Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Bahr >

Himmelfahrt

Hermann Bahr: Himmelfahrt - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Bahr
titleHimmelfahrt
publisherS. Fischer Verlag
printrun13.?16. Auflage
year1919
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071226
modified20171128
projectid2fc4be0f
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel

Und richtig sah er von weitem schon das lachende rote Kindergesicht Antons, der, bevor der Zug noch hielt, schon am Waggon war, die Hand des Bruders ergriff und, das spitze grüne Hütchen schwenkend, rief: »Herzlichst willkommen!« Ja dies schien ihm noch nicht feierlich genug zu sein, er schwang das Hütchen wieder, drückte die Hand noch fester und sagte, mit dem langsam einfahrenden Zug gehend: »Herzlichst willkommen in der alten Heimat!« Und schon war er drin, umarmte Franz, hatte gleich einen Träger mit, und wie Franz ihn nun mit wichtiger Miene den Zollbeamten gebieterisch herablassend behandeln sah, mit dem gewissen Blick, der voraussetzt, daß ihn jeder kennen muß, fand er sich gleich wieder ganz daheim: das Vaterland war unverändert, diese drohende, stumme Frage: »Wissen Sie nicht, wer ich bin?« gab es doch wirklich nur hier! Und schon saßen sie im Wagen und Anton redete, verlegen und aufgeregt vor Glück, den Bruder wieder zu haben, auf den er so stolz war, redete sehr schnell, alles durcheinander, über den neuen Wagen, in dem sie saßen, über die Pferde, die sie zogen, und wie sich die Gabsch auf ihn freut, sie hat ihn durchaus auch abholen wollen, aber dann hätten sie den großen, Wagen nehmen müssen, Gabsch wird dick, und er will auch zuerst eine Zeit ganz allein mit ihm sein, endlich wieder einmal, nach so langen, langen Jahren! Grauslich war das von ihm, sich so gar nicht mehr um sie zu kümmern, auch die Kinder freuen sich riesig auf ihn; Gabsch wär gern im Auto gekommen, in der Brauerei haben sie ja jetzt ein Auto, pikfein, »aber ich weiß nicht, es ist doch nicht das richtige Vergnügen, im Auto komm ich mir immer ein bißchen vor, als ob ich ein Jud wär!« Und er redete fort, unaufhörlich, nur zuweilen sah er von der Seite zärtlich auf den schweigenden Bruder hin, lachte mit seinen großen weißen Zähnen und sagte froh: »Weilst nur aber wieder da bist!« Franz dachte: Ich bin siebenunddreißig, er einundvierzig, und doch ist er um zehn Jahre jünger als ich, aber vielleicht werd ich ja hier auch wieder jung!

Sie fuhren durch die Stadt. An ihrem Rande hatte sich zwischen die lieben alten Häuser schon manches neue gedrängt, scheußlich. Aber das Innere war unversehrt. Auf jedes neue scheußliche Haus wies Anton hin und sagte stolz: »Siehst? wir lassen uns nicht spotten, es geht schon auch vorwärts. Nur ein bißl mehr Geld müßten wir halt haben.«

Aber die Stadt selbst war unverletzt, mit den engen Gassen, den großen stillen Plätzen, den alten Kirchen. Franz wunderte sich jetzt, daß er sie je mit Toledo hatte vergleichen können. Ja: beide waren sich treu geblieben und ließen die Zeit nicht ein, aber Toledo drohend aufgereckt, zornig abwehrend, ergrimmt, was diese hier gar nicht nötig zu haben schien, so des eigenen Wesens in aller Ruhe gewiß. Ihre stille Heiterkeit, die gelassene Zuversicht, diese große freie Selbstverständlichkeit, mit der sie für die Ewigkeit da stand, wie sonst nur lateinische Städte, war ihm neu. Er fand wieder einmal bestätigt, daß Österreicher ihr Vaterland erst erkennen, wenn sie lange weg gewesen sind; daheim wissen sie von der Heimat nichts. Jetzt aber war ihm, als ob er sich niemals, niemals mehr würde von ihr trennen können. Mit Macht kam das auf einmal über ihn, er hätte am liebsten laut aufgeweint. Er war aber froh, daß Anton nichts davon bemerkte. Der redete noch immer fort. Als sie jetzt aber aus der Stadt waren und in die Allee bogen, hielt er ein, sah den Bruder listig an und fragte, seine großen weißen Zähne zeigend: »Was aber kommt jetzt?« Franz nickte nur. Und Anton sagte: »Jetzt beginnt die Himmelfahrt. Erinnerst dich noch?« Franz wiederholte, leise: »Ja jetzt beginnt die Himmelfahrt!«

Und sie schwiegen. Auch Anton redete jetzt nicht mehr. Sie waren schon auf eigenem Grund.

