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Herr von Syllabus

Benno Bronner: Herr von Syllabus - Kapitel 7
Quellenangabe
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typenovelette
authorBenno Bronner
titleHerr von Syllabus
publisherVerlag Peter Faecke
editorDieter Paul Rudolph
year2008
isbn978-3-936791-61-7
firstpub1873
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120410
projectid99c71874
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Ein nächtlicher Überfall

Am nächsten Sonntag fuhren unerwarteter Weise Herr und Frau Hähnchen in elegantem Wagen bei Herrn Scheuermann vor, welcher nicht weniger als seine Frau von diesem Besuch überrascht war. Aber die zarte Absicht lag so nah. Das liebe Ehepaar wollte den schlimmen Eindruck der Scene, deren stummer Zuschauer vor acht Tagen der Landwirth im Garten des Eisenwerksbesitzers gewesen war, so bald als möglich wieder beseitigen. Frau Hähnchen legte es mit feiner Demonstration darauf an, und hatte selbst ihre Toilette mit Sinnigkeit darauf berechnet. Auf dem thurmhohen Haarputze trug sie eine förmliche Wiese von Veilchen und Vergissmeinnicht, und an ihrem Herzen stack ein großer Strauß von »Je länger je lieber«. Dabei überschütteten sich die beiden Ehegatten mit den süßesten Bezeichnungen, und wer sie heute zum ersten Male gesehen hätte, müsste ihre Ehe für die harmloseste Idylle gehalten haben.

»Mein Engel!« – sagte Frau Hähnchen zu ihrem Manne, als sie an den sorgfältig gepflegten Blumenbeeten des Gartens vorüber kamen. – »Siehe doch, welche herrliche Camellien! Wolltest du mir nicht auch solche zum Geschenke machen? Zu meinem Namenstage, der, wie du weißt, in den nächsten Wochen eintrifft? – Wie?«

»Gewiß, theuere Cornelia!« – versetzte mit dem liebevollsten Register seiner Stimme Herr Hähnchen. »Ich werde sie selber in der Residenz bei dem Hofgärtner bestellen.«

»Das haben Sie nicht nöthig« – sagte Herr Scheuermann. »Meine Frau macht sich ein Vergnügen daraus, Ihrer verehrten Gemahlin ein solches Angebinde zu übersenden.«

Frau Hähnchen dankte mit anmuthiger Verbeugung gegen das Scheuermannsche Ehepaar, und die Veilchen- und Vergissmeinnichtpflanzung auf der schwindelnden Höhe ihrer Frisur neigte sich drohend, als wollte sie den Öconomen sammt seiner Frau in ihrem Dufte begraben.

»Liebe Seele« – sagte der Eisenwerksbesitzer mit sorgender Zärtlichkeit zu seiner Frau, als man auf der Veranda des Hauses Platz genommen hatte, um einige Erfrischungen zu kosten. »Ich weiß zwar, daß Johannisbeeren eine deiner kleinen Leidenschaften sind, und ich zweifele auch nicht daran, daß diese hier aus dem Garten unseres Freundes ganz vorzüglich sein werden; aber ich möchte dich doch gebeten haben, deine zarte Gesundheit zu berücksichtigen. Du weißt, es bekömmt dir nicht gut, beste Cornelia.«

»Ja, ja! So muß man immer die Weiber bewahren, wie kleine Kinder« – meinte der Hausherr.

»Aber, lieber Scheuermann!« – versetzte dessen Frau – »bei mir bist du doch nicht in diesen Fall gerathen.«

»Ja, theuerste Freundin« – rief Frau Hähnchen, indem sie ihre feinen Handschuhe mittelst geschickter Führung des silbernen Löffels zur Schau stellte – »Sie sind eine Ausnahme. Aber wir andere arme Frauen bedürfen nur zu sehr des Schutzes und der Nachsicht unserer Gebieter. Nicht wahr, mein Robert?« –

»Haben Sie schon von der Geschichte Seiner Excellenz des geheimen Rathes von Maienthal gehört?« – fragte Herr Hähnchen seinen Nachbar leise, indem er ihn auf die Seite nahm.

»Wie? – Was? – Nicht das Mindeste!« – flüsterte betroffen der Landwirth.

»Unser beiderseitiger verehrter Freund hat auf seiner Villa drüben einen sehr unangenehmen Besuch gehabt« – fuhr der Fabrikant mit gedämpfter Stimme fort.

»Besuch? – Wieso, unangenehm?« – fragte Herr Scheuermann, und war schon ganz aufgeregt.

»Nun, einen nächtlichen Besuch von der elenden Diebsbande, welche die ganze Gegend unsicher macht« – versetzte Herr Hähnchen.

