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Himmelfahrt

Hermann Bahr: Himmelfahrt - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Bahr
titleHimmelfahrt
publisherS. Fischer Verlag
printrun13.?16. Auflage
year1919
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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Sechstes Kapitel

Franz stand noch immer und glaubte zu träumen. Kein reineres Antlitz hatte er im Leben gesehen. Er folgte ihr, aber als er aus der Kirche trat, war sie fort. Wer konnte sie sein? Er kannte doch vom Sehen die halbe Stadt. Vielleicht war er ihr schon oft begegnet, vielleicht sah sie sonst ganz anders aus, vielleicht war es nur der Abglanz ihrer Andacht, der sie verklärte, und die Himmlischen meinten es gut mit ihm, als sie sie ihm entrückten. Er wäre wahrscheinlich arg enttäuscht gewesen.

Dennoch kam er am anderen Tage wieder, es ließ ihm keine Ruhe. Er sah sie wieder. Unbeweglich kniete sie. Er hielt sich fern, in ihrer Versunkenheit bemerkte sie nichts. Die Stille des ungeheuren leeren finsteren Raumes lag so schwer auf ihm, daß er das Flackern der tropfenden Kerzen schlagen zu hören glaubte. Oder war es das Herz der erstarrten Beterin?

Sie stand auf, er duckte sich ins Dunkel. Er sah sie noch sich mit dem heiligen Wasser besprengen und noch einmal niederknien. Er wagte nicht ihr zu folgen. Er hätte sich nur mutwillig den schönsten Traum zerstört. Er kam am dritten Tage wieder, vor ihr. Er setzte sich in die Bank, der Mutter Gottes gegenüber. Seltsam war es, so zu sitzen, allein mit ihr. Er ertrug den Anblick nicht. Er hatte das Gefühl, etwas Unerlaubtes zu tun. Er trat ins Seitenschiff, hörte Schritte, sah sich nicht um, und, unentschlossen, weil er so gern in ihrer Nähe geblieben wäre und dabei doch eine Art Scham empfand, war er plötzlich auf den Knien vor dem Altar; er hätte nicht sagen können, wie das geschehen war. Er mußte nun schon bleiben. Das war jetzt an die dreißig Jahre her, seit er zum letztenmal so vor einem Altar gekniet. Und er hatte das Gefühl, daß er gern gebetet hätte, daß es aber nicht recht gewesen wäre. Er war verwirrt. Es dauerte lange, bis er die Schritte sich wieder entfernen hörte. Er gelobte sich, nicht wiederzukommen. Er wollte sie vergessen. Er verbrachte den Abend beim Bruder, den nächsten Tag in hastiger Geschäftigkeit. Es half nichts. Er wurde das Abenteuer sicher nicht los, bevor er sie sah. Wenn er sie nur erst gesehen, war er entzaubert. Ein ältliches Fräulein vermutlich, unelegant, zimperlich, kleinstädtisch, albern, reizlos, sobald man ihr die mystische Beleuchtung nahm. Er hatte nur vor der Kirche auf sie zu warten, damit brach er auch sein Gelöbnis nicht. Aber da kam Anton und bat ihn, mit ihnen zum Begräbnis der Hofrätin zu fahren; sie wären das dem Domherrn schuldig, dessen Empfindlichkeit zu schonen sie Gründe hatten. Franz wußte noch gar nicht, daß sie gestorben war. Sie hatte sich schon wieder fast ganz erholt, war aber gegen die Warnung des Arztes zu früh ausgegangen, zu lang ausgeblieben, fiebernd heimgekehrt, und als eilends ihr Sohn geholt wurde, blieb ihm kaum Zeit, Abschied von ihr zu nehmen. »Du tätest mir einen großen Gefallen mitzukommen,« sagte Anton. »Die Exzellenz nimmt derlei sehr genau. Und es wird auch ganz interessant für dich sein, du siehst einmal alles beisammen. Wir haben ja sonst hierzulande kaum eine Geselligkeit, meine besten Freunde seh ich fast nur noch bei Leichenbegängnissen.«

Sie fuhren feierlich zur Stadt, Franz mit dem Bruder und der Schwägerin und dem alten Onkel Erhard. Gabsch neckte den Onkel, den die Hofrätin noch bei ihrem letzten Besuche verdächtig ausgezeichnet haben sollte: »Alte Liebe rostet nicht!« Onkel Erhard brummte: »Das ist so lang her, daß es schon gar nicht mehr wahr ist! Und dann: wen hat sie denn nicht – ausgezeichnet? Möcht wissen!« Er lachte. »Wenn die heute alle da sind, ist die Kirche zu klein. Ja das war eine! No ich bin gewiß nicht indiskret, aber es ist ja stadtbekannt. Donnerwetter, Donnerwetter, Donnerwetter! Ja das waren noch Zeiten! Ein Prachtweib! Und daneben der alte Schulrat, ihr Mann, armer Kerl! Aber muß er auch mit fünfzig ein Mädel nehmen, das kaum sechzehn? No und dann sein Tod, das war auch eine schöne Geschichte! Sie aber hat das alles übertaucht, ein Prachtweib, den Schlag gibt's heute gar nicht mehr, die wahren Weiber sterben aus!« Wie denn das mit dem Tode des Schulrats eigentlich gewesen sei, fragte Gabsch neugierig. Der Onkel zwinkerte, aber Anton, dem die Wendung des Gesprächs unangenehm zu sein schien, sagte leichthin: »Der Schlag hat ihn halt getroffen.« Der Oheim zwinkerte wieder und fragte lüstern: »Aber wie? Das is es!« Anton sagte trocken: »Ich war nicht dabei, denn ich war noch gar nicht auf der Welt.« Onkel Erhard grinste: »Dabei war ich leider auch nicht, aber wir wollen ja die Gabsch nicht verderben!« Er schnaufte, sein Gesicht wurde rot unter dem stattlichen weißen Barte, und Franz fielen zum erstenmal die langen spitzen haarigen Ohren auf. Aus dem Patriarchen schielte plötzlich ein Faun. »Ich bin doch kein kleines Kind mehr,« sagte Gabsch gekränkt. »Ich werd dir's schon erzählen,« sagte Anton, in einem Ton, daß sie schwieg. »Dein Mann wird dir's schon einmal erzählen, in einem passenden Augenblick,« sagte der Onkel, grinsend. »Es ist wirklich kein Gespräch für ein Begräbnis. Denn er starb in einem Moment der höchsten Lebendigkeit. Glück muß man haben!« Anton wiederholte: »Es ist wirklich kein Gespräch für ein Begräbnis.« Der alte Herr schwieg ungern. Franz erinnerte sich jetzt dunkel, von der Geschichte gehört zu haben. Man erzählte sich, die Magd, mitten in der Nacht aufgeschreckt durch Hilferufe, habe den Toten nackt auf dem Boden ausgestreckt gefunden, die Schulrätin daneben mit offenem Haar, seltsam geschmückt, Lilienstengel in der Hand, zwischen hohen Spiegeln.

