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Himmelfahrt

Hermann Bahr: Himmelfahrt - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Bahr
titleHimmelfahrt
publisherS. Fischer Verlag
printrun13.?16. Auflage
year1919
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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Fünftes Kapitel

Anton, der so gern den Bruder festgehalten hätte, bei seinem Takt aber fürchtete, ihm durch Fragen unbequem zu werden, wußte sich gar keinen Rat mehr mit ihm. Sie taten alles, ihm jeden Wunsch an den Augen abzusehen, und ein behaglicheres Leben ließ sich doch auch wirklich kaum denken, aber Anton wurde dennoch das Gefühl nicht los, Franz sei nicht zufrieden. Vielleicht weil es ihm an der geistigen Anregung fehlte, die er gewohnt war. Die konnten sie ihm freilich nicht bieten. Beschämt empfand Anton nun erst recht, wie geringe, armselig in den Tag hinein lebende Menschen sie doch neben ihm waren, unfähig, einem bedeutenden Mann etwas zu sein! Er kam sich mit seiner ohnmächtigen Liebe recht kläglich vor. Franz hinwieder, der das spürte, litt unter allen diesen wohlgemeinten und doch unwirksamen Bemühungen, fand es scheußlich, daß er sie nicht erwidern konnte, kam aber gerade dadurch nur noch mehr um den Rest seiner guten Laune. Nichts erbittert uns so sehr, als wenn man uns helfen will und wir wissen, daß uns nicht zu helfen ist. Und eben im Gefühl seiner Undankbarkeit wurde Franz nur noch gereizter. Wenn dem Bruder die Geduld gerissen und er einmal grob mit ihm geworden wäre wie mit dem Blasl, das hätte seine Stimmung vielleicht gebessert. Er kam sich unter allen diesen treuherzigen Menschen sehr erbärmlich vor, mit seiner wesenlosen Unlust, die keinen Wunsch und keinen Willen hatte, auch keinen Grund und darum keine Hoffnung; er litt ja bloß daran, daß ihn nichts freute. Eigentlich hatte ihn noch niemals etwas gefreut. Er war durch die Welt gerannt nach Freude. Wenn er nirgends eine fand, so war er wohl selber schuld. Seinen Bruder und seine Schwägerin freute alles, jede Stunde war ihnen ein Ereignis. Das ist offenbar die wahre Begabung zum Leben. Ihm fehlte sie. Weder sein Verstand noch seine Bildung konnten sie ihm ersetzen, sie ließ sich auch nicht lernen, und alle Einsicht half ihm da nichts. Er hatte sich eine Zeitlang über sich täuschen können, indem er für Ehrgeiz, Wissenstrieb oder Tatenlust ausgab, was einfach eine Unfähigkeit war, sich je wohl zu fühlen. Jetzt aber gelang ihm nicht einmal mehr, sich darüber zu täuschen, und er schämte sich vor jedem Holzknecht. In der großen Welt draußen war ihm das nie so bewußt geworden, denn die besteht aus lauter solchen Menschen, die nichts freut, ja sie wird durch diese Unlust allein in Bewegung erhalten. Hier aber wurde das Leben durch Freude getrieben. Er hatte neben solchen richtig gehenden Menschen einfach das Gefühl, mißraten zu sein. Und sie bewunderten ihn noch dafür und verehrten ihn, der sich verachtete! Es war die verkehrte Welt, er konnte ja noch von Glück sagen, daß sie nichts ahnten. Alle diese kleinen Adligen hatten in seiner Gegenwart Gewissensbisse, schämten sich ihrer Unbildung vor ihm und hätten gar nicht verstanden, wie er sie um die Kraft beneidete, unmittelbar am Leben selbst genug und erst kein Surrogat dafür nötig zu haben! Und wenn sie sonst gar nichts konnten, verstanden sie sich wenigstens doch darauf, mit Anstand müßig zu gehen, während ihm alle seine Scheintätigkeit nicht einmal half, die Langweile zu vertreiben! Er unterschied sich von ihnen nur durch eine Anmaßung, die im Grunde nichts als ein mißverstandenes Gefühl seiner Schwäche war. Weil er sich nicht einmal im Gewöhnlichen zurechtfand, dadurch hielt er sich für etwas Höheres bestimmt, und der Spaß war, daß schließlich auch die anderen es ihm glaubten! Um sich diese Selbsterkenntnis etwas zu versüßen, schloß er in sein hartes Urteil die sämtlichen Intellektuellen ein. Er war jetzt geneigt, jeden zu verdächtigen, der, statt herkömmlich zu leben, sich selbst seine eigene Form suchte. Das schien ihm immer nur ein Zeichen von Schwäche. Unfähig, ihre Pflicht zu tun, und zu feig, das ruhig einzugestehen, flunkerten sich solche Menschen vor, für edlere Ziele geboren zu sein, da konnte man sie wenigstens nicht kontrollieren. Und die anderen, in ihrer gutmütigen Dummheit, ließen es sich gefallen und bewunderten sie noch wie höhere Wesen! Er hatte zuweilen Lust, dem Anton zu sagen: Du Narr, siehst du denn nicht ein, daß ein einziger Tag deines gut ausgefüllten Lebens mehr wert ist als all meine leere Geschäftigkeit? Aber Anton hätte ihm das ja doch nicht geglaubt, dazu mußte man selbst einer von den Auguren sein.

