellen, daß die Immen ungewöhnlich wild und aufgeregt waren.

Vorsicht ist das bessere Teil der Tapferkeit. Nach diesem Grundsatz handelte auch Jochen und zog sich ein gutes Stück von dem angriffslustigen Schwarm zurück. In sicherer Entfernung begann er zu überlegen, was wohl zu tun wäre. Erst einmal die Spritze holen und die gefährlichen Insekten durch einen feinen kalten Wassersprüh beruhigen. Das war zweifellos das Notwendigste; denn im andern Falle mußte er mit der Möglichkeit rechnen, daß der Schwarm wiederaufstieg und Gott weiß wohin weiterflog. Und wie hätte Jochen dann mit seinen Imkerkünsten vor dem alten Zacharias dagestanden!

Doch während er ging, um die Spritze und einen Wassereimer zu holen, kamen ihm neue Sorgen. Fürs Einfangen hatte der Schwarm eine sehr ungünstige Form. Während eine am Ast hängende Traube sich mit Leichtigkeit in den Fangkasten bringen läßt, würde es hier große Schwierigkeiten machen. Stoßend und schiebend mußte Jochen von der Seite her mit dem Kasten herangehen und schließlich versuchen, das ganze Bienenvolk mit einem Gänseflügel in den Kasten zu fegen.

Ob die Sache gut ausgehen würde, blieb recht zweifelhaft; nimmt man doch schon beim Einfangen eines richtig am Ast hängenden Schwarmes im allgemeinen zwei Leute zu Hilfe. Während Jochen Dannewald sich die nötigen Gerätschaften zusammensuchte, überlegte er wieder hin und her. War es nicht am Ende richtiger, den kurzen Weg zu riskieren und zu dem alten Zacharias zu gehen? Er wußte, daß er den sicher bei Dr. Frank treffen konnte. Aber würde der Alte ihn wegen eines solchen Wunsches nicht auslachen? Durfte er den überhaupt bei seinen wichtigen Arbeiten stören, die er mit dem Doktor zusammen vorhatte?

Nach längerem Hin und Her entschloß sich Jochen, die Sache auf seine eigene Kappe zu nehmen. Zunächst suchte er sich den nach seiner Meinung geeignetsten Fangkorb aus. Dann verpaßte er sich einen breitkrempigen Strohhut mit einem Schutznetz. Danach setzte er eine Tabakspfeife in Brand, deren Qualm allein schon genügte, um Menschen und Tiere schwach zu machen. Schließlich griff er nach Eimer und Spritze, vergaß auch den Gänseflügel nicht und marschierte energisch an den Tatort.

Die Spritze leistete, was Jochen von ihr erwartete. Unter dem Einfluß des feinen kalten Wassernebels schrumpfte der Schwarm, der inzwischen recht beweglich und lebhaft geworden war, schnell auf die Hälfte seiner bisherigen Größe zusammen. Mit einer flinken Bewegung gelang es Jochen weiter, die offene Wand des Fangkastens von der Seite her bis reichlich unter den halben Schwarm zu schieben. Während er dicke Strahlen aus seiner Imkerpfeife ausstieß, fegte er dann mit eiligen Strichen den Rest der wild aufbrausenden Immen in den Fangkasten hinein und ließ die Rollklappe der bisher offenen Wand herunterfallen.

So, das wäre gelungen, und schneller und besser, als er es zu hoffen gewagt hatte. Ein Stein fiel dem biederen Jochen vom Herzen, als die Rollwand niederfiel. Daß noch ein paar hundert Bienen in der Luft umherschwirrten, störte ihn nicht weiter. Die würden erfahrungsgemäß sehr bald durch das Flugloch auf der anderen Seite in den Kasten einziehen und sich mit dem übrigen Schwarm vereinigen. Glücklich gefangen war die ganze Gesellschaft nun einmal, und vorläufig konnte Jochen den Fangkasten ruhig ein bis zwei Stunden an Ort und Stelle stehenlassen. Das andere, die Überführung des eingefangenen Schwarms aus dem Fangkasten in einen regelrechten Bienenstock, würde dann später kommen.

Jochen Dannewald war stolz darauf, daß er die keineswegs ganz einfache Angelegenheit ohne Hilfe des alten Zacharias geschafft hatte. Auch ohne nennenswerte Stiche war die Sache abgegangen, da er sich gut geschützt hatte. Er hatte in dem Kampf mit dem Schwarm eine wesentlich bessere Rolle gespielt als Mr. Turner, der sich zu dieser Zeit in seinem Wagen eben die letzten Bienenstacheln aus seinem zerstochenen Gesicht zog.

Während Jochen sich die Vorgänge noch einmal vergegenwärtigte, kam ihm ein eigenartiger Umstand in die Erinnerung, auf den er während des Fangens in der Aufregung kaum geachtet hatte. Als er vorhin den Fangkorb unter den Schwärm schob, hatte er für eine kurze Zeit einen starken Widerstand überwinden müssen, als ob etwas besonders Schweres mitten in dem Schwarm steckte. Vergeblich zerbrach er sich den Kopf, was das wohl sein möchte. Auch der Umstand, daß mehrere hundert Bienen von dem Gewicht des Fangkastens totgedrückt an dieser Stelle auf dem Rasen lagen, gab ihm ein Rätsel auf, ohne daß es ihm gelang, eine einleuchtende Erklärung zu finden.

Nur das eine wurde ihm immer sicherer: Irgend etwas Größeres, Schweres mußte an dieser Stelle auf dem Rasen gelegen und den Schwarm veranlaßt haben, sich gerade dort niederzulassen. Zweifellos befand es sich auch jetzt mit dem Schwarm im Fangkasten, und vielleicht gab es beim Überschieben in die eigentliche, endgültige Beute noch unerwartete Schwierigkeiten. Fürs erste hatte Jochen Dannewald noch reichlich Zeit. Er benutzte sie, um zunächst sein Rad und seine Einkäufe in das Haus zu bringen und sich davon zu überzeugen, daß dort alles in bester Ordnung war. Mr. Turner war nach altem Grundsatz sehr vorsichtig gewesen, und nichts verriet etwas von seinem heimlichen Besuch. Nur einem sehr genauen Kenner der Bibliothek hätte es vielleicht auffallen können, daß ein französisches und ein englisches Werk über Gartenkulturen ihre Plätze in den Regalen vertauscht hatten.

Während Jochen in der Küche saß und seine Einkäufe auspackte, geriet er noch einmal ins Nachdenken mit dem Effekt, daß er seinen früheren Entschluß nun doch änderte. Plötzlich warf er das Messer, mit dem er gerade Rüben putzte, beiseite und sprang auf. Kurz darauf saß er auf seinem Rade und fuhr fort. Diesmal wählte er den Weg, der von der Behausung des alten Zacharias zu Dr. Frank führte. Zu Fuß waren es zehn Minuten, auf dem Rad konnte er es bequem in drei Minuten bewältigen.

Jochen besaß einen Schlüssel zu dem Gebäude. Er trat in den Vorraum und ging weiter. Die nächsten Schritte brachten ihn in den ersten Laboratoriumsraum, in dem Johannes Zacharias seit Tagen die Litzen für die amerikanischen Tragseile behandelte. Aber Zacharias war nicht darin, die Blitzröhre war ausgeschaltet, die ganze Apparatur stand still. Jochen Dannewald wußte sich keinen Vers darauf zu machen, doch unterrichteter Dinge wollte er auch nicht umkehren. So ging er weiter durch Räume, die er bisher noch niemals betreten hatte, und gelangte schließlich in den letzten Saal, in dem die größte und neueste Blitzröhre aufgestellt war.

Was er hier sah, ließ ihn im Augenblick alle seine Sorgen um Bienen und Bienenschwärme vergessen. Das Unterteil der Röhre, in dem sich eine geringe metallisch schimmernde Masse befand, war zerborsten. Es machte den Eindruck, als ob hier eine Explosion von einer ziemlichen Gewalt stattgefunden hätte. Dicht vor der Röhre hingestreckt lag Dr. Frank auf dem Boden, bleich und bewegungslos. Auf den ersten Anblick ließ sich nicht entscheiden, ob er noch lebte oder tot war. Nach weiterem Suchen entdeckte Jochen auch den alten Zacharias. Es machte fast den Eindruck, als ob er durch die Explosion zur Seite, zum Fenster hin geschleudert worden sei. Halb lag, halb hing er dort in den Falten des Fenstervorhangs, ebenso blaß und regungslos wie Dr. Frank.

Durch einen Blick auf die Schaltwand überzeugte Jochen Dannewald sich davon, daß kein Strom mehr in der Anlage war. Die Zeiger sämtlicher Meßinstrumente standen auf Null, die mächtigen Druckgasschalter, die fast die ganze dritte Wand des Raumes einnahmen, befanden sich in Ausschaltestellung. Das Bild, das sich das Faktotum des alten Zacharias von den Vorgängen machte, war durchaus logisch konstruiert und bewies im Gegensatz zu der Behauptung des Heidekrügers, daß er doch ganz richtig im Kopfe war.

Nach seiner sicheren Meinung war durch einen im Augenblick nicht festzustellenden Vorgang der untere Teil der mächtigen Blitzröhre in Trümmer gegangen. Dadurch mußte naturgemäß auch das Hochvakuum der Röhre zerstört werden, und im Augenblick änderten sich die elektrischen Verhältnisse in ihrem Innern von Grund auf. Der Röhrenstrom stieg zu einer unheimlichen Höhe an, und dann waren eben die Druckgasschalter in Tätigkeit getreten und hatten den Strom abgeschaltet. So und nicht anders mußte es nach dem, was Jochen dem alten Zacharias bei seinen Arbeiten mit der kleinen Röhre in dem vorderen Raum gelegentlich abgeguckt hatte, gewesen sein.