Dann fragte Franz plötzlich, tief aus sich herauf: »Und die Mutter? Sie hat mir lange nicht geschrieben.«

»Dir auch nicht?« fragte Anton verwundert.

»Sie war auch schon lange nicht mehr hier?« fragte Franz. Anton wurde verlegen, lachte dann aber und sagte: »Ihr habt beide, sei mir nicht bös, in den letzten Jahren etwas viel gebraucht. Nun natürlich! Es soll ja durchaus kein Vorwurf sein, glaub nur das nicht, ich begreif's ganz gut. Ihr in der großen Welt, da kann man sich nicht einschränken, das sollt ihr auch nicht, der Gedanke würde mich unglücklich machen! Eine Frau wie die Mutter, ein Mann wie du, ihr mit euren glänzenden Anlagen! Und es wär auch nicht übel, wenn wir das nicht noch aufbringen könnten! Lächerlich! Nur muß ich es aber rechtzeitig wissen, wenn es sich um einen unverhältnismäßig größeren Betrag handelt. Wenn ich's rechtzeitig weiß und mir einteilen kann, geht's immer, aber wenn ich gerade nicht darauf gefaßt bin, im Handumdrehen, da wird's mir schon oft recht fatal. Und das hab ich ihr geschrieben! Sie glaubt ja, daß sich alles telegraphisch erledigen läßt. No und da kam ich in Ungnade, weißt ja, wie Mutter ist! Nun wollte sie selbst ihr Vermögen verwalten, kannst dir aber denken, daß ich da energisch nein gesagt hab!« Er lachte herzlich.

»Nein?« fragte Franz verwundert. Es war ihm schwer, sich vorzustellen, daß man der Mutter nein sagen könnte, gar Anton, der sie bewunderte, noch viel mehr als ihn, bis zur Anbetung.

»No ich bitt dich!« sagte Anton, noch immer lachend. »Das wär eine schöne Wirtschaft! Und von allem anderen abgesehen, kann ich das auch nicht riskieren, daß sie sich vielleicht bereden läßt, ihren Anteil an der Brauerei zu verkaufen. Davon verstehen Frauen nichts, und blankes bares Geld lockt. Ich muß aber zwei Drittel der Aktien in meinen Händen haben, denn nur das macht mich zum Herrn. Ist dir langweilig, was? Aber ich kann's dir nicht ersparen, es ist mir wichtig, daß du die Situation begreifen lernst. Dafür versprech ich dir dann feierlich, nie mehr ein Wort von Geschäften zu reden.«

»Es ist mir gar nicht langweilig,« sagte Franz. Er glaubte wirklich im Augenblick ein Gespräch über die Brauerei jedem anderen vorzuziehen. Vielleicht war hier das wahre Leben, das er überall vergeblich gesucht hatte, vielleicht fand er hier einen Zweck!

