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Himmelfahrt

Hermann Bahr: Himmelfahrt - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Bahr
titleHimmelfahrt
publisherS. Fischer Verlag
printrun13.?16. Auflage
year1919
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Erstes Kapitel

Erst als der Zug endlich fuhr, atmete Franz auf, entkommen. Die dumme Furcht! Wer soll ihm denn nachsetzen? Sie freut sich, ihn los zu sein. Und alle werden sich freuen. Und ihn auslachen.

Entkommen, wieder einmal! Und wieder einmal nur fort, möglichst weit fort, am liebsten aus der Welt fort! Einschlafen und nie mehr aufwachen! Und er wird aber ja doch wieder aufwachen, auch diesmal, und wieder ein neues Leben anfangen, sein Leben bestand ja darin, immer wieder ein neues Leben anzufangen. Wie lange noch? Er wurde jetzt schon grau.

In dem ruhig rollenden Zug schlief er wirklich halb ein. Er war entkommen, er war geborgen; er wird vergessen. Und dann wird dies alles bei den anderen Erinnerungen liegen. Und wenn er später wieder einmal daran denkt, wird er lachen, wie er über die anderen Erinnerungen lacht. Er wird aber nicht oft daran denken, denn es wird ja dann wieder irgend etwas sein, dem er wieder entkommen muß, um sich wieder zu bergen und es wieder zu vergessen. Denn sich selber wird er ja niemals entkommen. Dazu hat er sich zu lieb. Er sieht ein, daß er sich selber ändern müßte. Er versucht es ja auch immer wieder, sein Leben bestand bisher aus lauter solchen Versuchen. Und dieser, dem er eben entfloh, wird auch noch nicht der letzte gewesen sein. Früher hat er sich in solchen Augenblicken immer gesagt: Jeder muß Lehrgeld zahlen, aber bis du nur erst älter sein wirst! Nun machte das Lehrgeld schon eine ganz schöne Summe, der Wunsch aber, älter zu werden, mäßigte sich, er hatte darauf auch kein rechtes Vertrauen mehr. Vielleicht war es überhaupt klüger, sich nichts zu wünschen. Er hatte sich niemals einen Wunsch versagen müssen, alle waren ihm erfüllt worden; es hielt aber keiner sein Versprechen. Vielleicht tun uns nur unerfüllte Wünsche gut! Vielleicht war es sein Unglück, sich keinen Wunsch versagen zu müssen. Aber das wird er wohl nie lernen, dazu müßte man doch anders erzogen sein. Und war er denn unglücklich? Er hatte sich oft getäuscht, Menschen hatten ihn betrogen, und weder in der Kunst noch in den Wissenschaften fand er Befriedigung. Das verdroß ihn oft, und wenn es ihn zu sehr verdroß, war er bisher einfach immer wieder abgereist. Sein Leben war hauptsächlich ein Abreisen. Wie ja jetzt auch wieder. In der Stadt wird es noch eine Zeit rumoren, die schöne Betrügerin wird vielleicht eingesperrt und es darf sich dort jetzt so bald kein Spiritist mehr blicken lassen, er aber, er ist einfach abgereist, er fährt heim zu seinem Bruder, der wird ihn nicht fragen, der fragt ja nie, dem war es übrigens auch gleich. Er ist wieder einmal abgereist und hat wieder einmal etwas hinter sich! Und es bleibt ihm nur die Erinnerung an zwei große, tiefe, fragende Kinderaugen. Diesmal waren sie grau, die Farbe wechselte; aber immer noch ist ihm schließlich von allem nichts als eine Erinnerung an ein paar Augen geblieben. Es wäre nun aber doch anmaßend, sich deshalb schon unglücklich zu nennen. Er würde sich vielleicht wohler fühlen, wenn er einmal Unglück hätte, ein klares, entschiedenes Unglück. Wenn er alles recht bedenkt, kann er höchstens sagen, daß er kein Glück hat. Und auch das ist eigentlich noch ungewiß. Er hat Geld, er tut und läßt, was ihm gefällt, er hängt an seiner Mutter, sein Bruder verwöhnt ihn, sein Name führt ihn überall ein, er hat die Welt gesehen, kennt die besten Männer der Zeit, gefällt den Frauen; wohin er kommt, ist er gut aufgenommen, man schätzt sein Talent, gönnt ihm seine Grillen und sieht ihm seine Launen nach. Wenn dies alles noch nicht zum Glücke langt, wer wäre dann glücklich? Was fehlt ihm denn noch? Nichts als das Gefühl, glücklich zu sein. Sein Bruder, der schon ein auffällig unbegabtes Kind war, eine lächerliche Frau und ein Rudel Kinder hat, jahraus, jahrein auf seinem Acker hockt, nicht viel besser als ein Bauer lebt und schon selig ist, wenn er einmal einen guten Gaul billig erhandelt, hat dieses Gefühl. Ja, der gerät dem Vater nach, der auch, nachdem er als flotter Dragoner sein bißchen Erbe verjuxt, immer noch guter Laune blieb; im Lande hieß er nur der Graf von Luxemburg, und richtig wurde sein holder Leichtsinn auch belohnt, er führte die reiche Braut heim. Das hat auch der Bruder: wenn er noch so bedrängt wird, doch unerschütterlich gewiß, daß es gut ausgehen muß; und so geht's auch immer gut aus. Und ihm selber geht's immer schlecht aus, vielleicht weil er alles schon mit dem Vorgefühl beginnt, daß ihm nichts glückt. Am besten wär's, nichts mehr zu beginnen. Er hat es ja schließlich doch nicht nötig! Ein Graf Flayn zu sein genügt. Er hat mehr gelernt, mehr gesehen, mehr getan, als in seinen Kreisen üblich, fast schon mehr, als in seinen Kreisen erlaubt ist. Wie leben denn die anderen? Jagd, Spiel, Sport, ein bißchen Landwirtschaft, Weiber und allenfalls noch etwas Politik. Wenn er sich dabei langweilt, kann er auch wieder malen. Das hat er sich ja doch auch nur durch den Ehrgeiz verleidet, ein Künstler zu werden. Wenn er bloß zum Vergnügen malen wird, reicht es schon. Es hätte sicherlich auch in der Wissenschaft gereicht, zum bloßen Vergnügen. Wie war der alte Herr in Leipzig stolz auf ihn, es schmeichelte ihm ja sehr, einen leibhaftigen Grafen im Laboratorium zu haben, aber daß ein Graf Ernst machen wollte, ganz wie irgendein Student, der es nötig hat, von dem Augenblick an war er ihnen verdächtig, das litten sie nicht, und er hatte plötzlich alle gegen sich. Und immer wenn er Ernst machte, überall. Brotneid? Vielleicht auch. Aber mehr wohl noch das Gefühl einer Anmaßung von ihm. Man wies ihn in seine Schranken. Nicht wir fühlen uns als Kaste, sondern die anderen. Was man unsere Vorurteile nennt, haben sie viel mehr als wir.

