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Herzog Ernst von Schwaben

Felix Dahn: Herzog Ernst von Schwaben - Kapitel 6
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authorFelix Dahn
titleHerzog Ernst von Schwaben
publisherBreitkopf & Härtel
seriesGesammelte Werke. Erzählende und poetische Schriften
volumeZweite Serie: Band 5
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünftes Buch.

 

I.

Den Brennerpaß meidend – er war in der Tat in dem alten Kastell bei Gossensaß durch Reisige des Kaisers besetzt – bogen die Freunde von Bozen nach Nordwesten, nach Meran, aus und eilten von da über die Finstermünz und den Arlberg nach Schwaben.

Erst in Ulm, der festen Burg, machten sie dauernd Halt und auch erst hier traf sie ein Schreiben des Kaisers, das den Herzog schon in Italien – vergeblich – gesucht hatte. Es lautete: »Mein lieber Sohn!« – laut auf lachte bei der Anrede Werner – »er meint wohl klein Heinzel in der Wiege!« – »Du mußtest sofort Byzanz verlassen, da der falsche Basileus, während er mit dir den Freundschafts- und Bündnis-Vertrag gegen Venedig beriet, mit dem Dogen Leo Orseolo einen Überfall auf unsere venetianischen Seeplätze rüstete: er wollte dich dann als Gefangenen, als Geisel behalten. Dazu kamen wichtigste Änderungen daheim. Nachdem meine Gattin, die Kaiserin, mir einen Erben geboren – ich hatte davon keine Ahnung damals in Perusia! – verstand sich von selbst, daß nunmehr er der Träger ›unseres‹ – meines! – Hauses geworden ist und daß ich daher ihm, nach dem dir dortselbst mitgeteilten Plan, die Nachfolge im Reich zu sichern trachten mußte. Nach vielen Mühen gelang es, den Reichstag dafür zu gewinnen. Gleichzeitig brachte ich König Rudolf dazu, das Kind Heinrich in Güte als seinen Nachfolger in Burgund anzuerkennen, während er erklärte, dich mit äußerster Kriegskraft von seinem Erbe fernhalten zu wollen: – wohl, weil du ihm damals den Bund gebrochen. Unmöglich kannst du verlangen, daß ich das Reich in einen schweren Krieg stürze, nur um Burgund dir zuzuwenden, während ich das Land ohne Kampf meinem Hause und – da dies nun dauernd herrschen wird – dem Reiche selbst für immer erwerben kann. Zwei große Herzogtümer werde ich nie mehr in eine Hand legen. Ich erwarte und verlange von dem Sohn des treusten Fürsten des Reichs, daß er das einsehen wird, wie es der Vater sicher getan hätte. Vertrauensvoll hab' ich dir die Muntschaft über deinen kleinen Bruder und die Regentschaft im Reich zugedacht, falls ich sterbe, bevor er schwertreif.«

»Hei,« höhnte Werner, »du darfst klein Heinzels Kindsmagd sein, ihn wiegen und päppeln ...«

»Diese wichtigen Dinge müssen wir – ganz vertraut – mündlich verhandeln. Deshalb hatte ich auf allen Alpenpässen aus Italien Auftrag gegeben, dich anzuhalten und mir zuzuführen. Gleichwohl entgingst du den Wächtern.«

»Die Finstermünz hat man dabei vergessen,« lachte Werner. »Er liebt dich so, – hat er dich, läßt er dich nicht mehr los!«

»Ich sende daher das Schreiben nach Schwaben, wohin du dich gewendet haben sollst, und mahne dich, sobald du es erhalten, sofort zu mir nach Ingelheim zu eilen, wohin ich den neuen Reichstag berufen habe, ein höchst wichtiges neues Gesetz zu beschließen: ich sprach dir davon, ohne den Plan damals aufzudecken, zu Perusia. Ich erwarte deinen raschen Gehorsam.«

»Da soll er lange warten,« schrie Werner, riß ihm das Pergament aus der Hand, warf es zu Boden und trat darauf.

