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Himmelfahrt

Hermann Bahr: Himmelfahrt - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Bahr
titleHimmelfahrt
publisherS. Fischer Verlag
printrun13.?16. Auflage
year1919
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Zwölftes Kapitel

Nachdem sich der Infant von dem Gefolge verabschiedet, den Statthalter mit einer Ansprache beglückt und dem Grafen Erhard noch einmal huldvoll gedankt hatte, herablassend, doch ohne Leutseligkeit, mit einem Wohlwollen, das nicht so weit ging, daß er sich die Mühe genommen hätte, zu verbergen, wie sehr es ihn langweilte, trat er, bevor er in den Salonwagen stieg, auf den Domherrn zu, der mit Franz abseits stand, überwand eine leise Verlegenheit und sagte zögernd: »Von Ihnen beiden zu scheiden wird mir nicht leicht, und daß einmal wahrhaft verbundene Menschen es auch in der Ferne bleiben, ist mir ein geringer Trost. Bewahren Sie mir ein gutes Andenken! Ich möchte, daß Sie die Wunderlichkeiten meines äußeren Betragens, die ja schließlich doch Notwendigkeiten meiner inneren Haltung sind, vergessen und Mitleid mit einem Manne haben, der nicht anders sein kann, als er ist, sich damit abgefunden hat und die Nachsicht, die er für sich erbitten muß, von Herzen erwidert.« Er hätte sichtlich gern noch mehr gesagt, fand aber offenbar das rechte Wort nicht und stand unentschlossen. Dann sprach er zum Domherrn: »Wir beide haben einander in einer Tiefe kennen und erkennen gelernt, daß uns fortan die Sprache nur eher ein Hindernis sein wird. Reichen wir uns also lieber die Hände! Wir wissen ja, was jeder vom anderen weiß.« Er nahm die Hand des Domherrn und hielt sie lange. Dann suchten seine verloschenen Augen Franz und er sagte: »Sie sind auf dem rechten Wege, lieber Graf Franz, nur Mut und aufwärts! Und wenn Sie zuweilen in stillen Stunden meiner einmal gedenken, so wäre mein Wunsch, für Ihr Gefühl immer der alte Blasl zu bleiben. Der enthielt weit mehr von mir, meine jetzige Verkleidung würde Sie nur irre machen, vergessen Sie sie, bitte.«

Der Bahnvorstand meldete die Abfahrt des Zuges. Der Infant stieg ein, und wie er jetzt, während der Zug langsam aus der Halle fuhr, im Fenster stand, lässig die Herren des Gefolges noch einmal grüßend, hätte niemand geglaubt, daß es einer so fürstlichen Erscheinung je gelingen könnte, unkenntlich zu werden. »Kleider machen Leute,« sagte der Domherr leise.

In diesem Augenblick fiel Franz ein, daß er jetzt auf derselben Stelle stand, wo sein Bruder Anton vor zehn Monaten den Heimkehrenden erwartet hatte, um ihn in den Wagen zu geleiten, zur Himmelfahrt.

Indessen hatten die Herren sich wieder bedeckt, das Gefolge des Infanten verließ die Halle. Onkel Erhard ärgerte sich, weil ihr Aufzug nicht ganz den Eindruck machte, der Würdenträgern gebührt. Er brummte: »Die Leut haben nichts mehr im Schädel als den dummen Krieg.«

»In drei Wochen ist ja hoffentlich alles vorbei,« sagte der Statthalter.

»Höchste Zeit!« erwiderte der Onkel. »Sonst kennt sich bald vor Schlamperei kein Mensch mehr aus.« Der Krieg verdroß ihn sehr, er bedrohte sein Gefühl, der Mittelpunkt zu sein. Auch als er mit dem Statthalter jetzt im Staatswagen durch die Stadt fuhr, achtete niemand auf sie: das Wichtigste war plötzlich unwichtig geworden.

 

Der Domherr sagte zu Franz: »Ich hätte Lust, ein paar Stunden zu wandern, willst du mit?«

Sie gingen am Flusse hin durch die Au. Lange schwiegen beide. Franz hatte gestern erfahren, daß Jeanne, sein entlarvtes Medium, als Spionin verhaftet worden war. Es fiel ihm erst jetzt wieder ein. Er wunderte sich nur, wie stumpf ihn die Nachricht gelassen hatte. Die kluge, feine, zierliche Jeanne, wie aus Luft und Licht gesponnen, ein Hauch, ein Strahl, das elfische Wesen, seine Jeanne! Sie hatten sie wohl indessen schon gehenkt. Und er nahm das so hin, es ging dabei gar nichts in ihm vor, er war eigentlich kaum erschrocken, er empfand nichts, es war für ihn wieder auch nur eine Nachricht mehr. Tag um Tag ging jetzt ein solches Ungewitter von Ereignissen auf ihn nieder, daß er keiner inneren Antwort mehr fähig war. Er hatte sich kaum von der letzten Nachricht erholt, da war sie schon von einer neuen und im selben Augenblick auch diese wieder verdrängt. Seine Mutter hatte der Krieg auf Wright übereilt, sie war gefangen, Anton, kaum eingerückt, schwer verwundet. Er kam mit seinen Gedanken, mit seinen Gefühlen nicht mehr nach, es stand alles in ihm still.

 

»Auch du,« sagte der Domherr, »hast dich, hör ich, gemeldet?«

»Ich habe mich gemeldet,« sagte Franz. Und er schwieg wieder lange, bevor er fortfuhr: »Ich habe nie gedient, es war mir damals unerwünscht, ich wollte das Jahr nicht verlieren, das ich in der Wissenschaft besser anzuwenden dachte, und es wurde mir ja nicht schwer, loszukommen.«

Er schwieg wieder, bis ihn der Domherr fragte: »Jetzt aber?«

Franz zögerte, bevor er antwortete: »Jetzt ist es doch meine Pflicht. Und vielleicht, wenn ich ganz aufrichtig bin, ist es noch mehr das Bedürfnis, auch dabei zu sein, auf irgendeine Art. Genau weiß ich es ja selbst nicht. Aber ich kann doch nicht, wenn sich alles in Bewegung setzt, allein in der Ecke stehen bleiben. Ich müßte mich vor mir selber schämen.«

»Und vielleicht,« sagte der Domherr, »ist es dir auch jetzt nur darum zu tun, wieder loszukommen.« Franz blickte fragend auf, er verstand es nicht. Der Domherr fuhr fort: »Damals hast du dich von dem Leben, das dir durch Geburt und Erziehung angewiesen war, losgemacht, um dir deines aus eigenem zu schaffen. Jetzt ergreifst du die Gelegenheit und machst dich wieder eben von diesem eigenen Leben los.«

»Und wenn es so wäre,« fragte Franz, »hätte ich denn nicht recht?«

»Gewiß hast du recht,« sagte der Domherr. »Ich kenne dein eigenes Leben nicht genug, ich kann darüber nicht urteilen. Aber daß du dich sozusagen verlassen willst für einige Zeit und aus dir verschwinden, wird dir auf keinen Fall schaden. Und es geschieht in einem großen Augenblick, geschieht aus einer reinen Empfindung, und daß es in aller Stille geschieht, ohne Heldenpose, freut mich von dir. Vielleicht findest du bei der Heimkehr dein eigenes Leben ausgesöhnt wieder, weißt dann erst, was du daran hast und lernst es schätzen. Der lange Friede hat uns alle zugleich übermütig und unmutig gemacht. Wessen er sicher zu sein glaubt, das mißachtet der Mensch leicht. Wird ihm wieder einmal dargetan, daß er nichts sicher hat, so lernt er sich auch mit dem Relativen begnügen. Es ist hohe Zeit, daß er wieder etwas bescheidener wird, wenn das selbst, wie er nun schon einmal ist, zunächst auch wieder mit einer gewaltigen Anmaßung beginnt.«