In solchen Gedanken überließ sich der Graf dem ruhigen Rollen des Zuges, das ihn in Schlaf sang. Es schwoll an, sank wieder ein, stieß wieder auf, immer in derselben Bewegung, immer im gleichen Takt, wirklich wie ferner einförmiger Trommelschlag. Und indem er sich dem einwiegenden Geräusch ergab, schien es Stimmen anzunehmen, und er bemühte sich, halb im Traum, zu hören, was die Stimmen sangen. Es quälte ihn, daß er sie nicht verstehen konnte. Er hatte das Gefühl, den Text zu kennen, und es wäre bloß an ihm, nur noch ein wenig besser acht zu geben, und er würde gleich wissen, was sie, nur wie hinter einem dichten Schleier oder aus einem tiefen Nebel, ihm sangen. Er strengte sich an, so sehr, daß er davon erwachte. Er saß auf und sah sich um, noch halb betäubt, ohne gleich recht zu wissen, was mit ihm war. Draußen das weite flache Land. Der Herbst. Die Sonne kam nicht recht durch. Und immer das gleiche ruhige Rollen. Da war ihm auf einmal, als ob jemand, dicht hinter ihm, laut gesagt hätte, deutlich war es zu hören: Still, auf gerettetem Boot! Unwillkürlich sprach er es leise nach, vor sich hin, die Finger im Takte dazu bewegend, im Takte des ruhigen Rollens. Es stimmte genau. Er besann sich auf den ganzen Vers, fand ihn nicht gleich und sprach ihn dann laut, es war, als spräche der ruhig rollende Zug:

In den Ozean schifft mit tausend Masten der Jüngling,
Still, auf gerettetem Boot, treibt in den Hafen der Greis.

So saß er lange, mit dem Rollen summend, immer wieder von Anfang an, bis er auf einmal lachen mußte. In den Hafen der Greis! Er lachte vergnügt laut auf. Greis? Etwas früh. Er wird siebenunddreißig. Aber freilich, dem Gefühl nach! Doch das Gefühl ist veränderlich. Er hat sich mit siebzehn zuweilen uralt gefühlt, und wer weiß, wie jung er sich in vierzehn Tagen fühlen wird; es kommt dabei viel auf das Wetter an. Übrigens stimmt ja das mit den tausend Masten auch nicht ganz. Ein solcher Jüngling war er nie. Es ist ihm fast unheimlich, wie wenig sich sein Leben verändert hat, in den ganzen zwanzig Jahren. Es war immer wieder dasselbe, nur in einem anderen Kostüm. Und es schien ihm immer wieder doch noch nicht das rechte. Vielleicht hat er das von seiner Mutter. Die sucht es auch heute noch. Und sie hat doch alles! Nur hat sie nichts davon. Schönheit, Reichtum, Geist, eine geheimnisvolle Macht über Männer und Frauen, die Gabe zu gefallen, zu verlocken, zu beherrschen, nur die Ruhe nicht. Sie muß wandern. Sie zieht alle Menschen an und wirft sie dann weg. Das ist der Unterschied zwischen ihm und ihr: ihn stoßen sie weg. Ja er hat das Gefühl: das Leben stößt ihn weg, so oft er danach greift. Ausgestoßen kommt er sich vor, immer wieder. Das Ergebnis ist ja aber schließlich dasselbe, sie leben beide immer auf der Flucht. Nur flieht sie vor der Ruhe, er nach Ruhe. Er möchte stets nichts als nur sich endlich einmal irgendwo geistig niederlassen können, und muß doch immer wieder fort. Als junger Mensch hat er gemeint, irgendein Buch finden zu müssen, aus dem er endlich die Wahrheit erfahren könnte, oder einmal einem Menschen zu begegnen, der ihm alles sagen könnte. So hat er die Wissenschaften abgesucht, erst Botaniker bei Wiesner, dann Chemiker bei Ostwald, in Schmollers Seminar, auf Richets Klinik, bei Freud in Wien, gleich darauf bei den Theosophen in London; und so die Kunst, als Maler, Radierer, Bildhauer, und so der Reihe nach alle Formen des Daseins, auf Schlössern, in den großen Hotels, mit Studenten, bei Kunstzigeunern, mit Tennisspielern. Und immer hat er anfangs geglaubt, jetzt endlich das Rechte zu haben, und immer hat er dann wieder bemerkt, daß man ihn nur eben so mittun läßt, aus Gnade, weil er ja ein sehr netter Mensch ist, und noch dazu ein Graf, von dem man doch auch wirklich nicht mehr verlangen kann. Wie jetzt wieder vor drei Tagen. Daß das Medium entlarvt wurde, Jeanne eine Betrügerin, seine Jeanne, das war es noch nicht, was ihn vertrieben hatte. Aber er hörte noch immer den Ton des jungen Mecklenburgers, der ihr den Karton aus den Haaren riß, den harten Ton voll Ungeduld: »Verzeihen Sie, Herr Graf, Ihnen ist es um die Sensation zu tun, uns aber um die Wissenschaft!