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Herrmann und Ulrike / Band 2

Johann Karl Wezel: Herrmann und Ulrike / Band 2 - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleHerrmann und Ulrike / Band 2
authorJohann Karl Wezel
year1971
firstpub1780
publisherJ. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung
addressStuttgart
isbn3-476-00197-0
titleHerrmann und Ulrike / Band 2
pages448
created20100430
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Kapitel.

Erfüllt mit den süßesten Träumen der Ehre und künftiger Größe – in der festen Ueberredung. daß sich unmittelbar nach seiner Ankunft in Dresden Schwingers Freunde und alle andre Personen, die etwas für ihn zu thun vermöchten, um die Wette beeifern würden, seine Einbildungen wirklich zu machen, langte der unerfahrne Jüngling an einem heitern Morgen in der Meißner Gegend an. Zwo Nächte hindurch hatten sich seine Augen keine Minute geschlossen: immer wandelten vor seiner Seele goldne Bilder vorüber, bald Liebesauftritte mit der Baronesse, bald Scenen der Ehre, doch keine, woran nicht Ulrike den Hauptantheil hatte: ihr Besitz war das lezte, der vollendende Schluß bey allen Vorspiegelungen seiner Einbildungskraft, sie beleuchtete, wie eine 4 Mittagssonne, alle seine Vorstellungen, gab ihnen Leben, Feuer und Wahrscheinlichkeit, spannte alle seine Kräfte an – Er wurde nicht von vier abgelebten Schecken aus dem Postwagen langsam fortgezogen: nein, er schwebte in den Wolken: die Räder, so schwerfällig sie sich umdrehten, rollten ihm schnell dahin, wie die Ideen durch seinen Kopf: alles um ihn herum, die ganze Postgesellschaft war für ihn vernichtet: er war allein auf der Erde.

Der Schaffner fieng einige witzige Scharmützel mit ihm an, um die verschlafne Gesellschaft auf seine Unkosten aufzuheitern: nicht Ein Laut war aus ihm zu locken! Der Mann wurde über die mislungnen Angriffe verdrießlich: er verdoppelte sie, und weil er besorgte, daß sein Witz für eine so hölzerne Seele, wie ihm Herrmann schien, zu fein gewesen sey, so machte er ihn izt so derb und plump, daß ihn auch der phlegmatischste Dummkopf hätte fühlen müssen: nicht Eine Sylbe wurde erwiedert! Inzwischen fielen doch dem Träumer die öftern Anreden des witzigen Schaffners allgemach beschwerlich: um 5 nicht ferner durch sie gestört zu werden, stieg er aus und nahm einen Platz vorn vor der Kutsche: hier quälte ihn das Mitleid des Postilions, der ihm unaufhörlich über seinen schlechten Sitz kondolirte, und endlich gesellte sich sogar der Schaffner dazu und nöthigte ihn mit spottender Höflichkeit, auf den alten Platz zurückzukehren; und da die Güte nicht verfangen wollte, gebrauchte er sein Schaffneransehn, ihn zurückzubringen, und stellte ihm seine Pflicht, für die Bequemlichkeit der Passagier zu sorgen, und die Verantwortung, die er ihm durch Beharrung in seinem Eigensinn zuziehen werde, mit so eindringendem Eifer vor, daß er nachgab und den alten Sitz wieder einnahm. Nun hagelten witzige Einfälle und Hönereyen auf ihn los: denn der Schaffner hatte der Reisegesellschaft, als er ihn zurückholte, das Wort gegeben, »ihm recht einzuheitzen, wenn er ihn wieder unter dem gelben Tuche hätte.« – Endlich, da aus dem Klotze schlechterdings gar keine Antwort zu ziehen war, wurde der Mann unwillig: er wandte sich mit zorniger Bewegung zu der übrigen 6 Gesellschaft – »Daß der Teufel den Kalbeskopf holte!« sprach er pathetisch. »Ich bin doch meiner Seele! zwanzig Jahr Schaffner und habe so Manchen aus Afrika und Amerika, aus Rußland und Petersburg gefahren: aber straf mich Gott! so einen Hans Morchel hab' ich noch nicht auf meiner Kutsche gehabt. So wahr mich unser Herr Gott erschaffen hat! es ist ein Pilz. Mich soll der Teufel lebendig speisen, wenn ich ihn wieder ansehe.« – Wirklich drehte er ihm auch den Rücken zu und sprach die ganze Reise über kein Wort mehr.