Aber jetzt galt es keine mehr oder weniger richtigen Theorien aufzubauen, sondern den Verunglückten tatkräftige Hilfe zu bringen. Der erste Griff Jochens galt Dr. Frank. Er hob ihn auf, trug ihn in den Nachbarraum und legte ihn dort auf ein Ruhebett. Mit wenigen Strichen und Griffen überzeugte er sich davon, daß noch Leben in dem Körper war. Von der elektrischen Hochspannung hatte der Doktor bestimmt nichts abbekommen; vielleicht handelte es sich nur um eine Schockwirkung infolge der Explosion. Jochen öffnete ihm die Kleidung und begann die Herzgegend mit einer Geschicklichkeit zu massieren, die man dem simplen Gärtner und Bienenvater kaum zugetraut hätte, und bald stellte sich der Erfolg ein.

Der Puls schlug stärker, der Körper versuchte ein paar Bewegungen zu machen, und jetzt öffnete Dr. Frank bereits die Lippen und brachte einige Worte hervor, schwer verständlich zunächst noch, aber doch schon artikuliert und, wie es schien, eine Frage bedeutend. Eben schickte sich Jochen Dannewald an, darauf zu antworten, als aus dem andern Raum her eine Stimme an sein Ohr drang; eine Stimme, etwas rostig und knarrig, aber dem braven Jochen seit vielen Jahren nur allzugut vertraut.

»He, Jochen, verdammtiger Kerl, wat kümmerst du di nich um mi? Wat heft du oller Döskopp hier zu söken?« hörte er ungefähr aus den Worten heraus. Mit ein paar Sprüngen war er wieder im Nebenraum, um auch dort zu helfen, und hatte bei dem, was er sah, einigen Grund, sich zu wundern. Johannes Zacharias hatte sich selbst aus dem breiten Vorhang herausgewickelt, stand vorläufig noch etwas wacklig auf seinen Beinen und schickte sich eben an, ein paar knorrige Flüche vom Stapel zu lassen, als er den herbeieilenden Jochen erblickte.

Das Donnerwetter, das sich über den Flachskopf Jochens ergoß, war derart kräftig, daß der sich sofort über eines sicher war: Irgendwelche Hilfe brauchte sein Herr nicht mehr; denn wer so kräftig schimpfen und poltern konnte, der mußte schon wieder gut bei Kräften sein. Immer wieder tauchte dabei in der Suada des Alten die Frage auf, was Jochen in diesem Raum zu suchen habe. Man habe es ihm doch ein dutzendmal gesagt, daß er nur die vorderen Räume betreten dürfe.

Vergeblich suchte Jochen sich damit zu entschuldigen, daß er Herrn Zacharias dringend brauche und in dem ersten Raum nicht angetroffen hätte. Alle seine Erwiderungen prallten an der ärgerlichen Laune des Alten ab, bis plötzlich Dr. Frank an der Schwelle des Saales erschien, ebenfalls wieder verhältnismäßig schnell erholt, und dem Streit der beiden andern mit ein paar Worten ein Ende machte.

»Er hat es doch gut gemeint«, versuchte er Jochen zu entschuldigen. »Und im übrigen –«, er zog Zacharias beiseite bis an das Fenster und sprach im Flüsterton mit ihm, und je weiter er kam, um so mehr verschwand auch die schlechte Laune des Alten.

»Sind Sie sicher, daß es tatsächlich gelungen ist?« fragte er flüsternd zurück.

»Außer allem Zweifel!« gab der Doktor ebenso leise zurück. »Wir hatten das Gewicht des neuen Stoffes nicht berücksichtigt, obwohl es uns theoretisch bekannt war. Seine Schwere hat die Röhre zermalmt. Beim nächstenmal werden wir uns besser vorsehen.«

Zacharias kraulte seinen grauen Rübezahlbart. »Das wird wieder viel Zeit kosten, Doktor. Viele Wochen, vielleicht Monate werden vergehen, bevor wir eine neue Röhre hierhaben.« Mißmutig wollte er sich abwenden, als Dr. Frank ihn bei der Schulter zurückhielt.

»Keine Sorge, Zacharias! Ich habe einen bestimmten Plan. Bereits in wenigen Wochen hoffe ich eine neue Röhre in Betrieb setzen zu können, aber schon heute bin ich überzeugt, daß wir unser Ziel erreicht haben.«

»Na, da wäre hier vorläufig nichts mehr zu tun«, meinte der Alte, und während er es sagte, fiel sein Blick auf Jochen, der wartend auf der Schwelle stand.

»Ja, Mensch, wat steihst du denn ümmer noch hier?« fuhr er ihn an. »Ick denke, du büst schon längst wedder im Goaren?«

Jochen nahm seinen Mut zusammen. Jetzt, da er hier keine unmittelbare Gefahr mehr sah, fielen ihm seine Bienensorgen wieder mit doppelter Gewalt in den Sinn.

»Ach, Herr Zacharias, dat is wegen der Immen«, begann er vorsichtig, »ein Stock het schwärmt ...«

»Und du oller Döskopp heft den Schwarm heidi gahn laten?« fiel ihm Zacharias ärgerlich ins Wort.

»Nee, Herr Zacharias, so is dat nich«, versuchte Jochen sich zu verteidigen. »Ick hew em in'n Fangkasten ... aber –« Und nun erzählte Jochen Dannewald dem Alten des langen und breiten, was für Erfahrungen er mit dem verdammten Schwarm bereits gemacht hatte und wie er nur hergekommen wäre, um sich Hilfe zu holen ...

Der Alte lachte Jochen aus und gab ein paar Bemerkungen zum besten, die keine Lobsprüche für Jochens Imkerkunst bedeuteten.

»War gelacht, Jochen, wenn wir den Schwarm nicht in den Stock bekämen«, brachte er seine Rede zu Ende. »Ick hew jetzt gerade Tid; wollen gleich mal 'rübergehen.«

Während Jochen sein Rad an der Hand führte, gingen sie zusammen den Feldweg zurück und standen bald an der Gartentür. Der Alte ließ Jochen aufschließen und vorangehen. Er selbst blieb am Gartenzaun stehen und betrachtete sorgfältig einige Flöckchen eines lodenartigen Kleiderstoffes, die an den Zacken des Stacheldrahtes hing. Ja, er nahm sich sogar die Mühe, eines von dem Draht zu zupfen und sorgfältig durch eine Lupe zu betrachten. Danach wickelte er es in ein Stückchen Papier und steckte es in seine Brieftasche.

»Wenn man wüßte, zu wem der Anzug gehört, wäre man ein Stück weiter«, murmelte er dabei vor sich hin. Dann ging er über den Rasen zu der Stelle, wo der Kasten mit dem gefangenen Schwarm stand.

»Ick möch blot weten, Herr Zacharias, warum dat Ludertüg sick hier gerad up den glatten Rasen sett' hat?« empfing ihn Jochen Dannewald.

»Ick ok, min Söhn«, beantwortete Zacharias kurz die Frage.

»Ick will gahn un all's herhalen«, sagte sein Gehilfe. Zacharias winkte ab. Eine geraume Weile stand er vor dem Schwarmkasten, und es bedurfte keiner besonderen Beobachtungskunst, um ihm anzusehen, daß er über irgendwas scharf nachdachte.

»Nee, lat man, min Söhn, ick will dat sülwst halen, du kannst hierblieben und töwen«, meinte er, nachdem er mit seinen Überlegungen zu Ende war, und marschierte auf die Vorratskammer neben dem Bienenstand zu. Kopfschüttelnd schaute ihm Jochen nach. Er wußte doch nachgerade genau genug, was man in diesem Falle brauchte – warum ließ der Alte ihn hier stehen und trottete selber los?

Er mußte geraume Zeit warten, bis er ihn zurückkehren sah, und dann trug Zacharias auch ganz andere Geräte, als Jochen erwartete, Dinge, die er in seiner ganzen bisherigen Imkerpraxis überhaupt noch nicht gesehen hatte. Da war zum Beispiel ein metallenes Gerät, das etwa an eine Lampe erinnerte. Wenn man wollte, konnte man sogar eine entfernte Ähnlichkeit mit den deutschen Strahlkollektoren herausfinden. Ferner noch ein metallenes Aufsatzrohr, ein Stück Gummischlauch und einiges andere mehr.

»Dat helpt nu nix, Jochen«, sagte Zacharias, als er die Verwunderung des anderen bemerkte. »Wir müssen den Schwarm drangeben.« Dann zündete er die Lampe an. Sie brannte mit einer blaßblauen Flamme und verbreitete einen zu unaufhörlichem Husten reizenden scharfen Qualm, wenn man in ihre Nähe kam. Zacharias schob den Metallaufsatz, eine Art sehr großen Lampenzylinders, über die Flamme, schob weiter noch das Gummirohr über den Metallaufsatz und führte es bis zum Flugloch des Fangkastens. Es paßte genau in das Flugloch, so daß dieses dicht verschlossen war.

»Soo, min lewer Jochen, nu möt wi en beeten töwen. 'ne halw Stund ward det duern.«

Damit ließ er sich auf einer in der Nähe befindlichen Gartenbank nieder und lud Jochen ein, neben ihm Platz zu nehmen. Die Folgen seiner Maßnahmen waren schnell zu bemerken. Bisher war es ziemlich ruhig in dem Fangkasten gewesen. Jetzt aber erhob sich in ihm ein Summen und Brausen, daß es für eine kurze Weile fast den Eindruck machte, als wolle der eingefangene Schwarm die Wände seines Gefängnisses sprengen. Erst nach geraumer Zeit wurde es ruhiger und schließlich vollkommen still in dem Kasten.

Jochen konnte vor Neugier nicht länger an sich halten. »Wat het dat to bedüten, Herr Zacharias?« fragte er. Der Alte ließ sich Zeit mit der Antwort, und durch das, was er schließlich sagte, wurde Jochen nicht klüger.

»Dat geiht di nix an, Jochen«, meinte er ziemlich kurz angebunden, »ein guter Imker braucht davon überhaupt nix zu wissen. Aber es gibt Ausnahmefälle ...« Er unterließ es, den Satz zu Ende zu bringen, und horchte wieder nach dem Fangkasten hin, aus dessen Fugen ein grauer Dampf drang. Er stand auf, ging zu der Lampe, löschte sie aus und entfernte den Aufsatz und das Gummirohr.

