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Herr von Syllabus

Benno Bronner: Herr von Syllabus - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/bronnerb/syllabus/syllabus.xml
typenovelette
authorBenno Bronner
titleHerr von Syllabus
publisherVerlag Peter Faecke
editorDieter Paul Rudolph
year2008
isbn978-3-936791-61-7
firstpub1873
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120410
projectid99c71874
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Diplomaten auf dem Lande

Der alte Jugendfreund Scheuermanns, Balthasar Kranich, wohnte in bäuerlicher Einsamkeit tief in den Bergen drinnen, wohin noch immer, was er oft voll Unmuth beklagte, keine Eisenbahn führte. Er war Landwirth, wie jener; nur schien es, daß es mit seinen Unternehmungen nicht so vorwärts gehe, wie dem Freunde in der Nähe der Residenz. Nichtsdestoweniger hatte er einen stattlichen Besitz, dessen Ländereien vielleicht noch ausgiebiger gewesen wären, wenn der Gutsherr und sein Sohn Caspar nicht lieber auf die Jagd gegangen wären, oder in dem nächsten Marktflecken lustige Kirchweihtage und sonstige Begnügungen mitgemacht hätten. Zudem fehlte auch die Frau im Hause; sie war längst gestorben, und hatte ihrem Gemahle nur einen Knaben zurückgelassen, welcher jetzt zum jungen Manne hoch aufgeschossen war. Die Natur hatte ihn eben nicht begünstigt. Sein Wuchs war überschlank, und die bösen Zungen im Dorfe wagten es geradezu von seinen Storchenbeinen zu sprechen. Dazu hatte er feuerrothe Haare, welche sein geröthetes, mit Sommersprossen reichlich geschmücktes und mit einer ungeheuern Nase versehenes Gesicht wie Plutos Flammenkrone umgaben. Auch seine geistigen Fähigkeiten waren, ebenso wenig wie die seines Vaters, glänzend zu nennen. Beide aber hatte die gütige Natur dafür mit einer andern Gabe bedacht. Schlaues Wesen war dem alten Kranich ebenso wenig abzusprechen, wie Herrn Kranich junior eine gewisse Verschlagenheit.

Herr Scheuermann und Herr Kranich waren wieder einmal so recht der schlagendste Beweis des Satzes, daß Freundschaft oft nichts weniger sei, als die Verbindung gleichgestimmter Seelen. Zwei verschiedenartigere Charactere, als diese beiden Freunde waren, konnten nicht leicht gefunden werden. Herr Scheuermann, welchen zu kennen wir bereits die Ehre haben, war gutmüthiger, furchtsamer Natur, und es bedurfte schon eines bedeutenderen Anpralles, um ihn aus seinem behaglichen Gleichgewichte zu bringen. Dabei war er ein ausgesprochener Freund häuslichen Stilllebens, und erklärte oft, daß sein Patriotismus das größte Opfer gebracht habe, während er als Volksvertreter den Sitzungen des Abgeordnetenhauses beiwohnen mußte, obgleich er die Heimat so nahe an der Residenz hatte. Herr Kranich dagegen war von herausforderndem Wesen; manche gingen sogar so weit, ihn als Prahlhans zu bezeichnen. Im Umgang war er daher nichts weniger als liebenswürdig; denn er machte seine Ansicht stets mit Gepolter und nicht selten ohne jeden Schliff der Artigkeit geltend. In dieser Beziehung stand Herr Scheuermann unbestrittener Maßen auf einer viel höhern Culturstufe, und wir werden nicht irre gehen, wenn wir diese Thatsache, zum Theile wenigstens, dem Umgang mit den hochgebildeten Männern zuschreiben, welche in dem Abgeordnetenhause wie die fette Sahne auf der Milch beisammen saßen. Außerdem hatte aber Herr Kranich, wie wir schon gehört haben, eine unbezähmbare Vorliebe für das Jagd- und Kirchweihleben. Was jedoch beide mit einander gemein hatten, war einerseits die praktische Lebensanschauung, welche sie übrigens nicht aus Büchern gelernt hatten, andererseits die unverkennbare und nie gehobene Schwierigkeit, sich eine höhere solide Bildung, etwa wie jene des Hüttenwerkbesitzers Hähnchen, anzueignen.