Schmerzlich rief Ernst: »und meine Mutter! Sie hat all' das gegen mich geduldet, vielleicht selbst gewollt, herbeigeführt!«

»Gewiß! Wie sagt ein altes Wahrwort? ›Geht die Henne zum neuen Hahn, vergißt sie der alten Jungen‹. Aber wahrlich: – jetzt ist's genug der Schande, des Hohns! Ja, des Hohns! Denn Hohn ist's, daß er die Königs- und die Kaiser-Krone jenem Windelspatzen zuwendet und auch die Krone von Burgund, die dir gebührt. Welch Erbrecht hat der Säugling, das du nicht seit Jahren hast? Und weil du damals Burgund im Stich ließest, um des Wahngebildes vom Reiche willen, deshalb – zur Belohnung! –sollst du Burgund nicht haben? Laß – einstweilen! – die Nachfolge im Reich beiseite: das ist ein arg verworren Gewirr und keiner von den Fürsten, gönnt's dem andern, auch dir nicht. Aber Burgund nimm als dein gutes Recht in Anspruch, dafür rufe deine Schwaben, die kleinen Vasallen auf: sind's noch die alten, werden sie ihrem Schwaben-Herzog helfen wider den falschen Franken, wie sie dir früher helfen wollten. Und hast du gesiegt im Kampf um Burgund, liegt Herr Konrad zu Boden, dann hast du auch die deutsche Königs- und die römische Kaiser-Krone erstritten. Ernst, jetzt kam der Augenblick der Wahl für dein ganzes Leben. Ich weiche von dir als einem Zagen, versagt dir der Mut. Wir haben miteinander einen Löwen bezwungen: – fürchtest du diesen fränkischen Fuchs?«

»Ja, er ist falsch, ich erkenne es jetzt. Wie hat er zu mir gesprochen damals in Perusia! Ich hab' ihm vertraut. Ich hatte angefangen, ihn zu lieben – wie vergilt er mir nun? Ihm gehorchend hab' ich die Rose aus dem Kranz meines Lebens gerissen für immerdar, ich ahn' es. Er, er hat mir die Geliebte genommen. Dafür haß' ich ihn – mehr als damals, da er mir die Mutter genommen. Ja, Werner, du hast recht. Mein Brüderlein in der Wiege soll mir nicht über den Helm ragen. Auf! Ich entbiete alle meine schwäbischen Vasallen zu einem Tag nach Augsburg: – dort trag' ich ihnen meine Kränkungen, meine gute Sache vor und frage sie, ob sie nicht ihren Herzog schützen wollen in seinem Recht?«

»Ich wette darauf, sie jubeln: ›ja‹. Nicht nur aus Treue, auch aus Klugheit: nicht vom König, der fern, von ihrem Lehnsherrn, der gar nah, der ihren Söhnen die Lehen geben und versagen kann, hängt ihre und der Ihrigen Zukunft ab. Sie werden, sie müssen dir helfen! Aber rasch muß es gehn, bevor der Franke Verdacht schöpft und ins Land bricht. Rasch ans Werk!«

 

II.

Und gar rasch gingen die Raschen, die allzu Raschen an ihr verhängnisvolles Werk. Eilende Boten ritten noch am gleichen Tag nach allen Richtungen des Landes Alamannien, wie es meist in seinem Westen, Schwaben, wie es meist in seinem Osten hieß, und entboten – unter Herzogsbann – die Vasallen, die Grafen, Ritter, Vögte, Burgwarte, Centenare, über vierzehn Nächte nach Augsburg zu einem Landtag der Provinz; das Ladschreiben forderte sie auf, all' ihre Reisigen nach Augsburg mitzubringen, um ihres Herzogs Recht auf Burgund mit den Waffen gegen den Kaiser zu verfechten. Werner versicherte sich von Ulm aus sofort der Stadt: ohne Widerstand: der dem Kaiser treu ergebene Bischof Brun weilte an dessen Hoflager.

Gespannt erwarteten die Freunde schon einige Zeit vor der Tagung das allmähliche Erscheinen der Geladenen. Aber zu ihrer rasch steigenden Bestürzung wollte noch immer niemand eintreffen. Dagegen verlautete, daß der größte Teil der Erwarteten sich gar bald nach Empfang der Ladung statt nach Augsburg nach Konstanz begeben hatte, wo sie in dichten Haufen sich zusammenfanden, unter Leitung des Bischofs der Stadt, Herrn Warmanns, eines treuen Anhängers und eifrigen Freundes des Kaisers, berieten und Beschlüsse faßten.