»So, nun kannst du mir mal helfen, den Fangkasten zum Stand zu bringen«, forderte er Jochen auf. Zusammen setzten sie den Kasten vorsichtig auf einen Arbeitstisch. Jochen, neugierig bis zum Platzen, blieb stehen und erwartete weitere Befehle, aber der Alte schickte ihn ziemlich knurrig weg. »Hier is nix mehr för di to dauhn, go int Hus und kümmer di üm de Wirtschaft!«

Betrübt schob der brave Jochen ab und konnte gerade noch hören, wie der Alte hinter ihm die Tür zweimal verschloß. Kaum war Zacharias allein, als er die hintere Rollwand des Kastens öffnete. Nichts Lebendes war mehr darin vorhanden. Eine wenig schöne Masse von toten Bienen, Honig und geschmolzenem Wachs floß ihm entgegen. Mit einem Spachtel begann er den Kasten weiter auszuräumen, und schon nach kurzer Zeit erblickte er den Gegenstand, über den er sich vorher auf dem Rasen den Kopf zerbrochen hatte, bevor er sich zu dem radikalen Entschluß aufraffte, den ganzen Schwärm durch Schwefelgas zu töten. Mitten in dem Gewimmel von toten Bienen und Honig lag etwas Gelbes, Strohartiges, schon stark mit Wachswaben bebaut.

Ein Hut vermutlich, den der Unbekannte getragen haben mochte. Durch einen Zufall hatte der Schwarm sich darauf niedergelassen. In seiner Verzweiflung hatte der Eindringling sich das Ding vom Kopf gerissen und war dann über den Stacheldrahtzaun entflohen, an dem er nochmals Wolle ließ. So malten sich die Dinge in der Vorstellung des Alten. Wie dieser Mensch jetzt ungefähr aussehen mußte, das konnte Zacharias sich nach seiner langen Imkerpraxis ebenfalls deutlich vorstellen. Zerstochen und verschwollen bis zur Unkenntlichkeit. Wenn man ihn jetzt nur hätte, würde es eine Kleinigkeit sein, seine Täterschaft mit Sicherheit festzustellen.

Wer konnte es sein? Unwillkürlich hakten die Gedanken des Alten bei Mr. Turner fest. Es konnte nicht schwerfallen, herauszubekommen, wo er sich jetzt aufhalten mochte. Er eilte ins Haus ans Telephon und rief den Heidewirt an.

»Mister Turner, der Amerikaner? Ja, gewiß, Herr Zacharias! Er hat heute früh bei mir für eine Zweitagetour getankt und ist losgefahren. Wo er steckt, kann ich nicht sagen. Unbestimmt habe ich gehört, daß er nach Norden zu in die Heide wollte.«

»Danke schön, Herr Horn!« Ärgerlich legte Zacharias den Hörer wieder auf. Selbst wenn dieser Sendbote Mr. Headstones mit dem Bienenabenteuer etwas zu tun hatte, würde man es ihm nach zwei Tagen nur noch schwer nachweisen können. Und wer wußte, ob der Fuchs nicht noch länger fortblieb, bis auch die letzten Spuren verschwunden waren? Das einzige Beweismittel blieb der Hut in dem ausgeschwefelten Fangkasten. In reichlich schlechter Laune kehrte Zacharias dorthin zurück.

Mit Hilfe des Spachtels und einer jener hölzernen Zangen, wie sie zum Herausnehmen und Einsetzen der Wabenrahmen in der Imkerei vielfach gebraucht werden, holte er sich das Corpus delicti aus dem Fangkasten heraus und brachte es zunächst für längere Zeit unter einen mäßig laufenden Wasserleitungshahn. Alles was noch an Honig und toten Bienen vorhanden war, wurde dadurch restlos herausgewaschen. Aber was zurückblieb, war immer noch wenig geeignet, dem Alten Freude zu machen. Die schwärmenden Immen mußten den Hut Mr. Turners geradezu für eine Strohbeute angesehen haben; denn mit einem auf andere Weise überhaupt nicht erklärlichen Eifer hatten sie sofort begonnen, Wachswaben darin und außenherum zu bauen.

Auch jetzt nach der gründlichen Ausspülung wog der feine leichte Panama, der normalerweise vielleicht zwanzig Gramm schwer sein mochte, immer noch ein reichliches Pfund. Und dies Übergewicht war reines Wachs, ein Stoff, der sich nur in sehr wenigen Chemikalien und auch dann langsam und meistens nur in der Wärme löst.

Johannes Zacharias erkannte die ganze Schwierigkeit der Aufgabe. Er lief in das Haus zurück und durchwühlte vergeblich seine Bibliothek nach Werken über die Imkerei. Was er in den Bänden entdeckte, konnte ihm nicht helfen und sagte ihm kaum etwas Neues. Keines der Projekte, die er während der letzten Monate mit Dr. Frank erörterte, hatte ihm auch nur halb soviel Schwierigkeiten gemacht wie diese lächerliche Aufgabe, einen alten Panamahut wieder auf neu aufzuarbeiten. Jochen hatte Glück, daß er ihm nicht in den Weg lief; denn in diesem Augenblick war die Stimmung des Alten alles andere als rosig.

Aber ein Entschluß mußte gefaßt werden, und nach langem Hin und Her erschien es Zacharias immer noch am praktischsten, das vermaledeite Ding einfach in Wasser auszukochen. Das Strohgeflecht würde durch das Wasser viel weniger angegriffen werden als durch scharfe chemische Lösungsmittel. Wenn er die Temperatur des Wassers vorsichtig auf etwa siebzig Grad hielt, würde schließlich doch alles Wachs zerschmelzen und auf dem Wasser schwimmen, so daß er es abschöpfen könnte. Nach diesem Plan beschloß er zu handeln.

Bald stand ein genügend großer mit Wasser gefüllter Emailletopf über einem Gasbrenner. Mit einem Thermometer kontrollierte Zacharias die Wassertemperatur und drückte den Hut nach unten. Mit einer Schöpfkelle war er unermüdlich beschäftigt, das freiwerdende Wachs abzuschöpfen und in ein anderes Gefäß überzufüllen.

So ging das eine Weile ganz gut, und der Alte wunderte sich über die Unmengen von Wachs, die bei dieser Prozedur zutage kamen. Schon war der Hut wieder so leicht geworden, daß es schwerhielt, ihn auf dem Boden des Topfes zu halten; verschiedene Male war Zacharias auch bereits genötigt gewesen, neues Wasser nachzufüllen, als er plötzlich eine neue unliebsame Entdeckung machen mußte. Das Schweißleder vertrug die Behandlung weniger gut als das Strohgeflecht. Schon zeigte das Wasser eine verdächtige Färbung, und im nächsten Augenblick strudelten Lederteilchen in die Höhe. Vor den Augen von Zacharias löste sich das ganze Schweißleder in wenigen Sekunden in Wohlgefallen auf.

»Dreck! Mist! Irgendein faules amerikanisches Kunstleder!« knurrte er unwillig vor sich hin. »Ich hätte früher dran denken sollen und es heraustrennen! Nun ist nichts mehr zu machen!« Nur noch Schaum bildete sich jetzt auf dem heißen Wasser. Schließlich hörte auch das auf. Der Alte hatte sein Ziel erreicht: Auch von den letzten Wachsspuren war der Hut befreit; aber wie sah er nun aus, als er ihn aus dem Gefäß herausnahm! Die Form, die er früher einmal gezeigt haben mochte, hatte bei der Behandlung schweren Schaden gelitten, aber der Alte ertrug diesen neuen Schlag mit einer merklichen Gelassenheit. Er war schon wieder dabei, neue Pläne zu schmieden. Wenn er das mißgestaltete Gebilde erst einmal halb trocknen ließ und dann vorsichtig mit einem elektrischen Bügeleisen behandelte, dann mußte ihm das doch schließlich die alte Form wiedergeben. Irgendein passendes Schweißleder würde sich schließlich euch noch auftreiben lassen, und dann würde man weiter sehen können.

Er trug den Hut, das bedauerliche Opfer so vieler Kämpfe und Mühen, in das Haus zurück und wies Jochen, der in der Küche saß, an, alles im Vorratshaus sauber zu machen und auch die vorher gebrauchten Geräte dorthin zu bringen. Und dann verspürte er eine gewisse Ermüdung und war auf die Dauer unfähig, ihr zu widerstehen. Er fühlte, daß dieser Tag doch etwas reichlich viel Aufregung gebracht hatte: die Explosion der großen Röhre, danach die Geschichten mit Jochen und alles, was damit zusammenhing. Den Hut stellte er an einem geeigneten Platz zum Trocknen auf, dann machte er es sich auf einem Sofa bequem und wartete darauf, daß ihm die Augen zufallen sollten.

Aber vorläufig kam es auch dazu noch nicht. Immer wie der mußte er aus die Bücherreihen seiner Bibliothek blicken Da stimmte doch irgend etwas nicht? Da standen doch das große englische und das entsprechende französische Werk anders als sonst? Immer wieder suchte er eine Erklärung dafür, ohne sie mit Sicherheit finden zu können. Er war vorher ziemlich aufgeregt in die Bibliothek gekommen, hatte alle möglichen Werke über Imkerei herausgegriffen und, wie er jetzt feststellen mußte, nicht wieder genau an ihren alten Platz gebracht. Sollte ihm dabei auch der Irrtum mit den beiden andern Werken unterlaufen sein? Während er noch darüber hin und her sinnierte, kam endlich doch der Schlaf über ihn, und er fand die gesuchte Ruhe.

*

Mr. Turner erging es ähnlich wie Zacharias. Das Fahren mit einem geschlossenen und einem immer noch stark verquollenen Auge war auf die Dauer keine reine Freude. Mehrere Stunden war er unentwegt nordwärts gefahren, bis er eine mittelgroße Stadt erreichte. Immer stärker war sein Wunsch nach Ruhe und Ausspannung geworden. Wie ein Wunschtraum schwebte ihm ein halb verdunkeltes kühles Zimmer vor, in dem er sich behaglich strecken und seine Wunden pflegen könnte.

