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Gutenberg > Hans Dominik >

Himmelskraft

Hans Dominik: Himmelskraft - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleHimmelskraft
publisherVerlag Scherl
printrun41. bis 50. Tausend
yearo.J.
firstpub1937
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160119
projectid10234cb2
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Was war mit Mr. Cowper geschehen? Er stand auf einer schmalen Felszacke und hatte mit Hilfe einer schweren Zange eben das letzte Tragseil abgekniffen, als er plötzlich einen Stoß bekam, der ihn von der Felszacke hinunterwarf. Instinktiv griff er im Fallen mit beiden Händen um sich und bekam ein paar Maschen des noch an den Ballonen hängenden Netzteiles zu fassen. Im Selbsterhaltungstrieb klammerte er sich daran fest, suchte auch mit den Beinen einen Halt zu finden und geriet dabei in zwei andere Netzmaschen. Schon im nächsten Augenblick konnte er feststellen, daß er auf diese Weise einen guten Halt hatte und verhältnismäßig sicher saß.

Nur eins war ihm unheimlich: Das Netz, das eben noch auf dem Boden lag, zum Teil immer noch in das Kieferngestrüpp verwickelt, kam vollends los und stieg, von den vier noch unbeschädigten Ballonen getragen, in die Höhe. Schon hingen seine letzten Ausläufer frei in der Luft, und immer noch ging der Aufstieg mit beträchtlicher Geschwindigkeit weiter. Klein und immer kleiner wurden von Minute zu Minute die Menschen und die Mulos unten im Tal; jetzt sahen sie nur noch wie Fliegen aus; jetzt verschwammen sie gänzlich in der Umgebung.

Cowper hätte nach rückwärts blicken und sich dabei den Hals verrenken müssen, um sie überhaupt zu sehen, denn er saß in der Flugrichtung, mit dem Gesicht nach Westen hin, in dem Netz. Seine Beine steckten bis zu den Oberschenkeln in zwei Maschen, und der starke Stoff des Overalls verhinderte es, daß die Drähte ihn fühlbar drückten. Mit den Händen konnte er sich bequem an andern Maschen festhalten, und so war seine Lage bei aller Gefährlichkeit immer noch verhältnismäßig gesichert. Aber als er nun vorwärtsblickte, erschrak er tief. Vor ihm erhob sich der Hauptkamm des Felsengebirges bis zu viertausend Meter Höhe, und der auffrischende Wind trieb das Netz mit den Ballonen geradeswegs darauf zu.

Mit wachsender Angst sah er das riesige Felsmassiv immer näher kommen und glaubte schon den Augenblick berechnen zu können, in dem er an ihm zerschellen würde. Auf fünf Kilometer schätzte er den Abstand eben noch, jetzt nur noch auf zwei Kilometer. Unentrinnbar sah er ein Ende mit Schrecken herankommen. Aber unaufhörlich waren inzwischen auch die Ballone mit dem Netz gestiegen. Eine doppelte Kraft trieb sie hier empor: einmal die eigene Tragkraft, die schon an sich völlig ausreichte, den verhältnismäßig geringen Rest des Netzes, der noch an ihnen hing, ein gutes Stück mit in die Höhe zu nehmen, und dann der Aufwind, der sich ja immer bildet, wo eine Luftströmung auf einen Bergzug stößt.

Beängstigend schnell wurde der Aufstieg jetzt. Cowper spürte es an einem Knacken in den Ohren. Er mußte den Mund öffnen und mehrfach kräftig Luft schlucken, um die störenden Erscheinungen zu beseitigen. Auch empfindlich kalt wurde es. Vor einer Viertelstunde bei seiner Arbeit hatte er noch geschwitzt, während er jetzt trotz der dicken Kleidung zu frieren begann.

Fünfhundert Meter noch – jetzt nur noch zweihundert Meter – taxierte er den Abstand von dem obersten Felsgrat, als sein Blick darüber hinweg ins Weite glitt. Die Ballone hatten die Kammhöhe erreicht, und immer noch stiegen sie mit unverminderter Geschwindigkeit weiter. Jetzt standen sie über dem Kamm, jetzt überschritten sie ihn. Mit einem Seufzer der Erleichterung blickte Cowper in die Tiefe. Schneefelder sah er unter sich, sah, wie die letzten Enden des Netzes Spuren durch den Schnee zogen und ihn in leichten Wölkchen aufwirbeln ließen.

In einiger Entfernung voraus erblickte er noch ein paar niedrigere Bergkämme. Dahinter fiel das Gelände stark ab, und von der Karte her wußte er, daß es in einer Entfernung von etwa hundert Kilometer in eine waldfreie Ebene überging. Noch glücklich bis dahin kommen und dann landen! Das war jetzt der hauptsächliche Wunsch, der ihn beseelte. Dabei setzte die Kälte, die hier wohl mehr als zehn Grad unter Null betrug, ihm immer mehr zu. Mit Geschick fand er eine Möglichkeit, seine starren Hände so in die Ärmel der dichten Arbeitskleidung zu schieben, daß sie wenigstens vor dem schlimmsten Frost Schutz hatten. Aber das Schicksal hatte noch einiges andere mit Mr. Cowper vor, und so schnell, wie er es wünschte, sollte er noch nicht an das Ziel seiner Wünsche gelangen.

Bekanntlich wird ja der Aufwind, der sich an einem Berghang bildet, stets noch ein recht beträchtliches Stück weiter über die Kammhöhe hinaus emporgetrieben, und so ging es auch hier. Hätte Cowper, der da jetzt verloren und verfroren in dem Drahtnetz klebte, so etwas wie einen Höhenmesser bei sich gehabt, so hätte er feststellen können, daß er bereits in einer Höhe von mehr als fünftausend Meter durch die immer dünner und kälter werdende Luft dahintrieb und jetzt bereits bedenklich an die Sechstausendmetergrenze herankam; aber etwas Derartiges führte Mr. Cowper nicht bei sich, und so konnte er nur mit seinen Augen sehen, daß Berge und Schneefelder in einer kaum noch zu schätzenden Tiefe unter ihm lagen, während sein Flug mit gleichbleibender Geschwindigkeit nach Westen hin weiterging.

Hin und wieder sah er Wölkchen vor sich und schwamm für lange Zeit in einem dicken milchigen Nebel, so daß er nicht die Hand vor Augen sehen konnte. Dann wieder lagen die Wolken unter ihm, wogten wie ein gespenstisches Meer hin und her, während er im hellen Sonnenschein dahinflog und angenehm die wohltuende Wärme der Strahlen des Tagesgestirns verspürte.

In solchen Zeiten war er wieder bereit, Mut zu fassen, wenn ihn nur die Höhenkrankheit nicht gepackt hätte. Das Atmen wurde von Minute zu Minute beschwerlicher. Immer schwächer und elender wurde ihm zumute. Kaum hatte er noch genügend Kraft, sich mit den Armen, die er bis zu den Schultern durch das Netz gesteckt hatte, festzuhalten. Eine ungeheure Schläfrigkeit und Gleichgültigkeit überkam ihn. Loslassen, sich in die Tiefe fallen lassen, das waren die letzten Gedanken, die er noch einigermaßen klar fassen konnte – dann versank er in ein dumpfes Vorsichhindämmern.

Ohne daß er es wußte, hatte Mr. Cowper noch Leidensgefährten auf seinem abenteuerlichen Flug. Das waren die vier Ballone, die das Netz trugen. Sie waren nicht als Freiballone mit einem offenen Füllansatz gebaut, der einen ständigen Druckausgleich zwischen dem Balloninnern und der Außenluft gestattet hätte – vielmehr dazu bestimmt, von Trossen in einer bestimmten Höhe gehalten zu werden, um dort das Netz zu tragen, waren sie wie Fesselballone gebaut, das heißt hermetisch geschlossen. Durch die große Höhe, in der sie jetzt dahinschwebten, wurde der Druck des in ihnen enthaltenen Traggases immer stärker und beanspruchte den Stoff ihrer Hüllen immer mehr – auch diese Ballone litten auf ihre Weise an der Höhenkrankheit, und nach den unverrückbaren Naturgesetzen kam es, wie es kommen mußte.

Ein Knirschen, ein Reißen plötzlich, der Schall einer in der stark verdünnten Höhenluft kaum hörbaren Explosion – der schwächste der vier Ballone war geplatzt. Schlaff flatterte seine leere Hülle in der Luft. Im nächsten Augenblick wiederholte sich das Schauspiel ein zweites Mal: Noch ein weiterer Ballon riß auf und ließ sein Traggas in die Atmosphäre verströmen. Mr. Cowper hörte und sah von alledem nichts. Bewußtlos und verklammt hing er in dem Netz. Nur die günstige Stellung, in der er darin verhakt war, hatte ihn bisher vor dem Absturz behütet.

Aber nun begann sich das, was eben geschehen war, auszuwirken. Die Tragkraft der beiden noch unversehrt gebliebenen Ballone reichte nicht mehr aus, um das Netz zu tragen, um so weniger, als hier auch die Kraft des Aufwindes zu Ende war. In stetem Fall begann es in die Tiefe zu sinken, wobei die Hüllen der beiden geplatzten Ballone wie riesige Fallschirme wirkten und die Heftigkeit des Absturzes milderten. Immer noch in leichter Fahrt nach Westen begriffen, sank das Netz Meter für Meter hinab, während Luftdruck und Temperatur wiederanstiegen.