Nichtsdestoweniger waren die beiden Landwirthe Freunde. Wenn sie sich auch selten schrieben und noch seltener sahen, der Bund, welcher Vorjahren von den hoffnungsvollen Zöglingen der landwirthschaftlichen Schule geschlossen worden war, blieb fest, und von Zeit zu Zeit gab sich dies in der rührendsten Weise kund. So versäumte nicht leicht der Eine den Andern auf bedeutendere landwirthschaftliche Ereignisse aufmerksam zu machen, und praktische Winke für den vortheilhaften Absatz der Bodenerzeugnisse zu geben. Herr Kranich hatte auch vor Jahren zu verschiedenen Malen die Kasse des Freundes in Anspruch genommen, die entliehenen Gelder aber pünktlich und mit Zinsen heimgezahlt. In der letzten Zeit aber beschäftigte die Freunde eine Angelegenheit, welche sie beide als höchst wichtig ansahen, und deren glücklichen Ausgang beide sehnlichst herbei wünschten. Es war dies nicht mehr und nicht weniger als die eheliche Verbindung der Tochter Scheuermanns mit Caspar Kranich. Das Brautpaar hatte sich zwar noch nie gesehen, und Herr Scheuermann erinnerte sich Caspars nur als kleinen Kindes, da er nach dem frühen Tode seiner Mutter langjähriger Zögling einer entfernteren Erziehungsanstalt geworden war und auf Reisen ging. Herr Kranich dagegen hatte sich in den letzten Jahren Rike angesehen; und da diese ihm wohl anstand, wußte er deren Eltern so viel Löbliches und Empfehlendes von seinem einzigen Sohne zu erzählen, daß der Plan unter ihnen reiflich und umständlich besprochen und die Heirath eine abgemachte Sache war, als der Vater Caspars den alten Freund verließ, um zu Hause mit dem Sohn das Weitere zu verhandeln.

War er dessen Zustimmung, so weit er ihn kannte, schon im Voraus gewiß, so hielten es dagegen die Eltern Friederikens für gerathen, vor der Hand der Tochter aus diesem Heirathsprojecte ein Geheimnis zu machen. Papa Kranich wollte zwar, nachdem er der Einwilligung der Eltern sicher war, sofort Friederiken die Eröffnung machen, um gleichsam schon eine vorläufige Verlobung auch ohne den Sohn zu feiern. Aber wie stürmisch er auch darauf drang, an dem entschiedenen Widerspruch der Frau Scheuermann fand er ein unübersteigliches Hinderniß. Ihr Gemahl hätte sich vielleicht dem lebhaften Andringen des Freundes schließlich ergeben; aber sie machte mit allem Ernste auf die Gefahr aufmerksam, bei einem Mädchen, wie Rike, mit solchem Vorangehen Alles zu verderben. Denn sie kannte ihr Kind zu gut, um nicht mit aller Bestimmtheit behaupten zu können, daß Friederike sich nie und nimmermehr dazu bestimmen lassen werde, ihre Hand im Voraus auch nur bedingungsweise zu vergeben. Endlich stand der alte Kranich von seinem Drängen ab. Man beschloß im Familienrathe, die Sache vor Rike ganz geheim zu halten, und zunächst den Besuch Caspars zu erwarten, welchen sein Vater sobald als möglich auf die Freierei zu schicken versprach.

Da kam vom alten Herrn Kranich der Brief, welchen sein Freund zu Hause vorfand, als er von dem Eisenwerke heimkehrte. Das Schreiben meldete die Verzögerung des Erscheinens Caspars, und sogleich den Grund hiervon, dringende Erbschaftsangelegenheiten. Die Sache aber verhielt sich so.