Izt eröfnete sich die ganze herrliche Scene des Septembermorgens: unser Reisender war durch Schwingern darauf vorbereitet worden und nahm deswegen wieder einen freyen Platz außer der Kutsche ein. Fantastische Felsen in düstern Schatten gehüllt, mit einer Strahlenkrone von der aufgehenden Sonne bekränzt, wanden sich in mannichfaltigen Krümmungen an der linken Seite hin: zur Rechten die breite Fläche der Elbe, die für ihn ein Meer war; aus ihr einzelne Kähne, langsam daherschwimmend, als 7 wenn ihre Regierer noch halbschlaftrunken das Ruder regierten: an ihrem jenseitigen Ufer aufsteigende Berge mit dichtem dunkelm Buschwerk bedeckt, aus welchem die weißen schlanken Birkenstämme hier in freundschaftlichen Gruppen, dort einzeln in ungeselligen Entfernungen emporstiegen! Izt floh der Fluß von der Straße hinweg, ließ am linken Ufer bunte Wiesen und Fruchtfelder, noch halb mit dem Flore der Nacht überdeckt, und wand sich mit der bleyfarbnen Fläche nach einem Halbzirkel von Felsen hin: sie nahmen ihn in ihre Arme auf, er wurde zum stehenden Meer und schien hier von seinem Laufe ausruhen zu wollen. – Die ernste Stille der Nacht beherrschte noch diese Ruhestätte: in feierlichen Reihen standen hohe Eichen, breitgewachsne Buchen und langaufgeschoßne Birken über einander an dem Amphitheater der zackichten Berge und empfiengen mit ehrerbietigem Warten den kommenden Fluß: für Herrmannen war dies eine melancholische Einsiedeley, die Oefnungen der Berge waren ihm Hölen; in einer saß Ulrike und weinte, von ihrem stolzen Onkel in 8 Felsen eingesperrt: eine ungeheure See trennte sie und seinen Postwagen: seine Fantasie stimmte bald das Feierliche des Auftritts zur Traurigkeit um: die finstern Eichen und Buchen standen ihm in Flor tiefsinnig da, die starren Birken hatten weiße Leichengewände um sich geworfen und stiegen mit stummer Betrübniß aus dem dunkeln Grunde hervor, den die Dämmerung, wie ein ausgebreitetes schwarzes Tuch, bedeckte: alles trauerte um die einsame Eingeschloßne, und ich bin nicht gut dafür, ob er sie nicht endlich gar vor Schmerz in ihrer Höle hätte sterben lassen: aber sein Wagen wandte sich nach der linken Seite hin, das traurige Amphitheater nahm von ihm Abschied, streckte seitwärts noch einmal den Arm nach ihm aus und – verschwand; die Pferde sezten sich bey der Wendung in Trab, und das ganze Bild einer gewaltsamen Trennung war da: er seufzte, hüllte die nassen Augen in den Mantel und – welch' ein belebender Auftritt, als er sie wieder aufschlug! Die Pferde trabten mit ihm in ein Paradies hinein! Ein langgedehnter, rothschimmernder Bergrücken, 9 mit wimmelnden Häusern, Thürmen, Schlössern, in weiße Terrassen getheilt, woran sich Weinreben hinanschlangen, mit Fruchtbäumen geschmückt, lachte ihm, wie ein glückliches Eden, entgegen: seine überraschte Einbildungskraft schuf jedes Winzerhaus zu einem Palaste um und erhöhte das lebhafte Kolorit der Natur bis zur Bezauberung: aus einem melancholischen dumpfen Kerker war er plözlich unter den lachendsten Himmel versezt. Izt vergoldete der schiefe Morgenstrahl der Sonne eine hervortretende Kante, während daß der übrige Grund in dunkelrothem Schatten dalag: izt blinkte ein weißes Gebäude aus der Spitze am Ende des Horizonts herab – es war ihm ein ferner Marmorpalast, von einem Fürsten oder Prinzen bewohnt.