Der arme Öconom entfärbte sich, er wurde bleicher und bleicher, während ihm der Nachbar das ganze Abenteuer des geheimen Rathes mittheilte. Dieser wohnte mit seinem Diener und seinem Koche ganz einsam auf seinem reizenden aber etwas abgelegenen Landsitze. Vor einigen Tagen wurde er von vermummten Dieben überrascht, welche ihn und seine Dienerschaft aus den Betten holten und mit aller Artigkeit in den Keller zerrten, worauf sodann die Spießgesellen die Geldkasse mit Ruhe gründlich leerten, und außerdem noch werthvolle Kleinigkeiten in Silber und Gold mitnahmen.

»Also vermummt waren die Kerle!« – sagte Herr Scheuermann und wollte lachen. Aber die Stimme versagte ihm aus Angst. – »Hat man denn nicht die Polizei herbeirufen können?« – frug er.

»Aber wo denken Sie hin! Seine Excellenz waren ja mit Kammerdiener und Koch in den Keller eingesperrt« – sagte Herr Hähnchen.

Sprachlos saß der Landwirth da, und wollte seinen Schreck hinter einer tüchtigen Prise Tabak verbergen. Aber seine Hände zitterten dermaßen, daß er die goldene Dose nicht zu öffnen vermochte.

»Höre nur, Scheuermann« – rief jetzt seine Frau zu ihm herüber – »welche große Güte Frau Hähnchen für unsere Tochter haben will!«

»Ja, wir sind eigentlich deswegen gekommen,« – sagte Frau Hähnchen – »um diese Einladung zu machen.«

»Welche Einladung?« – fragte der Öconom, welcher sich mühsam zu fassen suchte.

»Sie erinnern sich, bester Scheuermann,« – versetzte der Eisenwerkbesitzer – »daß Sie meiner guten Frau lange schon versprochen haben, ihr die Gunst zu erweisen« –

»Welche Gunst?« – fragte Herr Scheuermann zerstreut; denn er beschäftigte sich in Gedanken mit dem nächtlichen Überfalle in der Villa des geheimen Rathes.

»Nun« – fiel seine Frau etwas ungeduldig ein – »Frau Hähnchen will so gefällig sein, unsere Tochter ins Theater mitzunehmen.«

»Die Räuber von Göthe werden doch nicht aufgeführt werden?« – rief der noch immer aufgeregte Hausherr.

»Von Schiller – wollten Sie sagen; Sie versprachen sich, Herr Scheuermann« – versetzte Frau Hähnchen mit einer literarhistorischen Würde und Bescheidenheit, welche ihre vortreffliche, gründliche Institutsbildung abermals in das vortheilhafteste Licht setzte.

»Aber was du für sonderbare Ideen hast, Scheuermann!« sagte seine Frau. »Im Übrigen kommt nichts darauf an, was gespielt wird, wenn man sich nur gut amüsirt.«

»Allerdings – freilich!« – versetzte ihr Eheherr, indem er immer noch nach Fassung rang.

»Ich sah auf unserer letzten Reise« – sagte Frau Hähnchen im Burgtheater zu Wien das vortreffliche Schauspiel unsers edeln Theodor Körner: ›Hedwig, die Banditenbraut‹ – und ich gestehe Ihnen, ich war davon entzückt, obwohl der Stoff in das ›Banditale‹ schlägt, wenn ich mich so ausdrücken darf.«

Nach dieser ästhetischen Kraftanstrengung, welche mit volltönender Stimme vorgetragen wurde, lehnte sich die Frau des Großfabricanten majestätisch im Gartensessel zurück.

»Aber erlaube mir eine kleine Bemerkung, meine Theuerste!« – sagte Herr Hähnchen, indem er seine Frau mit einem Blicke der Bewunderung ansah – »Du müsstest doch gestehen, daß du eine Woche lang im Traume den Schuß Hedwigs hörtest.«

»Wird in diesem Stücke totgeschossen?« – fragte Herr Scheuermann, abermals in Angst gerathend. – »Doch ich erinnere mich selbst, in der allerliebsten Räuberoper ›Fra Diavolo‹ sogar ein kleines Gefecht gesehen zu haben. Freilich, dieser Fra Diavolo war, so zu sagen, ein gebildeter Räuberhauptmann. Wenn man überhaupt mit solchen Leuten zu thun haben muß« – er seufzte dabei leise – »so möchte ich doch lieber von solchen artigen Herren ausgeraubt sein.«

»Wo denken Sie hin, vereintester Nachbar« – beschwichtigte Herr Hähnchen, welchen der Gedankengang des Hausherrn klar zu werden begann.