Franz, dem dies wie ein Vorwurf klang, sagte zu seiner Verteidigung: »Auch der Infant gibt ja sein eigenes Leben auf! Wenn er einen Rang wieder annimmt, der ihm nichts mehr bedeutet, wenn er in Verhältnisse zurückkehrt, denen er innerlich längst entwachsen ist, wenn er sich in den Dienst einer Welt stellt, die für ihn keinen Sinn, keinen Wert mehr hat, heißt das nicht auch, daß er auf sein eigenes Leben verzichtet, und auf das wahrste, auf eins, an das er glaubt, das ihn ausfüllt, in dem er, was er sucht, gefunden hat?«

»Gerade das ist aber doch der Unterschied,« sagte der Domherr. »Er, indem er sein eigenes Leben preisgibt, das für ihn die Wahrheit ist, und es mit einem vertauscht, dem er sich entfremdet hat, an das er nicht mehr glaubt, von dem er weiß, daß es ihm unerträglich sein wird, er entsagt, er bringt ein Opfer, er überwindet sich. Du, wenn du dein eigenes Leben aufgibst, verzichtest auf etwas, das dich niemals befriedigt hat und von dem du nicht mehr glaubst, daß es dich jemals befriedigen wird. Das kann man doch kaum ein Opfer nennen. Nimm mir's nicht übel und mißversteh mich nicht! Ich will dich in deinem Entschlusse nicht stören, im Gegenteil! Ich freu mich über jeden, der zu den Waffen eilt. Je mehr ihrer sind, desto besser für uns. Aber sie tun es, weil sie sich ihr Leben zu verbessern glauben. Wie noch immer und überall, ergreifen sie auch jetzt wieder das, wovon sie sich am meisten für sich versprechen, recht haben sie, nur soll mich der Feuilletonist mit dem Geschwätz von ihrer seelischen Umwandlung verschonen. Auch du hast recht, ja du noch weit mehr als die meisten, denn dich führt der Augenblick in eine Form des Lebens zurück, die dir von Anfang an zugewiesen war und der du vielleicht niemals hättest untreu werden sollen. Bewährst du dich jetzt, hast ein bißchen Glück im Krieg und kehrst als Rittmeister mit dem Signum laudis heim, so bist du ja schließlich nichts, als was du ohne deinen Eigensinn, deinen Ehrgeiz, dich abzusondern und auszuzeichnen, schon längst wärst: es wird nur auf Umwegen endlich doch zustande gebracht sein, was dir von Anfang an bestimmt war. Ich wünsch dir das von Herzen, nur auf den Infanten darfst du dich dabei nicht berufen, mit ihm nicht vergleichen, der hat ein anderes Format als ihr alle. Er lebt vom Geiste: was er denkt, muß gleich auch getan sein; er macht von seinen Gedanken Gebrauch. Das kommt sonst heute ja kaum mehr vor, die letzten Exemplare dieser Menschenart waren die Jakobiner. Wer etwa heute noch Geist hat, hat nur den Geist seiner Bedürfnisse, er lebt aus dem Bauch und macht sich die nötigen Gedanken dazu, er ist ein Tier, und sein Geist nur der Schatten, den das Tier wirft, während beim Infanten umgekehrt das Leben, das er lebt, der Schatten ist, den sein Geist wirft. Wer von euch anderen darf denn aber überhaupt noch sagen, er habe Geist? Die meisten nehmen sich nur einen. Ihr Geist ist weder primär, Leben bewirkend oder doch formend, noch auch nur die Folge, der Auslaut, ja nicht einmal ein Mitlaut ihres Lebens, ihr Geist ist überhaupt nicht der ihre, sondern sie leihen sich Gedanken aus, legen sich Gedanken zu, sie hängen sich Gedanken um, die nächstbesten, nächstschlechten, die gerade bei der Hand sind, und ihr Leben erfährt davon nichts, spürt davon nichts, weiß davon nichts, der Geist besorgt ihnen nur die Tischmusik des Lebens, er ist ein angenehm begleitendes, die Nerven beruhigendes oder anregendes Geräusch dazu, weiter nichts. Ich sehe jetzt schon der zweiten Generation Leben zu. Welche Fülle von Gedanken, die sich unablässig erneut! Man müßte meinen, die Menschheit hätte sich von Grund aus verjüngt. Ich merke nichts davon. Die Gedanken wechseln, aber ohne daß sich die Menschen veränderten. Und ganz verschiedene Menschen denken gleich, gleiche Menschen denken ganz verschieden. Ich habe mir das lange nicht erklären können, bis ich das Hauptmerkmal des heutigen Menschen entdeckte: daß sich nämlich seine Gedanken nicht auf sein Leben beziehen, und sein Leben nicht auf seine Gedanken, daß sein Geist mit seinem Leben nichts zu tun hat. Was er denkt und was er spricht, bedeutet nichts für das, was er ist und was er tut; zwischen dem Geist und dem Leben ist der Draht abgerissen. Es hat Zeiten gegeben, wo der Geist zum Leben, und andere Zeiten, wo das Leben Geist wurde; der Geist war entweder das Samenkorn, oder er war doch noch ein Ausschlag, ein Sekret des Lebens, er brachte Leben hervor oder ging aus dem Leben hervor. In unserer Zeit aber sind Geist und Leben von Tisch und Bett geschieden, sie geben den gemeinsamen Haushalt auf, und damit beginnt die scheußliche Selbstvermehrung der Gedanken, ohne Befruchtung vom Leben, durch bloße Parthenogenesis, wie bei den Blattläusen und Wasserflöhen. Und das Ergebnis: mehr Geist als je, doch unlebendig, mehr Leben als je, doch unbegeistet, alles nur Inzucht der ewigen Leere! Einer solchen Zeit kann selbst ein so rein aus dem Geiste lebender Mann wie der Infant nicht helfen, sie wird ihn gar nicht verstehen. Sie wird seine Gedanken abhören, auszählen und dann finden, daß sie ja doch alle diese Gedanken schon kennt, und enttäuscht sein, daß auch er ihr ›nichts Neues‹ bringt. Sie weiß ja nichts mehr davon, daß Gedanken nicht durch sich wirken, sondern bloß durch den Menschen, dem sie gehören, daß herrenlos herumlaufende Gedanken entarten, daß Gedanken selbst nichts, sondern bloß Zeichen und sozusagen Fingerabdrücke eines Menschen sind, und was soll sie denn also mit dem Infanten anfangen, der seine Gedanken nicht hat, sondern ist, dessen Gedanken Atemzüge seines Lebens sind? Darum hat er dich auch mit Recht gewarnt, denn du kannst dir seinen Geist so wenig aneignen wie seinen Gang, seinen Ton, seinen Blick. Das einzige was man von wahren Menschen lernen kann, ist: selbst einer sein. Willst du das, so vergiß ihn und erinnere dich deiner! Dazu verhelfen dir seine Hefte nicht, und es hilft dir nichts, wenn du hinter ihm herläufst, wie du dein ganzes Leben hinter einem hergelaufen bist, immer wieder, hinter einem andern, aber wenn du jetzt draußen im Felde einmal ganz allein sein wirst, allein mit dir und deiner Todesangst, Aug in Aug mit deinem Schicksal, ganz verlassen, ganz auf dich selbst herabgesetzt, ja das kann dir vielleicht noch helfen, ich würde dir's von ganzem Herzen wünschen.«