Das Begräbnis war sehr feierlich. Alle die großen alten Namen des Landes beisammen. Adel, Geistlichkeit, Behörden. Und die ganze Stadt, jung und alt, auch eine Schar von Armen, der Wohltäterin nachweinend. Aber Franz hatte das Gefühl, als ginge noch ein Trauergast geheim im Zuge mit, jenes unpassende Gespräch nämlich: auf allen Mienen fand er das lüsterne Grinsen des Oheims wieder, während die schweren Glocken läuteten. Es schien das allgemeine Gespräch bei diesem Begräbnis.

 

Franz fuhr nicht mit zurück. Er wollte allein sein. Er begriff die Menschen nicht, die, jetzt in Tränen aufgelöst, schon im nächsten Augenblick wieder schwätzen können. Er hatte die Hofrätin wenig gekannt und der Tod alter Leute hat ja nichts Drohendes. Aber an jedem Grab empfand er das Geheimnis unseres Lebens. Wir tun ja mit dem Tode so vertraut, jeder behauptet zu wissen, daß alle sterben müssen, und für sich selbst glaubt's eigentlich im Grunde doch keiner. Es sagt's bloß einer dem anderen nach, wie man etwa sagt: Die Welt wird einmal untergehen. Nämlich mit dem stillen Vorbehalt: Aber mich hält sie schon noch aus. Mit einem ähnlichen Vorbehalt sagen wir: Auch ich muß einst sterben. Nämlich dieses Einst ist immer noch so unendlich weit! Und genau genommen, meinte Franz, glauben wir alle zwar auch einst sterben zu müssen, aber doch gewissermaßen selbst nicht mehr dabei zu sein. Was wahrscheinlich eine ganz richtige Empfindung ist: Der Tod gehört nicht mehr dazu, unser Sterben erleben wir ja nicht, ich bin ja der Tote nicht mehr! Nur an Gräbern fragt es uns bang: Wenn du dann aber doch noch wärst? Das ist es, was uns den Tod fürchten läßt. Wir sind doch eigentlich immer froh, wenn wieder ein Tag vorüber ist. Wir feiern es, wenn das Jahr vorüber ist! Welch ein Fest also, wenn endlich alles vorüber ist! Nur daß wir doch nicht sicher sind, ob dann auch alles vorüber ist!

Wenn es kein Ende, wenn es der Anfang wäre? Nur darum fürchten wir den Tod. Eigentlich fürchten wir nur, im Tode doch nicht tot zu sein. Und bloß die Furcht vor jenem Leben dann macht uns dieses Leben hier lieb. Aber ich glaube doch an jenes Leben gar nicht! Oder beweist meine Furcht vor dem Tode, daß ich doch daran glaube? Daß es tief in mir doch daran glaubt und ich nur wähne, nicht daran zu glauben?

Franz hielt ein. Er war durchs Moor in die Au gelangt und stand am Flusse. Er hatte wieder einmal so stark das Gefühl, ganz unbekannt mit sich zu sein. Sein Leben lag weit hinter ihm. Der hier am Flusse stand, in Todesangst vor Ratlosigkeit, war das der erfahrene, weltgewandte, spöttische Kenner und Künstler, mit der Wissenschaft und der Kunst so vertraut, daß er sie längst alle durchschaut hatte? Es kam ihm vor, als hätte er immer sozusagen hinter seinem Rücken gelebt und alle Wissenschaft, alle Kunst wäre nur eine Wand, um sich vor sich selber zu verbergen. Er erschrak vor der tiefen Unwirklichkeit seines Lebens. Es gab auf nichts Antwort. Er hatte nur immer auf der Flucht vor den Fragen gelebt. War das vielleicht der Sinn aller Wissenschaft und Kunst, uns die Fragen nicht hören zu lassen? Und die Fragen hörten aber doch zu fragen niemals auf! Wenn Wissenschaft und Kunst nur Betäubungen wären? Und dann kommt der Tod und nimmt sie uns? Und wir erwachen? Und können den Fragen nicht mehr entfliehen und müssen doch antworten? Und hätten doch niemals antworten gelernt? Hätten vor lauter Leben das Leben versäumt: uns auf den Tod zu bereiten? Und unwillkürlich sah er wieder Onkel Erhards am Grabe noch in lüsternen Erinnerungen grinsendes Gesicht. Der dachte nicht daran, daß auch er vielleicht einst erwachen muß.

 