»Und zudem ist Rike ein sonderbares Mädchen« – sagte deren Mutter: »Ich glaube, sie hat keine Nerven. – Papa, wir gönnen, denk ich, dem Kinde die Freude, und nehmen das gütige Anerbieten der Frau Hähnchen dankbar an.«

»Ganz gewiß« – sagte Herr Scheuermann, und dachte schon wieder an Seine Excellenz den geheimen Rath, welchen die Spitzbuben in der Nachttoilette in seinen eigenen Keller gesperrt hatten.

»Fräulein Friederike nimmt dann nach dem Theater bei uns vorlieb« – sagte Frau Hähnchen. »Ich habe ihr schon unser freundlichstes Fremdenzimmer in Bereitschaft stellen lassen.«

»Und morgen frühe« – fügte ihr Mann hinzu – »bringe ich Ihnen die Tochter zurück. Nicht wahr, meine Cornelia?«

»Völlig einverstanden, bester Robert!«

»Aber wo ist denn das Mädchen?« – rief Frau Scheuermann aus. »Rike, Rike!«

Die Mutter hätte noch so laut rufen können, die Laute hätten das Ohr der Tochter nicht erreicht. Denn sie war seit mehr als einer Stunde durch die hintere Gartenthüre auf ihr altes Lieblingsplätzchen gegangen, welches ihr in der jüngsten Zeit nur noch um so theuerer geworden zu sein schien. Benützte sie doch fast jede freie Zeit, um dahin zu eilen, und so lange als möglich dort in der Einsamkeit zu verweilen.

Der Ort, welchen Rike mit so vieler Vorliebe aufsuchte, war nun an und für sich weder malerisch, noch bot er ein schönes Landschaftsbild. Kein Maler würde ihn in sein Skizzenbuch gezeichnet, oder dort seinen Feldstuhl aufgeschlagen haben, um die Aussicht aufzunehmen. Aber es war der Spielplatz der Kindheit Friederikens; er muthete sie an, wie ein altes Tagebuch, in welchem man stets gerne wieder blättert, selbst wenn man es längst auswendig weiß. – Zwei Pappeln, welche man fast langweilig nennen konnte, standen auf dem Hügel, der hinter dem Hofgute hinanlief. Daneben umgaben einige Brombeerstauden eine Quelle, welche jedoch nur im Frühjahre nach starkem Schneefall und im Herbst nach häufigen Regengüssen mit Wasser gespeist war; in der übrigen Zeit des Jahres sickerte sie nur spärlich. Desto größer aber war die Freude Friederikens, wenn sie ihre traute Quelle wirklich murmeln hörte. So viel hatte die stiefmütterliche Natur für den Platz gethan; aber seine freigebige Gönnerin hatte ihn mit Kunst verschönert. Wilde Rosen waren oberhalb am Hange gepflanzt, und die schattige Stelle darunter mit einer Steinbank versehen – ein Geschenk des Vaters, von welchem es sich Friederike einst zum Angebinde ihres Namenstages erbeten hatte. Auf dem Rasen davor fehlte es auch an Blumen nicht; eine schlanke Lilie beugte sich vertraulich zu dem Mädchen, welches regungslos auf der Bank saß.

Es war ein wunderbar einfaches und doch so anziehendes Bild – die beiden Blumen in stillem Sinnen, eine neben der anderen, Rike und die Lilie. Was sagten sie einander?

Es blieb kein Zweifel, Rike war seit den letzten Tagen eine andere geworden. Nicht als ob sie sich selber verloren, und den heiligen Schatz ihres Herzens eingebüßt hätte. Aber die Knospe war zum Kelche aufgegangen; die irdische Seligkeit und zugleich das Weh der Erde war ihr nähergetreten, die Hoffnung und der Ernst des Lebens nahmen sie in Anspruch. Seit ihrem letzten Gespräche mit Theobald war sie sich über das geheimnisvolle Band, welches sie beide fesselte, ganz klar geworden; und so wollte sie auch, der Eigenthümlichkeit ihres Charakters nach, über Alles klar werden, was diese Stellung zu dem Manne ihres Herzens ihr zur Pflicht machte. Wenn sie daher in diesem Sinnen lange an der Brombeerstaude saß, so war dies kein eitles träumerisches Brüten, welches so oft sogar schädlich und gefährlich zu werden vermag, sondern es war eine aufrichtige Einkehr in sich selbst. Dann schweifte zwar manchmal ihr feuchter Blick hinüber nach dem Dorfe, wo aus dem Grün der Bäume, ihr wohl erkenntlich, das Dach des Hauses der Frau Hartwig herüberwinkte; aber alsbald haftete ihr Auge wieder auf der Schwester neben ihr, der makellosen Lilie, und es war, als wollte sie die Blume fragen, wie sie's vermöge, so einsam schön und unberührt zu blühen.