Nach einer Weile sagte Franz: »Ich möchte nur, wenn ich hinausgehe, besser ausgerüstet sein. Sie haben mir bisher nie getraut, und ich kann das schon verstehen. Sie haben den Verdacht, daß ich, wie früher in der Wissenschaft und in der Kunst, so auch jetzt in der Religion wieder bloß dilettiere. Das hat Sie gegen mich aufgebracht, und vielleicht mit Recht. Aber wenn ich jetzt, bevor ich ins Ungewisse gehe, gern noch ein bißchen Ordnung mit mir machen möchte, zweifeln Sie da noch, daß es mir ernst ist?«

»Ich habe nicht an deinem Ernst gezweifelt,« sagte der Domherr, »und auch an deinem guten Willen nicht, oder wenigstens daran nicht, daß du selbst stets der Meinung warst, es sei dir ernst und dein Wille gut. Und wenn ich, wie du ganz richtig bemerkt hast, aufgebracht war, so war ich es doch nicht so sehr gegen dich als gegen deine ganze Generation, die mich allerdings oft ungeduldig macht. Daß ihr alles bloß dilettantisch treibt, das wäre noch nicht das Schlimmste, aber ich sehe nichts als Überhebung an euch, und jede Art von Überhebung ist mir unerträglich.«

Franz sah verwundert auf. »Auf diesen Vorwurf,« sagte er, »war ich am wenigsten gefaßt. Gerade von aller Überhebung weiß ich mich ganz frei.«

»Von seinen schlimmsten Lastern,« erwiderte der Domherr, »glaubt man sich immer frei, sie sitzen so tief, daß nichts davon zu merken ist, und gar, wenn es Laster einer ganzen Zeit sind und ihr schon fast zur zweiten Natur geworden. Alle werden heute schon als Virtuosen geboren. Jeder will mehr können als die andern. Es gilt nicht, was er kann, sondern nur, wieviel er mehr kann. Jeder wünscht ungemein zu sein. An sich hat nichts, hat niemand Wert, sondern erst, wenn es auf etwas, wenn er auf einen bezogen wird. Ganz natürlich, seit das Maß an einer objektiven Welt fehlt. Einer gläubigen Menschheit ist gut, was Gott befiehlt, und schön, was Gott gefällt, sie mißt alles an Gott. Woran soll es eine ungläubige messen? Ihr ist nichts mehr an sich gut, nichts mehr an sich schön, sondern alles wird erst gut oder schön am andern, neben andres gehalten, auf andres bezogen. Gut ist dann nur noch, was besser ist, schön ist, was vorgezogen wird, es geht jetzt alles aufs Übertreffen, Übertrumpfen aus, es wird nicht mehr an sich, sondern um die Wette gelebt, und wer die meisten aussticht, hat gewonnen. Sonst lernte man Klavier spielen, um Klavier zu spielen, jetzt, um ein Pianist zu werden, unser ganzes Leben ist ein ›Konzert‹, ein Wettstreit. Einer solchen Zeit entspricht es nur, daß, wer sich zufällig einmal fromm gestimmt fühlt, sogleich daran geht, ein Heiliger zu werden. Du darfst mir nicht verdenken, wenn ich das Überhebung nenne.«

»Sie tun mir bitter unrecht,« rief Franz verblüfft. »Es ist mir wahrhaftig nicht eingefallen. Nie.«

»Du hast es nur selbst gar nicht bemerkt,« sagte der Domherr. »Ihr bemerkt es alle gar nicht. So fern seid ihr von wahrer Frömmigkeit! In jedem von euch steckt ein heimlicher Modernist. Was ist denn der Modernismus andres als der hoffärtige Wahn, Gott müsse sich in eigener Person um jedes winzige Menschlein bemühen, das ihn mit seinem Vertrauen beehrt? Hat er sich den heiligen Paulus selbst geholt, so kann der Herr Graf Flayn wahrhaftig das doch auch verlangen. Widersprich nicht, ich kenne dich besser, als du dich selber kennst, diese ganze Generation ist von Grund aus zum Glauben verdorben, ihr seid unfähig, fromm zu sein, und wenn euch dabei selber am Ende doch einmal angst und bange wird, so wird auch euer Gebet noch zur Lästerung, ohne daß ihr es wißt. Ihr seid alle so von Jugend auf überall einen reservierten Platz gewohnt, daß ihr natürlich nun auch zu Gott ein besonderes Verhältnis haben müßt. Der alte Glaube tut's nicht mehr, oder er soll wenigstens einen separaten Eingang für euch haben, das allgemeine Tor, das allen offen steht, ist euch nicht gut genug. Wenn schon, denn schon! Wenn der Herr Graf Franz Flayn, moderner Mensch, Mann der Wissenschaft, Künstler gar, sich zum Glauben herabläßt, muß der Chor der Erzengel Gala für ihn anlegen, und daß ein Wunder geschieht, ist das mindeste, was er erwarten darf. Fühlst du nicht, daß eure Manier, fromm zu sein, das Gegenteil aller Frömmigkeit ist, an deren Anfang immer die Demut steht, mit der Reue, dem Schuldgefühl und der tiefsten Zerknirschung?«

»Die hab ich doch,« sagte Franz leise.