Ein mittleres Hotel am Marktplatz veranlaßte ihn, haltzumachen. Mit Mühe und Not brachte er seinen Wagen in die Garage und stolperte in die Gaststube.

»Herr! Wie sehen Sie aus?« empfing ihn der Wirt. »Sind wohl unterwegs in einen Bienenschwarm geraten? Ja, ja, in der Heide ist jetzt Schwarmzeit. Ist schon manchem Autofahrer so ergangen wie Ihnen.«

Mr. Turner bestätigte die Meinung des Wirtes; erzählte von einem Haufen Bienen, die ihm unterwegs plötzlich um den Kopf geschwirrt wären, und fragte nach einem Zimmer. Das konnte er bekommen, und fast genau so, wie er's sich gedacht hatte: kühl, halbdunkel, behaglich.

Schnell wurde er mit dem Wirt handelseinig. »Sie müssen sich ausruhen, lieber Herr, gleich zu Bett legen, vor morgen mittag nicht aufstehen und fleißig kühlen. Haben Sie was Passendes da? Sonst will ich Ihnen etwas aus der Apotheke besorgen lassen.«

Turner erzählte von der essigsauren Tonerde in seiner Reiseapotheke.

»Die heben Sie sich besser auf«, meinte der Witt. »Ich lasse Ihnen eine ordentliche Buddel aus der Apotheke holen und werde Ihnen eine Waschschüssel mit Kompressen an Ihr Bett stellen. Sie sind ja doll zerstochen, lieber Herr. Machen Sie sich's man gleich bequem. Ich komme wieder 'rauf, sowie ich das Zeug aus der Apotheke habe.«

Wenige Minuten später streckte sich Turner behaglich in seinem Bett, und bald kam auch der Wirt zurück und brachte ihm alles Nötige.

»Wenn Sie irgend etwas haben wollen, klingeln Sie zweimal. Ich lasse Ihnen das Essen 'raufbringen. Ist aber besser, wenn Sie vorläufig nichts essen. Die Hauptsache ist, daß Sie ruhig liegen und kühlen«, wiederholte er seinen ersten Ratschlag. »Morgen – spätestens übermorgen werden Sie dann wieder ganz menschlich aussehen.«

Wohlig fühlte Mr. Turner die kühlen Kompressen auf seinem Gesicht, und bald ging es ihm ebenso wie siebzig Kilometer südwärts dem alten Zacharias: Er lag in einem angenehmen Schlaf. –

Ganz anders fühlte sich Dr. Frank. Das Ereignis am Vormittag hatte ihn nicht niedergeworfen, sondern im Gegenteil mit neuer Energie und Schaffensfreude geladen. Erst einmal gab er ein längeres Telegramm an Geheimrat Bergmann auf. Dann kehrte er in den großen Saal zurück und betrachtete, jetzt durch keine Gesellschaft mehr gestört, noch einmal in aller Ruhe das Schlachtfeld.

Wüst genug sah es aus. Die untere kolbenartige Teil der riesigen Blitzröhre war wie unter der Einwirkung einer mächtigen Last gesplittert und zerbrochen. Mit einiger Mühe gelang es ihm, mehrere der Quarzscheiben beiseite zu räumen, aber nur bei wenigen, die blank schimmerten und frei von jedem metallischen Niederschlag waren, glückte es ihm. Andere Stücke, die mehr oder minder stark mit einem metallischen Überzug bedeckt waren, setzten seinen Versuchen unüberwindlichen Widerstand entgegen und rührten sich kaum vom Fleck, als er einen schweren stählernen Hebebaum zu Hilfe nahm. Das einzige, was er erreichte, war, daß der Quarzkörper der zerstörten Röhre dabei noch an mehreren andern Stellen zu Bruch ging.

Sinnend blieb sein Blick an den Instrumenten der Schaltwand hängen. Ausnahmslos standen die Zeiger jetzt auf Null. Aber er wußte sich noch recht genau der Zahlen zu erinnern, die sie erreicht hatten, als am Vormittag die Katastrophe eintrat und die große Röhre plötzlich zu Bruch ging. Die Riesenspannung von 35 Millionen Volt hatte bei dem Versuch auf ihr gelegen, während die Stromzeiger zwischen zehn bis fünfzig Milliampere hin und her zitterten. Die letzten Reservemaschinen hatte er einschalten müssen, um die elektrische Leistung heranzuschaffen, welche die Röhre in diesem Zustand zu schlucken willens war.

Bis dann plötzlich – vollkommen klar erinnerte sich Dr. Frank jetzt wieder der gewaltigen Spannung und Stromstärke und eilte zum Tisch, um sie zu notieren – bis dann plötzlich die große Metalladung der Röhre mit einem Schlag ins Fließen und Schäumen geriet, dabei klein und immer kleiner wurde und schließlich auf einen winzigen Bruchteil ihres früheren Umfanges zusammenschrumpfte.

Und dann kam das Unheil. Knirschend und splitternd ging die Röhre zu Bruch. Augenblicks war das Hochvakuum zerstört, im gleichen Moment schossen die Stromzeiger bis hoch in die vollen Ampere empor, und dann hatten glücklicherweise die Hochdruckschalter in der gleichen tausendstel Sekunde funktioniert und die Riesenspannung von 35 Millionen Volt abgeschaltet.

Was im andern Falle vielleicht geschehen wäre, daran wagte Dr. Frank auch jetzt noch nicht zu denken. Ein Riesenbrand, eine Zerstörung des ganzen Gebäudes wären wohl das mindeste gewesen, und unter den Lebenden würden dann nach menschlicher Voraussicht weder Dr. Frank noch der alte Zacharias mehr weilen.

Einerseits fühlte sich Dr. Frank von dem Gefühl gehoben, daß ihm eine Entdeckung gelungen war, die geeignet schien, der ganzen Elektrotechnik ein neues Gepräge zu geben, eine Erfindung, die sich wohl nur mit derjenigen der Dynamomaschine oder des Akkumulators vergleichen ließ, eine Schöpfung, nach seiner Meinung wohl geeignet, eine völlig neue Ära in der Technik der Hochspannung heraufzuführen.

Aber andererseits wurde ihm schwül bei dem Gedanken, daß der Versuch, der heute früh gelungen war, aber doch mit einer Katastrophe geendet hatte, noch Dutzende von Malen wiederholt werden mußte, bevor man die neue Technik vollkommen beherrschen würde. Wie viele Jahre hatte er an der Theorie gearbeitet, gerechnet, Versuche gemacht und wieder gerechnet, bis er das Gemenge zusammenhatte, jenes genau dosierte staubförmige Gemisch, das unter dem Hagel der mit Lichtgeschwindigkeit heranstürmenden Elektronen zusammengesintert, -gehämmert und -geschmiedet werden sollte, bis der neue Stoff daraus entstand, den es bisher auf der Erde noch nicht gab, jener wunderbare Stoff, von dessen Vorkommen die Astrophysiker überhaupt nur auf einem einzigen, viele Lichtjahre von der Erde entfernten dunklen Stern wußten ...

Dr. Franks Gestalt raffte sich straffer auf, als er an die Zukunft dachte. Neben den ganz großen Namen der Forschung, neben Physikern wie Helmholtz und Hertz, wie Lord Kelvin und Ramsay, wie Curie und anderen würde sein Name auf der Erde unsterblich sein, solange noch denkende Menschen auf ihr lebten. –

Ein Geräusch aus dem Vorraum riß ihn aus seinem Sinnen. Sollte der Geheimrat auf sein Telegramm hin schon hier sein? Es war kaum denkbar, selbst wenn Bergmann sich sofort ein schnelles Flugzeug genommen hätte. Er ging durch den Vorraum und das Portal ins Freie. Ein Chauffeur war dort vorgefahren und fragte nach einem Herrn Zacharias. Mit der Antwort, daß der jetzt nicht hier wäre, gab der Mann sich nicht zufrieden. Er käme aus Düren, erklärte er, sei die ganze Nacht durchgefahren und wolle jetzt neue Ladung für die Metallwerke holen. Litzendraht auf Kabelrollen.

Dr. Frank, der den unerwarteten Besuch als eine nicht unwillkommene Ablenkung empfand, sagte, er wolle einmal nachsehen, ging in den Raum, in dem Zacharias gearbeitet hatte, bis zum letzten Moment eigentlich, als ihn Dr. Frank zu der großen Röhre rief, um ihm seinen Erfolg zu zeigen, worauf dann fast unmittelbar die Katastrophe folgte. Dr. Frank blickte sich in dem Arbeitsraum von Zacharias um und staunte. Wie ein Berserker mußte der Alte in den letzten Tagen gearbeitet haben, um das zu schaffen. Eine ganze Reihe von Trommeln stand dort zum Abtransport bereit; genügend viel, um den Lastkraftwagen und seinen Anhänger voll zu beladen.

Ungelegen kam es ihm, daß er den Chauffeur und seinen Mitfahrer in den Raum hineinlassen mußte, um die Trommeln herauszubringen. Bisher war Jochen Dannewald für solche Sachen zu Hilfe genommen worden. Aber wo den in aller Eile herbekommen? Wer mochte wissen, an welcher Stelle im Dorf er augenblicklich steckte? Aber schließlich war ja nicht viel zu sehen. Die Blitzröhre war außer Betrieb, die Kabeltrommeln standen in ziemlicher Entfernung davon.

So entschloß sich der Doktor, die Fahrer hereinzurufen, und gab ihnen Auftrag, das fertige Gut zu verladen. Das nahm nicht allzulange Zeit in Anspruch. In einer knappen Viertelstunde war alles erledigt, und die Lastwagen rollten knatternd und puffend davon. Eine gute Weile noch stand Dr. Frank vor dem Gebäude, blickte in den blauen Himmel und ließ sich von der Sommersonne bescheinen. Nach der harten Arbeit der letzten Tage tat solche Ausspannung auch einmal wohl.