Eine Erbschaft hatte Herr Kranich allerdings gemacht. Eine alte Base, mit welcher er seit Jahren in gar keiner Beziehung mehr gestanden war, hatte, aus jener rührenden Anhänglichkeit an den Familiennamen, den ihr fast fremden Vetter zum Universalerben ihres nichts weniger als unbedeutenden Vermögens eingesetzt. Herr Kranich senior weinte seit langer Zeit zum ersten Male wieder; aber es waren natürlich Freudenthränen über diese glückliche Überraschung. Bei Herrn Kranich junior aber brachte dieser gleichsam gefundene Schatz in einer Beziehung eine nicht geringe Sinnesänderung hervor. War er, als der Vater von der Brautschau nach Hause kam, ganz mit dem Heirathsprojecte einverstanden, welches man in dem Hause des Herrn Scheuermann berathen und festgestellt hatte, so wurde er jetzt doch anderer Meinung, als er aus dem Briefe des Notars, welchen die selige Base zum Testamentsexecutor bestellt hatte, sich vergewisserte, daß er nunmehr zu einem steinreichen Erben geworden sei. Denn, wenn auch die Landwirthschaft seines Vaters nicht in zerrütteten Verhältnissen war, so konnte man doch auch nicht sagen, daß sie glänzend stehe. Die Mitgift der Tochter Scheuermanns kam also stark in Berechnung, wiewohl Caspar sich darin gefiel, den bis über die Ohren Verliebten zu spielen, und die Zeit nicht erwarten zu können schien, wo er seine zukünftige Frau zum ersten Male sehen sollte. Jetzt aber standen die Dinge anders, und selbst Vater Kranich fühlte das gleich heraus. Es war ihm daher durchaus keine Überraschung, als ihm sein Sohn, da sie in später Nacht etwas erhitzt aus der Weinschenke des Marktfleckens nach dem Hofgute ritten, seine Eröffnungen darüber machte.

»Vater!« – sagte Caspar, nachdem sie einige Zeit schweigend die dunkele Landstraße dahin getrabt waren. Dabei riß er ganz unnöthiger Weise den gutmüthigen Schimmel nach der Seite, wo jener ritt.

»Hm!« – war die Antwort des alten Herrn Kranichs, welcher schon einige ganz bedenkliche Schwankungen im Sattel gemacht hatte.

»Ich habe mich besonnen« – fuhr der Sohn fort. Aber schon im nächsten Augenblicke stieß er ein nicht sehr anständiges Fluchwort aus, indem er seinen Hut fester in die Stirne drückte und sodann mit der Hetzpeitsche dem Pferde einen heftigen Schlag versetzte. Dem armen Thiere war heute Abend seine gewöhnliche Gelassenheit endlich ausgegangen, da die unruhige Hand des Reiters, welcher den Wein spürte, unaufhörlich am Zügel zerrte. Mit einem Seitensprunge hätte der mißhandelte Gaul seinen Herrn fast aus dem Sattel gehoben und in den Straßengraben gelegt.

»Nun, nun!« – sagte der alte Kranich unmuthig. – »Wann wirst du einmal das Reiten lernen, Caspar?«

»Die alte Schindmähre!« – schalt der Sohn, welcher übrigens nicht wagte, die Dressur des Schimmels in der frühern Weise fortzusetzen.

»Na! – Du wolltest ja etwas sagen?« – fragte der Vater.

»Ja, das wollt' ich, und es betrifft – meine Heirath.«

»So!« – brummte der Alte.

»Ich meine – oder vielmehr ich bin fest entschlossen« –

»Doch nicht die Sache mit Scheuermanns rückgängig zu machen? – He?«

»Warum nicht?« – fragte der Sohn.

»Geht nicht, Caspar!« –

»Warum soll's nicht gehen? Hab ich mein Wort gegeben?« –

»Aber ich gab's, Caspar!«

»Zum Voraus! Ich bin ein freier Mann!« – rief der Sohn aus; und bewies es seinem Schimmel, indem er ihm, ohne allen Grund, wiederum einen Peitschenhieb versetzte, so daß der Gaul hoch aufbäumte.