»Meinst du?« erwiderte der Priester. »Aber auch deine Demut, oder was du dafür hältst, ist noch so voll Hoffart und Eitelkeit, daß du dir gleich wieder ungeheuer interessant vorkommst, als ein ganz besonderer Fall, dessen sich Gott persönlich annehmen muß. Und du bist enttäuscht, daß sich nicht gleich der Himmel öffnet und etwas Außerordentliches mit dir begibt! Worauf wartest du denn sonst noch? Was hält dich ab, einfach deine Pflicht zu tun und zu beten, zur Messe zu gehen, das Sakrament zu empfangen wie jeder andre auch? Wissenschaft, Kunst und Leben haben dich enttäuscht, du bist unbefriedigt und ziehst ratlos durch die Welt, da begegnen dir Menschen, die haben, was dir fehlt, du beneidest sie, gewahrst, daß sie fromm sind, und willst es auch sein, weil du dir davon den inneren Frieden versprichst, den du sonst noch nirgends gefunden hast als an ihnen, also sei's doch, sei doch fromm! Wer hindert dich? Was zögerst du? Was erwartest du noch? Daß ein Wunder geschieht? Ist denn das Wunder nicht schon an dir geschehen? Daß du noch immer suchst und nirgends findest und immer wieder suchen mußt, daß du nicht ruhen kannst, daß du die tiefe Seligkeit in den Augen der Gläubigen vernimmst, daß es dich geheimnisvoll in die Kirchen lockt, daß dich der Wunsch quält, fromm zu sein, ist dir das alles denn noch immer nicht Wunder genug? Spürst du darin noch immer die Gnade Gottes nicht? Hörst du noch immer die Stimme Gottes nicht? Was willst du denn noch von ihm? Soll er mit dir schreien? Dir Gewalt antun? Immer schwärmt ihr von Freiheit, aber die wahre, daß nämlich Gott keinen Menschen zu sich nimmt, der nicht, wenn Gott ihn ruft, den vernommenen Ruf dann auch will, selber will, aus eigener Kraft will, die Freiheit der Entscheidung und eigenen Wahl versteht ihr nicht! Gott ist auf dich zugekommen, er steht vor dir, nur noch einen Schritt von dir getrennt, aber diesen Schritt mußt du jetzt selber tun, den letzten Schritt, den einen Schritt ihm entgegen, der über Leben und Tod entscheidet! Den kann kein anderer für dich tun, du mußt es selbst, tun mußt du's, Glaube muß getan sein, das kann dir nicht erlassen werden, aber du tust ihn nicht und wartest immer noch, was mit dir geschehen wird. Warum? Das will ich dir sagen: Weil es dir gar nicht um den Glauben geht, sondern auch jetzt noch wieder bloß um eine Sensation. Wie immer! Wie euch allen! Wie ja deinem närrischen Freund Höfelind auch, der mir jetzt einen erzverrückten Brief geschrieben hat, mit der Ankündigung, daß er Trappist wird, für seine Redelust gewiß das Richtigste. Solange aber ein Mensch das nicht losgeworden ist, daß er sich zum Ungewöhnlichen, zum Außerordentlichen, zum Weltereignis berufen glaubt, solange er sich für auserwählt hält, auch im tiefsten Gefühl seiner Nichtigkeit noch, ja dann gerade erst recht, solang er selbst auf Gott wieder noch Eindruck zu machen, selbst mit seinen Sünden noch zu glänzen, selbst im Himmel noch eine Rolle zu spielen denkt, ist ihm nicht zu helfen. Schließlich kommt das alles bloß daher, daß ihr euch vom Volke getrennt habt. Das hat es ja vorher nie gegeben, daß jemand sein Volk verläßt. Der König selbst, und wie hoch gefürstet einer auch immer war, er blieb doch Volk; er stand den andern voran, doch in demselben geistigen Raum mit ihnen. In unsrer Zeit erst treten einzelne ganz aus dem allgemeinen Raum aus, diejenigen nämlich, die ihren Verstand in gewissen Kunststücken eingeübt, die mehr gelernt haben als die andern, die zu wissen glauben, die »Gebildeten«, und die nun deshalb verlangen, daß alles erst ihrer eigenen Prüfung, ihrer eigenen Entscheidung unterworfen und vor ihrem eigenen Gericht erledigt werden muß, auch was schon längst entschieden ist, auch was von Menschen gar nicht entschieden werden kann, auch was Gott sich selbst zur Erledigung vorbehalten hat. Dieser entsetzliche Wahn der Gebildeten, die Geheimnisse des Volkes, in denen die Weisheit von Jahrtausenden aufbewahrt lebt, nicht mehr nötig zu haben und durch Kalkül ersetzen zu können, der furchtbare Wahn, als ob ein einzelner Mensch je die ganze Menschheit sein könnte, noch einmal von Anfang an und auch gleich im voraus bis ans Ende, der dann also freilich aller Geschichte ledig, der das absolute Sein wäre, in einen Oberlehrer destilliert, dieser teuflische Wahn einer vollkommenen Unbedingtheit und, wie ihr es so gern nennt, Voraussetzungslosigkeit ist es, der euch, auch wenn ihr durch ein Wunder einmal zur Wahrheit kommt, selbst an der Wahrheit noch wieder verzweifeln läßt, weil ihr auch von der Wahrheit noch wieder verlangt, daß sie sich erst vor euch rechtfertigen und beglaubigen soll, vor eurem Verstande, dem doch für die Rechtfertigung, die sie mitbringt, für die Beglaubigung, die sie vorweist, jedes Organ fehlt. So geht's dir, so geht's euch allen. Euch hungert nach Glauben, aber statt nun euren Hunger zu stillen wie das Volk, indem es hingeht und sich sättigt, zufrieden, satt zu werden, auch wenn es sich nicht erklären kann, wie, versagt ihr euch das, ihr wollt gar nicht gesättigt sein, wenn es euch nicht vorher bewiesen ist. Daß es der Gebrauch beweist, genügt euch nicht, solang ihr es nicht begreift. Ihr wollt Geheimnisse, aber die durchschaut werden können. Ihr wollt Wunder, aber die sich berechnen lassen. Ihr sucht eine Wahrheit über euch, aber ihr sucht sie in euch, ihr Narren des Verstandes! Ich weiß wirklich nicht, was ihr von uns wollt. Denn entweder steht es so, daß der Mensch wirklich das Maß aller Dinge, die höchste Instanz unseres Lebens ist, dann kann ich durchaus nicht einsehen, was Religion soll und wozu man sie verwenden will. Oder aber er braucht sie, weil er allein nicht mehr weiter kann, dann ist es an ihr, ihn zu führen. Wer einen Führer nimmt, kennt offenbar selbst den Weg nicht und traut dem Führer zu, daß er ihn kennt. Er wird ihm folgen. Wer aber den Führer erst noch auf dem Wege bei jedem Schritte wieder ins Verhör nimmt, ob er denn auch recht geht, und wer das an jeder Ecke erst wieder bewiesen haben will, wird nicht weit kommen.«

Behutsam, fast ängstlich, sagte Franz: »Es gibt doch aber viele Führer, und jeder geht einen andern Weg.«

Der Domherr erwiderte: »Ich glaube, daß es nur einen Führer gibt, und nur einen Weg. Doch will ich dich ja nicht nötigen. Es steht dir frei, Türke zu werden oder Jude.«

»Sie mißverstehen mich,« sagte Franz. »Für mich gibt es nur einen Glauben, den katholischen, in dem ich geboren bin. Ich kann wählen zwischen Glauben und Unglauben, aber wenn ich den Glauben wähle, hab ich keine Wahl mehr, es kann für mich nur der katholische sein. Warum, weiß ich eigentlich selbst nicht, aber wenn ich an Religion denke, meine ich immer nur die katholische. Sie ist für mich die Religion. Das war sie mir immer, auch alle die Jahre, da ich ohne Religion auszukommen glaubte. Und erst als ich nicht mehr auskam und mich also wieder zu der einzigen kehrte, die es für mich ist, bin ich an ihr irre geworden, weil ich da nämlich zu meiner Überraschung, zu meiner größten Verwirrung fand, daß der Katholizismus ja in jedem Katholiken ein andrer ist! Sie sind ein guter Katholik, mein Bruder Anton ist einer, der Infant ist einer, der junge Franziskaner, der Flötenspieler, ist einer, ich hatte ja Gelegenheit, eine ganze Reihe kennen zu lernen, und von den besten, aber jeder von ihnen ist anders katholisch, jeder ganz anders.«

»Ich verstehe,« sagte der Domherr. »Ich fange jetzt an, dich erst zu verstehen. Aber sprich weiter, es wird dir gut tun, dich einmal auszusprechen, und vielleicht kann ich dir antworten.«