»Stumme Lilie!« – sprach sie vor sich hin. »Muß ich nicht reden – reden mit der Mutter?«

Da hörte sie laut ihren Namen rufen, und erschrak um so mehr, als sie die Stimme ihrer Mutter erkannte.

»Rike! – wo steckst du denn?« – rief diese von der geöffneten Gartenthüre herauf. Und dem altgewohnten Zuge des Gehorsames folgend, flog Friederike den Hügel herab, und fand die Eltern mit den Gästen auf der Veranda.

Die Einladung der Frau Hähnchen kam ihr jetzt gerade recht ungelegen. Aber sie las in den Augen ihrer Mutter, daß sie nicht abschlagen durfte. Zudem war ihre jugendliche Neugier doch auch zu groß, um nicht den Wunsch zu haben, das weltberühmte Theater der Residenz einmal zu sehen. So war sie bald reisefertig und ehe eine halbe Stunde verging, saß sie neben Frau Hähnchen in der eleganten Equipage, welche sie nach dem Musentempel der Hauptstadt führte.

Frau Scheuermann hatte sich nach der Wegfahrt ihrer Freundin, wie sie Frau Hähnchen deren Gemahl gegenüber nannte, zurückgezogen, und die beiden Herren saßen allein bei bayerischem Bier und Havannaduft. Herr Scheuermann hatte sicher erwartet, daß der Nachbar nun ein Gespräch über den Syllabus beginnen würde, und war sehr gespannt darauf. Aber er täuschte sich. Der Grund davon war einfach der, daß Herr Hähnchen zwar etwas mehr über den Syllabus wußte, als der Öconom, aber doch war ihm das Ganze nicht so klar, um darüber peroriren zu können. Auch hatte er an jenem Abend sein klassisches Fremdwörterbuch nachgeschlagen. Aber diese »wissenschaftliche Hilfsquelle«, welche weniger zart »Eselsbrücke« genannt wird, gab keinen Aufschluß; das Wort fehlte unbegreiflicher Weise. So entschloß er sich denn, einmal in der Residenz bei einem vertraulichen Gelehrten sich besseren Rath zu erholen. Doch dazu hatte er bis jetzt die Zeit noch nicht gefunden. Übrigens entsprach, wie sich bei so gebildeten, auf der Höhe des Jahrhunderts stehenden Männern nicht anders erwarten ließ, der ernste Gegenstand ihres Gespräches alsbald der hervorragenden Culturstufe derselben.

»Ja, ja, die Streiche, die Streiche!« – rief Herr Scheuermann aus.

»Die strikes« – verbesserte Herr Hähnchen – »ein englisches Wort. – Meinen Sie, daß ich mir dieselben gefallen lassen würde?« –

»Aber was wollen Sie machen?« – fragte Herr Scheuermann.

»Hier muß man vorbauen, Verehrtester!« – sagte der Eisenwerkbesitzer. – »Und ich rathe Ihnen dringend, in ähnlicher Weise zu verfahren, obwohl Sie als Öconom so glücklich sind, mit dem in der That scheußlichen Proletariate der Fabrikarbeiter nicht in Berührung zu kommen.«

»Nun, nun« – meinte der Landwirth – »Knechte und Taglöhner sind auch Schlingel.«

»Aber kein solches Gesindel, wie die Fabrikbrut« – versetzte scharf Herr Hähnchen. »Man muß die gärende Masse mit Gewalt niederhalten, man muß den Lästermäulern das rechte Gebiß anlegen.«

»Und das wäre?« – fragte der Öconom und hielt eine frische Zigarre an die Wachskerze.

»Es kommt mir lächerlich vor« – sagte der Industrielle, und sein ganzes Wesen zeigte eine große Aufregung – »mit diesen Taglöhnern und Handwerkern uns in Vergleiche einzulassen. Wie weit kommen wir damit? – Reichen Sie dem gefräßigen Haifisch nur harmlos den Finger, und er reißt Ihnen den ganzen Arm vom Leibe, und verschlingt sie zuletzt.«

»Hm, hm!« – schaltete Herr Scheuermann ein und schlürfte lange Züge aus seiner aromatischen Zigarre.

»Ich bewundere Ihre Harmlosigkeit oder Gleichgültigkeit, oder wie soll ich sagen?« – versetzte der Großfabrikant nicht ohne Gereiztheit.