« Und so sah er wieder, daß alle diese Menschen, mit denen er nun mehr als ein Jahr zusammenarbeitete, ihn unter sich nur so geduldet hatten; sobald es ernst wurde, war er weggestellt. Man nahm ihn überall freundlich auf und ließ ihn doch nirgends wirklich ein. Und der Geheimrat, in seinem Zorn, das Mädchen, für das er sich verbürgt hatte, ertappt zu sehen, konnte sich nicht enthalten und gab noch ihm die Schuld, der, während sie sich um ein Problem bemühten, dies zu einem Liebesabenteuer benützt, dadurch ihre wirklichen okkulten Kräfte geschwächt und so die Ärmste genötigt hätte, ihrer schwindenden Begabung mit unerlaubten Künsten nachzuhelfen; das hätte man aber davon, wenn man sich von Dilettanten ins Handwerk pfuschen läßt! Da war es wieder, das böse Wort, das ihn verfolgte. Sonst hatte man es ihm noch nie so derb ins Gesicht gesagt, aber der Geheimrat sprach in seiner Wut nur offen aus, was ihn alle fühlen ließen: er blieb für alle stets der hochgeborene Dilettant. Und in allen Tonarten bekam er es, spöttisch, geringschätzig, neidisch, ungeduldig und schadenfroh, immer wieder zu hören: Sie haben's ja doch auch, Gott sei Dank, nicht nötig! Es war wirklich wie eine geheime Verschwörung, er hätte manchmal mit jedem Handwerksburschen getauscht und wünschte sich, Meier oder Müller zu heißen. Was half es ihm, daß einem Grafen Flayn die ganze Welt offen stand? Er ging darin aus und ein, aber doch immer bloß auf Besuch; bewohnt wurde sie von den Meiers und Müllers. Und dann wundert man sich aber, daß der Adel heute nichts mehr leistet! Er hatte dem Maler Höfelind, dessen Schüler er eine Zeit war, einmal sein Leid geklagt, aber auch der, sonst so bereit, alles zu verstehen, sagte nur: »Ein tragischer Fall, aber Sie müssen zugeben, lieber Herr, von einer Tragik, die zu verschmerzen ist.« Niemand verstand es! Ja sogar seine Beziehungen zu den Frauen wurden dadurch unsicher. Ein Meier oder Müller weiß sich um seinetwillen geliebt, in ihm aber wurde vielleicht bloß der Graf umarmt; er hatte Beweise. Wenn er, ganz so wie er war, ein armer Schneider gewesen wäre, er hätte sicher im Leben mehr erreicht, jedenfalls in der Liebe. Denn da ging's ihm ja genau so! Er hatte Glück bei Frauen. Wenn er jetzt daheim sein wird und im Winter an den langen Abenden einmal alles ordnet, es muß ja schon eine ganze Bibliothek von Liebesbriefen sein! In allen Ländern, aus allen Ständen, von jeder Gemütsart. Er kann sie auch nach seinen eigenen einzelnen Phasen ordnen, eine botanische, eine chemische, eine theosophische, und so fort bis zu dieser trügerischen kleinen Jeanne mit den Meeresaugen, die doch ganz anders war als alle! Er wird sie der Reihe nach unter Wiesner, Ostwald, Schmoller und so fort registrieren, jede war ja wirklich, als ob er sie sich eigens für diese Phase ausgesucht hätte! Doch stimmt das eigentlich ja nicht, denn er kann nicht sagen, daß er sich die Frauen je gewählt hätte. Wie er nicht ohne Musik leben kann, so sind ihm Frauen notwendig, seiner Seele mehr als seinen Sinnen. Er braucht immer eine Frau, aber welche, darüber ist er sich nie klar geworden, sondern das hatte sich immer inzwischen schon wieder ganz von selbst gemacht. Er wurde stets im entscheidenden Augenblick erst gewahr, daß er verliebt war, nämlich wenn es bereits entschieden war. Er hätte in keinem Fall sagen können, wann es eigentlich angefangen hatte. Geradeso wenig, als wann es aus war. Es fiel ihm jetzt erst auf, daß er eigentlich auch nie mit einer Frau gebrochen hatte. Eigentlich ja jetzt auch nicht, auch mit Jeanne nicht: sie hatte, da der Betrug bewiesen war, ohne ein Wort das Haus verlassen, und er war abgereist. Eigentlich ohne Grund gegen sie: das Medium hatte betrogen, nicht die Geliebte. Freilich konnte man nach dem Skandal nicht gut von ihm verlangen, daß er, schon lächerlich genug, noch Lust hätte, sich mit einer so zweideutig gewordenen Person bloßzustellen, wenn es auch die Tochter eines russischen Staatsrats war, vortrefflich empfohlen und in der besten Gesellschaft eingeführt. Wenn er sie geliebt hätte, wäre er wahrscheinlich auch auf und davon, aber mit ihr. Wenn er mit ihr den Winter über