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Herrn Rameaus Neffe

Denis Diderot: Herrn Rameaus Neffe - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/diderot/neffe/neffe.xml
typefiction
authorDenis Diderot
titleHerrn Rameaus Neffe
editorRoland Welcker
year1891
translatorOtto Heinrich von Gemmingen
correctorreuters@abc.de
senderwww.welcker-online.de
created20070123
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Viele Gedanken, die er da aussprach, sind nicht so sonderbar als man denkt. Gar manche Leute richten sich ihr Leben nach derartigen Überlegungen ein und benehmen sich danach. Allerdings hüten sie sich, dies ihre Mitwelt merken zu lassen, zum Unterschied von meinem Manne, der seine Fehler wie die seiner Mitmenschen offen erörterte und nichts verbarg. An und für sich war er ebenso abscheulich wie heuchlerische Lumpen, nur offener und konsequenter als sie. Zuweilen schien seine Verruchtheit bodenlos. Mich schauderte, wenn ich überlegte, was unter einer solchen Leitung aus seinem Sohne werden würde. Sicherlich mußte er es bei einer unseren Sitten so sehr angepaßten Erziehung recht weit bringen, wenn er nicht auf seinem Höllengang durch ein Wunder vorzeitig angehalten werden würde. Er schien übrigens meine Gedanken erraten zu haben, denn er beteuerte mir:

Er: Seien Sie ganz unbesorgt! Ein guter Vater braucht sich nicht so sehr darum anzunehmen, seinem Kinde Laster beizubringen, die ihm zu Reichtum verhelfen können, oder Narrenpossen, durch die er sich bei vornehmen Leuten einschmeicheln könnte. Das kann alle Welt, wenn auch nicht so planmäßig wie ich, das lernt sich ganz von selbst, dazu braucht's nur ein wenig Nachahmungstrieb. Das Wichtigste und Schwierigste ist vielmehr, ihm beizubringen, daß er stets die goldene Mittelstraße wandelt, nicht ausartet und es versteht, sich der Schande, der Entehrung und den Strafgesetzen geschickt zu entziehen. Auf diese Dissonanzen im Gesellschaftsleben muß man ein Kind aufmerksam machen, damit es rechtzeitig lernt, sich ihnen anzupassen und allzu grelle Mißtöne zu meiden. Nach meiner Meinung allerdings ist nichts langweiliger als eine Folge vollkommener Akkorde. Da gehört etwas Eingestreutes dazu, was aufstachelt, das allzu symmetrische Bündel löst und seine Glieder auseinanderreißt.

Ich: Ausgezeichnet! Durch diesen Vergleich haben Sie uns von moralischen Erörterungen wieder auf die Musik zurückgebracht, von der wir ganz wider meinen Willen abgekommen waren. Ich bin Ihnen dankbar dafür. Denn ich will es Ihnen nicht verhehlen, daß Sie mir als Musiker viel lieber sind wie als Moralist.

Er: Und doch bin ich in der Musik nur ein Dilettant, aber in der Moral so etwas wie ein Weiser!

Ich: Das scheint mir recht zweifelhaft. Aber mag das zutreffen oder nicht, ich bin jedenfalls ein ehrenhafter Mensch und kann Ihren Grundsätzen nichts abgewinnen.

Er: Schlimm genug für Sie! Ach! Hätte ich doch Ihre Fähigkeiten!

Ich: Sprechen Sie lieber von Ihren Fähigkeiten!

Er: Könnte ich mich doch so ausdrücken wie Sie. Ich spreche ein ganz verteufeltes Kauderwelsch. Kein Mensch wird klug daraus. Dialekt, Schriftsprache, Gaunersprache – kunterbunt durcheinander.

Ich: Ich kann nicht gut sprechen. Denn ich verstehe bloß die Wahrheit zu sagen, und das verfängt nicht immer, wie Sie wissen.

Er: Was liegt mir an der Wahrheit! Nicht deshalb wünschte ich mir Ihr Talent, sondern um die Menschen geschickt belügen zu können. Könnte ich doch nur schreiben, ein paar Seiten zusammenzustoppeln, eine Widmung wirkungsvoll abzufassen, einen Dummkopf so zu beschwatzen, daß er sich für ein Genie hält, mich bei den Frauen lieb Kind zu machen!

Ich: Das alles verstehen Sie tausendmal besser als ich. Ich wäre nicht einmal wert, Ihr Schüler zu heißen.

Er: Was für Talente verkümmern in Ihnen unausgenützt! Sie wissen Ihren Wert nicht zu schätzen!

Ich: Soweit ich es mir gestatten kann, verwerte ich sie.

Er: Würde dies zutreffen, dann hätten Sie es nicht notwendig, diesen grobgewebten Rock zu tragen, diese Zeugweste, diese Wollstrümpfe, diese plumpen Schuhe und diese altertümliche Perücke.

Ich: Das stimmt. Wenn einem kein Mittel zu schlecht wäre, um Geld zusammenzuscharren, dann müßte man allerdings recht ungeschickt sein, wenn man es zu nichts bringt. Aber es gibt eben Leute, wie zum Beispiel meine Wenigkeit, die Reichtum nicht für das höchste Gut auf Erden halten. Das sind verdrehte Käuze, nicht wahr?

Er: Ganz verdreht. Aber eine solche Verdrehtheit ist nichts Natürliches. Die ist erst anerzogen. In der ganzen Natur finden Sie nichts Ähnliches.

