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Herr von Syllabus

Benno Bronner: Herr von Syllabus - Kapitel 8
Quellenangabe
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typenovelette
authorBenno Bronner
titleHerr von Syllabus
publisherVerlag Peter Faecke
editorDieter Paul Rudolph
year2008
isbn978-3-936791-61-7
firstpub1873
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120410
projectid99c71874
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»Die Schaubühne als moralische Anstalt.«

Rike hatte sich bei der Fahrt nach der Stadt an der Seite der Frau Hähnchen bald zurecht gefunden. Die Dame war gerade nicht nach ihrem Geschmack und beide standen fast auf gespanntem Fuße mit einander, was sich aus den zwei so sehr verschiedenen Charakteren erklären mußte. Aber die Erwartung der großen Dinge, welche da im Theater kommen sollten, die angenehme Fahrt durch die heitere Landschaft, welche einem Garten glich, und das offenbare Bestreben der Großfabricantin, ihrem Gaste liebenswürdig zu erscheinen, lösten bald die Beklommenheit, welche Rike gefühlt hatte, als sie in den Wagen stieg. So entspann sich, während die beiden prächtigen Rappen im kräftigen Trabe nach der Residenz eilten, bald ein lebhaftes Gespräch zwischen der altern und Jüngern Dame. Frau Hähnchen wahrte selbstverständlich bei aller liebenswürdigen Herablassung mit Entschiedenheit ihre Stellung und den höheren Grad der Bildung Friederiken gegenüber, welche von ihr manchmal unter vier Augen mit ihrem Manne oder mit andern vertrauten Personen als »Landconfect« bezeichnet wurde.

Eben hatte sie das Gespräch auf den theatralischen Genuß, welcher Friederiken heute zum ersten Male bevorstand, hinzulenken gewußt. Denn sie erachtete es für eine ästhetische und moralische Pflicht, ihren Schützling nicht vollkommen unwissend die Schwelle des Heiligthums der dramatischen Kunst betreten zu lassen.

»Unser göttlicher Schiller« – sagte sie, und blickte dabei zum Himmel empor, als ob sie den unsterblichen Dichter dort oben erblicken könnte – »hat ein großes Wort gesprochen, wenn er das Theater eine moralische Anstalt nannte. Unter Culturvölkern kann das Theater auch nichts anderes sein, wie uns der Militärprediger Unkenstein, unser verehrter Lehrer der Ästhetik im Pensionate, klar bewies. Seitdem ich das Schauspiel besuche, habe ich die Kunst des Dramas auch nie anders aufgefaßt. Oder sollten wir uns von den Hellenen beschämen lassen?«

»Wer sind die Hellenen?« – fragte die wißbegierige Rike ernst. – »Ich weiß es nicht.«

»Ja, mein Kind« – sagte die Dame mit mitleidsvoller Stimme – »man kann dem Geschicke nicht genug danken, wenn man in der Jugend eine gründliche Bildung, wie sie den Anforderungen unseres Jahrhunderts entspricht, genossen hat – Die Hellenen waren im Alterthume das herrlichste, kunstbegabteste Volk, welches die Griechen und Römer weit hinter sich zurückließ. Wir vermögen nur mit Bewunderung und mit Scham auf jenes erhabene Volk zurückblicken, wie uns Doctor Unkenstein oft in seinen klassischen Vorträgen auseinandersetzte.«

»So!« – entgegnete Rike trocken. »Davon verstehe ich leider gar nichts. – Aber sagen Sie mir« – fuhr sie nach einer Pause fort, welche Frau Hähnchen benutzt hatte, um sie mit einem Blicke des herzlichsten Bedauerns anzusehen – »sagen Sie mir doch, wenn ich bitten darf, was soll denn das heißen: ›Hof- und Nationaltheater‹? Schon oft wollte ich fragen, wenn ich diese Worte auf dem Theaterzettel las, wo sie in ungeheuern Buchstaben als Überschrift prangen, wie der Name eines Hotels an dessen höchsten Wänden. Hof- und Nationaltheater! Das klingt so stolz und majestätisch, daß man sich unwillkürlich verdemüthigt fühlt, besonders wenn man gar nichts davon versteht, wie ich.«

»Nun, meine Liebe!« – versetzte die Hüttenwerksbesitzerin mit Würde – »behandeln wir einen so ernsten Gegenstand ernst. Aber bevor ich auf denselben nach den Vorträgen meines unvergeßlichen Lehrers Unkenstein eingehe, erlauben Sie mir, daß ich nochmals mein herzliches Bedauern darüber ausspreche, daß Sie, mein Kind, nicht eine vollständige, gründliche Institutsausbildung, wie sie der deutschen Hausfrau im neunzehnten Jahrhundert unumgänglich nothwendig ist, genossen haben.«

»Ach, wenn es weiter nichts ist!« – sagte Rike und lachte herzlich in die Landschaft hinaus.