Es dunkelte schon, als sich Franz, aus dem Gehölz auf den Weg einbiegend, unversehens vor dem Domherrn fand, der auch an diesem Tage seinen gewohnten Abendgang nicht unterließ. Der freundlichen Einladung, ihn zu begleiten, konnte sich Franz nicht gut entziehen. Der Klang der priesterlichen Stimme tat ihm wohl. Die Exzellenz erzählte, wie sich die Verewigte noch in den letzten Tagen immer nach Franz erkundigt und es gar nicht hätte erwarten können, ihn nach so vielen Jahren wiederzusehen. »Es ist mir sehr leid, auch deinetwegen. Sie war eine der merkwürdigsten Frauen, einer der merkwürdigsten Menschen, besonders in der letzten Zeit, als sie, vielleicht schon in einem gewissen Vorgefühl, ihr ganzes Wesen zusammennahm. Sie gehörte zu den Menschen, die sozusagen an der Grenze leben, hier und dort zugleich, in denen sich die beiden Welten nicht bloß zuweilen berühren, sondern die andere gewissermaßen allmählich herein wächst in die unsere, in die, die wir mit den Sinnen wahrnehmen oder eigentlich, richtiger gesagt, nur für wahr nehmen, sie ist es ja nicht, sie ist Lug und Trug, von unseren Sinnen vor die Wahrheit hingespiegelt, uns diese verhüllend. Meine Mutter muß einmal etwas erlebt haben, wodurch ihr dieser Wahn zerriß. Den meisten Menschen geschieht das erst in der Todesstunde, sie aber hat damit weiter gelebt, noch viele Jahre, freilich aber ohne seitdem jemals wieder vergessen zu können, daß es ja nur ein Traum ist. Sie hat damals den Tod geschaut, und den Tod im Auge lebte sie seitdem, aber, was das Seltsame war: mit ungestörtem Appetit, ja es schien fast, als hätte sie, seit sie wußte, bloß zu träumen, noch einmal so gern geträumt und auch den verwegensten Traum nicht gescheut, in der ermutigenden Gewißheit, daß sie ja daraus erwachen wird, nicht bloß einst, dort, sondern hier schon, immer wieder von Zeit zu Zeit. Eben weil sie unser irdisches Leben durchschaut und seine Nichtigkeit, Eitelkeit und Wesenlosigkeit erkannt hatte, konnte sie sich darin seitdem mit einer Freiheit und heiteren Zuversicht bewegen, deren Anmut und bezaubernder Laune niemand widerstand. Was den meisten verborgen bleibt, empfand sie tief, daß wir nämlich auch hier auf Erden schon, auch in der Zeit schon, noch ein zweites Leben haben, und daß dieses, wenn auch den Sinnen unvernehmlich, unser wahres Leben ist, während jenes, das wir vermeintlich erleben, nur unser eigener Dunst ist, aber vor der Wahrheit, im Tode nämlich, zergeht. Wenn man gern sagt, daß das Leben nur ein Traum ist, so wird dadurch eine ganz richtige Empfindung doch nur halb und uneigentlich ausgedrückt. Das Leben ist die Wahrheit, wird aber, indem es durch das Element unserer alles trübenden Sinne geht, dadurch für uns zum Traum. Das irdische Leben und das himmlische sind eins. Es ist immer dasselbe Leben, nur einmal mit Menschenaugen gesehen, das andere Mal mit dem Auge Gottes. Nicht, daß unsere Augen erloschen und wir blind wären für das leuchtende Licht, nein, unser Auge ist für den Lichtreiz empfindlich geblieben, nur nicht mehr genug, um sehen zu können, sondern gerade bloß noch so viel, daß es, durch das Licht gereizt, in Bewegung, in Tätigkeit gerät und nun selbst einen Schein, aber bloß sozusagen sein Eigenlicht hervorbringt, eben die Täuschung des Lebens, in der wir uns abmühen und die doch nicht bloß Täuschung ist. Daher das Grundgefühl der meisten Menschen, sich ewig umsonst zu plagen, aber als ob diese Sinnlosigkeit, zu der wir verdammt sind, doch einen Sinn hätte, nur für uns nicht oder doch heute noch nicht, aber vielleicht schon morgen. Meine Mutter mag nun einmal, sie muß wohl einmal, irgendwie furchtbar aufgeschreckt, die Wahrheit, das Licht oder wie du das andere Leben nennen willst, erblickt haben. Wer mit ihr verkehrte, hatte das Gefühl, daß sie mit den Geheimnissen in Verbindung stand, sie schien etwas zu wissen. Merkwürdig war aber, daß sie sich dadurch im Weltlichen durchaus nicht stören ließ, im Gegenteil: sie genoß es nun erst recht, eben in der Gewißheit, daß Lust und Leid unseres irdischen Lebens Selbsttäuschungen sind. Sie saß in ihrem eigenen Leben wie im Theater, lachend und weinend, als wenn das alles wahr wäre, aber mit dem Gefühl, leicht lachen und weinen zu können, weil sie doch wußte, daß das alles ja doch nicht wahr war. So wurde ihr alles zum Spiel. Das trifft ja bald einer, solang es ihm gut geht, aber sie hat Lust und Leid zerspielt, auch Leid. Ja, sie hat auch ihr Spiel mit Lust und Leid noch wieder zerspielt, bis es auch wieder zunichte wurde, bis auch das Spiel kein Spiel mehr war, bis sich auch im Spiele wieder die ganze Tiefe des ungeheuren Abgrunds auftat. Sie wußte, daß alles bloß ein Spiel ist, aber auch von welcher Bedeutung, um welchen Einsatz! Sie wußte, daß unser irdisches Leben spielt, aber um die ewige Seligkeit oder Verdammnis. Klugen Leuten schien sie eine Heuchlerin, einfachen Menschen fast eine Heilige. Ich habe sie sterben gesehen und möchte mir nur wünschen, daß es mir dereinst so leicht wird.«

 

Es war ganz dunkel geworden. Franz wußte kaum, ob der Priester mit ihm sprach. Nun gingen sie stumm am gurgelnden Flusse, bis Franz sagte, mehr zu sich selbst: »Und das also wäre die Wahrheit?«

Der Domherr hielt im Schreiten ein, sah verwundert auf Franz, als ob er sich jetzt erst erinnerte, daß er einen Zuhörer hatte, und sagte, wieder ausschreitend: »Nein, natürlich nicht! Aber österreichisch ist es, und vielleicht nur einem Österreicher überhaupt verständlich. Es gibt bei uns einen Leichtsinn aus Tiefe, wie es draußen einen Tiefsinn aus Leere gibt, da möcht ich nicht tauschen. Du darfst übrigens ja nicht meinen, meiner Mutter sei dies alles bewußt gewesen, ich habe dabei wohl auch etwas stark schematisiert. Ganz instinktiv ging in ihr das Umschalten vor, so könnte man es ja nennen; eben noch entrückt, stand sie schon im nächsten Augenblick wieder beherzt auf der Erde fest, nur desto verwegener, in der Gewißheit, ja wieder wechseln zu können, wie man auf Reisen dreister ist als sonst, in dem Gefühl, morgen wieder über alle Berge zu sein. Sie war in diesem Leben immer auf der Reise. Und lange genug, um sich schließlich zu freuen, heimzukehren.«

»Und dennoch wäre das,« sagte Franz, »zwar eine gute Methode, sich mit dem Leben abzufinden, aber noch immer die Wahrheit nicht?«

»Gewiß nicht,« erwiderte der Priester.

»Und die Wahrheit?« fragte Franz wieder.

»Da darfst du mich nicht fragen,« sagte der Domherr.

»Wen sonst?« fragte Franz.

»Der Staat,« sagte der Priester, »hält sich ja Leute genug, die von Amts wegen die Wahrheit haben. Und in der größten Auswahl, für jeden Geschmack, in jeder Preislage, denn meine, lieber Graf, würdest du mir ja doch nicht glauben.«

»Welches ist Ihre?« fragte Franz leise.