»Aber, lieber Herr Nachbar!« – sagte Herr Scheuermann – »was soll man da sagen, was thun? So weit ich in den Zeitungen lese, haben die »Streiche« –

»Strikes, ein englisches Wort« – verbesserte Hähnchen abermals.

»Nun also« – fuhr der Öconom gutmüthig fort – »aber es bleiben doch immer böse Streiche« – fügte er wie in Parenthese dazu. »Nun also diese Arbeitseinstellungen haben immer nur ein einziges gewisses Resultat, den Schaden nämlich der Fabrikherrn sowohl als der Arbeiter. Am Ende, wenn die Maschine lang genug still gestanden in der Werkstätte des Herrn und im Magen des Arbeiters – dann vergleicht man sich doch wieder.«

»Was ich in ähnlichem Falle nie thun würde!« – schrie der Eisenwerkbesitzer.

»Ja!« – versetzte der Landwirth – »Sie waren noch nicht in ähnlichem Falle« –

»Und werde auch nimmermehr hineinkommen« – fiel der Fabrikant ein. »Und warum? – Das ist es eben, was ich sagen wollte. Man muß vorbauen; und ich – ich habe das gethan. Man muß dieses Volk ganz in der Hand haben. Das ist das ganze Geheimnis. Noch wenige Jahre, und alle meine Fabrikarbeiter leben auf meinem Grund und Boden, so wie sie mein Brod essen.«

»Bedenkliche Sache – das!« – meinte Herr Scheuermann.

»In wie fern?« – rief Herr Hähnchen aus – »In wie fern? – Wer den Trieb der Selbstständigkeit in sich fühlt, den lasse ich in der Jugend wandern; er wird schon in der Welt sein Unterkommen finden. Wer sich fügen will, kann bleiben mit Weib und Kind – aber auf meinem Eigenthum, so wie in meinem Dienst.«

»Aber wenn sie dennoch gehen?«

Der Großfabrikant lachte.

»Ja, das könnte wohl geschehen« – sagte er – »wenn sie was anders gelernt hätten.«

»Verstehe, verstehe« – versetzte Herr Scheuermann.

»Man muß nur die richtige Arbeitsteilung durchführen« sagte Herr Hähnchen, »welche ja ohnehin die Seele des Fabrikwesens ist. Wer von Kindesbeinen an stets hinter einer oder derselben Maschine, an einem und demselben Rade der Maschine bei einer und derselben Schraube an ihr gestanden und gleichsam ein wesentliches Stück von ihr geworden ist, bis auch dieses noch einmal in Zukunft durch eine neue Verbesserung überflüssig werden wird: der macht als Mann, zumal wenn er die Stube voll Kinder hat, keine Sprünge mehr. Er muß hinter der Maschine stehen bleiben, wenn er mit seinen Rangen sammt dem Weibe nicht verhungern will. Gesetzlich ist er ein freier Mann, und diese Freiheit bestreitet ihm Niemand, am wenigsten ich. Aber in meinem Geschäfte bin ich der Herr, und die Maschine muß gehorchen, sei sie nun von Eisen oder – von Fleisch.«

»Freilich, freilich!« – meinte Herr Scheuermann und blies mit großer Sorgfalt den Schaum von dem frischen Glas Bier, welches ihm so eben die Magd gebracht hatte. Er fand sich unbehaglich bei dieser Wendung des Gespräches. Denn, wenn sein verehrter Herr Nachbar jetzt redete, wie er viele reiche Leute schon sprechen gehört hatte, ohne sie widerlegen zu können: so war dennoch sein Herz viel zu gut, als daß es sich gegen solche Dinge nicht gesträubt hätte. Als er daher dem wirklich vortrefflichen Gerstensafte mit einem entschiedenen Zuge zugesetzt hatte, kam ihm auch eine gewisse Entschiedenheit in dieser Sache, und er sprach:

»Aber was wird dann eigentlich aus dem armen Volk?«

»Was, Volk!« – fuhr der Großfabrikant auf. – »Wir sind das Volk! Wir haben die Bildung und die Mittel. Wer würde für den Fortschritt, wer für die Aufklärung einstehen, wenn wir es nicht wären? Wo ständen wir mit der politischen Entwickelung und mit der nationalen Erhebung, wenn wir mit unseren geistigen Schätzen und – sagen wir es nur – mit unserem Gelde nicht dafür einträten?«

Herr Scheuermann hatte vor diesen Wörtern, so oft er sie auch in der Kammer gehört und in den Zeitungen gelesen hatte, einen solchen Respect, daß er keine Gegenrede wagte. Er erlaubte sich lediglich eine tiefsinnige Bemerkung.