nach Rom oder an die Riviera ging, dort fragte kein Mensch danach. Und sie hatte das ja nicht einmal abzuleugnen, was war denn schließlich geschehen? Sie hatte sich den Spaß gemacht, die gelehrten Herren zum Narren zu haben, anderthalb Jahre lang, bis sie gar zu dreist und im Vertrauen auf die Blindheit dieser Toren nachlässig und endlich unversehens erwischt wurde. Gut erzählt, sprach diese Geschichte nur für den Geist, die Besonnenheit und das Glück des kecken Fräuleins, das anderthalb Jahre lang der strengen Wissenschaft einen solchen Possen gespielt, und setzte sie sich gar noch hin und beschrieb wohlgelaunt, wie geringen und billigen Zauberkünsten die hochmächtigen Professoren aufgesessen waren, so konnte sie des Beifalls aller klugen Leute gewiß sein, gar aber der aufgeklärten Zeitungen, die ja der verpönten Geisterseherei von Herzen eine solche Beschämung gönnten. Er hatte wahrlich nicht nötig, sich mit ihr zu verkriechen, sie konnten im Triumph durch die Welt ziehen, allen freien Geistern und Aufklärern überall willkommen, und wenn er freilich gestehen mußte, ja selbst auch von ihr getäuscht worden zu sein, wer hätte das den Augen der Liebe nicht verziehen? Wenn sie's darauf angelegt hätten, aufzufallen, interessant zu werden und sich in Mode zu bringen, sie hätten es nicht besser treffen können. Derlei mochte vielleicht Jeanne wirklich verlockt haben. Ihrem Ehrgeiz sah das gleich, und kein anderes Motiv paßte. Sie war aus guter Familie, hatte reichlich zu leben, war bestens empfohlen, hielt sich von den anderen Russen, den Studenten, Malern und Literaten, fast geflissentlich fern, und ohne den leisen slawischen Akzent, der ihm an ihr so sehr gefiel, hätte man eher auf Lübeck oder Kiel geraten: gar nichts von Boheme, ganz unverdächtig, und gar die Tante, die sie bei sich hatte, rund, gutmütig, ein bißchen ängstlich, schloß jedes Abenteuer aus. Als sie von den Experimenten des Professors vernahm, schien sie bloß aus Neugierde das auch einmal sehen zu wollen. Sie tat ungläubig, ohne freilich die merkwürdigen Erscheinungen leugnen zu können, deren Zeuge sie wurde. Die Hypnose schon schien ihr unglaublich. Man schlug ihr halb im Scherz vor, sich einmal einschläfern zu lassen; sie hatte Furcht, doch die Neugierde war stärker, es gelang, sie staunte, noch immer ungewiß, die Versuche wurden wiederholt, bloß um sie zu bekehren, und bald zeigte sich ihre ungewöhnliche Kraft. Er war doch von Anfang an dabei gewesen, und wenn er sich erinnerte, wie dies von Sitzung zu Sitzung alles erst allmählich entdeckt worden und sie zu ihrer eigenen Überraschung auf einmal ein Medium war, konnte er noch immer an den Betrug nicht glauben, der doch aber bewiesen war, vor aller Augen bewiesen, handgreiflich bewiesen, und ohne daß sie sich auch nur mit einem Wort verteidigt hätte! Warum aber?, hatte der Professor gefragt, als sie fort war. Keiner konnte sich's erklären. Jetzt erst erinnerte sich Franz, daß sie zuweilen ihren Spott über die deutschen Gelehrten nicht unterdrücken konnte. Sie sind, hatte sie einmal gesagt, so fürchterlich gescheit, daß sie davon ganz dumm werden! Und so war es vielleicht wirklich nur der Versuch eines vorwitzigen Kindes, die strenge Wissenschaft hinters Licht zu führen? Aber ihn hätte sie doch ins Vertrauen ziehen müssen! Doch konnte er wieder eigentlich noch froh sein, daß ihm die Wahl erspart blieb, entweder das geliebte Mädchen zu verraten oder seine wissenschaftlichen Freunde zu täuschen, er hätte auf jeden Fall die schlechteste Figur gespielt.

Der Zug hielt, da standen auch seine Gedanken still. Er trat ans Fenster, der Nebel war weg, dort glänzten die Berge. Er hatte sie lange nicht gesehen. Dort war seine Heimat. Noch anderthalb Stunden, und er ist daheim, sein Bruder steht an der Bahn und lacht ihn mit seinen weißen Zähnen an, ist ein bißchen verlegen, weiß nicht, was er sagen soll, und redet daher furchtbar viel, dann fahren sie durch die alte Stadt, die hat sich auch nicht verändert, und fahren durch die alte Allee, die großen Hunde heulen, es werden nicht mehr dieselben sein, aber sie heißen gewiß noch immer Waldl, Lian und Cäsar, er ist wieder daheim.