»Solltest du noch nicht bemerkt haben,« sagte der Domherr, »welches Gewand ich trage? Ich kann dir leider nur mit der ganz gemeinen Wahrheit dienen. Vielleicht hast du noch einen kleinen Katechismus, da steht sie.«

Sie gingen eine Weile stumm nebeneinander, bis sich Franz das Herz nahm und wieder begann: »Der Zufall, daß ich Ihnen heute begegne, Sie begleiten darf und wir gerade in dieses Gespräch geraten, ist zu merkwürdig. Ich hatte schon seit Wochen vor, mich um Rat an Sie zu wenden. Ich fand nur nicht den Mut dazu, mich hielt eine gewisse Scham ab, vielleicht auch die Furcht, Ihnen lästig zu fallen, oder um ganz aufrichtig zu sein, das Gefühl, daß Sie mich nicht ganz ernst nehmen. Es wird mir auch nicht leicht zu gestehen, in welcher Verwirrung ich bin. Eins darf ich sagen: ich habe den besten Willen. Das ist aber auch das einzige, und das scheint nicht zu genügen.« Er schwieg in Erwartung. Es dauerte lange, dann sagte der Priester kurz: »Nein, das genügt nicht.« Nach einer Weile fuhr Franz fort: »Ich habe die ganze Welt abgesucht und nichts gefunden. Ich gab es auf zu suchen und kam heim. Ich täusche mich vielleicht, aber mir kommt vor, daß es hier Menschen gibt, die das haben, was ich nirgends finden konnte.« Da Franz schwieg, fragte der Priester nach einer Weile: »Was?« Franz antwortete nicht gleich, er schien erst das rechte Wort zu suchen, endlich sagte er: »Sicherheit. Innere Sicherheit, meine ich. Menschen, die den Weg wissen.«

»Ja,« sagte der Priester. »Aber solche Menschen gibt es überall.«

»Mag sein,« fuhr Franz fort. »Es liegt vielleicht an mir, daß ich sie früher nicht bemerkt habe, jetzt aber bin ich so weit. Mein Bruder Anton zum Beispiel hat diese Sicherheit, die den sogenannten großen Männern unserer Zeit, der Auslese der heutigen Menschheit, soweit ich sie kennen gelernt habe, fehlt. Er weiß seinen Weg, und nichts macht ihn irre. Und er ist nicht der einzige. Es gibt viele. Ich sah sie mir näher an, sie hatten miteinander nichts gemein als ihren Glauben, alle waren fromm. Von Wissenschaft und Kunst enttäuscht, mußte ich mich also fragen, ob ich nicht, was sie mir schuldig geblieben waren, im Glauben fände.«

Nach einer Weile fragte der Priester: »Und?«

»Ja,« sagte Franz, »mir ging's aber seltsam, denn keiner dieser Menschen läßt sich mit mir ein, sie scheinen verlegen, erst wollen sie mich gar nicht verstehen, endlich geben sie zwar zu, selbst fromm zu sein, sind aber durchaus nicht zu bewegen, auf meine Fragen einzugehen, und will ich nicht zudringlich sein, so muß ich mich bescheiden. Anton wird rot, wenn ich davon beginne, ich sehe ihm an, daß es ihm peinlich ist, er scheint zu glauben, daß ich mich über ihn lustig mache, und bittet mich schließlich geradezu, davon aufzuhören. Und so die anderen auch, an wen immer ich mich wende! Ich weiß nicht, weshalb man mir so sehr mißtraut.«

»Was willst du denn von den guten Leuten eigentlich?« fragte der Priester.

»Ist es nicht ganz natürlich, daß, wer Menschen richtig leben sieht, gern von ihnen erfragen möchte, nach welchen Grundsätzen, auf welche Weise, nach welcher Methode?«

»Ich riet dir schon,« sagte der Priester, »dich nach einem Katechismus umzusehen.«

»Auch Sie wollen mir nicht Rede stehen!« klagte Franz. »Denn es muß dabei doch noch irgendein Geheimnis sein, das nirgends geschrieben steht. Warum will mir das keiner sagen?«

»Vielleicht,« antwortete der Priester, »vielleicht ist es ein Geheimnis, das sich nicht sagen läßt, sondern bloß tun.«

»Was aber tun?« fragte Franz.

»Das Gebot,« sagte der Priester.

»Gerade dazu muß man es mir doch aber erst erklären,« erwiderte Franz heftig.

»Nein,« entgegnete der Priester, »das ist eben dein Irrtum. Du beklagst dich über Kopfschmerzen, an denen du seit Jahren leidest. Ich rate dir Antipyrin zu nehmen, das mir dagegen stets geholfen hat. Aber du, statt es einfach zu nehmen und abzuwarten, ob es auch dir hilft, verlangst, daß ich dir erklären soll, warum es hilft. Ja das weiß ich selbst nicht, und der Arzt, der es mir verordnet hat, weiß es auch nicht. Es hat so viele geheilt, vielleicht heilt es auch dich, versuch's, mehr können wir dir nicht sagen, und wenn du vorziehst, dein Kopfweh zu behalten, können wir dich daran nicht hindern. Es ist vielleicht ein nicht ganz schicklicher Vergleich, und ich bitte dich, mich nicht mißzuverstehen! Unsere Religion schreibt ein gewisses inneres Regime vor, das du ja kennst. Du hast seit Jahren davon keinen Gebrauch gemacht, sondern anders gelebt, fühlst dich dabei aber nicht wohl und willst die Diät wechseln. Nun bemerkst du, wie wohl sich dein Bruder fühlt, du bemerkst an ihm und an anderen, welche Wirkungen unser Regime hat. Willst du diese Wirkungen auch für dich, so wend es an! Das Radium kann dir auch niemand erklären, und wenn du dich weigerst, es zu gebrauchen, solange dir nicht bewiesen wird, was es ist und wodurch es wirkt, ist dir nicht zu helfen. Wir leben alle vom Sonnenlicht, aber keiner weiß, weder was Licht noch was Leben ist. Keine Wahrheit läßt sich von außen beweisen, sie wird durch die Tat allein erbracht. Seit aber aus dem Menschenleben ein Debattierklub und Diskussionsabend geworden ist, der erreden will, was nur erlebt werden kann, steht alles auf dem Kopf, ganz wörtlich, und ein Kopf, mißbraucht, darauf zu stehen, statt damit zu denken, ist ein klägliches Ding. Setze deinen Fuß ins Leben, und hast du dann erst gelebt, so wirst du's vielleicht schon auch einmal begreifen lernen, und lernst du's nie, so hättest du doch gelebt, was euresgleichen stets versagt bleibt. Dir wird innerlich zugerufen: Steh auf und wandle, aber du, statt aufzustehen und zu wandeln, willst, daß dir erst bewiesen und erklärt werden soll, wieso. Niemand kann dir erklären, warum oder wodurch du siehst oder hörst. Die sehende, die hörende Kraft in uns bleibt ein ewiges Geheimnis, das uns nur durch den Gebrauch allein bewiesen wird. Mache von den Geheimnissen Gebrauch, dann werden sie sich dir beweisen, so handgreiflich, daß du nach ihrer Erklärung gar nicht mehr fragst! Du siehst, hörst, atmest, bewegst dich, lebst und stirbst, und Sehen, Hören, Atmen, Bewegung, Leben und Sterben ist alles unerklärlich, stört dich das? Natürlich ist dein Bruder verlegen, wenn er dir beweisen soll, daß und aus welchem Grunde und mit welchem Recht er atmet. Aber wenn du mich so fragst, ich kann dir nur raten, atme, da sich ja herausgestellt hat, daß es dir unmöglich ist, nicht zu atmen, und wenn dir dieser Beweis noch nicht genügt, ersticke, das steht dir ja frei!«