»Das ist sehr lieb von dir,« sagte Anton. Er war ganz gerührt, daß sein Bruder, eine Gelehrtennatur, ein geistig so hochstehender, künstlerisch gebildeter, weitgereister Mann, sich herbeiließ, ihm zuzuhören. »Die Sache ist nämlich die. Der Großvater hat ganz recht gehabt, testamentarisch anzuordnen, daß aus der Brauerei eine Aktiengesellschaft werden soll. Damit waren wir für alle Fälle gesichert, auch unter einem mittelmäßigen Direktor ging das Geschäft seinen guten Gang fort, noch dreißig Jahre lang; und länger kann kein Mensch voraus denken, soll's auch gar nicht versuchen. Auch ein mittelmäßiger, selbst ein schlechter Direktor war immerhin noch besser, als wenn wir's verpachtet hätten und an den Unrechten gekommen wären. Das hat sich der schlaue Alte ganz fein überlegt! Er hat ja nicht wissen können, was doch auch sehr unwahrscheinlich war, daß jemals ein Graf Flayn ein geborener Bierbrauer sein könnte!« Er sah den Bruder stolz an, indem er lachend auf sich zeigte: »Nämlich ich! Gottes Wege sind wunderbar. Ich kann dir nicht helfen. Aber selbst wenn der Alte das hätte ahnen können, so wär's erst noch eine recht verzwickte Geschichte gewesen. Graf, Dragonerleutnant und Bierbrauer – gewisse Sachen gehen halt nicht, die Leut lassen sich's nicht gefallen. Dagegen, wie wir unser Geld anlegen, in Häusern, Eisen oder Bier, und was wir für Aktien haben, das kümmert ja keinen Menschen was, und solange wir zwei Drittel der Aktien haben, und mit denen der Tante Therese sind's ja fünf Sechstel, bin ich der Himmelbrauer, ich allein. Der alte Lanz, den sich der Großvater noch selber abgerichtet hat, ist Direktor, dem Namen nach, und er macht's ja vorzüglich, aber nichts, ohne mich zu fragen, du kannst dir ja denken, für ihn bin ich der Enkel des Himmelwirts, mit der ganzen Weihe, die dieser Name für ihn hat, und er hat in seiner Jugend, glaub ich, selbst einmal darauf gespitzt, eins von den Himmelmädeln zu freien, und wie er schon ein guter Kerl ist, hat sich die alte Liebe halt mit der Zeit auf mich übertragen. Mir aber ist's wieder sehr angenehm, daß ich schließlich und endlich den Leuten sagen kann: Ich bin ja nicht der Direktor! Je nachdem es mir paßt oder nicht, bin ich der Herr oder bloß einer von den Aktionären, der nichts zu verantworten hat. Der Graf Flayn setzt auch manches durch, was der offizielle Direktor nie bei den Behörden erreichen könnte. Natürlich schimpfen die Leut darüber, aber man kann sie ruhig schimpfen lassen, weil ich ja nicht der Himmelbräuer bin, und was für Aktien ich hab, geht doch keinen Menschen was an, nicht wahr? Auch kann ich sie ja morgen verkaufen, oder wenn es darauf ankäme, jeden Augenblick schon verkauft haben, verstehst? Es ist eine Kombination, wie man sich sie gar nicht besser wünschen kann, das mußt du doch zugeben!« Er war vor Eifer ganz rot geworden. Franz sagte: »Der Großvater hätte seine Freud an dir!« Anton erwiderte leise: »Er kann auch stolz sein. Du wirst ja sehen, was da geleistet worden ist! Wir nehmen es heute mit jeder Konkurrenz auf.« Aber fast ängstlich hielt er ein und fügte schnell, halb entschuldigend, hinzu: »Das heißt, wenn dich das interessiert, aber tu dir nur keinen Zwang an, du hast wichtigere Sachen im Kopf.« Und er war sehr erleichtert, als Franz versicherte, er freue sich, alles zu sehen, und fuhr lebhaft fort: »Jeder halt, was er kann und wie's ihn trifft! Man sucht sich ja sein Schicksal nicht aus, aber wen es auf ein Pferd setzt, der soll halt schauen, daß er so gut reitet als möglich, mich hat meins ins Himmelbräu gesetzt, da schau ich halt auch so gut als möglich dazu, nicht? Das nun aber der Mutter auszudeutschen, u je!« Und nachdenklich sagte er dann noch: »In den himmlischen Sphären, die sie bewohnt, mögen derlei Sorgen allerdings übel klingen.« Überrascht blickte Franz auf, war aber gleich wieder beruhigt: nein, Ironie lag dem Anton fern, es war sicherlich ganz ernst gemeint; Anton hatte das seit je, gerade wenn er feierlich wurde, sich wie eine Nähmamsell auszudrücken.

