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Herr von Syllabus

Benno Bronner: Herr von Syllabus - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/bronnerb/syllabus/syllabus.xml
typenovelette
authorBenno Bronner
titleHerr von Syllabus
publisherVerlag Peter Faecke
editorDieter Paul Rudolph
year2008
isbn978-3-936791-61-7
firstpub1873
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120410
projectid99c71874
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Der gefangene Räuberhauptmann

Das Hofgut des Herrn Scheuermann glich in den folgenden Tagen einer kleinen Festung, welche man armirt. Der Großknecht, der Schäfer und der Fuhrmann, welcher bei dieser Gelegenheit von seinem Herrn wieder Kutscher genannt wurde, erhielten zu ihrem größten Erstaunen alte Jagdflinten. Wenig hätte gefehlt, so würde der Hausherr in eigener Person die nöthigen militärischen Übungen mit ihnen vorgenommen haben. So ging derselbe auch eine Zeit lang bei sich mit dem Gedanken um, sein Haus an den weniger festen Stellen durch Vorwerke zu sichern, und einige Verhaue und Gräben herzustellen. Aber er erkannte doch bald, daß dies zu viel Zeit in Anspruch nehmen würde, und daß der Feind am Ende hereinbrechen könnte, wenn man gerade mitten in der Arbeit wäre. Zudem wußte er ja leider, daß dieser Feind die Schlauheit mit der Gewaltthat verbinde, und daß man daher noch weit mehr vor dessen versteckter List als vor seinem offenen Angriff auf der Hut sein müsse. Deßwegen unterließ es aber der umsichtige Hausherr nicht, den fortificatorischen Zustand der Fensterläden, und die Festigkeit von Schloß und Riegel an allen Thüren einer genauen Untersuchung zu unterstellen. Ohne viel darüber zu reden, sorgte er auch dafür, daß an den geeigneten Stellen in Hof und Haus Gegenstände bereit seien für einen kunstgerechten Barrikadenbau, dessen Ausbildung wir den vielen glorreichen Erhebungen des »Volkes« in unserem Jahrhundert verdanken. Hans, der Großknecht, war in allen diesen Dingen der Vertraute und die rechte Hand seines Herrn. Daß er sich darauf nicht weniger einbildete, als ein Staatsminister auf sein Portefeuille, wird ihm kein billig Denkender verargen.

Mit dem Bürgermeister des Dorfes stand Herr Scheuermann in dieser wichtigen Angelegenheit im lebhaftesten Verkehre. Anfangs wollte der schlichte Bauer nicht recht begreifen, zu was denn alles das führen solle. Der Öconom hatte ihn zwar unter dem Siegel des Stillschweigens den fatalen Zeitungsartikel lesen lassen. Aber der Bürgermeister, welcher den Amtsschreiber alle Geschäfte der Gemeinde führen ließ, und lieber seinen eigenen in Feld und Scheune nachging, verstand das Zeitungsgeschreibsel, wie er es nannte, nicht zum besten; aus diesem Artikel kam er gar nicht heraus, obschon er merkte, daß es sich um ein entsetzliches Räuberstück handelte. Da nun aber der reiche Hofbesitzer es einmal wollte, so ergab er sich in sein Schicksal und spielte den Großinquisitor im Dorfe. Beim rechten Licht betrachtet, war auch eigentlich der Provincialrath Scheuermann der Herr im Dorfe, und nicht der Bürgermeister, wenn er auch dies Scepter milder führte, als es Herr Hähnchen gethan hätte. Die Bauernkinder wurden zwar Jahr ein und aus von dem freisinnigen Schulmanne, welcher an ihnen seine pädagogischen Studien nach dem neuesten Volksschulgesetze machte, belehrt, welche Segnung und welcher Ruhm für unsere Zeit es sei, die Leibeigenschaft, dieses unwürdige Rechtsverhältnis des finstern Mittelalters, aufgehoben zu haben. Aber es hätte sich alles Ernstes die Frage stellen lassen, ob die alten Barone, welche einstens auf dem Anwesen hausten, das jetzt das stolze Eigenthum des Herrn Scheuermann geworden, größere Autokraten gewesen, als dieser selbst. Seine »Hörigen« waren die »freien« Bauern, welche seine Taglöhner und Schuldner wurden, und im besten Fall den übermächtigen Concurrenten in der Landwirthschaft zu fürchten hatten.

