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Herrn Rameaus Neffe

Denis Diderot: Herrn Rameaus Neffe - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/diderot/neffe/neffe.xml
typefiction
authorDenis Diderot
titleHerrn Rameaus Neffe
editorRoland Welcker
year1891
translatorOtto Heinrich von Gemmingen
correctorreuters@abc.de
senderwww.welcker-online.de
created20070123
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Die Stunde war zu Ende. Meine Schülerin reichte mir die Marke mit einer gar anmutigen Handbewegung und einer Verbeugung. die ihr der Tanzlehrer beigebracht hatte. Während ich die Marke einsteckte. rief die Mutter aus: »Brav, mein Kind! Wenn Javillier dich sehen könnte, würde er dich sicher loben!« Dann plauderte sie noch eine Weile anstandshalber mit mir und entließ mich: Das nannte man damals Klavierunterricht geben!

Ich: Aber heutzutage geht das doch nicht mehr.

Er: Das will ich meinen! Ernst und gesetzt trete ich ein, lege hastig meinen Muff ab, öffne das Klavier und prüfe, ob es auch recht gestimmt ist. Stets hab' ich's verdammt eilig. Läßt man mich auch nur eine Sekunde warten, so schreie ich, als ob man mich bestohlen hätte. »In einer Stunde soll ich schon anderswo sein, in zwei Stunden bei der Herzogin Soundso, mittags bin ich zum Speisen von der schönen Marquise Soundso geladen, von dort muß ich zum Konzert, das der Herr Baron von Bacq in der Rue neuve des Petits-Champs gibt!«

Ich: Und tatsächlich erwartet man Sie nirgends?

Er: Sie haben's erraten.

Ich: Aber wozu alle diese niedrigen Kniffe?

Er: Niedrig! Und weshalb, wenn ich fragen darf? Bei Leuten wie ich sind sie gang und gäbe. Ich verliere nichts an meiner Ehre, wenn ich es wie alle Welt mache. Ich habe sie ja nicht erfunden. Man würde mich direkt für einen trottelhaften Narren halten, wenn ich mich nicht dem allgemeinen Brauch anpassen würde. Gewiß! Ich weiß wohl, daß das, was weiß ist, schwarz, und das, was schwarz ist, weiß erscheinen kann, wenn Sie mit gewissen allgemeinen Grundsätzen irgendwelcher Moral daran herumdoktern. Aber neben der allgemeingültigen Moral, bester Herr Philosoph, gibt es eben wie neben der allgemeingültigen Grammatik bei jedem Volk abweichende Eigenheiten, die ihr – na, wie nennt ihr sie denn, ihr gelahrten Herren – die ihr – so helfen Sie mir doch ...

Ich: Idiotismen.

Er: Ganz recht. Nun, so hat eben jeder Stand seine Idiotismen in bezug auf die allgemeingültige Moral. Man könnte sie ganz gut »Berufsidiotismen« nennen.

Ich: Ich verstehe. Fontenelle zum Beispiel ist ein trefflicher Schriftsteller und Redner, obwohl seine Sprache von französischen Idiotismen wimmelt.

Er: Und genau so verhält es sich mit dem König, dem Minister, dem Finanzmann, dem Richter, dem Soldaten, dem Gelehrten, dem Advokaten, dem Staatsanwalt, dem Kaufmann, dem Bankier, dem Handwerker, dem Tanzmeister, dem Gesangslehrer: Alle sind sehr ehrenwerte Leute, obwohl ihr Benehmen in mehreren Punkten von der allgemeingültigen Moral abweicht und bei ihnen eine Menge sittlicher Idiotismen üblich sind. Je älter ein Stand oder ein Beruf ist, desto zahlreicher werden die von ihm angewendeten Idiotismen sein. Je trüber die Zeiten sind, desto ärger häufen sich die Idiotismen. Und da der Mensch nun einmal nach seinem Beruf beurteilt wird und der Beruf schließlich auch nach ihm, sucht jeder nach Möglichkeit seinem Beruf Bedeutung zu verschaffen.

Ich: Soviel ich erkennen kann, ist dieser verzwickten Reden kurzer Sinn bloß der, daß es wenig redlich und anständig betriebene Berufe gibt oder daß zumindestens sehr wenige ihren Beruf ehrlich ausüben.

Er: Ganz recht. Es gibt nämlich gar keine. Dafür gibt's aber nur wenige, die außerhalb ihrer Werkstatt Gauner sind. Und so wäre alles aufs beste bestellt, wenn nicht gewisse Leute – man sagt ihnen Fleiß, Pünktlichkeit und Pflichteifer nach – vom frühen Morgen bis zum späten Abend ihr Handwerk und nichts als ihr Handwerk betreiben würden. Das sind aber auch die einzigen, die es zu Wohlhabenheit und Ansehen bringen.

Ich: Durch lauter Idiotismen.

Er: Ganz recht. Ich sehe, daß Sie mich verstehen. Nun gibt's aber noch Idiotismen, die bei allen Berufen gebräuchlich sind, in allen Ländern und zu allen Zeiten, genau wie es überall anzutreffende Narrheiten gibt. Ein solcher allgemein üblicher Idiotismus ist das Bestreben, sich eine möglichst große Kundschaft zu erwerben. Und eine überall verbreitete Narretei ist der Aberglauben, daß der, der die größte Kundschaft hat, auch der Tüchtigste ist. Doch man muß sich damit abfinden, daß es diese zwei Ausnahmen von der allgemeinen Moral gibt und muß sich danach richten. Eine gewisse Art von Kredit, genauer betrachtet, absolut sinnlos, aber durch die Macht der Einbildung nun einmal recht bedeutungsvoll. Ein Sprichwort sagt: »Guter Ruf ist Goldes wert.« Und doch braucht jemand, der einen guten Ruf hat, noch kein Gold zu haben, während heutzutage wohl jedem, der Gold hat, Ehren und Rücksichten zuteil werden. Es ist also notwendig, sich möglichst beides, sowohl einen guten Ruf wie Gold anzuschaffen. Und das bezwecke ich, wenn ich mir durch diese sogenannten Kunstgriffe und durch diese von Ihnen so verpönten kleinen Hilfsmittel Geltung zu verschaffen suche. Ich gebe meine Stunden, wie sich's gehört – das entspricht der allgemeinen Moral. Ich mache den Leuten vor, daß ich mehr Stunden zu geben habe, als der Tag Stunden hat – das entspricht dem Idiotismus.

Ich: Und Sie geben Ihre Stunden auch wirklich, wie sich's gehört?

Er: Gewiß, jedenfalls nicht schlecht, sondern ganz leidlich: Der Fundamentalbaß meines guten Oheims hat mir das auch erleichtert. Früher habe ich meinen Schülern einfach das Geld aus der Tasche gestohlen, wirklich, ich hab's ihnen rein gestohlen. Aber jetzt verdiene ich's nicht schlechter noch besser wie die andern.

Ich: Und als Sie es ihnen stahlen, hatten Sie da gar keine Gewissensbisse?

Er: Ha! Ha! Nicht im geringsten. Ganz nach dem Sprichwort: Wenn ein Dieb den andern bestiehlt, lacht sich der Teufel ins Fäustchen. Die Eltern schwammen förmlich in Geld, das ihnen weiß Gott auf welche Weise in den Schoß gefallen war. Alle hatten's dick, diese Hofleute, Bankiers, Industrielle und Großkaufleute. Ich half ihnen bloß, ihre Geldmassen wieder ein wenig der Allgemeinheit zugute kommen zu lassen – ich und all die andern, deren sie sich zu diesem Zweck bedienten. Bei den Tieren verschlingt eine Gattung die andere. Bei den Menschen zerfleischen sich die Stände und üben Justiz aneinander, ohne daß das Gesetz dabei etwas zu schaffen hat. Wie früher die Deschamps, so rächt heute die Guimard den Prinzen am Finanzmann. Und die Modistin, der Juwelier, der Tapezierer, die Wäschehändlerin, der Gauner, die Kammerzofe, der Koch, der Sattler – sie alle rächen wieder den Finanzmann an der Deschamps. Mitten in diesem Treiben muß einer wohl schon arg dumm oder faul sein, wenn er gerupft wird, ohne jemandem seinerseits wieder ein Haar zu krümmen! Dann geschieht ihm ganz recht. Nun merken Sie wohl, daß diese Abweichungen von der allgemeinen Moral, diese sittlichen Idiotismen, wegen deren man ein solches Geschrei macht, diese viel verrufenen Kunstgriffe ganz bedeutungslos sind, und daß man eben alles vom richtigen Gesichtspunkt aus betrachten muß.

Ich: Ihr Scharfsinn ist bewunderungswürdig.

Er: Und dann das Elend! Die Stimme des Gewissens und das Ehrgefühl reagieren doch nur recht schwach, wenn der Magen vor Hunger knurrt. Ergo werde ich, falls ich jemals zu Reichtümern gelange, sie wohl auch wieder notgedrungen der Allgemeinheit zugute kommen lassen. Ich bin schon jetzt fest entschlossen, das auf jegliche Weise zu tun, durch wüste Gelage, Hasard, Saufereien und Weiber.