»Übrigens«, fuhr Anton fort, »hat sie mir ja verziehen, es ist mir gelungen, das Geld damals doch zu beschaffen, und seitdem bleibt alles wieder beim alten. Ich richte das ja schon! Damals war's nur gerade schwer, weil wir eben den Steinbruch angekauft hatten. Unter der Hand zu einem Spottpreis, immerhin aber einen Haufen Geld und bar, denn wenn der hätt warten können, er hätt noch einmal so viel gekriegt, es hieß zugreifen. Da gibt's schon oft Augenblicke, wo dir angst und bang wird! No bisher, ich will's nicht verreden, aber bisher ist uns wirklich mit Gottes Hilfe noch alles immer gut ausgegangen. Dabei lernt man sparen! Natürlich, Leute, die nichts haben, haben's leicht, aber wie man zu verdienen anfängt, da kommt man erst auf den Geschmack, und dann gönnt man sich kaum mehr den Bissen im Mund. Das Glück ist nur, daß die Gabsch wirklich jeden Heller erst dreimal in der Hand umdreht. Eine wahre Künstlerin! Und wie der Teufel hinter den Leuten! Die haben nichts zum Lachen! Aber sonst ging's doch auch gar nicht! Denn du kannst dir denken, leicht ist es nicht, mit den sieben Orgelpfeifen!«

»Sieben sind's ihrer schon, die Weihnachtsgeschenke?« fragte Franz lächelnd. Anton freute sich, daß Franz den Ausdruck noch nicht vergessen hatte. »Das letzte, der Bub, hatte sich etwas verspätet, er kam erst zu Dreikönig.«

»Und heuer?« fragte Franz.

»Aber nein!« rief Anton. »Was glaubst du denn? Das geht doch nicht in alle Ewigkeit so fort! Nein, nein, schon seit zwei Jahren nicht mehr, sechs Mädeln und ein Bub ist gerade genug, wir hätten auch gar keinen Platz mehr, und endlich muß doch der Mensch auch einmal vernünftig werden, wir sind alte Leute. Gabsch ist ja nur um anderthalb Jahre jünger als ich. Nein, nein, nein!«

»Fühlst du dich alt?« fragte Franz, mit einem fast neidischen Blick in das vergnügte Kindergesicht des Bruders. Der antwortete lachend: »Sonst nicht! Gar nicht! Aber man geniert sich ja auch vor den Leuten, um Mariä Geburt haben sie die Gabsch immer schon so gewiß angeschaut, ob man noch nichts sieht. Nein, nein! Ausrede haben wir jetzt auch keine mehr, seit ein Bub da ist, es ist erreicht und damit Punktum. Aber sei so gut und mach vor Gabsch darüber keine Witze! Sie ist ganz vernünftig, aber Frauen kann man nie trauen.« Und er wurde fast ärgerlich, als er noch sagte: »Eine Frau von vierzig Jahren! Mit einer halb erwachsenen Tochter! Liesl wird dreizehn.«

»Also manchmal habt ihr doch pausiert?« sagte Franz.

»Vergiß doch nicht,« erwiderte Anton, »daß wir in fünf Jahren die silberne Hochzeit feiern! Sondern nur, wenn eins kam, kam es stets zu Weihnachten, und da hat der Onkel Erhard den Spaß von den Weihnachtsgeschenken aufgebracht. Die letzten drei kamen allerdings unmittelbar hintereinander, bis ich sagte, daß ich mir jetzt ein Notizbuch kaufen muß, weil ich mir nicht mehr alle Namen meiner Kinder merken kann. Du bist übrigens auch ein merkwürdiger Onkel, daß man dir das alles erst erzählen muß.«

»Ich hatte wirklich vergessen,« sagte Franz. »Verzeih!« Anton lachte laut auf: »Du meinst doch nicht, daß ich im Ernst verlang, du sollst die Geschichte meiner Orgelpfeifen kennen, no hörst du! Du hast dich wirklich um wichtigere Dinge zu kümmern, ein Mann wie du, das wär noch schöner!« Und er sah den Bruder wieder mit einem Blick so zärtlicher und scheuer Verehrung an, daß dieser fast in Verlegenheit geriet; er mußte sich erst wieder daran gewöhnen, in einemfort bewundert zu werden, wofür er gar gerade jetzt wenig Neigung empfand, aber Anton schien nun einmal kein anderes Verhältnis zu Menschen zu kennen: sie mußten sich von ihm beherrschen oder von ihm bewundern lassen.