Am Morgen des dritten Tages seit der ersten Entdeckung der Fährte jenes gefürchteten Gauners kam aber der Bürgermeister schweißtriefend aus dem Dorfe nach dem Hofgut gelaufen. Er trug einen Brief in der Hand; und Herr Scheuermann, welcher im Garten in dem hochgelegenen Pavillon stand, um in aller Frühe die Landstraße zu recognosciren, erschrak in tiefster Seele, als er den Consul seiner Taglöhner so hastigen Schrittes sah.

»Nun, was bringt Er?« – fragte der Landwirth bebend den Bürgermeister, während er ihm die Seitenthüre des Gartens öffnete.

»Einen Brief, Herr Provincialrath.«

»Von wem?«

»Ja, das weiß ich nicht« – erwiderte der Bauer.

»Ob Sie's herausbringen, steht dahin.« Dabei reichte er ihm den Brief.

Herr Scheuermann entfaltete rasch das Schreiben, und überzeugte sich, daß es keine Unterschrift trug. Der Poststempel war aus der Residenz. Der Brief, mit großen, fast plumpen, aber leserlichen Buchstaben geschrieben, lautete:

»Sehr geehrter Herr Bürgermeister!«

»Ein Unglücklicher, dem ein fürchterlicher Banditeneid die Zunge bindet, sagt Ihnen, gefoltert von Gewissensangst, daß Ihrem Dorfe in diesen Tagen ein unheimlicher Besuch bevorsteht. Seien Sie auf der Hut! Verrathen Sie mich nicht!« –

»Das ist ja entsetzlich!« – rief Herr Scheuermann aus.

»'S ist also doch richtig« – sagte der Bürgermeister.

»Hat er daran gezweifelt?« – fuhr ihn der Gutsbesitzer an.

»Nichts für ungut, Herr Provincialrath! Aber man denkt doch auch sein' Sach'.«

»Aber hier – hier hat Er's schriftlich, schwarz auf weiß.« – Herr Scheuermann las noch einmal laut die Hiobsbotschaft vor, und seine Angst stieg zu solchem Grade, daß ihm dabei die Stimme versagte. Dann rief er wieder erbost aus:

»Den Wisch hier schickt er noch heute in die Stadt ans Gericht. Ist das mir eine Polizei! Habe ich deswegen als Landstand für die jährliche Gratification der Polizeidiener gestimmt! – Ich selber werde – ? wenn die Umstände es erlauben,« – setzte Herr Scheuermann gedämpfter hinzu und sah verstohlen nach der Landstraße und hinüber nach dem Wald ? »morgen zu dem Staatsanwälte gehen, und Militär requiriren. Solche Dinge sind unerträglich; dem Syllabus muß der Garaus gemacht werden.«

Dabei schritt er rasch auf dem schmalen Gartenwege auf und ab, und zertrat unbarmherzig seine Lieblinge, die Nelken, welche er mit eigener Hand hier an den Rand des Blumenbeetes gesetzt hatte.

Nachdem er noch mancherlei mit dem Bürgermeister besprochen, und ihm eingeschärft hatte, sofort den Brief amtlich in die Residenz zu schicken, entfernte sich dieser ziemlich niedergeschlagen. Herr Scheuermann dagegen entwickelte, wie das großen Seelen eigen zu sein pflegt, je mehr sich die Wolken des Unfalls drohend über seinem Haupte zusammenzogen, eine um so größere Energie. So sah man ihn auch jetzt wieder alle Theile seines Hauses durchlaufen, von den Zimmern zum Dachboden, von den Scheunen in den Keller, vom Hühnerhof in den Garten. Überall hatte er nachzusehen und anzuordnen. Hans, der Großknecht, und Gregor, der Schäfer, begleiteten ihn, wie den Befehlshaber die Adjutanten.

Als er endlich müde und abgespannt in das Wohnzimmer kam, wo sich seine Frau befand, ließ ihn diese erst einige Minuten zu sich kommen. Dann aber trat sie zu ihm, und machte ihm in aller Güte und Ruhe, wie sie es wohl verstand, Vorstellungen.

»Du übertreibst die Sache, lieber Mann!« – sagte sie zu ihm. – »Was werden die Leute dazu sagen!« –

»Übertreiben! Was?« – brauste er auf. »Ich übertreibe nichts. Ich thue einfach meine Pflicht als Familienvater und Bürger« –

»Und Provincialrat!« – setzte die Frau lächelnd hinzu. Er ließ sich den Scherz gefallen, fuhr aber ganz ernsthaft fort.