In tausend Meter Höhe erwachte Cowper aus seiner Erstarrung. Mit dem Hochgefühl wiedergewonnenen Lebens erblickte er grüne Weideflächen an Stelle der früheren Schneeschroffen unter sich. Ständig wurde das Empfinden stärker in ihm, daß der unfreiwillige, wilde Flug seinem Ende und, wie es fast schien, einem glücklichen Ende entgegenging. Schon konnte er Herden und Menschen erkennen, die verwundert nach oben starrten. Und dann kam endlich der Augenblick, da das Netz mit seinen untersten Zipfeln den Boden berührte und sich zum Teil auf ihn hinabsenkte.

Doch jetzt begannen neue Schwierigkeiten, von denen Cowper vorher nichts ahnte. Unter dem Einfluß eines kräftigen Bodenwindes begann eine wilde Schleiffahrt, deren Ende vorläufig nicht abzusehen war. Gelegentlich durch kleinere Hindernisse aufgehalten, wurde das Netz gerüttelt und geschüttelt, daß Cowper seine letzten Kräfte aufbieten mußte, um nicht hinausgeschleudert zu werden. Auf wenigstens dreißig Stundenkilometer schätzte er die Geschwindigkeit, mit der das ganze System dicht über dem Boden dahintrieb, und er betete im stillen so inbrünstig wie seit langen Jahren nicht mehr, daß endlich ein genügend starkes Hindernis der wilden Jagd ein Ende bereiten möge.

Eine ganze halbe Stunde aber mußte er noch aushalten, bevor das, was er so sehnlich herbeiwünschte, endlich kam. Eine mächtige Eiche – wohl an die zweihundert oder dreihundert Jahre mochte sie alt sein – stand einsam auf dem grünen Grund und reckte ihre im Frühlaub prangenden mächtigen Äste wild verzackt in die Luft. Genau in der Fahrbahn des heranschleifenden Netzes stand sie, und als Netz und Eichengeäst zusammentrafen, geschah das Erwartete: Unlösbar verfing sich das Netz mit seinen weiten Maschen in dem Geäst und war fest verankert.

Vergeblich zerrte der Wind an den beiden noch intakt gebliebenen Ballonen. Er drückte sie dabei nur hin und wieder bis zur Erde hinab; in wilden Sprüngen tanzte der Teil des direkt an ihnen hängenden Netzes aus und nieder, und Cowper bekam den Vorgeschmack einer aufkommenden Seekrankheit. Aber auch eine Möglichkeit, sich aus seiner immer noch recht prekären Lage zu befreien, erspähte er dabei.

Mit vieler Not und Mühe gelang es ihm, seine fast fühllosen Beine aus den beiden Netzmaschen freizubekommen. Wie eine Fliege kletterte er von Masche zu Masche weiter, bis er an den Seitenrand des Netzes gelangte, und dann, als die Ballone unter dem Einfluß einer Wirbelbö wieder einmal auf den Erdboden aufschlugen, ließ er sich seitlich aus dem Drahtgewirr fallen.

Mr. Cowper hatte beträchtliches Glück bei seinem Unternehmen, denn im nächsten Augenblick stand der Netzrand, den er soeben verlassen hatte, schon wieder reichlich zwanzig Meter über dem Erdboden, und aus solcher Höhe hätte sein Absturz wohl üble Folgen gehabt. Auch jetzt, als er nur knapp drei Meter fiel, spürte er nach dem Aufschlag alle seine Knochen, aber trotz allem fühlte er sich endlich geborgen.

Nach einigem Bemühen gelang es ihm, auf die Beine zu kommen. Taumelnd machte er ein paar Schritte und konnte feststellen, daß nichts gebrochen oder verstaucht war. Das Netz, das eben wieder dicht neben ihm auf den Boden schlug, zwang ihn zu einem schnellen Seitensprung, und einmal in Bewegung, beschloß er, sich schleunigst aus der gefährlichen Nachbarschaft zu entfernen. Mochte die alte Eiche zusehen, wie sie mit dem gefährlichen Netz fertig würde! Übel genug sah es in der mächtigen Krone aus, in der das Drahtgeflecht bei seinem Hinundherarbeiten das junge Laub fuderweise absäbelte.

Zunächst einmal griff Mr. Cowper in seine Tasche und fand zu seiner Freude eine genügende Menge Hartgeld darin. Das war in der unbekannten Gegend, in der er sich hier befand, immerhin recht beruhigend. Danach schaute er sich nach allen Seiten um und erblickte in einer nicht allzu großen Entfernung – höchstens zwei Kilometer mochten es sein – eine Häusergruppe, die auf einen kleineren Weiler oder Flecken schließen ließ. Und dann setzte er sich in Bewegung und marschierte automatisch auf das soeben erspähte Ziel los. Seine Gedanken liefen anfangs noch stark durcheinander; erst während des Marsches wurden sie allmählich klarer.

Jedenfalls, so dachte er bei sich, werde ich dort auf Menschen stoßen. Möglicherweise gibt es dort sogar einen Saloon, in dem ich mich stärken kann! Daß er nach diesem aufreibenden Abenteuer eine Stärkung nötig hatte, fühlte Cowper von Minute zu Minute deutlicher – und vielleicht, so dachte er weiter, gibt es dort sogar ein Postamt, so daß ich Fosdick melden kann, wo ich stecke und daß ich glücklich davongekommen bin.

Unter solchem Hinundherdenken erreichte er sein Ziel und traf es noch besser, als er gehofft hatte. Er entdeckte einen ganz annehmbaren Saloon, dessen Inhaber gleichzeitig der Postmeister des Fleckens war. So konnte er sofort ein Telegramm an Fosdick aufgeben und ihm seine Rettung melden. Der Wirt und Postmeister sah ihn reichlich verwundert an, nachdem er einen Blick auf das Telegramm geworfen hatte, und war zunächst geneigt, Mr. Cowper für nicht ganz zurechnungsfähig zu halten. Was da alles auf dem Blatt geschrieben stand, das klang ja so ziemlich wie eine Geschichte aus einem Sensationsmagazin. Aber als Cowper ihn vor die Tür zog und in die Ferne wies, wo deutlich das Aufundabtanzen der beiden Ballone und das wüste Spiel in der Eichenkrone zu erblicken waren, wurde er schnell anderer Meinung. Der Mann, der im Overall, ohne Hut und mit aufgerissenen Händen zu ihm gekommen war, hatte zweifellos ein böses Abenteuer hinter sich und sollte beste Aufnahme und Verpflegung bei ihm finden.

Während der Wirt sich an den Morseapparat setzte und die Taste klappern ließ, stellte ein Bartender ohne besondere Bestellung vor Mr. Cowper, der sich an dem alten runden Wirtstisch niedergelassen hatte, einen Whisky von einer Größe hin, wie er den Verhältnissen des Staates Kolorado angemessen war. Während der Postmeister sich danach wieder in einen Wirt verwandelte und einen tüchtigen Lunch für seinen abenteuerlichen Gast bereitete, ließ Mr. Cowper dem ersten noch einen zweiten und dritten Whisky folgen und beschloß, an diesem gastfreundlichen Ort in Ruhe abzuwarten, was sich weiter ereignen würde.

*

Klas Horn war nicht sonderlich verwundert, als Mr. Turner ihm seine Absicht mitteilte, für ein paar Tage Aufenthalt im Krug zu nehmen. Er fand es vielmehr ganz selbstverständlich und unterstützte seine Meinung durch die Behauptung, daß schon viele Herrschaften mit eigenem Wagen für längere Zeit bei ihm Quartier genommen hätten, um von hier Ausflüge zu machen und die norddeutsche Heide so richtig kennenzulernen. Auch der Preis, den der Krugwirt ihm machte, war annehmbar, so daß das Geschäft schnell zustande kam. Mr. Turner erhielt für seine Person ein schönes, geräumiges Zimmer im ersten Stock und für seinen Wagen einen ausreichenden Teil des Pferdestalles angewiesen und hielt noch am gleichen Tage seinen Einzug in den Krug.

Ganz unerwartet kam er freilich nicht, denn schon am Abend vorher hatte der alte Zacharias Meister Horn beiseitegenommen und in einem abgelegenen Teil der Gaststube eine lange Unterredung mit ihm geführt – ein Gespräch, das die verschiedensten Dinge betraf, sich unter anderem eingehend mit den im Krug einkehrenden Chauffeuren befaßte, außerdem die Mitteilung enthielt, daß Zacharias selber noch am gleichen Abend für ein paar Wochen in einer Erbschaftssache verreisen müsse, und schließlich in die Mahnung auslief, daß Meister Horn sich auch absolut über gar nichts wundern dürfe, mochte passieren was da wolle.

So ganz genehm waren die Vorschläge des Krügers Mr. Turner nicht, denn im Augenblick lag ihm wenig daran, mit seinem Wagen in der Heide umherzufahren. Vielmehr ging seine Absicht dahin, mit den Stammgästen des Kruges anzubändeln und besonders den alten Zacharias kennenzulernen; den dann gründlich auszuholen und womöglich einmal zu ihm in die Wohnung zu kommen, war ja das eigentliche Ziel seines Hierseins. Nun, Mr. Turner hatte einen erfinderischen Kopf und sah bereits Möglichkeiten, seinen Zweck zu erreichen. Auch der beste Wagen konnte mit ein bißchen Nachhilfe einmal eine Panne haben. Das würde dann schon Gelegenheit geben, mit den Handwerkern im Orte, besonders auch mit dem Schmied, von dem er bereits mancherlei gehört hatte, in Verbindung zu kommen. Auch Chauffeure, die zufällig einkehrten, konnten ihm dabei behilflich sein, was wiederum Anknüpfungsmöglichkeiten bot. Kurz und gut: er sah trotz aller Schwierigkeiten doch manche Wege, zu erreichen, was er sich vorgenommen hatte.