Allgemeine Regsamkeit belebte nunmehr die Scene: weitaufgeschürzte Dorfnymphen giengen schaarenweise an die frühe Arbeit; ringsum ertönten freundliche Morgengrüße, allenthalben erschienen fröliche Gesichter, rothe Wangen und fleischvolle nervichte Arme, von Gesundheit 10 und Zufriedenheit genährte Körper. Izt kam ein Trupp alter Mütter, das reichliche Morgenbrod in den Händen: mit stillem weisem Ernste besprachen sie sich über Angelegenheiten der Haushaltung, über die schweren Pflichten der Hausmütter, über bezauberte Kälber, die nicht wachsen wollen, und behexte Kühe, die keine Milch geben, obgleich ein doppelt heiliges Kreuz die Stallthür bezeichnet, und die Hörner ein hellrother Lappen wider des Satans Arglist und der Menschen Bosheit bewafnet. Izt schallte fernher das laute Lachen eines schäkernden Haufens: junge blühende Mädchen waren es, rothe Gesichter auf schwarzbraunem Grunde, alle muthig und glühend, wie Göttinnen der Gesundheit: ihre spaßenden Anbeter schlenterten mit gebognem Knie zwischen ihnen daher, trugen mit gutherziger Galanterie ihre Körbe, und aus galanter Bosheit füllten Andre die Körbe ihrer Geliebten mit Steinen und Erdklumpen: die Schönen, die sich auf seinen Scherz verstunden, schleuderten den Muthwilligen die ganze Ladung an die Köpfe, daß sie fluchend und drohend 11 dastunden, den Sand aus den Augen rieben oder aus den buschigten Haaren die Erdklumpen schüttelten: triumphirend trabten die Nimphen davon, nur eine, die gern gehascht seyn wollte, verweilte zu lange, ihr braungelber Adonis erwischte sie schnell, schlang um sie die aufgestreiften Arme, und schon näherte sich seine verwegne Hand dem verschobnen Halstuche: das beschämte Mädchen schrie dreimal laut, und dreimal hallte ihr keusches Geschrey aus den Weinbergen und vom fernen Ufer der Elbe zurück: der ganze übrige Haufen sah wartend ihrer Bestrafung zu und ehrte den Sieg ihres unverschämten Liebhabers mit einem mannichstimmigen lachenden Chor; und in der ganzen Gegend lachte der Wiederhall ein Triumphlied über die Bestrafung der schwarzbraunen Schöne. – Izt kamen mit eilfertigem Schritte ein Paar Städter, die auf Gewinst ausgiengen, die Gesichter voll Aerger über einen geschmälerten Profit: mit lebhafter Bewegung der Hände stritten sie über Projekte und Anschläge, ihren Vortheil zu vergrößern: – izt ein Paar andre, die den 12 Lohn ihrer Arbeit von gnädigen Herrschaften aus dem Lande herausbetteln wollten: Sorge für ihr Auskommen sprach aus jedem Zuge des hagern Gesichts, und Klagen über Mangel an Nahrung waren ihr Gespräch. – Hier schleppten wiederkauende Ochsen den knarrenden Pflug in langer Reihe langsam dahin: einer ihrer Monarchen pfiff der erwachten Flur ein rasches Morgenlied, ein andrer sang ein galantes Schätzel, du bist mein; dieser unterhielt sich mit seinem Stier, predigte ihm Regeln des Wohlverhaltens, lehrte ihn die Pflichten seines Berufs und spornte seine trägen Füße durch Versprechungen und Drohungen, und wenn diese nichts über sein fühlloses Herz vermochten, mit holtönenden Hieben an; jener schlich nachdenkend, in die Wichtigkeit seines erhabnen Postens vertieft, das dampfende Pfeifchen im Munde, mit stummer Gravität neben seinem Viehe her. – Dort wallte in der Ferne eine dichte Staubwolke, von Sonnenstrahlen erhellt: in ihr rollte, schnell wie der Donnerwagen Jupiters, von vier braunen Hollsteinern gezogen, 13 eine goldlackirte Kutsche, hinten und vorn mit einem Schwarm gepuzter Domestiken befrachtet, und in dem innersten Winkel des weiten leeren Kastens steckte ein schwindsüchtiges Männchen, wie eine Spinne, die ihr Gewebe dort anlegen wollte. – Kurz darauf erschien ein gnädiger Erb- Lehn- und Gerichtsherr in einer demüthigen Staubwolke, die kaum dem Qualme eines pudernden Friseurs ähnlich sah: eine gichtbrüchige, rothfuchsichte Kutsche trug den hochadlichen Körper, mit drey mattherzigen Bauerpferden bespannt, die ihre Füße auf Unkosten des Rückens schonten. Wie ein Pfeil, flog vor ihm auf einem leichten Rollwagen der dicke, ausgestopfte Pachter vorbey, der im vorjährigen Konkurse sein Rittergut erstanden hatte, mit leichtem Kopfnicken den gnädigen Vorgänger grüßte und spottend nebst seinem Hans die abgezehrten Gaule an der adlichen Kalesche mit seinen brausenden Hengsten verglich. Um die Lebhaftigkeit des Bildes zu vergrößern, wanderten ganze Karawanen schnatternder Marktweiber mit schnatternden Gänsen vor dem Postwagen vorbey: 14 dieser trug, jener schleppte seine Waare, einige führten sie auf Karren, andre auf hochgethürmten Wagen: es war allenthalben nichts als gehn und kommen, fahren und reiten in Einem wimmelnden Gedränge.