»Du hältst Deinen Mann am Ende für einen Narren!«

»Nein, lieber Scheuermann! Aber für etwas zu ängstlich.«

»Zu ängstlich!« – rief er aus. »Kann man da zu ängstlich sein, wenn man solche Beweise in Händen hat, wie heute frühe wieder den Brief, den – wer weiß, welcher reumüthiger Galgenstrick an den Bürgermeister geschrieben hat.«

»So? In der That?« – sagte Frau Scheuermann ruhig. »Und was enthält dieser Brief!«

»Nun, immer die alte Geschichte!« – schrie ihr Eheherr ganz außer sich. »Wir sind verrathen und verkauft an Diebe, Gauner, Räuber!«

»Aber liebster Mann!«

»So! Du glaubst nicht daran? Du meinst noch immer, das seien lauter Hirngespinnste. Dann lies nur hier diesen furchtbaren Zeitungsartikel, den ich dir bisher verheimlicht habe, um dich zu schonen.«

Mit diesen Worten sprang er auf und eilte zu dem Schafte, wo die Zeitungen, welche er in keine andere Hände kommen ließ, in schönster Ordnung aufgeschichtet waren.

»Hier, hier lies!«

Frau Scheuermann schüttelte nun allerdings auch bedenklich den Kopf, als sie den bewußten Artikel gelesen hatte.

»Hast du mit Jemandem darüber gesprochen?« – fragte sie ihren Mann.

»Mit wem? Wozu? Die ganze Welt hat das gelesen!« – versetzte derselbe.

»Es ist aber stets gut, lieber Mann, wenn man von solchen Dingen mit andern spricht« – bemerkte die Hausfrau stets in beschwichtigendem Tone.

»Ich wollte dich schonen.«

»Von mir ist auch nicht die Rede.« –

Das Mittagessen verstrich sehr einsylbig. Der Papa war unruhig, die Gemahlin hielt es für das klügste, zu schweigen, und Rike, welche seit dem Theaterabend noch immer in Ungnade beim Vater war, wagte nicht zu sprechen. Der kleine Franz trug daher, harmlos und ohne daß er es selbst wußte, die Kosten der Unterhaltung, indem er von seiner Schule und von seinen Vögeln plauderte.

»Heute hat mir der Herr Caplan« – sagte er – »in der lateinischen Stunde eine merkwürdige Geschichte erzählt, Papa!«

»So, Franz! – Was war es denn?« – fragte Herr Scheuermann.

»Von einem Räuber« – sagte der Knabe.

Dem Hausherrn fing die Hand dermaßen zu zittern an, daß ihm der Teller unter der Gabel klirrte.

»Da hätte er dir auch was Gescheidteres sagen können« sagte der Vater mit erstickter Stimme.

Die Mutter wollte den Knaben zum Schweigen bringen, und winkte ihm mit den Augen. Fränzchen aber bemerkte es nicht und schwatzte lustig weiter.

»Das war der böse Räuber Prokrustes« – sagte er. – »Er hatte zwei eiserne Betten, ein sehr langes und ein sehr kurzes: in das kurze legte er die großen Reisenden, welche er gefangen hatte, und hieb ihnen so viel an den Gliedern ab, bis sie hineinpaßten, in das lange Bett aber« –

»Punctum!« – rief der Hausherr, offenbar in großer Aufregung. Der Appetit war ihm bei dieser neuen Räubergeschichte vergangen. Er ließ den schmackhaften Kalbsbraten stehen und ging rasch hinaus in den Garten.

Aber auch dort sollte ihn sein Schicksal erreichen. Hans und Gregor kamen ihm mit wichtigen Mienen entgegen, um ihm zu eröffnen, daß Leute aus dem Dorf in diesen Tagen zu verschiedenen Malen in Wald und Feld den unheimlichen Gast, welcher den Herrn Provincialrath so sehr in Angst versetzte, gesehen hätten. Sogar im Dorfe in einer Schenke habe er sich gestern Abend gezeigt, und in aller Gemütlichkeit eine Flasche Wein getrunken.

»Die Frechheit!« – sagte entrüstet der Öconom. – »Und noch immer keine Polizei! Keine Gendarmen! Nein! Morgen in aller Frühe requirire ich Militär. Wir leben in einem civilisirten Staate, und die erste Aufgabe eines solchen Staates ist es, seine Bürger vor Spitzbuben zu schützen. Das wird jeder Vernünftige eingestehen.«

»Wäre es vielleicht nicht gut, Herr« – sagte Gregor, der Schäfer, mit gedämpfter Stimme – »wenn man eine Kunst brauchte?«