»Nur gemach, Caspar, gemach!« – mahnte der Vater, indem er abermals schwankte, und mit der Nase fast die Mähne seines Pferdes berührte. Nachdem er sich wieder in die verticale Richtung gebracht hatte, fuhr er fort:

»Caspar!« –

»Was?«

»Hab die Sache auch schon überlegt. Wie wär's, wenn du erst selber auf die Brautschau gingst? – Verstanden?«

»Und von den Alten schon unter der Thüre als Schwiegersohn begrüßt würde! Dank schön!« Der treulose Bräutigam schlug bei diesen seinen Worten ein schallendes Gelächter auf.

»Caspar!«

»Was?«

»So mein ich nicht« – sagte der Vater und hielt sich mit einer Hand bereits am Sattelknopfe – »Ich meine – incognito?«

»Das verstehe ich nicht« – erwiderte kurz der Sohn.

»Dummkopf!« – murrte der Vater. »Ich meine du solltest dir die Rike ansehen, ohne daß sie dich kennt.«

»Donnerwetter!« – rief der Sohn lachend aus, und hielt den Schimmel ganz nahe zu dem Vater, um ihm ins Gesicht sehen zu können, ob das Ernst sei.

»Wer kennt dich in Scheuermanns Haus?« – fuhr der alte Kranich fort. – »Niemand. Also du gehst hin, gibst dich für irgend wen aus, siehst dir die Haushaltung und die Tochter an, und wenn sie dir gefällt, warum sie dann nicht nehmen?«

»Gefällt sie mir aber nicht, Papa?«

»Dann gehst du, wie du gekommen.«

»Das läßt sich hören« – meinte Caspar.

»Es wird sich dann schon eine Ausrede finden« – sagte der Alte, und suchte mühsam den einen Steigbügel wieder zu gewinnen, welchen sein rechter Fuß verloren hatte. Bei diesem heikelen Geschäfte verlor er aber dermaßen das Gleichgewicht, daß Caspar zu rechter Zeit hart an ihn herangeritten war. So brachte er ihn wieder mühsam aufrecht in den Sattel, wie einst die Spanier den todten Cid Campeador. Der alte Rappe aber schien die Sache aus Erfahrung zu kennen, und Einsicht genug zu haben. Denn er blieb wie ein Lamm stehen, bis sein Herr wiederum die aufrechte Linie gefunden hatte, und mit beiden Füßen bis zu der Ferse in den Bügeln stack.

Der Sohn merkte, daß es Zeit sei, nach Hause zu kommen. Er bat den alten Herrn, mit beiden Händen dem Rappen in die Mähne zu fahren, und ihm den Zügel zu überlassen. Der Papa ging sehr gelehrig darauf ein, und schweigend setzten sie den Ritt fort, bis sie das Hofthor des Landsitzes um Mitternacht glücklich erreicht hatten.

Das alte Sprichwort bewährte sich auch wiederum in diesem Falle: in vino veritas. Als die beiden Kraniche nach Hause gekommen waren, verstand es sich von selbst, daß keiner von ihnen Lust oder auch nur die Fähigkeit hatte, das auf dem nächtlichen Heimritte begonnene Gespräch zu Ende zu führen. Wenn aber auch Vater Kranich am nächsten Tage sich nicht mehr genau Rechenschaft zu geben wußte, was er auf dem Wege gesprochen habe, so bewies doch die nächste Unterredung mit seinem Sohne, daß es sein überlegter Plan war, Caspar incognito zu seinem Freunde Scheuermann zu schicken. Die Scrupel, welche ihm bei dem Gedanken an die alte langjährige Freundschaft gekommen waren, hatte er sich schon selber beschwichtigt. Denn es lag doch am Tage, daß so bedeutend veränderte Zahlen im Vermögensstand eine Änderung des Geschmackes nach sich ziehen mußten. Zudem war man ja der Braut selber nicht einmal sicher, und schon aus diesem Grunde konnte kein verständiger Mensch dem jungen Herrn Kranich es verargen, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzten wollte, einen Korb mit nach Hause zu tragen. Zerschlug sich das Project, weil Caspar keinen Gefallen an der Sache fand, so hoffte sein Vater, den gutmüthigen alten Freund Scheuermann schon wieder in die Reihe zu bringen; denn ein eigentlicher Bruch mit demselben wäre ihm doch eine recht ärgerliche Sache gewesen. Übrigens erwartete Herr Kranich eher, daß sein Caspar sich zum Freien verstehen werde; während dieser selbst sich es in den Kopf gesetzt hatte, sich durchaus nicht einfädeln zu lassen, wie er sagte, und sich so theuer als möglich zu verkaufen.

