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Herr von Syllabus

Benno Bronner: Herr von Syllabus - Kapitel 5
Quellenangabe
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typenovelette
authorBenno Bronner
titleHerr von Syllabus
publisherVerlag Peter Faecke
editorDieter Paul Rudolph
year2008
isbn978-3-936791-61-7
firstpub1873
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120410
projectid99c71874
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Die Höhe unserer Bildung

Nach einer halben Stunde hatte Herr Scheuermann mit seinem muntern Braunen den Wohnsitz seiner Nachbarn, des Eisenwerkbesitzers Hähnchen, erreicht. Wer den Öconomen so in seinem Cabriolet sitzen und die Zügel gewandt führen sah, hätte in der stattlichen Gestalt des Wagenlenkers mit den heitern Zügen nicht den Mann vermuthet, welcher seit gestern von einem geheimen Unbehagen gequält wurde. Die Spazierfahrt hatte aber offenbar wohlthätig auf unsern neuen Damokles gewirkt, und je näher er dem Ziele seines heutigen Weges kam, desto mehr verzogen sich die letzten Wolken von seinem Angesicht. Wollte er doch vor seinem verehrten Freunde in der rosigsten Laune erscheinen.

Mit dieser Freundschaft hatte es eine ganz eigene Bewandtnis. Scheuermann war bedeutend älter als Hähnchen, welcher kaum die Dreißig überschritten hatte. Nichtsdestoweniger kam der Öconom dem Fabricanten nicht nur mit dem größten Vertrauen entgegen, sondern er beugte sich auch, ohne Empfindlichkeit zu zeigen, unter das geistige Übergewicht, welches er bei ihm gefunden zu haben meinte. Die Ursache war für den unbefangenen Beobachter leicht zu entdecken. Hähnchen hatte das in Fülle und im Übermaße, was Scheuermann abging. Die gütige Natur hatte jenen mit so geschmeidigen Lippenmuskeln begabt, und ihm das Organ der Zunge so vollkommen ausgebildet, daß er Meister, wenn auch nicht im Worte, doch im Redeschwalle war, und Jeden, welcher das Glück hatte, mit ihm zu verkehren, unter das Douchebad seiner unvergleichlichen Suade brachte, von wo man nur vollständig triefend entkam. Für den Öconom, welcher von der Natur namentlich hierin stiefmütterlich behandelt worden war, blieb Nachbar Hähnchen deshalb ein wahres Phänomen. Dieser aber, sobald er einmal die Wirkung seines Rednertalentes an dem Freunde erprobt hatte, und ihrer sicher war, warf sich sofort jenem gegenüber zum absoluten Herrscher in allen Dingen auf, welche mit der Geläufigkeit der Sprachorgane behandelt werden können. Oft bedauerte der ehemalige Zögling der Pflugfeldener Landwirthschaftsschule im Stillen mit einem Seufzer, daß er nicht auch, wie Herr Hähnchen, Universitätsbildung genossen und sich »auf allen Gebieten des Geistes«, wie sich dieser gerne ausdrückte, wenigstens etwas umgesehen habe. Denn dem Provincialrathe und ehemaligen Landtagsabgeordneten kamen doch manchmal Augenblicke, wo er sich eingestehen mußte, daß er eigentlich viel zu wenig gelernt habe, um über seine Scheune hinaus in dem öffentlichen Leben mitzuhandeln. Übrigens waren auch die Universitätsstudien des Herrn Hähnchens sehr bezeichnender Art. Das Schlußexamen am Gymnasium hatte er nicht bestanden; denn die lateinische und noch mehr die griechische Grammatik waren stets der gerechte Abscheu des humanistischen Schülers gewesen. Zudem brauchte er auch, wie sein Vater selber ihm öfters zu seinem Tröste sagte, all das Zeug nicht für seinen künftigen Beruf. Dieser war aber kein anderer, als der Erbe eines der größten Eisenwerke des Landes zu werden, und die reichlichen Zinsen eines sehr stattlichen Capitals zu genießen, welches von Großvater und Vater aufgehäuft und durch die Mitgift der Mutter, der Tochter eines Millionärs, noch bedeutend vergrößert ward. Aber der alte Hähnchen bestand darauf, daß der Sohn auch ohne das Diplom eines Gymnasialabsolutoriums die Hochschule beziehe; was nach der freisinnigen Schulordnung des Landes auch völlig zulässig war. So wurde der junge Hähnchen denn Universitätsstudent und »Beflissener der Rechte«. Der vorsorgliche Vater hatte nämlich die spätere Laufbahn des Sohnes als Landtagsabgeordneter im Auge. Das Universitätsstudium bestand aber vorgeschriebener Maßen darin, daß der Student sich auf einige sogenannte Collegien der Philosophie, dann aber an verschiedenen Hochschulen auf sämmtliche juristische Collegien einschrieb und das Honorar pünktlich entrichtete. Weniger Pünktlichkeit war bezüglich des Besuches der Collegien erforderlich; noch weniger kam das eigentliche Studium in Frage. Was den Collegienbesuch anging, so genügte es in nicht wenig Fällen, sich das Zeugnis über die ordnungsmäßige »Belegung« des Collegs vom Professor aushändigen zu lassen, wenn man seinen Hörsaal auch nicht besucht hatte, und den berühmten Gelehrten bei dieser Gelegenheit zum ersten Male von Angesicht zu Angesicht zu sehen bekam. Die Studien aber waren allerdings durch Theater und Soiree, Fechtboden und Ball, Commers und Suite so in den Hintergrund gedrängt, daß beim rechten Lichte betrachtet, die eigentliche wissenschaftliche Thätigkeit unsers Studenten darin bestand, sich die theueren von den Professoren herausgegebenen Lehrbücher zu kaufen und am Ende des Semesters mit prachtvollem Einband versehen zu lassen. Denn darauf hielt der practische Sinn des jungen Hähnchen etwas, und er überlegte jetzt schon, welche Wirkung dereinst seine Bibliothek machen würde, wenn auf dem Rücken der Bücher in Goldschrift die »Pandekten«, das »Criminalrecht«, die »Nationaloeconomie« und darunter die Nahmen der gefeiertsten Gelehrten glänzten. Ja er trieb diese practische Wissenschaft so weit, daß er sich die Vorträge eines berühmten Pandektisten, welcher noch kein Lehrbuch veröffentlicht hatte, durch einen armen Studenten nach fremden Collegienheften copiren ließ. In drei dicken Bänden mit weithin leuchtenden Goldtiteln prangte diese wissenschaftliche Arbeit an erster Stelle auf dem Bücherschafte des Herrn Hähnchen.

