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Himmelfahrt

Hermann Bahr: Himmelfahrt - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Bahr
titleHimmelfahrt
publisherS. Fischer Verlag
printrun13.?16. Auflage
year1919
correctorreuters@abc.de
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Drittes Kapitel

Aber am fünften Tag zog Franz doch lieber ins Schlößl. Nicht der Kinder wegen: Entweder hatte Anton übertrieben, oder ihre Wildheit war durch Furcht vor diesem geheiligten Wundertier von Onkel gebändigt, er hörte sie kaum, und wenn er sich zeigte, liefen sie davon, ihm war das ganz recht, denn so sehr er meinte, Kinder gern zu haben, er wußte nichts mit ihnen anzufangen, sie machten ihn fast verlegen, er fand den Ton nicht, und je mehr er sich um ihr Zutrauen bemühte, desto befangener wurden sie, er wußte das und war froh, daß ihm derlei Versuche hier überhaupt erspart blieben. Nein, die Kinder störten ihn nicht, sondern das Gefühl, daß das ganze Haus nur damit beschäftigt schien, ihn nicht zu stören. Das ganze Haus war so von Respekt vor ihm, von gespannter Aufmerksamkeit und eifriger Rücksicht auf ihn, von Begierde, seine Wünsche zu erraten, von Angst, ihm etwas nicht recht zu machen, von Ungeduld, sich ihm gefällig zu zeigen, erfüllt, daß er nervös wurde. Er sah den Dienern, den Mädchen an, wie sie zitterten, ihm zu mißfallen. Er wagte schon gar nicht mehr, etwas zu verlangen oder zu fragen, aus Furcht vor der Aufregung, in die bei jedem Wort von ihm gleich alles geriet. Die Stille der weiten Gänge war ihm unheimlich, und wenn er nach dem Essen auf seinem alten Sofa lag, glaubte er förmlich zu hören, wie das ganze Haus schwieg, den Atem anhaltend, um ihn nur ja nicht in seiner Verdauung zu stören. Und wenn er ans Fenster trat, war er gewiß, gleich wieder Anton auftauchen zu sehen, der ruhelos den ganzen Tag herumschlich, ewig mit der ängstlichen Sorge in den treuen Kinderaugen, ob denn der angebetete Bruder auch alles hätte, was sein Herz begehrt – ach sein Herz begehrte gar nichts als Ruhe vor dieser erdrückenden Liebe! Aber selbst die gemächliche Gabriele, die nicht leicht in Bewegung zu setzen war, schien unruhig um ihn; sie magert am Ende noch ab, wenn er das Haus nicht bald von seiner tyrannischen Gegenwart befreit! Und er hatte doch gar kein Talent zum Tyrannen und fühlte sich höchst ungemütlich dabei. So zog er denn um. Anton hatte nichts dagegen, er sagte: »Ich habe mir gleich gedacht, du wirst arbeiten wollen.« Anton sprach von der »Arbeit« des Bruders stets mit einem unbeschreiblichen Ausdruck der tiefsten Ehrfurcht, der Franz immer ein wenig in Verlegenheit setzte, wenn er im stillen dabei betrachtete, was der Bruder hier Jahr für Jahr geleistet hatte. Franz war jetzt sehr geneigt, die Beschäftigungen von Künstlern und Gelehrten gering zu schätzen. Was war schließlich herausgekommen mit all seiner »Arbeit«? Hier aber waren Sümpfe getrocknet, Wege gebahnt, Land bebaut, Öde besiedelt, Armut wohlhabend worden, Tag für Tag stieg der Rauch aus den Schlöten, Wagen gingen mit vollen Fässern ab, kamen mit leeren an, Menschen regten sich und zeugten Kinder, die sich wieder regen werden, und indem die Gegenwart verging, rückte sachte schon die Zukunft ein, hier war die Ewigkeit des Lebens verbürgt. Wenn Franz dies mit der leeren Geschäftigkeit, dem unfruchtbaren Hochmut, der lärmenden Nichtigkeit der »Geistigen«, der »Intellektuellen« verglich, war ihm um jede Stunde leid, die er in dieses bodenlose Faß geworfen hatte. Doch Anton hätte das nicht begriffen, Franz erwiderte also lächelnd: »Ja, ich will versuchen, ob ich was arbeiten kann.« Es hörte sich gut an, er war vor weiteren Fragen sicher und Anton hielt den ganzen Wald um das Schlößl in heiligem Bann, seit der Bruder dort »arbeitete«. Franz hätte zu gern gewußt, was die Leute sich eigentlich unter seiner »Arbeit« dachten. Wahrscheinlich gerade so wenig wie Anton, auf den nur überhaupt jeder bücherlesende Mensch schon einen starken Eindruck machte, gar aber, wer es so weit trieb, daß er Bücher zu schreiben unternehmen durfte.

Die Arnsburg, nach Osten blickend, über die freie Ebene hin, steht auf dem Kamm der letzten von den waldigen Wellen, in denen der Hügel allmählich ins Tal zieht; er läßt sich beim Absteigen, wie um Atem zu holen, immer wieder nieder und breitet sich immer noch einmal gemächlich aus. Gen Süden macht er es ebenso, doch in steileren Wogen; gar ganz unten springt eine noch einmal hoch empor, und so spitz, daß darauf gerade nur das Schlößl Platz hat und der schmale Fahrweg sich ängstlich genug zur Landstraße herab durchwinden muß. Hinter dem Schlößl rauscht ein Meer von Wald, vorne geht's fast senkrecht in die Tiefe, da hatte Franz seinen geliebten Wundersberg unmittelbar gegenüber, hinter sich aber nur ewiges Waldesrauschen. Schon in alter Zeit muß einmal irgendein Flayn die Welt recht satt gehabt haben, oder es mag ein arger Raubritter gewesen sein, allen verfeindet. Vielleicht war's jener Hanns von Flayn, dessen Brief an seinen Bruder noch im Archiv erhalten ist. Der Bruder war Erzbischof geworden und schlug dem Hanns vor, sein Haushofmeister zu werden. Darauf antwortete der: »Mein Gruess zuvor, Hochwürdiger Herr Bruder! Daß Du aus Gottes Gnaden Erzbischov geworden bist, ist mir wohl bekant. Regier Land und Leit woll, daß Du es Dir beym strengen Gericht Gottes zu verantworten traust, ich bleib bei mir und Du magst Dir um einen andern Haushofmeister schaugn, womit ich Dich samt mich der göttlichen Vorsicht befehlche.« Franz war noch ein Kind, als der Vater ihn einst den Brief mit der wunderlich verschnörkelten Schrift sehen ließ. Jetzt fiel es ihm wieder ein. Schau du dir um einen anderen Haushofmeister um, ich bleib bei mir! Er hatte Lust, jetzt auch so zu sprechen, zur ganzen Welt. Hier gehörte er her. Hier war er der rechtmäßige Herr. Er hatte das früher nicht so zu schätzen gewußt, damals war er eher ungeduldig, alles immer nur seinem Namen zu danken, er wäre gern selbst etwas gewesen, durch eigenes Verdienst. Es scheint aber, daß man mit den Jahren bescheidener wird. Und draußen war er doch überall ein Eindringling, alle sahen ihn so fragend an, was er denn eigentlich bei ihnen zu suchen hätte. Hier war er selbstverständlich.