Ich: Auch nicht beim Naturmenschen?

Er: Auch nicht beim Naturmenschen. Alles, was kreucht und fleucht, sucht sein Wohlergehen auf Kosten dessen zu vergrößern, nach dessen Pfeife er tanzen muß. Ich bin sicher, wenn ich ein kleines Waldmenschlein zu mir nehmen und jede äußere Einwirkung von ihm fernhalten würde, so hätte er gleichwohl das Verlangen, schöne Kleider zu haben, recht gute Dinge essen zu können, von Männern und Frauen verwöhnt zu werden, kurz, möglichst vergnüglich und sorgenlos zu leben.

Ich: Wenn dieser kleine Urmensch sich selbst überlassen bliebe, und mit der ganzen Einfalt und dem kurzen Verstand eines Säuglings die Stärke und Gier eines dreißigjährigen Mannes in sich vereinigen würde, dann würde er seinem Vater den Kragen umdrehen und seine Mutter mißbrauchen.

Er: Das beweist die Notwendigkeit einer guten Erziehung. Aber das bestreite ich ja nicht. Ich bin lediglich der Meinung, daß jede Erziehung ihren Hauptzweck verfehlt, wenn sie uns nicht lehrt, wie man sich gefahrlos und unbedenklich Genüsse aller Art verschaffen kann.

Ich: Unsere Ansichten sind nicht allzu verschieden. Aber wir tun besser, darüber nicht weiter zu sprechen.

Er: Weshalb?

Ich: Weil ich fürchte, daß diese Übereinstimmung nur scheinbar ist, und wir uns nicht mehr verstünden, wenn wir die Gefahren und Klippen, die zu vermeiden sind, näher erörterten.

Er: Und was tut das?

Ich: Lassen wir das, sage ich Ihnen. Es wäre allzu beschwerlich, Ihnen meine Ansicht darüber auseinanderzusetzen. Dagegen ist es für Sie ein Kinderspiel, mir auf musikalischem Gebiete Probleme zu erklären, die mir fremd, Ihnen aber geläufig sind. Lieber Rameau, sprechen wir doch über Musik! Sagen Sie mir doch, wie es möglich ist, daß Sie bei der Leichtigkeit, mit der Sie die schönsten Stellen aus allen Meisterwerken auffassen, behalten und wiedergeben können, bei der Begeisterung, die Sie ihnen einflößen und die Sie anderen mitzuteilen verstehen, selbst noch nichts Tüchtiges geschaffen haben?

Anstatt mir zu antworten, schüttelte er den Kopf, wies mit der Hand zum Himmel und seufzte: »Die Sterne! Sie vergessen die Sterne! Als die Natur einen Leo, Vinei, Pergolese, Duni schuf, da strahlte die ganze Welt. Als sie meinen lieben Oheim Rameau zeugte, der zehn Jahre lang der große Rameau hieß, von dem man aber bald nicht mehr sprechen wird, da ging ein ernstes, achtungsvolles Raunen durch die Welt. Als sie aber seinen Neffen zusammenstoppelte, da schnitt die ganze Natur eine Fratze, wieder eine Fratze und nochmals eine Fratze.« Bei diesen Worten schnitt er selbst alle möglichen und unmöglichen Gesichter. Bald geringschätzig, bald verächtlich, bald spöttisch schien er zwischen seinen Fingern ein Stück Teig zu kneten, lachte über die sonderbaren Formen, die er da hervorbrachte und warf schließlich die wunderliche Figur in eine Ecke. »So!« rief er dabei aus, »zeugte sie mich und warf mich zwischen andere Figuren mit dicken, faltigen Bäuchen, kurzen Hälsen, apoplektischen Glotzaugen oder zu solchen mit schiefen Hälsen, Luchsaugen und krummen Nasen. Alle krümmten sich vor Lachen, als sie mich sahen, und ich – ich hielt mir die Seiten und krümmte mich ebenfalls vor Lachen, als ich sie sah. Denn Tröpfe und Narren vergnügen sich am besten untereinander. Sie suchen sich und ziehen einander an.

Hätte ich bei meiner Ankunft da unter diesen Tröpfen nicht das Sprichwort, daß das Geld der Dummen ein Erbgut der Gescheiten ist, fix und fertig vorgefunden, dann hätte man es sicherlich mir zu verdanken. Denn ich merkte, daß die Natur meinen Pflichtteil in die Börsen dieser Tröpfe gesteckt hatte, und erfand tausend Künste, um es ihnen wieder aus den Taschen zu ziehen.

Ich: Ich keime diese Künste ja schon. Sie haben sie mir beschrieben und ich habe sie auch gehörig bewundert. Aber warum haben Sie dieses bei all Ihrem Talent nicht durch die Schaffung eines Werkes von Dauer zu erreichen versucht?