Herr Scheuermann trat immer mit einer gewissen andächtigen Scheu in das elegante Arbeitszimmer des Herrn Hähnchen, wo die glänzende Bibliothek, man möchte sagen, mit der ausgesuchtesten Coquetterie aufgestellt war. Der Besitzer derselben wußte auch oratorische Wendungen genug zu finden, um auf seinen wissenschaftlichen Bücherschatz in der anspruchlosesten Weise hinzudeuten. Dann stand der gute Öconom stets ehrerbietig vor dem hochgebildeten Freunde, und gelobte es sich im Stillen, daß sein Fränzchen auf »allen Gebieten des Geistes« sich umsehen und gerade die nämliche Bibliothek mit funkelnden Goldtiteln auf hochrothem Schilde haben müsse, wie Herr Hähnchen.

Heute aber traf Herr Scheuermann den Freund und seine Frau in der Laube vor dem Wohnhause beim Kaffee. Frau Hähnchen war eine Dame, welche sich mit einem Worte schildern läßt. Sie war wie mit einer Scheere aus dem Modejournal herausgeschnitten. Der neuesten Mode als zierliche Gliederpuppe zu dienen, erkannte sie als den eigensten Beruf ihres Daseins, und erzog ihre Kinder gleichfalls zu dieser schönen Lebensaufgabe. Unser Öconom hatte seinem natürlichen Wesen gemäß eine geheime Abneigung vor dieser wandelnden Toilette; aber er getraute sich kaum, sich das selber zuzugestehen, da ihm auf der andern Seite die kunstgerechte Geziertheit der Dame eine entschiedene Hochachtung einflößte.

Die Begrüßung war auch heute eine überaus lärmende; ob die Herzlichkeit eben so groß war, wie der Lärm, bleibt unentschieden. So viel war gewiß, daß Herrn Hähnchen gerade jetzt der Besuch nicht unwillkommen war. Er hatte eben mit dem Lesen seiner Zeitungen geendet, welche eine treffliche Auswahl des liberalsten Papiers auswiesen. Daher war es ihm sehr erwünscht, an seinem theuern gelehrigen Freunde gleichsam das ausreichende Bassin gefunden zu haben, in welches sich die rauschenden Cascaden seines nunmehr aufgestauten Redestromes zu ergießen vermochten. Er begann auch alsbald damit, und ließ dem Öconomen nicht einmal die Zeit, ruhig die Tasse vom feinsten Mokka auszuschlürfen, welche ihm die Hausfrau, mit der bekannten Grazie eines Modeanzuges aus dem »Bazar«, kredenzt hatte.