Herrmann fühlte sich in eine neue Welt versezt; er war betäubt, hingerissen, überwältigt: die reizendste Landschaft im schönsten Glanze des Morgens! das laute Getöse der Geschäftigkeit! soviel Leben, Munterkeit, Thätigkeit, wohin er nur blickte! – Das ganze beseelte Gemählde drang mit stürmischer Gewalt auf alle seine Sinne los: er konnte sich nicht eher als bey der nächsten Einkehr von der Berauschung so mannichfaltiger, überfüllender Bilder erholen. Indessen daß die übrige Gesellschaft sich in der dumpfen Wirthsstube mit dem Frühstück labte, schlich er einsam und tiefdenkend längs dem Dorfe hinan. Bald gieng er in Gedanken mit Ulriken so frölich und schäkernd durch die arkadischen Fluren, wie er kurz vorher Bäuerinnen mit ihren glücklichen Liebhabern zur Arbeit hatte auswandern sehn: o wie beneidete er das 15 glückselige Volk! wie wünschte er, ihnen gleich zu seyn! Schon machte er Entwürfe, wie er von dem Gelde, das Ulriken von ihrer Erbschaft zufallen mußte, ein Bauergut kaufen wollte – oder vielmehr er hatte in seiner täuschenden Einbildung schon wirklich eins gekauft: der Prozeß war geendigt, das Geld ausgezahlt, Ulrike seine Frau, er gieng schon an ihrem Arme ins Feld, säte und ärntete mit ihr ein, saß schon leibhaftig mit ihr auf dem Stein vor seinem ländlichen Häuschen in der Abendkühlung, und ein Schwarm von kleiner Nachkommenschaft spielte dem sechzehnjährigen Herrn Papa um den Schoos. Er zerfloß vor inniger Freude, vor sanfter Rührung über sein Glück: er hätte weinen mögen, daß er nicht zaubern konnte, um es auf der Stelle wirklich zu machen.