 

Als der Herbstregen kam, mit grauen Tagen bei verhüllten Bergen, fing Franz an, ruhiger zu werden. Die Natur zog sich gleichsam zusammen, alles schien näher, der Mensch war nicht mehr so verloren im Raum. Franz ging jetzt viel aus. Das eintönige Rauschen des Regens tat ihm wohl. Es rauschte, man ging gedankenlos. Er hatte gut zwei Stunden bis zur Stadt! Wenn er dann dort noch eine verbrachte, war, bis er heimkam, der Nachmittag vorbei. Und er kannte sie ja seit Jahren nicht mehr, auch sah er sie jetzt doch mit ganz anderen Augen. Abends las er dann in alten Büchern von den Taten seiner Vorfahren, die Stadtgeschichte war ja für ihn zum großen Teil Familienchronik. Er begann die Taten seines Hauses aufzuzeichnen. Merkwürdig, daß man in der Familie noch nie daran gedacht hatte! Jetzt, wo sie keine Taten mehr zu tun hatten, war Zeit dazu. So saß er manchen Tag im Museum, in der Bibliothek, im Archiv, zur größten Freude Antons, der, wenn er ihm dann abends davon erzählte, ein über das andere Mal ausrief: »Man möcht's gar nicht glauben, was wir für famose Kerle waren!« Seine Forschungen führten ihn auch in die Kirchen; in der einen war ein Bild, das ein Flayn gestiftet hatte, in der anderen lag ein Flayn begraben, einer war Fürsterzbischof, einer war Benediktiner, eine war Äbtissin gewesen. Seit seiner Kindheit hatte Franz diese Kirchen, diese Klöster nicht mehr besucht; Erinnerungen stiegen auf. Bei den Benediktinern fand er einen Schulfreund wieder; sie waren beide so neugierig auf das Leben des anderen, und beide auch einander ein bißchen neidisch, gar Franz. Immer schon hatte Franz ja den Ehrgeiz, sich in andere Menschen hineinzudenken, hineinzufühlen. Er wollte dies auch bei dem Pater versuchen, der jedoch viel begieriger war, Franz auszufragen, selbst aber von sich nur sagte: »Mit der Zeit geht's schon, man gewöhnt alles!« Aber der reine Glanz seiner still lächelnden Augen widerrief die Klagen, und als Franz zu fragen fortfuhr, zog sich der Mönch immer behutsamer in sich zurück und sagte schließlich lächelnd: »Wie kann dich interessieren, was ein so geringer und einfältiger Mensch wie ich erlebt hat? Auch weiß ich es doch selber gar nicht mehr. Ich habe mich längst vergessen.« Das klang nicht ganz aufrichtig; er hatte wohl diese Redensart stets für alle Fälle bereit. Es verdroß Franz, der Freund schien ihm nicht zu trauen. Warum? Er wollte doch nichts von ihm, er hätte nur zu gern gewußt, wie es in solchen Menschen eigentlich aussehen mag. Vielleicht aber hatte der Pater den Verdacht, das leichtsinnige Weltkind würde sich bloß über ihn lustig machen. Sie hielten ihn hier offenbar alle für einen ausgemachten Ketzer, vor dem man jedes Gefühl verstecken muß, damit es nicht entheiligt werde. Er merkte das sogar an Anton, auch der wurde verlegen, sobald sich das Gespräch dem Glauben näherte. Franz wußte, daß Anton fromm war. Auch paßte das so gut zu ihm, Franz hätte sich ihn gar nicht anders denken können. Aber von Jugend auf sprachen die Brüder darüber nie, es schien ein schweigendes Übereinkommen. Franz hatte bisher Frömmigkeit überhaupt mehr für eine geistige Gewohnheit angesehen, in gewissen Ständen trug man sich eben fromm, es gehörte dazu und machte übrigens weiter keinen