Auch ein Zeichen, daß er alt wird, diese Rührung, heimzufinden. Er hat das sonst nie gehabt. Seine Mutter, schon über sechzig, hat es heute noch nicht, ihre Heimat bleibt der Schlafwagen. Sonst wenn er von Rom nach Berlin fuhr, war ihm die Heimat nicht den Umweg von drei Stunden wert. Es muß an die zehn Jahre her sein, daß er sie nicht mehr gesehen hat. Er hätte sich's ja noch vorige Woche nicht träumen lassen. Er hat seinen Bruder sehr gern, doch das kann er auch aus der Ferne; sie haben sich eigentlich ja nichts zu sagen. Nur nach seinem Lachen, diesem Lachen mit den großen weißen Zähnen, hat er sich manchmal gesehnt, aber dann vergißt man das halt wieder. Er hätte die schöne Stadt gewiß öfter besucht, wenn er nur nicht dort daheim gewesen wäre. Gerade das hat ihn abgeschreckt. Es fällt ihm jetzt erst auf, daß er jahrelang, wenn er einmal zufällig an die Heimat dachte, gar nichts dabei gefühlt hat als Furcht, sich zu langweilen, so gräßlich, daß er es gewiß nicht zwei Tage lang ausgehalten und durch rasche Flucht nur den Bruder gekränkt hätte; der konnte sich ja gar nicht vorstellen, in einer anderen Stadt zu leben, so verschieden waren sie, deshalb verstanden sie sich so gut. Merkwürdig: auf einmal hat er nun aber keine Furcht mehr, sich zu langweilen. Er wünscht es sich fast. Lauter Zeichen, daß er alt wird; auf die Jahre kommt's ja nicht an: er fühlt sich alt, er ist müde, was soll er noch draußen? Er hat nichts mehr zu suchen, er will nichts mehr. »Still, auf gerettetem Boot!« Und es ist ja wirklich ein Hafen, keine Woge der Welt schlägt herein. Wie stark muß diese Stadt doch eigentlich sein! Mitten in Europa, von Fremden überlaufen, und weiß nichts davon, bleibt sich treu, lebt unberührt ihr altes Leben fort. In Toledo hat er oft an sie gedacht. Dort ist auch mitten in der Gegenwart die Vergangenheit so stark geblieben, daß die Zeit erstaunt stillgestanden ist. Auch in Toledo hielt er es damals nicht aus. Diese furchtbare Stille! Und der quälende Gedanke, daß draußen die Zeit rauscht und – verrauscht! Ja damals war er noch jung! Jetzt hat er längst genug von dem Geräusch der Zeit; oder wenigstens vorläufig. Es kann ja sein, daß er sich wieder ändert. Vielleicht ist es bloß eine Stimmung, ein Anfall von Enttäuschung und Ermattung, er kennt das doch, es ist ja nicht zum ersten Mal, doch so heftig war freilich noch keiner. Die Welt ist ihm schon öfter eingestürzt, jetzt aber auch alle Lust, ja jedes Bedürfnis, eine Welt zu haben. Sie wieder aufzubauen, aber nun auf festem Grunde, war sonst sein erster Gedanke, noch mitten im Erdbeben. Jetzt hat er keine Hoffnung mehr, festen Grund zu finden. Doch wer weiß? Vielleicht kommt sie wieder. Soll er es sich wünschen? Noch einmal anfangen, wie so oft, um am Ende doch wieder sein schönes Vertrauen, seinen Eifer, sein treues Bemühen wieder betrogen zu sehen, wie noch jedes Mal? Er gehört nicht zu den Menschen, denen die Lust an der Arbeit selbst schon Lohn genug ist. Daß sie sich bemühen, ihre Kraft üben, in Tätigkeit sind, behagt ihnen, auch wenn es nichts einbringt. Ihm aber, wenn er sich bewegen soll, genügt es nicht, Bewegung zu machen. Er will etwas getan, geleistet, bewirkt haben. Er braucht einen Zweck, er muß ein Ziel sehen. Auf der Jagd schießt er gut, auf die Scheibe langweilt's ihn. Nur das Ergebnis, auf das er hofft, läßt ihn Kraft finden. Er ist nämlich im Grunde faul, darüber hat er sich nie getäuscht. Er überwindet seine Faulheit nur, wenn ihm ein Preis winkt. Jetzt aber winkt ihm nichts mehr, seit er weiß, daß wir nichts wissen können. Der letzte Versuch, die Wahrheit von drüben zu holen, aus Geistermund, ist ihm ja nun auch mißlungen. Wozu noch fragen, wenn er weiß, daß niemand antwortet? »Erkennen, daß wir nichts erkennen können, ist auch Erkenntnis, und die höchste; die Wahrheit, daß es keine Wahrheit gibt, erlöst uns von allem Übel,« hat ihm der alte Fritz Mauthner einmal gesagt. Aber das ist kein Trost für ihn, von solcher Erkenntnis, solcher Wahrheit hat er nichts, weil er ja gar nicht um der Erkenntnis willen erkennen will, er ist kein Faust, er will nur so viel wissen, als er braucht, um richtig handeln zu können. Was soll ich?, auf diese Frage will er Antwort. Damit hat's angefangen und seit er an der Antwort verzweifelt, hat's aufgehört. Das geht tief in seine Kindheit zurück. In seinem ganzen Leben wiederholt sich fortwährend ein Erlebnis, das schon den Knaben quälend traf. Schon der Knabe bemerkte, daß er zuweilen unverdient gelobt, dann aber wieder ungerecht gescholten wurde. Mit dem besten Willen richten wir Schaden an, die beste Meinung bewahrt uns vor üblen Folgen nicht, während umgekehrt wieder Unbedachtes wohl gerät, ja böser Wille sogar Gutes stiften kann. Das hat ihn von Kindheit auf verwirrt, bedrückt, gelähmt. Die schönsten Vorsätze sieht er oft an sich und anderen versagen, die besten Absichten zuschanden, ja geradezu wie durch einen schadenfrohen Kobold ins Böse verkehrt werden, Leichtsinn aber, Nachlässigkeit, selbst unverhohlene Bosheit sieht er gut enden. Das Rechte zu wollen, genügt also offenbar nicht, um richtig zu handeln; ja es scheint zuweilen fast, als ob der gute Wille, statt die rechte Tat zu verbürgen, ihr eher gefährlich wäre, wie wenn durch ihn gerade