Gleich der erste Abend, an dem er in der Gaststube verweilte, brachte ihm eine angenehme Überraschung in Form eines längeren Kabelgramms von Mr. Headstone. Seitdem der Heidekrug stand – das mußte nach der in einem Grundstein eingemeißelten Zahl ungefähr zweihundertfünfzig Jahre her sein –, war hier noch keine Depesche aus Amerika abgegeben worden, aber trotzdem legte sie der Postbote vor Turner auf den Tisch, als ob es sich um eine ganz alltägliche Sache handele.

Naturgemäß war die Depesche in einem der amerikanischen Handelscode verschlüsselt, aber Turner hatte das Codebuch in seinem Koffer und machte sich in seinem Zimmer daran, sie zu entziffern, während die Bauern in der Gaststube allerlei zu tuscheln begannen.

Was der Agent las, als er den Klartext vor sich hatte, war geeignet, ihn manchen Ärger der letzten Tage vergessen zu lassen. Offensichtlich war die Laune Headstones bei der Abfassung dieser zweiten Depesche wesentlich besser gewesen als das letztemal, und auch die Gründe dafür konnte Turner dem Text entnehmen. Da war erstens einmal die Bergung des ganzen Netzes der alten Station mit verhältnismäßig geringen Unkosten gelungen. Selbst der unfreiwillige Flug Cowpers hatte die Spesen nicht allzusehr erhöht. Weiter aber hatte der deutsche Strahlkollektor sich als hervorragend erwiesen. Die Fachleute der United Electric hatten sich sofort eingehend mit dem Apparat beschäftigt, hatten die Einstellung des Flammenkammes genau nach der in dem Apparat enthaltenen Vorschrift vorgenommen und dabei festgestellt, daß er die Leistungen der besten amerikanischen Kollektoren um reichlich das Doppelte übertraf. Das war ein schöner Erfolg, der den sonst immer unzufriedenen Headstone friedlich stimmte, und ein Teil dieses Wohlwollens strahlte aus der Depesche auch auf Turner über.

In wesentlich gehobener Stimmung begab er sich wieder in die Gaststube zurück, entschlossen, bei dem Supper, das er jetzt einnehmen wollte, die beabsichtigten Anknüpfungen zu versuchen. Gleich zu Anfang ließ sich das ganz günstig an. Der Heidewirt nahm seiner Einladung folgend gern an seinem Tisch Platz, empfahl ihm einen sehr trinkbaren Wein, und bald waren die beiden in ein lebhaftes Gespräch über die Verhältnisse des Dorfes und seiner näheren Umgebung verwickelt.

Vieles wußte der Krugwirt; sogar über manche Einzelheiten des deutschen AE-Werkes, die Turner bisher noch nicht bekannt waren, vermochte er ihm Auskunft zu geben, und mit einem gewissen Verdruß entnahm der Amerikaner daraus, wie weit die Deutschen seinen Landsleuten voraus waren.

Schwer begann ihn in Gedanken daran das Telegramm in seiner Tasche zu drücken. Erst jetzt begriff er vollkommen, warum Headstone in dessen letztem Teil noch einmal so scharf auf schleunigste Anlieferung der bewußten Seile gedrungen hatte. Die Kollektoren konnte man jetzt ja Gott sei Dank nach dem von ihm besorgten Muster in Amerika in beliebiger Zahl nachbauen, aber ohne die Seile konnte man das Fangnetz immer noch nicht in der günstigsten Höhe verankern.

Auch der andere Auftrag Headstones, soviel wie möglich über die etwas geheimnisvolle Person des alten Heideläufers zu erfahren, kam Turner dabei wieder in die Erinnerung. Vorsichtig drehte er das Gespräch darauf und mußte die erste Enttäuschung des Abends in Kauf nehmen.

»De olle Kirl is verreist. Soll irgendwo was geerbt haben«, antwortete der Wirt ziemlich unbestimmt auf seine Frage. Turner krampfte die Finger unter dem Tisch zusammen. Ein leises » Dammie!« schlich sich unwillkürlich über seine Lippen. Ein Glück, daß der Krugwirt es nicht verstand oder wenigstens nicht zu verstehen schien. Das konnte ja seinen ganzen Plan über den Haufen werfen! Wenn der Alte vielleicht wochenlang fortblieb, würde es nicht möglich sein, nähere Bekanntschaft mit ihm zu machen.

Vorsichtig forschte er weiter, wohin er denn verreist wäre; aber auch da war der Krugwirt unsicher. Erst hätte es geheißen, nach Braunschweig, aber zuletzt wäre die Rede von einer Fahrt nach Berlin gewesen. Und das könnte auch recht gut möglich sein, beendete der Krugwirt seine Ausführungen, denn seines Wissens hätte der Alte eine ganze Reihe von Verwandten in Berlin, die schon vor Jahren aus der Heide dorthin gezogen wären.

Verdrießlich starrte Turner in sein Weinglas. Einen Menschen in Berlin zu suchen, das kam auf die bekannte Nadel im Heuschober heraus. Zwecklos, da überhaupt etwas zu unternehmen. Auch über die voraussichtliche Dauer der Abwesenheit des Alten konnte der Wirt nichts Bestimmtes sagen – es mochte ein paar Wochen, aber ebensogut auch Monate dauern.

Ob der Alte denn so ohne weiteres von Hause weg könnte, wünschte Mr. Turner weiter zu wissen. Da konnte der Wirt ihm nun wieder gut Bescheid sagen.

»Aber gewiß, Herr Turner«, meinte er, »das geht schon. Viel hat der alte Einsiedler ja nicht zu versorgen. Nur seinen Garten und seine Bienen. Sie haben vielleicht gehört, daß er ein tüchtiger Imker ist und an die vierzig Stöcke besitzt. Aber die Bienen machen zu dieser Jahreszeit kaum Arbeit, sie finden alles, was sie brauchen, draußen in der Natur, und bis zum nächsten Honigschleudern hat's noch Zeit. Bleibt eigentlich nur noch sein großer Garten. Der braucht natürlich dauernd Pflege und Bewässerung. Dafür hat er sich hier einen Mann im Dorf angenommen. Die Leute sagen, er sei nicht ganz richtig im Kopf, aber – offen gesagt, Herr Turner – ich glaube das nicht. Ich glaube viel eher, daß der Jochen Dannewald schlauer ist als er aussieht. Der muß jetzt in dem Häuschen des Alten schlafen und ihm den ganzen Kram besorgen.«

Mr. Turner hatte das Gefühl, daß er im Augenblick nicht gut weiterfragen könnte, ohne die Sache auffällig zu machen. Der Wein ging überdies zu Ende, und andere Gäste waren nicht mehr in dem Raum. Auch der Wirt hatte bereits ein paarmal recht deutlich gegähnt. So beschloß Turner, für heute Feierabend zu machen. Noch ein kräftiges »Gute Nacht!«, und er stieg die knarrende Treppe zu seinem Zimmer empor.

Knarrende Treppen waren Mr. Turner ebensowenig sympathisch wie quietschende Türen. Zu den Requisiten seines Koffers gehörte ein Ölkännchen, mit dem er auch die widerspenstigsten Türen und Fenster schnell zu einem lautlosen Schwingen brachte; denn sein Beruf brachte es mit sich, daß er auch gelegentlich des Nachts auszugehen wünschte, ohne dabei die Aufmerksamkeit seiner Nachbarn zu erregen. Aber bei dieser aus uraltem Eichenkernholz gezimmerten Treppe gab es keinerlei Mittel, sie zum Schweigen zu bringen. Vergeblich versuchte er es beim Hinaufstieg, indem er bald auf der einen, bald auf der andern Seite ging – bei jedem Tritt gab das alte Gebälk Töne von sich, die durch das halbe Haus schallten. Ziemlich verdrossen ließ der Agent sich oben in einen alten Ohrenstuhl fallen.

Die Hoffnung, noch einen kleinen Abendspaziergang zu unternehmen, mußte er unter den gegebenen Umständen fallenlassen. Überhaupt war die Hausordnung im Heidekrug nicht ganz nach seinem Geschmack. Der Wirt schien ein Frühvogel zu sein, der mit den Hühnern aufstand, aber auch zeitig ins Bett kroch. Auch einen Hausschlüssel hatte Mr. Turner nicht erhalten, und die Erfindung einer sogenannten Nachtglocke war wohl überhaupt noch nicht bis in das weltentlegene Dorf gedrungen. Mr. Turner war gleicherweise mit der Hausordnung des Krugwirts wie mit der ganzen Weltordnung unzufrieden, als er sich langsam zu entkleiden begann. –

In ganz anderer Laune waren zwei Leute, die wenige Kilometer von Mr. Turners derzeitigem Aufenthalt entfernt in einem Laboratoriumssaal zusammensaßen.

»Hat der Kerl wirklich die Frechheit aufgebracht, hierherzukommen?« fragte Dr. Frank.