Ich: Ich fürchte sehr, daß Sie niemals reich werden.

Er: Auch ich bezweifle es.

Ich: Wenn es aber doch anders käme, als wir denken, was täten Sie dann?

Er: Was alle reichgewordenen Bettler tun würden. Ich wäre der frechste Lumpenhund, den man sich überhaupt denken kann. An alles, was man mir je zuleide getan, würde ich mich erinnern und die Schmach, die man mir zugefügt hätte, mit Zinseszinsen heimzahlen. Ich würde befehlen und herumkommandieren, ganz wie es mir paßt. Man müßte mir schöntun, weil ich nun einmal für mein Leben gern umschmeichelt werde. Die ganze Bande, die bis jetzt das Haus Villemoriens belagert, wird dann zu mir halten. Wenn ich ihnen sage: »Auf, Halunken, unterhaltet mich!« werden sie mich unterhalten, und wenn ich von ihnen verlange, daß sie anständige Leute verreißen, werden sie sich bemühen, es zu tun, falls sie überhaupt noch anständige Leute finden. Mädchen werden wir uns halten und Bruderschaft trinken, wenn wir genügend Flaschen das Genick gebrochen haben. Stockbesoffen werden wir uns tolle Geschichten erzählen und alle möglichen Laster und Verrücktheiten erfinden. Herrlich wird's sein! Wir werden beweisen, daß Voltaire keinen Funken Genie im Leibe hat, daß Buffon,Buffon – Georges Louis Leclerc, Comte de Buffon, franz. Naturforscher, brachte den Entwicklungsgedanken in die Naturkunde, bestritt das von den Theologen festgesetzte Erdalter von 6000 Jahren, † 1788 der immer so steif daherkommt, als ginge er auf Stelzen, ein schwulstiger Phrasendrescher ist, daß MontesquieuMontesquieu – Charles-Louis de Secondat, Baron de La Brède et de Montesquieu, franz. Schriftsteller und Staatstheoretiker. In seinem wichtigsten Wer »Vom Geist der Gesetze (1748)« begründete er erstmalig die Gewaltenteilung in Legislative, Judiskative und Exekutive. † 1755 bloß ein Blender ist, daß man d'Alembert, wenn er von etwas anderem als von seiner Mathematik zu predigen anfängt, mit Recht den Rat erteilen kann. »Schuster, bleib bei deinem Leisten!« Und alle diese kleinen Catone, wie Sie einer sind, die uns aus bloßem Neid verachten, deren Bescheidenheit lediglich als Deckmantel ihrer eitlen Hoffart zu bewerten ist, die nur darum mäßig sind, weil sie gezwungenermaßen aus der Not eine Tugend machen, die werden wir vorn und hinten gehörig verprügeln. Und Musik? Die werden wir dann schon selbst besorgen.

Ich: Wie schade, daß Sie so ein armer Teufel sind! Denn nach allem, was Sie da sagen, glaube ich bestimmt, daß Sie von Ihrem Reichtum in der würdigsten Weise Gebrauch machen würden. Die Menschheit und Ihre Mitbürger wären Ihnen zu höchstem Dank verpflichtet und Sie selbst würden weithin gefeiert und gepriesen werden.

Er: Mir scheint gar, Sie machen sich über mich lustig, Herr Philosoph, Sie wissen anscheinend nicht, mit wem Sie ihr Spiel treiben! Sie ahnen nicht, daß ich in diesem Augenblick die maßgebendsten Kreise unserer Stadt und des Hofes verkörpere. Ob auch unsere Reichen aller Stände und Berufe auf diese Gedanken, von denen ich Ihnen eben sprach, gekommen sind oder nicht – Tatsache ist jedenfalls, daß ich an ihrer Stelle kein anderes Leben als sie führen könnte. Ihr guten Leute könnt Euch da natürlich nicht hineinfinden, lebt in einem Wolkenkuckucksheim und glaubt, daß das Glück für jeden Menschen gleich beschaffen sein müsse! Was sind das nur für Hirngespinste! Euer Glücksideal setzt eine romantische Ader voraus, die wir einfach nicht haben, einen außergewöhnlichen Charakter und einen extravaganten Geschmack. Euer verrücktes Ideal nennt Ihr Tugend und brüstet Euch mit Eurer Philosophie. Aber taugen denn Tugend und Philosophie für alle Menschen? Wer es vermag, der gebe sich damit ab. Doch wenn Sie sich das ganze Weltall tugendhaft und philosophisch angehaucht vorstellen, werden Sie selbst zugeben, daß es das reinste Jammertal wäre. Darum lobe ich mir die Philosophie und die Weisheit Galanos: Eine gute Marke trinken, köstliche Gerichte schmausen, mit hübschen Weibern herumludern, auf weichen Kissen ruhen – alles andere ist Lug und Trug.

Ich: Wie! Und sein Vaterland verteidigen!

Er: Lug und Trug. Es gibt kein Vaterland mehr. Von einem Erdpol zum andern sehe ich nur Tyrannen und Sklaven!

Ich: Und seinen Freunden dienen?

Er: Lug und Trug! Gibt's denn überhaupt Freunde? Und wenn's doch welche gibt, wollen Sie wirklich undankbare herzlose Schurken aus ihnen machen? Überlegen Sie sich's genau, und Sie werden zugeben, daß man fast immer nur Undank für Wohltaten erntet. Dankbarkeit ist eine schwere Bürde. Und jede Bürde ist dazu da, um einmal abgeschüttelt zu werden.

Ich: Und einen Beruf haben? Pflichten erfüllen?

Er: Lug und Trug! Was liegt daran, ob man einen Beruf hat oder nicht! Wenn man nur reich ist. Man ergreift doch nur zu diesem Zweck einen Beruf! Und seine Pflichten erfüllen? Das bringt einem nur Neid, Unfrieden und Verfolgungen. Kommt man auf diese Weise vorwärts? Sich nach dem Winde drehen und schöntun muß man, zum Donnerwetter! Um die Großen herumscharwenzeln, um ihre Gunst buhlen, ihnen ihre Wünsche von den Lippen ablesen, sich ihren Launen fügen, ihre Laster unterstützen, ihre Ungerechtigkeiten gutheißen! Das ist das Geheimnis des Erfolges!

Ich: Und sich um die Erziehung seiner Kinder kümmern?

Er: Unsinn! Das ist Sache ihres Erziehers.

Ich: Aber wenn ein solcher Erzieher, von der Richtigkeit Ihrer Prinzipien durchdrungen, seine Pflichten vernachlässigen sollte, wer wird dann das Bad ausgießen?

Er: Ich doch wahrhaftig nicht. Vielleicht einmal der Mann meiner Tochter oder die Frau meines Sohnes.

Ich: Aber wenn Ihr Sohn oder Ihre Tochter sich Lastern oder Ausschweifungen ergibt?

Er: Das ist nur standesgemäß.

Ich: Wenn sie ihre Ehre mit Füßen treten?

Er: Was sie auch immer anstellen mögen, ihre Ehre wird davon nicht berührt, wenn sie reich sind.

Ich: Wenn sie ihr Vermögen verschleudern?

Er: Dann würden sie mir leid tun.

Ich: Aber mir scheint, daß Sie Ihr eigenes Vermögen aufs Spiel setzen könnten, wenn Sie sich um das Tun und Treiben Ihrer Frau, Ihrer Kinder und Ihrer Dienerschaft gar nicht kümmern.

Er: Entschuldigen Sie! Da das Geld zusammenscharren nun einmal Schweiß und Mühe kostet, ist man auf seiner Hut und sieht sich beizeiten vor.

Ich: Sie werden sich also um Ihre Frau gar nicht kümmern?

Er: Den Teufel werde ich mich! Ich glaube, daß man mit seiner teuren Ehehälfte doch immer noch am besten auskommt, wenn man tut, was sie will. Nach ihrer Meinung wäre die Welt wohl ein Paradies, wenn jeder seine Schuldigkeit täte?

Ich: Warum nicht? Nie erscheint mir der Abend in so rosigem Lichte, als wenn ich mit meinem Tagewerk zufrieden bin.

Er: Genau wie bei mir!

Ich: Die vornehme Welt ist nur deshalb in ihren Vergnügungen so anspruchsvoll, weil sie von früh bis spät nichts tut.

Er: Glauben Sie das nicht! Diese Leute sind sehr angestrengt beschäftigt.

Ich: Weil sie sich nicht plagen, gibt's für sie auch keine Erholung.

Er: Da sind Sie aber am Holzweg. Die sind immer abgehetzt.

Ich: Das Vergnügen ist für sie immer ein Geschäft, niemals ein Bedürfnis.

Er: Um so besser! Ein Bedürfnis zu haben ist immer eine Pein.

