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Herrn Rameaus Neffe

Denis Diderot: Herrn Rameaus Neffe - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorDenis Diderot
titleHerrn Rameaus Neffe
editorRoland Welcker
year1891
translatorOtto Heinrich von Gemmingen
correctorreuters@abc.de
senderwww.welcker-online.de
created20070123
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Ob die Sonn e scheint oder gewitterschwangere Wolken am Himmel stehen – nichts hält mich ab, regelmäßig um fünf Uhr nachmittags den Park des Palais Royal aufzusuchen. Der Träumer, den man zu dieser Stunde auf der Bank d'Argenson allein vor sich hinbrüten sieht, der bin Ich: Da sinne ich allen möglichen Problemen nach – sei es der Politik oder der Liebe, der Kunst oder der Philosophie – und lasse meinem Geist frei und ungebunden die Zügel schießen. Dem erstbesten Gedanken, der ihm einfällt – und mag er noch so toll sein –, kann er da nachjagen, wie ein junger Geck, der in der Allee de Foy einer leichtschürzigen, schelmisch lockenden Kokotte nachsteigt, doch bald von ihr abläßt, um einer anderen zu folgen, alle angeht und doch an keine sich bindet. Meine Gedanken, das sind meine Dirnen.

Wenn es zu kalt oder regnerisch ist, flüchte ich mich ins Café de la Régence und vergnüge mich, den Schachspielern zuzusehen. Nirgends spielt man so gut Schach wie in Paris und in dieser Stadt nirgends so gut wie im Café de la Régence. Dort kreuzen der kluge Legal, der feinfühlige PhilidorPhilidor – François-André Danican Philidor, franz. Musiker, galt seinerzeit als weltbester Schachspieler, † 1795 und der bedächtige Mayot die Klingen. Dort sieht man die verblüffendsten Züge, hört aber auch – die einfältigsten Reden. Denn man kann wohl ein gescheiter Kopf und genialer Schachspieler sein wie Legal, aber man kann auch ein genialer Schachspieler und dabei ein Dummkopf sein wie Foubert und Mayot.

Eines Nachmittags, als ich dort war, mit großer Aufmerksamkeit dem Spiele folgte, meist schwieg und möglichst wenig von dem platten Geschwätz zu hören trachtete, ward ich von einem ganz absonderlichen Kauz angesprochen. Wir haben ja weiß Gott in unserem Lande keinen Mangel an verkrachten Sonderlingen. Aber dieser ist allen weit überlegen in seiner merkwürdigen Mischung von Anständigkeit und Gemeinheit, von Verstand und Unvernunft. Der Unterschied zwischen Gut und Böse, ja diese Begriffe selbst scheinen ihm in ihrer Bedeutung recht unklar zu sein, denn einerseits macht er von den guten Gaben, die ihm die Natur zuteil werden läßt, nicht viel Aufhebens, anderseits hält er mit seinen Fehlern nicht hinterm Berg, sondern sonnt sich in ihnen, ohne eine Spur von Scham. Im übrigen erfreut er sich einer äußerst widerstandsfähigen Gesundheit, einer äußerst lebhaften Einbildungskraft und einer Zungenfertig, die bemerkenswert ist. Solltest du ihm einmal begegnen, lieber Leser, und seine Eigenheiten dich nicht fesseln, so wirst du unweigerlich die Finger in die Ohren stecken und auf und davon gehen. Herrgott, wie kann dieser Mensch schwätzen!

Nichts ist ihm unähnlicher als er selbst. Bald scheint er abgemagert und hohlwangig wie ein Kranker im letzten Stadium der Auszehrung. Man glaubt fast, daß er mehrere Tage gehungert hat oder eben aus la Trape kommt. Einen Monat darauf ist er feist und wohlgenährt, als habe er durch längere Zeit die Tafel eines Finanzmannes beehrt oder sei in einem Bernhardinerkloster zu Gaste gewesen. Heute wankt er vorbei, verdreckt von oben bis unten, in Lumpen, mit zerfetzten Hosen, abgetretenen Schuhen voller Löcher, läßt den Kopf hängen und duckt sich so verschüchtert, daß man gute Lust hätte, ihn herzurufen, um ihm ein Almosen zu geben. Morgen stolziert er einher – gepudert, frisiert, in tadellosen Schuhen und Kleidern – reckt und streckt sich, damit ihn nur ja jeder sieht. An solchen Tagen könnte man ihn fast für einen anständigen Menschen halten. Unbekümmert lebt er in den Tag hinein, frohgemut oder schlechter Laune; je nach den Umständen. Des Morgens, wenn er aufsteht, denkt er einzig und allein daran, wo er zu Mittag speisen wird. Nach dem Mittagessen überlegt er, wo er ein Nachtmahl ergattern könnte. Auch sein Nachtlager verursacht ihm manchmal einiges Kopfzerbrechen. Entweder klimmt er zu seiner kleinen Dachkammer hinan – sofern ihm nicht gerade seine Mietsfrau aus Ärger über den ausgebliebenen Zins den Haustorschlüssel abgefordert hat, oder er lümmelt sich in eine Vorstadtkneipe und wartet bei einem Stück Brot und einem Humpen Bier den Anbruch des Tages ab. Hat er aber – hie und da kommt es vor – keinen einzigen Kreuzer in der Tasche, dann kriecht er bei einem Lohnkutscher seiner Freunde unter oder in einem Herrschaftsstall, wo er auf der Streu neben den Pferden ein kärgliches Lager zugewiesen erhält. Den andern Tag trägt er dann natürlich ein gut Teil seines Unterbettes in seinen Haaren mit sich spazieren. Bei warmem Wetter streicht er die ganze Nacht auf dem Cours de la Reine oder auf den Elysäischen Feldern umher: Wenn er dann nach Tagesanbruch wieder in die Stadt zurückkehrt, hängt ihm sein Rock genau so am Leibe, wie er ihn am vergangenen Tag angetan hat. Nichts hat sich von gestern auf heute daran geändert manchmal bleibt's auch für den Rest der Woche so.