»Nein! Diese Fortschritte auf allen Gebieten des Geistes und der Industrie!« – rief der Hüttenwerksbesitzer mit dem Pathos eines ersten tragischen Helden aus. »Da lese ich eben eine höchst interessante Correspondenz über den Suezkanal. Ein stupendes Werk! Wichtig für die Jahrtausende!«

»Das will ich meinen!« – sagte Herr Scheuermann.

»Begreifen können wir Frauen das nicht,« – sagte Frau Hähnchen geistreich – »wie man sich so sehr für ägyptische Canäle und rothe Meere begeistern kann.«

»Das ist auch nicht für euch Frauen« – sagte ihr Gemahl in einem Tone, aus welchem das Mitleid für die Unwissenschaftlichkeit des schönen Geschlechtes und zugleich das sichere Selbstbewußtsein hoher geistiger Bildung sprach.

»Mein Mann hat vor Niemandem Respect« – rief Frau Hähnchen aus – »als vor Universitätsprofessoren!«

»Ei der Tausend!« – sagte der Öconom und nahm eine Cigarre von dem silbernen Teller. »Darf ich?« – fragte er die Hausfrau, welche gnädig nickte.

»Ächte Havanna« – bemerkte Herr Hähnchen, vergaß jedoch darüber nicht, auf die Bemerkung seiner Frau zu erwidern.

»Ja, mein Kind, das gestehe ich offen, und es ist mein Stolz, daß ich es gestehen kann: Wissenschaft geht mir über Alles, und namentlich die deutsche Wissenschaft, welche unbestrittener Maßen an der Spitze steht.«

»Ganz gewiß – an der Spitze steht« – bestätigte Herr Scheuermann und sah sein Fränzchen schon mit einer Cerevismütze und hohen Lederstiefeln von der Universität in die Vacanz kommen. Hätte er dabei schon die Erfahrung gehabt, welche unbezahlte Rechnungen mit dem Herrn Sohn heimkommen, so würde er bei aller stolzen Vaterfreude doch stutzig geworden sein.

»Auf welchen Gebieten des Geistes« – rief der Hausherr aus – »steht die deutsche Wissenschaft nicht an der Spitze! Lesseps ist zwar ein Franzose, aber Fürst Metternich, dessen Freund ich übrigens nicht gerade bin, gab den letzten Anstoß zu dem Riesenunternehmen. Die Türken haben es vor Jahrtausenden schon versucht; ihnen gelang es aber so wenig, als den Mameluken und Muselmännern, und was später der ägyptische König Sesostris anfing, war dem Werke der Neuzeit gegenüber nicht viel mehr als ein naives Kinderspiel.«

Herr Scheuermann saß voll Verwunderung da über die Gelehrsamkeit, welche der einstige Universitätsstudent förmlich aus dem Ärmel schüttelte. Er sagte nicht, aber er dachte bei sich: »Blasius, Blasius! Wenn du so viel auf der Landwirthschaftsschule zu Pflugfelden gelernt hättest, welche Reden könntest du in der Kammer gehalten haben!«

»Ja, ich gestehe,« – sagte Frau Hähnchen und producirte mit graciöser Armbewegung den neuesten Pariser Schnitt ihres seidenen Ärmels – »es ist etwas Schönes um die Gelehrsamkeit. Aber wir Töchter Evas sind nun einmal verurtheilt, ungelehrt zu bleiben.«

»Bitte, Frau Nachbarin! – Bei Ihrer Bildung!« sagte der Öconom und machte eine höchst verbindliche Verbeugung.

»Ja, allerdings!« – versetzte sie mit bescheidener Miene – »ich war in dem berühmten Pensionate der Frau von Schnabel in der Residenz gut untergebracht.«

»Was aber den Suezkanal betrifft« – begann von neuem ihr Gemahl, welcher die Gelegenheit, mit seiner Bildung zu glänzen, nicht so leicht aus den Händen gab. –

»Ja, ja! – Der Suezkanal!« – schaltete Herr Scheuermann mit Nachdruck ein.