Ich: Diese Leute bekommen von allem genug. Ihre Eindrucksfähigkeit erschlafft, alles langweilt sie schließlich. Wer sie mitten aus ihrem erdrückenden Überfluß durch Mord und Totschlag in ein besseres Jenseits befördern würde, wäre vielleicht ihr Wohltäter. Von allen Glücksgütern kennen sie nur diejenigen, die kaum einen Augenblick standhalten, sondern sich schnell verflüchtigen. Ich selbst bin kein Sinnenverächter. Auch ich habe einen Gaumen, der ein köstliches Gericht oder einen feinen Wein gar sorglich auszukosten versteht. Auch ich habe ein Herz und zwei Augen, die sich gern an dem Anblick eines schönen Weibes weiden. Auch mir macht es Vergnügen, den runden, kernigen Busen eines Weibes in meiner Hand zu fühlen, meine Lippen auf ihre zu pressen, aus ihren Blicken Wollust zu trinken und in ihren Armen zu vergehen. Auch ein Gelage mit Freunden macht mir gelegentlich Spaß, auch wenn es dabei noch so toll zugehen mag. Aber ich gestehe Ihnen offen: Viel, viel größer ist meine Freude, wenn ich einem Unglücklichen Hilfe gebracht oder eine anstrengende, schwierige Arbeit beendet habe, wenn ich einen zweckentsprechenden Rat erteilt oder ein gutes Buch gelesen habe, wenn ich mit einem lieben Freund oder einer lieben Freundin spazieren gegangen bin oder meinen Kindern durch einige Stunden Unterricht gegeben habe, wenn mir meine Arbeit gut von der Hand gegangen ist oder ich mir bewußt bin, meinen Berufspflichten getreu nachgekommen zu sein, oder wenn ich meiner Herzallerliebsten so süße und zärtliche Dinge gesagt habe, daß sie ihre Arme um meinen Nacken schlingt. Gewiß gibt es manche Taten, die ich für mein Leben gern selbst vollbracht hätte. Gewiß ist der »Mahomet« ein geniales Werk. Aber ich für meinen Teil würde es vorziehen, den Ruf des CalasCalas – Jean Calas. Er wurde schuldig befunden, seinen Sohn ermordet zu haben, um dessen Übertritt zum Katholizismus zu verhindern, und hingerichtet. Dieser Justizmord im Jahre 1762 erregte eine große Empörung in Frankreich, Voltaire machte sich zum Fürsprecher der Familie, bewirkte die Aufhebung dieses Schandurteils und die vollständige Rehabilitierung der Familie. Die Stimme der Philosophie hatte die des Fanatismus zum Schweigen gebracht. wieder zu Ehren gebracht als den »Mahomet« gedichtet zu haben. Ein Bekannter von mir, der jüngere Sohn einer angesehenen Familie, hatte einst aus seinem Vaterland nach Cartagena auswandern müssen, weil nach dortigem Brauch das ganze elterliche Vermögen lediglich auf den ältesten Sohn übergeht. Dort im fernen Lande erfährt er eines Tages, daß sein älterer, vorgezogener Bruder die allzu gutherzigen Eltern ihrer ganzen Habe beraubt, sie aus ihrem Schloß vertrieben habe und daß die armen alten Leute in einer kleinen Provinzstadt ein sehr kümmerliches Leben führten. Was tut da dieser von seinen Eltern grausam verstoßene Sohn, der sein Glück in der Fremde hatte suchen müssen? Er sendet ihnen Mittel, um ihr Leben zu fristen, ordnet in aller Eile seine Geschäfte, kehrt zurück, führt als reicher Mann seine Eltern wieder in ihr früheres Heim und ermöglicht es seinen Schwestern, sich zu verheiraten. Ja, mein lieber Rameau! Dieser Mann hielt die Erinnerung an jene glücklichste Zeit seines Lebens stets hoch und sprach niemals davon, ohne daß ihm Tränen der Rührung und Freude in die Augen traten. Aber auch mir greift es ans Herz, wenn ich diese Geschichte erzähle. Ich freue mich so darüber, daß mir vor innerer Bewegung die Stimme versagt.

Er: Was seid Ihr doch für sonderbare Leute!

Ich: Und Ihr, Ihr seid zu beklagen, wenn Ihr Euch nicht vorstellen könnt, daß man angesichts zweier so herrlicher Taten über das Schicksal erhaben ist und niemals unglücklich sein kann.

Er: Diese Art von Glück hat wenig Verlockendes für mich. Es würde mir viel Mühe kosten, mich mit ihr anzufreunden, besonders, weil sie so selten anzutreffen ist. Sie sind also der Meinung, daß man rechtschaffen sein soll?

Ich: Wenn man glücklich sein will, gewiß!

Er: Aber ich kenne doch eine Unzahl ehrlicher Leute, die nichts weniger als glücklich sind – und eine Unzahl glücklicher Leute, die alles eher als ehrlich sind.

Ich: Das kommt Ihnen nur so vor.

Er: Und wenn ich nicht weiß, wo ich heute abend essen soll, so ist doch nur diese verdammte Aufrichtigkeit und Vernunft daran schuld, zu der ich mich einen Augenblick hinreißen ließ!

Ich: O nein! Sie wären nicht in dieser Lage, wenn Sie immer aufrichtig gewesen wären, wenn Sie beizeiten daran gedacht hätten, sich eine unabhängige Stellung zu verschaffen und sich nicht zum Sklaven anderer Leute zu erniedrigen.

Er: Unabhängig oder abhängig – jedenfalls hat mir das Leben damals sehr behagt.

Ich: Das mag sein. Aber es war eben unsicher und wenig anständig.

Er: Aber es paßte am besten zu mir. Ich bin nun einmal ein Tagedieb, Narr und Taugenichts.

Ich: Das stimmt.

Er: Wenn ich mein Glück machen kann durch Laster, die mir angeboren sind, die ich ohne mein Zutun besitze und ohne jede Mühe auch weiterhin mein eigen nennen werde, durch diese Fehler, die dem Charakter meines Volkes nicht fremd sind und meinen Gönnern behagen, weil sie ihrer Sinnesart mehr entsprechen als Tugenden, die ihnen von morgens bis abends als stumme Ankläger Ungemach bereiten würden – wenn ich auf diesem Wege mein Glück machen kann, wäre es von mir verrückt, wenn ich mich wie eine arme, verwunschene Seele abquälen würde, um mich zu entmannen und anders zu machen, als ich jetzt bin, um mir Gedanken und eine Sinnesart einzutrichtern, die ihren Wert haben mag – ich gebe das zu, denn ich bin nicht streitsüchtig –, die ich mir aber nur unter unsäglichen Qualen und Mühen beibringen könnte und die für mich vollkommen zwecklos wäre, wenn sie mich nicht am Ende gar bei den reichen Leuten, die uns armen Schluckern Unterhalt gewähren, völlig unmöglich machen würde. Wirkt doch ein tugendhaftes Betragen auf reich gewordene Schieber immer wie ein rotes Tuch, wie ein unaufhörlicher Vorwurf. Man lobt die Tugend, aber man meidet sie und geht ihr möglichst aus dem Wege, denn in ihrer Nähe ist es verdammt kalt und ungemütlich – und auf dieser Welt sind nun einmal warme Füße notwendig. Und außerdem würde ich meinen Humor vollends dabei verlieren. Warum sind denn Tugendbolde meistens gar so schroff, mürrisch und ungesellig? Weil sie sich eine Aufgabe gestellt haben, die ihrer eigenen Natur widerstrebt. Sie leiden darunter, und wer leidet, der macht nun einmal auch andere leiden. Das aber ist weder meine Absicht noch die meiner Gönner. Lustig muß ich sein, gefällig, unterhaltend, launig und drollig! Tugend will achtungsvoll behandelt sein. Das ist immer unbequem. Tugend will bewundert sein. Das ist immer langweilig. Ich habe es bloß mit Leuten zu tun, die unterhalten sein wollen und die ich zum Lachen bringen muß. Da aber nur das Lächerliche und Närrische zum Lachen reizt, muß ich mich eben lächerlich und närrisch geben. Hätte mich die Natur nicht so geschaffen, müßte ich mich aus Klugheit zumindest so stellen, als wenn ich es wäre. Glücklicherweise habe ich es nicht nötig ein Heuchler zu sein. Es gibt ohnehin schon so viele, in allen Abarten und Schattierungen, ganz abgesehen von jenen sonderbaren Subjekten, die sich selbst belügen. Jener Chevalier de la Morliére, der seinen Hut keck aufs Ohr drückt, seine Nase in die Luft steckt, jeden Passanten sehr von oben herab über die Achsel ansieht, mit Säbel und Sporn rasselnd vorüberklirrt, für den, der keine solchen Zierate trägt, immer gleich ein Schimpfwort in Bereitschaft hält und alle Welt herauszufordern scheint, – was tut jener Chevalier? Alles mögliche, um sich einzureden, daß er ein Held ist. Und doch ist er ein Feigling. Geben Sie ihm einen Nasenstüber, so wird er ihn sanftmütig hinnehmen. Wollen Sie ihn kleinlaut machen, so brauchen Sie nur Ihre Stimme zu erheben, ihm Ihren Stock zu zeigen oder einen Tritt in den Hintern zu geben. Ganz verblüfft, sich als Feigling zu entdecken, wird er Sie fragen, wer Ihnen das verraten hat, woher Sie das wissen? Er selbst hat es bis zu diesem Augenblick nicht gewußt, weil er durch lang gewohnte Nachäffung martialischer Gebärden schließlich selbst zur Überzeugung gelangt war, daß er ein Held sei. Und jene Frau, die sich kasteit, Gefängnisse besucht, allen Wohltätigkeitsveranstaltungen beiwohnt, auf der Straße nur mit niedergeschlagenen Augen einhergeht, nie einem Manne ins Gesicht zu sehen wagen würde, weil sie immer auf der Hut ist und jeder sinnlichen Regung mißtraut – kann jene Frau es trotzdem verhindern, daß ihr Herz sich verzehrt, daß sie aufseufzt, daß ihre Sinne in Wallung geraten, Begierden auflodern und ihre Einbildungskraft ihr bei Tag und Nacht Szenen aus dem »Portier des Chartreux«Portier des Chartreux – »Histoire de Dom B***, Portier des Chartreux«, eine erotisch-pornographische Novelle, unter gleichem Namen kursierten auch einschlägige Illustrationen. und dem AretinoAretino – Pietro Aretino, vielseitiger Renaissanceschriftsteller, schrieb u. a. »Ragionamenti« (Hetärengespräche), † 1556. vorgaukelt? Was tut sie dann? Und die Kammerzofe, die im Hemd aus dem Bett stürzt, um ihrer jammernden Herrin zu helfen, was muß sie denken? Justine, lege dich nur ruhig wieder nieder! Nicht dich rief deine Herrin in ihrem Fieberwahn! Und Freund Rameau? Wenn es ihm eines Tages einfiele, gegen Reichtum, Liebe, Genußsucht, Faulheit zu wettern und er plötzlich den CatoCato – Marcus Porcius Cato d. Ä., röm. Feldherr und Politiker, Befürworter des 3. Punischen Krieges, † 46 v. C.spielen würde, was würde man dann von ihm halten? Daß er ein ekelhafter Heuchler ist! So muß denn Rameau bleiben, was er ist: ein Gauner unter vielen anderen Gaunern – und kein Tugendheuchler und Moralphilister, der allein oder mit anderen seinesgleichen an verschimmelten Brotkrusten nagt. Kurz und gut – Sie wissen's nun. Ich kann weder Ihrem Glücksideal noch dem Ideal, dem andere Träumer Ihrer Art nachjagen, Geschmack abgewinnen.