Johannes Zacharias nickte und kraulte sich vergnügt seinen langen Rübezahlbart. »Vorschriftsmäßig ist er eingetroffen, genau so wie wir's erwarteten, und hat drüben bei Horn für einige Tage Quartier genommen. Auch ein Telegramm aus Amerika hat er bereits erhalten. Ich will morgen versuchen herauszubekommen, was drinsteht.«

Dr. Frank schüttelte abweisend den Kopf. »Ich kann Sie nicht begreifen, mein lieber Zacharias, daß Sie den gefährlichen Menschen hier in nächster Nähe sein Unwesen treiben lassen. Irgendein unvorhergesehener Zufall kann ihm doch Sachen in die Hände spielen, die wirklich nicht für fremde Augen bestimmt sind. Ich glaube auch nicht, daß Headstone sich die dümmsten Leute für seine Zwecke aussucht. Ich bin überzeugt, daß der Bursche reichlich ausgekocht ist.«

Zacharias wand sich in seinem Sessel vor Vergnügen hin und her. »Selbstverständlich, Doktor Frank. Wir sind weit davon entfernt, Mister Headstone und seine Leute zu unterschätzen. Sein Agent hat's faustendick hinter den Ohren. Aber das Schöne an der Geschichte ist ja, daß wir ihn genau kennen und daß er selber trotz aller seiner Gerissenheit keine Ahnung davon hat, wie genau wir ihn kennen und überwachen. Jetzt zum Beispiel hat ihn unser Freund Horn in seine Obhut genommen; Sie dürfen sicher sein, daß er keinen Schritt tun kann, ohne daß es uns gemeldet wird.«

»So? Sind Sie dessen so sicher, Herr Zacharias?« fragte immer noch mißtrauisch der Doktor. »Wenn der Mensch sich beispielsweise des Nachts heimlich aus dem Krug schleicht und sich hier in der Umgebung herumtreibt, was könnte er da nicht alles entdecken?«

Der Alte brach in ein lautes Gelächter aus. »Ihre Frage ist köstlich, Herr Doktor Frank. Man merkt, daß Sie den alten Heidekrug nicht kennen. Ist auch schließlich von Ihnen nicht zu verlangen. Aber Sie können ganz beruhigt sein. Keinen Schritt könnte Mister Turner des Nachts in dem alten Fachwerkbau tun, ohne daß Meister Horn davon wach würde und ihm auf die Sprünge käme. Seien Sie überzeugt, des Nachts ist der Abgesandte Mister Headstones da nicht nur gut, sondern auch recht sicher aufgehoben.«

»Aber bei Tage, Herr Zacharias? Da verdrückt er sich einfach mit seinem Wagen, stellt die Karre irgendwo in der Heide ab und schnüffelt nach Herzenslust herum. In Ihrem Hause wird er schließlich nicht allzuviel entdecken können, obwohl auch dort manches für ihn Wissenswerte liegen dürfte. Aber stellen Sie sich einmal vor, daß er bei solcher Gelegenheit auch unser Haus hier entdeckte! Groß und massig genug steht der Bau ja schließlich in der Heide. Was dann, Herr Zacharias?«

Bisher hatte der Alte vergnügt vor sich hingelacht; jetzt wurde er ernst.

»Verehrtester Herr Doktor Frank, es ist ganz selbstverständlich, daß Mister Turner diesen Bau einmal sehen wird; er soll ihn sogar sehen. Daß Sehen noch längst nicht drin sein heißt, wissen Sie besser als ich. Wir haben doch zur Genüge vorgesorgt, daß ein Unbefugter sich bei dem Versuch, einzudringen, wie in einer Falle fangen muß und uns dann wehrlos ausgeliefert ist.«

Dr. Frank nickte. Er erinnerte sich der zahlreichen raffinierten Sicherungen, die einen unerwünschten Gast bis zu einer bestimmten Stelle vordringen ließen und dann festhielten.

»Sie haben recht, Zacharias«, sagte er zustimmend, »aber der Mensch wird nicht mehr Ruhe geben, sobald er einmal unser Haus entdeckt hat. Was soll danach werden? Mit einem ruhigen, unbeobachteten Arbeiten ist es hier dann vorbei.«

Der alte Zacharias machte es sich in seinem Stuhl bequem, als ob er darin übernachten wolle. »Herrgott, Doktor«, meinte er schließlich leicht gähnend, »manchmal sind Sie etwas schwer von Begriff! Sie wissen doch, was Bergmann mit Headstone und der United Electric vorhat. Headstone will spionieren und – sprechen wir es ruhig aus – stehlen, das wissen wir zur Genüge. Wir aber wollen ihm unsere – ich sage in diesem Falle vielleicht besser Ihre – Erfindungen, Herr Doktor, zu einem angemessenen Preis verkaufen. Es dreht sich um Objekte, die in die Millionen gehen, und deshalb finden wir Mister Headstones Vorgehen an sich ganz begreiflich. In der Beziehung sind wir moralisch nicht angesäuert, aber wir sind auch nicht gewillt, uns von den Amerikanern über das Ohr hauen zu lassen. Zur gegebenen Zeit wird die United Electric ganz gehörig in den Beutel greifen müssen, sobald die Herren nämlich eingesehen haben, daß sie ohne unsere Hilfe nicht weiterkommen. Aber bis dahin wird's natürlich noch mancherlei Aufregung und allerlei mehr oder minder gerissene Streiche der Agenten Headstones geben.«

»Ein paar Handvoll Dynamit sollte man unter die Bande werfen!« knurrte Dr. Frank ingrimmig vor sich hin.

»Aber warum denn nur, lieber Doktor?« fragte Zacharias beschwichtigend. »Die Sache geht ja bisher ganz nach unserm Wunsch. Sehen Sie, die Seile zum Beispiel kauft uns Headstone jetzt schon zu dem von uns geforderten Preise ab. Die kalte Kathode wird er ebenfalls von uns erwerben müssen, sobald er erst einmal dahintergekommen ist, daß wir ihn mit dem Flammenstrahler geleimt haben. Eine bessere Mittelsperson als Mister Turner ließe sich kaum denken, um ihm das beizubringen. Ob wir ihm auch das letzte noch verkaufen, wird sich später finden, wenn wir erst einmal so weit sind. Das hat vorläufig noch Zeit.«

»Erst müssen wir unser eigenes AE-Werk mit der neuen kalten Kathode ausrüsten«, warf Dr. Frank dazwischen. »Dank Ihrer Mithilfe bin ich damit gut vorwärtsgekommen. Die Hälfte davon ist bereits fertig. Aber auch Ihnen muß ich mein Kompliment machen, mein lieber Zacharias. Sie haben tüchtig geschafft. Im Laufe des nächsten Vormittags können wir zwei vollbeladene Lastzüge mit präpariertem Litzendraht nach Düren abgehen lassen.« –

Während diese Unterhaltung in dem Laboratoriumsbau stattfand, war Mr. Turner noch mit seiner Toilette für die Nacht beschäftigt. Während er in seinem Koffer nach einem Pyjama suchte, fiel ihm eine Strickleiter in die Hände. Es war ein Musterstück ihrer Art, aus bester Naturseide geflochten und bei aller Feinheit doch stark genug, die Last einer Person vom Gewicht Mr. Turners sicher zu tragen.

Spielend ließ er sie durch die Finger gleiten, trat dann an eins der Fenster und öffnete es. Ein Blick in die Tiefe überzeugte ihn davon, daß die Länge der Leiter völlig ausreichte, um den Boden zu erreichen. Seine Gedanken gingen hin und her. Sollte er die Nacht noch zu einem Spaziergang benutzen? Der Umstand, daß er dann während der ganzen Zeit seiner Abwesenheit die Leiter zum geöffneten Fenster hinaushängen lassen mußte, machte ihn unschlüssig, fast noch mehr die Tatsache, daß ein feiner warmer Regen niederging, der sicherlich für die Felder und Wiesen sehr nützlich war, aber weniger angenehm für einen nächtlichen Spaziergänger. Er steckte die Leiter wieder in seinen Koffer und schloß das Fenster, zur selben Zeit etwa, da Klas Horn, von einer Rasselglocke neben seinem Bett geweckt, ärgerlich vor sich hinfluchte: »To'm Düwel ok, wat het de verrückte Amerikaner bi Nacht de Fenster optorieten!«

*

James Headstone und Direktor Brooker machten mit ihren Wagen vor dem besten Hotel in West-Saginaw halt. Es war ihrem Fahrzeug anzusehen, daß sie eine lange und ziemlich wilde Fahrt hinter sich hatten. In der Tat hatte sie ihr Weg bereits in den nördlichsten Teil des Staates Michigan geführt bis zu jener Stelle etwa, wo Michigansee und Huronensee sich vereinigen. Gute Wege sind dort oben selten, und noch heute, nach mehr als zwei Menschenaltern, leidet das Land an der brutalen Waldverwüstung, die es im Laufe weniger Jahrzehnte aus einem geschlossenen Hochwald in ein ödes und zum größten Teil versumpftes Gebiet verwandelte.

Jetzt machten die beiden es sich in einem gemütlich ausgestatteten Private-room bequem und bestellten sich einen Lunch. Headstone breitete eine Landkarte auf dem Tisch aus, auf der ein Flecken Landes rot umrissen war, und deutete mit dem Finger darauf.