Seine Furcht, angestaunt zu werden, beruhigte sich bald. Niemand fragte, niemand schien sich zu wundern, die Herren gingen und kamen, das Volk fragte nicht, wohin oder woher, es versuchte gar nicht, sich das Leben der Herren auch nur vorzustellen, es war ihnen zugetan oder abgesinnt, aber in Haß und Liebe gleich unbekümmert um sie, es wußte nichts von ihnen, es fragte nicht nach ihnen. Und die Herren untereinander auch nicht, wenn einer wegging. Es hieß dann einfach: »Ja der lebt im Ausland.« Und damit war man abgeschieden, auch von ihrer Neugierde. Was man dort denn eigentlich trieb, fragte niemand. Ausland war für sie etwas unendlich Geheimnisvolles, worin der einzelne völlig versank. So hieß es ja auch von seiner Mutter seit Jahren: Ja die Irene Flayn lebt im Ausland!« Damit war man entrückt und erledigt. Es machte keinen Unterschied, ob sich einer im Ausland durch Tugenden oder Laster hervortat. Das ging sie gar nichts an. Ausland war für sie jenseits von Gut und Böse. Indem man ins Ausland ging, entzog man sich ihren Begriffen. Sie verlangten nur, daß der Heimkehrende sich wieder in ihre Sitten fand. Als er ins Schlößl übersiedelte, stand der Verwalter im Tor und sagte: »Sein's aber wieder da, Herr Graf!« Und die Verwalterin knickste: »Schön, daß S' wieder da sind!« Und ebenso der Onkel Erhard: »No, wieder da? Hoffentlich bleibst aber jetzt!« Und wohin er kam, bei groß und klein, vornehm und gering, überall derselbe herzliche Gruß, nirgends eine Frage. Er war in zwanzig Jahren drei- oder viermal auf vierundzwanzig Stunden hergekommen, seit zehn Jahren gar nicht mehr, und sie taten, als ob er kaum eine Woche weg gewesen wäre. Er hatte sich unnötig vor ihren Fragen gefürchtet, immerhin war es aber eigentlich fast kränkend, daß kein Mensch fragte, was er denn die ganze Zeit getrieben haben mochte. Auch Anton nicht. Anton war sehr stolz auf ihn und maß offenbar seinen »Arbeiten« die größte Wichtigkeit zu, doch ohne die geringste Lust, diese bedeutenden »Arbeiten« oder auch nur irgendwie Näheres über das Leben seines Bruders und in welchen Ländern, mit welchen Menschen, unter welchen Umständen es verlaufen, kennen zu lernen. Franz kam einmal auf Rom zu sprechen, da sagte Anton stolz: »Ja, du warst ja jahrelang in Rom!« Franz erwähnte zufällig Richard Strauß, Anton rief: »Was? du kennst den Richard Strauß? Das ist interessant!« Und er machte die Gräfin noch besonders darauf aufmerksam: »Denk dir! Franz kennt den Richard Strauß!« Er war stolz, einen solchen Bruder zu haben, aber er hatte kein Bedürfnis, von ihm nun irgend etwas über Rom oder Richard Strauß zu erfahren. Für ihn, und für alle hier, war die ganze übrige Welt nur dem Namen nach vorhanden. Sie kannten davon nur die Namen, das mußte man, das gehörte zur Bildung; sich dabei aber irgend etwas vorzustellen, fiel ihnen nicht ein, ja sie schienen eigentlich überrascht, wenn ihnen einmal der Gedanke kam, Rom könnte eine Stadt sein, in der man herumgeht wie hier, und Richard Strauß ein Mensch, der Skat spielt. Sie wunderten sich, doch nicht lange, denn es ging sie ja schließlich nichts an und das war für sie die entscheidende Frage: Was sie anging, da setzten sie sich mit ihrer ganzen Kraft ein, da wußte jeder genau, was er wollte, da ließen sie sich nichts dreinreden, da waren sie stark, eigensinnig und unerbittlich, da verstanden sie keinen Spaß, aber in allen anderen Dingen mochte die größte Freiheit walten, und sobald es sie nichts anging, war ihnen alles recht. Das fand Franz so merkwürdig, weil er es gar nicht mehr gewöhnt war; er konnte sich zunächst gar nicht gleich wieder hineindenken. Denn die Menschen, unter denen er jetzt zwanzig Jahre verbracht hatte, hatten einen viel weiteren Begriff von der Menschheit, den sie nun mit neuen Erfahrungen immer noch erweitern wollten, bis dann schließlich die ganze Welt würde untergebracht werden können, und so warfen sie sich gierig auf jeden Fall, der sie vielleicht wieder was Neues über den Menschen lehren könnte, suchten die fernsten Völker und die fernsten Zeiten ab, um nur ja von jeder Menschenart ein Exemplar zu haben, gingen auf alle Launen, selbst auf alle Laster ein, um nur ja nichts Menschliches zu verleugnen, und waren freilich am Ende mit all ihrer Toleranz doch wieder unduldsam, weil ja schließlich doch irgendeine Grenze gezogen werden muß, im Grenzenlosen zergeht der Mensch. Alle diese Leute, mit denen Franz jetzt zwanzig Jahre lang gelebt hatte, hatten, sonst so tausendfach verschieden, doch alle dies miteinander gemein, daß sie meinten, alles gehe sie an. Jeder einzelne von ihnen saß über alles zu Gericht, forderte Gott, den Gang der Gestirne, den Wechsel der Zeiten, das Wachsen der Natur, die Werke der Menschheit seit ihrem Anbeginn vor seinen Stuhl, und wer sich hier nicht ausweisen, nicht beglaubigen, nicht rechtfertigen konnte, wurde verworfen, ein höchst umständliches Verfahren, und gar für den Richter unerträglich, denn dem ging der Atem aus. Auch Franz war ja nur geflohen, um Atem zu holen. Und wenn er sich sie der Reihe nach vorstellte, alle, was immer sie waren, Gelehrte, Künstler, Weltmenschen, alle hatten keinen Atem mehr, keiner kam mehr nach, sie konnten nicht mehr mit. Wie wohl tat es ihm, bei diesen ruhig tief atmenden Menschen hier zu sein! Er war wie aus einem drückenden Traum erwacht, endlich schlug er die Augen auf und erblickte die Wirklichkeit. Er mußte sich freilich gestehen, daß er in seinem Leben schon einige Male die Wirklichkeit erblickt zu haben glaubte, dann aber war sie's doch nie gewesen. Ob er nicht vielleicht auch hier wieder nur in einen neuen Irrgarten geriet? Er traute seinen eigenen Empfindungen nicht mehr, sie hatten ihn zu oft betrogen. Und wenn er auch von hier wieder fliehen mußte, wohin dann noch? Es verdroß ihn, daß er schon wieder zu fragen begann. Damit verdarb er sich ja stets alles! Warum immer mit beiden Händen nach dem Wesen des Lebens greifen? Es hatte vielleicht gar keins. Er fühlte sich hier wohl, die Leute gefielen ihm, ihre lang entbehrte Mundart klang ihm vertraut, niemand fragte ihn, er gehörte her. Muß denn alles einen Zweck, muß denn das Leben einen Sinn haben? Er wollte sich einmal ruhig treiben lassen, »still auf gerettetem Boot«.