Brausend und schnaubend flogen zwey Isabellen mit einem leichten Vis-á-Vis daher, den ein Herr und eine Dame füllten: Scherz, Vertraulichkeit und Vergnügen lächelte aus ihren Gesichtern durch die Oefnung des Fensters – weg war aus Herrmanns Kopfe die ganze 16 ländliche Glückseligkeit! mit dem ersten Brausen der Pferde rein weggeblaßen! Er gieng nicht mehr an Ulrikens Hand zu Fuße ins Feld: nein, er fuhr ihr gegenüber in dem nämlichen Vis-á-Vis, mit der nämlichen frohen Vertraulichkeit, als ein reicher Mann, durch die grüssenden Reihen der gaffenden Dorfkinder, mit Ehre und Rang geziert, und der Himmel weis, ob er sich nicht gar adeln ließ, sein Kleid mit einem Sterne und die Schulder mit einem Ordensbande schmückte. Mit stolzem, edlem Schritte wandelte er daher, wie auf den Schwingen der Ehre getragen: der Postilion blies – o das verdammte Posthorn! Wie eine Sterbeglocke klangs! Sein rauhes Stöhnen verscheuchte den Traum seiner Größe, und traurig und seufzend kroch er unter das gelbe Gewölbe der Postkutsche und mußte, statt Ulriken, mit einer alten, finnichten, verwachsenen Jüdinn vorlieb nehmen, die er izt zum erstenmale mit großem Ekel an seiner Seite wahrnahm, ob sie gleich den halben Weg über schon neben ihm gesessen hatte. Die beräucherte Tapezierung des Wagens und die 17 widrige Nachbarschaft versezte ihn den ganzen übrigen Weg in so üble Laune, daß er sich von Herzen über die ekelhafte Häßlichkeit ärgerte, womit der Gott der Israeliten seine hebräische Nachbarin gebrandmahlt hatte. Der Weg däuchte ihm hundert Meilen lang.

Endlich rumpelte das schwerfällige Fuhrwerk durch den Schlag übers Pflaster stoßend und werfend daher: man hielt, man examinirte: ein neues Wunder für unsern Reisenden! Zum Unglücke erkundigte sich der Thorschreiber bey ihm zuerst nach Dero Namen und Charakter: dem armen Heinrich ward angst, wie in der Hölle: er faßte sich hurtig zusammen und that der Anfrage mit so aufrichtiger Umständlichkeit Genüge, daß er Taufnamen und Geschlechtsnamen nebst Geburtsjahr, Namen und Charakter seiner Eltern genau und pünktlich referirte: die übrige Gesellschaft lachte, hielt es für Fopperey und wunderte sich, daß ein Mensch, der den ganzen Weg über kein Wort geredt hatte, einer so beißenden Antwort fähig sey: der Thorschreiber wußte selbst nicht, woran er war, ob 18 ers für Spötterey oder Einfalt nehmen sollte, und da ihm die raffinirte Miene des jungen Menschen das lezte nicht wahrscheinlich machte, so hielt er sich ans erste und verwies ihm mit derbem Tone seine Naseweisheit und versicherte ihn, daß er an seines gnädigsten Herrn Statt hier stehe und auf seinen Befehl frage, wer er sey: der arme Pursche glaubte ein Verbrechen der beleidigten Maiestät begangen zu haben, und konnte gar keine Ursache finden, warum der Landsherr so neugierig nach seinem Namen sey, daß er ihn auf ausdrücklichen Befehl darum fragen lasse. Er wußte in seiner ganzen Seele keinen andern Rath zu finden, als daß er den Thorschreiber demüthig ersuchte, wegen seines Versehens in seinem Namen bey seiner Durchlaucht unterthänigst um Verzeihung zu bitten. Der Thorschreiber, der seine Reue für fortgesezten Spott ansahe, brannte lichterloh vor Zorne, sprudelte ihm die schrecklichsten Flüche und Drohungen ins Gesicht: der gute Heinrich ward blaß, wie eine Leiche, vor Furcht und Warten der Dinge, die da kommen sollten, 19 zitterte und bebte. Der Schaffner loderte auch auf, daß er so langes Anhalten veranlaßte, und stürmte, wie ein Wütender auf ihn los: da saß der arme Betäubte, wie sinnlos, wußte nicht, was er begangen hatte, und noch weniger, wie ers wieder gut machen sollte, konnte weder denken noch reden! – »Straf mich Gott! rief der Schaffner, mit dem Menschen ists im Oberstübchen nicht richtig: den ganzen Weg über hat er vor sich hingesehn, wie ein kranker Mops, und nun weis er nicht einmal seinen Namen! So wahr ein Gott im Himmel ist! der Pinsel weis viel, ob er einen Vater hat. Man sollte sichs nicht so vorstellen, bey meiner Seele! nicht so arg! Ist ein getaufter Christ, in der Christenheit geboren und erzogen, und kann dem Thorschreiber nicht einmal antworten!« – Die finnigte Jüdin fand sich durch die Rede des Schaffners mittelbarer Weise beleidigt und öfnete ihre aufgeworfenen Lippen zu Herrmanns Vertheidigung, befragte ihn noch einmal Punkt für Punkt, er antwortete Punkt für Punkt wie zuvor: die ganze Gesellschaft erklärte ihn für einfältig, und der Thorschreiber ließ 20 mit verächtlichem Mitleid seinen Zorn erlöschen und den Wagen fahren.