die List, der Übermut, die Tücke verborgener Widersacher herausgefordert würden, während böser Sinn und schlimme Meinung wieder auf gute Geister stoßen, denen es gelingt, was verderblich gemeint war, zum Segen zu wenden. Darum hat er schon als Kind nichts lieber als Gespenstergeschichten von Kobolden und boshaften Zwergen gehört; um jeden Menschen stritten Engel und Teufel, selbst kann keiner dafür, wie es ausgeht. Dagegen empörte sich dann aber, als er älter wurde, sein Stolz. Das hat ihn zur Wissenschaft getrieben: er sucht Erkenntnis nicht um der Erkenntnis willen, sondern weil er eine Sicherheit, richtig zu handeln, will, nämlich so zu handeln, daß der Absicht die Wirkung entspricht, daß der Gute dabei nun auch gewiß ist, Gutes zu tun, der Böse Böses, daß der Mensch seine Taten selbst bestimmt, nicht der Streit himmlischer mit höllischen Mächten um ihn. Das ist sein Problem geblieben, bis auf den heutigen Tag. Immer noch findet er es überall wieder. Es ist doch auch das Problem seines Vaterlands; er hat es in jungen Jahren schon an seinen eigenen Leuten erlebt. Die Flayn sind ein altes rein deutsches Geschlecht, dessen andere Linie nach der Schlacht am Weißen Berge mit Gütern in Böhmen beteilt worden ist und sich dann aber, seit so langer Zeit unter Tschechen lebend, allmählich auf ihre Seite gestellt hat. Beim Onkel Ferdinand hat er als Gymnasiast in den Ferien jagen und so viel Böhmisch gelernt, um sich mit den Verwaltern, Gärtnern, Holzknechten zu verständigen; der aufrechte, feste, treue Menschenschlag ist ihm in der schönsten Erinnerung. Die Tante Theres, seiner Mutter ältere Schwester, hat einen Triestiner Reeder geheiratet, der mit seinen großen schwarzen Augen, seiner ungeheuren Nase, seinem mächtigen Kopf fast türkisch aussieht, im Ungestüm seines heftigen und beweglichen Wesens aber, in der Beredsamkeit seiner lebhaften Hände und an Gesinnung ein Italiener ist. Seine Verwandten auf Chios und in Smyrna, richtige Levantiner, aus griechischem, albanischem und venezianischem Blut zusammengebraut, zu denen der Oheim den Neffen nach der Matura bringt, lehren ihn eine Freiheit der Sitten, eine Wärme des Lebens, eine Hingebung an den schönen Augenblick kennen, um die noch ein Hauch heidnischer Heiterkeit schwebt. So findet der Jüngling in der eigenen Familie schon, wie verschieden die Arten der Menschen sind, und wird zugleich gewahr, daß es doch in allen derselbe Mensch ist. Sie wollen schließlich alle dasselbe, und nur weil es jeder auf seine Art will und der des anderen nicht traut, hassen sie sich. Sie haben alle recht, und alle tun einander unrecht. Sie meinen es alle gut, aber es entsteht daraus der ewige Krieg. Auch den Völkern, wie den einzelnen, wird die beste Absicht zum Fluch. Das ist es, was ihn zu den Wissenschaften trieb. Richtig handeln hat er lernen wollen. Es scheint aber ein Mißverständnis gewesen zu sein. Danach fragt die Wissenschaft nicht, darauf antwortet sie nicht. Ihre Fragen aber und ihre Antworten sind ihm gleichgültig. Sie helfen ihm doch nicht; all ihre Weisheit läßt ihn dem Zufall preisgegeben, und das ist ihm unerträglich. Man mißversteht ihn immer wieder. Er ist gar kein Moralist, er will nicht die Welt verbessern, und schon gar nicht sich selbst; er hat nicht den Ehrgeiz, gut zu handeln. Aber selbst will er handeln: wenn er etwas tut, soll es das bewirken, was er damit meint! Es hat ihn oft gewundert, daß sich kein anderer Mensch darum zu kümmern scheint. Wenn man es nur gut gemeint hat, so glaubt man sich von aller Schuld an der bösen Wirkung losgesprochen, und wieder, wenn es nur gut ausgeht, so wird auch die schlechte Absicht verziehen. Er denkt da ganz anders. Wenn er die Wahl hätte zwischen einem, der in der besten Meinung Übles tut, und einem, der das Böse, das er will, auch erreicht, dieser wäre ihm weitaus würdiger, ein moralischer Mensch zu heißen als jener. Oder wenn es doch einmal dem Menschen versagt bleibt, selbst seine Tat zu bestimmen, welchen Sinn hat es dann, noch zu loben und zu tadeln, zu bewundern und zu verachten, überhaupt irgendeinen Unterschied zu machen, je nach der Begabung oder nach der Gesinnung, die ja doch nichts bedeuten, wenn wir alle bloß ein Spielzeug des Zufalls oder unbekannter, willkürlich waltender, Verdienst wie Schuld vernichtender Mächte sind? Dann lasse sich doch jeder treiben, wohin der Wind ihn weht! Dann ist doch alles Wahn, womit die Menschheit prahlt! Nichts bleibt dann übrig, als daß der eine Glück hat und ein anderer Unglück, ja selbst Glück und Unglück sind dann bloß ein Schall, weil ja niemand eigentlich sagen kann, warum es dann noch ein Glück sein soll, Glück zu haben. So weit war er jetzt fast. Nach zwanzig Jahren in Wissenschaft und Kunst hat er es dahin gebracht, jeden zu beneiden, der sich dumpf von Tag zu Tag seinen Sinnen überläßt, Haß und Liebe, Neid, Eifersucht und Gier, Lust und Leid, was immer die Stunde bringt. Irgend etwas in ihm will sich noch immer dagegen wehren, aber das ist wohl bloß der dumme Stolz, der uns anerzogen wird: wir wollen uns durchaus überreden, mehr als die übrigen Tiere zu sein, und erreichen damit doch nichts, als das einzige Tier zu werden, das sich lächerlich macht; dazu allein dient unsere gepriesene Vernunft. Wahrscheinlich haben