Jedoch am Abend vor dem angesagten Tag zogen doch vom Bodensee her gewaltige Heerscharen auf Augsburg zu: besorgt lugte Werner von dem Westturm in die im Sonnenuntergang leuchtende, von Waffen blitzende Ebene: er fürchtete den Anmarsch kaiserlicher Scharen, die er in die Stadt nicht einzulassen gemeint war.

Aber alsbald befahl er freudig, die Tore zu öffnen, eilte zu dem Herzog und jubelte: »Da sind sie! Ich habe ihre Banner erkannt: den Bären des vieltreuen alten Hiltibald von der Baar, den Hirsch Herrn Wolfrats vom Gritgau, dann Herrn Werinher vom Neckargau, Friedrich vom Riesgau, Hesso vom Sülichgau und viel mehr! Bischof Warmann selbst führt sie dir zu, noch andre Bischofsgewande sah ich von weitem. Sieh, du hast gezweifelt. Aber nun sind sie da, alle mit fliegenden Fahnen und blitzenden Helmen. Wir lassen sie ein mit Freuden. Und ich habe ihnen Herolde entgegengesandt, die Führer zu herbergen und auf morgen schon um die vierte Stunde in das Palatium zu laden. Das wird unser erster Sieg.«

*

In der großen Halle des Palatiums auf dem Marktplatze drängten sich zur angesagten Stunde die meisten der geladenen Vasallen: aber seltsame Mienen, finstere Blicke begrüßten den Herzog, als der mit raschem Schritt die dichte Menge durcheilte und auf dem erhöhten Sitze Platz nahm.

Und bevor er hier das Wort ergreifen konnte, erscholl ein Trompetenstoß vor der Tür: diese sprang auf und Werner, der dort Wache hielt, zurückdrängend, erschien eine ehrwürdige Priestergestalt und schritt langsam, feierlich auf den Herzogsitz zu. »Vater Burchard!« rief Ernst erfreut und wollte ihm die Stufen herab entgegeneilen.

Aber mit bekümmertem Antlitz und mit abweisender Handbewegung hemmte ihn der Bischof: »Laß dieses Wort, Unseliger! Übel hast du dich dagegen versündigt. Dein echter Vater oben im Himmel verabscheut die Empörung – die wiederholte! – des Schwabenherzogs gegen Kaiser und Reich. Nein, schweige! Versuche nicht, wie du planst, die Rebellion noch weiter zu treiben, diese wackern Männer, deine Lehnsleute, zum Treubruch gegen ihren König – noch einmal! – fortzureißen.«

»Laß mich ihn verhaften,« flüsterte Werner, »und schweigen machen: seine Reden verwirren!« – Aber Ernst schüttelte das Haupt. »Bischof von Worms,« sprach er finster, »du bist hier nicht geladen, bist doch nicht mein Vasall. Kraft welches Rechts stehst du hier?« – »Mit Bruder Warmann dort von Konstanz als Gesandter deines Herrn, wie unser aller: des deutschen Königs.« – »Wie?« – »Laß ihn nicht sprechen,« drängte Werner. – Aber Ernst schwieg.

»Wisse denn, Betörter, das Verderben ist über dich hereingebrochen. König Konrad erfuhr längst von deinem Aufruf zur Empörung.« – »Durch wen?« – »Durch deine eigenen Vasallen. Sie schickten ihm diese deines bösen Dämons – Werners – Rebellenrufe ein.« – »Meine eigenen Vasallen?«

»Der König berief einen Reichstag nach Ingelheim: dort traten sie selbst als Ankläger gegen dich auf: deine Briefe überführten dich ohne weiteres: das Reichsgericht hat dich und Werner geächtet, aus dem Reiche verbannt, der Lehen entsetzt, die heilige Kirche hat den Ächter ausgestoßen.« – »Ja die,« schrie Werner dazwischen, »die muß immer ihren mütterlichen Senf dazu geben.« – Aber Ernst erbleichte und verstummte.