»Dann weiß ich nur nicht,« sagte Franz, »wozu wir aber Priester haben.«

Der Domherr antwortete: »Ich sagte schon, daß es ein ungeziemender Vergleich ist, aber mit jedem Menschen muß man seine Sprache sprechen, und so sei mir verziehen, wenn ich sage: das Radium, das Antipyrin muß doch irgendwo aufbewahrt werden, diesen Beruf haben wir Apotheker Gottes. Ich wiederhole nochmals: Es ist bloß ein Vergleich und jeder Vergleich hinkt, auch ist es ein recht unwürdiger, ein schamloser Vergleich, aber ich kann mit dir nur in deinem Jargon reden, meine Sprache verstehst du ja nicht!«

 

Franz wunderte sich. Er hörte schon gar nicht mehr auf die Worte des Priesters, er hörte nur noch den Ton einer seltsamen Gereiztheit aus der ruhig fließenden Rede. Irgendein unterdrückter Ärger klang durch, den er sich nicht recht erklären konnte. Vielleicht war der Domherr in Gedanken noch bei seiner toten Mutter, es tat ihm weh, sich von ihr loszureißen, um ein gleichgültiges Gespräch. Aber schon sprach der Domherr wieder: »Du wunderst dich? Ich sollte noch gerührt, ja geschmeichelt sein, daß du die Freundlichkeit hast, dich mir anzuvertrauen, dich meiner zu bedienen? Leugne nicht, du bist enttäuscht, daß ich nicht gleich ein Schwein schlachte für den verlorenen, wiedergefundenen Sohn! Ihr seid alle so bodenlos eitel auf die winzigste Regung eines besseren Gefühls. Als ob wir wirklich bloß darauf zu warten hätten, bis es euch einmal gefällig sein wird!«

Merkwürdig, dachte Franz, wie er mich errät und doch mißversteht! Er hat recht, ich bin enttäuscht. Ich hatte mir Rat von ihm erhofft. Warum soll es aber unbescheiden sein, wenn ich mich an ihn wende? An wen sonst? Hat er denn nicht die Pflicht?

»Nein,« fuhr der Domherr fort, »es ist nichts als Eitelkeit und diese verdammte Selbstüberschätzung! Du möchtest der Abwechslung halber nun auch davon einmal kosten, es nun auch damit einmal versuchen. Welche Ehre, welche Auszeichnung für uns! Als du zu dem Professor in Leipzig zogst, hast du da gemeint, der Chemie ein besonderes Kompliment damit zu machen, daß ein Graf Flayn sich herabläßt, sie zu studieren? Aber wenn du jetzt auf einmal Lust hast, ein Semester lang Katholizismus zu belegen, um zu sehen, ob dir nicht die Kirche vielleicht noch irgendeine Sensation zu bieten hat, staunst du, daß wir nicht gleich alle Glocken läuten und dich unter den Gnaden und Wundern nur aussuchen lassen, was dir am besten konveniert! Wissenschaft und Kunst haben dich enttäuscht, aber ich will dir sagen, warum: weil du dich ihrer bloß bedienen willst, statt ihnen zu dienen. Du suchst überall nur dich, darum findest du auch nichts als dich, und das kann selbst der größten Genügsamkeit nicht genügen. Jetzt soll's der Zauber der Kirche! Das ist aber wieder ein Irrtum. Sie zaubert nicht. Sie hat weder Elixiere noch Narkotika, sie ist kein Genußmittel, sie hat nur die Wahrheit. Und mit der kannst du nichts anfangen. Du bist ein schwacher Mensch, der sich bald aufpulvern, bald einschläfern will, alles immer nur in dem Wunsche, sich endlich einmal wohl zu fühlen. Sie aber ist für Menschen, die stark genug sind, es ertragen zu können, daß wir uns hier niemals wohl fühlen. Mit dem Feuer spielt man nicht, aber du kannst ja nichts als mit allem bloß spielen. Nichts für ungut, ich warne dich nur, denn es täte mir leid, wenn du dir die Finger verbrennst.«

 

Franz erinnerte sich der Szene, wie der Räuber Moor dem Kosinsky, der sich ihm anbietet, den Galgen zeigt. Aber wo blieb da die berühmte katholische Kunst des Seelenfangs? Sehr klug war das vom Domherrn eigentlich nicht. »Sie machen mir nicht gerade Mut!« sagte er.