das alle wirklichen Menschen zuletzt erkannt. Es endet ja stets mit dem großen Schweigen. Die das Leben durchschaut haben, verstummen. Wer noch nicht so weit ist, würde ihnen ja doch nicht glauben. Und wer schon selbst so weit ist, braucht sie nicht. Und etwas Schadenfreude mag auch dabei sein: warum soll es den anderen erspart bleiben, selber auf den Grund zu stoßen, den Urgrund unseres Lebens, wo dann alles sinkt und weicht und nichts mehr als der ewige Schlamm ist? Schweigen und den anderen zusehen, die noch nicht im Schweigen angekommen sind. Es muß ganz lustig sein. Schweigen, im alten Schloß sitzen, die Fenster im Winde knarren und die Raben des schlafenden Kaisers um den Berg krächzen hören, durch die stille Stadt spazieren, mit dem Bruder ausreiten, auf die Jagd gehen, den Onkel Erhard auf die Regierung schimpfen lassen, mit der Hofrätin Zingerl, wenn sie noch lebt, Patiencen legen und beim Domherrn Zingerl vortrefflich essen, gelegentlich auch vielleicht wieder ein bißchen malen, aber bloß zum Zeitvertreib, ganz ohne Ambition, und schweigen, alle Gedanken schweigen lassen und alles Gefühl, sich das ganze Leben verschweigen und nichts mehr sein, als was er offenbar von Anfang an hätte bleiben sollen: ein richtiger Graf, der doch weiter nichts nötig hat. Es war Größenwahn, wenn er sich schmeichelte, nach den mütterlichen Ahnen zu geraten, nach den Lidingers. Nein, er hatte von diesen zähen, schlauen, argen Weinbauern, Viehhändlern und Gastwirten nichts, aus deren aufgesparter Kraft zuletzt dieses Prachtexemplar aufgestiegen war, der Rupertus Lidinger, der Himmelwirt, seiner Mutter Vater. Er erinnerte sich des Alten noch so gut, der immer noch jeden Morgen im Bräuhaus an der Arbeit stand, auch als ihm das Himmelbier schon Millionen und einen Grafen Flayn zum Schwiegersohn eingebracht hatte. Wenn Franz, so streng ihm das von der Mutter verboten war, entlief, um die Brauknechte hantieren zu sehen, sagte der Alte stets: »No, kleins Graferl, wie geht's, was machst immer?« Dann gab er ihm einen derben Klaps und, wenn er besonders gut gelaunt war, ein Heiligenbildl, zog das Käppchen, und seine listigen Augen wurden noch kleiner, wenn er ihm zum Abschied einen schönen Gruß an die Frau Gräfin auftrug, an die Frau Mama, wie er zwinkernd sagte, die hellen As ausdehnend in seinem offenen, zahnlosen Munde. Höfelind hat ihn gemalt, zuerst für die Mutter auf Bestellung und dann noch ein zweites Mal, als eins in der berühmten Reihe von symbolischen Bildern, die der Meister den »Kreis der Menschheit« nennt; das reist jetzt in der ganzen Welt herum, Franz hat es zuletzt auf der Internationalen in Venedig gesehen, der Kopf wirkt ganz antik, Höfelind hat die Ähnlichkeit mit dem Seneka vielleicht noch bewußt gesteigert. Der Großvater war damals, als er zu dem ersten Bilde saß, an die Neunzig; er hat sich alle die Jahre, die Franz ihn kannte, ja kaum mehr verändert, bis er eines Tages, mitten in der Arbeit, einhielt, weil ihm heute »nicht recht richtig« sei, zusammensank und tot war. Er hatte sich in jungen Jahren mit der Tochter eines Holzhändlers und, als sie im ersten Wochenbett gestorben war, mit ihrer Schwester verheiratet. Die beiden feierten zusammen die silberne Hochzeit, und als auch sie starb, nahm er als rüstiger Fünfziger eine dritte Frau, die Tochter des Notars, eines Reichsritters von Geßling, ein hochfahrendes, ältliches, immer kränkelndes Fräulein. Franz erinnerte sich nur noch, daß die Großmutter den ganzen Tag auf dem Sofa lag und Romane las, und wenn er mit dem Bruder lärmte, wurde sie sehr bös, und niemand durfte zu ihr als der Schulrat Knopf, der außerdem auch dichtete, und zuweilen der Domherr, damals noch Kaplan Zingerl, der überhaupt herzleidenden Damen gern zur Beruhigung verordnet wurde. Sie hatte dem Himmelwirt zu seinen fünf Töchtern aus der zweiten Ehe, die längst alle, gut verheiratet, als brave Wirtinnen, Offiziersfrauen oder Hofrätinnen rings im Lande saßen, noch zwei geboren, davon die ältere ein unauffälliges, heiteres, zufriedenes Geschöpf war, die jüngere aber ein launenhaftes, höchst eigensinniges Kind, von einer merkwürdigen Macht über alle Menschen, von der es bald den selbstsüchtigsten Gebrauch machte, sogar gegen den Vater, der sonst keinen anderen Willen gelten, aber von der kleinen Prinzessin sich alles gefallen ließ, fast als ob ihm in ihr seine eigenen geheimsten Wünsche lebendig geworden wären und er sich gefreut hätte, dem verborgenen Ehrgeiz, der Hoffart, dem unbändigen Stolze, der Herrschsucht, der Üppigkeit, die er sich selber klug hatte versagen müssen, in seinem Kinde nun endlich die Zügel schießen zu lassen. Sonst so geizig, ließ er sich ihre Launen jeden Preis kosten, eine Französin, eine Engländerin, ein ganzer Stab von Lehrern für Singen, Tanzen, Reiten, Malen, Fechten, ein Troß von Jungfern, ein Kranz von Freundinnen mußten ins Haus, das ihr bald zu klein wurde, das ihr nicht vornehm genug war, an der Landstraße, mit dem Blick auf die Brauerei hinüber. Sie war fünfzehn, als sie zu Weihnachten auf ihren Wunschzettel schrieb: Die Arnsburg. So hieß das Schloß auf der bewaldeten Höhe, wo seit alter Zeit die Flayns saßen. Nun stand es feil. Der alte Graf, ein toller Herr, hatte seinen Söhnen nichts als Schulden hinterlassen, und sie, gar der ältere, trieben es noch ärger. Der war der beste Reiter der Armee, berühmt durch seine wilden Streiche. Pächter betrogen ihn, das Gut brachte zuletzt die Zinsen der Schulden nicht mehr ein. Der Himmelwirt fand den Geschmack seines verwöhnten Töchterleins nicht schlecht, und zu Weihnachten bekam es richtig die Arnsburg. Der Himmelwirt lachte. Fünf Jahre waren seitdem vergangen, als der Graf Flayn beim Himmelwirt um die Hand des Töchterleins anhielt. »Stimmt!