Unterschied. Erst bei jenen Reden Höfelinds war ihm aufgefallen, daß er ja hier unter lauter strenggläubigen Menschen lebte. Eben den Glauben, nach dem den Meister so stark verlangte, zu dem er innerlich entschlossen war und dessen er sich doch nicht bemächtigen konnte, hatten alle diese Menschen. Höfelind wünschte sich ihn, aber da müßte erst ein Wunder geschehen! Sie hatten ihn, und es schien ihnen ganz selbstverständlich. Meinte Höfelind wirklich dasselbe? Franz konnte sich doch nicht gut vorstellen, daß etwas, um das Höfelind mit ganzer Seele rang und das ihm dennoch versagt blieb, dem Anton von selbst zuteil geworden wäre. Und die Wirkungen, die sich Höfelind davon versprach, besaß Anton sie? Hatte sein Anton also wirklich die Macht, den Genius zu beschwören? Und nicht bloß er, sondern doch Gabsch und die Kinder und die Dienerschaft auch, ja der Blasl auch? Franz versuchte, vorsichtig Anton darüber auszuhören, aber der nahm es übel. Er sagte: »Daß du gescheiter bist als ich, weiß ich, ich habe nie versucht, dir nachzukommen. Ich lass dir deine Gescheitheit, aber laß du mir auch meine Dummheit. Wir befinden uns beide dabei ganz wohl.« Und es war unmöglich, ihm auszureden, daß Franz sich bloß über ihn lustig hätte machen wollen. Das hatten alle. Sie wichen seinen Fragen aus, schämten sich ihrer Frömmigkeit vor ihm und fanden es unzart von ihm, ihnen diese Beschämung zu bereiten. Einen Augenblick hatte Franz fast Lust, dem Benediktiner zu sagen, er wolle sich bekehren, doch brachte er es nicht über sich, gegen einen treuherzigen alten Schulfreund so unredlich zu sein. Er machte noch einen Versuch, indem er sagte: »Ich möchte meinen Aufenthalt hier benutzen, einmal die katholische Weltanschauung kennen zu lernen.« Der Pater erwiderte: »Ja tu das! Aber ich versteh von Weltanschauungen gar nichts. Das sind gelehrte Sachen, viel zu hoch für mich.« War das Einfalt? War es Argwohn? Er fand bei frommen Leuten immer denselben Widerstand, sobald er sich ihnen innerlich zu nähern suchte, keiner ließ ihn ein, nirgends war Antwort auf seine Fragen. Denn nicht bloß jenes Gespräch mit Höfelind ging ihm lange nach, das war nur der Anfang gewesen; zu der geistigen Neugierde, die damals in ihm erregt worden war, kam nun, seit er sich zuweilen in Kirchen einfand, ein höchst seltsames Gefühl von Staunen, Rührung und auch Neid beim Anblick von Betenden. Er suchte sich für jene Arbeiten in Kirchen immer Stunden aus, wo er die Bilder, die Grabsteine betrachten konnte, ohne eine heilige Handlung zu stören, am liebsten also nachmittags, um die Dämmerung. Wer sich diese Zeiten zu seiner Andacht wählt, hat etwas auf dem Herzen, was er ganz allein mit Gott besprechen will, und weil er sich unbemerkt weiß, kann er sich allen Wallungen überlassen ohne Furcht vor irdischen Zeugen; er gibt die strenge Haltung auf, er darf sich vergessen und sein wahres Gesicht zeigen. Zunächst achtete Franz der einsamen Beter gar nicht, sie wirkten auf ihn zunächst bloß ästhetisch. Er fand die Kirchen um diese Stunden noch viel geheimnisvoller, der Raum schien größer, schien unbegrenzt ins Unendliche zu gehen, schien sich an den knienden Gestalten niederzulassen, von denen in der Dämmerung nichts zu sehen war als die hingegossene