Er richtete sich behaglich ein, ließ die Kisten mit den Büchern und Schriften zunächst noch unausgepackt und nahm sich vor, einmal eine Zeit wirklich bloß zu vegetieren. Es war ein wunderschöner Herbst, mit so durchsichtigen stahlblauen Tagen, daß er sich an seiner geliebten Adria glauben konnte. Und die Stille der unendlichen Ebene, das tiefe Schweigen der Wälder! Er wird vielleicht wieder zu malen anfangen. Malen ist eine so gute Beschäftigung, die Stunden vergehen, und man hat doch etwas getan. Es muß ja nichts dabei herauskommen! Nur dieser Ehrgeiz hat es ihm verleidet. Er ist aber durch Schaden klug geworden, und wenn er jetzt bloß malt, damit die Zeit vergeht, dazu wird's schon reichen. Vielleicht ist das überhaupt das ganze Geheimnis: zu leben, damit das Leben vergeht. Man holt sich im Schlafe die Kraft, um sich am nächsten Tag wieder so müde zu machen, daß man am nächsten Abend wieder einschlafen kann. Sehr belustigend ist das ja gerade nicht, aber wir sind am Ende nicht verantwortlich dafür. Er wird wieder zu malen anfangen; man sieht in dem Kittel gut aus und ein malender Graf wirkt immer stattlich. Und es steht ihm ja frei, sich im stillen selber darüber lustig zu machen. Anton und Gabsch werden schon für die nötige Bewunderung sorgen. Was man aber die innere Befriedigung nennt, darauf hat er ja hoffentlich doch endlich verzichten gelernt. Und ein besseres Modell als den Blasl kann er sich gar nicht wünschen. Mit der Landschaft will er sich lieber nicht einlassen, sonst verliert er doch gleich wieder den Mut. Aber mit ein paar Strichen diesen verwilderten Blasl keck hinzusetzen, daß alle über die Ähnlichkeit verblüfft sein werden, traut er sich noch zu, der Schädel ist nicht zu verfehlen, und mit einiger Nachhilfe von Erinnerungen, so mit einem Hintergrund frei nach Zuloaga, der ihn ja selbst auch schon wieder frei nach anderen hat, muß er unglaublich wirken. Es ist seltsam, wie gut so ein spanischer Hintergrund gerade für diesen bayrischen Schmuggler, Wilddieb, Haberfeldtreiber oder was er sonst noch alles gewesen sein mag, paßt! Anton hatte recht: auf den ersten Blick erschrickt man unwillkürlich vor ihm, der Kerl sieht arg aus, alle bösen Lüste haben dieses tückische Gesicht verheert. Man weiß auch nicht recht, ob es ein uralter Mann ist, der sich noch ziemlich gut erhalten hat, oder ob Leidenschaften, ein furchtbares Schicksal, Erinnerungen, die ihn nicht schlafen lassen, in diesen erschöpften Zügen so gewütet haben, daß er vielleicht viel älter scheint, als er nach seiner körperlichen Kraft, der Heftigkeit, die plötzlich oft aus seinem trägen und schleppenden Wesen fährt, und seiner Ausdauer auf der Jagd, im Steigen, sogar bei der Arbeit, wenn es doch einmal gelingt, ihn zur Arbeit zu nötigen, eigentlich sein kann. Den stärksten Eindruck aber machen auf Franz die Augen des wunderlichen Alten, Augen eines kranken Hundes, Augen eines Blöden, die zugleich Hohn und doch auch eine rührende Demut enthielten; sie schienen erloschen und hatten dann zuweilen doch wieder irgendeinen irren Glanz, irgendwoher. »Du stilisierst schon wieder,« sagte Franz warnend zu sich selbst. Aber schon um ihn zu beobachten, wollte er ihn malen. Denn aus dem Kerl war kein Wort herauszubringen, er tat, was ihm befohlen wurde, zwar etwas langsam, doch nicht unwillig, machte seine Sache ganz gut, kutschierte vortrefflich, Franz konnte nicht über ihn klagen, nur daß er sich niemals in ein Gespräch einließ. Er sagte ja oder nein, auch das übrigens mehr bloß durch Zeichen, die er mit einem Knurren oder Gurgeln begleitete, aber mit ihm zu reden war unmöglich, er antwortete nicht, und Franz wußte nicht einmal, ob er nicht antworten wollte oder nicht konnte, ob aus Angst oder aus Trotz, ob aus Unverstand oder Hinterlist, denn sein hartes Gesicht blieb unbeweglich und die blöden Augen verrieten nichts. Der Verwalter meinte, daß es mit ihm im Oberstübchen nicht mehr ganz richtig sei, hielt ihn aber für einen im Grunde gutartigen Menschen, den nur entweder eine schlimme Tat, die ja jedem im Zorn zustoßen kann, oder irgendein schweres Unglück verwirrt haben mochte. Die Leute hatten ihn eigentlich alle ganz gern, und so wunderlich er es trieb, wagte doch keiner, ihn auszuspotten; sie fanden nur, er übertreibe die Frömmigkeit, man soll ja fromm sein, aber doch mit Maß und Ziel. Stundenlang konnte man ihn in einer Ecke hocken sehen, den Rosenkranz in den gefalteten alten Händen und die Lippen, deren untere schwer vorhing und die großen Zähne sehen ließ, unaufhörlich bewegend. Franz hätte gern gewußt, ob er bloß erloschen war oder irgendein Geheimnis enthielt. Vielleicht wird es beim Malen zum Vorschein kommen. Gewohnt, auf sich achtzugeben, bemerkte Franz, daß es ihm eben doch wieder keine Ruhe gab, bevor er eine Aufgabe hatte. Welche, darauf kam es ihm nicht so sehr an. Und der Blasius war wenigstens eine, die verhältnismäßig ungefährlich für ihn schien.

Vorher wollte er aber noch seine Besuche machen, schon dem Anton zulieb, der in einemfort beteuerte, es sei ganz unnötig, und dem doch ein Stein vom Herzen fiel, als Franz in die Stadt fuhr, zum Onkel Erhard und zum Domherrn. Jenen, seines Vaters jüngeren Bruder, fand er unverändert. Der alte Graf hatte sich glücklich bis zum Oberlandesgerichtsrat durchgeschnauft, sah noch immer eher einem Forstmeister gleich, hatte noch immer einen mißvergnügten dicken alten Dackel bei sich, der mit ihm um die Wette schnaufte, schimpfte noch immer gottsjämmerlich auf die Regierung, die an allem schuld ist, saß noch immer in einer Wolke von Zigarrenrauch, hatte noch immer die Gicht und schwor noch immer, vom nächsten Montag an keinen Tropfen mehr zu trinken. Er tat verwundert, den Neffen, dem er gleich in den ersten Tagen auf der Arnsburg begegnet war, bei sich in seinem Amte zu sehen. »Was sind das für Sachen? Du glaubst doch nicht, daß ich auf diese konventionellen Scherze halte? Gegenbesuch! Hol's der Teufel! Unter Männern wie wir! Oder willst du dich an meinem Elend weiden? Da!« Und er wies ächzend auf die Stöße von Akten rings, konnte doch aber die Freude, den Stolz, die Rührung nicht verbergen, indem er schnaufend, lachend, hustend nur immer wiederholte: »Macht mir seine Aufwartung! Ja bist du toll? Es wär doch wirklich nicht nötig gewesen! Aber kannst wenigstens einmal sehen, wie's unsereinem ergeht. Ein Jammer! Ein Elend! Ja dein Vater, der hat's verstanden! Holt sich die reiche Braut und lacht uns alle aus! Macht's mir nach! Ich hätt's ihm schon nachgemacht, es war aber keine zweite mehr da! Ein Elend! Ein Jammer!« Und so ging's eine Stunde lang fort, er ließ ihn nicht weg, er war so froh, endlich einmal sein Herz ausschütten zu können. Franz wußte ja, daß der Onkel den Tag meistens damit verbrachte, sein Herz auszuschütten; es war seine Hauptbeschäftigung im Amt. Und dann fing er zu erzählen an, schnaufend und ächzend, höchst umständlich, denn von den alten Zeiten war ihm der kleinste Zug noch lebendig, während ihm die Gegenwart allmählich schon verblaßte; so schwamm er behaglich in den alten Geschichten herum, und besonders immer wieder, was für ein Tausendsassa sein guter Bruder gewesen, ein Schlingel, ein Tunichtgut, ein Schuldenmacher, ein Schürzenjäger, aber hat er denn nicht recht gehabt? »Ich sag dir, unsereiner ist der größte Esel, wenn er was lernt, denn es glaubt's ihm ja doch niemand! Ja ein Herr Meier oder Müller, der Sohn eines Hausmeisters, Briefträgers oder Rauchfangkehrers, wenn der studiert, à la bonheur! Aber ein Graf – von dem ist's eine Frechheit, daß er ihnen den Bissen wegschnappen will! Da halten alle zusammen, die Herren Meier und Müller, die Briefträger und Rauchfangkehrer! Dann aber jammerns noch über die Vorrechte des Adels! Wo denn? Wie denn? Ich möcht wissen! Wenn sich irgendwer über Unterdrückung beklagen kann, sind wir's! Uns bleibt nichts mehr reserviert, da dürfen jetzt alle herein, aber uns lassen's nirgends herein, sie sind exklusiv, nicht wir! Wehe, wenn ein Jud nicht Offizier wird! Aber wenn ein Graf an die Börse geht, das ist auch wieder nicht erlaubt! Was wir dürfen, sollen alle dürfen, wir aber nicht, was sie dürfen! Was soll da schließlich aus uns werden? Was bleibt uns denn noch übrig? Ich bin neugierig! Denn so viele reiche Judenmädeln, um den ganzen Adel zu versorgen, gibt's ja gar nicht! Ich bin gewiß ein guter Liberaler, ich bin für Freiheit und Fortschritt, aber so weit darf das doch nicht gehen, daß wir zuletzt der reine Niemand mehr sind! No du warst ja viel gescheiter wie ich, du pfeifst ihnen was und gaukelst vergnügt in der Welt herum, recht hast du, denn man hat ja doch nichts als Undank und Verdruß davon, ich könnte da Geschichten erzählen, daß dir die Haar zu Berg stehen! Ich bleib ja auch nur noch, bis ich die ganze Pension hab, keine Viertelstund länger!« Franz mußte im stillen lächeln, Anton hatte ihm das Tagwerk des ewig gekränkten Onkels geschildert, der im Amt morgens zunächst gemächlich die sämtlichen Zeitungen las, dann Lärm schlug, weil er einen Akt nicht finden konnte, und während dieser überall gesucht wurde, sich die Zeit mit Dichten vertrieb, er hatte ein artiges Talent, jede Begebenheit in zierliche Verse zu bringen, und wußte sich dabei des Schalkhaften, Treuherzigen und Verschmitzten der heimischen Mundart so glücklich zu bedienen, daß er für alle feierlichen Gelegenheiten im Lande stets um seine poetische Mitwirkung angegangen wurde; auch seine Kollegen im Amt fanden es selbstverständlich, daß, wenn ihn die Musen besuchten, die Themis einstweilen geduldig zu warten hatte, leider oft etwas lange, weil er ja überhaupt nur bei schlechtem Wetter kam, an schönen Tagen aber lieber in den Bergen herumstieg, heute noch mit den Jüngsten um die Wette, denn seine Gicht blieb im Tale zurück und die schlechte Laune auch, bei tausend Metern war er wie verwandelt, und alle freuten sich des rüstigen, wohlgemuten, trinkfesten, sangesfrohen, leutseligen alten Herrn, der noch dazu ein Graf war und so herrlich auf die Regierung schimpfen konnte; ja, wenn nur alle wären wie der, dann säh's im Lande besser aus. Er sei, behauptete Anton, der populärste Mann bei jung und alt, ja der Stolz der ganzen Stadt, und sündige darauf, daß niemand wage, von ihm Ordnung in seinen Akten zu verlangen, weil es doch nichts nützen, aber eine Revolution ausbrechen würde. Franz, gewohnt, alles auf sich zu beziehen und auf sein eigenes Schicksal anzuwenden, zog daraus die Lehre, daß einem, der das Unglück hat, ein Graf zu sein, heute wahrscheinlich nichts übrig bleibt, als ein Demagog zu werden.