« sagte der Himmelwirt, »erst das Schloß, dann den Grafen selbst, alles in Ordnung!« und lachte. Sie hatten sich auf einem Lloyddampfer kennen gelernt. Sie fuhr mit der Schwester zu den Verwandten des Schwagers nach Smyrna, er war auf Urlaub, man gab ihm eine Frist, seine Schulden zu zahlen oder den Abschied zu nehmen, er nahm die reiche Braut. Der Himmelwirt, erst etwas mißtrauisch, beruhigte sich bald, da sein Töchterlein das Regiment im Hause behielt. Der Graf, der Humor hatte, sagte später gern: »Ich hatte gar nicht vor, aus Liebe zu heiraten, ich hielt es für eine Vernunftheirat, das war aber ein Irrtum.« Er gab es bald auf, seinen Willen zu haben, und ließ sich von der wunderschönen, ja weit klügeren, viel jüngeren Frau, die er bewunderte, in die er bis über die Ohren verliebt war und vor der er Angst hatte, willig beherrschen. Er sagte gern: »Meine Frau hat nur den einen Fehler, daß sie viel zu vornehm für mich ist.« Das war gar nicht so witzig gemeint, als es klang. Bald stand er mit dem Alten viel besser als mit ihr, die ihm oft fast unheimlich war, weil er um sie, auch als sie schon die beiden Söhne hatten, eigentlich immer wieder werben mußte. Der Alte freute sich, daß es auch dem Grafen nicht gelang, ihren starren Sinn zu brechen. Franz erinnerte sich, wie sie zuweilen zu dritt unter der Linde saßen, er zwischen dem Vater und dem Großvater, mit den Beinen baumelnd, da meinten sie, er höre nicht zu, wenn sie sich über die Mutter berieten, er aber tat nur so, doch insgeheim auf jedes Wort lauschend. »Du mußt ihr einmal ordentlich den Herrn zeigen,« sagte der Alte, wodurch er noch mehr in der Achtung des kleinen Enkels stieg. Aber der Graf erwiderte: »No sie war ja bei der heutigen Audienz sehr gnädig!« Das ist ihm unvergeßlich geblieben, weil er, nach Jahren noch, immer wieder daran erinnert wurde. Er lernte viel später erst verstehen, wie treffend das gesagt war. Mit wem immer sie sprach, jeder hatte dabei das Gefühl, in Audienz zu sein. Auch ihre Kinder. Er geriet doch sonst nicht leicht in Verlegenheit, aber nie kam er sich so klein, unbedeutend und überflüssig vor als unter ihrem immer etwas ermüdeten, künstlich huldvollen Lächeln. Er fühlte sich ausgezeichnet, aber unbefriedigt. Auch bekam sie meistens bald Migräne, das mochte sie von der Großmutter haben. Und so war er denn stets, eben wenn er begann, sich vor ihrer verwirrenden Schönheit ein Herz zu fassen, schon wieder entlassen. Er ärgerte sich dann über seine blöde Schüchternheit, er hätte sie doch so viel zu fragen, ihr so viel zu sagen gehabt, aber sie wurde gleich müd. Ein solches Bild von Schönheit, Anmut und Würde zu sein strengte sie doch offenbar sehr an. In der Ferne hat er sich oft fast krank nach ihr gesehnt, aber wenn er dann wieder vor ihren gleichgültig lächelnden, die Welt beglückenden, aber auf keinen im besonderen gerichteten Augen steht, wünscht er sich immer nur, lieber schon wieder fort zu sein. Höfelind hat einmal erzählt, daß er, als er sie malte, nach einer halben Stunde stets davonlief und sich draußen fünf Minuten lang laut in den gemeinsten Redensarten und rohesten Kernflüchen erging, in dem Bedürfnis, wie er sagte, sich zu vergewissern, daß er trotzdem noch ein lebendiger Mensch von Fleisch und Blut sei; es geht einem der Atem aus in ihrer Nähe, die Luft wird zu dünn, man schnappt nach erwärmender menschlicher Gemeinheit – das Bild auf der Leinwand war ja wirklicher als sein unirdisches Original!

Franz fuhr auf. Sie waren ja schon auf der Brücke, da liegt seine Heimat! Es ist doch ein eigenes Gefühl, nach so vielen Jahren. Und jetzt wird sein Bruder am Zuge stehen und winken und lachend alle seine weißen Zähne zeigen und ihn vor allen Leuten abküssen und ein bißchen verlegen sein und sehr viel reden, aber immer wieder dasselbe, bis das Gepäck besorgt und die Revision erledigt ist, worauf er unvermeidlich sagt: »Also wenn's dir recht ist, treten wir jetzt die Himmelfahrt an!« und so herzlich lacht, als wenn er diesen Witz eben im Augenblick erst erdacht hätte. Zu seiner eigenen höchsten Überraschung. Das Wirtshaus an der Landstraße, wo die Lidingers seit Menschengedenken hausten, war »Zum blauen Himmel« benannt, und so wurde, als der Großvater zu brauen begann, sein Bier danach das Himmelbräu getauft, und als dann allmählich ringsherum ein ganzer Ort entstand, nannte der Volksmund auch ihn »im Himmel«. Wenn sie nun als Buben aus Kremsmünster auf Ferien kamen und endlich die Kutsche bestiegen, die sie vor dem Bahnhof erwartete, sagte der Anton stets: »Jetzt beginnt die Himmelfahrt!« Und er kennt den Bruder doch, der schenkt ihm das nicht, der wäre zu sehr gekränkt, wenn er nicht feierlich einstimmt: »Also auf zur Himmelfahrt!«

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