Ich habe für derartige Käuze wenig übrig. Aber es gibt Leute, die mit ihnen vertraut umgehen und sie sogar zu ihren Freunden machen. Was mich angeht, so nehme ich sie mir vielleicht einmal im Jahr, wenn sie mir begegnen, etwas genauer aufs Korn, weil ihr Gebaren von dem der Menge absticht und sie jene öde Gleichförmigkeit sprengen, in die uns unsere Erziehung, unsere gesellschaftlichen Sitten und Gewohnheiten einzwängen. Zeigt sich ein solcher Kauz unter Leuten, so wirkt er wie ein Sauerteig, der die Masse in Gärung bringt und jedem einzelnen mindestens einen Teil seiner einstigen Natürlichkeit wiedergibt. Er rüttelt an den künstlich aufgerichteten Schranken, zwingt Stellung zu nehmen, seine Zustimmung oder sein Mißfallen zu äußern, sich wahr und offen zu geben. Er entlarvt die Schurken und verhilft den redlichen Leuten zu verdienter Beachtung. In solchen Augenblicken horcht, wer nicht auf den Kopf gefallen ist, um sich und sichtet seine Leute.

Ich kannte diesen sonderbaren Menschen schon ziemlich lange. Er verkehrte in einem Hause, wo er seiner vielseitigen Talente wegen Einlaß gefunden hatte. Die gastfreundlichen Leute besaßen eine einzige Tochter: Er entblödete sich nicht, den Eltern hoch und heilig zu versichern, daß er ihre Tochter heiraten werde. Wenn die beiden ihn auch nicht ernst nahmen, die Achseln zuckten, ihm ins Gesicht lachten und ihn einen Narren hießen, so sah ich doch voraus, daß er eines Tages sein Ziel erreichen werde. Als er mich um einige Taler anging, gab ich sie ihm. In einigen anständigen Häusern, wo er sich auf ganz rätselhafte Weise Zutritt verschafft hatte, lag immer ein Gedeck für ihn bereit, wobei man sich freilich ausbedungen hatte, daß er nur dann sprechen dürfe, wenn man es ausdrücklich gestatte. So schwieg er denn und schlang als Entschädigung ganz unheimliche Mengen in sich hinein. Es war wirklich köstlich, ihm dabei zuzusehen. Wenn ihm das gegebene Versprechen unerträglich schien und er den Mund auftat, um es zu brechen, schrien gleich sämtliche Tischgenossen wie im Chor: »Aber, Rameau!« Dann glühten seine Augen giftig auf und er schlang und schlürfte mit verdoppeltem Eifer.

Dich hat sicherlich schon lange die Neugier geplagt, den Namen dieses Kauzes zu erfahren. Nun weißt du ihn! Er ist der Neffe des bekannten Musikers, der uns von dem eintönigen Chorgesang Lullys, den wir seit mehr als hundert Jahren daherleierten, erlöst hat, des Musikers. der gar viele mit dem Verstand allein nicht faßliche Dithyramben und apokalyptische Schriften über die Theorie der Musik verfaßt hat – ein Gebiet, das bis zu einem gewissen Grade auch heute noch ziemlich unerforscht ist. Es ist der Neffe des bekannten Musikers, von dessen Hand wir eine ganze Menge Opern besitzen, in denen man Harmonie, eine Anzahl von Liedern, wirr verstreute Ideen, viel Pauken und Trompeten, pompöse Texte, blitzende Lanzen, Siegesfeiern, Volksgemurmel, staunenswerte Triumphzüge und unsterbliche Tanzweisen findet, der aber, genau wie er einst den Florentiner aus dem Sattel gehoben hat, von den Meistern Italiens überholt werden wird und im Vorgefühl des unentrinnbaren Schicksals, in düsterem und verbissenem Gram durch die Tage wandelt. Denn niemand – nicht einmal eine schöne Frau, die morgens am Spiegel eine entzündete Stelle auf ihrer Nase entdeckt – ist so übelgelaunt wie ein schaffender Künstler, dem die Gefahr droht, seinen Ruhm zu überleben. Das beweisen Marivaux und Crebillon der Jüngere.

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