»Ja! Die Bildung« – sagte er – »haben wir vollständig; aber was das Geld betrifft, so fühlt sich doch wohl Jeder für sich am besten seinen Mangel.«

Der Hüttenwerkbesitzer hatte die letzte Spruchweisheit seines Nachbars in seiner Aufregung überhört. Er blies mächtige Rauchwolken, so daß sein Haupt einem Vulcane ähnlich sah, und er fuhr in seiner Rede als Cicero pro domo fort:

»Oder wollen Sie den Socialismus? Wollen Sie die rothe Commune?«

»Bei Leibe, bei Leibe!« – ächzte der Landwirth.

»Wollen Sie mir zumuthen, daß ich mir von meinen Proletariern die Höhe des Arbeitslohnes vorschreiben lasse – ich, der ich nicht nur mein Vermögen, sondern – was mir unendlich höher steht – meine Bildung bei meinem Unternehmen einsetzte? Oder wollen Sie selbst vielleicht ihre Knechte und Taglöhner bestimmen lassen, welche Procente Sie von Ihren Gütern, die doch Ihr Eigenthum sind, ziehen wollen? – Und was wäre denn dieses arme Pack von Tagelöhnern und Handwerkern, wenn wir nicht da wären mit unserer Intelligenz!« –

Sobald Herr Hähnchen an das Wort »Intelligenz« in seinen Reden gelangte, hatte dies immer eine ähnliche Wirkung wie das abermalige Aufziehen einer Spieluhr. Mit aller Genauigkeit begann die oft gehörte, unsterbliche Melodie aufs neue, und flötete fort, bis der letzte Stift der Walze sich abgespielt hatte. So erging es auch jetzt wieder. Fast andächtig saß unser Öconom dabei, und hörte das liebliche Glockenspiel der liberalen Phrasen mit aller Ehrerbietung an, wenn auch sein ehrliches Herz manchmal ein wenig rebellisch zu werden drohte.

»Das sind meine Grundsätze« – so endete Herr Hähnchen. »Sie sind Ihnen schon längst bekannt. Aber Sie wußten vielleicht nicht, wie fest meine wahrhaft freisinnige Überzeugung gewurzelt sei.«

»Doch, doch!« – versicherte Herr Scheuermann freundlich.

»Eines gehört allerdings dazu« – fügte der Großfabrikant noch bei – »und das macht mich oft nachsichtig, wenn ich die Charakterschwäche an Andern beklagen muß. Man muß so unabhängig, und, wenn ich mich so ausdrücken darf, so ungestört in seinem Geschäftskreise sein, wie ich es glücklicherweise bin, der ich weit und breit keine Concurrenz zu fürchten habe. Nur dann kann man diese nationalöconomische Frage so energisch lösen, wie ich es thue.« –

Das köstliche Bier war zu Ende, und damit auch für heute der oratorische Beruf des Herrn Hähnchen. Er hatte sich sein Reitpferd nachkommen lassen, und der Jockey hielt schon lange mit dem prächtigen englischen Fuchs vor dem Thore. So verabschiedete er sich denn bei der Hausfrau, und drückte verbindlich dem Nachbar die Hand, welcher es freundlich erwiderte, obschon ihn die heutige Unterhaltung etwas wurmte. Herr Hähnchen aber bewies sich, als er im Sattel saß, als gewandter Reiter, und schien sich nicht wenig auf seine Kunst gut zu thun. Frau Scheuermann stand oben am offenen Fenster. Er grüßte höchst anmuthig mit der Reitgerte hinauf, und sprengte mit seinem Reitknechte, welcher ihm in gemessenem Abstände folgte, waldeinwärts nach Hause. –

»Was hast du denn, Papa?« – fragte Frau Scheuermann ihren Mann, welcher hereingekommen war, sich schweigend auf das Sopha setzte, und plötzlich seufzte.

Herr Scheuermann wußte selbst keine Antwort darauf zu geben. Er war in jener schlimmen Stimmung, welche wir mit jenem undefinirbaren Worte üble Laune zu nennen pflegen. Diese Verdrießlichkeit setzt sich, wie nicht selten der trübe Himmel, aus verschiedenen dunkeln Wolken zusammen. Das letzte Zwiegespräch mit seinem verehrten Nachbar war ihm unangenehm gewesen, noch unangenehmer die Nachricht von dem entsetzlichen Abenteuer des armen geheimen Rathes. Dann war es ihm auch gerade nicht angenehm, seine Tochter mit Frau Hähnchen in das Theater fahren zu sehen. Er fürchtete allerlei, und natürlich auch die Unsicherheit des Heimweges in der Nacht. Aber er hatte doch nicht den Muth gehabt, die Einladung für Rike auszuschlagen; und auch dieses ärgerte ihn jetzt hinterdrein. Am Ende war, wie bei jeder üblen Laune, die Verdrießlichkeit selber der Hauptgrund der Verdrießlichkeit. Der arme Mensch erbost sich zuletzt selber über seine eigene Griesgrämigkeit. So ging es auch Herrn Scheuermann.