»Nehmen wir nur zum Beispiel meinen Bruder und den Infanten,« sagte Franz. »Was haben diese beiden Katholiken miteinander gemein? Mein Bruder lebt in der besten aller Welten, kennt seine Pflichten und seine Rechte genau, zweifelt nie, freut sich des Daseins, wehrt sich seiner Feinde, steht fest auf der Erde, kann sich gar nicht vorstellen, daß er einmal im Unrecht wäre, jemand einmal gegen ihn recht hätte, ist immer vergnügt, immer tätig, immer seiner Sache gewiß, und wenn er sich, wozu er kaum Zeit haben wird, je Gedanken über das himmlische Leben machen sollte, stellt er sich wahrscheinlich vor, daß er auch dort auf die Jagd gehen, Ski laufen und mit Glück irgendein großes Unternehmen leiten, ein Herr sein und Knechte haben wird. Ist er ein guter Katholik, so muß ich annehmen, daß der Katholizismus eine ganz aufs Diesseits, auf irdische Tätigkeit und Tüchtigkeit gerichtete Religion ist, die sich nur die Kraft dazu von drüben holt. Sehe ich mir dann aber diesen andern guten Katholiken, den Infanten, an, so muß ich denken, daß der Katholizismus die Verneinung unseres irdischen Lebens ist. Und sehe ich Ihnen zu oder erinnere mich, wie Sie mir einmal die Frau Hofrätin, Ihre Mutter, geschildert haben, dann erscheint mir ein Katholizismus, der die Fähigkeit einer geheimnisvollen Doppelexistenz hat, die Fähigkeit, hier schon zuweilen dort zu leben und dann von dort aus etwas mit herüberzubringen, etwas, wodurch unser irdisches Dasein nun neben seiner, zu seiner oder über seiner sozusagen wörtlichen Bedeutung noch einen tieferen Sinn und gewissermaßen ein zweites Gesicht, erst sein wahres Gesicht bekäme. Nun frag ich mich, wer hat recht? Denn wenn der eine recht hat, müssen doch die beiden andern unrecht haben, nicht? Wer von ihnen ist also der wahre Katholik? Oder wenn man von demselben Katholizismus aus am Ende nichts erreicht, als daß jeder schließlich wieder doch nur zu sich selber kommt, was braucht er dann erst den Katholizismus? Das hätt er ja allein auch können!«

»Meinst du?« sagte der Domherr mit leisem Spott. »Ist das so gewiß? Erinnere dich doch! Du hast ja den Versuch gemacht! Bist du denn zu dir selbst gekommen? War es nicht gerade, weil du dich überall vergeblich gesucht und dich nirgends gefunden hast, war es nicht deshalb gerade, daß du vor Angst begannst, dich um einen Führer umzusehen? Wenn unser Glaube wirklich nichts vermöchte, als am Ende nur jeden zu sich selber, in sein eigenes Wesen, auf das ihm eingeborene Gesetz zu bringen, wär das so wenig? Eine Schule der Persönlichkeit, sollten wir die nicht brauchen können? Und nehmen wir einmal an, du hast recht, und es gleicht wirklich kein guter Katholik dem andern, was beweist das? Solltest du wirklich erst jetzt die Entdeckung gemacht haben, daß der Mensch subjektiv auf alles abfärbt, was er berührt? Natürlich auch auf die Wahrheit! Die Wahrheit wird, von dir erfaßt, anders sein als dieselbe Wahrheit, von mir erfaßt, wie du denselben Baum anders siehst als ich. Und niemals kann meine Wahrheit oder deine Wahrheit die Wahrheit selbst sein, wie der Baum den du siehst, den ich sehe, niemals der Baum selbst ist, sondern immer nur Dein Bild, mein Bild von ihm. Wie der Baum, den ich sehe, ein Geschöpf ist, das zum Vater den Baum selbst und zur Mutter meine von seinem Strahl befruchtete Sehkraft hat, so ist auch meine Wahrheit immer nur ein Kind, das ich von der ewigen Wahrheit habe. Keines Menschen Wahrheit ist die Wahrheit selbst, alle stammen von ihr ab, man sieht ihnen an, daß sie denselben Vater, aber auch, daß sie nicht dieselbe Mutter haben. Und so, wenn du mich fragst, wer von allen den Katholiken, die du kennen gelernt hast, der rechte sei, muß ich dir antworten: so wie du's meinst, ist es keiner, und auch alle zusammen sind es noch nicht, die Summe sämtlicher Katholiken ist noch immer der Katholizismus nicht, er ist mehr, denn er ist drüben. Und auch so verhält es sich aber nicht, als ob etwa dem einen nur ein geringeres, dem andern ein größeres Stück der ewigen Wahrheit zugemessen wäre, sondern jeder gläubige Katholik empfängt sie ganz, nur wird in jedem, je nach der Kraft, mit der er begnadet ist, etwas anderes aus ihr, und wieviel davon er dann erst noch zum Vorschein bringt und uns sehen, auf uns wirken läßt, das reicht so tief in das Geheimnis hinab, daß wir uns nicht vermessen dürfen, es zu begreifen. Auf einem Relief des della Robbia umarmt der heilige Franziskus den heiligen Dominikus, sie neigen sich einander zu, die Hand eines jeden berührt des andern Arm, schon scheinen sie fast ineinander zu sinken, jeder will es, indem er sich doch immer noch irgendwie wehrt, und betrachtet man die beiden Köpfe lange genug, so kommt ein Augenblick, wo man dann nur noch einen Kopf zu sehen glaubt, denselben Kopf zweimal, nur jedesmal in einem andern Lichte. Nichts kann rührender sein, nichts läßt uns so tief empfinden, was sich in Worten kaum aussprechen läßt: daß nämlich alle Frommen dasselbe Antlitz haben, das nur an jedem gewissermaßen eine andere Miene macht. Und wir können von unserer eigenen Miene nun doch einmal nicht lassen und sollen es wohl auch nicht.«