Man stieg aus, der unerfahrne Heinrich wollte seine Habseligkeit herausnehmen: gebieterisch wurde er davon zurückgescheucht – neue Verlegenheit! Er stand neben dem Schilderhäuschen und sann ernsthaft nach, warum man ihm sein paar Hemden und die schwarzen Sonntagsbeinkleider nehmen wolle – denn er gab sie für ganz verloren – er bildete sich ein, daß es ebenfalls so auf Befehl geschehe, wie er um seinen Namen befragt worden war: und mit vieler Bewegung nahm er bey sich von den schönen Sontagsbeinkleidern Abschied, als man sein Kufferchen ins Haus schafte. Nun betrübte er sich erst, daß er seine Vaterstadt, wo ihn jede Katze kannte, hatte verlassen und in ein Land auswandern müssen, wo er nichts als fremde Gesichter sah: außerdem war er so lange her Schwingers sanfte, gefällige Freundlichkeit gewohnt, er war nie anders als in gütigem Tone angeredet worden: doch hier sprach Jedermann so scharf und rasch, daß er alle Leute in grauen, 21 gelben, blauen Röcken, die bey dem Abpacken herumwimmelden, für erzürnt hielt; und auf die hastige Frage, welches sein Kuffer sey, näherte er sich ihm furchtsam und wies, ohne reden zu können, halb zum Fliehen fertig, mit dem Zeigefinger darauf. – »Dieser?« fragte der Postbediente mit der nämlichen Hastigkeit noch einmal. – Er flisterte ein halbverschlucktes Ja. Eine Minute darauf fragte ein Mann im grautuchnen Ueberrocke abermals nach seinem Kuffer: er konnte gar nicht begreifen, warum sein Bischen Habseligkeit alle die Leute so sehr interessirte: allein dieser Mann that seine Anfrage leutselig und mit einem tiefen Grusse; das gab ihm Muth: er antwortete hurtig mit einer Verbeugung von der ersten Größe: der Mann ersuchte ihn zu öfnen: ehrfurchtsvoll nahm er den Hut unter den Arm und schloß eilfertig auf. Die Entdeckung war bald gemacht, daß er nichts strafbares enthielt, und es wurde erlaubt, ihn wegzuschaffen: wie seinem Freunde, seinem Wohlthäter, drückte er dem Manne die Hand und dankte verbindlich, daß er ihm den Kuffer 22 wiedergeschenkt habe: der Visitator reichte ihm sehr freundlich die Rechte dar und zog sie, verdrießlich über den leeren Dank, langsam wieder zurück.