»O! Sie erkennen gar nicht, was Ihnen fehlt« – fuhr Frau Hähnchen fort, und seufzte. – »Was übrigens Ihre Frage betrifft, so sind Sie wohl im Klaren darüber, warum man von einem Hoftheater spricht?« – Rike nickte treuherzig zu.

»Es ist eben die Schaubühne des Hofes oder der fürstlichen Residenz. Seit mehr als hundert Jahren hat man es erkannt, daß eine solche moralische Anstalt an den Hoflagern nicht fehlen dürfe, wenn man nicht unter der Höhe der Zeit zurückbleiben wolle. Was aber den herrlichen Titel ›Nationaltheater‹ betrifft, so verdanken wir denselben ohne Zweifel jener tiefsinnigen Ansicht unseres genialen Schiller. Das Volk, die ganze Nation muß moralisch, und, was noch mehr heißt, ästhetisch gebildet werden.« –

»Geschieht denn das nicht durch die Schule?« – fragte Rike. – »Und durch die Predigt?« – setzte sie etwas schüchterner hinzu.

»Nun, nun!« – versetzte die Großfabrikantin, und ihr sonst wohlgeformter Mund verzerrte sich, aber nur für einen Augenblick, so daß es Friederike gar nicht bemerkte. – »Lassen wir die Predigt in der Kirche, wohin sie gehört und wo sie bleiben soll. Was aber die Schule betrifft, so wäre es gewiß ein großes Unrecht, nicht anzuerkennen, was das Unterrichtswesen, nachdem es in unserer Zeit von tausendjährigen Vorurtheilen befreit und auf eine staunenswerthe Höhe gebracht worden ist, für die Aufklärung des gemeinen Volkes und für die Wissenschaft geleistet hat. Mein Mann hat mir darüber noch jüngsthin aus einer Zeitschrift einen höchst bemerkenswerthen Artikel vorgelesen, welchem ich völlig beistimme. Ich werde Ihnen denselben morgen mit nach Hause geben. Aber was ist die Schule gegen das Theater? Der geistreiche Doctor Unkenstein pflegte öfters auf diesen Gegenstand in seinen ästhetischen Vorlesungen zurückzukommen. Er erklärte denselben mit einem Worte, welches leider von Ihnen, meine Liebe, abermals nicht verstanden werden wird.«

»Das ist sehr leicht möglich« – sagte Rike freundlich. »Aber Sie müssen Nachsicht mit meiner Unwissenheit haben.« – Frau Hähnchen sah sie abermals mit einem langen mitleidsvollen Blicke schweigend an. Dann sagte sie feierlich:

»Das Theater ist universeller als die Schule, sagte der Militärprediger Unkenstein.«

»Universeller!« – wiederholte Rike. »Sie haben es errathen: das verstehe ich wieder nicht.«

»Wissen Sie, was das Universum ist?« – examinirte Frau Hähnchen im Tone eines Professors.

»Ja, das weiß ich« – erwiderte Friederike. »Das steht in meiner kleinen Naturgeschichte.«

»Nun, merken Sie! Das Wort Universum ist von dem Wort universell abgeleitet. Sonst könnte es nicht das Weltall bedeuten, wie Sie wissen werden. Weil es aber das bedeutet, so kann ›universell‹ etymologisch – ach, das verstehen Sie wieder nicht! – nichts anderes heißen, als ›großartig, enorm, ungeheuer.‹ Wir sprechen zum Beispiel von einem universellen Kopfe, und verstehen darunter bekanntlich nichts anderes, als ein ungeheueres Genie. Deßwegen ist also das Theater als moralisches Erziehungsinstitut der Menschheit universeller als die Schule, und heißt daher mit vollem Rechte seit Schiller ›Nationaltheater‹.« –