Ich: Ich sehe wohl, mein Bester, daß Ihnen das Verständnis dafür abgeht. Sie werden auch nie imstande sein, es zu begreifen.

Er: Das freut mich, bei Gott! Denn ich käme ja sonst vor Hunger, Langeweile und Reue um!

Ich: Somit kann ich Ihnen also bloß raten, so schnell als Ihre Füße Sie tragen, in das Haus, aus dem Sie sich dummerweise wegjagen ließen, zurückzukehren.

Er: Und zu tun, was Ihnen im eigentlichen Sinn reizvoll dünkt und im figürlichen Sinn mir nicht recht behagen will?

Ich: Dazu rate ich Ihnen.

Er: Übrigens ist es ja möglich, daß mir jene Handlung im figürlichen Sinn, die mir jetzt nicht echt behagt, später einmal trotzdem zusagt.

Ich: Das wäre aber sonderbar'

Er: Ich finde nichts Sonderbares daran. Denn ich will mich ja gern soweit erniedrigen, nur darf ich dazu nicht gezwungen werden. Meine Ehre bleibt davon unberührt. – Sie lachen?

Ich: Ja, über Ihren Ehrenstandpunkt!

Er: Habe ich etwa keine Ehre im Leibe? Jeder Mensch hat eine Ehre. Ich will gern die meine einmal vergessen, aber nur, wenn es mir paßt und nicht, wenn andere es gerade wünschen. Soll ich wirklich verpflichtet sein, zu kriechen, wenn man es mir befiehlt? Gewiß. Ein Wurm und ich haben das Gemeinsame, daß wir kriechen, wenn man uns in Ruhe läßt. Aber wenn man uns auf den Schwanz tritt, dann bäumen wir uns auf! Jetzt hat man mir auf den Schwanz getreten! Ich bäume mich also auf. Übrigens haben Sie keine Ahnung, wie es in diesem Tollhaus zugeht. Stellen Sie sich einen trübsinnigen, verdrießlichen, launenhaften Menschen vor. Wie ein Klotz sitzt er da, hat seinen Schlafrock zwei- oder dreimal um seinen Leib gewickelt, findet alles widerwärtig, auch sich selbst, ist kaum zum Lachen zu bringen, so sehr man sich auf hunderterlei Arten die Glieder verrenkt und seinen Geist zu den blödesten Bocksprüngen zwingt. Die schönsten und drolligsten Grimassen, die närrischesten Witze lassen ihn gänzlich kalt und ungerührt. Dabei macht's mir nicht so leicht einer nach. Denn – unter uns gesagt – auch der Pater Noël, jener häßliche, durch seine Grimassen berühmte Benediktiner ist trotz seiner Erfolge bei Hof – ich will mich nicht besser machen, als ich bin – im Vergleiche zu mir nur ein armseliger, hölzerner Hampelmann. Und trotzdem kann ich mich noch so sehr abquälen, um das Höchste an Tollheit zu leisten – es ist alles vergeblich. Wird er lachen? Wird er nicht lachen? Wenn ich mich mitten in meinen Verrenkungen das immer wieder fragen muß, können Sie sich denken, wie sehr diese Überlegung meinen Späßen schadet. Dieser hypochondrische Griesgram steckt bis über die Augen in einer Schlafmütze und hockt da wie eine unbewegliche Pagode. Man wartet immer darauf, daß eine Schnur, die von seiner Kinnlade bis unter seinen Lehnstuhl hängen muß, endlich einmal angezogen würde. Aber sie wird nie angezogen. Und wenn sich wirklich einmal seine Kinnlade auftut, so geschieht das nur, um irgendein Wort zu lallen, das Sie gänzlich niederschmettert, weil es Ihnen beweist, daß er Sie gar nicht beachtet hat und daß all Ihre Bocksprünge verlorene Mühe sind. Dieses Wort ist nämlich die Antwort auf eine Frage, die Sie ihm vor vier Tagen gestellt haben. Und ist dieses Wort gesprochen, so läßt die Feder nach und die beiden Kiefer klappen wieder zu.

Rameau begann nun, diesen Mann nachzumachen. Er hockte sich auf einen Stuhl, hielt den Kopf steif, zog seinen Hut fast bis über die Augen herab, glotzte starr zwischen den halb geschlossenen Lidern hervor, ließ die Arme schlaff herabhängen und lallte, die Kinnlade wie ein Automat bewegend: »Ja, Sie haben recht, mein Fräulein, dazu gehört viel Feinheit.«

Dieses Wesen entscheidet nämlich, entscheidet in einem fort und unumstößlich. Am Abend, am Morgen, beim Ankleiden, beim Mittagsmahl, beim Kaffee, beim Spiel, im Theater, beim Abendessen, im Bett und – Gott verzeihe mir! – auch in den Armen seiner Geliebten, glaube ich. Diesen letzten Entscheidungen zuzuhören, bin ich zwar überhoben, aber auch die andern habe ich schon verteufelt satt. Düster, dunkel und unerbittlich wie das Schicksal ist unser Patron.

Ihm gegenüber eine zimperliche Person, die Gott weiß wie wichtig tut, der man sich aber entschließen könnte zu sagen, daß sie hübsch ist, weil sie es wirklich immer noch ist, obwohl sie stellenweise Flechten im Gesicht hat und bald so dick sein wird wie Madame Bouvillon. Ich habe eine gewisse Leibesfülle gern, wenn sie sich in Grenzen hält, aber was zu viel ist, ist zu viel! Zum Wesen der Materie gehört doch auch die Bewegung! Item: sie ist boshafter, aufgeblasener und dümmer als eine Gans. Item: sie will aber durchaus geistreich sein. Item: man muß ihr daher einreden, daß man sie für die geistvollste Person hält. Item: auch dieses Wesen entscheidet, obwohl sie nichts versteht. Item: man muß also ihre Entscheidungen beklatschen, mit Händen und Füßen, vor Freude herumspringen und sich vor Bewunderung wie toll gebärden. »Wie schön, wie fein und treffend ist das gesagt, wie ausgezeichnet beobachtet und fabelhaft rasch aufgefaßt! Wo nehmen die Frauen das nur her? Ohne Studium, einzig und allein durch die Kraft ihres Instinktes, vermöge ihrer natürlichen Begabung. Das ist ja ein reines Wunder! Da sage man uns noch einmal etwas über Erfahrung, Studium, Nachdenken, Erziehung und ähnlichen Unsinn!« Dann heißt es Freudentränen vergießen, zehnmal am Tage den Rücken verkrümmen, ein Knie vorgebeugt, das andere nachgezogen. Die Arme zur Göttin hingestreckt, ihr die Wünsche von den Augen ablesen, den Blick nicht von ihren Lippen wenden, ihre Befehle erwarten und ihnen blitzartig nachkommen. Niemand anderer würde sich zu einem solchen Treiben herbeilassen als höchstens ein armer Tropf, der dort zwei- oder dreimal in der Woche seine knurrenden Eingeweide zum Schweigen bringen kann. Was soll man aber von Leuten wie Palissot, Fréron, Poinsinet und Baculard denken, die doch ein gewisses Vermögen haben und deren Kriechereien sich nicht durch das Knurren eines hungrigen Magens entschuldigen lassen?

