Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Gerstäcker >

Herrn Mahlhuber's Reiseabenteuer

Friedrich Gerstäcker: Herrn Mahlhuber's Reiseabenteuer - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorFriedrich Gerstäcker
titleHerrn Mahlhuber's Reiseabenteuer
publisherF. A. Brockhaus
year1857
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid3f22035d
created20061210
Schließen

Navigation:

1.

Der Commerzienrath.

In einem gemüthlichen Städtchen Baierns – und alle Städte und Städtchen Deutschlands sollten eigentlich den Gesetzen nach gemüthlich sein – lebte still und zurückgezogen der Held unserer Geschichte.

Herr Hieronymus Mahlhuber war ein anspruchloser Mann, der sich schon seit länger als fünfzehn Jahren mit dem Titel eines Commerzienraths und im Besitze eines Ludwigskreuzes nach Gidelsbach zurückgezogen hatte und hier mit einer alten Haushälterin still und ruhig seine Tage verlebte. Was er einmal früher gethan, den Titel wie den Orden zu bekommen, hat man nie erfahren. Manche, und besonders die äußerste Linke in Gidelsbach (der Müller und der Bader), wollten behaupten, er hätte Beides bekommen, weil er nichts gethan, aber da sich das nicht denken ließ, so fand es auch keinen Eingang bei dem denkenden Theile der Bürgerschaft. Die Einwohner von Gidelsbach sahen den kleinen wohlbeleibten ältlichen Herrn sogar mit einer soviel größern Ehrfurcht und Achtung an, weil eben über seinen Verdiensten ein gewisses geheimnißvolles Dunkel lag, und zu diesen gehörte jedenfalls und unbestritten, daß er nur selten davon sprach.

Von etwas sprach er aber, das übrigens auch ein besonderes Interesse für ihn haben mochte, da es ihm am nächsten stand, und das war seine Leber, die er, ob gegründet oder ungegründet, in den Verdacht gebracht hatte, daß sie drei Zoll zu groß sei und in ihrer Anschwellung darauf hinarbeite ihm den Magen abzustoßen.

Die beiden Aerzte im Städtchen waren darüber, wie sich das auch nicht anders erwarten ließ, durchaus entgegengesetzter Meinung, wodurch der eine, der eine derartige Krankheit vollkommen ableugnete und das Leiden zuerst als eine Indigestion und nachher für alberne Einbildung erklärte, einen sehr guten Kunden verlor, und der andere, der durch Klopfen und Horchen an Brusthöhle, Rippen, Schultern und allen andern Körpertheilen des Commerzienraths allerdings einige jedenfalls zu berücksichtigende und bedenkliche Symptome einer möglichen rothen oder gelben Hypertrophie oder einer speckartigen Entartung der Leber gefunden haben wollte, ihn gewann.

Herr Commerzienrath Mahlhuber war sehr besorgt um sein Leben im Allgemeinen wie um seine Leber im Besondern, und das muß ihn entschuldigen, wenn er mit dieser angeblichen unnatürlichen Vergrößerung derselben auch eine früher gehabte, leicht und glücklich operirte Balggeschwulst oben auf dem Kopfe in Verbindung brachte. Er hatte eine natürliche Scheu vor allen derartigen Dingen, und die sonst ganz unschuldige Geschwulst war ihm als das Entsetzlichste erschienen, was sich an dem menschlichen Körper nur überhaupt bilden konnte, da es, in unmittelbarer Nähe mit dem Gehirn, in seinen Folgen unberechenbar sein mußte.

Bei weiter gar keiner Beschäftigung als eben nur der, sein ihm äußerst kostbares Leben zu erhalten, malte er sich die Entwickelung solcher Leiden mit den lebendigsten Farben aus, und war endlich zu dem Resultat gekommen, daß eine Vereinigung der Balggeschwulst-Nerven mit der Leber keineswegs zu den Unmöglichkeiten gehöre, ja daß oben sogar auf dem Kopfe, trotz der vollkommen geheilten Narbe, ein ähnlicher Schaden wieder ausbrechen und krebsartige Folgen mit sich führen könne.

Doctor Mittelweile that sein Möglichstes, ihm derartige Ideen auszureden und ihm zu beweisen, daß er ebenso leicht einen Krebs an der äußersten Nasenspitze wie an der vernarbten und vollkommen geheilten und von ihm selbst operirten Geschwulst erwarten dürfe; Doctor Märzhammer aber, sein früherer Arzt, machte sich ein Vergnügen daraus unter der Hand, wo er wußte, daß es dem Commerzienrath zu Ohren kommen mußte, zu verbreiten, »die Naht könnte im Innern noch einmal eitern«.

Doctor Mittelweile, der vergebens gegen solchen Unsinn ankämpfte und täglich die alten Geschichten und Klagen mit dem vollkommen gesunden Manne durchzuarbeiten hatte, wußte endlich keinen andern Rath als ihn auf Reisen zu schicken, weniger in ein bestimmtes Bad zu gehen, als nur einmal einen Monat in der Welt umherzufahren. Sein Patient brauchte Zerstreuung, und die konnte er in dem mit der Welt in fast gar keiner Verbindung stehenden Gidelsbach nimmermehr finden. Er war hier versauert und eingetrocknet und mußte hinaus an die frische Luft. Auch für die Leber prophezeite er ihm dabei die segensreichsten Folgen, da nichts ein unnatürliches Wachsen der Leber, wie man das ja auch an den Gänsen sehe, so befördere, wie Unthätigkeit und gehemmte Bewegung.