Der Priester erwiderte: »Ihr mißversteht die Kirche. Sie will niemand einfangen; Gott holt sich die Seinen schon selbst, dazu braucht er die Kirche nicht, Gott ruft den Menschen, und wer so taub ist, daß er Gott nicht hört, dem wird's auch nichts helfen, wenn die Kirche noch so schreit. Nein, die Kirche hat Gott eingesetzt, daß sie da sei, daß in der Zeit ein Gefäß des ewigen Lebens sei, daraus, wer nach dem Leben hungert, gespeist wird. Nicht aber, verehrter Herr Graf, um blasierte Magen zu animieren wie deinen, nicht als Kaviar für dich.« Und er fuhr lachend fort: »Ja das kommt dir unerwartet, weil's ja nicht recht mit mir stimmt? Du hast doch viel über mich gehört, ich soll ja ein ganz abgefeimter Politiker sein, nicht? Und ich kann es auch gar nicht leugnen. Leider! Wer meint, ich sei's aus Passion, irrt nämlich, da wüßt ich mir bessere. Aber sein Hausrecht muß auch das Haus Gottes haben. Es ist so viel von Freiheit die Rede, nur für die Kirche nicht. So bleibt ihr nichts übrig, als sie sich selber zunehmen. Jeder soll das Recht haben, nach seiner Fasson selig zu werden, nur die Kirche nicht. Keiner leidet's, zum bloßen Mittel für einen anderen Zweck degradiert zu werden, nur die Kirche soll ein Staatsmittel sein, bloß zur Zucht braver Untertanen, bloß zur Erleichterung des Regierens. Jeder Kegelklub darf sich seinen Obmann selber wählen, aber der Bischof braucht die Bestätigung des Staats und unser Staat hat ein Veto gegen einen Papst, der ihm unbequem werden könnte. Dagegen daß der Staat den Priester zu seinem Beamten, die Kirche zu seinem Werkzeug und aus uns eine bessere, weil nämlich dem arglosen Volk unverdächtige Polizei macht, dagegen werden wir uns immer wehren, dagegen müssen wir uns wehren, und wie können wir das anders, als indem wir uns des Staats zu bemächtigen trachten, der uns überwältigen will? Da sich der Staat zum Herrn über uns gemacht hat, bleibt uns zur Freiheit nur der Umweg über den Staat übrig: wollen wir uns nicht knechten lassen, so müssen wir unsere Herren beherrschen lernen. Die Politik wird uns aufgedrängt, wir haben sie nicht gesucht, wir wären froh, von ihr erlöst zu sein. Sie macht uns nicht besser, das wissen wir selber. Wir wünschen uns selber, daß wir es endlich nicht mehr nötig hätten, klerikal zu sein. Wir sind's ja bloß aus Notwehr, sonst wären wir doch längst von diesem gefräßigen Staat schon ganz verschluckt worden! Nun heißt es freilich immer, daß wir nach Macht begehren, was auch niemand leugnen wird, denn es ist doch etwas viel von einer Macht verlangt, daß sie ohnmächtig sein, also auf sich selbst verzichten soll. Ich möchte nur auch wissen wie! Denn das übersteigt meine Phantasie. Man sagt dem Licht: wir haben nichts gegen dich, wir anerkennen dich, sei Licht, aber unter einer Bedingung nur, leuchten darfst du nicht! Ja wie soll das Licht das anfangen, Licht zu sein und nicht zu leuchten? Feuer muß brennen, Wind muß wehen und Macht muß mächtig sein. Nur in liberalen Köpfen ist der Begriff von geistigen Mächten ohne Macht möglich. Meine Eltern lebten in Linz und verkehrten viel mit dem alten Adalbert Stifter. Die gemeinsame Passion für Kaktuszucht brachte sie zusammen, und bald war der verehrungswürdige Mann ein lieber Gast unseres Hauses. Die Mutter hat mir nun oft erzählt, wie den alten Herrn alles Gemeine ganz aus der Fassung bringen, ja schon der Anblick einer menschlichen Gemeinheit auf Wochen völlig verstören konnte. Er pflegte zu sagen, man müsse dem Gemeinen aus dem Wege gehen; es mache ihn unglücklich, wenn er das einmal nicht könne. Sie hat mir geschildert, wie rührend dann seine Verzweiflung, seine Hilflosigkeit war. Ich aber fand schon als Kind eine Sittlichkeit sehr verdächtig, die so schwach ist, daß sie vor dem Bösen die Flucht ergreifen muß. Von Menschen, die jede Begegnung mit der menschlichen Gemeinheit unglücklich macht, haben wir nichts, und wenn uns nichts übrigbleibt, als ihr aus dem Wege zu gehen, so wird ihr das nur angenehm sein. Wir räumen ihr das Feld, aber ich dächte doch, daß wir uns ihr stellen müßten, sonst hat es ja gar keinen Wert, daß wir gut sind, sonst wär's ja gescheiter für uns, auch gemein zu sein, und wenn wir schon an der Niedertracht nichts ändern können, sie wenigstens auszunützen! Nein, ich denke, wir müssen sie vielmehr aufsuchen, ihr in den Weg treten und uns mit ihr messen, gegen sie kämpfen und sie schlagen, auf alle Arten, ja sogar, wenn's nicht anders geht, mit ihren eigenen Waffen. In der Ecke stehen und traurig zusehen, wie sich das Böse, das Falsche, das Häßliche breit macht, heißt noch nicht gut sein, und ich weiß nicht, ob nicht, wer wenigstens den Mut zum Bösen hat, in seiner Art sich eher zur Sittlichkeit bekennt, als wer zu feig zum Bösen, aber auch zu feig zum Kampf mit dem Bösen ist. Gut sein heißt, das Böse niedermachen wollen, um jeden Preis, an sich und an den anderen. Damit, daß der Gute sich versteckt, wird nichts anders. Gut ist nur, an wem das Echte, das Wahre, das Schöne mit solcher Macht erscheint, daß der Feind verschwindet wie die Nacht vor dem Tage. Schon als ich noch ein Knabe war, fand ich die höchsten Beispiele wahrer menschlicher Größe stets an jenen merkwürdigen Männern der Karolingerzeit, die dann in den Kreuzzügen und noch einmal im Barock wiederkehren, jenen bis auf die Zähne bewaffneten Heiligen, die vor Begierde rasen, das Böse zu vertilgen, jenen heiligen Helden! Den bloßen Helden fehlt das Recht dazu, den bloßen Heiligen die Macht. Erst der geheiligte Held, nur ein heldischer Heiliger ist erst der wahre Mensch, in dem der Himmel auf Erden erscheint. Nun hat aber jede Zeit ihre Waffen, und wenn ich versuche, für meinen Teil jene Synthese von Heiligkeit und Heldentum gewissermaßen in den politischen und merkantilen oder industriellen Habitus unserer Zeit zu übersetzen, als Diplomat oder meinetwegen Intrigant und als Makler, Unternehmer, Geschäftsmann, so maße ich mir selbst keine Größe damit an, sondern ich glaube nur sozusagen den unserer Zeit gemäßen Typ oder die für unsere Zeit passende Form einer aktiven, einer auf die Welt einwirkenden, auf das Irdische zielenden Frömmigkeit entworfen oder doch vorempfunden zu haben, deren sich Größere, Stärkere vielleicht mit mehr Glück bedienen werden als ich. Und so mag es schon geschehen, daß ich zuweilen auch einmal unfromme, ja mitunter recht bedenkliche Gesellen für uns anwerbe, für uns, wie die Studenten sagen, keile, wenn ich mir davon einen Gewinn an Macht verspreche, sozusagen an Munition. Ich möchte dich ersuchen, mir's aber nicht zu verargen, wenn ich nicht recht einsehen kann, was uns ein kluger geschmackvoller junger Herr wie du, der sich aus seinen natürlichen Beziehungen selbst losgelöst hat, denn eigentlich viel nützen sollte. Macht, Einfluß oder Bedeutung hast du nicht, ein Beispiel für andere bist du nicht, und auch die Reklame, die es uns machen würde, darfst du doch nicht überschätzen. Ich bin der Meinung, daß es stets am besten ist, sich über derlei ganz offen auszusprechen, und habe zu viel Achtung vor dir, um dich für empfindlich zu halten.«