Nach diesem speculativ-linguistischen Excurse lehnte sich Frau Hähnchen wie erschöpft, aber des Triumphes ihrer Bildung wohlbewußt, in die Kissen des Wagens zurück. Rike aber wußte nach Beendigung dieses Collegiums über Ästhetik nichts Besseres zu sagen, als die rothen und weißen Rosen in der Bordüre des Vordersitzes im Wagen zu zählen. Sie hoffte bei sich, wenn sie schweigen würde, das Gespräch auf weniger ästhetische Gegenstände ableiten zu können. Aber darin hatte sie sich getäuscht. Nachdem sich ihre liebenswürdige Professorin etwas von dem fast übermäßigen Ergüsse der Bildung erholt hatte, fuhr sie in demselben feierlichen kathederhaften Tone fort:

»Um Ihnen, meine theuere Tochter, von dieser Universalität – merken Sie sich dies schöne Wort.« –

Rike nickte ganz ehrerbietig.

»Von dieser Universalität der Schaubühne gleich beim ersten Eintritt in das Heiligthum der Musen einen richtigen Begriff zu geben, habe ich es auch vorgezogen, eine Vorstellung zu wählen, wo der hohe Ernst der Tragik vor der Anmuth des Scherzes und der Augenweide zurücktreten muß – wie Doctor Unkenstein sagte. Es sind zwei allerliebste Lustspiele, welche Sie heute sehen werden, und dazwischen ein reizendes Ballet.«

»Ballet? – Was ist das?« – fragte wiederum dem natürlichen Zuge ihrer Wißbegierigkeit folgend, Friederike.

Die Großfabricantin lachte so heftig bei dieser Frage, so daß ihr die Thränen in den Augen standen.

»Arme, gute Rike!« – rief sie dann aus, indem sie das erstaunte Mädchen mit beiden Händen faßte. – »Sie wissen noch nicht einmal, was ein Ballet ist! O über diese mehr als einseitige Schulbildung in den Klöstern!« –

Das Pflaster der Residenz, durch deren Thor sie eben gefahren waren, machte der Unterhaltung ein Ende. Die Rappen zogen den schönen Wagen in stolzem Laufe zu dem Theater, wo die Kasse noch nicht geöffnet war. Ehe sie eigentlich wußte, wie es geschehen war, saß Rike schon neben Frau Hähnchen in der Loge des noch dunkeln Hauses, und konnte nicht begreifen, was aus diesen nebelhaften Räumen um sie herum werden sollte. Denn der rasche Übergang vom hellen Sonnenscheine in das Dämmerlicht hatte sie anfangs ganz geblendet und beklemmt. Doch bald war das Alles überwunden. Die Gasflammen erleuchteten Parterre und Logenreihen, die Stühle füllten sich, die Musik begann; und als der Vorhang sich gehoben hatte, und Friederike in die musterhaft gearbeitete, trefflich beleuchtete Landschaftsdecoration mit Mittelgrund und Fernsicht hineinschaute, glaubte sie sich allerdings in eine zauberhafte Welt versetzt.

Aber dieser Zauber sollte nicht lange währen. Das einzigartige Lustspiel, womit die Vorstellung begann, war eigentlich eine Posse der erbärmlichen Art, welche den einen Vorzug hatte, daß sie nur läppisch und gehaltlos war. Die Inscenirung aber war tadellos, die Decoration künstlerisch vollendet, das Costüm reizend, das Zusammenspiel vortrefflich. Friederike, anfangs freudig überrascht, wurde jedoch von Scene zu Scene verblüffter, und konnte nicht begreifen, warum die Leute in Parterre und Logen bei jedem seichten Worte so stürmisch applaudirten. Als sie aber gewahren mußte, daß das ganze Haus bei einer burlesken Prügelei auf der Scene in einen wahren Donner von Applaus und Bravorufen ausbrach, da ließ sie den Kopf hängen, und eine Stimme, welche sie aber nicht laut werden ließ, sprach in ihr:

»Ist das die Nation?« –

Frau Hähnchen war selber zu sehr hingerissen von der allerliebsten feinen Comödie, welche, wie sie sagte, sogar dem hellenischen Lustspieldichter Aristoteles Ehre gemacht haben würde, als daß sie Zeit gefunden hätte, ihren Schützling zu beobachten. Hätte Friederike mehr Menschenkenntnis gehabt, sie würde es leicht erkannt haben, daß die Großfabrikantin jener sonderbaren Leidenschaft, welche wir die Theatersucht nennen können, im höchsten Maße verfallen sei. Denn Frau Hähnchen war während der ganzen Vorstellung einer Magnetisirten ähnlich, und ihr Auge haftete, wie festgezaubert, unablässig an der Bühne, und den spielenden Personen.