Als sie über den Bach kamen, wo von der Allee der Feldweg durchs Moor zum Schlößl abbiegt, sagte Anton: »Ja richtig, daß ich nicht vergess! Zunächst mußt du natürlich zu uns in die Arnsburg und bleibst da, so lang's dir gefällt, deine Zimmer sind bereit. Du wirst alles unverändert finden, alles noch am selben Fleck, es wird sein, wie wenn du grad erst aus Kremsmünster kämst! Darauf hab ich mich ja immer so gefreut, die ganzen Jahre her! Niemand hat da wohnen, nichts angerührt werden dürfen: wenn er heute nacht kommt, muß er's finden, wie wenn er's gestern abend erst verlassen hätt.«

»Lieber Anton!« sagte Franz. Auch er hing ja dem Bruder an, aber Wochen, ja Monate vergingen oft, ohne daß er seiner je gedacht hätte. Nur wenn er in Geldverlegenheit war, schrieb er ihm, und dann auch in Eile, mit der ewigen Vertröstung: Nächstens mehr! Und indessen hielt der alles für ihn bereit, still gewärtig, bis Franz ihn wieder brauchen würde. Es war beschämend. Wenn irgendein anderer Mensch in der weiten Welt ihm ein so treues Gefühl angeboten hätte, wie froh, wie stolz, wie dankbar wär er gewesen!

Sie schwiegen beide. Dann sagte Anton noch: »Nämlich, Gabsch lacht mich ja immer aus, aber ich hab halt doch die Hoffnung nie aufgegeben, daß du schon einmal wiederkommst, und auf lange, je länger je lieber – das heißt, natürlich nur so lang es dir Spaß macht, denn glaub nur nicht, daß wir dich drängen werden, länger zu bleiben, als du Lust hast! Ich weiß schon, daß du Wichtigeres zu tun hast, als bei dem alten Bruder und der dicken Schwägerin zu hocken, und was können wir dir auch bieten? Du bist verwöhnt, wir werden dich langweilen, aber ich denk mir, daß dir das vielleicht eine Zeit ganz gut tun wird. Der Mensch muß auch manchmal ein bißchen ausruhen, und nach unserer bescheidenen geistigen Kost schmeckt dir's dann draußen wieder um so besser. Es soll ja jetzt Mode sein, daß man einmal in der Woche einen Milchtag macht. Und hier hast du sie kuhwarm, Franz!« Er unterbrach sich und deutete mit den Augen hinüber: »Schau!« Dort stand die Himmelbrauerei. Sie war gewachsen. Franz hätte sie gar nicht gleich erkannt. Er fand erst allmählich das alte Wirtshaus heraus, das zwischen den hohen Anbauten kleiner schien, als er es in Erinnerung hatte. Sie waren in demselben weißlichen Gelb getüncht, die Fenster aber viel größer und näher beisammen. Der unregelmäßige, weitläufige, von Jahr zu Jahr, wie man es eben brauchte, fortgesetzte Bau, sehr rein gehalten, auf Zweckmäßigkeit bedacht, nicht auf Schönheit, glich zunächst eher einer Strafanstalt oder Kaserne, nüchtern, kalt, sparsam. Mitten darin, fast erdrückt, hatte das alte Gasthaus von seinem biederen Ansehen viel verloren und das uralte Schild »Zum blauen Himmel« nahm sich etwas melancholisch aus. Aber die schlanken Schlöte, schwarz qualmend, gaben dem Anwesen einen Ernst, eine Festigkeit, ja Feierlichkeit, die sich selbst mit dem großen Sinn der weiten Ebene, selbst mit den mächtigen Bergen am Horizont, getrost messen konnten. Franz wunderte sich: während ihn auf ihrer Fahrt jedes neue Haus beleidigt hatte, weil es die schöne Ruhe, stolze Sicherheit und gebändigte Kraft der alten Stadt zappelnd und fuchtelnd zu stören schien, stimmte der moderne Schlot durchaus ein, er stand genau so selbstgewiß wesentlich, naturnotwendig und unerschütterlich in alle Ewigkeit da. Und wenn die ganze Stadt antik wirkte, doch von einer Art, die dabei das Antike zugleich schon wieder überwand und mit ihm bloß zu spielen, nach ihrer Laune damit zu schalten, es wohl gar verwegen zu necken schien, so fand Franz, daß auch der Schlot sozusagen ein Römer war, aber einer, der den Geschmack hat, nicht gar so viel herzumachen mit seiner Gewalt und Größe. In Fabrikstädten hatte Franz das niemals so stark empfunden als hier, wo die neue Schönheit Aug in Auge stand mit der alten.