Während er noch stand und blickte, bemerkte er ein weißes Pünktchen am blauen Himmel, das schnell näher kam und sich bald als ein kleines ultraschnelles Verkehrsflugzeug entpuppte. Gespannt beobachtete er, wie es auf dem glatten Rasen neben dem Gebäude niederging und ausrollte, und dann konnte er Bergmann kräftig die Hand schütteln. Sein Telegramm hatte dem Geheimrat doch keine Ruhe gelassen. Auf schnellstem Wege war er hierher geeilt, um mit eigenen Augen zu sehen, was der Doktor erreicht hatte. Eine Weile wartete dieser, ob nicht noch ein anderer aus dem Flugzeug herauskäme. Kopfschüttelnd fragte er schließlich: »Wie kommt das, Herr Geheimrat: Diesmal ohne Herrn Livonius?«

Der Geheimrat lachte. »Manchmal muß es auch ohne den Professor gehen, Herr Doktor. Der Mann hat allerhand im Werk zu tun, und bis zum Nehmen der Patente ist wohl noch einige Zeit. Aber ich selber wollte doch sehen, was Sie erreicht haben. Wenn auch nur die Hälfte von dem zutrifft, was Sie nach Ihren Theorien voraussagen, dann, glaube ich, Herr Doktor, wird unser Konzern sich von Grund auf umstellen müssen, und –« wiederum lief ein Lächeln über die Züge des Geheimrats, »was unseren alten Freund Headstone anbelangt, glaube ich, daß ihn der Schlag treffen wird, wenn er den leisesten Wind von unsern Erfolgen bekommt. Die United Electric muß danach in Abhängigkeit von uns geraten.«

Dr. Frank ging voraus, und Geheimrat Bergmann folgte ihm in den großen Raum. Schweigend stand er eine ganze Weile vor dem Bild der Verwüstung, das sich seinen Blicken bot.

»Nun, und der Effekt?« fragte er schließlich.

Dr. Frank wies auf ein Stückchen Metall von etwa der Größe einer Streichholzschachtel, das zwischen den Quarzsplittern der Röhre auf dem Zementboden der Halle lag.

Unwillkürlich bückte sich Bergmann und wollte das Stück aufnehmen, aber jeder Versuch war vollkommen vergeblich. Er hatte den Eindruck, als ob es irgendwie mit dem Boden verschraubt wäre. Dr. Frank konnte seine Belustigung über die erfolglosen Bemühungen Bergmanns nicht länger verbergen.

»Sie vergessen das spezifische Gewicht, verehrtester Herr Geheimrat«, unterbrach er dessen zwecklose Versuche. »Das Stückchen da wiegt immerhin mehr als zweitausend Kilo. Wir wollen es mit einem Kran aufheben.« Er ging zu einem Deckenkran, der für die Montage der Riesenröhre eingebaut war, und manövrierte ihn bis über das Metallstückchen hin, so daß er schließlich eine kräftige Froschklemme an das Stückchen heranbringen konnte. Dabei sprach er weiter.

»Ich zweifle auch, Herr Geheimrat, daß Sie das Stückchen in Ihrem Flugzeug mitnehmen können; selbst wenn Ihre Maschine fähig wäre, noch eine zusätzliche Belastung von zwei Tonnen zu tragen, glaube ich doch nicht, daß es eine Stelle in der Konstruktion Ihres Flugzeuges gibt, die diese fest auf einen Punkt konzentrierte Last aufzunehmen vermag, ohne vollkommen deformiert zu werden.«

Während der Doktor sprach, bückte er sich und schob die Backen der Klemme über zwei Seiten des kleinen Metallklotzes.

»Wollen hoffen, daß die Klemme hält«, meinte er und setzte die Kette des Kranzuges in Bewegung. Bergmann konnte beobachten, wie die gezahnten Klemmenbacken auf dem neuen Metall knirschten und wie die Kette sich unter der Hantierung des Doktors stark straffte. Wie hypnotisiert starrte er auf das winzige Stückchen Metall, dem alle diese Anstrengungen galten, und nun konnte er auch bemerken, wie es sich ganz langsam Millimeter um Millimeter vom Boden hob und allmählich in die Höhe stieg.

Geheimrat Bergmann war ein guter Fachmann und verstand zu beurteilen, was ein Differentialflaschenzug von der hier benutzten Art zu leisten vermochte. Erregt sprang er näher hinzu und griff selbst in die Kette, um sich zu überzeugen, welche Kraft notwendig war, um sie zu bewegen und mit einer Übersetzung von etwa eins zu tausend dieses in seiner Winzigkeit geradezu lächerlich wirkende Metallstückchen millimeterweise in die Höhe zu wuchten.

»Vorsicht, Herr Geheimrat!« Während Dr. Frank die Worte herausstieß, packte er Bergmann bei der Schulter und riß ihn ein Stück zur Seite. Keinen Augenblick zu früh. Die Zahnung der Klemmbacken war von dem Metallstück abgeglitten; aus einer Höhe von rund einem Meter stürzte es zu Boden. Wenn eine gewöhnliche Streichholzschachtel aus dieser Höhe niederfällt, pflegt das im allgemeinen eine sehr harmlose Sache zu sein. Aber der Vorgang bekommt ein anderes Aussehen, wenn solch ein Stück das kaum vorstellbare Gewicht von mehr als zwei Tonnen hat. Krachend schlug das Metall auf den Betonboden auf. Wie ein Geschoß fast drang es zur Hälfte in ihn ein, während sich zackige Risse von der Aufschlagstelle nach allen Seiten hin erstreckten.

Dr. Frank war blaß geworden. »Das ist noch einmal gut gegangen, Herr Geheimrat«, brachte er atemlos hervor. »Wir haben es mit einem ganz außergewöhnlichen Stoff zu tun. Es dürfte Ihnen jetzt wohl klar sein, wie allein das Gewicht dieser Masse die Röhre zerbrechen mußte, sobald das Gewicht bei der Umwandlung sich auf einige wenige Stellen konzentrierte.«

Auch der Geheimrat fand nur langsam die Sprache wieder. »Es ist wunderbar, Doktor Frank, über alle Vorstellungen hinaus wunderbar, was Sie geleistet haben!« sagte er, während er die Hände des Doktors ergriff. »Ich sehe auch ein, daß gar nicht daran zu denken ist, das hier vorhandene Metall in meinem Flugzeug mitzunehmen. Wir werden schwere Lastwagen nötig haben, um es in unser Werk zu bringen. Aber was soll danach weiter damit geschehen?«

»Es gibt nur eine Möglichkeit«, erwiderte Dr. Frank nach kurzem Überlegen. »Sie müssen versuchen, es in erhitztem Zustand in möglichst feinen Lamellen auszuwalzen. Eine Bearbeitung mit andern Werkzeugen, und wären es die allerbesten Drehstähle, halte ich für ausgeschlossen. Aber wenn es gelingt, es so fein wie möglich, am besten auf Bruchteile eines Zehntelmillimeters, auszuwalzen, haben wir gewonnenes Spiel. Es übertrifft alle bekannten Isolierstoffe um ein Vielzehntausendfaches. Wir werden dann in der Lage sein, Kondensatoren zu bauen, von denen die Welt sich heute noch nichts träumen läßt. Schicken Sie sobald wie möglich geeignete Transportmittel her und beginnen Sie recht bald mit Bearbeitungsversuchen. Alles Weitere wird von ihrem Gelingen abhängen. Ich werde inzwischen hier eine neue Röhre bauen, die bei den nächsten Versuchen besser standhält.«

»Gut, Herr Doktor, ich werde alles schnellstens veranlassen.« Der Geheimrat sah sich fragend um. »Sagen Sie, Doktor, wo steckt denn unser alter Zacharias? Er schrieb mir, daß er aus gewissen Gründen für vierzehn Tage Ihr Gast sein, sich gewissermaßen unsichtbar machen wolle.«

Dr. Frank konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. »Was helfen die besten Vorsätze, wenn Schwarmzeit in der Heide ist! Bis Mittag war er hier. Dann brachte ihm sein Faktotum, das zur Zeit die Wirtschaft für ihn besorgt, die Nachricht, daß ein Schwarm zu fangen wäre, und da ließ sich der Alte natürlich nicht mehr halten. Ohne jede Vorsicht lief er mit Freund Jochen nach seinem Hof rüber. Ich bin überzeugt, daß Sie ihn dort auch jetzt noch finden werden.«

Der Geheimrat sah auf die Uhr. »Zeit hätte ich schließlich genug«, meinte er danach. »Das Flugzeug kann gut ein Stündchen warten. Ich will doch einmal nachsehen, was mein alter Johannes da drüben treibt. Auf Wiedersehen, Herr Doktor! Es wird alles nach Ihren Wünschen besorgt werden.«

Wenige Minuten später stand er an der ihm wohlbekannten Gartentür und drückte auf den Klingelknopf. Jochen Dannewald erschien und gab seiner Freude über den Besuch in einer Weise kund, die zweifellos echt war.

Wo Herr Zacharias stecke, wollte der Geheimrat wissen. Jochen gab sich in seiner Antwort ungemein wichtig.

»Der Herr Zacharias schläft«, meinte er flüsternd, »mußte heute mittag einen Schwarm fangen. War ganz grauslich, Herr Geheimrat. Ich selber hätte es überhaupt nicht fertiggekriegt.«

»Wo ist er denn?« fragte Bergmann ungeduldig.

»Drinnen, Herr Geheimrat, auf der Scheese – auf der Scheeselonk.« Der wackere Jochen bemühte sich zum soundsovielten Male vergeblich, das fremdländische Wort für das Möbelstück auszusprechen. Auch diesmal gelang es wieder vorbei, und Bergmann hatte seine stille Freude daran.

»Tüchtige Leute seid ihr«, meinte er halb scherzend. »Den schönsten Sonnenschein verdöst und verschlaft ihr. Kannst ruhig hierbleiben, ich werde selber nach deinem Herrn sehen.«

In der Bibliothek entdeckte er seinen Freund Zacharias, wie es Jochen schon angedeutet hatte, in einem gesunden Schlaf. Bergmann hätte vielleicht jede weitere Bemerkung unterlassen, wenn er um die vielen Nächte gewußt hätte, die Zacharias in der letzten Zeit für die Fertigstellung der amerikanischen Halteseile geopfert hatte. So aber ließ er seiner Laune freien Lauf, trat an den Alten heran und rüttelte ihn mit einiger Mühe wach.