Der Domherr schwieg einen Augenblick, dann fuhr er leise fort, mehr bloß so vor sich hin, für sich hin, und wie halb gegen seinen Willen: »Wer es heute so weit bringt, seiner selbst überdrüssig zu werden und aus sich selbst weg zu verlangen, hält dies dann immer gleich für Religion. Es ist jedenfalls nicht die unsere. Augenblicke der Auflösung ins beseligende Nichts hat bald einer, jenes überirdische Vergnügen Fausts in Wald und Höhle, ›verschwunden ganz der Erdensohn‹! Aber die Monisten verwechseln das Nichts mit Gott. Sich verlieren, heißt noch nicht Gott finden. Erst wer dann wieder auftaucht und aus dem Nichts in sich zurückkehrt, wer sich nicht bloß überwinden, sondern dann auch wieder gestalten lernt, wer nicht bloß die Nichtigkeit unsres irdischen Wesens erkannt hat, sondern auch, daß eben diese Nichtigkeit uns angewiesen ist als der Raum, um Gott aufzunehmen, nur der hat unsern Glauben erst. Ich vermesse mich nicht, unsern heiligen Glauben, der nur unmittelbar erlebt werden kann, in Worten auszusprechen, aber so viel weiß ich doch und so viel darf ich davon sagen, daß er die Persönlichkeit durchaus bejaht. Wer sich in den Glauben stürzt wie ins Meer, um darin unterzugehen und zu ertrinken, der ist nicht auf unsre Art fromm. Was euch dazu treibt, ist auch gar nicht, wie ihr meint, Demut, sondern Hoffart, und von der ärgsten Sorte, der nur freilich der Atem ausgegangen ist und die selbst an ihrer Kraft verzweifelt. Weil ihr nicht stark genug seid, alles zu sein, wollt ihr dann lieber gar nichts sein, aber nur ja nicht der arme kleine Mensch bloß, zu dem ihr bestimmt seid und der eurem Größenwahn nicht genügt! So bequem macht es euch unser Glaube freilich nicht, mit dem Kopfsprung ins Unendliche ist es da nicht getan. Auch unser Glaube löst den Menschen erst auf, aber in Gott, und das ist bloß der Anfang, denn dann stellt er ihn aus Gott noch erst wieder her und in die Zeit zurück, als Gestalt, Gefäß und Gerät zum Gebrauche Gottes. Aber ein jeglicher, sagt der Apostel, hat seine eigene Gabe von Gott, einer so der andre so. Dies alles aber, sagt er, wirkt derselbe Heilige Geist und teilt einem jeglichen seines zu, nach dem er will. Wie an einem Leibe, sagt er, viele Glieder sind, jedes aber eine andre Verrichtung hat. Wer so weit käme, ganz davon durchdrungen zu sein, daß er ein Glied am Leibe Christi ist, aber nicht bloß er, sondern ebenso sein Nachbar auch, und sein Feind auch, und er für seine besondere Verrichtung und der Nachbar und der Feind wieder für eine besondere, jeder für eine andre, der allein hätte dann bei tiefster Ehrfurcht vor der eigenen Persönlichkeit auch noch die Andacht vor jeder andern, der hätte die Liebe! Bitte Gott, daß er dich lehre, was er mit dir will, bitte Gott um die Gnade, seinen Willen zu vernehmen, zu verstehen und zu verrichten. Und vergiß nie, daß er aber auch den andern ebenso will, jeden andern, auch deinen Feind! Begreifen werden wir das ja nie. Daß ich recht habe, mein Feind aber, der mich vernichten will, dasselbe Recht, und daß wir alle, jeder auf seine Art, die doch aber alle andern Arten auszuschließen und aufzuheben scheint, gleich notwendig und unentbehrlich im Dienste des verborgenen göttlichen Plans sind, das, wenn wir es auch niemals einsehen werden, doch ertragen zu lernen, und nicht bloß ertragen, nicht bloß uns darein ergeben, sondern selber einwilligen und beherzt zustimmen durch unsre eigene Tat, es nicht bloß gehorsam erleiden, sondern uns dazu selbst aus freier Wahl entschließen, das ist uns das Schwerste. Ich hab auch lange genug dazu gebraucht, auch mir ist mein Glaube nicht geschenkt worden, und wenn mich deine Schmerzen nicht sehr interessierten, so war es, weil ich sie zu gut kannte, aus eigener Erfahrung. Ich wurde Geistlicher, weil's der Wunsch meiner Mutter war, und auch wohl aus Ehrgeiz, was hätt ich denn werden sollen, der Sohn eines unvermögenden Schulrats? Ich verachtete die Bedientenexistenz, die mich sonst überall erwartete. Ich wurde Geistlicher ohne innere Berufung, zunächst hauptsächlich bloß, um aus dem kläglichen Bürgertum weg und in eine bessere Gesellschaft zu kommen. Die fand ich denn auch, aber freilich, wo ich sie am wenigsten gesucht hätte, nämlich auf dem Land, als Kaplan, an den Bauern. Das Erlebnis, das über mich entschieden hat, war die Entdeckung wirklicher Menschen, die Entdeckung des Volkes. Auf dem Lande fand ich, was es ja sonst heute fast nirgends mehr gibt: zusammenhängende Menschen, Menschen aus einem Stück, Menschen mit einem Schwerpunkt. An ihnen gemessen, kam ich mir selber höchst jämmerlich vor. Damals hab auch ich das alles durchgemacht, bis zur völligen Selbstauflösung. Ich hatte mich schon als Student mit Kant herumgeschlagen, jetzt geriet ich an Mach und verfiel ihm mit Haut und Haar. Er zerbrach mir auch noch mein stolzes Ich, da saß ich nun auf meinen eigenen Trümmern, und nichts blieb mir von mir übrig als ein Gespinst von zerfließenden Sensationen. Eigentlich bestand ich zuletzt nur noch aus einem gesunden Appetit, und außerdem war der Anblick meiner Bauern da. Beide zusammen bestärkten mich in dem heimlichen Instinkt, daß alle diese Wahrheiten unsres Verstandes zwar unwiderleglich sind, aber falsch. Und, einmal so weit, folgerte mein Instinkt daraus: Wenn ich weiß, daß das Ich eine bloße Fiktion ist, mich aber dadurch nicht stören lasse, in dieser Fiktion zu leben, weil ich ja nur von ihr leben kann, anders nicht, ohne sie nicht, leben aber, wenn auch ohne Grund, will, weil ich leben muß, weil irgend etwas in mir, das stärker ist als mein Verstand mit allen seinen Gegengründen, mich zu leben zwingt, so will ich jetzt aber auch konsequent sein und überhaupt in allen Fällen ebenso verfahren und jede Fiktion, die mir vielleicht irgendwie helfen kann, zu Hilfe nehmen, ich will alle Fiktionen versuchen und ausprobieren. Wenn ich, obwohl ich weiß, daß es kein Ich gibt, dennoch an mein Ich glaube, so kann ich mit demselben Recht auch an Gott glauben, obwohl ich nicht weiß, ob es ihn gibt. Ich weiß, daß es kein Ich gibt, und lebe dennoch, als ob es eins gäbe, weil ich damit besser lebe. Ich weiß nicht, ob es Gott gibt, aber ich kann ja so leben, als ob es ihn gäbe, und ich will einmal so leben, um zu sehen, ob sich's nicht vielleicht damit besser lebt. Die einzige Frage ist, ob mir diese Fiktion ebenso behilflich sein wird als jene, das kommt auf den Versuch an. Und ich habe den Versuch gemacht. Nun muß ich dir aber, damit du mich nicht mißverstehst, gleich sagen, daß ich bloß erzählen will, auf welchem Weg ich zu Gott kam, daß ich aber keineswegs meinen Weg für den richtigen halte, nein im Gegenteil, dieser Weg ist falsch. Und wenn ich auf meinem falschen Wege dennoch Gott gefunden habe, so darfst du dich dadurch ja nicht verlocken lassen, ich warne dich! Also, ich beschloß, dasselbe Experiment wie mit dem Ich nun auch mit Gott zu machen. Ich machte es, und der Erfolg war überraschend. Es ergab sich nämlich nicht bloß, was ich mir davon versprochen hatte: eine Hilfe zum Leben, zur inneren Ordnung, zur Tätigkeit, an der ich allmählich schon ganz verzweifelt war, es ergab sich nicht bloß, daß mein so sinnloses Leben auf einmal wieder einen Sinn bekam, daß ich den archimedischen Punkt fand, festzustehen und um mich die Welt zu bewegen, daß ich auf einmal endlich Gewißheiten hatte, es ergab sich noch mehr, es geschah ein Wunder. Indem ich glaubte, die Gebote der Kirche hielt und von den Sakramenten Gebrauch machte, geschah ein Wunder mit mir. Nicht etwa durch mein Experiment, sondern bloß gleichzeitig mit meinem Experiment. Ich kann keinem zu meinem Experiment raten, denn ich kann ihm nicht dafür haften, daß, wenn er mein Experiment macht, an ihm dasselbe Wunder geschieht. Das Wunder geschah ja nicht durch mein Experiment, es war nicht das Resultat, nicht die Folge, nicht die Wirkung des Experiments, es wäre gewiß auch ohne das Experiment geschehen, es hätte mich überall treffen können, es hängt mit dem Experiment nur durch mich zusammen: ich bin es, der das Experiment gemacht hat, und ich bin es, an dem das Wunder geschehen ist, das ist die einzige Beziehung, in der sie stehen. Zu meinem Experiment kam nämlich noch etwas dazu, nicht aus ihm kam es, es traf sich nur mit ihm, ich sollte vielleicht gar nicht sagen, daß es dazu kam, daß es sich mit ihm traf, sondern bloß, daß es zur selben Zeit ankam, zur selben Zeit eintraf, denn es hat gewiß mit meinem Experiment nichts gemein als die Zeit. Zur Zeit meines Experiments traf mich die Gnade. Durch sie fand ich Gott und wurde seiner Realität gewiß, sinnlich gewiß, nämlich durch innere Berührung, so gewiß, ja mehr, als ich des Sternenhimmels, der Stimme des Gewissens und jetzt auch wieder meiner selbst bin. Denn ich machte damals auch noch eine zweite ungeheure Entdeckung, sobald ich Gott hatte, nämlich die, daß Gott ein konstitutives Element des Ichs ist, ja das Element, das allein den Menschen erst konstituiert. Mein mir entrissenes, zerstücktes, verstreutes Ich, das in Fetzen um eine bloße Fiktion herum hing, wuchs in Gott wieder auf und wuchs an ihm fest. Ich hatte keine Fiktionen mehr nötig, weil ich ja jetzt die Wahrheit hatte, durch meinen Glauben und seine Gnade. Es gilt nur, den Menschen an Gott zu hängen, und er hängt zusammen. Hängt er aber in Gott zusammen und hält sich an ihm fest, so kann ihm von außen her nichts mehr geschehen, keine Lust und kein Leid, er ist gefeit, weil er, Gott in sich, Autarch ist. Höchstes Glück der Erdenkinder ist wirklich die Persönlichkeit. Es fragt sich nur, wo sie zu finden ist. Ich habe sie nirgends gefunden als in Gott. Und wer unter den Menschen, die ich kenne, sie hat, der hat sie nur in Gott. Erst in Gott kommt der Mensch zu sich. Aber wie kommt der Mensch zu Gott? Unserem Augenschein nach kommt Gott dem einen entgegen, dem andern nicht, und den einen holt er sich, den andern läßt er. Der hinfällige Menschenverstand in seiner Ärmlichkeit ist zu schwach, das Walten der göttlichen Gnade zu fassen, er kann von ihren Gründen nichts wissen. Dies aber weiß ich aus Erfahrung: wer reinen Herzens zu Gott will und die Gnadenmittel unsrer Kirche recht gebraucht, verfehlt ihn nicht. Bei Gott ist nichts unmöglich, dies aber ist gewiß. Er kommt auf allen Wegen, seine Wunder sind überall, aber da keiner sich vermessen darf, des Wunders würdig zu sein, tut jeder am besten, den sicheren Weg unsrer Kirche zu gehen.«