»So ist es außer Zweifel, daß er in ganz besonderer Weise den enormen Fortschritt unsers Jahrhunderts, ich möchte fast sagen, eine der welthistorischen Etapen der Culturentwickelung bezeichnet.«

»Etapen der Culturentwickelung!« – wiederholte Herr Scheuermann tiefsinnig. Im Stillen aber nahm er sich vor, zu Hause sogleich sein großes vollständiges Fremdwörterbuch über diese ihm nicht ganz verständliche Phrase zu Rathe zu ziehen.

»Was sind gegen diese staunenswerthen Erfindungen, Entdeckungen und Versuche auf allen Gebieten des Geistes, wie sie unsere Zeit so groß machen, alle die jämmerlichen Anstrengungen der Finsterlinge, welche die alte Nacht über die Geschlechter der Neuzeit wieder herbeiführen wollen!« – Herr Hähnchen rief das mit einer solchen markigen Tonfülle aus, daß im nahen Hühnerhofe das friedliche Geflügel lebendig wurde. Die Hennen flatterten gackernd dem Stalle zu, quiekend folgten ihnen die Kücklein. Ein prächtiger feuerfarbener Hahn aber machte empört Opposition gegen solche Eingriffe in die idyllische Bürgerruhe seines Königreiches. Von einer Regenwassertonne herab, kehrte er sich majestätisch gegen Herrn Hähnchen und beantwortete dessen tönende, sinnreiche Worte mit ebenso lautem und geistvollem Krähen.

Der Vorredner ließ sich durch eine solche Interpellation nicht stören.

»Ja, mein Freund!« – fuhr er fort, und seine Stimme klang ergreifend – »Was müssen wir nicht Alles erleben! Sollte man es für eine Möglichkeit halten, daß in einer Zeit, wie die unsrige – in einer Zeit, sage ich, wie die unsrige« – fügte er emphatisch hinzu und erhob die Hand zu einem oratorischen Gestus – »die Tendenzen des Ultramontanismus sich mit solcher Kühnheit, ich möchte sagen, Frechheit breit zu machen wagen?«

»Ja, ich bin auch Katholik« – sagte der Öconom etwas verlegen – »aber solche Übergriffe kann ich nimmermehr billigen.«

»O, wir wissen es wohl,« – versetzte Frau Hähnchen großmüthig – »daß Sie, obgleich Sie nicht das Glück haben, der freien protestantischen Geistesrichtung anzugehören, dennoch ein freisinniger Mann sind.«

Herr Scheuermann verbeugte sich verbindlichst. Aber der Fabricant fuhr fort, mit mächtiger Stimme das glücklich gefundene oratorische Thema zu behandeln. Der Hahn auf seinem erhabenen Standpunkte begleitete ihn in wundersamem Duette, und je lauter der klangvolle Bariton des Redners in der Laube sich vernehmen ließ, desto heftiger wurde das Crescendo des Tenors auf dem Fasse.

»Sie sagen Übergriffe, verehrtester Freund!« – rief er aus. »Ich aber erkläre Ihnen, und ich habe achtunggebietende Autoritäten hinter mir, daß das ein Hochverrath am Staate und seiner Culturaufgabe ist!«

»Ganz gewiß!« – betheuerte der Öconom, und die Hausfrau nickte ihm mit bedeutsamem Blicke Beifall zu.

»Nein! Daß wir derlei Dinge noch erleben müssen!« ? klagte Herr Hähnchen in elegischem Tone weiter. »Auf allen Gebieten des Geistes und der Industrie herrscht ein nie dagewesenes – ich sage Ihnen, Herr Scheuermann – ein nie geahntes Leben des steten Fortschrittes, der glücklichsten Entwickelung; der Dampf ist der König der Welt geworden, und die Elektricität der Geschichtsschreiber der großen Ereignisse.«

Herr Hähnchen hielt einen Augenblick ein, um durch eine Kunstpause die Wirkung dieser sublimen Gedanken, welche er übrigens in einer Zeitung gelesen hatte, zur vollen Geltung kommen zu lassen. Herr Scheuermann wiederholte voller Ehrfurcht:

»Geschichtsschreiber großer Elektricitäten!«

Der Tenorist auf dem Regenfasse verherrlichte aber diese Fermate des Baritons mit einer schmetternden Fanfare.