Er: Ganz die gleiche Frage hat ein vornehmer Mann einmal dem Abbé Le Blaue gestellt. »Die Marquise von Pompadour«, erzählte ihm nämlich der Abbé, »hebt mich mit ihren Armen empor, trägt mich bis vor die Schwelle der Akademie. Plötzlich läßt sie ihre Arme sinken. Ich falle und breche mir beide Beine« ... Der vornehme Mann versetzte darauf: »Da hätten Sie eben aufstehen und die Türe mit dem Kopfe einrennen sollen, mein lieber Abbé!« ... Doch der Abbé erwiderte ihm: »Das habe ich ja versucht! Aber wissen Sie, was es mir eingetragen hat? Eine Beule auf der Stirne!«

Nachdem er mir dieses Geschichtchen zum besten gegeben hatte, schritt er mit gesenktem Haupt und nachdenklicher, niedergeschlagener Miene durch das Zimmer. Er begann zu seufzen, zu weinen, geriet in Verzweiflung, blickte flehentlich zum Himmel, hob beschwörend seine Hände empor, schlug sich mit der Faust auf den Schädel, daß es nur so krachte, und schrie: »Mir scheint, daß ich da drinnen schon ein wenig Grütze habe. Aber ich mag schütteln und rütteln, so viel ich will, es rührt sich nichts!« Dann begann er wieder seinen Kopf zu schütteln und sich an die Stirne zu klopfen, um schließlich doch enttäuscht auszurufen: »Entweder ist doch niemand drin oder man ist zu bequem, um sich zu rühren!«

Nach einer Weile hob er triumphierend den Kopf, legte seine rechte Hand aufs Herz, beschleunigte seine Schritte und rief: »Jetzt kommt mir ein guter Gedanke, jawohl, jetzt wird's gehen!« Und schon schickte er sich an, einen Menschen darzustellen, der in Zorn gerät, sich ärgert, sich zur Ruhe zwingt, befiehlt, beschwört. Ganz aus dem Stegreif redete er sich seinen angeblichen Zorn vom Herzen, beschwichtigte dann voll Mitleid sein Opfer, ließ seinem Haß, seiner Liebe freien Lauf. Mit überraschendem Scharfsinn und glänzender Einfühlungsgabe stellte er die einzelnen Phasen einer leidenschaftlichen Aufwallung dar. Dann wandte er sich an mich: »Das geht so halbwegs, finden Sie nicht auch? Ganz plötzlich ist's mir eingefallen. Da sieht man wieder einmal, wie wichtig es ist, einen Geburtshelfer zu finden, der die Wehen anzuregen, zu beschleunigen und das Kind herauszukitzeln versteht. Bin ich allein und nehme ich die Feder zur Hand, um zu schreiben, so kann ich an meinen Nägeln noch so eifrig herumkauen, mir die Stirne wund reiben. Gehorsamer Diener! Gute Nacht! Die Erleuchtung mag und will sich nicht einstellen. Ich bilde mir heimlich ein, daß ich nicht ohne Genie bin. Aber wenn ich, am Ende einer Zeile angelangt, das Geschreibsel überlese, dann wird mir klar, daß ich dumm, dumm und nochmals dumm bin. Wie soll man aber auch empfindsam bleiben, sich seinen Enthusiasmus bewahren, vernünftig denken und etwas Rechtes schaffen, wenn man mit solchen Leuten umgehen muß, wenn man sich, um sein Leben zu fristen, mit solchem Pack abgeben muß und nichts hört als plattes Altweibergewäsch. Etwa so: »Heute war's am Boulevard wieder einmal reizend! Waren Sie schon in der Kleinen Marmotte? Der Herr Soundso hat ein Paar Apfelschimmel, die einfach wunderschön sind. Diese schöne Frau fängt an, alt zu werden. Wie kann man nur mit fünfundvierzig Jahren noch eine solche Frisur tragen! Die junge Soundso ist ja förmlich mit Diamanten gepflastert – allerdings, wenn man bedenkt, daß sie ihr wenig kosten!« – »Viel! meinen Sie wohl!« – »Ach nein!« – »Wo haben Sie sie getroffen?« – »Im »Sohn Harlekins«. Die Verzweiflungsszene wurde gespielt, wie noch nie! Der Hanswurst im Zirkus ist recht gut. Aber Feinheit und Temperament gehen ihm ab. Die Frau Soundso hat Zwillingskinder bekommen. Jeder Vater erhält das seine ...« Glauben Sie etwa, daß solche tagaus tagein wiedergekäute Klatschereien Begeisterung wecken und einen zu großen Taten anspornen?«

Ich? Nein. Da wäre es wohl besser, sich in seiner Dachkammer zu verkriechen, und bei Wasser und Brot seinen eigenen Gedanken nachzuspüren.

Er: Vielleicht. Aber mir fehlt der Mut dazu. Soll ich mein Glück einer ungewissen Zukunft opfern? Dabei vergessen Sie ganz den Namen, den ich trage. Rameau, ein Rameau zu heißen, ist sehr unbequem. Mit dem Talent ist es nicht so wie mit dem Adel, der sich vererbt und beim Übergange vom Großvater auf den Vater, vom Vater auf den Sohn an Glanz zunimmt, ohne daß hierfür von den Nachkommen irgendeine Leistung verlangt wird. Die alte knorrige Wurzel verzweigt sich in tausend und aber tausend schwächliche Äste und Zweige. Aber das tut ja nichts. Mit dem Talent ist es ganz anders. Um nur so angesehen zu sein wie der Vater, muß man tüchtiger sein als er, muß man sein Auge und Ohr und Gehirnschmalz geerbt haben. Das fehlt mir alles, aber dafür ist meine Hand nicht so schwielig und hart, sondern geschmeidig und flink genug, um auf der Geige zu fiedeln. So brodelt's denn im Topf. Reicht's nicht zum Ruhm, so reicht's doch zu einer Suppe.