Ich: Ich hätte Ihnen nicht ein so strenges Urteil zugetraut.

Er: Ich gehöre ja auch nicht zu ihnen. Anfangs beobachtete ich, wie sich die andern benahmen und machte es wie sie, sogar ein wenig besser. Denn ich lasse mich vielmehr gehen, bin viel frecher, ein besserer Schauspieler, viel verhungerter und besitze eine viel bessere Lunge. Offenbar stamme ich geradeswegs vom famosen Stentor ab.

Um mir einen Begriff von der Kraft seiner Lunge zu geben, begann er so gewaltig zu husten, daß die Fensterscheiben des Kaffeehauses klirrten und die Schachspieler in ihrer Aufmerksamkeit nachließen.

Ich: Aber wozu kann Ihnen diese Gabe nützen?

Er: Sie erraten es nicht?

Ich: Nein. Ich hin etwas beschränkt.

Er: Nehmen Sie an, man sei über irgendeine Frage verschiedener Meinung und eine Entscheidung schwer zu fällen. Dann stehe ich auf und rufe mit der ganzen Kraft meiner Donnerstimme. »Es ist so, wie das Fräulein gesagt hat! Das nennt man urteilen! Alle unsere Schöngeister mögen sich ein Beispiel nehmen: Der Ausspruch ist genial!« Natürlich darf man seinen Beifall nicht immer auf die gleiche Weise äußern. Das wäre eintönig, man würde Gefahr laufen, unaufrichtig zu erscheinen und für geschmacklos gelten. Das kann man nur vermeiden, wenn man urteilsfähig ist und unerschöpfliche Einfälle hat. Man muß es verstehen, den Boden gut vorzubereiten, um diese gewaltigen Donnerworte auch entscheidend anbringen zu können. Man muß den richtigen Augenblick erhaschen. Wenn zum Beispiel die Ansichten stark voneinander abweichen und der Streit äußerst heftig entbrannt ist, wenn keiner den andern mehr versteht und alle durcheinander sprechen, muß man sich in einer Ecke, die sehr weit vom Schlachtfeld entfernt ist, durch längeres Schweigen zu dem Vorstoß stählen und dann plötzlich wie eine Bombe mitten in die Streitenden hineinfahren. Niemand beherrscht diese Kunst so wie ich. Aber geradezu Überraschendes leiste ich in der entgegengesetzten Richtung. Ich verstehe, durch zarte, fein abgestufte Laute und durch ein gewinnendes Lächeln zu bezaubern, ich verfüge über eine unendliche Mannigfaltigkeit zustimmender Gebärden – Nase, Mund, Stirne, Augen müssen da mitspielen – und über eine überraschende körperliche Behendigkeit. Es ist wirklich verblüffend, wie geschmeidig ich mich in den Hüften zu drehen, wie vielsagend ich meine Achseln zu heben und zu senken, meine Finger zu krümmen und zu strecken weiß, wie unnachahmlich ich den Kopf zu neigen, die Augen zu schließen und vor Bewunderung zu erstarren vermag, als wenn sich mir eine göttliche Stimme vom Himmel her unversehens offenbaren würde. So etwas schmeichelt! Ich weiß nicht, ob Sie die ganze Eindringlichkeit dieser eben erwähnten Stellung richtig zu erfassen verstehen. Ich habe sie nicht erfunden. Aber in der Ausführung hat mich noch niemand übertroffen. Sehen Sie! Überzeugen Sie sich!

Ich: Das ist allerdings ganz fabelhaft!

Er: Glauben Sie, daß das Hirn eines eitlen Frauenzimmers dieser Schmeichelei zu widerstehen vermag?

Ich: Nein. Ich gebe zu, daß Sie Ihr Talent, für andere den Narren zu machen und sich zu erniedrigen, so vollkommen als möglich ausgebildet haben.

Er: Sie können sich anstrengen, soviel Sie wollen, so weit werden Sie es niemals bringen. Der Tüchtigste von allen, Palissot zum Beispiel, wird immer nur ein annehmbarer Schüler sein. Nun ja! Anfangs machen solche Narreteien auch wirklich Spaß, und man findet ein gewisses Vergnügen an der Dummheit dieser Leute, die man foppt. Aber mit der Zeit verliert auch das seinen Reiz. Denn wenn man auch noch so erfinderisch ist, schließlich ist man doch gezwungen, sich zu wiederholen. Denn alles hat seine Grenzen, auch die Kunst. Nur für Gott und einige spärlich gesäte Genies gilt das nicht. Die schöpfen um so reicher aus dem vollen, je tiefer sie kommen. Bouret ist vielleicht einer von diesen seltenen Geistern. Man erzählt sich von ihm Geschichten, die ich, ja wahrhaftig sogar ich, ganz hervorragend finde. Zum Beispiel die von dem kleinen Hund oder dem Buch des Glücks oder den Fackeln auf der Straße von Versailles. Sie sind so glänzend, daß sie einem geradezu das Handwerk verleiden könnten, so sehr beschämen sie mich. Wie klein bin ich gegen ihn!

Ich: Die von dem kleinen Hund? Was für eine Geschichte meinen Sie denn damit?

Er: Ja, wo kommen Sie denn her? Wahrhaftig? Sie kennen im Ernst die Geschichte nicht, wie dieser seltene Mann es anstellte, um sich seinem kleinen Hund zu entfremden und ihn an den Siegelbewahrer zu gewöhnen, dem er gefiel?

Ich: Nein, ich kenne sie nicht. Ich gestehe es.

Er: Um so besser! Er hat sich da ein Stückchen geleistet, das zu den köstlichsten gehört, die jemals erfunden worden sind. Ganz Europa war darüber entzückt. Es gibt keinen Höfling, der ihn nicht darum beneidet hätte. Nun wohlan! Sie sind doch ein heller Kopf! Lassen Sie sehen, wie Sie die Sache an seiner Stelle angepackt hätten. Der Hund war äußerst anhänglich, müssen Sie wissen, und schreckte vor der ihm ungewohnten Tracht des Ministers ängstlich zurück. Bedenken Sie außerdem, daß Bouret nur acht Tage Zeit hatte, die Schwierigkeiten zu überwinden. Es ist von großer Wichtigkeit, alle Bedingungen, unter denen ein Problem gelöst worden ist, zu kennen, wenn man seine Lösung nach Verdienst würdigen soll. Nun? Was meinen Sie?

Ich: Nun ja, ich muß Ihnen schon gestehen, daß ich auf diesem Gebiet schlecht beschlagen bin. Die kinderleichteste Aufgabe könnte mich da in Verlegenheit bringen.

Er: »So hören Sie!« sagte er und klopfte mir in gönnerhafter Vertraulichkeit auf die Schulter. Hören Sie und staunen Sie! Er läßt sich eine Gesichtsmaske anfertigen, die die Züge des Großsiegelbewahrers kopiert, borgt sich dessen bauschige Amtstracht vom Kammerdiener, bedeckt sein Gesicht mit der Maske und legt das Kleid an. Dann ruft er seinen Hund herbei, streichelt ihn und gibt ihm Leckerbissen. Doch plötzlich legt er die Vermummung ab. Nun ist's nicht mehr der Großsiegelbewahrer, sondern Bouret, der seinen Hund ruft und ihn durchpeitscht. Zwei bis drei Tage setzt er von morgens bis abends diesen Unterricht fort. Dann hat er den Hund so weit, daß er vor dem Generalpächter Bouret davon- und dem Großsiegelbewahrer Bouret zuläuft. Aber ich meine es zu gut mit Ihnen. Sie sind ein Laie in derlei Dingen und verdienen es nicht, daß ich Sie in das Geheimnis solcher mysteriöser Vorgänge einweihe, die sich vor Ihrer Nase oft und oft abspielen.

Ich: Und die Geschichte von dem Buch, den Fackeln? Erzählen Sie sie mir trotzdem, ich bitte Sie darum.

Er: Nein! Nein! Die können Sie sich von den Spatzen erzählen lassen, die sie von den Dächern pfeifen! Heute sollten Sie den Zufall, der uns zusammengeführt hat, besser dazu benützen, Dinge zu erfahren, die außer mir niemand weiß.