»Die Völker kommen zum Bewußtsein, sie haben die Kinderschuhe ausgetreten; sie begreifen endlich das große Princip der Nationalität!« –

»Die ausgetretenen Kinderschuhe der Nationalitäten!« hallte das ehrerbietige Echo noch aus dem Munde des Öconomen.

»Und in einer solchen Zeit will man die Völker wieder zu Kindern machen, die Ammenmärchen der Spinnstuben sollen aufs neue dazu dienen, die Nationen in Geistesknechtschaft niederzuhalten?« –

Herr Scheuermann wurde aus lauter Verwunderung immer stiller, der Hahn krähte immer lauter.

»Ha!« ? rief der Eisenwerkbesitzer immer donnernder. – »Laßt sie nur heranflattern diese dunklen Nachtvögel, diese schwarzen Verbündeten der rothen Internationale, laßt sie nur hinausschleudern ihre Bannbullen und Unfehlbarkeiten! Laßt sie nur kommen mit diesem Scheusal von Syllabus – sie werden ihrem Lohn nicht entgehen.«

Der Hahn war außer sich vor Entrüstung, er bewegte die Flügel heftig, reckte den Hals, warf sich in die Brust, und entsandte zur Bestätigung der herrlichen Worte seines geehrten Vorredners ein Mark und Bein durchdringendes:

Kikeriki!

Frau Hähnchen hielt sich erschrocken die Ohren zu, und verscheuchte erbost den ungebetenen befiederten Gast. Herr Scheuermann dagegen hatte aus seiner goldenen Dose eine stärkere Prise als sonst genommen, und mit einem Gesichte, in welchem sich die Weisheit eines Plato und die Schlauheit eines Macchiavelli spiegelte, sprach er mit blinzelnden Augen vor sich hin:

»Syllabus!«

»Lieber Mann« – sagte Frau Hähnchen zu ihrem Gemahle, welcher erschöpft von seiner großen oratorischen Anstrengung da saß – »erlaube mir eine naive Frage.«

»Was meinst du, Cornelia!«

»Nun du weißt« – erwiderte sie mit einer Anmuth, welche der weißen Schminke auf ihrem braunen Teint zu vergleichen war – »wie ungelehrt ich bin neben dir.«

Der Ehemann nickte majestätische Bejahung.

»Deßwegen wirst du – und auch Herr Scheuermann – es nicht verübeln, wenn ich die Frage stelle. Was ist denn eigentlich dieser Syllabus?«

Die Miene ihres Gemahles schien im ersten Augenblicke Verlegenheit zu offenbaren; aber es war ohne Zweifel nur scheinbar. Denn Herr Hähnchen antwortete alsbald seiner Frau im pathetischen Tone, welcher den zweiten Part im Duette wieder aus dem Hühnerstalle hervorlockte:

»Mein Kind! Es thut mir leid – aber es greift meine ohnehin schon seit einigen Tagen sehr aufgeregten Nerven an, von solchen überaus trostlosen Dingen zu reden.«

»Sagen Sie lieber von solchen abscheulichen Schurken« platzte Herr Scheuermann heraus. Doch er hatte sich augenblicklich wieder gefaßt, und fuhr fort:

»Verzeihen Sie! Aber ich theile ganz Ihre Ansicht. Es gibt Manches im Leben, wovon ein Weiser besser schweigt.« –

Der Öconom hatte nämlich, so sehr er sonst den umfassenden Kenntnissen seines Nachbars Anerkennung zollte, schon seit gestern einigen Zweifel gehegt, ob Herr Hähnchen über die Biographie des Syllabus so ganz ins Reine gesetzt sei, wie er. Die ausweichende Antwort, welche eben der Fabricant seiner Frau gab, bestärkte ihn in dieser Vermuthung. So war er auch in der Absicht gekommen, seinem Nachbarn das mitzutheilen, was er im Allgemeinen über die gegenwärtige Unsicherheit auf dem Lande gestern erfahren hatte. Aber die Eröffnung bezüglich jenes gefährlichen Gauners wollte er sich für gelegenere Zeit versparen, wo er vielleicht zum ersten Male mit seinen Kenntnissen vor Herrn Hähnchen auftreten und denselben belehren konnte. Herr Scheuermann glich hierin den Leuten, welche nicht viel haben und deßwegen wenig ausgeben, und sich einen Sparpfennig für die Zeit der Noth zurücklegen. So machte er es mit dem nicht sehr glänzenden Kassenbestande seines Wissens.