Demut ihres inbrünstigen Verlangens; das Irdische war weggewischt, sie lösten sich auf, es blieb nur ihr Gebet übrig. An Säulen halb verborgen, regten sie sich nicht, sie schienen tot, schienen Schatten, während die Heiligen in den Nischen, vom flackernden Schein einer verlöschenden Kerze berührt, leise zu zittern und sich aufatmend zu bewegen schienen. Wenn in der Totenstille dann einmal der schlurfende Schritt eines Meßners erscholl, schrak Franz auf; er mußte sich erst wieder besinnen. Nur auf hohen Bergen oder in tiefen Nächten hatte er sich so nahe der Ewigkeit gefühlt. Dieses Gefühl war nicht Frömmigkeit, es war nur ein seliges Verstummen. Er hörte nichts mehr, auch sich selbst nicht mehr. Er hatte sich bei dem Wort Entrückung eigentlich bisher nie was Rechtes denken können, es gab aber gar kein besseres für diesen Zustand: er fühlte sich wirklich aus allen seinen Gedanken und Empfindungen, guten und bösen, schmerzlichen und freudigen, weggehoben und in tiefen Schlaf versetzt, aber bei völliger Klarheit, so daß er den Schlaf bewußt genießen konnte. Er saß oft eine Viertelstunde lang in diesem völligen inneren Stillstand. Er hätte nie gedacht, daß man das kann. Er wurde doch sonst, wenn er unbeschäftigt war, nach zwei Minuten fast krank vor Ungeduld, ihm ging in seinem Leben stets zu wenig vor. Jetzt aber saß er oft eine Viertelstunde, saß eine halbe Stunde so, nichts ging vor in diesem wachen Schlaf, es war gleichsam ein Aufhören, alles hörte auf, er selbst hörte auf. Er hatte nur Angst, das wieder zu verlieren, sobald er es einmal gewohnt wäre. Er wechselte die Kirchen und verglich, die Wirkung blieb dieselbe. Sie schien sich mehr nach der Zeit als nach dem Ort zu richten. Sie stellte sich erst ein, wenn der Tag verschied. Sie ließ wieder nach, sobald dann angezündet wurde. Ihr Element war die Dämmerung, wenn es oben noch grau durch die Scheiben floß, unten schon die Nacht lag und irgendeine trübe Kerze nur gerade so viel ungewisses Licht gab, daß er sich noch des hohen Raums, der zu wachsen schien, und der regungslosen schwarzen Punkte von verlorenen Betern bewußt war. Den stärksten Reiz hatte das für ihn im Dom, den er am hellen Tag nicht recht mochte, seiner Geräumigkeit und Helligkeit wegen, wodurch er eher ein Festsaal oder ein öffentlicher Platz scheint, ganz weltlich, mehr zum Herumspazieren oder für Versammlungen als zur Andacht und Einsamkeit. In der Dämmerung aber fand er ihn verwandelt: seine Größe, die sich bei hellem Tag in dem so reinen Verhältnis aller Teile verlor, erschien dann erst, und während sonst keine Menge, noch so dicht gedrängt, ihn ausfüllen konnte, wirkten dann in dem leeren Raum die vier oder fünf im Gebet erstarrten Gestalten unheimlich groß. Und wenn nun allmählich der letzte graue Glanz an den Fenstern oben erloschen und alles in Nacht erstorben war, blieb nichts als ein zitternder Hauch von Helligkeit an der heiligen Jungfrau, vor der eine hohe dicke Kerze, qualmend, in sich hinein brennend, einen dumpfen, bald auffahrenden, bald wieder einsinkenden und gleichsam verröchelnden Schein ausstieß. Franz sah gern zu, wie die Mutter Gottes in diesem zuckenden Licht, bald erscheinend, bald verschwindend, sich unablässig leise zu bewegen schien.