Der Domherr schwieg einen Augenblick, dann sah er Franz lächelnd an und fuhr fort: »Und nun kannst du dir denken, wie du mich oft ungeduldig gemacht hast mit deinem törichten Verlangen, dir einen Extrazug beizustellen. Ich sah, daß ich dir nicht helfen konnte, weil dir nicht zu helfen war. Denn du wolltest ja nicht zu Gott, das hast du dir bloß eingebildet. Zu Gott wollen heißt nichts andres mehr wollen als ihn, weil nur er allein wirklich ist und alles andre nur in ihm erst wirklich wird; zu Gott wollen heißt die Wahrheit wollen, um jeden Preis. Du aber, wie deine ganze Generation, ihr habt niemals die Wahrheit gewollt, denn ihr wollt überhaupt nichts, ihr wollt nichts haben und wollt nichts sein, sondern von allem haben und an allem schmecken, zur Sinnenlust und zum Zeitvertreib! Und da du nun schon überall gustiert hattest und sonst nichts mehr übrig war, fiel dir ein, schließlich doch auch einmal von Gott zu kosten. Du bemerktest gar nicht, wie, was dir Frömmigkeit schien, eigentlich das ärgste Sakrileg war. Ihr denkt ja, man könne Religion treiben wie Malerei, Schach oder irgendeinen Sport, und was ihr die neureligiöse Bewegung nennt, ist wirklich nur, damit ihr ein bißchen Bewegung macht, weil ihr spürt, daß euer Geist fett und faul geworden ist. Ich muß dir gestehen, daß du mir höchst lächerlich warst. Gewiß tatest du mir auch leid! Aber was hätt ich mit dir anfangen sollen? Ich konnte dir nicht helfen. Fecit te sine te, non te justificat sine te, heißt es, und noch immer, noch überall ist mir das bestätigt worden. Ich traute dir aber nicht mehr zu, jemals wieder irgend etwas wirklich wollen zu können, dir nicht und keinem von euch. Vielleicht kann ich es jetzt. Vielleicht darf ich jetzt wieder für dich hoffen. Vielleicht ist es der Sinn dieser furchtbaren Zeit, vielleicht hat Gott die gräßliche Prüfung dieses Krieges über die Menschheit geschickt, ein verlorenes Geschlecht im letzten Augenblick noch zu retten. Vielleicht bricht dort draußen dieser bloß ausgedachte, ganz entseelte, mechanische Mensch, den ihr euch künstlich aufgesetzt habt und in dessen luftleerem Raum eure Natur erstickt ist, vor dem Ungeheuren zusammen und ihr werdet noch wieder wahr! Es ist meine letzte Hoffnung für dich und deinesgleichen. Vielleicht wenn du jetzt im Schützengraben mit Bauern, Knechten, Landstreichern liegen und den Atem wirklicher Menschen spüren wirst, vielleicht erwachst du da. Denn dein Elend, das Elend von euch allen ist ja nur, daß ihr nicht mehr Volk seid. Der innere Mensch hat nur so viel Kraft zur Wahrheit, als er noch Volk in sich hat. Verstehe, was ich meine! Ich meine nicht dieses oder jenes, weder unser noch irgendein andres, sondern das eine Volk, das in allen Völkern steckt, aus dem alle Völker wachsen, das sie dann freilich alle bald überwachsen und so mit allerhand Ausschlag umspinnen, daß zuletzt nichts mehr davon zu sehen ist. Dieses künstliche Gespinst, das überall das ewig eine Volk bedeckt, trennt eine Nation von der andern. Aber unter dieser bloß ausgedachten, dem wirklichen Menschen vom Verstande zugefügten, durch Erziehung, Sitte, Gewohnheit eingelernten fiktiven Menschenart ist in der Tiefe doch in allen Völkern immer noch das Volk, dasselbe schweigende, leidende, gottergebene Volk. Es gehört ja zu den Errungenschaften des demokratischen Zeitalters, daß darin die Stimme des Volkes verstummt ist, auch das Volk selbst hört immer mehr auf, Volk zu sein, und ist noch stolz darauf. Im finsteren Mittelalter gab es Herren und Knechte, doch Herren und Knechte hatten alle noch ein inneres Gebiet gemein, in seiner Seele war der Herr gerade so Volk wie der Knecht; es gab die Christenheit. In unserer aufgeklärten Zeit kommt das Volk nirgends mehr zum Vorschein, es erscheint nur, soweit es sich verleugnet, indem es selbst ja auch schon das Fiktive des künstlichen Menschen annimmt, also nicht mehr Volk ist. Aber wo du noch Volk findest, bei Fischern und Schiffern unsrer dalmatinischen Inseln, einsamen alten Bauern auf entlegenen Höfen, Steinklopfern, Pennbrüdern und Strolchen der Landstraßen, überall ist es dasselbe Volk in allen Ländern, das Volk ist unnational, übernational, zwischennational. Volksmenschen im Lungau, auf Malamocco oder in der Bretagne, Basken, Friesen oder Slowaken, gleichen einander alle; eigentlich sind sie stets Dostojewskifiguren. Sie haben, welcher Rasse, welcher Zone, welcher Vergangenheit oder Gegenwart immer, alle das miteinander gemein, daß ihnen höchstens außen gleichsam ein Individuum angeschrieben oder aufgeklebt, keiner aber eine Person ist, sondern noch jeder nichts als Mensch, oder um es ganz richtig auszudrücken: nichts als Menschheit, bloßer Menschenstoff, Rohmaterial. Jeder von ihnen enthält potentiell die ganze Menschheit, die nur aber noch in keinem von ihnen auf ein besonderes Exemplar abgezogen ist. Es fehlt ihnen noch die Form, wie den Gebildeten wieder, die ganz Form geworden und nur noch Form sind, der Stoff fehlt! Der Volksmensch ist noch ungestalt, der Gebildete schon entmenscht. Schon geformte, aber in der Form noch ihre Natur bewahrende Menschen, feste Gestalten, die doch noch einen geheimen Gang ins Chaos hätten und wieder einmal in Fluß und Flammen geraten könnten, gibt es kaum mehr. Vielleicht bringt sie der Krieg uns wieder. Vielleicht zerbricht er die Macht der Unwirklichkeit, vielleicht reißt er euch aus der erstarrten, allen Willen zur Wahrheit lähmenden, den schaffenden Geist erstickenden Form und macht wieder lebendige Menschen aus euch. Vielleicht kommt die Nation aus den Schlachten als Volk zurück. Vielleicht kehrst du heim und hast draußen beten gelernt. Denn beten kann nur, wer erst in einer gewaltigen Not oder aus tiefster Seligkeit alles abgeworfen hat und ein ganz demütiger, entlassener, verlorener Mensch ist, der sich von Gott empfangen will. Du hast Gott immer draußen gesucht, aber dort ist er niemals. Vielleicht kommt dir jetzt einmal die ganze Welt abhanden, und nichts bleibt dir als deine Tat. Wenn dir das geschähe, dann hättest du Gott. Aber dann glaube nur nicht, weil Gott in deiner Tat enthalten ist, du wärest es, der ihn hervorbringt. Du bringst ihn bloß zum Vorschein, aber er war schon da. Er ist immer schon in dir da, du mußt ihn nur entdecken, er muß sich dir nur enthüllen, wie der Künstler sein Werk entdecken muß, das doch von Anbeginn schon immer in ihm liegt, wie sich dir deine Tat enthüllen muß, die zu tun du bloß wähnst, während sie sich in Wahrheit selber tut und dich bloß dazu benutzt. Denn der Künstler ist immer bloß ein Werkzeug seines Werks und dem Täter wird seine Tat angetan. Philosophisch ausgedrückt: Was der Mensch sucht, ist alles nur im Subjekte zu finden, aber was er da findet, ist etwas Objektives, von dem dann auch das Subjekt erst seine Gültigkeit erhält. Selber sind wir doch alle gar nichts, ich kann nicht einmal den Mund auftun, wenn mir nichts einfällt. Der Ausdruck ist sehr aufrichtig: es fällt mir ein, es fällt in mich herein, ich also tue nichts dazu, ich empfange bloß, es fällt herein, und ich bin also bloß der Ort, in den es fällt, und auf mich selbst kommt es also dabei nur insofern an, als ich ein guter Ort sein kann, in dem es gedeiht, oder ein schlechter, in dem es verdirbt, so daß schon jeder meiner Gedanken schließlich beides ist, er ist immer Gnade, aber niemals bloß Gnade, sondern immer dazu dann auch noch mein eigenes Verdienst. Ich kann nichts denken, was mir nicht zugedacht ist, ich kann nichts tun, was mir nicht angetan wird, dann aber muß doch schließlich ich es sein, der den mir zugedachten Gedanken denkt, der die mir angetane Tat tut. Und eben das gilt, wie von jedem Gedanken schon, wie vom Werk, wie von der Tat, ganz ebenso vom Glauben auch. Auch der Glaube fängt damit an, daß er dem Menschen sozusagen einfällt, aber bei dem einen auf fruchtbaren Boden, bei dem andern ins Leere. Nun ist es aber das Geheimnis unsrer Kirche, daß sie von Gott eine Kraft hat, auch leeren Boden zu befruchten. Die Gnade steht allen immer bereit, und die Kirche reicht dir nun dazu dann auch noch die Gabe der Empfänglichkeit. Du hast sie nur zu nehmen. Du mußt nichts als wollen, aber nehmen mußt du sie dir selbst, wollen mußt du selbst, der Wille kann dir nicht erlassen werden, es muß deine eigene Tat sein, die kann niemand für dich tun. Vielleicht lernst du's da draußen. Das wünsch ich dir von ganzem Herzen!«