»Das nenne ich aber Geheimniskrämerei, ihr Herren« – rief Frau Hähnchen und schlug ein helles Gelächter auf, welches ihr Gemahl im Tone weiser Mäßigung mißbilligte. Aber seine Ehehälfte hatte ihre böse Stunde; der ruhige Ton ihres Mannes reizte sie, ein Wort gab das andere, und in wenig Minuten waren Herr Hähnchen und sein »liebes Kind« im höchsten Grade auf einander erbittert. Mit hochrothem Gesichte und flammenden Augen stand sie wie eine Furie vor dem Angebeteten ihres Herzens, und hielt ihm in Gegenwart des verblüfften Öconomen einen Spiegel vor, welcher für Herrn Hähnchen gerade nicht schmeichelhaft war. Dieser saß bleich und zitternd in dem Lehnstuhle und zerrte mit dem Tafeltuche fast das Kaffeegeschirr auf den Boden herab. Um aber die tragische Scene zu vervollständigen, fehlte der Chor nicht – in Gestalt des Hahnes. Als er Kampf witterte, erwachte die natürliche Streitlust in dem Hahnenbusen. Im Nu war er herbeigeflattert, faßte eine entsprechende Stellung auf dem Kopfe der Amorstatue, welche vor der Laube stand, und trat nunmehr mit gellenden Zwischensätzen als dritte Stimme in die Fuge ein, welche das Ehepaar mit Meisterschaft durchzuführen verstand. Übrigens erfordert es schon die Artigkeit, zuzugestehen, daß Frau Hähnchen bei weitem am vollkommensten ihre Aufgabe löste. –

Herr Scheuermann wußte später nicht recht, wie er Abschied genommen habe und zum Thore des Fabricanten hinausgekommen sei. Erst als er eine Zeit lang in seiner Kutsche saß, ward es ihm wieder behaglich. Er stellte Vergleiche zwischen Frau Hähnchen und Frau Scheuermann an; und, so manche laute Scene er mit dieser schon bestanden hatte, mußte er doch einräumen, seine eigene Ehehälfte noch nicht in solchen kolossalen Pantoffeln gesehen zu haben. Dann dachte er wieder an die Veranlassung dieses ehelichen Zwistes und, nachdem er sich scheu im Walde umgeblickt hatte, seufzte er laut:

»Syllabus!« –

Er erschrak über sein eigenes Wort, und gab dies dem Braunen durch einen kräftigen Peitschenhieb zu verstehen. Das Thier griff unmutig aus und brachte den unwirschen Herrn schnell nach Hause.

Rike kam ihm mit einem Briefe entgegen, dessen Schreiber er sogleich an der Adresse erkannte. Es war Herr Kranich, sein Studienfreund zu Pflugfelden her. In seiner gewohnten lakonischen Kürze schrieb er:

Lieber Freund!

Mein Sohn, der Caspar, kann vor Späthherbst nicht zu dir kommen, was ich dir hiemit zu wissen thue. Erbschaftsgeschäfte, die sich nicht verschieben lassen, muß er besorgen. Aber er kömmt gewiß. Ärndte im Ganzen flau, Roggen schwer geladen; aber kein Obst. Gott befohlen!

Dein Freund B. Kranich.

Herr Scheuermann las den Brief mit Bedacht mehrmals. Beim Abendessen sprach er kein Wort darüber; aber er hatte seiner Frau einen bedeutsamen Wink gegeben. Als er mit ihr allein war, gab er ihr denselben zu lesen. Darauf entwickelte sich zwischen Herrn und Frau Scheuermann ein Gespräch, welches mit gedämpfter Stimme sehr lange fortgesetzt wurde, und eigentlich erst seinen definitiven Abschluß erhielt, als Herr Scheuermann, in den Kissen seines Bettes begraben, laut zu schnarchen begann. Die unparteiische Geschichtschreibung aber erheischt die ausdrückliche Mittheilung, daß dieses Wechselgespräch in höchst friedsamer Weise, halb geflüstert, verlief, und sich zu dem Dialog von Herrn und Frau Hähnchen verhielt, wie das Säuseln des Frühlingswindes zu dem Hagelwetter mit Blitz und Donner, oder wie das Lied der Nachtigallen zu dem Parlamente, wenn der Präsident die Würde des Hauses nicht anders zu wahren vermag, als dadurch, daß er den Hut aufsetzt.

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