»Schön ist die Gegend bei Gott nicht, Brooker. Ist mir zweifelhaft, ob wir unsere Leute da dauernd halten können.«

Direktor Brooker machte eine abweisende Bewegung. »Ah, bah, Headstone! Es laufen genug Ingenieure ohne Stellung in den Staaten herum, die heilfroh sind, wenn sie einigermaßen anständig unterkommen können. Wollen wir um einen Whisky wetten, daß auch unsere alten Leute, Fosdick und Cowper, dort gern hingehen?«

James Headstone schüttelte den Kopf. »Möchte lieber nicht wetten, Brooker. Am Ende sind die Kerle wirklich blöde genug, die Stellung anzunehmen.«

Brooker schlug auf den Tisch. »Was heißt blöde, Headstone? Denken Sie an die Zukunftsaussichten der beiden Leute; wenn es hier klappt, haben sie alle Aussicht, die nächsten größeren Stationen zu bauen und zu leiten. Manch einer würde sich um solch eine Stellung reißen.«

»Warum haben Sie sich gerade auf das minderwertigste Gebiet kapriziert, Brooker? Ist ja versumpft von vorn bis hinten.«

Brooker lachte. »Weil es für ein Butterbrot zu haben sein wird, Headstone. Ich habe mich vorher erkundigt. Das Land gehört einem früheren Sägewerksbesitzer, der schon vor Jahren mit seinen Maschinen weiter nordwärts in die Wälder von Kanada gezogen ist. Er hat es überhaupt nur behalten, weil er's auf keine Art und Weise loswerden konnte, und wird jeden Dollar, den er dafür bekommt, als einen unverhofften Gewinn betrachten. Selbstverständlich müssen wir geschickt vorgehen; er darf nicht ahnen, daß die United Electric sich für sein Froschparadies interessiert. Wir müssen einen passenden Strohmann nach Kanada schicken. Ich habe einen brauchbaren Menschen dafür in Aussicht, der die Sache schnell und billig für uns fingern wird. Sobald wir die neuen Seile haben, schaffen wir alles, was von der alten Station noch brauchbar und transportabel ist, dorthin und bauen von neuem.«

Headstone beschäftigte sich mit einer Poularde, die, auf französische Art zubereitet, der Hotelküche alle Ehre machte.

»Nicht wahr, Brooker«, bemerkte er dabei, »das hat unser Turner wieder mal gut gemacht? Ich erhielt gestern seinen letzten Bericht. Wir bekommen die Seile – siebzig Kilometer im ganzen – in der gewünschten Qualität in kürzester Frist von dem Dürener Metallwerk geliefert.«

Direktor Brooker schob ein Steak, mit dem er nicht ganz einverstanden zu sein schien, beiseite und fuhr sich mit der Serviette über den Mund. »Sehr schön gesagt, Headstone: ›Wir bekommen geliefert.‹ Hätten wir uns das Zeug selber machen können, dann hätten wir von den rund zweihunderttausend Dollar, die es uns kostet, zwanzig bis fünfundzwanzig Prozent gespart. Ich muß es Ihnen mal ganz offen sagen, Mister Headstone, wenn es Ihnen vielleicht auch wehtut: Ihr Mister Turner ist in meinen Augen ein großes Kamel.«

Mit einem Ruck setzte sich Headstone aufrecht und warf seine Serviette zu Boden.

»Wie können Sie das behaupten, Mister Brooker?« sprudelte er aufgeregt heraus. »Turner ist der beste von meinen Leuten in Europa. Hat er bisher nicht alle Aufgaben gelöst, die wir ihm stellten? Er hat die Firma herausbekommen, welche die Seile fabriziert ...«

Brooker winkte mit der Hand ab. »Das hätten wir hier in Amerika mit Hilfe unserer Kartei wahrscheinlich ebensogut ausfindig gemacht. Die Metallwerke in Düren sind eine Tochtergesellschaft des Bergmann-Konzerns. Jetzt streicht der Generaldirektor – Sie kennen ihn vielleicht ... ein gewisser Geheimrat Bergmann ist es – den Gewinn von fünfzigtausend Dollar ein, die in unsere Kassen geflossen wären, wenn dieser Mister Turner uns eben das Verfahren besorgt hatte.«

»Es ist ja nur eine einmalige Ausgabe«, versuchte Headstone zu beschwichtigen.

»Stellen Sie sich nicht so naiv, Headstone!« sagte Brooker aufgebracht. »Sie wissen ganz genau, daß wir später weiterbauen, daß wir andere, größere Stationen errichten wollen. Sollen wir da etwa wieder von diesem alten Geheimrat kaufen, der sich wahrscheinlich über unsere Ungeschicklichkeit amüsiert?«

Headstone sah ziemlich ratlos aus.

»Ich will Ihnen noch etwas anderes erzählen«, fuhr Brooker fort. »Ich habe hinter den langweiligen Kerls von der Aluminum Corporation etwas Feuer gemacht und kann Ihnen versichern, daß es geholfen hat.«

Headstone sah Brooker fragend an.

»Ja, da wundern Sie sich wohl«, fuhr der fort. »Ich kann Ihnen sogar verraten, daß Ihr Mister Turner, über den ich im übrigen mein Urteil nicht zu ändern wünsche, ein wenig dazu beigetragen hat.«

»Turner?! Also doch Turner!« Unwillkürlich entfuhren die Worte Headstone.

»Allerdings war es Mister Turner«, nahm Brooker den Gedankengang wieder auf. »Ich habe seine Berichte ebenfalls gelesen und fand etwas darin, was Ihnen vielleicht entgangen ist.«

Headstone versuchte sich zu verteidigen. Er hatte die Berichte des Agenten Wort für Wort studiert und konnte sich nicht vorstellen, daß er etwas Wichtiges übersehen haben könnte.

Brooker ließ ihn nicht zu Worte kommen. »Ich meine jene Stellen der Berichte«, fuhr er unbeirrt fort, »in denen Turner die Tatsache mitteilt, daß die dünnen Litzendrähte von Düren her erst irgendwohin in die Heide transportiert und später nach Düren zurückgebracht werden, wo man dann die Kabel aus ihnen spinnt. Er hat es berichtet, aber keine Erklärung dafür gegeben. Sehen Sie, Headstone, diese Bemerkungen haben mir ein paar schlaflose Nächte bereitet, aber dann bin ich den Leuten von der Aluminum Corporation zu Leibe gegangen. Ich habe sie gezwungen, über diese Mitteilung gründlich nachzudenken, und heute, das kann ich Ihnen auch schon sagen, sind sie dabei, die Litzendrähte nach einem Elektronenverfahren zu bearbeiten, das zu den besten Hoffnungen berechtigt. Ich hoffe, in Zukunft werden wir nicht mehr genötigt sein, unsere Seile von Geheimrat Bergmann zu beziehen.«

Der Wirt erschien selbst, um die Reste der Fleischgerichte abzuräumen und den Nachtisch zu servieren. Sobald er den Raum verlassen hatte, fand James Headstone die Sprache wieder.

»Also war es doch unser Turner, dem wir diesen Erfolg verdanken. Vergessen Sie nicht, Brooker, unter wie schwierigen Verhältnissen er zu arbeiten hat. Ein einziger unvorsichtiger Schritt, und er wäre ein für allemal erledigt.«

»Ach was!« knurrte Brooker ärgerlich. »Für einen Mann von der Sorte finden sich leicht zehn andere. Wenn er eben alles riskiert hätte, hätten wir fünfzigtausend Dollar gespart. Agenten, die nicht aufs Ganze gehen, sind in meinen Augen nicht viel wert.«

Headstone beschloß, das Thema zu wechseln; unter keinen Umständen durfte er sich mit Brooker, dem Geldmagnaten, von dessen guter Laune die weitere Entwicklung der amerikanischen AE-Stationen abhing, überwerfen.

»Sie scheinen von Turners Fähigkeiten nicht besonders überzeugt zu sein«, fuhr er vorsichtig fort. »Aber sagen Sie doch, bitte, was Sie von seiner letzten Leistung halten. Einem Oberingenieur des deutschen AE-Werkes einfach den neuesten Strahlkollektor aus der Tasche zu eskamotieren! Ich meine, das ist ein Meisterstück, das ihm so leicht kein anderer nachmacht! Mit einem Schlage haben wir die Leistungsfähigkeit unserer Station dadurch um beträchtlich mehr als die Hälfte verbessert.«

Brooker beschäftigte sich eine Zeitlang mit seinen gefrorenen Früchten, bevor er sich zu einer Antwort aufraffte.

»Nun ja, Headstone«, meinte er endlich, »das war ein gutes Stück von dem Mann, durch das er sich wieder einigermaßen rehabilitiert hat. Aber denken Sie daran, daß die Deutschen unaufhörlich weiter an der Verbesserung ihres AE-Werkes arbeiten. Was heute das Neueste und Beste ist, kann morgen vielleicht schon überholt sein. Daran muß Ihr Mann stets denken. Ein Ausruhen auf früheren Lorbeeren gibt es in seinem Beruf noch weniger als in irgendeinem anderen. Unterlassen Sie es nicht, ihn in Ihrer nächsten Instruktion darauf aufmerksam zu machen. Auch was wir hier bei der Verbesserung der Seile in Erfahrung gebracht haben, können Sie ihm mitteilen. Vielleicht pulvert ihn das ein bißchen auf und er entdeckt endlich die Stelle, an der die Deutschen nach dem Elektronenverfahren arbeiten. Daß es irgendwo in der Heide sein muß, geht ja aus seinen Berichten deutlich hervor. Aber er hat es an der nötigen Energie fehlen lassen, sonst müßte er den Platz schon längst gefunden haben.«

Headstone stieß im stillen einen Seufzer der Erleichterung aus. Gott sei Dank, die Sache zwischen Brooker und Turner schien wieder ins Lot zu kommen, doch für alle Fälle nahm er sich vor, sehr ernstlich an Turner zu schreiben und keinen der Punkte auszulassen, die ihm Brooker eben im einzelnen aufgezählt hatte.