Und nach einer Weile sagte der Domherr noch: »Du darfst aber, wenn du gelegentlich über meine Worte nachdenkst, nur nie vergessen, daß die Sprache sehr unbehilflich ist, im Angesichte der Geheimnisse wird sie lallend, kein Menschenmund kann die ganze Wahrheit sagen, auch wär's vergebens, denn kein Menschenohr vernimmt sie recht, aber die Menschenhand kann die Wahrheit tun. Du hast bisher immer nur dem Leben zugeschaut. Vielleicht wirst du da draußen jetzt mitten im Tode selber leben lernen.« Er gab dem Grafen die Hand und sie schieden.

 

Auf dem Heimweg kam Franz zum Dom. Er trat ein. Niemand kniete vor der Heiligen Jungfrau, sie war mit dem flackernden Licht allein. Es zog ihn in das Seitenschiff, seine Schritte hallten. Er kam an einen Beichtstuhl. Ein alter Priester saß darin, den Kopf in die Hand gestützt, beim Schein einer Wachskerze betend, wartend. Franz blieb stehen, der Priester sah nicht auf. Sie waren ganz allein in der ungeheuren Stille des weiten Doms. Franz stand und dachte nichts und wußte nichts. Plötzlich fand er sich im Beichtstuhl knien und sagte das längst vergessene Gebet auf. Es war geschehen, er wußte nichts davon.

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