Der Gang zum Domherrn war ihm schwerer. Er freute sich, ihn wiederzusehen, er war neugierig, wie der verehrte, viel besprochene, geheimnisvolle Mann jetzt auf ihn wirken und vor seinem doch immerhin gereiften Urteil bestehen würde. Doch war er einigermaßen befangen, er konnte sich eines unerklärlichen Mißtrauens kaum erwehren, einer gewissen Bangigkeit, vielleicht wieder um ein Ideal ärmer zu werden. Denn das war ja nicht übertrieben: in seiner Erinnerung stand der Domherr wirklich mit einer Verehrung umgeben, die vielleicht irdischen Wesen gar nicht zukommt. Der Großvater, der sonst, bei all seiner hausbackenen Frömmigkeit, die »Pfaffen« nicht leiden konnte, der Vater, der mit allen Menschen herablassend spöttisch verkehrte, gar aber seine stolze, unnahbare, gebietende Mutter, alle hatten stets schon den Namen des Domherrn mit so feierlichen Mienen begleitet, daß die Kinder sich unwillkürlich angewöhnten, ehrfürchtig, ja fast andächtig aufzuhorchen. Nun aber erst noch, wenn er dann, immer schon lange vorher angekündigt, mit Ungeduld erwartet, beklommen begrüßt, endlich unter ihnen saß, die Wirkung seines unbeschreiblichen Wesens! Gewann schon die Schönheit seiner Erscheinung alle, so stellte die Güte, die Herzlichkeit, die Wärme seines Tons gleich ein Zutrauen, ein Gefühl von Sicherheit her, dem sich niemand entziehen konnte. Strenge vereinigte sich mit Anmut, Würde mit einer bequemen Lässigkeit so, daß man in eine Art behaglicher Ehrfurcht geriet, und was jedermann in seiner Gegenwart empfand, hatte die Mutter einmal mit den Worten ausgesprochen: »Wenn man den Domherrn um Rat oder Trost bittet, fühlt man sich, bevor er noch den Mund auftut, schon beraten und getröstet.« Dazu kam, daß er nicht das geringste von priesterlicher Feierlichkeit oder gar Salbung hatte. Er war immer gut gelaunt, von einer gelassenen Heiterkeit, ein guter Erzähler, und in der ruhigen Freiheit, die sich von ihm verbreitete, ging unwillkürlich jeder aus sich heraus, wurde zuversichtlich, mitteilsam, unbedenklich und hütete sich doch, sich gehen zu lassen, denn so sehr er alle Menschen anzog, irgend etwas hielt sie doch ab, und je näher sie ihm kamen, sie kamen doch nie an ihn heran. Ein äußeres Zeichen davon war, daß er die Gewohnheit hatte, einen, wenn er behaglich wurde, zu duzen, nicht bloß jüngere Leute, sondern auch angesehene Männer und Frauen, aber nie konnte sich Franz erinnern, daß sich irgend jemand das gegen ihn erlaubt hätte. Während andere Menschen es darauf absehen, Distanz zu halten, aus Furcht, sich gemein zu machen, schien er es eher darauf anzulegen, kein Gefühl von Entfernung aufkommen zu lassen, und war doch sicher, unangetastet zu bleiben. So weit Franz in der Welt herumgekommen war, er hatte nicht viele Beispiele solcher angeborener selbstgewisser und eben darum ganz einfacher, geräuschloser und gewissermaßen anonymer Hoheit gefunden. Sehr berühmte Künstler, des Ruhms überdrüssig geworden und am Ende zum Volke, aus dem sie emporgestiegen waren, wieder zurückgekehrt, vom Glanze weg nach äußerer Dürftigkeit verlangend, vielleicht um gerade dadurch sich ihrer inneren Größe recht bewußt zu werben, hatten das zuweilen, so Rodin, der Sänger Niemann, die Schauspielerin Rahl; und in Rom war Franz alten Kardinälen begegnet, die halb Bettler, halb Könige schienen, oder richtiger: beides zugleich, wie denn bei lateinischen Menschen noch am ehesten fürstliches Wesen mit volksmäßigem zusammen gehen kann. Sie hatten ihn stets unwillkürlich an den Domherrn denken lassen, aber er wußte nun doch nicht, wieviel an dem Bilde, das er vom Domherrn im Herzen trug, Wahrheit war und wieviel Goldglanz der eigenen, alles verschönenden Erinnerung an die versunkene Jugend. Auch war er selbst dem Domherrn ja großen Dank schuldig geworden. Die Mutter hatte den jüngeren Sohn zum Diplomaten bestimmt, und als er, ohne Lust dazu, ja angewidert, seiner Neigung zur Wissenschaft zu folgen und umzusatteln beschloß, stieß er daheim auf den heftigsten Widerstand. Er war immer ihr Liebling gewesen, auf ihn setzte sie ihren großen Ehrgeiz, von klein auf hatte sie ihn zum Wunderkind sozusagen ernannt. Als sie schließlich doch einsehen mochte, daß sie sich zuviel von ihm versprochen hatte, sollte der Glanz einer äußeren Stellung ersetzen, was sie von der Kraft seiner Begabung nicht mehr erwarten konnte. Wenn es zum Raffael nicht reichte, so verhieß sie sich nun einen Cavour von ihm und war nicht gewillt, sich dafür mit einem Privatdozenten der Botanik abfinden zu lassen. Ein Jahr lang rang er mit der Mutter. Alle Bitten, seine Versicherung, für das ganze Leben unglücklich zu werden, das Zureden Antons, nichts half, bis er in seiner Not den Einfall hatte, den Domherrn anzurufen. Der Domherr kam, und in kaum einer Stunde war ihr Traum begraben, ihr Wille gebeugt, sein Wunsch erfüllt. Daß er sein Leben hatte selbst gestalten dürfen, verdankte er dem Domherrn. Er hatte sich freilich seitdem oft gefragt, ob es für ihn nicht besser gewesen wäre, der Mutter ihren Willen zu tun. Aber er hätte sich dann sein ganzes Leben lang eingebildet, sein wahres Leben verfehlt zu haben. Es war schon besser, wie es war.