Als der Vorhang gefallen war, kam sie, wie aus einem Traume zu sich, und zu Friederike gewendet, rief sie voll Entzückung aus:

»Aber wie war das schön! Ich habe das kleine Lustspiel schon oft gesehen; aber ich gestehe, daß ich es immer wieder gerne sehe. Ja, die Kunst!« –

Rike stammelte einige verlegene Worte, während in ihrem Herzen ein stilles Heimweh aufstieg nach ihren Brombeerstauden und wilden Rosen unter den Pappeln. Frau Hähnchen faßte die Verlegenheit des Mädchens ganz anders auf; sie wähnte, es sei das Folge eines gleichsam betäubenden Eindruckes des Spieles. Deßwegen war sie sehr befriedigt, ihr Vorhaben ausgeführt, und Friederike in das Schauspielhaus gebracht zu haben.

»Nur Geduld, liebe Friederike« – sagte sie mit triumphirendem Blick. »Sie müssen sich nicht gleich dem ersten Eindrucke ganz hingeben; man muß mit der Begeisterung für die Kunst haushälterisch sein, damit sie nicht zu bald erschöpft ist.«

Rike sah die Dame mit jenem stummen, vielsagenden Blicke aus ihren großen blauen Augen an. Da war schon das kurze Vorspiel des Orchesters zu Ende und die Bühne öffnete sich zum Ballet.

Rike mußte anfangs fast laut auflachen, als sie diese männlichen und weiblichen Figuren, deren Bewegungen sie an den hölzernen Bajazzo ihres kleinen Bruders erinnerten, auftreten, und die Tanzkunst des neunzehnten Jahrhunderts zum Besten geben sah. Aber bald kam ihr die Sache denn doch zu abgeschmackt vor; und als gar noch die Stellungen und Verrenkungen Mangel an Anstand verriethen, wandte sie, wahrhaft angeekelt, ihr Auge ab.

»Aber, nicht wahr, der Solotänzer! Wunderbar, göttlich!« – flüsterte ihr Frau Hähnchen zu, hatte aber keine Zeit, einen Blick auf ihre junge Nachbarin zu werfen, da sie unverwandt nach dem Ballet schaute. So war Friederike sich selber überlassen und benützte mit stiller Ergebung die Zeit, um die wirklich prachtvoll decorirte Decke des Schauspielhauses zu bewundern, von welcher der vielarmige vergoldete Kronleuchter herabhing. So entgingen ihr glücklicherweise die letzten Scenen des Tanzes, welcher sich fast bis zur Schamlosigkeit steigerte, aber nichtsdestoweniger beim Schlüsse den rauschenden langanhaltenden Beifall der Zuschauer ärndtete.

»Der geistreiche Recensent der ›Modezeitung‹ hat Recht« – rief Frau Hähnchen aus – »wenn er behauptet, daß das Ballet unserer Residenz jenem von Paris und Petersburg nicht nachsteht. Welche Grazie! Welche Freiheit der Bewegung!«

»Der Tanz ist die Kunst des ganzen, des eigentlichen Menschen« – sagte ein junger Kahlkopf mit einem riesigen Operngucker auf dem Rücksitze der Loge, welcher schon im ersten Zwischenact mit Frau Hähnchen sich unterhalten hatte.

»Welche treffende Bemerkung, bester Herr Doctor!« – rief diese entzückt aus. Dann schaute sie nach Friederiken, welche stumm in sich verloren dasaß.

»Nun, mein Kind!« – sagte sie zu ihr. »Greift Sie die Kunst der Bühne dermaßen an? Welche wunderbare Wirkung! ? Das Fräulein ist zum ersten Male im Theater« – erklärte sie dann dem Doctor mit der gigantischen Lorgnette.

»Und auch zum letzten Male« – sagte Rike stille vor sich hin, und dachte wieder an ihre wilden Rosen unter den Pappeln.