Das Wetter hatte sich inzwischen merklich gebessert, und heller Sonnenschein fiel durch die kleinen Fenster des Raumes.

»Wie wäre es, Brooker, wenn wir jetzt aufbrächen und in einer Tour nach Detroit durchführen?«

Brooker schüttelte den Kopf. »Nicht nach Detroit, Headstone. Wir wollen über Port Huron nach Buffalo fahren. Wenn der Chauffeur sich dranhält, können wir vor Werkschluß dort ankommen. Ich möchte mich wieder mal davon überzeugen, wie weit die Herren der Aluminum Corporation mit dem neuen Elektronenverfahren gekommen sind. Das letztemal ließ die Zerreißlänge noch zu wünschen.«

Brooker erhob sich, und Headstone folgte seinem Beispiel. Zusammen bestiegen sie den starken Wagen. In der nächsten Minute brauste er in einem Höllentempo in östlicher Richtung aus der Stadt.

*

Mr. Turner hatte jenen Brief, zu dem die Aussprache zwischen Headstone und Direktor Brooker die Anregung gab, noch nicht erhalten, aber das vorhergehende Kabelgramm Headstones lag ihm schwer im Magen. Obgleich ihm Meister Horn bei dem wundervollen Wetter dringend zu einem Autoausflug in die Heide riet, benutzte er einen der nächsten Vormittage dazu, sein Zimmer gründlich zu untersuchen, und vielleicht hätte Direktor Brooker sein herbes Urteil über den Agenten doch gemildert, wenn er bei dieser Untersuchung zugegen gewesen wäre.

Systematisch suchte Turner die Wände des Zimmers ab, wobei er trotz des hellen Morgens den Gebrauch einer Taschenlampe nicht verschmähte. Nicht lange war er bei seiner Tätigkeit, als er auch schon auf etwas stieß, das ihn stark interessierte. Ein fast haarfeiner, mit grüner Seide besponnener Kupferdraht lief geschickt verborgen in einer Rille der ähnlich gefärbten Tapete entlang.

Das Weitere vollzog sich planmäßig. Sehr schnell konnte Mr. Turner feststellen, daß der Draht durch die Tür von jener so niederträchtig knarrenden Treppe her in das Zimmer führte. Bald entdeckte er in der Nähe des ersten noch einen zweiten Draht, und dann machte es keine besonderen Schwierigkeiten mehr, den beiden Drähten, obwohl sie ungemein geschickt verborgen waren, bis zu den beiden Fenstern des Zimmers zu folgen.

Zu den Künsten, die Mr. Turner für seinen Beruf benötigte, gehörte auch ein wenig Elektrotechnik, und er hatte mancherlei dazu erforderliches Gerät in seinem Koffer. Mit Leichtigkeit gelang es ihm, festzustellen, daß die geheime Leitung Ruhestrom führte, daß es also an irgendeiner andern Stelle des Heidekruges klingeln oder rasseln mußte, sobald man eines der beiden Fenster öffnete und dadurch den Strom unterbrach.

Im stillen beglückwünschte sich Turner nach dieser Entdeckung dazu, daß er bisher auf nächtliche Spaziergänge verzichtet hatte. Das hätte ja ein unausdenkbares Malheur geben können, wenn es während der Zeit eines solchen Ausfluges im Hause geklingelt hätte und seine Abwesenheit verraten worden wäre. Das weitere war für einen Mann wie Henry Turner einfach. Erst einmal die beiden Drähte unter sich kurzschließen und mit einem feinen Meßinstrument feststellen, daß der Stromfluß in ihnen dadurch unverändert blieb. Danach öffnete er die Fenster und entdeckte dort, was er bereits als sicher vorausgesetzt hatte: In die Fensterangeln waren ebenfalls sehr feine und auf den ersten Blick kaum zu erkennende Kontakte eingebaut, die den Strom schlossen, solange die Fenster geschlossen blieben, ihn aber sofort unterbrachen, sobald sie geöffnet wurden.

»Ungeschickte Anfänger!« murmelte der Agent vor sich hin, während er das Machwerk betrachtete. »Ein Glück, daß diese Heidemenschen noch nichts von einem Dreileitersystem mit Arbeitsstrom und Ruhestrom wissen, sonst hätte die Geschichte etwas ekliger aussehen können!« Zufrieden mit dem Erfolg, schloß er seinen Koffer wieder zu und kam nun doch zu dem Entschluß, dem guten Rat des Krugwirtes zu folgen. Gemächlich holte er sein Auto aus dem Stall, tankte, als ob er eine große Tagestour vorhätte; und fuhr gemütlich davon.

»Johannes Zacharias« – der Name hatte an letzter Stelle in Headstones Depesche gestanden und drückte ihn täglich mehr. Erst mal 'rausbekommen, was das eigentlich für ein Bursche war, wo er hauste und was er trieb. Nach Turners Einschätzung mußte es doch wohl so eine Art von Schäfer sein. Er hatte sich inzwischen erzählen lassen, daß die deutschen Wanderschäfer in ihren Herden ein ganz anständiges Kapital besäßen. Jetzt war der Kerl zu allem Überfluß auch noch verreist ... Aber halt! Turner fiel das Gespräch mit dem Krugwirt wieder ein. Der hatte ja von einem großen Garten und einer Menge von Bienenkörben gesprochen. Da mußte doch unbedingt so etwas wie ein Häuschen dazu gehören. Aber wie das herausbekommen? Im Krug durfte er nicht danach fragen. Zunächst einmal fuhr er mit seinem Wagen ein Stückchen in die Heide hinein, bis er ein kleineres Kieferngehölz entdeckte. Dort stellte er ihn gut verborgen ab und schlenderte zu Fuß in das Dorf zurück. Mit Gewalt versuchte er sich dabei seine erste Unterredung mit dem Alten wieder in das Gedächtnis zurückzurufen, damals, als er ihn ein Stück in seinem Wagen mitnahm und sie zuletzt im Heidekrug landeten. Damals hatte der doch auf irgendeine Stelle gezeigt, wo seine Wohnung sei.

Aber die Bemühungen Turners waren vergeblich. Wohl oder übel mußte er sich an Straßenpassanten wenden, die ihm unterwegs begegneten, und dabei ergaben sich neue Schwierigkeiten. Er erhielt zwar Antwort, aber in einem Heideplatt, von dem er günstigenfalls ein paar Worte zu erraten vermochte. Schon war er nahe daran, die Sache als aussichtslos aufzugeben, als ein kleines Mädchen, das mit einem Milchtopf die Straße entlangkam, auf seine Frage stehenblieb und lebhaft auf ein Haus deutete. Was das Kind dazu sagte, war für Mr. Turner noch schwerer zu verstehen als alles Vorhergehende. Aber die Gebärde war unmißverständlich. Wenn nicht alles trog, mußte das Haus, aus das die Kleine wies, das Heim des Gesuchten sein.

Mr. Turner blieb stehen und rieb sich die Augen. Gewiß, dort stand ein Haus, in der ortsüblichen Weise als Fachwerkbau errichtet, für einen wohlhabenden eingesessenen Bauern nicht einmal übertrieben groß. Vielleicht sieben oder acht Zimmer mochte es nach einer oberflächlichen Schätzung Turners enthalten, aber zu dem Bilde, das sich der Agent bisher von dem alten Heideläufer gemacht hatte, stimmte es in keiner Weise. Für einen alten Schäfer bedeutete ein Bau von solcher Größe ein Palais, ja geradezu einen fürstlichen Wohnsitz. Eine Kate mit Stube und Küche hatte er dem Alten allenfalls zugebilligt, aber niemals ein derart geräumiges Landhaus.

Immer mehr kam Turner zu der Ansicht, daß das Kind, das ihm die Auskunft gab, sich geirrt haben müsse – oder vielleicht gab's noch eine andere Möglichkeit: Der Alte konnte hier als Gärtner angestellt sein und irgendeine Turners Blicken vorläufig noch verborgene Hütte in den weit ausgedehnten Gartenanlagen bewohnen. Zweifellos, so mußte es wohl sein.

Von Zweifeln bewegt, überkreuzte Turner die Straße und ging zu dem Zaun des Anwesens hinüber. Er traf zunächst auf den gleichen Holderbusch, hinter dem einige Wochen früher Geheimrat Bergmann und Professor Livonius den alten Zacharias bei seiner Gartenarbeit beobachtet hatten, und ebenso wie diese beiden hielt er es für vorteilhaft, von hier aus erst das Gelände ein wenig zu rekognoszieren. Aber beim besten Willen konnte er nichts für ihn besonders Wichtiges entdecken. Er blickte in einen Garten, der durch hervorragend schöne Staudenbeete ausgezeichnet war und überdies noch ein Rosarium aufwies, das auch in einem fürstlichen Garten ein Schmuckstück gewesen wäre. Weiter im Hintergrund sah er ein Blockhaus; aber nach allem, was er von der Imkerei verstand – es war leider nur sehr wenig –, konnte das nur jener Bienenstand sein, von dem der Heidewirt gesprochen hatte. Als Wohnhaus für den Alten kam es nach seiner Überzeugung nicht in Frage.