Franz hätte selbst nicht zu sagen gewußt, warum er, in Verehrung des Domherrn erzogen, ihm zu Dank verbunden, den anziehenden Reiz seines Wesens so stark empfindend, dennoch ein Unbehagen vor diesem Besuche wirklich nur Anton zuliebe überwand. War es nur Angst vor Enttäuschung? Auch wenn der Domherr dem Manne nicht hielt, was der Knabe, was der Jüngling an Vertrauen und Bewunderung in ihn gesetzt hatte, blieb immer noch ein ungewöhnlicher Mensch übrig, weit über das hier übliche Maß emporragend. Es war nicht Furcht vor Enttäuschung. Aber Furcht war es. Er fühlte sich beklommen, unsicher, fast zaghaft. Warum? Er wollte nichts von ihm, brauchte nichts von ihm, kam auf Besuch, der Form wegen, ohne weitere Folgen. Und wenn der Domherr im Rufe stand, Menschen zu fischen, so mußte sich das doch lohnen. Was aber hätte er davon, ihn einzufangen, einen gleichgültigen Grafen, ohne Vermögen, Einfluß oder Bedeutung, der noch dazu, wenn es ihm unbehaglich wurde, morgen wieder entwischen konnte, weg in die weite Welt? Ihn beschlich offenbar nur die törichte Scheu vor Priestern, die er noch von der Schule her hatte. Er war in Kremsmünster erzogen, und so sehr die Buben dort an den geistlichen Herren, ihren Lehrern, hingen, wuchsen sie doch im heftigsten Trotz gegen alles Kirchenwesen auf. Franz war fromm, als er hinkam, und kam als Freigeist, Spötter, ja mit einem wahren Haß gegen die Pfaffen zurück; er hätte selbst den Grund nicht sagen können. Er gedachte heute noch dankbar der braven freundlichen gelehrten Priester, die dem jungen Volke jede Freiheit ließen, wirklich keine Pedanten waren und alles eher als Frömmler. Den Schülern geschah kein Zwang, nichts hinderte sie, sie wurden nie mit geistlichen Übungen geplagt, und gar der allgeliebte Pater Zirwin, der Philologe, war ein entschiedener Heide. Doch die natürliche Neigung der Jugend, sich aufzulehnen, braucht etwas zum Widerspruch und ergreift alles, was sie nur gerade bei der Hand hat, um sich daran in Hohn und Verachtung gütlich zu tun. Anders konnte sich Franz die kindische Wut nicht erklären, in der sie damals einander überboten, Wut, Grimm und Hohn, nicht gegen den Glauben, den mancher der prahlenden Schreier dabei ganz unversehrt behielt, aber gegen die Kirche, der allen Gehorsam aufzusagen freien deutschen Männern die Ehre gebot. Das gehörte nun einmal dazu, wie Rauchen und Kneipen, und jeder hätte sich geschämt, hinter den anderen zurückzubleiben, einer tat es dem anderen nach und bemühte sich noch, es allen darin zuvorzutun. Und so stark sind solche doch meistens ganz zufällige Denkgewohnheiten der ersten Jugend, daß von seinen Schulkollegen alle, die sich später öffentlich irgendwie hervortaten, sich immer auffällig antiklerikal zu gebärden jede Gelegenheit ergriffen. Franz hatte sich um Politik nie gekümmert; alles Parteiwesen war ihm verhaßt, alle Parteimänner hatten so schlechte Manieren. Aber gelegentlich ein kräftiges Wort gegen die frechen Übergriffe kirchlicher Unduldsamkeit zu vernehmen, tat auch ihm wohl. Mochte jeder im stillen mit sich selber ausmachen, was er glauben, wie das uns rings umgebende Geheimnis deuten, in welcher Form es verehren will, aber der öffentliche Betrieb so geheimer und ganz intimer Empfindungen durch Angestellte, die das nun auch noch zum Anlaß nehmen, in alles dreinzureden, schien ihm mit allen Begriffen unserer Zeit, mit jeder echten Bildung, ja schon mit der einfachsten seelischen Schamhaftigkeit unverträglich, wenigstens für jeden seiner empfindenden Menschen, wenn auch immerhin das Volk vielleicht, in seinem sinnlichen Bedürfnis nach äußeren Zeichen, noch immer solcher rohen Formen nicht ganz entraten kann. Und gerade seit er angefangen hatte wahrzunehmen, wie viele Menschen sich jetzt auf einmal wieder dem Glauben zuwenden, war ihm das Unwesen eifernder Kapläne noch ärgerlicher geworden. Das Göttliche, das Unaussprechliche rein verehren zu können, wird die Menschheit sicherlich erst die Macht der Kirche brechen müssen, die sich überall, gar aber bei uns, immer mehr verweltlicht hat und ihren so heiligen Ursprung verleugnet. Und war denn die Exzellenz nicht ein abschreckendes Beispiel dieses Weltsinns einer nur noch politisierenden Kirche? Einen klerikalen Großindustriellen nannte ihn der Onkel Erhard. Halb Unternehmer, halb Diplomat, ebenso begabt, Geschäfte wie Menschen zu leiten, mit einem glücklichen Blick für wirtschaftliche Bedürfnisse wie für menschliche Schwächen, immer bereit zu helfen, aber nur, wenn man sich ihm dafür verschrieb, nachsichtig, duldsam, verständnisvoll mit Freunden, Feinden gefährlich, war er zu einer Macht gelangt, die keinem Rechenschaft zu geben hatte, die nie zur Verantwortung gezogen wurde. Man spürte ihn überall und konnte ihn nirgends fassen, denn er war ja nur ein still seinen frommen Pflichten lebender Priester. Gerade dieses Inkognito seines Ansehens, seiner Bedeutung, seiner Wirksamkeit umgab ihn mit einer Sicherheit, die auch tapfere Männer kleinlaut machte und jedem riet, sich lieber mit ihm zu verhalten. Sie konnten ihn alle nicht leiden und ließen sich doch alle von ihm lenken, und wenn Franz das als Kunststück bewunderte, so fand er es doch empörend. Jedenfalls nahm er sich vor, auf der Hut zu sein. Denn wenn es auch wirklich nicht dafür stand, ihn einzusaugen, er traute dem Domherrn zu, daß er es dennoch versuchte, schon aus Gewohnheit, zu seinem Vergnügen und um seine Kunst zu zeigen. Aber so leicht soll es ihm nicht werden!