»Nehmen Sie doch eine Erfrischung« – sagte Frau Hähnchen, und reichte dem Mädchen ein Glas Eis – »das wird Sie erquicken.«

Friederike nahm es dankbar an, und freute sich, wenigstens eine Zeit lang eine Beschäftigung, wenn auch nur für den Gaumen zu haben. Der Vorhang erhob sich auch bald wieder, und das letzte Stück begann, ebenfalls ein Lustspiel, aber dießmal von jener Erfindung, welche ganz ausschließlich der neuesten Zeit angehört. Es war eine schülerhafte dramatische Pfuscherarbeit, welche sich lediglich durch zwei Dinge auszeichnete, durch die gröbsten Unsittlichkeiten und durch die niederträchtigste Herabwürdigung der Religion.

»Das ist aber eine Abscheulichkeit!« – rief Rike laut und empört aus, als sich schon in der ersten Scene der Character des Stückes bloß zu legen begann, während alsbald ein rasender Applaus das ganze Haus erschütterte. Friederike hatte rasch und laut genug gesprochen, um von den Umhersitzenden verstanden worden zu sein, und viele Augen richteten sich erstaunt und neugierig nach der Loge der Frau Hähnchen, welche ihre junge Nachbarin ebenfalls verstanden hatte, und in keine geringe Verlegenheit geriet.

»Mein Kind!« – flüsterte sie mit erheuchelter Ruhe Friederiken zu. – »Sie müssen das vom höheren Standpunkte der Kunst zu erfassen suchen.«

»Das kann ich nicht« – sagte Rike noch laut genug, um abermals die Aufmerksamkeit der Nachbarlogen auf sich zu ziehen.

Der Großfabrikantin kochte es bereits im Herzen, und sie murmelte etwas von »Landconfect« zwischen den bebenden bleichen Lippen.

»So schweigen Sie wenigstens!« – zischelte sie dem Mädchen zu, und ihr Gesicht war hochroth geworden, wie die schreiende Rose in ihrem Haarputze.

»Das will ich thun« – versetzte demüthig Rike und richtete ihr Auge, in welchem eine Thräne glänzte, traurig hinauf zu der prachtvollen Decke des Hauses, dessen Arabesken sie schon einmal bewundert hatte.

Aber ihr Ohr vermochte sie leider nicht ebenso zu schützen, wie ihr Auge. Man sprach jetzt eben drunten auf der Bühne von Religion, und Worte des Hasses und der Lästerung drangen zu ihr herauf, welche ihr tiefstes Herz erbeben machten. Ihre Aufregung wurde zur Entrüstung, da sie sehen mußte, mit welchem bacchantischen Jauchzen die Zuschauer dies aufnahmen. Jetzt streifte ihr Blick unwillkürlich auf die Bühne, und zu ihrem namenlosen Schrecken sah sie eine Comödiantin in klösterlichem Habit, welche in Wort und Geberde sich zu den jammervollsten Unanständigkeiten herbeiließ. Friederiken ging ein Stich durchs Herz, und er drang um so tiefer ein, da sie in dem Costüme der Schauspielerin eine Ähnlichkeit mit der Ordenstracht ihrer theueren ehrwürdigen Lehrerinnen wahrzunehmen glaubte, welchen sie so viel verdankte. Sie hätte aufschreien mögen vor Schmerz und Entrüstung. Krampfhaft hielt sie sich, von Leichenblässe bedeckt und mit geschlossenen Augen, an der Brüstung der Loge.

»Was ist Ihnen denn?« – flüsterte ihr Frau Hähnchen in Angst und Zorn zugleich zu. »Machen Sie mir keine Scene!« –

»Ich will fort« – stöhnte Rike.

»Das geht nicht an!«

»Ich muß! – Lassen Sie mich hinaus – ins Freie!«

»Hier mein Flacon!« – sagte bebend Frau Hähnchen. »Mein liebes Kind, beruhigen Sie sich! – Was würden Ihre Eltern sagen? – Es ist ja bald zu Ende, und wir fahren nach Haus.«