Er lernte, seit er sich angewöhnte, zur Dämmerung die Kirchen aufzusuchen, allmählich auch auf die Menschen achten, die er fand. Es waren immer dieselben, und immer am selben Ort; jeder schien seinen eigenen Platz zu haben, seinen Altar, der ihn tröstete, seinen Heiligen, dem er sich anvertraute. Mehr Frauen als Männer, entweder ganz jung oder sehr alt, und fast nur arme Leute von geringem Stande, dürftig gekleidet, doch meistens mit Sorgfalt. Jeder kam zur gewohnten Stunde pünktlich, suchte seine Bank, seinen Winkel auf und versank. Sie schienen einander nicht zu kennen, keiner kümmerte sich um den anderen, so hatten sie das Gefühl allein zu sein. Franz konnte sie ruhig beobachten, es störte sie nicht, sie bemerkten es offenbar gar nicht. Es hatte für ihn einen großen Reiz, Menschen beten zu sehen. Er lernte dadurch auch den Sinn der Architektur erst verstehen. Zur Kirche gehört der Betende, durch ihn vollendet sie sich erst, auf ihn zielt sie, ihr Raum braucht ihn, ihr Raum ist seine Form. Zu diesem ästhetischen kam aber auch ein psychologischer Reiz. Alle schienen im Gebet allmählich zu erstarren, und da zog sich dann ihr ganzes inneres Leben gleichsam auf einen einzigen Punkt zusammen, bei den einen in die Lippen, die sich allein in dem toten Gesicht noch gespenstisch bewegten, bei den anderen in die Augen, die immer größer, immer weiter wurden, wie durch ein heftiges Verlangen ausgedehnt. Franz konnte sich über ihren Zustand keine rechte Rechenschaft geben. Sie schienen gequält zu sein, aber selig ihrer Qual. Was ihr Gesicht verriet, war kaum auszusprechen, am ehesten hätte man noch sagen müssen, daß sie Lust zu leiden schienen. Es war offenbar jenseits der menschlichen Benennungen: entweder ein Schmerz von solcher Heftigkeit, daß sie das Erstaunen, das Erschrecken darüber ihn gar nicht mehr empfinden ließ, oder ein zu starkes Glück, um ertragen zu werden, entweder eine Verzweiflung, zu der man fast Lust, oder eine Seligkeit, vor der man Furcht bekam. Immerhin mußten es nach ihrem Anblick Zustände sein, die schon um ihrer Intensität willen ihn neugierig machten. Er wurde aber doch wieder daran irre, weil er es ja lächerlich fand, innere Begebenheiten von so seltener Art Menschen zuzumuten, die doch eher unter dem Durchschnitt waren: Dienstmädchen, arme Witwen, Bettler, allenfalls einmal ein älteres Fräulein von Adel oder ein pensionierter kleiner Beamter, niemand, von dem man sich hätte denken können, sein Leben sei jemals erschüttert worden, durch quälende Tugenden oder unvergeßliche Sünden. Was ging in diesen Menschen vor, das ihre Lippen beben, ihre Augen unirdisch erglänzen ließ? Deswegen hätte er ja auch den alten Blasl so gern einmal zum Reden gebracht. Er fand ihn zuweilen in irgendeinem Winkel mit stieren Augen, den Rosenkranz in der Hand, röchelnd, in einer Art von Starrkrampf, aus dem erst allmählich wieder aufzutauchen dem ertappten Knecht nur mit großer Anstrengung gelang, worauf er dann tagelang wieder nur noch mürrischer, verdrossener und einsilbiger war. Der mochte ja nun wirklich irgendeine schwere Tat auf dem Gewissen haben, die ihn verfolgte. Diesen so friedlichen, einfachen und ganz uninteressanten Leuten aber war doch weder im guten noch im schlimmen etwas zuzutrauen, womit ein Mensch nicht selber fertig werden kann. Wozu brauchten sie Gott? Was wollten sie von ihm? Was hatten sie ihm zu erzählen? Ich, sagte sich Franz, würde das gar nicht wagen, ich hätte Furcht, ihn zu langweilen. Doch gestand er sich freilich ein, daß wir ja gerade von solchen einfachen Leuten eigentlich gar nichts wissen. Er empfand jetzt erst, wie wenige Menschen wir kennen, nämlich doch immer nur den engen Kreis derjenigen, die zu sagen wissen, was sich in ihrem Inneren begibt; und auch diese kennen wir schließlich auch wieder nicht, denn was zu Worten