»Es ist ein bißl größer geworden seitdem, gelt?« sagte Anton, und um seinen Stolz nicht merken zu lassen, fuhr er fort: »Was ich aber eigentlich sagen wollt! Du wirst uns also die Freude machen und zunächst in der Arnsburg wohnen, in deinen alten Zimmern, aber ich hab Angst, daß du's ja da doch auf die Dauer nicht aushältst. Gabsch behauptet, wenn einmal ein Preis auf die schlimmsten Kinder der ganzen Welt ausgesetzt wird, kriegen ihn unsere. Vielleicht ist es übertrieben. Anfangs macht das jedem Spaß, es ist wirklich eine Sehenswürdigkeit. Aber sobald du sie genossen hast, würde ich dir doch vorschlagen, ins Schlößl zu ziehen. Du hast es immer gern gehabt, und ich freu mich schon, wenn du's jetzt sehen wirst; ich versteh ja von diesen Sachen nichts, aber ich hab Höfelind gebeten, es herzurichten, der hat aus dem ganzen Land alte Raritäten zusammengeschleppt, es wird sehr bewundert. Da hättest du Ruh, teilst dir den Tag ein, wie du willst, hinten durch den Wald hast du kaum eine halbe Stunde zu uns, unten wohnt der Verwalter, seine Frau kocht dir, du hast deinen Wagen, der alte Blasl kutschiert, erschrick nicht vor ihm, er sieht nur so wild aus, aber wenn man sich erst an ihn gewöhnt hat, ist er ganz brav, ein bißchen langsam bei der Arbeit, aber verläßlich, und du bist ja für Originale, dir gefällt er sicher, ein Original ist er!« Er lachte. »No, für seine Vergangenheit möcht ich nicht garantieren, aber die zwei Jahre, seit er bei mir ist, hat er keinen Anlaß zur Klage gegeben. Die Leute reden allerhand über ihn, aber was früher war, geht mich ja nichts an. Das erstemal hab ich mir auch gedacht: dem Kerl möcht ich nicht allein im Wald begegnen! Vielleicht hat er wirklich was auf dem Gewissen, aber das darf man nicht so genau nehmen bei uns, es sind oft die besten. Schau dir ihn halt einmal an! Höfelind hat geradezu geschwärmt für ihn.«

»War Höfelind da?« fragte Franz.

»Den ganzen Mai,« antwortete Anton. »Und er kommt vielleicht bald wieder. Er malt ja die Exzellenz, die dich übrigens schön grüßen läßt.« Und da Franz sich nicht erinnern zu können schien, fuhr Anton fort: »Der Zingerl!«

»Der Domherr?« rief Franz.

»Er ist endlich doch Exzellenz geworden,« sagte Anton, Geheimer Rat, so sehr er sich gewehrt hat! Es ist ihm, glaub ich, gar nicht recht, der möcht lieber nur im Dunkeln munkeln! Überall seine Hände haben, alle Fäden ziehen, aber dabei ganz unschuldig tun, daß ja nur niemand bemerkt, welche Macht er hat! Es wissen's aber natürlich doch alle, das heißt, wahrscheinlich ist seine Macht noch viel größer, als man weiß. Dich hat er übrigens sehr gern, er erkundigt sich immer nach dir, wir können uns überhaupt nicht über ihn beklagen, aber ich muß halt sagen, mir sind solche Menschen eher unheimlich. Und gerade weil er nichts dergleichen tut und einen nicht merken lassen will, wie gescheit er ist! Der Onkel Erhard behauptet, daß er der mächtigste Mann in Österreich ist, und jeden Augenblick heißt's: Da steckt auch wieder niemand als der Zingerl dahinter! Dabei sitzt er ganz still unter uns, man sieht ihn kaum, hört nichts von ihm, und wenn man ihn einmal trifft, ist er mit einem sehr nett, mit jedem, und gerade das macht ihn so verdächtig! Ich weiß es ja nicht, ich sag nur nach, was halt alle sagen, er hat schon was sehr Geheimnisvolles!«

»Und Höfelind malt ihn?« fragte Franz. »Ja,« sagte Anton, »und da weiß man auch wieder nicht, warum, für wen, wozu! Höfelind, der sonst nur Prinzessinnen, berühmte Schauspielerinnen und reiche Juden malt!«

»Den Großvater hat er auch gemalt,« sagte Franz.