Die Noth war noch nicht aus. Verlassen stand der arme Pursche da, und Niemand bot ihm eine Wohnung an. Die überhäuften Gegenstände, das Getöse, der Sturm des Thorschreibers hatten ihn so verwirrt, daß es um alle seine Besonnenheit geschehen war: Unerfahrenheit im Weltlaufe macht auch den besten Verstand blöde, und scharfsinnige Gelehrte haben sich bey ähnlichen Gelegenheiten, wenn sie ihnen zum erstenmale aufstießen, nicht mit größrer Entschlossenheit betragen als Heinrich. Er gieng auf und ab, und dachte mit Herzeleid an das Schloß des Grafen von Ohlau zurück, wo er mit römischen Kaisern und griechischen Feldherren, wie mit Brüdern, umgieng, wo ihm regelmäßig Essen und Trinken gebracht wurde, ohne daß er einen Laut darum verlor, und hier – ach! hier bekümmerte sich Niemand um ihn, als wenn er gar nicht unter die essenden und trinkenden Kreaturen gehörte. Ein geschäftiger Gelbrock rennte vor ihm vorbey: Heinrich 23 sagte ihn sehr höflich, wo er wohnen sollte: Der Mann hielt ein wenig an, sah ihm starr ins Gesicht: jener wiederholte mit einer tiefen Verbeugung seine Frage – »Wo Sie wollen!« antwortete der Gelbrock hastig und gieng. Eine solche Lieblosigkeit war über alle seine Begriffe.

Endlich erschien der Lohnlackey und erkundigte sich, den Hut in der Hand, sehr menschenfreundlich, ob er eines Bedienten benöthigt sey. »Ach, wenn ich nur erst wüßte, wo ich wohnen sollte!« sprach Herrmann mit einem tiefen Seufzer. – Nun wurde bald Rath geschaft: mit einer Eilfertigkeit, als wenn er sich den Kopf zerstoßen wollte, lief der Lackey Treppe auf, Treppe ab, und lud ihn kurze Zeit darauf mit vielen Komplimenten auf das Zimmer ein. Heinrich, der den gepuzten Lohnlackey für nichts weniger als einen Lackey hielt, komplimentirte mit ihm die Treppe hinauf und dankte in Einem Athem für seine Gütigkeit. Wie hatte sich die Scene plözlich verändert! Nunmehr erkundigte sich sein neuer Bothschafter alle Augenblicke, ob 24 er dies, ob er jenes bedürfe, bat ihn, nur zu befehlen, und er entschuldigte sich sehr liebreich, daß er ihn nicht bemühen wolle: er mochte nur reden, nur winken, und man war zu seinem Befehle. Er schien sich izt ein kleiner Zevs, der von der Höhe seines tapezirten Zimmers mit einem Hauptschütteln eine kleine Welt regierte. Es fanden sich sogleich eine große Menge Leute ein, die ihm ihre Waaren anboten: er dankte mit vieler Güte für ihre Bemühung, und fand die Menschen hier zu Lande ungleich liebreicher als in seiner Vaterstadt, daß sie so für das Wohlseyn der Fremden besorgt waren. Der Zulauf wurde immer stärker: Mannspersonen und Weiber kamen und wünschten ihm zu seiner Ankunft Glück. – »Da sieht man recht,« dachte er bey sich, »wie es in der großen Stadt anders ist als bey mir zu Hause! Das heißt doch Höflichkeit!« – Die höflichen Leute fiengen an, ihm ihr Elend mit der höchsten Bettlerberedsamkeit vorzustellen: dieser hatte eine todtsterbenskranke Frau zu Hause, die nun seit Jahr und Tag an der Schwerenoth, Gott sey bey uns! hart 25 daniederlag und zuweilen so heftig schrie, daß man es aus Friedrichstadt in Altdresden hörte; jene hatte eilf unerzogne Kinder zu Hause, wovon neune schon seit Jahr und Tag gefährlich krank lagen, der Mann war an Händen und Füßen lahm, und sie, für ihre selbsteigne Person, hatte einen großen Ansatz zur Wassersucht – es war ein Jammer, daß es einem Stein in der Erde hätte erbarmen mögen; ein Pursche, frisch und gesund, hatte einen gichtbrüchichen Großvater, zwey lahme Eltern und dreizehn ungesunde Schwestern zu Hause, die alle mit der englischen Krankheit behaftet waren. Heinrichs Herz zerschmolz von tiefgerührtem Mitleide bey ihren Thränen, Zähren traten ihm ins Auge, und er hielt es für seine Pflicht, so höflichen Leuten mit einer reichlichen Wohlthat für ihren Glückwunsch zu danken.