Ich: An Ihrer Stelle würde ich nicht verzichten, sondern immer wieder einen Versuch machen.

Er: Sie glauben wohl, daß ich es nicht versucht habe? Noch nicht fünfzehn Jahre war ich alt, als ich mir zum ersten Male sagte: Was fehlt dir, Rameau? Du träumst? Wovon träumst du? Daß du für dein Leben gern etwas geschaffen hättest oder schaffen möchtest, was die Bewunderung der ganzen Welt erweckt? Ja Schnecken! Du meinst wohl, man braucht nur zu blasen, einen Finger zu rühren, das Maul aufzusperren und die gebratenen Tauben kommen geflogen! Später, als ich älter war, habe ich mir das immer und immer wieder sagen müssen. Auch heute ist's nicht anders. Zur Memnonssäule wird's wohl bei mir mein Leben lang nicht reichen.

Ich: Was wollen Sie damit sagen?

Er: Das ist doch klar, scheint mir. Rings um die Bildsäule Memnons standen eine Unzahl ähnlicher Statuen und wurden ebenso wie sie von den Strahlen der Sonne getroffen. Aber sie war die einzige, die erklang, wenn sie die Sonne beschien. Ein Dichter ist Voltaire! Und wer noch? Voltaire. Und wer noch? Voltaire und immer Voltaire! Ein Komponist ist Rinaldo von Capua, Hasse, Pergolese, Alberti, Tartini,Tartini – Giuseppe Alessandro Ferruccio Tartini, ital. Geiger und Komponist, Autor der »Teufelstrillersonate«, † 1770 Locatelli, Terradeglias, mein Oheim, der kleine Duni – so nichtssagend er auch aussieht. Dabei aber ganz unerhört feinfühlig, musikalisch und ausdrucksfähig! Was sich sonst noch neben diesen wenigen Memnons befindet, ist kaum der Rede wert. Bloß einige Ohren, paarweise toten, verdorrten Reisern aufokuliert. Ach! Wie elend sind wir daran, so elend, daß es eine Schmach ist. Die Not hat etwas verdammt Abstoßendes, mein werter Herr Philosoph. Ich sehe, wie sie mit offenem Maule unter dem Fasse der DanaidenFaß der Danaiden – ein löchriges Faß, das immer wieder von den Danaiden gefüllt wird hockt, um ihre lechzende Zunge mit einigen durchsickernden Tropfen eiskalten Wassers zu kühlen. Ich weiß nicht, ob das den Geist eines Philosophen sonderlich schärft, aber einen Dichterschädel kühlt es jedenfalls ganz verteufelt ab. Es dichtet sich nicht gut unter diesem Fasse. Dabei ist noch der zu beneiden, der dort unterkriechen kann. Einst hockte auch ich unter dem Faß, aber ich verstand nicht, mich dort zu halten, obwohl ich's eigentlich von früher her hätte verstehen sollen, aus jener Zeit, da ich Böhmen, Deutschland, die Schweiz, Holland, Flandern durchreiste.

Ich: Immer unter dem löcherigen Faß?

Er: Immer unter dem Faß! Ich begleitete damals einen reichen Juden, dem das Geld locker saß, der die Musik liebte und an mir einen Narren gefressen hatte. Ich geigte, trieb Allotria und ließ mir nichts abgehen. Mein Jude war ein Mann, der den Feiertag heiligte und die Gesetze seines Stammes genau befolgte – wenigstens in Gegenwart von Andersgläubigen. In Utrecht hatte er einen schlimmen Handel. Von dem muß ich Ihnen erzählen, weil die Geschichte gar zu drollig ist. Dort in Utrecht lebte eine reizende Kurtisane. Da ihn nach dieser Christin gelüstete, schickte er ihr durch einen Kuppler einen ziemlich hohen Wechsel. Doch die eigensinnige Person wies sein Anerbieten zurück. Als der Kuppler die Empörung des Juden bemerkte, sagte er ihm begütigend: »Wer wird sich über so etwas kränken! Sie wollen mit einem schönen Weibe schlafen. Nichts leichter als das! Sie können sogar ein weit schöneres Weib haben, als diese dumme Person da – meine eigne Frau nämlich, wenn Sie mir den gleichen Preis zahlen!« Gesagt, getan. Der Kuppler behält den Wechsel und mein Jude schläft mit seiner Frau. Doch am Verfallstage läßt der Jude den Wechsel protestieren und erklärt die Unterschrift für gefälscht. Als es zum Prozeß kommt, sagt sich der Jude, daß der Kuppler wohl niemals zu erzählen wagen werde, woher er seinen Anspruch auf die Bezahlung des Wechsels herleite. So fragt er denn vor Gericht den Kuppler: »Von wem haben Sie diesen Wechsel?« – »Von Ihnen.« – »Für geliehenes Geld?« – »Nein.« – »Für gelieferte Ware?« – »Nein.« – »Für geleistete Dienste?« – »Nein. Aber das gehört ja nicht hierher. Ich besitze ihn nun einmal. Sie haben ihn unterschrieben und müssen daher zahlen!« – »Ich habe ihn nicht unterschrieben!« – »Sie zeihen mich also einer Fälschung?« – »Sie oder einen anderen, dessen Strohmann Sie sind!« – »Ich bin ein armer Teufel. Aber Sie sind ein ganz gemeiner Schurke. Ich rate Ihnen im Guten! Treiben Sie mich nicht zum Äußersten. Ich werde sonst alles erzählen. Meine Ehre ist dann verloren. Aber Sie wandern ins Zuchthaus!« Der Jude beachtete die Drohung nicht. Bei der nächsten Verhandlung gestand der Kuppler den ganzen Handel ein. Beide erhielten einen strengen Verweis und der Jude obendrein den Befehl, den Wechsel zu bezahlen, dessen Betrag wohltätigen Zwecken zugeführt ward. Daraufhin ging ich von ihm fort und kehrte hierher zurück. Was sollte ich nun anfangen? Etwas mußte ich unternehmen, wenn ich nicht elend zugrunde gehen wollte. Alle möglichen Pläne gingen mir durch den Kopf. Ich nahm mir vor, binnen vierundzwanzig Stunden abzureisen, um in irgendeine Provinzschmiere einzutreten, wo man mich im Orchester wie auf der Bühne gleich gut verwenden könnte. Doch die Frist war noch nicht abgelaufen, und schon schien es mir aussichtsreicher zu sein, meine Leidensgeschichte in schreienden Bildern auf eine Leinwand malen zu lassen, dieses Gemälde an irgendeiner Straßenecke auf einer Gabel hinzupflanzen und genau wie es solche Bettler zu tun pflegen, aus Leibeskräften zu rufen: »Das ist die Stadt, wo er geboren ward. Da ist er zu sehen, wie er von seinem Vater, dem Apotheker, Abschied nimmt. Hier sieht man ihn, wie er nach Paris kommt und die Wohnung seines Oheims sucht. Da liegt er zu den Füßen seines Oheims, der ihn ohne Erbarmen aus seinem Hause weist. Da sieht man ihn mit dem Juden und so weiter und so weiter!« Am Tage darauf stand ich mit dem Vorsatz auf, mich den umherziehenden Bänkelsängern anzuschließen. Hätte ich's getan, so wäre es nicht das Schlechteste gewesen. Wir hätten meinem lieben Oheim vor seinen Fenstern ein Ständchen gebracht und er wäre sicherlich vor Wut zerplatzt. Aber der Himmel wollte es anders.