Doch Werner fuhr fort: »Ah, und ihr, schwäbische Ritter, ihr brecht eurem Herzog die Treue? Wie, Graf Wolfrat, Ihr? Und du, Werinher? Und Ihr, Hesso, und vollends Ihr, Herr Hiltibald von der Baar, des Ruhm von je die Treue war, des alten Herzogs Schildgenoß?« – »Ja, ich! Denn dem Herrn König haben wir Untertanentreue geschworen wider jedermann, dem Herzog Lehentreue gegen jedermann, aber ausgenommen König und Reich.«

»Nun wartet!« rief Werner grimmig. Wir werden euch allen die Lehen nehmen. Und euren Söhnen das Erbrecht darein.« – »Das kann kein Herzog mehr,« sprach Bischof Warmann. – »Ein neu Gesetz,« fuhr Burchard fort, »erging zu Ingelheim: das hat die kleinen Lehen der Herzogsvasallen für erblich erklärt.«

Da sank Ernst auf den Herzogstuhl: »Das ... das also war sein Plan, sein Mittel zu Perusia.«

Werner schlug sich die Faust vor die Stirn: »Verfluchter Fuchskopf! Ein Meisterstück der Schlauheit. Er zieht dir den Boden unter den Füßen weg. Wir sind verloren.« – »Ja, ihr seid verloren,« sprach der alte Hiltibald, »aber nicht wegen jenes Gesetzes. Wir würden euch, auch wenn ihr uns die Lehen nehmen konntet, nicht folgen gegen König Konrad.« – »Bah,« höhnte Werner bitter, »seid uns doch schon mal gegen ihn gefolgt.« – »Ja,« erwiderte der Alte, »leider! Aber seither hat uns gerade dieser König ein Anderes, ein Höheres gelehrt! – durch Wort und Tat und Beispiel. Eine neue Zeit, jung Ernst, ist aufgegangen in deutschen Landen: nicht mehr das enge Heimatnest, das Reich ist's, dem zu dienen wir gelernt haben unter diesem Mann.«

Ernst sprang auf, staunend, »Horch, Werner! Welch' neue Sprache! Und 's ist ihr Ernst. Hiltibald scherzt nicht und lügt nicht. Wir sind wirklich verloren.« – »Ja, das wart ihr,« hob Burchard an. »Hätten nicht die heißen Tränen, die Fürbitten der Mutter, die Gattenliebe des Kaisers euch gerettet: zum Tode waren die undankbaren, die rückfälligen Empörer verurteilt: dein und Werners Kopf ...« – »Ei, er komme, sie holen!« trotzte Werner. »Auf, Ernst, erwache! Wir haben diese uns so feindlichen Männer. Laß sie mich greifen. Diese Stadt ist ja unser.« – »Gewesen!« sprach Bischof Warmann, vortretend. »Jetzt ist sie des Kaisers. Für ihn haben wir sie beschritten und besetzt. Ja, fahr' nur ans Schwert. Wir sind dreitausend gegen zweihundert«

»Hie Kaiser und Reich,« rief der weißhaarige Hiltibald und zog feierlich das Schwert. – »Hie Kaiser und Reich!« erscholl es im Saal und alle Klingen fuhren aus.

»Jetzt, erst jetzt ist es wirklich aus,« knirschte Werner. »Fliehen wir,« flüsterte er, »solang' es noch geht.« – Allein Ernst blieb gesenkten Hauptes stehen: »Verlassen, verraten von meinen Schwaben! Das ... das allein tut weh.«

»Jung Ernst,« sprach treuherzig der Alte, »'s wird uns nicht leicht. Glaub' es mir. Aber dieser König hat eine neue Zeit ins Reich gebracht. Erst das Reich, dann alles andre: auch selbst unser Schwaben.«

»Verzweifle nicht, Ernst,« mahnte Burchard. »Die Mutter hat dir auch das ausgewirkt: – nicht für immer sollst du verbannt sein aus dem Reich. Nur von diesem bösen Geist mußt du dich lossagen, eidlich lossagen für immerdar.«

»Ja, von deinem Verführer und Verderber, dem Anstifter, dem Brandstifter auch dieser Empörung,« schloß Warmann.

»Ah, Schmach ohne Maß!« schrie Ernst und schlug beide Arme um den Freund, »nie, niemals. Sagt eurem Herrn Kaiser, nie laß ich von Werner, im Leben nicht und nicht im Tod. Seht, ihr treubrüchigen Vasallen, so hält man Treue. Komm, Freund, hinweg von diesen Menschen. – Nein, laß das Schwert. Laß doch sehn, ob sie Hand legen an ihren Herzog.«

»Und an solche Treue!« rief Werner ihm rasch durch den Saal nach dem Ausgang folgend.

Schweigend sahen ihnen die Männer nach: keine Hand, keine Klinge rührte sich, die Freunde zu hemmen oder zu scheiden.

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