Alle guten Vorsätze aber waren vergessen, sobald Franz vor ihm saß. Der Domherr empfing ihn, als wenn es gestern gewesen wäre, daß sie sich zum letztenmal gesehen hätten, sie waren gleich in einem Gespräch, das gleichgültig schien, aber durch die gute Laune, den Geist und die gelassene Heiterkeit des Priesters einen Reiz hatte, dem sich Franz um so weniger entziehen konnte, als er doch selber froh war, nach so langer Zeit sich wieder einmal im Ballspiel munterer Gegenreden üben zu können. Es war zu hübsch, wie der Geistliche, nichts sagend, es so zu sagen verstand, daß man aus einer Überraschung in die andere fiel. Sie sprachen die ganze Zeit nur von ihren Bekannten, nach denen sich der Domherr erkundigte, mit einem freundlichen Wort für jeden, aber von einer Freundlichkeit mit einem Nebensinn, gleichsam mit einer geheimen Türe, die plötzlich aufging und den Freund, dessen er eben so herzlich gedachte, in einer höchst komischen Stellung überraschte, worauf jedoch sogleich wieder der Vorhang christlicher Nächstenliebe zugezogen wurde. Und wie mit Menschen, so ging er auch mit den Dingen, mit allgemeinen Verhältnissen, mit Schicksalen um: sie verloren, indem er sie besprach, nach und nach ihren Ernst, ihre Bedeutung, ihre Schwere, sie lösten sich auf, in seinem Munde wurde alles zu Geist, und es blieb nichts als eine angenehme stille Heiterkeit zurück. Wenn man ihn hörte, war nichts wert, sich aufzuregen, die Menschen bildeten sich das bloß zuweilen ein, aber es ging schon wieder vorüber! Nicht daß er diese Meinung ausgesprochen hätte, nein, im Gegenteil: er behandelte Menschen und Dinge mit dem größten Respekt und schien eher zu bedauern, daß ihr Ernst niemals standhielt. Er war kein Spötter, er wurde niemals ironisch, er sprach immer mit derselben ruhigen Herzlichkeit fort, teilnehmend, wohlwollend, gutmeinend, aber je länger er sprach, desto kleiner wurden Menschen und Dinge, sie hielten sein Wohlwollen nicht aus, sie zogen sich beschämt vor seiner guten Meinung zurück, seine Teilnahme blieb ihnen, aber sie verdienten sie nicht mehr. Den ärgsten Spott würde man eher aushalten als diesen alles aufweichenden gütigen Ernst! Es war ein langsames Einsinken in Behagen, das sich allmählich immer wärmer um einen zusammenzog. Franz sagte sich zuweilen noch: Wenn du jetzt nicht aufstehst, wird's zu spät, und so billig soll er dich doch wenigstens nicht haben! Es war aber zu schön. Nur einen Augenblick noch! Und dann noch einen! Lange war ihm nicht so wohl gewesen. Er redete sich auch vor, bloß neugierig auf das Verfahren, auf die Methode des Pfaffen zu sein. Wodurch wirkte der? War es der seltsame Klang dieser tiefen, dunklen, gurrenden Stimme? Nach Predigerart zog und dehnte der Priester die Silben, sie tropften gleichsam und hallten leise nach. Das wirkte zunächst eher fast etwas komisch, dann ermüdend, aber angenehm; unwillkürlich wurden einem die Augen schwer. War es die Stille der einfachen Stube, die mitten in der Stadt, mit dem Blick auf den Platz, doch ganz abgeschieden schien, eine andere Welt? Ein merkwürdiges Gefühl von Geborgenheit war das, und doch auch von beklommener Erwartung, fast wie man es zuweilen in Gegenwart von Frauen hat, wenn sich eine Neigung, noch ungewiß, mit leisen Schritten anzukündigen zögert. Und da fing Franz auf einmal unversehens lebhaft von sich zu erzählen an, unaufgefordert, auch eigentlich ohne jeden Anlaß, zu seiner eigenen Verwunderung, auf irgendein inneres Geheiß hin, vielleicht bloß, um wieder aufzuwachen; es tat ihm wohl, seine eigene Stimme zu hören, er wollte nur reden, reden, reden! Er nahm sich aber zusammen, nichts zu verraten. Daß ihm sein ganzes Leben mißlungen war, daß er überall angeklopft und nirgends Einlaß gefunden hatte, daß er, an allen Türen abgewiesen, jetzt ganz ratlos dastand, um keinen Preis sollte der arglistige Priester das erfahren! Nein, er wollte nur erzählen, – von seinen Reisen in der großen Welt da draußen, von Abenteuern, die er bestanden, von merkwürdigen Menschen, mit denen er verkehrt hatte, er prahlte fast damit, um Eindruck auf den Pfaffen zu machen! Da sagte dieser: »Kopf hoch! War nicht übel! Solche Stimmungen hat jeder einmal, aber man flickt sich schon wieder zusammen. In deinen Jahren! Und gibt's denn was Schöneres in der Welt, als sich von ihr mit voller Hingebung immer wieder betrügen zu lassen, von dieser ach so herrlich niederträchtig trügerischen Welt? Du wirst noch manchen Wahn lahm reiten, man läßt sich eben einen neuen satteln, um dich ist mir nicht bang!« Und er lachte von Herzen. Franz war paff: Er hatte doch das gar nicht gesagt, worauf ihm der Weihbischof antwortete! Der antwortete ihm, als ob er ihm gestanden hätte, gerade was er ihm zu verschweigen entschlossen war und doch auch wirklich verschwiegen hatte. Und noch verlegener machte ihn das Du des Priesters, das er sich nicht gut verbitten konnte, schon als Student daran gewöhnt, das er aber als erwachsener Mensch, um nicht in eine ganz lächerliche Stellung zu geraten, erwidern mußte, jedoch mit aller Anstrengung einfach nicht über die Lippen brachte. Wie ein Schulbub saß er vor dem Priester da, der lächelnd fortfuhr, ihm ungebeten Trost und Mut zuzusprechen: »Wer hätte sich nicht schon in einer ähnlichen Lage befunden? Es wird dem Menschen nicht leicht, herauszufinden, wohin er gehört, was er eigentlich soll, was mit ihm gemeint ist. Da verliert er denn wohl gelegentlich die Geduld und möchte aus der Haut fahren. Aber auch du wirst mit der Zeit darauf kommen, daß das ein Irrtum ist. Denn erstens wär dir in anderen Häuten auch nicht besser, und zweitens geht's eben nicht, du kommst einmal aus deiner nicht heraus.« Franz hörte gar nicht mehr zu, er dachte nur immer noch nach, wodurch er sich wohl dem Priester verraten haben könnte oder ob dieser etwa sonst irgendwie sich über ihn erkundigt hätte, das Spionieren schien zu seinem Amt zu gehören. Es war ja verblüffend, wie er, dem Anschein nach ganz im allgemeinen sprechend, genau die besonderen Stellen traf, an denen Franz ratlos war, und während er sich in Sentenzen erging, schlug jede doch gerade auf diesen einen Fall ein. Ein Zeuge hätte meinen können, daß hier bloß allerhand Fragen, wie sie sich einem Beobachter des menschlichen Lebens aufdrängen, fachlich verhandelt würden, und hätte durchaus in dem Gespräche keine Beziehung auf eine Person vermutet. Ja Franz selber fragte sich immer wieder, ob er sich diese nicht am Ende doch bloß einbilde. Möglich war immerhin, daß der Priester ganz arglos Betrachtungen anstellte, ohne zu ahnen, wie nahe sie seinem Hörer gingen. Vielleicht bestand überhaupt seine ganze Methode darin, immer einen Vorrat von Maximen bereit zu haben, aus dem sich dann jeder Hörer nahm, was auf ihn paßte. Vielleicht war es gar nicht so schwer, mit einem halben Dutzend von klug gewählten vieldeutigen Redensarten für alle Fälle geistiger Not und Hilflosigkeit auszukommen, ihre Anwendung auf sich besorgte der Hilflose dann schon selbst und ging getröstet weg, ohne daß der Tröster wußte, was er denn getröstet hatte. Nur stimmte das doch wieder auf diesen Fall nicht, denn woher konnte der Domherr denn überhaupt wissen, daß Franz in innerer Not war? Und für jeden anderen, ja vor einem Jahre noch auch für Franz selbst, hätten die Worte des Priesters keine Bedeutung, eigentlich gar keinen Sinn gehabt, die jetzt, aber erst jetzt, nach seinen letzten Erlebnissen, so stark auf Franz wirkten, aber nur auf ihn wirken konnten! »Es gibt Menschen,« sagte der Weihbischof, »die einen Zweck brauchen, und andere, die Bewegung brauchen. Jenen kommt es darauf an, daß etwas getan wird, diesen, in Tätigkeit zu sein. Jene werden sich unglücklich fühlen, wenn sie keine Wirkung sehen; diese befriedigt auch die größte Wirkung nicht, wenn ihnen noch ein Rest von unverbrauchter Kraft bleibt. Am richtigen Platze sind beide verwendbar, aber beide richten Unheil an, wenn eine falsche Erziehung ihren Ehrgeiz auf die andere Seite lenkt, den der Zweckmenschen auf Geschäftigkeit, den der Kraftmenschen auf ein Ziel. Es kann einer bloß durch seine fruchtbare Gegenwart, durch einen einzigen glücklichen Einfall, durch das rechte Wort im rechten Augenblick die größten Wirkungen erreicht haben und doch an sich irre werden, weil er eigentlich ja, wenigstens an der Unermüdlichkeit der anderen gemessen, untätig bleibt. Und der andere wieder wird aus der schönen Bewegung, in der er sein Leben verbringt, aufgeschreckt, durch die Frage, was denn aber damit geleistet sei. Hätten jene genug an der Wirkung, auch ohne Tätigkeit, diese an ihrer bewegten Geschäftigkeit, auch ohne Leistung, so wäre allen geholfen. In unserer Zeit verleidet sich aber jeder seine Begabung dadurch, daß er von ihr gerade das verlangt, was sie nicht kann: der Zweckmensch will sich in Bewegung setzen, der Kraftmensch, der doch nur zu turnen hat, fordert sich ein Ziel, und während sie, jeder von seiner Seite her, schließlich schon irgendwie, irgendwo zusammen kämen, verlieren sie so nur alles Zutrauen, allen Stolz, alle Freude. Sei doch der Tätige tätig, ohne lange zu fragen, was er damit leisten wird, und der Wirksame wirke, ohne sich nach Bewegung zu sehnen! Durch diese banale Weisheit wäre die Zeit von aller Hysterie geheilt.« Franz konnte sich nicht denken, daß diese Worte bloß allgemein gemeint wären. Sie zielten doch auf ihn. War denn in der ganzen Stadt noch irgend jemand sonst, dem sie gelten konnten? Enthielten sie nicht sein Schicksal? Ei doch, er war der immer bewegte Tätige, der nun, statt diese Bewegung dankbar zu genießen, sich alles mit der ewigen Sorge verdarb, was denn aber damit schließlich geleistet sei! Zum erstenmal fand er sich erkannt, ja jetzt verstand er sich selber erst, hier war er gedeutet, ja noch mehr, hier wurde ihm bestätigt, daß er recht hatte! In Bewegung zu sein, war ihm vom Schicksal auferlegt und so hatte er ein Recht auf alles, was ihn in Bewegung setzte, und hatte keine Pflicht, als sich zu bewegen, und mußte sich nur die törichte Frage abgewöhnen, wozu! Dann war auch sein bisheriges Leben nicht vertan, er sah es jetzt anders, denn so kläglich es schien, an den Ergebnissen gemessen, so reich war es an Ereignissen, es konnte sich als Kraftübung wohl sehen lassen, er hatte nichts gespart, sondern von Jugend auf redlich gewirkt, wenn auch nichts bewirkt: das Stichwort, das ihm der Domherr gab, ließ ihn wieder Mut und Vertrauen finden, zu einer Tätigkeit, welcher Art immer. Und vielleicht wird er jetzt erst zeigen, was er kann, wenn er nicht mehr fragt, was seine Kraft einbringt, sondern sich von ihr treiben läßt, wohin immer, ohne Ziel, sich auswirkend an allem, was der Tag, was der Augenblick ihm schickt, bewegt und bewegend, zufrieden, wenn er sich nur sagen kann: du regst dich nach allen Seiten, wie der Wind weht, wie der Fluß fließt! Er war daran aufzuspringen, in einem Gefühl von Reue, den Priester so verkannt, von Scham, ihm mißtraut zu haben, bereit, sich von ihm führen zu lassen, und doch immer von einer inneren Stimme noch gewarnt, ob er nicht wieder einmal von einer unbesonnenen Zuversicht betrogen würde, wie schon so oft! Er kannte das doch! Wie oft in seinem Leben hatte er nicht schon gemeint, den rechten Mann, dem er sich anvertrauen, die rechte Sache, der er sich bestimmen könnte, gefunden zuhaben, und dann war es immer doch wieder nicht der rechte, nicht das rechte gewesen und er saß wieder da mit zerbrochenen Hoffnungen und konnte nicht weiter! Aber was lag denn daran? Er hatte ja doch immer wieder weiter können, freilich auf anderen Wegen! Galt ihm denn das nichts, immer wieder einen neuen Weg gefunden zu haben, den er wieder mit neuer Lust, mit neuen Erwartungen ging? Und mußte denn deswegen der alte Weg falsch sein, weil er ihn auf einen neuen führte? Er hatte vielleicht gar nie sein Ziel verfehlt, sondern eben der neue Weg war das Ziel des alten, und so kam er, während er irre zu gehen meinte, doch immer höher, und wenn er einst oben sein wird, erkennt er vielleicht erst, in die Tiefe zurückblickend, mit welcher Sicherheit er von seinen Trieben untrüglich gelenkt worden ist. Vielleicht sind alle seine Erfahrungen, Enttäuschungen, Entbehrungen, in Wissenschaft und Kunst, mit Frauen, auf Reisen, alle seine Versuche, das Leben auszukosten, alle seine Bemühungen um den Sinn des Daseins gleichsam nur einzelne Buchstaben eines geheimnisvollen Alphabets gewesen, die er erst alle kennen muß, um lesen zu können! Und die Menschen, die er so sehr beneidet, die von ihrer Kunst, ihrer Wissenschaft, ihrer Tätigkeit befriedigten Menschen sind vielleicht viel ärmer als er, denn sie bleiben in ihrem Buchstaben stecken, und so werden sie nie, nie lesen lernen, während ihm vielleicht bestimmt ist, einst das Buch des Lebens aufzuschlagen!