Beim rechten Lichte betrachtet, war aber der alte Kranich, nachdem die Erbschaft dazwischen gekommen war, noch gleichgültiger gegen das jetzt sehr ungelegene Heirathsproject, als sein Sohn. Der Gedanke, nunmehr seinem reichen Erben noch eine weit reichere Frau und dadurch demselben die höchste Stufe des irdischen Glückes, den Stand eines Millionärs, zu verschaffen, war zu verführerisch, als daß sich der Vater nicht von denselben hätte einnehmen lassen.

Bald war es daher zwischen Vater und Sohn abgemachte Sache, daß mit feiner Diplomatie in der delicaten Angelegenheit zu verfahren sei. Jener sollte an seinen Freund schreiben, daß der Sohn jetzt zu erscheinen durch eine Erbschaftsangelegenheit verhindert sei; dagegen blieb es Caspars Aufgabe, sich unvermerkt nach der Residenz aufzumachen und von dort aus mit aller Schlauheit das Abenteuer im Hause Scheuermanns auszuführen.

Und so geschah es auch. Als Papa Kranich der Brief an seinen »guten« Scheuermann geschrieben, und nach altmodischer Weise beim Siegeln mit dem Kranichpetschaft eine ganze Sonnenscheibe rothen Siegellacks verschwendet hatte, schüttelte er nochmals bedenklich den Kopf. Aber die Liebe zur Geradheit und Aufrichtigkeit behielt nur einen letzten Augenblick die Oberhand; im nächsten war der Verrath an dem alten, stets sehr ergebenen Freunde »vollendete Thatsache.«

»Pah!« – sagte Herr Kranich im Selbstgespräche – »ein bischen Heuchelei mehr oder weniger in der Welt wird der Reputation unsers Jahrhunderts weder schaden, noch ihr auf die Beine helfen. Sagten doch große Staatsmänner, daß die politische Heuchelei erlaubt sei. Um wie viel mehr die familiäre und Privatheuchelei – behaupte ich. Denn kein ehrlicher Mann kann leugnen, daß die Staatsactionen gegenüber Familiengeschäften Bagatellen sind.«

Herr Kranich, der Jüngere, philosophirte gar nicht über solche Dinge. Er war schon in einer Zeit geboren, wo man das Lügen im Großen und im Kleinen, in Zeitungen und Telegrammen, im Handel und Wandel für eine der dankenswerthesten Errungenschaften der Cultur und Civilisation ansah. Er freute sich, die Residenz zu sehen, Theater und Kaffeehäuser zu besuchen, und nebenbei die Bekanntschaft der Familie Scheuermann zu machen, ohne von ihr erkannt zu sein.

In der fröhlichsten Laune nahm er gleich am nächsten Tage Abschied von seinem Vater, welcher gar nicht fertig werden konnte, ihm gute Rathschläge für die Reise und sein Verhalten zu geben. Als er mit wohlgefülltem Koffer und strotzender Börse in der alten Kalesche saß, um zur nächsten Eisenbahnstation zu fahren, dünkte er sich unternehmender als ein Weltumsegler und seiner Erfolge gewiß, wie Alexander der Große.

»Caspar, Caspar!« – sagte der Vater, als er ihm über den Kutschenschlag zum Abschied die Hand reichte – »Nur Eines nicht!«

»Was denn, Papa!«

»Mach mir nur keine dummen Streiche!« rief der Alte und seufzte.

»Ach was!« – rief der Sohn ganz unwillig. »Heiße ich nicht Caspar Kranich?« –

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