 

»Empfindlich gar nicht!« beteuerte Franz. »Das war ich wirklich nie! Nein! Aber enttäuscht bin ich, gekränkt bin ich, das geb ich zu, nicht weil ich erwartet hätte, Ihnen willkommen zu sein, was kann ich für Sie bedeuten?, das weiß ich schon, es ist höchst gleichgültig für Sie, ich habe mir nur eingebildet, es würde Sie freuen, mir zu helfen.«

Der Domherr erwiderte: »Falsche Prätensionen unterstützen heißt nicht helfen.«

»Nennen Sie das eine falsche Prätension,« rief Franz, »wenn es mich zur Kirche zieht?«

»Es zieht dich nicht zur Kirche,« sagte der Priester, »dich gelüstet bloß, einen neuen Reiz zu kosten, in neuen Empfindungen zu schwelgen. Du gehst zur Kirche, wie man ins Seebad geht. Denn immer und überall willst du dich bloß unterhalten.«

»Ich will einen Sinn für mein Leben,« rief Franz bittend.

»Du willst jedenfalls etwas für dich,« sagte der Priester. »Das ist kein Weg zur Kirche, das ist der Weg aus der Kirche.«

»So raten Sie mir nicht als Priester,« bat Franz, »raten Sie mir als Freund, als der Freund meiner Mutter, meines Bruders, als ein Mann, der das Leben kennt, was soll ich tun? Ich habe doch den besten Willen, mich irgendwie nützlich zu machen!«

»Ja das ist dein Irrtum,« sagte der Priester.

»Sie zweifeln an meinem guten Willen?«

»An deinem guten Willen zweifle ich nicht. Der Irrtum ist, daß du dich nützlich machen willst. An diesem guten Willen gerade scheiterst du, denn dazu bist du nicht da.«

»Wozu denn sonst?« fragte Franz ratlos.