Es dämmerte schon. Der Domherr sprach noch immer, bald belehrend, bald erzählend, immer in demselben langsam fließenden Ton. Diese warme Stimme tat dem Grafen wohl, er vernahm aber eigentlich nur ihren Klang, von dem sich seine eigenen Gedanken tragen ließen. Die Worte des Priesters vernahm er kaum, sondern nur ein stilles Sausen, in dem er nichts unterschied, aber er hätte stundenlang so sitzen und horchen mögen, in sich hinein, wo nun auf einmal alles ruhig und klar und getrost war.

Da ging leis die Türe, der Priester verstummte, Franz erwachte. Ein junger Franziskaner stand auf der Schwelle, in Demut gewärtig. Vom Flur kam Licht herein, um den Mönch. Er schloß erst zu, als der Domherr sagte: »Nun? Der Graf wird entschuldigen. Wie steht's mit meiner Mutter?« Der Mönch, sich vor dem Grafen verneigend, mit einem neugierig aufschießenden, gleich aber wieder niedergeschlagenen Blick, glitt näher und begann zu berichten, die Hofrätin sei heute schon viel besser, und der Arzt meine jede Gefahr vorüber, wofern sie sich nur noch ein paar Tage streng verwahre, wovon sie nun freilich nichts wissen wolle, ungeduldig, im Bett gefangen zu sein, untröstlich, die Messe zu versäumen, und entschlossen, morgen auf jeden Fall auszufahren, gegen das ausdrückliche Verbot des Arztes, über den sie sich lustig mache.

Er sprach leise, kein Wort betonend, und konnte doch den Glanz seiner quellenden Stimme nicht verbergen, in der ein unterdrücktes Jauchzen klang. Sie war so hell wie sein weißes Gesicht, das, lang und schmal, aus Elfenbein schien. Es regte sich kaum. Nur wenn er sich einmal vergaß und seine kleinen schnellen kohlglühenden Augen aufschlug, flog ein Schatten darüber, aber gleich bezwang er sich wieder, senkte den Blick und dämpfte sein heißes Flüstern noch mehr. Franz wußte nicht gleich, was ihn an der demütigen Erscheinung so befremdete, ja fast rührte. Dann fiel ihm auf, wie diese rein gezeichneten, zierlich gemeißelten, feinen Züge so gar nicht zu der braunen Kutte paßten. Er wünschte sich unwillkürlich, dem Mönch sein Gewand zu nehmen, um den griechischen Jüngling zu sehen, den es verbarg.

»Danke,« sagte die Exzellenz. »Ich komm schon heute noch zu ihr. Und wenn sie sich's nicht ausreden läßt, wer weiß? Vielleicht hat sie recht. Vielleicht ist die Messe die beste Medizin für sie. Aber ich werd ja sehen!« Er nickte, der Mönch verneigte sich tief. Als er fort war, empfanden sie, wie dunkel es geworden. Der Priester machte Licht. Franz riß sich von der immer noch nachwirkenden Erscheinung los, es fiel ihm ein, daß er sich ja noch gar nicht nach der Hofrätin erkundigt hatte. Er wußte nicht, daß sie krank war, entschuldigte sich und fragte teilnehmend. Aber der Domherr, statt zu antworten, sagte lächelnd: »Mir gefällt er auch sehr. Es ist ein junger Albaner. Daher das klassische Profil. Nun hat er in einem Kloster am Bodensee Deutsch gelernt, eigentlich schwäbelt er. Der Gegensatz macht sich zuweilen sehr komisch. Da aber sein Gemüt noch mehr schwäbelt, stimmt es wieder, gewissermaßen ist es seine Muttersprache, oder sozusagen Seelensprache. Und ich mag ja stets die Menschen am liebsten, die mir innerlich am fernsten sind. Gar aber meine Mutter schwärmt für ihn. Wenn nur der Pater Hilarius kommt, das verjüngt sie ganz! Und sie verwöhnt ihn schrecklich.« Jetzt schien er sich erst auf jene Frage zu besinnen und fuhr fort: »Mein Gott, sie wird aufs Jahr achtzig! Da ist jeder Tag ein Geschenk. Auch hat sie sich nie geschont, sie lebt vergnügt darauf los und gibt sich heute noch Freuden und Leiden hin wie die Jüngste. Man muß sie sehen, wenn sie zur Kirche fährt, in offener Kalesche aufrecht unter dem schwarzen Sonnenschirm, huldvoll nach allen Seiten grüßend, jeder kennt sie ja, sie sind alle sehr stolz auf sie, das genießt sie nun mit Behagen, sie fühlt sich wirklich gewissermaßen als regierende Frau, die die Huldigungen ihrer Getreuen entgegennimmt, so mit einem gnädig achtlos über die Menge hinschwebenden Blick, bemerkt dabei doch aber alles. Das Geringste fällt ihr auf, und da geht's dann, wenn ich abends komme, an ein Fragen ohne Ende, alles will sie wissen, sie kennt ja von jedem die ganze Geschichte schon vom Großvater und von der Großmutter her, ihr Gedächtnis ist untrüglich, ihre Neugierde noch größer, gar aber ihr Stolz, die Vertraute, Mitwisserin, Hehlerin, Vermittlerin und Beschützerin sämtlicher Liebschaften in der ganzen Stadt zu sein, die sie nun freilich, wenn's nur irgend geht, ins Ehebett zu lenken sucht, aber wenn ihr das meistens mißglückt, doch auch wieder im Stiche zu lassen nicht das Herz hat. Das gibt nun Aufregungen, Befürchtungen, Hoffnungen, Täuschungen, Vermittlungen, Entzweiungen, Versöhnungen, gar aber Besprechungen ohne Ende, bis ihr mittendrin auf einmal doch wieder bange wird, den Himmel zu versäumen, und ich soll dann raten, wie man denn vielleicht doch so arge, aber ach so liebe Sünderinnen, die es doch so gut meinen und nur halt einmal nicht davon lassen können, unversehens irgendwie zur ewigen Seligkeit hinüberschmuggeln könnte.« Der Domherr lächelte. Dann wurde sein Gesicht plötzlich ernst, er schien nachzudenken und sagte noch, aber mehr vor sich hin und ohne Wert darauf zu legen: »Meine Mutter ist ein merkwürdiger Fall, wie Weltsinn, Hingebung an das Leben, Erdenlust doch in aller Unschuld bei der reinsten Frömmigkeit, ja man muß eigentlich sagen: einer unmittelbaren Verbindung mit dem anderen Reich liegen können, ohne daß sie gegenseitig einander zu stören oder auch nur zu merken scheinen.« Er sah plötzlich Franz an, besann sich und änderte den Ton, als er sagte: »Sie wird hoffentlich bald soweit sein, daß du sie sehen kannst. Laß dir das nicht entgehen! Als Maler wirst du dich ihrer Anmut, als Mensch ihres Geistes erfreuen, und es tut dir sicher gut, einmal an einem solchen Prachtbeispiel gewahr zu werden, wie wir es gar nicht nötig haben, uns, wie du zu glauben scheinst, auf eine Grundformel zu bringen, sondern unsere Widersprüche vielleicht am besten beherrschen, wenn wir sie getrost alle nebeneinander herlaufen lassen. Man wird sie noch einige Zeit zwingen müssen, sich zu schonen, sie gibt sich im Gespräch gleich zu sehr hin, gibt sich ganz aus, sie kann sich noch immer in ihre Jahre nicht finden. Ich werde dich verständigen, wenn es so weit ist.«