»Was ist denn ...? Du hier, Franz? Was ist denn los?« brachte Zacharias schließlich immer noch schlaftrunken heraus.

»Ja, da wollte ich dich gerade nach fragen«, antwortete der Geheimrat. »Ihr verschlaft hier den schönen Sommertag, und die Amerikaner warten auf die Kabel.«

Zacharias war inzwischen völlig munter geworden. »Die Kabel sind fertig. Franz. Die letzte Ladung kann nach Düren abgehen ...« Der Alte hatte sich, während er sprach, aufgesetzt und fand nun endlich Gelegenheit, Franz Bergmann die Hand zu schütteln.

»Sind fertig, alter Junge – aber ich kann dir versichern, eine saure Arbeit war's. Wäre nicht so Not am Mann gewesen, ich hätte euch den Gefallen weiß Gott nicht getan.«

»Aber du hattest doch den Doktor, konnte der nicht –?«

Es war dem Alten anzusehen, daß er sich über die Frage ärgerte. »Der Doktor hatte Wichtigeres zu tun«, erwiderte er schroff. »Die Strahlkollektoren mußten fertiggemacht werden, und sie sind auch fertig ... was, da staunst du wohl? Wir sind nicht faul gewesen. Auch die dritte große Aufgabe scheint gelöst zu sein. Ich nehme an, du bist schon drüben gewesen. Da wirst du das Ergebnis wohl schon gesehen haben?«

Der Geheimrat nickte. »Ich habe es gesehen, Johannes, und wenn mich nicht alles täuscht, stehen wir vor einer vollkommen neuen Epoche unserer Technik.« Während er es sagte, betrachtete er den Alten genauer und bemerkte mit Bedauern, wie sehr ihm diese letzten arbeitsreichen Tage doch zugesetzt hatten. Er wollte ein paar Worte darüber sprechen, als Zacharias schon wieder fortfuhr:

»Um ein Haar wäre mir auch noch ein Schwarm bei der Gelegenheit durch die Lappen gegangen. Na, den habe ich Gott sei Dank noch im letzten Augenblick bekommen. Ein wahres Glück war das.«

»Ich bitte dich, lieber Johannes, was kommt es bei den soviel wichtigeren Dingen, die uns jetzt beschäftigen, auf einen Bienenschwarm mehr oder weniger an! Du hast doch wahrhaftig genug von dem Zeug hier.«

»Falsch geraten, Franz. Der Schwarm interessiert mich ganz ungeheuer, und ich bin überzeugt, bald wirst du dich genau so dafür interessieren.«

Der Geheimrat schüttelte den Kopf. »Verzeih mir, lieber Johannes, aber hier kann ich nicht mit. Deine Vorliebe für Ackerbau und Viehzucht geht bisweilen über meinen Horizont. Was in aller Welt soll mich gerade einer von deinen Schwärmen interessieren?«

»Der Schwärm nicht, aber was darin war, mein Lieber. Sieh mal da drüben hin! Für was hältst du das?«

Der Geheimrat wandte den Kopf in der angedeuteten Richtung. Auf der Heizung hing etwas Gelbes, Spitziges, über das er sich nicht sofort klarwerden konnte. Er trat heran, nahm es in die Hand und drehte es hin und her. »Nun, was meinst du, Franz?«

»Keine Ahnung, mein lieber Johannes. Irgendein undefinierbares Etwas; fühlt sich fast wie ein Strohgeflecht an. Raten kann ich es nicht, also sage nur schon, was es vorstellen soll.«

»Einen Hut natürlich, einen hochfeinen Panamahut. Das hättest du doch auf den ersten Blick sehen müssen.«

Der Geheimrat machte eine hilflose Gebärde, während er das Stück in den Händen hin und her drehte.

»Lieber Johannes«, meinte er nach einiger Zeit, »du hättest einen Zettel mit einer Aufschrift daran befestigen sollen wie an Museumsstücken.«

»Ach was«, fuhr Zacharias ungeduldig fort, »das muß jeder vernünftige Mensch sofort sehen, daß das ein Panamahut ist. Die Frage bleibt nur offen, ob er unserem Freund Turner gehört.«

»Turner?!« Das Wort ließ den Geheimrat aufhorchen, Eifriger fuhr er fort: »Wie kommst du auf die Idee, daß dies Wrack hier dem Amerikaner gehören könnte?«

»Aus tausend berechtigten Gründen, mein lieber Franz. Ich habe den begründeten Verdacht, daß der Mensch hier bei mir uneingeladen zu Besuch war, während Jochen im Dorf zu tun hatte. Ich vermute weiter, daß ein Schwarm, der gerade auskam, sich diesen Hut zum Ruhepunkt erwählte. Ich hege weiter die Hoffnung, daß der Amerikaner bei der Gelegenheit nach allen Regeln der Kunst zerstochen worden ist, sich in seiner Verzweiflung den Hut vom Kopfe riß und von dem Grundstück flüchtete.«

Geheimrat Bergmann hatte die Behauptungen seines alten Freundes aufmerksam mit angehört, freilich nicht, ohne bisweilen den Kopf zu schütteln.

»Viele Vermutungen, Johannes, viele Behauptungen – aber wo bleiben die Beweise?« fragte er zweifelnd.

Johannes Zacharias griff nach seiner Brieftasche und brachte ein Fleckchen Stoff hervor.

»Daß der Mensch Hals über Kopf geflüchtet ist, kannst du hieran sehen«, erklärte er Bergmann. »Er hat weder Kraft noch Zeit mehr gehabt, die Gartentür mit einem Sperrhaken zu öffnen, sondern ist einfach über den Zaun gesetzt. Ich fand diese Flöckchen später an dem Stacheldraht, den ich erst vor kurzem erneuern ließ. Wie du siehst, hat er seine Schuldigkeit getan und den unerwünschten Besucher, gleichviel ob's nun Turner oder ein anderer war, übel mitgenommen. Wer der Besucher war ... ja, siehst du, Franz, dazu muß man erst wissen, wem der Hut da gehört, denn daß er dem Besucher gehört, steht außer Zweifel.«

»Ja, hast du dich denn nicht erkundigt, wo Mister Turner zur Zeit steckt?«

»Habe ich natürlich getan. Franz. Habe beim Heidekrug angerufen, ehe ich mich ein bißchen aufs Ohr legte, bekam zur Antwort, daß der Amerikaner kurz vorher von außerhalb angeklingelt und mitgeteilt habe, daß er eine mehrtägige Tour mit seinem Wagen vorhabe.«

Zacharias lachte, während er weitersprach. »Das kann ich mir sehr lebhaft vorstellen, daß der keine Lust hat, sich die nächsten Tage hier sehen zu lassen, wenn ihn meine Bienen so vorgehabt haben, wie ich hoffe.«

Geheimrat Bergmann nickte vor sich hin. »Ich muß sagen, Johannes, je länger du mir die Geschichte vorträgst, um so wahrscheinlicher wird sie mir. Jetzt käme also alles darauf an, Mister Turner als den bisherigen Besitzer dieses Dinges hier – nun, wir wollen einmal sagen, dieses Hutes hier festzustellen. Was gedenkst du in der Angelegenheit weiter zu tun?«

»Ich wollte mich weiter mit der Sache beschäftigen, nachdem ich endlich mal wieder ordentlich ausgeschlafen habe. Es handelt sich ja nur darum, dem Hut seine alte Form zurückzugeben. Das wird sich mit einem elektrischen Bügeleisen wohl erreichen lassen.«

Der Geheimrat sah ihn verwundert an, während die Worte langsam von seinen Lippen kamen. »Johannes! Johannes, mein lieber alter Junge, du scheinst mir hier doch langsam aber unaufhaltsam zu verbauern! Solche Vorschläge würdest du früher bei unsern Sitzungen in Berlin nicht gemacht haben.«

»Bitte mache bessere!« erwiderte Zacharias, ohne sich über den Vorwurf seines alten Freundes weiter aufzuregen.

»Ich muß den Hut natürlich zu dem besten Spezialgeschäft, das wir in Berlin haben, mitnehmen. Mit allen Schikanen der Neuzeit, die es da gibt, muß er behandelt werden. Gedämpft ... in Formen gepreßt ... was weiß ich, was die Leute da alles für Mittel haben! Aber das weiß ich, alter Freund: Du hättest hier mit deiner primitiven Methode den größten Unfug angerichtet. Ich will jetzt wieder nach Berlin zurückfliegen. Kannst du mir das Monstrum ein bißchen einwickeln, damit ich mich wenigstens vor meinem Piloten nicht zu schämen brauche? Ich werde die Sache sehr eilig machen und hoffe, dir das Ding in vier bis fünf Tagen zurückschicken zu können.«

Nicht ohne inneren Widerstand trennte sich Zacharias von dem Beutestück, aber schließlich mußte er den Gründen Bergmanns recht geben. Ein kurzer herzlicher Abschied noch, und der Geheimrat ging den Weg zu seinem Flugzeug zurück. An Stelle von Proben des neuen, in jeder Hinsicht so merkwürdigen Stoffes nahm er ein Gebilde mit auf die Reise, dem er auch jetzt noch nicht die Bezeichnung »Hut« zuerkennen mochte.

Am Abend des zweiten Tages hielt es Mr. Turner nicht mehr länger auf seinem Krankenlager aus. Die Schwellungen waren dank der unausgesetzten Kühlung so stark zurückgegangen, daß er schon wieder einigermaßen menschlich wirkte, obwohl ihm immer noch manches zu seinem früheren Aussehen fehlte. So entschloß er sich, nach einem guten Abendessen noch in der Nacht loszufahren. Seine Absicht war, wieder einmal nach Düren vorzustoßen und sich dort an Ort und Stelle vom Stand der Dinge zu unterrichten. Im Unterbewußtsein hatte er nebenher das dunkle Gefühl, daß im Heidekrug wahrscheinlich schon wieder ein paar unangenehme Briefe oder Depeschen von Mr. Headstone auf ihn warteten. Er hoffte, sie durch einen guten Bericht aus Düren übertrumpfen zu können. Diese Aussicht festigte ihn in seinem Entschluß.