wird, ist ja schon gefälscht, ist jedenfalls zweideutig, weil das Wort ebenso zur Mitteilung wie zur Verheimlichung dient und weil ja das Wort immer auch ausgeborgt sein kann. Von Menschen, mit denen wir im bloßen Wortverkehr stehen, erfahren wir schließlich niemals mehr, als welchen Vorrat an Worten sie haben und welchen Gebrauch sie davon machen. Ob uns einer gefällt oder mißfällt, ist in den meisten Fällen doch bloß eine Frage des Vokabulars, das Leben, das er unter diesem Vokabular führt, bleibt uns unbekannt. Gar aber der wortlose Teil der Menschheit, der weitaus größere, vielleicht der bessere, geht uns ganz verloren. Wenn Franz diese versunkenen Greise, Frauen, Mädchen im Gebet belauschte, war oft ein Glanz in ihren Augen, eine Glut, ein so namenloses Glück, daß er sich nicht erinnern konnte, jemals Menschen begegnet zu sein, deren Gesicht so sehr von der Wahrheit gezeichnet gewesen wäre. Es kam vor, daß er wartete, bis sie gingen, ihnen folgte und den einen oder die andere dann vor der Kirche draußen ansprach, unter irgendeinem Vorwand: gleich aber waren es die gewöhnlichsten Menschen, beim ersten Wort, das sie sprachen, entzaubert, wie ausgebrannt, so daß er trachtete, sie nur rasch wieder los zu werden, was auch ihnen sicherlich erwünscht war. Nun wußte Franz ja, daß die hinreißenden Gesellschafter, deren Geist, sprühende Laune, quellender Witz alle berückt, auch daheim dann oft ausgepumpt, Stunden, ja ganze Tage mißmutig keines Gedankens fähig sind. Ihr Witz, ihre berückende Laune, der glänzende Geist kommt erst an den anderen zum Vorschein, dann erst ist er da, er braucht die anderen, man ist nicht ein hinreißender Gesellschafter, man wird es nur zuweilen, niemand hat Geist, Laune, Witz, sondern der Unterschied ist nur der, daß die einen zuweilen Geist, Laune, Witz kriegen und die anderen nie. Was wir sind, sind wir nur in Anfällen. Müssen wir den Anfall geduldig erwarten oder können wir ihn herrufen? Diese frommen Leute schienen gewiß zu sein, sobald sie zur gewohnten Stunde nur an der gewohnten Stelle niederknieten, immer gleich ihr gewohntes Entzücken zu finden. Das war es offenbar, was Höfelind meinte. Diese frommen Leute hatten es. Finden es nur die wortlosen Menschen? Findet es vielleicht nur, wer es nicht sucht? So hatte Franz glücklich wieder ein Problem. Sein guter Vorsatz, sein fester Entschluß, doch endlich einmal ruhig hinzuleben, statt ewig das Leben abzufragen, half ihm nichts. Seine Neugierde war stärker. Er beneidete diese Leute, er hätte gern versucht, ihnen gleich zu werden und merkte doch selbst, daß, indem er es zu versuchen glaubte, schon wieder ein Spiel des Verstandes daraus wurde. Nie nahm ihn das Leben auf, er kam nicht hinein, er blieb draußen und übte nur immer seinen Verstand daran.

 

Immerhin war es ihm ein angenehmer Zeitvertreib. Er fuhr fort, zu sammeln, was ihm irgendwie von Bedeutung für die Geschichte der Grafen Flayn schien, und, wenn es dunkelte, täglich noch eine Zeitlang, bevor er heimfuhr, still in einer Kirche zu sitzen. So kam er einmal wieder in den Dom, noch später als sonst. Da bot sich ihm ein seltsames Bild. Auf den ersten Blick, bevor er sich gleich in die tiefe Nacht des ungeheuren Raumes fand, schien ihm, als wäre die Gestalt der heiligen Jungfrau herabgestiegen und kniete da vor sich selber. Im ungewissen Licht der flackernden Kerze glich das Wesen, das der Heiligen zu Füßen lag, ihr in Haltung und Gewandung so sehr, daß er den Atem anhielt, um das lieblichste Wunder nicht zu verscheuchen. Erst als die Betende dann allmählich langsam erwachte, sich mit einem tiefen Seufzer erhob und die Augen aufschlug, gewahrte sie ihn, erschrak und entfernte sich so schnell, daß er nur eben noch bemerken konnte, wie schön ihr totenstilles Gesicht war.

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