Er wunderte sich gegen den Lohnlackey, als er den Tisch deckte, außerordentlich über die zahlreichen Familien hier zu Lande, und versicherte, daß dergleichen bey ihm zu Hause gar nicht zu finden waren. – »Ach,« antwortete der 26 Lackey lachend, »glauben Sies denn? Sie werden nicht ungnädig nehmen, Sie sind noch ein junger Herr und zu gutherzig: solchen Leuten müssen Sie nichts geben, oder doch sehr wenig: das ist eitel loses Gesindel.« –

»Aber sie thaten doch so kläglich, daß man gerührt werden mußte.« –

»Ach,« erwiederte der Lackey mit dem nämlichen Lachen, »für zwey Dreyer weinen Ihnen die Leute eine halbe Stunde, wenn Sies haben wollen. Man könnte hier ein Raritätenkabinet von Bettlern anlegen: in den schönsten Kleidern gehn sie herum, wie die Pfauen: sie brauchens freilich: aber sehn Sie, gnädiger Herr – ich weis nicht, ob ich Sie recht titulire – sehn Sie! wenn ich etwas zu sagen hätte, das Ding sollte ganz anders werden.« –

Heinrich befragte ihn, wie er das zu machen gedächte. – »Sehn Sie!« erwiederte der Lackey, »wenn ich etwas zu sagen hätte – Befehlen Sie etwa die Suppe?«

Er gieng, trat mit ihr herein, und mit dem Hereintreten begann er schon wieder – »Sehn 27 Sie! wenn ich etwas zu sagen hätte – Befehlen Sie auch Wein?«

Er holte ihn; und so trat er sechsmal ins Zimmer mit einem »Sehn Sie! wenn ich etwas zu sagen hätte« – und erkundigte sich jedesmal nach einem Bedürfnisse: denn er hatte das Unglück, daß er nicht eher an den Löffel dachte, als bis die Suppe dastand, noch ans Messer, als bis man das Fleisch schneiden wollte. Da alle Nothwendigkeiten auf die Weise einzeln herbeygeschaft waren, drang Herrmann von neuem in ihn, sein Bettlerprojekt zu entdecken: denn der gutherzige Pursche, der noch zu wenig fremdes, wahres und erdichtetes Leiden kannte, um ihm nicht sogleich abhelfen zu wollen, hatte während des Essens bey sich selbst ernstlich überlegt, wie mans dahinbringen könne, daß Niemand mehr in der Welt arm und elend sey. – »Sehn Sie!« fieng der Bediente wieder an, »wenn ich etwas zu sagen hätte – sehn Sie! da sagt' ich den Leuten geradezu, Ihr sollt nicht betteln! und wers dennoch thäte, der müßte – Befehlen Sie diesen Nachmittag auszugehn?«

28 Das Projekt blieb abermals stecken und kam auch Zeitlebens nicht völlig zum Vorschein.

 

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