Zu früher Morgenstunde rollte er bei Köln über die große Brücke und beschloß, sich zunächst einmal durch ein handfestes Frühstück zu stärken. Mit Befriedigung konnte er, als er in einem Rheinuferrestaurant saß, feststellen, daß ihm die nächtliche Fahrt recht gut bekommen war. Interessiert durchflog er beim Frühstück die Morgenzeitungen und stutzte, als er auf ein Inserat stieß, das Herrenhüte in allen Formen und Qualitäten anpries. Bis jetzt war ihm noch gar nicht zum Bewußtsein gekommen, daß er seinen alten Hut verloren hatte. Dafür kam's ihm aber jetzt wieder doppelt stark in die Erinnerung. Bei dem nichtsnutzigen Abenteuer mit dem Bienenschwarm hatte er ihn ja fortgeschleudert. Vielleicht hatten die bissigen Insekten ihn mit Stumpf und Stiel aufgefressen – Mr. Turner wußte nichts darüber; von der Imkerei verstand er nichts.

Immerhin aber, darüber war er sich doch klar, mußte man mit der Möglichkeit, ja sogar Wahrscheinlichkeit rechnen, daß der Hut dem Besitzer dieses verdammten Schwarmes in die Hände gefallen sei. Zweitens mußte man auf jeden Fall wieder einen Hut haben, und drittens war es hocherwünscht, wenn der neue Hut dem alten so ähnlich wie möglich sah, wäre es auch nur, um einen unliebsamen Verdacht zu zerstreuen.

Während Mr. Turner mit seinem Frühstück allmählich zu Ende kam, formten sich seine Gedanken zu einem Entschluß. Er schrieb sich die in dem Inserat angegebene Adresse heraus, erkundigte sich beim Bezahlen nach dem Wege dorthin und erfuhr, daß es ganz in der Nähe sei. Daraufhin ließ er seinen Wagen vorläufig stehen und machte sich zu Fuß nach der Innenstadt auf.

Gleich bei der ersten Seitengasse mußte er zur Seite springen, um sich vor einem schweren Lastzug in Sicherheit zu bringen. Wie fasziniert haftete sein Blick an der Ladung. Sie bestand aus Kabeltrommeln, mit der gleichen silbrig schimmernden Litze bewickelt, aus der, wie er nun schon seit längerem mit Bestimmtheit wußte, in Düren die Halteseile für die United Electric gesponnen wurden. Auch das Kennzeichen des vorbeibrausenden Zuges konnte er sich noch merken. Es war das der Rheinprovinz. Aus der Fahrtrichtung ließ sich schließen, daß der Lastzug aus dem Osten kam.

Einen Augenblick zögerte Turner, ob er seinen alten Plan aufgeben und dem Lastzug sofort folgen müsse. Nach einigem Überlegen kam er wieder davon ab. Bis Düren waren es rund vierzig Kilometer. Wenn die Fahrer unterwegs einkehrten, würde er sie immer noch mit seinem schnellen Personenwagen einholen können. Wenn sie nicht einkehrten – ja, dann war eben nichts zu machen. Turner verließ sich auf sein gutes Glück und verfolgte seinen Weg in die Innenstadt weiter.

Bald hatte er auch das Geschäft entdeckt und brachte seine Wünsche vor. Schnell türmten sich ganze Berge von Hüten vor ihm auf, aber Mr. Turner war von dem, was man ihm zeigte, nicht besonders entzückt. Es war im günstigsten Fall ein Ersatz, wie er in den schweizerischen Industriestädten hergestellt wird. Mr. Turner schob die ihm vorgelegten Muster mit einer mißbilligenden Bewegung beiseite und wurde deutlicher. Einen echten anständigen Panamahut wolle er haben, erklärte er energisch, wobei sein amerikanischer Akzent stärker als sonst durchschlug. »Einen echten Bombonaxa, you know, Gentlemen«, schloß er seine Erklärung, woraufhin die Verkäufer, die vorher schon ein verschwenderisches Maß an Höflichkeit aufgebracht hatten, ihn behandelten, als ob sie es mit einem Sohn von Vanderbilt oder Ford zu tun hätten. Sogar englisch versuchten sie mit ihm zu sprechen, was er sich aber energisch verbat. Und dann wurden ein paar Hüte gebracht, welche die Verkäufer wie Kostbarkeiten zum Ladentisch trugen. Es machte fast den Eindruck, als hätten sie sie eben erst aus dem Tresor geholt.

»Echt Bombonaxa, Sir«, sagte der erste Verkäufer vor innerer Ergriffenheit fast flüsternd.

»Das Kostbarste, was wir von früher her noch auf Lager haben«, erklärte der zweite mit einer Ehrfurcht, die zum Teil Mr. Turner, zum Teil den Hüten galt. Der Amerikaner ließ sich weder durch das eine noch durch das andere imponieren. Ziemlich respektlos faßte er zu und überzeugte sich mit ein paar Griffen, daß er es zwar mit einer guten Ware zu tun hatte, daß sie aber an den alten Hut, der ein Opfer von Zacharias' Bienen geworden war, nicht heranreichte.

Ein wenig mißmutig begann er die Hüte zu probieren und fand bald einen, der ihm vorzüglich paßte. Das besserte seine Laune schon wesentlich. Aber fast noch mehr erfreute ihn der Stempel im Schweißleder, der Stempel der gleichen amerikanischen Firma, von der sein alter Hut stammte. Gleichmütig zog er ein Bündel Banknoten aus der Brieftasche, zahlte ohne weiteres den geforderten Preis und verließ mit kurzem Gruß den Laden.

Während die Verkäufer noch die Köpfe zusammensteckten und über den offensichtlich ebenso reichen wie spleenigen Amerikaner tuschelten, befand sich Turner bereits auf dem Wege zum Rheinufer. Wenige Minuten später saß er in seinem Wagen und rollte auf der Landstraße nach Düren dahin.

Mit Absicht fuhr er nicht allzu schnell. Ein einziger Wunsch bewegte ihn während der Fahrt: daß die Boys von dem Lastzug unterwegs Station machen und tüchtig frühstücken möchten.

Etwa fünfundzwanzig Kilometer weiter glaubte Mr. Turner gefunden zu haben, was er suchte. Vor einem Dorfkrug hatte ein Lastzug haltgemacht. Schon von weitem erkannte der Amerikaner, daß die Fahrzeuge Kabeltrommeln geladen hatten, aber bei näherer Betrachtung erlebte er eine Enttäuschung. Nicht mit jenem ???Lißendraht, dem er auf der Spur war, sondern mit voll ausgesponnenen starken Trossen waren die Trommeln bewickelt. Es hätte kaum Zweck für ihn gehabt, hier haltzumachen und einzukehren.

Nun, hoffentlich später, versuchte er sich zu trösten, während er weiterfuhr, auf dem Wege bis nach Düren stehen ja noch mehrere Schenken an der Landstraße. Diese Betrachtung Mr. Turners war zweifellos richtig, nur etwas hatte er dabei übersehen: Es gab nämlich in den Metallwerken eine gut eingerichtete Kantine, die auch die Lieferanten der Werke benutzen durften, und gerade darauf spekulierten die Fahrer, hinter denen Turner her war. Deswegen waren sie die ganze Nacht hindurch gefahren, um zur Mittagsstunde in Düren einzutreffen und zu einer guten und doch billigen Verpflegung zu gelangen.

So war das Unternehmen Turners ein Fehlschlag, und zwar ein doppelter. Nicht nur die Fahrer waren ihm entgangen, er kam auch selbst gerade um die Mittagsstunde an und mußte lange warten, bevor es ihm gelang, die Herren zu treffen, die er sprechen wollte.

Nun saß er endlich Direktor Kämpf gegenüber, und was er von dem zu hören bekam, war wenig erfreulich für ihn.

»Ich will ganz offen mit Ihnen reden«, eröffnete der Generaldirektor die Unterhaltung. »Wir wissen nicht mehr, was wir von Ihnen halten sollen.«

Turner bekam einen roten Kopf. »Ich verstehe Sie nicht, Herr Direktor«, antwortete er unsicher.

»Dann will ich's Ihnen deutlicher sagen, Mister Turner. Sind Sie der Generalbevollmächtigte Mister Headstones oder sind Sie ein –« Er verschluckte das Wort »Schwindler«, das ihm auf den Lippen lag.

»Natürlich bin ich der Generalbevollmächtigte, bitte, Herr Direktor Kämpf.«

Turner suchte eine Weile in seiner Brieftasche, bis er ein gestempeltes Papier fand, das er nun ausbreitete und vor Direktor Kämpf hinlegte. Es war eine vor einem amerikanischen Notar aufgenommene Verhandlung, die ihm in der Tat weitgehende Vollmachten erteilte, unter anderem auch die, Käufe und Verkäufe für die United Electric in Europa abzuschließen.

Der Generaldirektor las das Schriftstück und reichte es seinem Gegenüber zurück.

»Sie sind in der Tat bevollmächtigt, Mister Turner. Ich nehme alles zurück, was ich etwa gegen Sie gesagt haben sollte; um so unverständlicher ist mir das Vorgehen Ihres Vollmachtgebers.« Er griff nach einem Schrank und brachte ein Aktenstück zum Vorschein.

Auf den ersten Blick erkannte Turner die charakteristischen Schriftzüge Headstones.

Zwischen Briefen lagen auch Kabelgramme, deren Anblick allein genügte, um ihm die gute Laune zu verderben. Der Reihe nach las Kämpf sie vor, und im stillen konnte der Agent sich nicht enthalten, der Meinung des Direktors über Headstone beizustimmen.