Doctor Mittelweile hatte nun aber mit einer andern Schwierigkeit zu kämpfen, mit dem vor allem die Ruhe liebenden Temperament des Patienten. »Nur keine Aufregung! – nur keine Uebereilung!« wurden seine Wahlsprüche, und wenn er irgendetwas auf der Welt, außer Demokraten, haßte, so waren es Abenteuer, zu denen er selbst die unschuldigsten Fälle rechnete, sobald sie ihn nur aus dem gewöhnlichen Gleise seines stillen behaglichen Lebens hinausbrachten. Mußte er da nicht eine Reise als eine Kette von Abenteuern betrachten, und hätte er sich je selber freiwillig dazu entschließen können? – Nimmermehr.

Es gab nur Einen Gegenstand – wie Doctor Mittelweile recht gut wußte – in der weiten Gotteswelt, der ihn endlich wirklich zu einem solchen verzweifelten Entschlusse treiben konnte, und der war – eben die Leber. Hinter diese steckte sich der Doctor, und die Symptome wurden denn auch bald so bedenklicher Art, daß der Commerzienrath in seinem »baumfesten« Entschlusse, wie er ihn nannte, wirklich wankend gemacht wurde und die Möglichkeit zuzugeben anfing, daß er doch am Ende reisen könne.

»Es gibt nur zwei Wege für Sie«, hatte der Doctor, dem die Geschichte nachgerade anfing langweilig zu werden, am Ende einer langen Rede einmal zu ihm gesagt. »Sie müssen sich in einen Wagen setzen, oder Sie werden in einen gesetzt, oder vielmehr gelegt nach unsern jetzigen christlichen Begriffen. Außerdem weiß ich noch nicht einmal ob das allein für Sie hinreichend sein wird, denn das dumme Zeug, was Sie sich von der ›umwundenen Naht‹ haben in den Kopf setzen lassen (und ich kann mir recht gut denken woher es kommt), wird auch die Reise nicht ganz mit der Wurzel ausrotten, dazu gehört schon eine Radicalcur.«

»Noch etwas Schlimmeres als eine Reise?«

»Schlimmeres? – ja und nein, wie Sie wollen.« »Und das wäre?«

»Sie müssen heirathen.« »Heirathen?« rief der Commerzienrath, mit einem Satze aus seinem Lehnstuhl hinausspringend und einen scheuen Blick nach der Thür werfend. Wenn Dorothee das Wort gehört hätte!

»Heirathen«, bestätigte aber der Doctor, der selbst zum ersten male an einen solchen Ausweg gedacht und nun that, als ob er sich das Für und Wider schon monatelang mit allen Gründen und Hindernissen überlegt und die Eröffnung nicht länger auf dem Herzen hätte behalten können. »Heirathen«, wiederholte er noch einmal, und nahm eine langsame bedächtige Prise. »Und je eher Sie sich dazu entschließen, desto besser für Sie. Viel Zeit haben sie überhaupt nicht mehr damit.«

»Unsinn!« sagte der Commerzienrath, der sich von dem ersten Schreck erholt hatte, und wieder in seinen Stuhl sank, »heirathen? Fragen Sie einmal meine Dorothee, was die dazu sagen würde.«

»Dorothee?« rief der Doctor unwillig und verächtlich mit dem Kopfe schüttelnd, »Dorothee! – Was geht uns Ihre Dorothee an, wenn es sich um Ihre lebenslängliche Behaglichkeit und Gesundheit handelt?«

»Behaglichkeit? – Ja das kann ich mir denken«, sagte der Commerzienrath. »Daß ich die Hölle im Hause hätte? – Nein, Doctor, meine Leber will ich Ihnen anvertrauen, aber meinen Hausfrieden nicht. Wenn es denn nun einmal nicht anders sein kann, so will ich reisen – meinetwegen; ich gehe so und so zugrunde; aber wie? – wohin? – womit? – wie weit?«

»Sie müssen vor allen Dingen fahren«, sagte der Doctor rasch, und klug genug, sein zweites Mittel für den Augenblick nicht mit Gewalt erpressen zu wollen, »Zeit bricht Rosen, und wenn Sie sich hier morgen früh auf die Post setzen, können Sie übermorgen mit dem Sechs-Uhr-Zuge die Wahl zwischen den Weltgegenden haben, die Sie besuchen wollen.«

»Eisenbahnen!« seufzte der Commerzienrath. »Ich kenne kein unbehaglicheres Gefühl auf der Welt, eine Operation ausgenommen, als sich auf eine Eisenbahn zu setzen. Die unerwarteten Fälle, die da vorkommen: Zusammenrennen der Locomotiven, Platzen der Kessel, Einschneien der Züge –«

»Wir sind ja mitten im Sommer.«

»Nun ja, aber alle derartigen Aufregungen, die junge leichtsinnige Menschenbilder Abenteuer nennen, sind mir in innerster Seele verhaßt, und wenn Sie sich dadurch eine Heilung meiner Krankheit versprechen, haben Sie vorbeigeschossen. Ich fürchte diese werden meinen Zustand eher, wenn das überhaupt möglich ist, verschlimmern.«

»Lieber Commerzienrath«, beruhigte ihn der Doctor, »Sie haben in unserer Zeit auf einer Eisenbahn nicht mehr Abenteuer zu fürchten wie oben auf dem Kanzleigericht; es geht Alles seine trockene, eingefahrene, pedantische Bahn. Wenn Sie den Zug nicht versäumen, brauchen Sie nicht zu glauben, daß Ihnen irgendetwas Außergewöhnliches passirt.«

»Also morgen!« stöhnte der Commerzienrath, und »Gott sei Dank!« sagte Doctor Mittelweile mit einem tiefen Seufzer, als er die Treppe hinabstieg; »haben wir ihn doch erst einmal so weit.«

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.