»Vor dreißig Jahren,« erwiderte Anton, »als er noch ein unbekannter junger Maler war! Durch dieses Bild ist man erst aufmerksam auf ihn geworden, seinen Ruhm verdankt er eigentlich ja der Mutter. Aber heute soll er für ein Porträt zwanzigtausend Kronen kriegen, sagt man. Also wer bezahlt das? Der Domherr aus seiner Tasche sicher nicht! Kannst dir denken, wie die Leute das aufregt!«

»Dich auch!« sagte Franz, lächelnd. Anton sah überrascht auf, dachte nach und gestand dann treuherzig: »Ja, mich auch. Es geht mich gar nichts an, und ich bin sonst wirklich nicht so. Der Domherr aber ist mir oft direkt unheimlich. Weil auch jeder, wenn man nur seinen Namen nennt, gleich so ein geheimnisvolles Gesicht macht! Jeder tut, als ob er etwas Besonderes wüßte, will aber nichts sagen, und ich möchte wetten, daß eigentlich keiner was weiß. Ich weiß gar nichts, und wir kennen ihn doch seit unserer Kindheit, die Mutter hat sich stets von ihm beraten lassen, und seit ich mich erinnern kann, hat's, nachdem der Großvater gestorben war, in allen wichtigen Familienangelegenheiten immer geheißen, den Domherrn um Rat zu fragen, ich tu's ja selber auch, heute noch, und nicht bloß, weil die Gabsch, sobald er dafür ist, zu allem ja sagt, die Frauen weiß er halt überhaupt zu behandeln, und dann, sein Rat ist ja stets der beste, er hat sicher mehr Verstand als wir alle zusammen, daran ist nicht zu zweifeln, aber mich ärgert nur das Gerede, das Getue, denn weil er ein sehr gescheiter Kopf ist, muß er ja noch nicht das Reich regieren! Das glaub ich halt einmal nicht, und wenn's wahr wäre, würden wir auch wahrscheinlich viel besser regiert!«

»Seit wann politisierst du?« fragte Franz. »Gar nicht,« versicherte Anton, »außer natürlich, soweit es die Brauerei betrifft! Da muß ich ja. Und nach den Erfahrungen, die man da macht, war mir allerdings der Zingerl lieber als unsere Herren Minister. Mit ihm läßt sich jedenfalls reden, und er hat Courage, die Minister aber trauen sich ja nie das Maul aufzutun, weil's doch vielleicht irgendwem nicht recht sein könnt.«

»Hast du nie daran gedacht, dich wählen zu lassen?« fragte Franz. »No sei so gut!« sagte Anton, erschreckt. Dann fing er herzlich zu lachen an. »Das möcht mir noch fehlen! Wozu denn auch? Und ich bin doch ein leidlich anständiger Mensch!« Nachdenklich setzte er noch hinzu: »Das wär auch ganz verfehlt. So ein Abgeordneter ist schließlich nur ein Dienstmann für die anderen. Nein, nein! Was notwendig ist, setz ich mir schon auch so durch. Hauptsächlich handelts sich ja nur um Steuersachen. Und da kann man sich auf den Domherrn verlassen. Einfluß hat er ja, das ist gewiß, wenn die Leut auch übertreiben. Ich wundere mich nur, wo er die Geduld hernimmt, und die Zeit, und auch die Lust, sich um alles zu kümmern. Er wird schrecklich überlaufen und hört jeden ruhig an und ist dabei noch immer gut aufgelegt. No du mußt ihn jedenfalls besuchen, er hält darauf, und man weiß ja nie, wozu man ihn noch brauchen kann. Tu's schon meinetwegen! Mit allen anderen magst du's halten, wie du willst, es ist mir ziemlich gleich, wenn sie beleidigt sind, auch bist du doch mehr ein Gelehrter oder Künstler, da nimmt man's schließlich nicht so genau. Aber die Exzellenz, wie gesagt, ist mir wichtig!« Franz sah den Bruder von der Seite zärtlich an, Antons hübsches Kindergesicht war zu nett, wenn er es in ernste Falten zwang, die wichtige Miene stand ihm reizend. Franz beneidete ihn: sich so ganz einzuschränken, ein paar kleine Sorgen haben, die das Leben ausfüllen, und im übrigen die Welt laufen lassen, ohne viel zu fragen, das war vielleicht das ganze Geheimnis, aber freilich muß man dazu geboren sein, und eine Frau haben, die dick wird, und sieben Orgelpfeifen. Für ihn ist es schon etwas spät, oder es wäre jedenfalls jetzt die höchste Zeit!