»Punctum!« – sagte er endlich ganz laut, und erschrak fast über seine eigene Stimme.

»Aber, Scheuermann, was ist denn schon wieder?« – fragte abermals seine Frau.

»Gib mir die neuesten Zeitungen« – sagte er in einem Tone, bei welchem die Ehefrau, wie sie aus langer Erfahrung wußte, nicht widersprechen durfte.

Frau Scheuermann gehorchte darum für dieses Mal dem Befehle des Haustyrannen, und legte ihm schweigend die Zeitungen hin. Er nahm sie und las mit der gewohnten Ehrerbietung. Die Gattin hatte ihren Roman herbeigeholt, sah aber von Zeit zu Zeit verstohlen über das Buch weg nach dem Gatten, obgleich sie mit der Schilderung einer prächtigen Feuersbrunst zu thun hatte, aus welcher der Held des Romans halb gebraten hervorging.

Plötzlich aber warf ihr Gatte die Zeitung, welche er eben in der Hand hatte, mit einer gewissen Kraftanstrengung weg, und ging hastigen Schrittes zum Zimmer hinaus. Bald darauf hörte sie ihn draußen im Garten leise pfeifend auf und ab schreiten. Diese sonderbare musikalische Leistung war für Frau Scheuermann, was die Sturmvögel für den Matrosen an Bord – das sichere Anzeichen des losbrechenden Wetters. Zum Glücke für die Gattin entlud sich diesmal die unheilschwangere Wolke im Hofe über den Häuptern des Gesindes. Denn nach kurzer Frist hörte sie ihren Mann in heftigen Worten die Dienstboten schelten. Dann war es wieder stille, und Frau Scheuermann überließ sich nunmehr ungestört dem Mitleiden für den in der Feuersbrunst gerösteten Helden ihres interessanten Romans.

Das Abendessen war sehr einsylbig. Die Frau des Hauses glaubte, daß es an der Zeit sei, dem verstimmten Ehemann zu trotzen; und dieser Trotz stieg, da sie merkte, daß derselbe ihren Gatten kaum berührte. Früher als gewöhnlich stand er auf, indem er Müdigkeit vorschützte; und die im Stillen aufgebrachte Gemahlin entließ ihn mit einem kurzen, kühlen: »Gute Nacht.«

O die Unbarmherzige! Wenn sie heute scharfsichtiger gewesen wäre, wenn sie errathen hätte, was das Herz ihres Gemahles drückte! Aber so mußte der arme beklagenswerthe Herr Scheuermann die schwere Last allein tragen. Er war, damit das Maß des heutigen Unglückstages überlaufe, in einer der Zeitungen auf die Nachricht einer neuen frechen Räuberei in der Umgebung der Residenz gestoßen, und diese Nachricht hatte ihm den letzten Rest von Fassung geraubt. Es handelte sich geradezu um jenen abscheulichen Vagabunden, welcher unter dem Namen eines »Herrn von Syllabus« das Land weit und breit unsicher machte. Denn in dem ersten und zuverlässigsten Blatte der Residenz hatte er heute Abend gelesen:

»Abermals haben wir leider eine jener Gauner- und Räubergeschichten zu berichten, deren Schauplatz in jüngster Zeit die Umgegend der Residenz selber bildete, und wie es den Anschein hat, noch lange bilden soll. Der berüchtigte Gauner und Räuber, welcher unter dem Namen eines Baron von Syllabus sich in verschiedene wohlhabende Familien auf dem Lande einzuschleichen, und seine frechen Räubereien mit der Courtoisie eines wahren Fra Diavolo auszuführen wußte, fand unbegreiflicherweise abermals Eintritt in die Familie eines der reichsten Öconomen unserer gesegneten Provinz. Er leerte nicht nur die gefüllte Kasse des Hausherrn, sondern entführte sogar dessen liebenswürdige Tochter – ob mit Gewalt, wissen wir nicht – in der eigenen Equipage des Vaters. Der Kutscher scheint sich jedoch dem letztern frechen Raube muthig entgegengesetzt zu haben. Man fand den treuen Diener am andern Morgen mit eingeschlagenem Schädel todt am Thorbogen. Seine vielen Wunden und zerfetzten Kleider deuteten auf einen verzweifelten Kampf hin. Alle Nachforschungen blieben bis jetzt vergebens. Der Dieb, Räuber und Mörder ist spurlos verschwunden; die Familie in Schreck und Trauer. Und wo bleibt die Polizei?« –