Eben erschütterte ein neuer Beifallssturm über die schmähliche Lästerung eines Glaubensgeheimnisses das Haus und wiederholte sich zum zweiten und zum dritten Male: da sprang Rike auf und ehe es Frau Hähnchen hindern konnte, hatte sie Hut und Shawl ergriffen und die Loge verlassen. In sprachlosem Erstaunen saß die Großfabrikantin einen Augenblick wie eine Bildsäule; dann aber erkannte sie, daß sie ihrem Flüchtling nacheilen mußte. Doch Friederike war verschwunden. In Angst und Arger eilte sie die Treppen hinab, rannte durch die Corridore bis zur Vorhalle des Hauses. Aber umsonst. Rike war verschwunden. Ihre Theaterlust mußte Frau Hähnchen an diesem Abend bitter büßen; der zweite Act des Lustspieles dünkte ihr eine Ewigkeit, und kam ihr heute entsetzlich fade und langweilig vor. Aber sie hatte es dennoch für das Klügste gehalten, in die Loge zurückzukehren und abzuwarten, ob das tolle Mädchen sich nicht wieder einfinde. Die Hoffnung war vergebens: nach langem Warten und wiederholtem Suchen und Nachfragen mußte unsere Liebhaberin der dramatischen Kunst sich endlich entschließen, allein nach Hause zu fahren.

Rike war rasch die Logentreppen hinabgeeilt, und schlug, als sie aus dem Portale des Schauspielhauses getreten war, den ihr wohlbekannten Weg zu dem Hause des Hofgärtners ein, dessen Tochter mit ihr vom Klosterpensionate her befreundet war. Sie lief, wie ein gescheuchtes Reh, zumal da sie glaubte, ganz nahe hinter sich verfolgende Schritte zu hören. Die gute Gärtnersfamilie war nicht wenig erstaunt, Friederike in solcher Aufregung mit thränengerötheten Augen in ihr stilles Haus eintreten zu sehen. Der alte Gärtner fand das Benehmen der Fräulein Friederike denn doch etwas zu stark, seine Frau entschuldigte die Sache, und die Tochter tröstete, so gut sie konnte, die Freundin. – Eine Droschke war bald gefunden, welche Friederike in Begleitung des alten Gärtnersgehilfen nach Hause bringen sollte. Denn darauf bestand Friederike in fieberhafter Aufregung, und Niemand wagte, ihr hierin zu widersprechen. Wie es aber bei solchen stürmischen Auftritten zu gehen pflegt, man vergaß zuerst vollkommen Frau Hähnchen, und daß es schicklich sei, sie wenigstens wissen zu lassen, daß Friederike nach Hause zurückgekehrt sei. Als die Gärtnersfrau darauf aufmerksam machte, übernahm es der Sohn, Frau Hähnchen im Theater aufzusuchen. Aber unglücklicherweise fand er nicht alsbald ihre Loge, und nachdem er endlich den richtigen Aufschluß erhalten hatte, war das Lustspiel beendigt und die Loge leer.

Friederikens Aufregung hatte sich noch nicht gelegt, als sie gegen Mitternacht ihr väterliches Haus erreicht hatte.

»Dummes Zeug!« – sagte ärgerlich der Vater, nachdem er die Erzählung der weinenden Tochter vernommen hatte.

»Punctum!«

Und mit diesem Worte kehrte sich Herr Scheuermann gegen die Wand des Alkovens und fand nach wenigen Minuten den Schlaf, welchen ihm der folternde Gedanke an den Herrn von Syllabus oder einen ähnlichen Spießgesellen so lange geraubt hatte.

Umgekehrt war es mit seiner Ehefrau. Von Natur aus gegen jedes Extrem im Leben abgeneigt – sie liebte es nur im Roman – war ihr die Sache wegen ihrer »theuern« Nachbarin doppelt unangenehm. Auf der anderen Seite nahm ihr geängstetes, aufgeregtes Kind ihr mütterliches Zartgefühl in Anspruch. Nachdem sie daher für Friederike, welche ihre Strafpredigt am nächsten Morgen erhalten sollte, gesorgt hatte, suchte sie das, was ihr glücklicherer Ehegatte gefunden hatte – die friedliche Ruhe im Schlafe. Aber der erste Hahnenschrei traf sie noch wach und mit ärgerlichen und peinlichen Gedanken, wie sie solche Vorfälle zu erzeugen pflegen, beschäftigt.

Doch das Haupt der Familie selber, welches so geringen Antheil an dem unangenehmen Abenteuer seiner armen Tochter zu nehmen schien, erreichte die Nemesis. Die neckischen Geister der Traumwelt wurden Herrn Scheuermann zu Eumeniden. Er schlief unruhig und träumte abermals – vom Herrn von Syllabus.

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