Ich: Sie haben recht.

Er: Sich die Tracht und die Perücke auszuborgen – die Perücke habe ich früher ganz vergessen –, sich eine Maske anfertigen zu lassen, die ihm völlig gleicht! Diese Maske vor allem bringt mich ganz aus dem Häuschen! Dabei hat er's gar nicht nötig! Genießt ohnedies das größte Ansehen und besitzt Millionen, während es Sankt-Ludwigs-RitterSt.-Ludwigs-Orden – ein 1693 von Ludwig XIV. gestifteter Orden für militärische Verdienste gibt, die verhungern. Aber warum laufen sie auch dem Ordenskreuz nach, auf die Gefahr hin, sich die Glieder zu brechen, statt daß sie gleich ihm einen gefahrlosen Beruf ergreifen, bei dem die Belohnung niemals ausbleibt? Das heißt seinen Weg machen! Das ist genial! Und doch sind solche Vorbilder entmutigend. Man hat kein Selbstvertrauen mehr, mißtraut sich selbst und wird verdrießlich. Die Maske! Diese Maske! Ich würde gern einen Finger darum geben, wenn ich selbst auf diese Maske gekommen wäre.

Ich: Trotz Ihrem Enthusiasmus für solche schöne Stückchen und dieser Phantasie, die wirklich unerschöpflich ist, haben Sie selbst noch nicht dergleichen ausgeheckt?

Er: Entschuldigen Sie! Eben habe ich Ihnen doch erst jene Stellung vorgeführt, die ich einnehme, wenn ich den verzückten Zuhörer markieren will. Ich betrachte sie als meine eigene Erfindung, wenngleich es immerhin vorkommen kann, daß irgendwelche Neider sie mir streitig machen. Es kann sein, daß man sich ihrer schon früher bediente. Hat aber jemand vor mir bemerkt, wie bequem sie ist, um sich insgeheim über den Gimpel, den man bewundert, lustig zu machen? Auf hunderterlei Wegen und Schlichen getraue ich mich, die Verführung eines jungen Mädchens anzubahnen, in Gegenwart ihrer Mutter, ohne daß sie etwas merkt, und zwar so, daß sie sogar selbst noch mithilft. Schon als grüner Junge verschmähte ich die übliche Art und Weise, einem ›Mädchen einen Liebesbrief zuzustecken. Entreißen lasse ich mir ihn, auf zehnerlei Arten verstehe ich das und schmeichle mir, daß auf manche von ihnen bisher noch niemand anderer gekommen ist. Außerdem habe ich ein fabelhaftes Talent, einem schüchternen jungen Liebhaber Mut einzuflößen. Viele habe ich ans Ziel gebracht, die sonst kaum dahin gelangt wären, so nichtssagend waren sie. Hätte ich das alles aufgezeichnet, so müßte man mir wohl, glaube ich, ein bißchen Genie zubilligen.

Ich: Feiern würde man Sie! Nicht wahr?

Er: Das meine ich auch.

Ich: An Ihrer Stelle würde ich diese Geschichten zu Papier bringen. Es wäre jammerschade, wenn sie ganz vergessen würden.

Er: Das ist wahr. Aber Sie haben ja keine Ahnung, wie wenig ich auf Vorschriften und Richtsätze gebe. Wer immer eines Leitfadens bedarf, um vorwärts zu kommen, der wird's nie zu etwas bringen. Geniale Menschen lesen wenig, arbeiten viel und verdanken ihre Erfolge nur sich selbst. Nehmen Sie zum Beispiel Cäsar, Turenne,Turenne – Henri de Latour d'Auvergne, Vicomte de Turenne, franz. Feldherr, erkannte als Erster die Bedeutung der Logistik im Krieg, † 1675 Vauban, die Marquise von Tencin,Tencin – Claudine Alexandrine Guérin, Marquise de Tencin, franz. Schriftstellerin, leibliche Mutter des Mathematikers d'Alembert, † 1749 ihren Bruder, den Kardinal und dessen Sekretär, den Abbé Trublet.Trublet – Nicolas-Charles-Joseph Trublet, 1761 in die Französische Akademie aufgenommen (?) Und Bouret! Wer hat Bouret Unterricht erteilt? Niemand! Die Natur allein bildet diese seltenen Menschen. Glauben Sie, daß die Geschichte von dem Hund und der Maske irgendwo aufgezeichnet ist?

Ich: Aber in Ihren Mußestunden, wenn Sie keinen Schlaf finden, weil Sie der Hunger plagt oder der Druck des überfüllten Magens ...

Er: Ich will mir's überlegen. Jedenfalls ist es besser, bedeutende Ereignisse und Taten aufzuzeichnen, als sich immerfort mit albernen Alltäglichkeiten herumzuschlagen. Da weitet sich die Seele, man erwärmt sich, die Einbildungskraft fängt Feuer, flammt himmelan, zügellos und aller Banden ledig, statt daß sie sich damit begnügt, sich in Gesellschaft der kleinen Hus über den Beifall zu wundern, den das blöde Publikum allabendlich an diesem Zierpüppchen, der Dangeville verschwendet. Und sie spielt doch so eintönig, schnürt sich, daß man meint, sie bricht im nächsten Augenblick entzwei, gefällt sich darin, unverwandt in die Augen ihres Partners zu schauen und die Kokette zu spielen und hält die Gesichter, die sie schneidet, für bezaubernd und ihr affektiertes Getrippel für anmutig! Und ebenso steht es mit dieser hochtrabenden Clairon, die einfach unbeschreiblich dürr, steif, gespreizt und unnatürlich ist. Aber dieses blöde Parterre beklatscht sie, daß die Wände zittern, und hat für all den Liebreiz, der sich neben uns breitmacht, gar kein Auge. Es ist ja wahr. Dieser Liebreiz da ist ein wenig zu dick. Aber das hat ja nichts zu besagen. Dieses blöde Parterre sieht nicht, daß wir die schönste Haut, die schönsten Augen, den schönsten Mund haben, allerdings auch wenig Gemüt, und einen Gang, der zwar nicht graziös, aber auch nicht so linkisch ist, wie man ihm nachsagt. Doch was unser Gefühl anbelangt, gibt's kein einziges Weib, daß es mit uns in dieser Hinsicht aufnehmen könnte.

Ich: Scherzen Sie oder reden Sie im Ernst so?

Er: Schlimm ist nur, daß dieses Gefühl so verteufelt tief im Innern steckt und außen kein Schimmer davon zu sehen ist. Aber ich, ich sage Ihnen, daß sie viel Gefühl hat, ich weiß das ganz bestimmt, zum mindesten ist's etwas ganz Ähnliches, wenn es nicht gerade Gefühl ist. Man muß nur sehen, wenn wir in schlechter Laune sind, wie wir da die Bedienten traktieren, wie wir den Kammerzofen Ohrfeigen austeilen, was für kräftige Fußtritte in empfindliche Körperteile wir verabreichen können, falls man auch nur um ein Jota uns die gebührende Achtung zu erweisen vergißt. Ein kleiner Teufel ist sie, sage ich Ihnen, ein kleiner Teufel voll Gefühl und Würde ... Nun? Mir scheint, Sie wissen nicht, woran Sie sind? Nicht wahr?

Ich: Offengestanden kann ich nicht unterscheiden, ob Ihre Worte ehrlich oder scherzhaft gemeint sind. Ich verstehe mich nicht auf derlei Dinge und möchte Sie bitten, sich mir gegenüber deutlicher auszudrücken und all Ihre Kunst beiseite zu lassen.

Er: Ich habe Ihnen bloß wiederholt, was wir der kleinen Hus über die Dangeville und die Clairon vorgeschwatzt haben, hie und da vermengt mit einigen Worten, die Ihnen als Fingerzeig hätten dienen sollen. Ich habe zwar nichts dagegen, daß Sie mich für einen Taugenichts halten. Aber ein Tölpel mag ich in Ihren Augen nicht sein. Und das – oder ein verliebter Narr – müßte ich doch sein, wenn ich mir im Ernste solche Keckheiten erlauben würde.

Ich: Aber wie kann man nur sich dazu hergeben, sich so aufzuführen?

Er: Sofort, auf einen Hieb geht's auch nicht. Doch allmählich, nach und nach kommt man so weit. Ingenii largitor venter. Magister artis ingeniique largitor venter – Lehrer und Vermittler von Kunst und Geist ist der Bauch (d.h. der Hunger).

Ich: Wahrhaftig! Da muß einen schon ein teuflischer Hunger quälen!

Er: Wohl möglich. Aber diese Leute sind an solches Geschwätz schon so gewöhnt, daß sie nichts mehr dabei finden. Wir, die es erfinden müssen, uns fällt's immerhin nicht leicht.

Ich: Ja, gibt es denn irgend jemand, der es über sich bringt, Ihnen beizustimmen?

Er: Irgend jemand? Das ist die Meinung und das Urteil der ganzen Gesellschaft.