Wie froh war der arme Herr Scheuermann, als er sich endlich zur Ruhe legen, und die feine, weiße Schlafmütze weit über die Augen herabziehen konnte, um von dieser abscheulichen Welt auch gar nichts mehr zu sehen. Aber welch ein Wahn des ehrenwerthen Provincialrathes, wenn er hoffen konnte, in süßen Träumen sein hartes Schicksal vergessen zu können. Man vermag zwar nicht zu behaupten, daß er kein Auge schließen konnte; denn dafür war durch die herabgezogene Schlafmütze gesorgt, welche das ehrwürdige Scheuermannische Haupt einem gigantischen Seidencocon gleichen ließ. Aber der Schlummer floh den von Angst gepeinigten Mann, und je mehr die Nacht vorrückte, desto höher stieg diese Furcht, welche zuletzt fieberhaft wurde. Als schon längst im Hause Alles schlief, und ringsum Grabesstille herrschte, saß er plötzlich auf seinem Lager aufrecht und das Riesencocon lauschte bang in die Nacht hinaus. Denn er glaubte ein Geräusch gehört zu haben. Dann versank die Gestalt wieder; aber nur, um sich alsbald wieder aufzurichten. So erging es, ehe noch Mitternacht kam, dem bedauernswürdigen Opfer einer allzu fahrlässigen Polizei fast jede Viertelstunde. Endlich aber schien doch die Natur ihr Recht zu verlangen. Herr Scheuermann wurde ruhiger, der Schlaf begann, sich seiner zu erbarmen, und das holde Reich der Träume ihm zu erschließen. –

Da fährt er plötzlich hoch empor. Wiederum glaubt er Geräusch zu vernehmen. Täuscht er sich wieder? – Doch nein! Er hört deutlich die Schläge an das Hofthor. Eiskalt überläuft es ihn. Einen Augenblick läßt sich der arme Blasius von dem Gedanken versuchen, die Schlafmütze noch weiter über das Antlitz zu streifen, sich in den Kissen, oder gar unter dem Bette zu verbergen, und Haus und Habe den Banditen zu überlassen. Constatiren wir jedoch zu Ehrenrettung des Helden, daß ihn dieser feige Gedanken nur einen Augenblick beherrschen konnte. – Dann hört er wieder Gepolter – es dünken ihm Axtschläge – dann Geschrei. Man rüttelt wieder an dem Thore, Stimmen tönen dazwischen – laut und lauter. –

Da springt Herr Scheuermann aus dem Bette, weckt seine Frau, reißt den Schellenzug herab, springt die Treppe hinab und läutet die Gesindeglocke, daß die Fenster klirren. Dann eilt er wieder nach seinem Zimmer, aus welchem ihm seine Frau geisterbleich entgegen kömmt. Er hat einen heroischen Entschluß gefaßt, welchen er auszuführen gedenkt, sobald er nur einiger Maßen bewaffnet ist. In bebender Hast schnallt er den Hirschfänger um, steckt die Pistolen in den Gürtel, ergreift seine Jagdflinte, und stülpt zum Schutze seines Hauptes – da er nichts anderes zur Hand hat – sein Waschbecken über die Schlafmütze.

In solcher Weise schreitet er zur That, tritt in den anstoßenden Salon, öffnet ein Fenster und hinter den verschlossenen Jalousien ruft er mit einer Donnerstimme hinab:

»Wer da?« –

»Papa, öffne!« – ruft eine Stimme herauf. – »Ich bin's, Rike!« –

»Friederike!« – schrie Frau Scheuermann, welche hinter ihren Mann getreten war, aufs neue erschreckt. »Öffne das Thor!« – rief sie dem herbeieilenden Knechte entgegen. – »Es ist Rike!« Ich komme gleich hinab. Was ist dem Kind begegnet?«

Ihr Gemahl hatte sich derweilen erschöpft auf einen Stuhl sinken lassen. Doch nachdem seine Frau hinabgeeilt war, erhob er sich, um sich in sein Schlafgemach zu schleppen, wo er die Seinigen zu erwarten gedachte.

»Punctum!« – sagte er, als er sich der Waffenrüstung entledigt hatte und mit aufgeschlagenem Helmsturz der Nachtmütze in dem sicheren Hafen des Alkovens lag.

Da eilten Tritte die Treppe herauf. Rike stürzte herein, und brach schluchzend am Bette ihres Vaters nieder.

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