Er hielt inne und änderte seine Haltung. Es schien wirklich, als ob er unversehens verfalle. Aus dem Geiger, der an den Saiten seiner Geige zupft und sein Instrument fürsorglich unterm Arme hält, aus diesem Geiger wurde plötzlich ein armer, ausgemergelter Teufel, dessen Kräfte versagen, dessen Beine schlottern und der elendiglich zu verrecken droht, wenn man ihn nicht vor dem Hungertod durch einen Bissen Brot errettet. Er schien so matt, daß er nur mehr mit einem Finger nach seinem gierig aufgesperrten Rachen deuten konnte, um seinen Heißhunger erkennen zulassen. Dann fuhr er fort: »Das begreift doch jeder. Man warf mir also einen Bissen zu. Sofort stürzten wir Hungerleider uns darauf und stritten uns darum. Versetzen Sie sich in diese Lage und versuchen Sie dann, ob Sie einen genialen Gedanken fassen, etwas Dauerhaftes zustande bringen können, wenn es Ihnen dermaßen an den Kragen geht!«

Ich: Das ist allerdings schwer.

Er: Hals über Kopf hat mich das Schicksal schließlich in jenes Haus spediert, wo ich herrlich und in Freuden leben konnte wie im Schlaraffenland. Aber endlich ist das auch vorbei. Nun heißt es wieder, den Hungerriemen um ein paar Löcher enger schnallen und die Geste, die ich Ihnen vorgeführt habe – sehen Sie, so! – auf's neue einüben. Nichts ist von Dauer auf dieser Welt. Heute wirft einen das Glücksrad himmelan, morgen schmettert es einen wieder in die Tiefe, daß es nur so kracht! Das Schicksal führt uns am Gängelband, wohin es gerade will. Mich hat es natürlich wieder in der Gosse landen lassen.

Darauf trank er den letzten Rest, der noch in der Flasche war, aus und wandte sich an seinen Nachbar: »Guter Herr, erbarmen Sie sich meiner und geben Sie mir eine kleine Prise! Haben Sie aber eine schöne Dose! Sie sind gewiß kein Musiker, nicht wahr?« ... »Nein« ... »Nun, dann haben Sie alle Ursache, Gott zu danken. Denn die Musiker sind durch die Bank bedauernswerte, arme Schlucker. Ausgerechnet mich hat das Schicksal dazu erkoren! Dabei gibt es sicherlich in irgendeiner Mühle, vielleicht auf dem Montmartre, einen Müller oder Müllersknecht, der sein Leben lang nichts anderes hören wird als das Geräusch der Mühlklapper, und der vielleicht alle Eigenschaften zu einem Musikgenie hätte! Auf, Rameau, nimm die Beine untern Arm und trolle dich in die Mühle! Dort gehörst du hin statt seiner!«

Ich: Was immer ein Mensch treiben mag, dazu hat ihn die Natur bestimmt.