Franz stand auf. Er fühlte, daß er entlassen war. Er ärgerte sich, so lange geblieben und nicht von selbst gegangen zu sein. Auf einmal regte sich sein Mißtrauen gegen den Priester wieder. Der maßte sich doch mehr an, als ihm zukam! Sein Vater, der Schulrat Zingerl, war eines Kammerdieners Sohn, der sich als Bettelstudent durchgehungert und mühsam emporgebückt hatte, seine Mutter das Kind eines armseligen Statthaltereirats. Man munkelte da freilich allerlei. Der Schulrat war an die sechzig, als er die Siebzehnjährige zur Frau nahm, der ein hoher Herr auffällig seine Gunst bewies. Selbst wenn das aber auch nicht bloß kleinstädtischer Klatsch war, so ließ sich doch damit noch immer nicht die Hoheit entschuldigen, in der sich der Pfaffe weit über seinen Stand hinaus gefiel, offenbar ganz naiv, weil ihn alle verwöhnten, im blinden Glauben an seine Macht, die vielleicht aber nur eben in diesem Glauben bestand.

Es war schon ganz dunkel, als Franz heimfuhr, auf der langen schnurgeraden, menschenleeren Landstraße. Der Blasl fuhr sehr gut. So faul, langsam und unanstellig er sonst war, kutschieren konnte der Blasl! Die rasche Fahrt durch die schlafende Landschaft, im nassen Nebel, tat Franz wohl. Er sah nichts, hörte nichts, er wurde gleichsam geflogen, wie auf Fausts Mantel. In den Gehöften schlug manchmal ein Hund an, aber schon waren sie wieder vorüber. Den Berg, dem sie sich näherten, konnten sie nicht sehen, aber Franz glaubte ihn immer zu spüren. Er erinnerte sich jetzt nur noch ganz undeutlich des Gesprächs mit dem Priester. Es kam ihm jetzt unzusammenhängend vor. Nur der Glockenklang der tiefen Stimme blieb ihm noch im Ohr. Das war vielleicht das ganze Geheimnis seiner Macht, in dieser Stimme schmolz jeder Wille. Franz wünschte sich, sie noch zu hören, sie hätte so gut in die Zaubernacht eingestimmt, die ihn, totenstill und doch erregend lebendig, mit ihren lautlosen Chören umgab. Er schlief halb, aber seine Gedanken waren wach, doch unbeherrscht von ihm, sie schossen einher und waren schon wieder weg, jetzt sehr hell, doch gleich erloschen, aus tiefer Nacht herauf in tiefe Nacht hinab, und nur einen Augenblick lang dazwischen von grellen Blitzen vorgeblendet, aber auch schon wieder verschlungen.

An der Kreuzung fuhr Franz auf und ließ zur Arnsburg einbiegen. Es wäre ihm unmöglich gewesen, jetzt allein zu bleiben. Er fürchtete sich vor dem einsamen Schlößl. Er mußte selbst über sich lachen. Was war das? Aber er hatte wirklich fast Angst. Es ging so geheimnisvoll viel in ihm vor, und er wußte nicht was. Er hätte jetzt unmöglich ruhig in seinem Zimmer sitzen können; es war ihm dort zu laut von seinem eigenen inneren Lärm. Sein lustiger Bruder und die dicke Gabsch mit den piepsenden Kindern, ja, das wird ihn beschwichtigen, bei ihnen ist er eher mit sich allein und entkommt dem Pfaffen!

Die Freude, mit der er begrüßt wurde, der Stolz der Schwägerin, die Aufregung der Kinder, Antons Glück, ihn unvermutet zu sehen, und gar seine Dankbarkeit, daß er ihm das Opfer gebracht, den Domherrn zu besuchen, rührten Franz, beschämten ihn fast. War er nicht ein Tor, die ganze Welt nach Teilnahme, Neigung und Freundschaft abzusuchen, und hier standen sie für ihn bereit und warteten demütig auf ihn, er hatte doch nur die Hand auszustrecken! Wenn nur freilich diese Güte, diese Herzlichkeit nicht so unbequem gewesen wären! Er machte sich im stillen selbst Vorwürfe über seine Undankbarkeit. Es waren doch wirklich Prachtmenschen! Und beteten ihn an! Ja, ja, ja! Das half aber alles nichts, sie langweilten ihn! Heute tat ihm freilich gerade diese Langweile gut, sie brachte ihn wieder auf die Erde zurück, nach jener gespenstischen Fahrt. Und auch der Domherr war, als Anton von ihm sprach, auf einmal wie entzaubert, er hatte gar nichts Phantastisches mehr. Ein Geist, von Anton angesprochen, hätte sich sicher auch sogleich höchst irdisch benommen. In Antons Gegenwart zerrann jedes Gespenst, aber in Langweile. Was für ein herzensguter, kreuzbraver, vortrefflicher Mensch war Anton! Das Muster eines Edelmanns, eines Staatsbürgers, eines Familienvaters! Franz sagte sich das den ganzen Abend im stillen immer wieder, um nur nicht davonzulaufen. Müssen denn interessante Menschen immer verdächtig, gute immer schal sein? Blühen Anständigkeit, Zuverlässigkeit, Redlichkeit bloß in leeren Köpfen, Geist, Anmut, Begabung bloß in argen Herzen? Meidet Tugend den Verstand, Talent das Gemüt? So fragte sich Franz, während Anton ihn schon recht ungeduldig machte mit seinen rinnenden Lobreden auf den Domherrn, den er in dem warmen Brei seiner Bewunderung so verkochte, daß wirklich am Ende von der geheimnisvollen Gestalt nur eine wäßrige Suppe von bürgerlicher Ehrbarkeit und kleinstädtischen Verdiensten übrig blieb. Was hatte der also, sagte sich Franz, von seiner gepriesenen Macht, die doch nur auf einem völligen Mißverstehen seines Wesens beruhte? Wenn mir angeboten würde, die ganze Welt zu beherrschen, aber um den Preis, sie nie merken zu lassen, wer und was ich bin, es wäre mir nicht der Mühe wert!

Als Franz dann heimging, langsam durch den stillen Wald, vom Blasl mit der Laterne geleitet, empfand er wieder einmal tief die unendliche Einsamkeit, in der sein Leben verging. Er gehörte nirgends hin. Draußen war er immer fremd geblieben, daheim fremd geworden; dort ließen sie ihn nicht ein, hier fand er sich nicht mehr hinein. Er hatte das halbe Leben damit verbracht, in der Zukunft zu suchen, immer erwartend, es müsse morgen die Türe sich öffnen und die Wahrheit erscheinen. Jetzt aber war ihm fast, als wäre sie vielleicht längst erschienen und nur wieder verschwunden, weil er versäumt hatte, sie zu bemerken. Oder hatte der Domherr recht, daß es keine für ihn gab als, vom Augenblick ergriffen, in Bewegung zu sein. Aber dann muß man sich ein Ziel doch wenigstens einreden können, einen Sinn, eine Folge dieser Bewegung! Der mürrische Blasl, der da mit stummem Trotze neben ihm stapft, weiß wenigstens warum und wozu: aus Hunger und um ein Dach zu haben. Arme Leute sind zu beneiden, ihnen wird ihr Leben diktiert, sie müssen nicht erst fragen, sie haben die Antwort schon, an der er sich zerrieb. Jeder wünscht sich Freiheit, aber wer hat denn die Kraft, Freiheit zu ertragen?

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