Während Turner noch überlegte, ob er seinen Beobachtungsplatz aufgeben und am Zaun weitergehen solle, sah er einen jüngeren Menschen aus dem großen Haus herauskommen, der ein Fahrrad an der Hand führte. Zweifellos war das der bewußte Jochen Dannewald, jener junge Mann, der während der Abwesenheit des Alten die Wirtschaft versorgte. Turner konnte beobachten, wie er zunächst zu den Bienenstöcken hinging, sich dort allerlei zu schaffen machte und schließlich noch einen merkwürdigen hölzernen Kasten in nächster Nähe der Stöcke auf einen Stuhl stellte. Dann schwang der junge Mann sich auf sein Rad und fuhr nach hinten weiter. Offenbar hatte der Garten nach der nächsten Straße hin noch einen zweiten Ausgang.

»Gut, sehr gut!« murmelte Turner vor sich hin. »Den einzigen Menschen, der im Hause ist, sind wir los. Jetzt wollen wir mal ein wenig an Ort und Stelle nachsehen.« Er verließ seinen Beobachtungsposten und ging weiter an dem Zaun entlang, bis er zur Gartentür kam, und hier mußte Mr. Turner wieder einmal eine Enttäuschung erleben. Nur ein einziges Namensschild befand sich an der Tür, und auf dem stand der Name, der ihn nun schon seit Tagen verfolgte. »Johannes Zacharias« war dort in einfachen Buchstaben zu lesen. Also mußte der Alte doch in dem großen Hause wohnen, und alles, was Turner sich bisher über einen alten Schäfer und Heideläufer zusammengereimt hatte, geriet nunmehr ins Wanken.

Die Tür war, wie Turner sich mit einem schnellen Griff überzeugte, verschlossen. Ein Klingelknopf war daneben angebracht, und der Agent drückte der Sicherheit halber erst ein paarmal kräftig darauf. Wenn es der Teufel wollte, konnte ja am Ende noch jemand in dem Gebäude sein. Aber als sich während der nächsten Minuten niemand meldete, wurde Mr. Turner seiner Sache sicher. Eine verschlossene Tür war für ihn niemals ein Hindernis gewesen, am allerwenigsten eine einfache Gartentür.

In wenigen Sekunden hatte er sie geöffnet, betrat das Grundstück und pirschte sich vorsichtig an das Haus heran. Auch hier wieder verschlossene Türen; aber Mr. Turner verfügte über ein wohlassortiertes Aggregat von Sperrhaken. Im Augenblick war die Tür geöffnet. Der Agent blickte sich um, und unwillkürlich entfuhr ihm ein Ausruf des Staunens. Elegante Korbmöbel und mit echtem Holz getäfelte Wände. Dazwischen ein Taburett aus getriebenem Kupfer mit gediegenem Rauchzeug besetzt. Zumindest ein wohlhabender, wenn nicht sogar ein reicher Mann mußte es sein, der sich dies Heim für seine alten Tage errichtet hatte. Alles, was Turner sich bisher über den Alten zurechtgelegt hatte, zerflatterte, als er diese Einrichtung betrachtete.

Abgesehen davon war hier nichts Besonderes zu entdecken. Turner wagte sich weiter und betrat ein Nebengemach. Ein Speisezimmer, ebenfalls sehr luxuriös und gediegen eingerichtet, aber Mr. Turner interessierte es nicht länger als zwei Minuten. Wenn es in diesem Hause überhaupt etwas für ihn zu holen gab, so konnte es nur in dem Arbeitszimmer des Alten sein.

Das hieß es jetzt aufzufinden, und zu dem Zweck mußte er sich entschließen, die Treppe, die von der Diele ausging, emporzusteigen. Zu seiner Freude unterschied sie sich wesentlich von dem knarrenden Ungeheuer im Heidekrug; lautlos gelangte er nach oben und hatte bei seinem nächsten Versuch offenkundig Glück. Das Zimmer, das er jetzt betrat, war zweifellos das Arbeitszimmer des Alten.

Das erste, was ihm auffiel und ihn gar nicht erfreute, war ein moderner Stahlschrank. Selbst eine mit modernstem Schweißgerät ausgerüstete Verbrecherbande hätte viele Stunden benötigt, um diesem hochmodernen Safe mit Erfolg zu Leibe zu gehen. Für Turner war die Sache von Anfang an aussichtslos, da er auf etwas Derartiges nicht eingerichtet war.

Der Tresor schied also aus. Mochte der Satan wissen, was der Alte darin für Schätze zu verbergen hatte! Blieb noch die große Bibliothek, die in offenen Regalen in die ebenfalls mit edlem Holz getäfelten Wände eingebaut war. Begierig stürzte sich Turner darauf, um hier wenigstens Anhaltspunkte zu finden, und wieder einmal – wie oft nun schon! – erlebte er eine Enttäuschung. In der Hauptsache enthielt diese Bibliothek, die schätzungsweise aus mehreren tausend Bänden bestand, nur Werke aus dem Gebiet der Hortikultur. Diese allerdings waren mit einer fast märchenhaften Reichhaltigkeit vertreten. Nicht nur die besten Erscheinungen der deutschen Literatur auf diesem Gebiete, sondern auch die englischen und französischen Standardwerke über Gartenbaukunst und Blumenzucht waren hier so gut wie vollzählig vertreten.

Wieder und immer wieder griff Turner in die Regale, aber nur Fachwerke der genannten Art fielen ihm in die Hände. Ärgerlich schob er schließlich den letzten Band wieder zurück. Daß hier nichts von Bedeutung für ihn zu holen war, hatte er bald begriffen, und irgendwelches Interesse für die Gartenbaukunst konnte man Mr. Turner beim besten Willen nicht zusprechen, wenn sich ihm sonst auch mancherlei und nicht immer Lobenswertes nachsagen ließ.

Ein anderer Gedanke kam ihm dabei, als er einen Blick auf die Standuhr in dem Raum warf. Schon mehr als eine Viertelstunde weilte er jetzt in dem verlassenen Haus. Der junge Mensch war mit einem Rad fortgefahren, vielleicht nur, um eine kleine Besorgung in der Nähe zu machen. Unter Umständen konnte er in jedem Augenblick zurückkehren, und dann sah die Lage für Mr. Turner wenig freundlich aus. Vorsichtig schloß er alle Türen hinter sich, war bald auch mit der Eingangstür fertig und stand bereits im Garten.

Auf kürzestem Wege gedachte er wieder über den Rasen zu der Gartentür zu gehen, als sich etwas ereignete, das weder der junge Mann, der während der Abwesenheit des alten Zacharias das Haus verwaltete, noch Mr. Turner selbst voraussehen konnten.

Eins der Bienenvölker war schwarmlustig. Das hatte der brave Jochen vor seinem Weggang noch entdeckt, aber beim besten Willen war es ihm nicht möglich, im Garten zu bleiben und das Ereignis abzuwarten, denn er hatte für den Haushalt eine dringende Besorgung im Dorf zu verrichten. In höchstens zwanzig Minuten gedachte er sie mit Hilfe seines Fahrrades zu erledigen und gab sich der Hoffnung hin, daß der Schwarmflug wohl noch so lange auf sich warten lassen würde.

Immerhin hatte er vor seinem Fortgang noch eine leere Beute, eben jenen eigenartigen Holzkasten, den Turner von seinem Beobachtungsplatz hinter dem Holderbusch bemerkte, in nächster Nähe des Stockes auf einen Stuhl gestellt. Ging die Sache gut, dann würde der ausfliegende Schwarm wahrscheinlich nach Jochens Rückkehr in den Beutekasten einziehen, der zur besseren Sicherheit noch mit einigen Wabenwänden ausgerüstet war. Ging die Sache andersrum, was freilich das wahrscheinlichere war, so würde der Schwarm sich in nächster Nähe der Stöcke an irgendeinem Baum oder Busch anhängen, und Jochen Dannewald würde bei seiner Rückkehr vor der schon so oft von ihm gelösten Aufgabe stehen, ihn mit einem Schwarmkasten einzufangen und in einen leeren Stock einzusetzen.

Ein kleiner Umstand sollte diesen Gang der Dinge durchkreuzen – ein Umstand, von dem Jochen Dannewald nichts ahnen konnte und Mr. Turner fast noch weniger, weil seine ganze Bienenkenntnis sich überhaupt nur auf die geringen Honigproben beschränkte, die es in den Hotels zum Frühstück gab.

Dieser Umstand war ein in lichtestem Gelb schimmernder Panamahut, den Mr. Turner mit einem gewissen Stolz zu tragen pflegte. Nach einer in Florida durchpokerten Nacht, in der sich ihm das Glück ausnahmsweise einmal hold erwies, war er am nächsten Morgen, von guten Vorsätzen getrieben, in einen der vornehmsten Läden gegangen und hatte sich für diverse hundert Dollar einen echten Panamahut erstanden.

Daß der fällige Bienenschwarm inzwischen ausgeflogen war und in beträchtlicher Höhe über Mr. Turner seinen Hochzeitsflug vollführte, während der über den Rasen stelzte, davon hatte der Agent in diesem Augenblick keine Ahnung. Sein einziges Bestreben war darauf gerichtet, die Gartentür zu erreichen und wieder ins Freie zu gelangen.