»Es ist eine merkwürdige Zeit,« sagte der Priester, »in der ein Graf Flayn so fragt. Daran geht ihr zugrunde! Dein Vater hätte nicht so gefragt. Der wußte noch, daß ihr da seid, um da zu sein. Du schaust mich verwundert an? Weit ist es mit euch gekommen! Und spürt ihr denn nicht, daß ihr damit abdankt? Ein Flayn, der das Gefühl hat, sich durch irgendeine Tat, durch irgendein Werk erst sozusagen rechtfertigen zu müssen, ist kein Flayn mehr, denn wodurch unterscheidet er sich dann noch von einem Herrn Meier oder Müller? Die gelten jeder nur so viel, als sie jeder leisten. Selbst ist der Herr Meier nichts, er ist nur die Person seiner Leistung. Je mehr er leistet, mit seiner Hand, mit seinem Kopf oder seinem Geld, desto mehr wird er. Was er leistet, ist er. Hört er zu leisten auf, so hört er selbst auf. Es war einmal von einem Beamten die Rede, da fragte dein Bruder verwundert: ›Lebt denn der noch? Ich dachte, der sei längst pensioniert!‹ Alle lachten über Anton, und er hatte doch recht! Ein Beamter in Pension, ein Bäcker, der nicht mehr backt, Maler, die nicht malen, Tänzer, die nicht tanzen, Baumeister, die nichts bauen, sind nicht mehr vorhanden, es ist unverschämt, wenn sie sich herausnehmen, noch zu leben, da doch ihr Leben keinen Sinn mehr hat. Der Herr Meier kommt nicht auf die Welt, damit ein Herr Meier in der Welt ist, sondern er wird geboren, weil es notwendig ist, daß gebacken, getanzt und gebaut wird. Nur soweit er davon etwas auf sich nimmt und solang er davon etwas übernimmt, hat der Herr Meier einen Sinn. Er hat gar nicht das Recht, da zu sein an sich, sondern nur als ein Mittel zum Zwecke des Backens, des Tanzens oder Bauens. Insofern er backt, ist er höchst schätzenswert, selbst ist er gar nichts. Nun empfindet die Menschheit aber doch, daß ihr Leben zu toll wäre, wenn es nur aus lauter Mitteln bestände, die wieder nur anderen Mitteln zu dienen hätten, mit gar keinem anderen Erfolge dieses ganzen allgemeinen Backens, Tanzens und Bauens, als daß eben gebacken, getanzt und gebaut wird. Das wäre doch zu teuflisch, um auf die Dauer erträglich zu sein. Die Meier und Müller müßten sich, sobald es ihnen nur erst einmal bewußt wird, doch aufhängen. Daher die tiefe Sehnsucht aller Völker in allen Zeiten nach Menschen, die nicht bloß Mittel, sondern um ihrer selbst willen da sind, nach Menschen, die nicht das Rad zu drehen haben, sondern für die das Rad gedreht wird, nach zwecklosen Menschen, die fest in sich selber ruhen und da sind, um da zu sein. Die Meier und Müller hielten es sonst nicht aus. Der einzelne Meier wäre freilich lieber kein Meier, er wäre gern selbst ein Selbst. Und jeden der ruhenden Menschen sieht er mißtrauisch an, ob es denn wirklich einer ist. Auf diese Frage der Meier und Müller hat der ruhende Mensch nur eine Antwort: ein sich genügendes Selbst zu sein. Dann verstummen die Meier und fahren seufzend fort, geduldig das Rad zu drehen. Der größte Narr aber ist ein zweckloser Mensch, der sich zum bloßen Mittel degradiert, die größte Dummheit des Adels ist es, wenn er auf einmal ein schlechtes Gewissen hat. Habt ihr die Kraft nicht mehr, das den Völkern unentbehrliche Bild des reinen, zwecklosen schönen Seins zu geben, dann packt ein und werdet Meier und Müller; es wird dann schon ein neuer Adel kommen, oder das Rad steht überhaupt still! Aber zum zwecklosen Menschen geboren sein und sich dann durchaus einen Zweck suchen wollen, versteht ihr nicht, wie lächerlich das ist? Dein ganzer Jammer besteht darin, als Graf Flayn mit den Meiers konkurrieren zu wollen. Natürlich kommst du da stets zu kurz! Und natürlich lachen sie dich aus! Glaubst du, daß ein Graf besser wird, wenn er sich, wie du das nennst, nützlich macht? Zunächst ist doch eure Begabung für das Nützliche recht fragwürdig; andere können das besser und jedenfalls können es auch andere; dazu braucht man nicht euch erst. Was die anderen aber nicht können, was nur ihr könnt, was ihr vor den anderen voraushabt, gerade dessen schämt ihr euch fast, das verleugnet ihr, um das bringt ihr euch selbst! Wenn du nun wirklich ein gutes Bild malst, ein neues Element entdeckst, Gespenster photographierst, was ist damit getan? Nichts, was nicht auch hunderttausend andere könnten, ebenso gut. Aber eins geht damit verloren, etwas fast Unersetzliches und doch der Menschheit Unentbehrliches, gerade jetzt mehr als je: die Welt ist dann um einen Menschen ärmer, der es nicht nötig hat, erst etwas zu leisten, dessen Leistung er selbst, sein eigenes Dasein ist, der allen diesen anderen, die bloße Mittel sind, schließlich erst einen Zweck setzt, für den es sich ihnen verlohnt, Mittel zu sein. Unnütze, zwecklose Menschen sind ein wahres Glück, gar in einer Zeit, die sonst nur noch den Nutzen, das Geschäft, das Praktische kennt. Das Leben wäre unerträglich, wenn die Menschheit nur noch aus Nutzvieh besteht! Man atmet auf, wenn man endlich wieder einmal einem in sich geschlossenen Menschen begegnet, der sich nicht erst entschuldigen muß, da zu sein, der lebt, wie die Blume blüht, wie die Sonne scheint, wie der Vogel singt. Es ist kein Blühen, kein Leuchten, kein Singen in einer Menschheit ohne unnütze Menschen. Wer in seinem Leben je deine Mutter gesehen hat, hat damit etwas erlebt, was ihm nie mehr verloren gehen kann. Wie sie mit dem geneigten Haupte sitzt, wie der Mantel auf ihrer Schulter liegt, wie sie schreitet, über eine große Stiege zu schweben scheint oder eigentlich eher die Stiege selbst sich vor ihr zu neigen scheint, das ist unvergeßlich. Dadurch, daß deine Mutter in der Welt ist, kommt einem die Welt schöner vor, man fühlt sich ausgesöhnt, es ist ein Trost, daß es das gibt. Die Griechen hatten auf alle bangen Fragen der Menschheit keine Antwort, als indem sie die Schönheit ruhig sitzender, ruhig stehender, gleichsam in sich sitzender, auf sich stehender Menschen zeigten. Das Mittelalter weiß freilich die noch bessere Antwort mit dem ruhig knienden, dem in Gott knienden Menschen. Hier ist der Mensch zugleich vom Zwecke befreit, von allen irdischen Zwecken, aber diese Freiheit trägt nicht mehr die leidvollen tragischen Züge des Griechen, denn sie hat ein Ziel: in Gott! Und dann wurde Gott abgesetzt und ein Götze dafür eingesetzt: der Nutzen. Und die berühmte Humanität hat den Menschen eigentlich nur entmenscht, es wagt gar keiner mehr, Mensch zu sein, denn der Mensch selbst gilt ja nichts mehr, es gilt nur was er leistet, der Mensch ist nur noch ein Durchgang, ein Knoten, ein Umschalter. Und wenn sich die Natur einmal zu helfen sucht, indem sie einen Menschen wie dich schafft, dem alles fehlt, um irgendwie nützlich sein zu können, und dem also eigentlich einfach nichts anderes übrigbleibt, als zwecklos zu leben, dann versteht dieser erzwungene, gewissermaßen von der Natur erpreßte Edelmann einen so deutlichen Wink erst recht nicht – ja, mein armer Freund, siehst du denn nicht, wie komisch du bist? Du kannst dich freilich darauf berufen, daß es ja die anderen auch nicht sehen, im Gegenteil, sie haben noch Respekt vor dir, und mancher junge Herr, der, Gott sei Dank, noch das tröstende Beispiel einer reinen, zwecklosen, von sich selber ausgefüllten Existenz gibt, bewundert dich und schämt sich insgeheim vor dir, denn auch die paar, die noch wahrhaft adelig sind, haben dabei kein gutes Gewissen mehr. Es ist mit euch nichts mehr zu machen, euch kann nicht mehr geholfen werden, ihr müßt zugrunde gehen! Vielleicht liegt auch nicht so viel daran, es wird eben ein neuer Adel entstehen, denn eine Menschheit aus lauter Dienern müßte sich selber doch schließlich zu trostlos langweilig werden!«

Sie waren in die Stadt gelangt. Der Priester schwieg. Franz hatte das seltsame Gefühl gleichsam einer so starken inneren Helligkeit, daß er davon geblendet und eigentlich erst recht wieder im Finstern war. Er glaubte sich selbst erst jetzt zu verstehen, und was er bisher an sich als Schwäche empfand, das wäre ja dann, wenn der Domherr recht hatte, gerade seine Kraft gewesen, und gerade das Echte seiner Natur hätte sich gewehrt, daß ein Künstler, ein Gelehrter aus ihm wurde! Er war doch unnütz und zwecklos und mußte sich also bloß entschließen, nichts anderes sein zu wollen. Aber wenn er das nur könnte!

Vor seinem Hause sagte der Domherr: »So hätten wir miteinander einmal ein langes, gutes Gespräch gehabt. Aber denk nur nicht zu viel darüber nach! Das solltest du dir überhaupt abgewöhnen.«

Als Franz heimfuhr, war ihm so bang nach einem Menschen, der ihn lieb hätte, bei dem ihm warm würde.

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