»Wenn Höfelind kommt,« begann Anton wieder, »wohnt er oben und stört dich gar nicht, ihr seid ja alte Freunde.«

»Freunde,« fiel Franz ein, »kann man eigentlich nicht sagen. Ich schätze Höfelind sehr, ich war sein Schüler, ich verdanke ihm viel, aber ich glaube nicht, daß er je einen Freund gehabt hat, denn zur Freundschaft gehören zwei, Höfelind aber hat jedes Talent, nur das nicht, Freund zu sein. Er ist nur mit seiner Malerei befreundet. Ich habe ganze Tage, halbe Nächte mit ihm verbracht, er kann hinreißend liebenswürdig sein, und was für ein Künstler des Gesprächs! Aber man kommt dann darauf, daß ihm das alles bloß dazu dient, um sich anzuregen, sich aufzupumpen, in inneren Pausen, wenn die Produktivität stockt. Er ist gierig nach geistigem Verkehr in Zeiten der eigenen Leere, der inneren Kälte. Da heizt er sich dann mit Menschen ein, man ist bloß Brennmaterial für ihn. Ich nehme ihm das nicht übel, aber eine richtige Freundschaft läßt sich doch kaum darauf gründen.« Anton, der gespannt zugehört hatte, sagte behutsam: »Ja mit großen Künstlern mag nicht leicht Kirschen essen sein. Mir ist er auch manchmal merkwürdig vorgekommen, eigentlich verrückt, aber das gehört ja vielleicht dazu, was versteht unsereiner davon? Er soll jetzt zwanzigtausend Kronen für ein Porträt bekommen. Die Leute, die das zahlen, werden wohl wissen, warum. Ich tät's nicht, auch wenn ich's hätt. Aber wenn da manche behaupten, daß es ein Schwindel ist, ja warum schwindeln denn dann die anderen nicht auch so? Ein Schwindel, den unter Millionen nur einer trifft, ist eben auch eine Kunst. Denk ich mir! Ich versteh's ja nicht! Ich kann nur sagen, daß er sich, für einen so berühmten Mann, gegen uns sehr gut benommen hat, man hat von ihm nichts gesehen und nichts gehört, es war ihm alles recht, niemand hat sich über ihn beklagt, und ich glaube, wenn er überhaupt kommen sollte, daß ihr euch, er oben, du im ersten Stock, ganz voneinander getrennt und keiner gezwungen, auf den anderen Rücksicht zu nehmen, schon vertragen werdet, und im schlimmsten Falle kannst du ja jeden Tag wieder zu uns ziehen oder kannst natürlich auch gleich von Anfang an bei uns bleiben, ganz wie du willst! Die Hauptsache ist ja, daß du wieder da bist! Und hoffentlich auf lange! So bald lassen wir dich jetzt nicht wieder fort! Außer natürlich, wenn's dir hier nicht behaglich wäre! Du wirst dir ja keinen Zwang antun und es offen sagen. Freilich wär's mir sehr leid, und der Gabsch auch, kannst dir denken, aber das geht dich ja nichts an. No wir werden uns schon zusammennehmen, daß es dir bei uns gefällt! Und wenn's die Kinder zu arg treiben, hau sie, da darfst du dich gar nicht genieren, sie sind's gewöhnt, wir erziehen noch nach der alten Methode. In Gottes Namen also! Möge diese Himmelfahrt uns allen gesegnet sein!« Und er lachte mit nassen Augen.

Da sprangen ihnen auch schon die Hunde laut entgegen, Gräfin Gabriele stand winkend im Tor, und die Kinder warfen sich auf den Onkel, der nun eins nach dem anderen aufheben, an sich drücken und sich abschmatzen lassen mußte, bis ihn Anton befreite und in die alten Zimmer zog, wo richtig alles noch unverändert seinen veränderten Herrn begrüßte, genau wie einst, wenn er aus Kremsmünster oder dann von der Universität auf Ferien kam. Da standen seine Schulbücher, dort hing das erste Gewehr, das ihm Onkel Erhard geschenkt, und die verwegenen Erstlinge seiner jugendlichen Malerei hatte der gute Anton in feierlichen Rahmen sorgsam aufbewahrt. Er war wieder einmal daheim.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.