Aber auf den Weisel, die Bienenkönigin, schien dieser so schön in der Junisonne schimmernde Panamahut eine besondere Anziehungskraft auszuüben. In jähem Sturzflug stieß sie aus der Höhe hinab und ließ sich darauf nieder, und nun ist es ja eine allgemein bekannte Tatsache, daß dorthin, wo die Königin sich zur Ruhe setzt, ihr der ganze Schwärm folgt und im Laufe weniger Minuten die bekannte lebende Traube von zehntausend und noch mehr Bienen bildet, die während des Schwärmens besonders stechlustig sind.

Ehe Mr. Turner noch eine Ahnung davon hatte, daß die Königin des jungen Schwarmes sich ausgerechnet seinen Stolz, seinen schönen Panamahut, zum Ruheplatz gewählt hatte, spürte er bereits ein von Sekunde zu Sekunde wachsendes Gewicht, und bald hingen ihm von der Hutkrempe hinab dichte Mengen von summenden Bienen um die Ohren. Und dann – er mochte wohl unwillkürlich eine Abwehrbewegung mit den Händen gemacht haben – fühlte er ein unerträgliches Stechen im Gesicht, das ihn jede Vorsicht und Überlegung vergessen ließ.

Mit einem jähen Ruck riß er sich den Hut vom Kopf und schleuderte ihn weit von sich, was ihm wiederum ein halbes Dutzend Stiche in die Hände eintrug. Einen Augenblick brummte der Schwärm stärker auf, dann aber – die Königin hatte ihren Platz offenbar nicht verlassen – ballte er sich wieder zu einer dichten Traube zusammen, so daß jetzt von dem feinen Strohgeflecht überhaupt nichts mehr zu sehen war.

Zerstochen, von starken Schmerzen gepeinigt, war Turner im Augenblick nicht in der Lage, klar zu denken. Allerlei wilde Geschichten aus seiner Jugendzeit von wütenden Bienenschwärmen, die ein ausgewachsenes Pferd, ja sogar einen Büffel zur Strecke gebracht hätten, kamen ihm in die Erinnerung. Nur das eine war ihm klar: daß es nicht ratsam war, sich noch einmal in die Nähe dieses entsetzlichen Hutes zu wagen, auf dem nun der ganze Schwarm sich niedergelassen hatte.

Soweit er noch sehen konnte, begannen dort einige der fleißigen Immen schon mit dem Bau von Wachswaben: aber mit dem Sehen von Mr. Turner war es ziemlich traurig bestellt. Sein eines Auge war durch einen Stich in das Oberlid vollkommen zugeschwollen, und auch das andere konnte er nur mit Not und Mühe noch einigermaßen aufbekommen.

Flucht war sein einziger Gedanke. Mit ein paar schnellen Schritten erreichte er die Gartentür und verzichtete in seinem augenblicklichen Zustand notgedrungen auf den Gebrauch von Sperrhaken. Mit einer kräftigen Flanke schwang er sich über den Zaun; daß der Stacheldraht seiner Person und Bekleidung dabei noch einige weitere Verletzungen zufügte, fühlte er gar nicht mehr. Halb geblendet tastete er sich die Dorfstraße entlang und war froh, daß ihm unterwegs niemand begegnete.

Eine qualvolle Viertelstunde kostete es ihn, bevor er endlich den Dorfausgang erreichte und auf die Heide kam. Mit Mühe entdeckte er das Kieferngehölz, in dem er seinen Wagen abgestellt hatte, mit noch größerer Mühe schließlich auch den Wagen selbst. Ein weiteres Kunststück war es, die Wagenschlüssel in seiner Jackentasche zu fassen und den Wagen aufzuschließen. Daß sich bei seinem Abenteuer auch einige matte Bienen in seine Rocktasche verirrt hatten und sich noch zu guter Letzt durch ein paar kräftige Stiche bemerkbar machten, nahm er als unabwendbares Schicksal hin.

Erschöpft ließ er sich auf das Polster des Hintersitzes fallen, um erst einmal wieder zu Kräften und zur Besinnung zu kommen. Aber entsetzt fuhr er wieder auf, als er sein Gesicht in einem an der Wagenwand gegenüber befestigten Spiegel erblickte. Heiliger Himmel, wie hatten ihn diese elenden Insekten zugerichtet! Wohl ein rundes Dutzend von Bienenstichen umrahmte sein Gesicht, und fast auf das Doppelte seines früheren Umfanges war es dadurch angeschwollen.

Er hatte das bittere Gefühl, daß ihn jedes bessere Varieté in New York bei seinem jetzigen Aussehen sofort zu einer hohen Gage als Exzentrikclown engagieren würde. Und das war nicht einmal das Schlimmste. Durch einen Stich auf das rechte Augenlid hatte sich dies Auge vollkommen geschlossen, und auch das linke mußte er nun schon mit der Hand öffnen, wenn er überhaupt noch sehen wollte; denn auch hier nahm die Schwellung ständig zu. Wie er in diesem Zustand auch nur bis zum Heidekrug kommen sollte, war ihm im Augenblick vollkommen schleierhaft und egal. Zuerst einmal überkam ihn hier in seinem Wagen ein Gefühl von Geborgenheit, das fast wohlig zu nennen gewesen wäre, wenn die Immenstiche nicht so niederträchtig geschmerzt hätten.

Schicksalsergeben streckte er sich aus dem bequemen Wagenpolster aus, und ganz allmählich kamen seine Gedanken wieder einigermaßen in Reih und Glied. Ganz dunkel erinnerte er sich, daß irgendwo, in einer rechten oder linken Seitentasche des Wagens, eine Art von Reiseapotheke oder Verbandkästchen stecken müsse. Bisher hatte er sich noch niemals darum gekümmert. Jetzt begann er danach zu suchen und entdeckte es nach kurzer Zeit.

Sogar noch mehr, als er ursprünglich erwartete, enthielt das schlanke Kästchen aus vernickeltem Leichtmetall. Wenn man es genauer betrachtete, war's eine recht nette Reiseapotheke mit allerhand Fläschchen und Geräten. Das erste, was Mr. Turner ins Auge fiel, war ein geschliffener Spiegel auf der Innenseite des Deckels, und mit Schaudern mußte er feststellen, daß sein Äußeres während der letzten Minuten noch ein gutes Teil grotesker geworden war, und noch etwas bemerkte er, was ihm bisher entgangen war: In jeder der Stichstellen steckte noch der Stachel mit der Giftblase und einem Teil der Eingeweide, die sich die stechende Imme ja bekanntlich aus dem Leibe reißt.

Mr. Turner empfand, daß hier etwas geschehen müsse, und der nächste Griff in das Kästchen führte ihm auch gleich ein dazu geeignetes Instrument in die Hände, eine ebenfalls fein vernickelte Pinzette, mit der es unter Zuhilfenahme des Spiegels nicht schwer war, die einzelnen Stacheln zu greifen und sauber aus den Wunden zu ziehen. Es war eine ziemlich schmerzhafte Angelegenheit, aber sobald Turner sie einmal hinter sich hatte, verspürte er auch eine gewisse Linderung; wenigstens das unerträgliche Brennen und Jucken ließ merklich nach.

Durch diesen ersten Erfolg ermutigt, suchte er in der nützlichen Schatulle weiter und entdeckte ein zweites Fläschchen. Auf dem Etikett stand: »Salmiakgeist; äußerlich unverdünnt anzuwenden bei Insektenstichen und Schlangenbissen.« Eilig griff Turner nach dem Fläschchen, ein Wattebausch wurde getränkt, und eifrig begann er sich sein zerstochenes Gesicht damit abzutupfen. Schon nach wenigen Minuten konnte er die Wirkung spüren. Das Brennen ließ fast völlig nach, und auch die Geschwulst ging wenigstens so weit zurück, daß er jetzt das eine Auge aufbekam, ohne die Finger zu Hilfe nehmen zu müssen.

Einmal so weit, begann sein Geist sich bereits mit den nächsten jetzt akut werdenden Fragen zu befassen. Wohin zunächst? In den Heidekrug zurückzukehren, war bei seinem derzeitigen Aussehen ausgeschlossen. Glücklicherweise hatte er am Morgen im Krug für eine lange Tour getankt, und das kam ihm jetzt recht gut zupasse. Sein Entschluß war schnell gefaßt: Erst einmal wenigstens einige sechzig Kilometer nordwärts in die Heide fahren. Wenn es nicht anders ging, im Wagen selbst übernachten, lieber noch in irgendeiner Wirtschaft einkehren und dort die Nacht verbringen, bis er sich wieder einigermaßen unter Menschen sehen lassen konnte. In der Reiseapotheke hatte er noch ein Fläschchen mit essigsaurer Tonerde entdeckt; damit wollte er kräftig kühlen, sobald er ein passendes Quartier fände, und dann würde morgen, spätestens übermorgen hoffentlich wieder alles in Ordnung sein.

So schnell, wie Turner seinen Entschluß gefaßt hatte, führte er ihn auch aus. Schon wenige Minuten später sprang der Motor an, der Wagen schlängelte sich ein wenig unsicher – man fährt mit einem Auge nicht so gut wie mit zweien – aus dem Kiefernkamp heraus, lief noch ein Stück über die Heide und erreichte dann eine nach Norden führende Landstraße, auf der er in schnellerem Tempo weiterfuhr.

* * *

 

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