Er: Dann macht sie aber ganz seltsame Schnitzer. Was mich betrifft, so bin ich über die Dinge nicht so erhaben, daß sie vor meinen Augen seltsam ineinanderfließen, und der Mann, der einen Apfelbaum mit der Schere putzt, und die Raupe, die die Blätter zernagt, mir bloß als zwei verschiedene Insekten vorkommen, die beide nach ihrer Bestimmung handeln. Schwingen Sie sich auf die Bahn des Merkur, um von dort aus, falls es Sie gelüstet, nach dem Beispiel Reaumurs,Reaumur – Giuseppe Alessandro Ferruccio Tartini, franz. Naturwissenschaftler, besonders um die Entomologie verdient, † 1757 der die Fliegen in Schneiderinnen, Spannerinnen und Gräberinnen einteilte, das Menschengeschlecht in Tischler, Zimmerleute, Dachdecker, Tänzer und Sänger einzuteilen. Das ist etwas für Sie. Ich mag davon nichts wissen. Ich halte mich an die Welt, wie sie ist. Nichts bringt mich davon ab. Aber wenn es natürlich ist, Hunger zu haben – immer wieder komme ich auf den Hunger zurück, weil ich mir ihn am leichtesten vergegenwärtigen kann –, so ist es nach meiner Meinung nicht richtig, daß man nicht immer etwas zu essen hat. Was für eine verdammte Wirtschaft, daß es Menschen gibt, die sich ihren Wanst mit den besten Dingen vollschlagen können, während andere, die den gleichen schwer zu befriedigenden Magen und den gleichen unbezähmbaren Appetit haben wie jene, ihre Fingernägel kauen müssen! Am traurigsten aber ist, daß die Not ihren Kostgebern einen weithin sichtbaren Stempel aufdrückt. Der Mensch, der Not leidet, geht nicht wie ein anderer Mensch. Er springt, kriecht, windet und schleppt sich. Er verbringt sein Leben damit, unnatürliche Posen anzunehmen.

Ich: Was verstehen Sie unter Posen?

Er: Fragen Sie Noverre danach. Er kann's Ihnen sagen, obwohl die Welt viel mehr Posen aufzuweisen hat, als er mit seiner ganzen Kunst darzustellen vermag.

Ich: Nun habe ich Sie aber erwischt! Jetzt sitzen Sie ja selbst – um mit Ihnen oder vielmehr mit MontaigneMontaigne – Michel Eyquem de Montaigne, franz. Philosoph, Begründer der literarischen Gattung des Essays, † 1592 zu reden – auf der Bahn des Merkur und beobachten von dort, wie die kleinen Menschlein sich auf der Erde gebärden und zappeln!

Er: Nein! Gewiß nicht! Da muß ich schon bitten! Ich bin viel zu schwerfällig, um mich so hoch aufzuschwingen. Ich ziehe vor, festen Boden unter den Füßen zu haben und überlasse gern den Kranichen das Reich der Wolken. Nach meiner jeweiligen Umgebung bemesse ich, wie ich mich zu geben habe und ergötze mich an den Mätzchen, die ich meine Nachbarn machen sehe. Ich bin ein glänzender Mimiker: Überzeugen Sie sich selbst!

Er setzt sich in Positur, lächelt, tut entzückt, diensteifrig, demutsvoll. Er stellt den rechten Fuß nach vorn, zieht den linken nach, krümmt den Rücken, hebt den Kopf, starrt unverwandt auf den gleichen Fleck, als ob er seinen Blick auf die Augen einer ihm gegenübersitzenden Person heften würde, öffnet seinen Mund, streckt seine Arme nach irgendeinem eingebildeten Gegenstand aus, harrt eines Befehles, empfängt ihn, schießt pfeilgeschwind fort, kehrt nach Vollzug befriedigt zurück, erstattet Bericht. Er tut aufmerksam, hebt auf, was herabfällt, schiebt ein Kissen oder einen Schemel unter Füße, serviert eine Tasse, rückt einen Stuhl näher heran, öffnet eine Türe, schließt ein Fenster, zieht die Vorhänge zu, bedient diensteifrig seinen Herrn und seine Herrin, steht stramm mit der Hand an der Hosennaht und gestreckten Beinen, hört genauestens an, was man ihm sagt, sucht noch ein Übriges aus den Gesichtszügen zu entnehmen und beendet schließlich seine Vorstellung mit den Worten: »Das sind die Gebärden, die ich meisterhaft beherrsche, ungefähr die aller Schwindler, Höflinge, Lakaien und Bettler.«

Die Verrücktheiten dieses Menschen, die Geschichte des Abbé Galiani,Galiani – Ferdinando Coelestinus Galiani – auch genannt Abbé Galiani, ital. hochangesehener Wirtschaftstheoretiker, † 1787 die tollen Einfälle des Rabelais haben mich oft genug zu versonnenen Träumen angeregt. Das sind die Fundgruben, aus denen ich mir gelegentlich die sonderbarsten Masken hervorholte, um damit die würdevollsten Charaktertypen auszustaffieren. Dann sehe ich in jedem Prälaten einen Possenreißer, in jedem Präsidenten einen Satyr, in jedem Kuttenträger ein Schwein, in jedem Minister einen Strauß und in seinem Sekretär einen Ochsen.

Ich: »Aber wenn Sie recht haben,« sagte ich zu meinem Mann, »dann ist die Welt voll von solchen Bettlern und Lakaien. Denn ich kenne niemanden, der sich nicht wenigstens einiger dieser Posen zu bedienen versteht.«

Er: Sie haben ganz recht. Es gibt im ganzen Reiche nur einen Mann, der ordentlich geht. Das ist der König. Alle anderen schauspielern.