Ich: Alle, die in dieser Gesellschaft keine Lumpen sind, müssen also dann rechte Dummköpfe sein.

Er: Dummköpfe? Ich schwöre Ihnen, daß es unter uns nur einen Dummkopf gibt. Das ist unser Gastgeber, der uns freihält und den wir dafür zum besten haben.

Ich: Aber wie kann man sich nur auf so plumpe Art zum besten halten lassen? Denn wie man auch urteilen mag, die hohe Künstlerschaft der Dangeville oder der Clairon ist doch offenkundig.

Er: Leicht und köstlich mundet unserem Gaumen eine Lüge, die uns schmeichelt; doch bitter wie eine Medizin schmeckt eine Wahrheit, die uns hart ankommt. Und dann dürfen Sie nicht vergessen, daß wir so überzeugt und aufrichtig dreinschauen!

Ich: Und trotzdem müssen Sie doch einmal gegen Ihre Grundsätze verstoßen haben! Einmal wenigstens muß Ihnen doch aus Versehen ein Wort entschlüpft sein, das in seiner bitteren Wahrheit verletzend gewirkt hat. Denn trotz der abscheulichen, gemeinen und elenden Rolle, die Sie spielen, kann ich nicht glauben, daß Ihnen jedes Zartgefühl fehlt.

Er: Zartgefühl? Ich? Keine Spur! Hol' mich der Teufel, wenn ich weiß, was ich eigentlich bin. Gewöhnlich ist meine Seele so rund und spiegelblank wie eine Billardkugel und mein Charakter so gerade und biegsam wie eine Weidenrute. Ich bin niemals falsch, wenn es mir zum Vorteil gereicht, wahr zu sein, und niemals wahr, wenn es mir zum Vorteil gereicht, falsch zu sein. Ich spreche, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Hat das, was ich sage, einen Sinn, desto besser; hat es keinen, wer kümmert sich darum? Niemals in meinem ganzen Leben habe ich noch nachgedacht, weder vor dem Sprechen, noch während des Sprechens, noch nach dem Sprechen. So kann mir auch niemand meine Worte übelnehmen.

Ich: Und doch ist Ihnen das bei den lieben Leuten, bei denen Sie lebten und die so gut zu Ihnen waren, passiert.

Er: Was wollen Sie? Das ist nun einmal ein Unglück, ein Pech, wie es im Leben manchmal vorkommt. Es gibt kein beständiges Glück. Es ging mir zu gut. Das konnte nicht von Dauer sein. Wie Sie ja wissen, haben wir eine zahlreiche erlesene Gesellschaft um uns versammelt, die reinste Schule zur Erziehung des Menschengeschlechtes, eine Akademie der Humanität nach antikem Muster. Alle Dichter, die durchfallen, die klauben wir auf. Palissot kam zu uns nach seiner »Zarès«, Bret nach seinem »Faux généreux«, alle verschrieenen Musiker, alle Schriftsteller, deren Bücher ungelesen bleiben, alle ausgepfiffenen Schauspieler und ausgezischten Schauspielerinnen, mit einem Wort – ein ganzer Haufen armer verschämter Teufel und gefräßiger Schmarotzer scharte sich um mich, der ich die Ehre habe, dieser feigen Lumpenbagage vorzustehen und für sie die Suppe auszulöffeln. Alle, die zum ersten Male uns beehren, muß natürlich ich zum Essen auffordern. Und wenn sie trinken wollen, muß natürlich ich für sie Getränke herbeischaffen lassen. Man kann wirklich nicht sagen, daß sich diese armen Schlucker breitmachen. Besonders die jungen Leute wissen kaum, wie sie ihre Heruntergekommenheit vor fremden Augenverstecken sollen, ducken sich und winden sich ängstlich unter der Bagage herum, die unseren Wirt umschmeichelt und einlullt, um dann hinter seinem Rücken bei seinem Weib noch etwas für sich herauszuschlagen. Wir scheinen fröhlich und guter Dinge zu sein. Aber im Grunde sind wir übler Laune und völlig ausgehungert. Wölfe können nicht gefräßiger sein als wir und Tiger nicht blutrünstiger. Wir schlingen den Fraß in uns wie Wölfe im Winter, wenn die schneebedeckten Fluren ihre Beute spärlich werden lassen, wir zerfleischen blutdürstig wie Tiger alles, was uns in die Fänge kommt. Manchmal kommen die Rotten von Bertin, Monsiange und Vilmorien zusammen. Dann gibt's einen Höllenlärm wie in einer Menagerie. Soviel bösartige, verbissene, blutdürstige und wütende Bestien waren noch nie beisammen. Sie werfen mit Namen wie Buffon, Duelos, Montesquieu, Rousseau,Rousseau – Jean-Jacques Rousseau, franz. Philosoph. In seinem Werk »Der Gesellschaftsvertrag (1762)« prägte er erstmals den Begriff der Volkssouveränität, †1778 Voltaire, d'Alembert, Diderot nur so umher. Weiß Gott, was sie ihnen für schöne Ehrentitel geben. Denn niemand hat Geist, außer dem, der so dumm ist wie wir! Das ist die Stätte, wo der Plan zu dem Lustspiel »Die Philosophen« gefaßt wurde. Die Kolporteurszene darin habe ich beigetragen nach dem Muster der ›Theologie am Spinnrocken‹. Sie kommen darin ebenso schlecht weg wie die andern.

Ich: Um so besser! Denn man erweist mir ohnedies mehr Ehre, als ich verdiene. Ich würde mich geradezu schämen, wenn Leute, die an so vielen ehrenwerten und prächtigen Männern kein gutes Haar lassen, über mich nur Gutes zu sagen wüßten.

Er: Wir sind so viele. Und ein jeder muß doch irgendwie seine Zeche bezahlen. Da ist es doch ganz natürlich, daß auch die kleineren Leuchten darankommen, wenn wir die großen abgeschlachtet haben.

Ich: Das heißt aber seine Zeche sehr teuer bezahlen, wenn man ums liebe Brot Wissenschaft und Tugend in den Kot ziehen muß.

Er: Ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß man uns nichts nachträgt. Wir lästern die ganze Welt, ohne jemandem ernstlich wehe zu tun. Manchmal besucht uns der feiste Abbé d'Ollivet, der nicht weniger dicke Abbé Leblanc und der heuchlerische Batteux. Der dicke Leblanc verspritzt seine Bosheiten nur vor dem Speisen. Nach dem Kaffee wirft er sich in einen Lehnstuhl, stemmt die Füße gegen den Kaminsockel und schläft ein wie ein alter Papagei auf seiner Stange. Wenn der Lärm um ihn gar zu arg wird, gähnt er, dehnt und rekelt sich, reibt sich die Augen und grunzt: »Ha? Was gibt's denn? Was ist denn los?« – »Man streitet sich, ob Piron geistreicher ist als Voltaire.« – »Nun, einigen wir uns. Von Geist ist die Rede? Nicht vom Geschmack? Denn von Geschmack hat Euer Piron sicherlich keine blasse Ahnung.« – »Keine Ahnung?« – »Nein.« – Und schon sind wir dabei, unsere verschiedenen Ansichten über den Geschmack aufeinanderplatzen zu lassen. Da gibt unser Gastwirt durch ein Zeichen mit der Hand zu erkennen, daß er reden will. Denn auf seinen Geschmack bildet er sich was ein. Dieses Thema liegt ihm, meint er: »Der Geschmack«, entscheidet er, »... der Geschmack ist ein Ding ...«, – hol' mich der Kuckuck, wenn ich weiß, was für ein Ding nach ihm der Geschmack ist. Er weiß es nämlich selbst nicht.

Hie und da besucht uns auch Freund Robbé. Dann tischt er uns seine schamlosen Erzählungen auf über die wunderlichen Taten hysterischer Personen, die er selbst miterlebt hat, und beglückt uns mit einigen Gesängen aus seinem Epos, das ein Thema behandelt, das er von Grund auf beherrscht. Ich kann seine Verse nicht ausstehen, aber ich höre ihn gern vorlesen. Wie ein Besessener gebärdet er sich. Alles schreit und tobt: »Ein Dichter! Das heißt wahrhaftig, Dichter sein!« Doch unter uns gesagt ist seine Poesie nichts weiter als ein wüstes Kunterbunt verworrener Geräusche, ein barbarisches Kauderwelsch wie zur Zeit des babylonischen Turmbaues.

Es besucht uns auch ein Tropf, der zwar recht dumm und einfältig aussieht, aber höllisch gescheit ist und boshafter sein kann als ein alter Affe. Er hat eines jener Gesichter, die zu Witzen und Anzüglichkeiten herausfordern und die Gott geschaffen hat, um die Leute zu strafen, die aus Gesichtszügen auf Charaktereigenschaften zu schließen sich vermessen, obwohl ihnen doch ihr eigenes Spiegelbild hätte sagen sollen, daß ebenso leicht hinter einem durchgeistigten Antlitz ein Trottel stecken kann wie hinter einem blöden Gesicht ein kluger Kopf. Die Unart, einen harmlosen Menschen dem allgemeinen Gespött preiszugeben, ist weit verbreitet. So läßt man sich, wenn der Tropf uns besucht, den Spaß nicht entgehen, sich auf ihn zu stürzen und ihn zu hänseln – gewissermaßen als Leimrute für die Besucher, die uns zum erstenmal beehren. Ich kenne niemand, der nicht darauf hineingefallen wäre.