Was in diesen Briefen und Depeschen stand, ließ sich wohl am besten durch die bekannte französische Redensart ausdrücken: Ordre, contreordre, désordre. Volle Zustimmung hatte Headstone zu dem ersten Kauf des noch greifbaren Materials durch Turner gegeben und sofort durch eine europäische Bank eine größere Anzahlung angewiesen. Schon wenige Tage später folgte ein Brief mit zahlreichen Beanstandungen und Bemäkelungen des vereinbarten Preises. Dann kam ein Telegramm, mit der Fabrikation sofort aufzuhören. Schon wenige Stunden später folgte ein zweites, sie wiederaufzunehmen, und so ging es noch ein paarmal in der gleichen Art und Weise hin und her.

Irgendeine vernünftige Erklärung für diese Korrespondenz konnte Mr. Turner ebensowenig finden wie Direktor Kämpf, denn beide wußten nichts von den verschiedenen Zwischenfällen, die sich inzwischen in der Aluminum Corporation in Buffalo ereignet hatten und gelegentlich geeignet waren, Mr. Headstone bis an den Rand des Wahnsinns zu bringen.

Eben noch die erfreulichsten Nachrichten, daß die neuartige elektrische Behandlung die Festigkeit der Seile in unerwarteter Weise erhöht habe. Dann schon wieder, wenige Stunden später, die Nachrichten von schweren Fehlschlägen. Oft auch waren die Litzen nach der elektrischen Behandlung noch schlechter als vorher. Es kam eben auf die genaueste Innehaltung einer bestimmten Spannung der Blitzröhre und eine bestimmte Spezialtechnik heraus, die Dr. Frank in seinem Laboratorium in jahrelanger Arbeit entwickelt hatte. Von allen diesen Dingen hatten die Herren in Buffalo begreiflicherweise keine Ahnung. Sie tappten noch völlig im Dunkeln. Kleine Erfolge und dann wieder grobe Fehlschläge lösten sich in bunter Reihe ab, und die Korrespondenz Headstones mit dem Dürener Werk war gewissermaßen ein Barometer, dessen Stand sich danach richtete.

Kämpf klappte das Aktenstück wieder zu. »Was halten Sie davon, Mister Turner?« fragte er.

Der schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung, Herr Direktor Kämpf. Aber zu meiner Freude sehe ich daraus, daß Mister Headstone ja schließlich doch alle meine Abmachungen mit Ihnen gutheißt.«

»In dem letzten Kabelgramm, das vor drei Tagen einlief, tut er das allerdings«, erwiderte Direktor Kämpf. »Aber wer garantiert uns dafür, daß er morgen oder vielleicht schon heute seine Meinung nicht wieder geändert hat?«

Turner schüttelte verzweifelt den Kopf. »Solche Art, Geschäfte zu führen, ist ja einfach unmöglich!« brach es impulsiv aus ihm hervor. »Darf ich Sie fragen, was Sie daraufhin unternommen haben?«

Der Direktor lachte. »Das ist schnell gesagt. Wir haben uns um den ganzen Kram nicht geschert, sondern die von Ihnen neubestellten siebzig Kilometer einfach fabriziert. Der letzte Rest von wenigen Kilometern ist eben in den Kabelspinnmaschinen und dürfte bis morgen fertig sein. Wir haben aber die drei Kilometer Restkabel trotz der seitens der United Electric darauf geleisteten Zahlungen noch hierbehalten. Wenn Mister Headstone bis morgen bei seiner jetzigen Meinung bleibt, wird er eine Kabelnachricht von uns erhalten, daß der Auftrag ausgeführt ist und das gesamte Kabel gegen Zahlung der vereinbarten Summe noch am gleichen Tage an die Adresse der United Electric verfrachtet wird. Wenn er seine Meinung wieder einmal ändert, gelten alle bisher geleisteten Anzahlungen als verfallen, und für uns ist die Angelegenheit damit erledigt.«

»Ja aber, Herr Direktor, wie geht denn das?« fragte Turner. »Dann sitzen Sie auf dreiundsiebzig Kilometer eines Spezialkabels, das an anderer Stelle schwer abzusetzen sein dürfte.«

Wieder lachte der Direktor. »Machen Sie sich darüber keine Sorgen, mein lieber Herr Turner«, meinte er immer noch lachend. »Wir haben mehr Abnehmer dafür, als Sie denken. Wenn Ihr etwas wunderlicher Mister Headstone nicht umgehend zugreift, geht die Ware schon wenige Tage später in andere Hände über. Ich will Ihnen einen Vorschlag machen«, fuhr er nach kurzem Ueberlegen fort. »Ich halte es für das richtigste, Sie überzeugen sich hier im Werk, daß das Kabel bis auf einen geringfügigen Teil tatsächlich fertig ist. Sie können bei der Gelegenheit auch gleich an einigen beliebig herausgegriffenen Proben Abnahmeversuche an der Zerreißmaschine machen, und dann depeschieren Sie selber sofort von hier aus an Mister Headstone, daß er sich nun umgehend entschließen müsse, das Kabel abzunehmen, widrigenfalls wir anders darüber verfügen würden.«

Kein Vorschlag konnte Turner gelegener kommen als dieser. Gab er ihm doch die erwünschte Gelegenheit, seinem Auftraggeber ein wichtiges Telegramm zu schicken und gleichzeitig wieder einmal seine Tüchtigkeit und Unentbehrlichkeit ins rechte Licht zu setzen. Mochte Headstone ihm in diesen inhaltsreichen Tagen auch mancherlei Unangenehmes telegraphiert haben, wenn die Sache jetzt klappte, dann stand er, Turner, trotz alledem wieder ganz groß da.

In diesem Sinne nahm er den Vorschlag von Direktor Kämpf mit Vergnügen an. Es folgte ein kurzer Rundgang durch das Werk, bei dem Turner sich auf wenige Zerreißproben beschränkte, die ihn völlig von der Güte der abzunehmenden Ware überzeugten. Dann ging ein langes und inhaltreiches Kabelgramm an Mr. Headstone ab, bei dessen Abfassung Turner nicht mit Worten sparte, wo es galt, seine eigenen Verdienste ins rechte Licht zu setzen. Um halb vier Uhr mitteleuropäischer Zeit kam es auf den Draht. Um etwa halb zehn amerikanischer Ostzeit würde es Headstone also bekommen. Wenn er bald zurückkabelte, konnte seine Antwort in spätestens zwei Stunden hier sein.

Turner faßte deshalb den Entschluß, die Nacht in Düren zu bleiben; eine schleunige Rückantwort hatte er in seinem Kabelgramm besonders dringlich gemacht. Wesentlich besserer Stimmung, als er die Metallwerke betreten hatte, verließ er sie, um sich nach getaner Arbeit eine passende Unterkunft zu suchen. –

Was James Headstone nach seinem letzten Besuch in Buffalo über die Elektriker und Chemiker der Aluminum Corporation dachte, war nicht geeignet, laut ausgesprochen oder gar gedruckt zu werden. Er war sich klar darüber, daß noch Jahre vergehen würden, bevor die Corporation einmal dazu kommen könnte, etwas den deutschen Seilen Ebenbürtiges zu schaffen, und er formulierte das in seiner robusten Manier etwa in der Art, daß er es bei der Corporation mit ausgewachsenen Idioten zu tun habe.

In dieser Stimmung hatte er eine Reihe von Telegrammen an Turner geschickt, der jedoch während der letzten achtundvierzig Stunden aus den bekannten Gründen unerreichbar war, und hatte auch jenes letzte Telegramm an die Metallwerke losgelassen, das man seinem Agenten dort vor kurzem zeigte.

Wie ein Alp fiel es ihm deshalb von der Brust, als er nun das neue Telegramm von Turner aus Düren erhielt, und unverzüglich griff er zu. Nur noch der Form halber eine kurze Rücksprache mit Direktor Brooker, und dann ging ein von beiden unterzeichnetes Telegramm in doppelter Ausfertigung über den Ozean: das eine Mal an die Metallwerke, das andere Mal an Turner unter der von ihm angegebenen Adresse.

Turner saß eben beim Essen, als unvermutet Direktor Kämpf auftauchte und ein Fernschreibeblatt vor ihm auf den Tisch legte.

»Sehen Sie, Mister Turner«, rief der Direktor gutgelaunt, »nun ist's auf einmal gegangen. Ein bißchen nachdrücken hilft immer. Hier ist die Auftragsbestätigung, gleich mit zwei Unterschriften und Bankanweisung. Alles läuft in bester Ordnung. Morgen früh bringen wir die Sendung auf den Weg. Diesmal hat sich Ihr Besuch bei uns doch gelohnt.«

Während er sprach, hatte der Direktor sich Turner gegenüber an den Tisch gesetzt und ließ sich eine kleine Erfrischung geben. Der Agent las das Blatt ein paarmal durch, bevor er es zurückgab.

»Ich bin etwas überrascht«, begann er nachdenklich, »daß ich selbst noch keine Nachricht habe. Hoffentlich geht nun auch wirklich alles in Ordnung.«

Direktor Kämpf lachte. »Sie vergessen, mein lieber Turner, daß unser Werk direkte Fernschreibeverbindung mit dem Hauptpostamt hat. Dadurch kommen die Telegramme bei uns etwa eine Viertelstunde früher an. Deswegen bin ich ja herübergekommen, um Ihnen die frohe Botschaft sofort zu bringen. Wenn Mister Headstone gleichzeitig an Sie gekabelt hat, dürfte die Nachricht Sie hier wohl auch im Laufe der nächsten Minuten erreichen.«

Er hatte seinen Satz kaum beendet, als auch schon ein Depeschenbote in den Raum kam und nach einem Mr. Turner rief.

»Da haben Sie es schon!« meinte Direktor Kämpf, während Turner das Telegramm aufriß. Seine Befürchtung, daß noch irgendein für ihn unerfreulicher Passus darin enthalten sein könnte, bestätigte sich erfreulicherweise nicht. Es war in der Tat nur eine wörtliche Wiederholung der bereits von Direktor Kämpf mitgebrachten Depesche. Diesmal schien Headstone mit den Maßnahmen seines Agenten wirklich restlos zufrieden zu sein. Mit besserem Appetit als zuvor machte er sich über seine Mahlzeit her, während Direktor Kämpf in das Werk zurückkehrte.

* * *

 

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