Ich: Der König? Auch darüber ließe sich noch manches sagen. Glauben Sie nicht, daß auch der von Zeit zu Zeit neben sich ein kleines Füßchen, ein niedliches Köpfchen, ein reizendes Näschen entdeckt, um dessentwillen er gerne ein wenig schauspielert? Wer auf irgendeinen anderen Menschen angewiesen ist, der ist abhängig und muß Posen annehmen. Der König gibt sich vor seiner Mätresse und vor Gott anders als er ist. Vor denen spielt er seine Komödie. – Der Minister gebärdet sich wie ein Höfling, Schmeichler, Lakai und Bettler vor seinem König. Die Masse der Stellenjäger und Streber hampelt in hundert verschiedenen Arten, eine gemeiner als die andere, vor dem Minister. Der würdige Abbé posiert mindestens einmal die Woche vor dem Verwalter der Pfründen. Wahrhaftig! Was Sie für ein ausschließliches Vorrecht der Bettler halten, das treibt die ganze Welt! Jeder hat seine kleine Hus und seinen Bertin!

Er: Das ist mir ein rechter Trost.

Es war zum Totlachen, wie er während meiner Rede die Posen der verschiedenen Persönlichkeiten, von denen ich sprach, nachahmte. Als ich zum Beispiel vom würdigen Abbé sprach, schob er seinen Hut unter den Arm, nahm das Brevier in die linke Hand, hob mit der Rechten die Schleppe seines Mantels, trippelte mit zu Boden geschlagenen Augen einige Schritte nach vorne, neigte seinen Kopf ein wenig schief, kurz: spielte den Heuchler mit einer solchen Vollendung, daß ich den Autor der ›Réfutations‹ vor dem Bischof von Orleans leibhaftig zu sehen glaubte. Bei Erwähnung der Stellenjäger und Schmeichler neigte er sich tief zur Erde. Wie der leibhaftige Bouret im obersten Rechnungsamt.

»Das haben Sie vorzüglich gemacht«, lobte ich ihn. »Und doch gibt es ein Wesen, das nicht zu heucheln braucht. Das ist der Philosoph, der keinerlei Bedürfnisse hat und nichts begehrt.«

Er: Wo gibt es dieses sonderbare Gewächs? Hat er nichts, so leidet er Not, begehrt er nichts, so wird er nichts bekommen und daher immer leiden.

Ich: Nein. Ein Diogenes setzte sich über alle Bedürfnisse hinweg.

Er: Man muß doch etwas anzuziehen haben!

Ich: Nein. Er ging ganz nackt.

Er: Manchmal war es doch kalt in Athen.

Ich: Weniger als hier.

Er: Auch dort haben die Menschen essen müssen!

Ich: Zweifellos.

Er: Und wovon haben sie sich dann genährt?

Ich: Von dem, was die Natur ihnen zukommen ließ. Lebt der Wilde anders? Er hält sich an die Erde, an die Tiere, an die Fische, Bäume, Kräuter, Wurzeln, Quellen.

Er: An dieser Tafel speiste er aber verdammt schlecht!

Ich: Sie ist reich bestellt.

Er: Aber schlecht!

Ich: Und doch räumen auch wir diese Tafel ab, um unsere zu decken.

Er: Aber Sie müssen doch zugeben, daß die Kunst unserer Köche, Bäcker, Zubereiter, Anrichter und Wirte dabei auch eine gewisse Rolle spielt. Bei seiner strengen Diät muß Ihr Diogenes keinen schwer zu befriedigenden Magen gehabt haben.

Ich: Da täuschen Sie sich aber! Ein Zyniker bedeutete damals ganz dasselbe wie ein Mönch heutzutage. Sie benahmen sich auch gerade so. Die Zyniker waren damals die Karmeliter und Franziskaner von Athen.

Er: Was Sie sagen! Dann war also auch Ihr Diogenes ein kleiner Heuchler. Nicht vor Perikles, aber vor LaisLais – Lais von Korinth, eine der berühmtesten Hetären der Antike, lebte im -4. Jahrhundert oder Phryne.

Ich: Da täuschen Sie sich abermals! Er hatte keine Ursache, vor einer Hetäre zu heucheln, denn sie überließ sich ihm aus reinem Vergnügen. Andere mußten allerdings ein schweres Stück Geld hinlegen.

Er: Wenn es aber der Zufall wollte, daß sie gerade beschäftigt war und der Zyniker es verdammt eilig hatte?

Ich: Dann kroch er wieder in sein Faß und verzichtete.

Er: Und Sie raten mir, seinem Beispiel zu folgen?

Ich: Machen Sie mit mir, was Sie wollen, wenn das nicht auf alle Fälle besser ist, als vor solchem Pack zu kriechen, sich wegzuwerfen und zu verschachern!

Er: Aber ich halte es nicht aus, ohne ein gutes Bett, eine reichgedeckte Tafel, warme Winter- und leichte Sommerkleidung. Ich muß sorglos schlafen können, Geld und noch viele andere Dinge zu meiner Verfügung haben und ziehe vor, sie von irgendeinem gefälligen Tropf geschenkt zu erhalten, als mich im Schweiße meines Angesichts darum zu plagen.

Ich: Weil Sie eben ein Faulpelz, Freßsack, Lump und Dreckkerl sind!

Er: Mir kommt es ganz so vor, als ob das meine eigenen Worte sind, die Sie da gebrauchen!