Ich war höchst erstaunt, mit welcher unfehlbaren Sicherheit dieser Narr über Menschen und Charaktere zu urteilen verstand, und ließ es ihm merken.

»Diesen Vorteil,« erwiderte er mir, »muß man doch wenigstens haben, wenn man in übler Gesellschaft verkehrt und sich einem liederlichen Lebenswandel ergeben hat. Für die verlorene Unschuld wird man durch das Schwinden aller Vorurteile entschädigt. Unter diesen Brüdern, wo Laster und Untugenden offen gezeigt werden, lernt man die Menschen kennen. Außerdem bin ich ja auch ziemlich belesen.«

Ich: Was haben Sie gelesen?

Er: Ich kenne und lese immer wieder mit Genuß Theophrast,Theophrast – Theophrastos, griech. Philosoph und Naturforscher, soll »an Faulheit« gestorben sein, † 287 v. C La Bruyère und Molière.

Ich: Diese Bücher sind wirklich ausgezeichnet.

Er: Sie sind noch viel besser als man denkt. Aber wer versteht sie zu lesen?

Ich: Jeder. Soweit er das Gelesene aufzufassen vermag.

Er: Fast niemand, sage ich Ihnen! Was sucht man denn in diesen Büchern? Können Sie mir's erklären?

Ich: Unterhaltung und Belehrung.

Er: Aber was für eine Belehrung? Das ist des Pudels Kern.

Ich: Über die Pflichten der Menschen, über den angeborenen Hang zur Tugend und über den allgemeinen Abscheu vor dem Laster.

Er: Was mich betrifft, so entnehme ich daraus, was man nicht sagen, wohl aber tun darf. Wenn ich also den ›Geizigen‹, lese, so sage ich mir: sei geizig, wenn es dir Spaß macht, aber hüte dich, wie ein Geiziger zu sprechen. Lese ich den ›Tartuffe‹, dann sage ich mir: sei heuchlerisch, wenn es dir Spaß macht, aber sprich nicht wie ein Heuchler. Sei lasterhaft, wenn du davon einen Vorteil hast, aber vermeide alles, was dir den Anschein der Lasterhaftigkeit geben und dich lächerlich machen könnte. Will man sich in dieser Hinsicht richtig benehmen, so muß man das Gebaren und Benehmen, das man vermeiden soll, kennen. Die Schriftsteller, die ich vorhin nannte, haben da ausgezeichnete Typen geschaffen. Somit bleibe ich, wer ich hin, spreche aber so, wie es sich ziemt. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die die Sittlichkeitsapostel über die Achsel ansehen. Man kann von ihnen viel lernen, besonders von denen, die ihre Lehre in die Tat umgesetzt und danach ihr Leben eingerichtet haben. Die bloße Tatsache, daß es Ausschweifungen und Laster gibt, läßt die Menschen ziemlich kalt und berührt sie nicht wesentlich. Wenn sie aber auf Schritt und Tritt durch herausforderndes Zurschautragen eines lasterhaften Lebenswandels verletzt werden, nehmen sie das ernstlich übel. So ist es vielleicht besser, frech zu sein als frech auszusehen. Wer frech ist, wirkt nur hier und da verletzend. Wer aber frech aussieht, wirkt auf Schritt und Tritt anstößig. Übrigens brauchen Sie nicht zu denken, daß ich diese Art der Lektüre allein gepachtet habe. Mein Verdienst ist bloß, daß ich da, wo die meisten Menschen rein instinktmäßig handeln, bewußt nach logischen und vernünftigen Gesichtspunkten vorgehe. Während die meisten daher trotz der Lektüre, ob sie wollen oder nicht, ebenso lächerlich sind wie vorher, bin ich es nur, wenn es mir Spaß macht. So stehe ich turmhoch über ihnen. Dieselbe Kunst, die mich lehrt, in gewissen Fällen den Anschein von Lächerlichkeit zu meiden, setzt mich in den Stand, mich in andern Fällen mit vollendeter Meisterschaft lächerlich zu benehmen. Ich brauche mich dann nur alles dessen zu entsinnen, was andere gesagt haben und was ich gelesen habe, und einige Ideen, die auf meinem eigenen Mist gewachsen sind, beizutragen. Sie müssen wohl zugeben, daß ich in dieser Hinsicht an Fruchtbarkeit nichts zu wünschen übriglasse.

Ich: Es war klug von Ihnen, mich ein wenig in Ihre Werkstatt blicken zu lassen. Sonst hätte ich annehmen müssen, daß Sie einen recht widerspruchsvollen Charakter haben.

Er: Da hätten Sie mir unrecht getan. Denn glücklicherweise muß ich nur selten das Lächerliche meiden. Unter hundert Fällen vielleicht nur ein einziges Mal. In der Gesellschaft gibt es nämlich keine bessere Rolle als die des Narren. Lange Zeit gab es ja auch offiziell Hofnarren. Aber das Amt eines Hofweisen hat es niemals gegeben. Ich bin der Narr Bertins und vieler anderer Leute. Augenblicklich vielleicht der Ihre oder Sie der meine. Wer gescheit ist, braucht keinen Narren. Wer also einen Narren hat, ist nicht gescheit, sondern ein Narr und vielleicht, wenn er zufällig ein König ist, der Narr seines Narren. Halten Sie sich übrigens vor Augen, daß sittliche Anschauungen sehr veränderlich sind und es daher auf diesem Gebiet weder unbedingt Sicheres, noch unbedingt Wahres oder Falsches gibt, es wäre denn das Gebot: je nach den Umständen und dem eigenen Vorteil gut oder böse, gescheit oder närrisch, taktvoll oder lächerlich, rechtschaffen oder lasterhaft zu sein. Wenn zufällig die Tugend Reichtum und Wohlhabenheit vermitteln könnte, wäre ich sicherlich immer tugendhaft oder würde mindestens Tugend heucheln wie irgendein anderer. Man hat mich närrisch haben wollen, daher bin ich es geworden. Was meine Lasterhaftigkeit anbetrifft, so ist sie mir, scheint's, angeboren. Ich sage ›lasterhaft‹, um in Ihrer Sprache zu sprechen. Denn wenn wir uns über diesen Punkt eingehender unterhalten, könnte sich herausstellen, daß das, was Sie für ein Laster halten, nach meiner Ansicht eine Tugend ist und umgekehrt.

Bei uns verkehren auch die Autoren der Komischen Oper, ihre Schauspieler und Schauspielerinnen und sehr häufig auch deren Leiter Corbi und Moët, reiche und äußerst verdienstvolle Leute!

Fast hätte ich die großen Kritiker vergessen, vom l'Avant-coureur, den Petites affiches, l'Année littéraire, l'Observateur littéraire, Censeur hebdomadaire – kurz, die ganze Journalistensippschaft.

Ich: L'Année littéraire, l'Observateur littéraire? Sie müssen sich täuschen. Die können sich doch nicht ausstehen!

Er: Das ist wohl wahr. Aber alle Lumpen versöhnen sich sehr schnell, wenn ihnen eine volle Schüssel winkt. Dieser verdammte Observateur litté raire! Daß ihn doch der Teufel hole, ihn mitsamt seiner Leitung! Dieser Hund von einem Pfaffen, dieser geizige Zwerg, dieser stinkige Wucherer, der an meinem Unglück allein schuld ist. Gestern beehrte er uns zum erstenmal. Er kam gerade zu der Stunde, wo wir alle aus unseren Schlupfwinkeln hervorkommen, zur Stunde des Mittagessens nämlich. Wer da, wenn es regnet, die vierundzwanzig Kreuzer für einen Wagen in der Tasche hat, ist ein beneidenswerter Mann. Und doch kehrt mancher, der sich mittags über seinen Kollegen lustig gemacht hat, weil der von oben bis unten beschmutzt und bis auf die Knochen durchnäßt angelangt war, abends ebenso zugerichtet in seine vier Wände zurück. Vor einigen Monaten hatte einer – ich weiß nicht mehr wer – einen heftigen Streit mit einem Savoyarden,Savoyarden – Johann Kaspar Riesbeck »Briefe eines reisenden Franzosen« im Brief über Berlin: »Man kann zu allem einen Soldaten um ein kleines Geld haben. Sie putzen die Schuhe, waschen, flicken, kuppeln und tun alles, was anderswo die Savoyarden und alten Weiber tun.« der vor unserer Türe zu stehen pflegte. Die Rechnung für die geleisteten Dienste war angewachsen. Der Gläubiger wollte, daß sein Schuldner bezahle. Aber der war nicht bei Kasse.

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