Ich: Die Güter des Lebens haben zweifellos einen gewissen Wert. Aber Sie unterschätzen, welchen Preis Sie dafür anlegen müssen, um ihrer habhaft zu werden. Doch machen Sie Ihre schamlosen Posen nur ruhig weiter. Sie haben sie bisher gemacht und werden sie auch weiter machen.

Er: Das ist wahr. Opfer hat es mich bisher vielleicht wenig gekostet. Jetzt tue ich's schon ganz umsonst, wenn es sein muß. Wenn ich es mir recht überlege, könnte ich nichts Verkehrteres tun, als in einer anderen Gangart durchs Leben zu traben. Sie fiele mir bestimmt so schwer, daß ich sie nicht beibehalten könnte. Aber aus dem, was Sie mir da gesagt haben, ersehe ich erst, daß meine arme kleine Frau – Gott sei ihr gnädig! – eine Art Philosophin gewesen ist. Sie hatte einen wahren Löwenmut. Manchmal hatten wir nichts zum Beißen und wußten nicht ein noch aus. Fast unser ganzes Hab und Gut hatten wir versetzt, verkitscht, verpfändet. Dann kauerte ich verzweifelt am Fußende unserer Bettstatt und zerbrach mir den Kopf, von wem ich mir einen Taler auspumpen könnte, ohne stets in Angst zu leben, daß ich ihn eines Tages zurückzahlen müßte. Sie aber sprang kreuzfidel wie ein Fisch im Wasser umher, setzte sich an das Klavier und spielte und sang mit einer Stimme, sage ich Ihnen, rein wie eine Nachtigall. Wirklich schade, daß Sie sie nicht gehört haben. Wenn ich irgendwo musizieren sollte, nahm ich sie immer mit und spornte sie unterwegs an: »Geh, Weiberl, sei recht gescheit, zeige auch du, was du kannst. Mache die Leute ein wenig närrisch, reiße sie hin, erobere sie!« Und sie sang wirklich, machte die Leute närrisch und eroberte sie. Ach! Ich habe sie verloren, die arme Kleine! Sie war nicht nur talentiert, sondern hatte auch einen Mund – nicht einmal der kleine Finger ging da hinein, so klein war er! Und ihre Zähne – wie aneinandergereihte Perlen! Und ihre Augen, ihre Füße, ihre Haut, ihre Wangen, ihr Busen, die schlanken Beine, diese Schenkel und Fesseln – wie zum Modellieren! Früher oder später hätte sie zum mindesten den Generalpächter bekommen! Dieser Gang, diese Hüften! Herrgott, waren das Hüften

Daraufhin begann er den Gang seiner Frau nachzuahmen, trippelte einher, steckte den Kopf naseweis in die Luft, spielte mit dem Fächer, wiegte sich in den Hüften, eine köstliche Karikatur unserer kleinen koketten Frauenzimmer! Dann nahm er das Gespräch wieder auf und fuhr fort:

»Ich führte sie überallhin spazieren, in die Tuilerien, ins Palais Royal, auf die Boulevards. Sie wäre ganz gewiß nicht immer bei mir geblieben! Wenn sie des Morgens über die Straße ging, kurz geschürzt und mit bloßem Haar, sogar Sie wären stehen geblieben, um sie sich anzusehen. Mit vier Fingern konnte man sie umfassen, so zierlich war sie. Wer hinter ihr dreinging, sie mit ihren kleinen Füßchen einhertrippeln sah und nach dem Schwung ihres leichten Rockes die Fülle ihrer Hüften und Schenkel abschätzte, der verdoppelte gewiß seine Schritte. Sie ließ ihn herankommen. Plötzlich wandte sie ihm aber ihre großen schwarzen Augen zu, blitzte ihn an und bannte ihn an die Stelle. Denn die Vorderseite der Medaille übertraf noch die Erwartungen, die die Kehrseite erweckt hatte. Doch ich habe sie verloren. Mit ihr sind alle meine Hoffnungen auf die Zukunft ins Grab gesunken. Hatte ich sie doch nur geheiratet, weil ich Großes mit ihr vorhatte. Sie billigte meine Pläne, denn sie war viel zu gescheit, um von ihrem Gelingen nicht überzeugt zu sein, und viel zu vernünftig, um sich dagegen zu sträuben.«

Nun schluchzte er auf und seufzte mit Tränen in den Augen: »Nein, nein! Niemals werde ich das verwinden. Seit dieser Zeit bin ich der Narr, der ich bin!«

Ich: Aus Schmerz?

Er: Wenn Sie wollen! Aber im Grunde doch, um ein Dach über dem Kopf zu haben ... Aber sehen Sie doch nach, wieviel Uhr es ist. Ich muß in die Oper.

Ich: Was wird gegeben?

Er: Ein Stück von Dauvergue. Manches darin ist ja recht schön. Nur schade, daß er nicht der erste ist, der darauf kam. Unter den Toten gibt es immer einige, die den Lebenden Knüttel zwischen die Beine werfen. Was wollen Sie! Quisque suos, non patimur manes. Aber es ist halb sechs. Ich höre die Glocken, die für den Abbé von Canaye und für meine Wenigkeit die Abendandacht einläuten. Leben Sie wohl, werter Herr Philosoph! Nicht wahr? Ich bin immer der gleiche!

Ich: Ja – zu Ihrem Unglück!

Er: Hätte ich doch dieses Unglück noch etliche vierzig Jahre! Mehr wünsche ich mir nicht! Wer zuletzt lacht, lacht am besten!

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