»Was für eine Kunst?« – fuhr ihn der Hausherr an. »Gendarmen wären mir lieber.«

»Ei, ja doch!« – flüsterte der Schäfer, »wenn man den Räuberhauptmann – bannte. Mein Schwäher drüben überm Wald auf der Schmiede versteht es.«

»Punctum!« ? schrie Herr Scheuermann. »Abergläubischer Tölpel! Das fehlte mir gerade noch, daß ich Hexerei triebe!«

Und mit diesen Worten schritt Herr Scheuermann in unbeschreiblicher Stimmung in das Haus. Die gütige Natur erbarmte sich des Geplagten. Als Rike ihm zur gewohnten Zeit den altherkömmlichen Nachmittagskaffee brachte, war er fest im Lehnstuhl eingeschlummert, und die Tochter wagte es nicht, ihn im Schlafe zu stören. –

Aber ach! Es war nur eine kurze Frist der Ruhe. Das Verhängnis nahte Herrn Scheuermann unaufhaltsam, und ein Entrinnen war nicht mehr möglich.

Plötzlich fühlt er sich aus dem wohlthuenden Schlummer aufgerüttelt. Er fährt in die Höhe und sieht die lange Gestalt seines Großknechtes vor sich stehen.

»Herr!« – keuchte dieser. Denn er war athemlos vom Laufen.

»Was gibt's? Hans, bist du's?«

»Er kömmt!«

»Wer, Hans, wer?«

»Er selber!«

Und in hastiger Eile erzählte der Großknecht seinem immer bleicher werdenden Herrn, daß der Fremde, welchen er vor drei Tagen im Walde gesehen, im Dorfe in einer prächtigen Equipage angekommen und im rothen Löwen eingekehrt sei. Der Kutscher aber sage, daß der Herr auf das Hofgut herauskomme.

»Meine Pistolen!« – schrie Herr Scheuermann mit fürchterlicher Stimme, so daß Mutter und Tochter erschrocken aus dem Nebenzimmer kamen.

»Hier, Herr, hier!« Und Hans reichte ihm die blankgeputzten alten Dragonerpistolen.

»Hast du ihn selbst gesehen?« – fragte Herr Scheuermann wiederum in höchster Aufregung.

»Mit diesen beiden Augen, Herr! Er saß im rothen Löwen bei einer Flasche Extra und ließ sich's wohl munden.«

»Und das Signalement?«

»Trifft ganz zu, Herr! Feuerrothe Haare« –

»Perrücke, Hans, Perrücke!«

»Und was für eine Nase, Herr!«

»Goldene Brille und Uhrenkette?« – fragte der Öconom, indem er sich anstrengte, den Säbel umzuschnallen.

»Alles in Richtigkeit!«

Mutter und Tochter waren die sprachlosen Zuschauerinnen dieses sonderbaren Auftrittes. Schon wollte es Frau Scheuermann versuchen, ihren Mann zu beschwichtigen, obgleich sie über den inneren Zusammenhang der Sache nicht im Klaren war. Da sprang Hans plötzlich ans Fenster, riß es auf und schrie:

»Da kommt er schon gefahren!«

Frau Scheuermann und Rike eilten an das Fenster und sahen ein elegantes Cabriolet dem Hause nahen, in welchem ein dem Anscheine nach den höhern Ständen angehörender junger Mann saß. Was sogleich auch von der Ferne auffiel, war sein rothes Haar und seine große Nase.

Herr Scheuermann dagegen glich dem Helden Zriny in dem Augenblicke, wo er sich zum letzten Ausfall aus der Feste Sigeth anschickte.

»Hans voran!« – rief er seinem zögernden Großknechte zu. »Du postirst dich mit dem Schäfer und mit Philipp an die Hausthüre.«

Unterdessen war der Wagen in den Hof gefahren und hielt vor der Treppe. Der Fremde, welcher etwas auffallend, aber gut gekleidet war, legte sein Plaid über den Arm, ergriff seinen Spazierstock und sprang aus dem Cabriolet. Rasch schritt er die Treppe hinauf zur Hausflur, wo das Triumvirat der Dienerschaft ihn erwartete. Der Hausherr aber war auf der Stiege, welche zum obern Stock führte, stehen geblieben.

»Kann ich die Ehre haben, den Herrn Provincialrath zu sprechen?« – fragte der lange rothhaarige Fremde höflich, aber mit sehr linkischen Geberden.

»Greift ihn!« – erscholl die Löwenstimme des Hausherrn von der Stiege herab. »Packt ihn!«

Das Triumvirat ließ sich das nicht zweimal sagen. Als sie den gefürchteten Gast so harmlos aus dem Wagen steigen und die Treppe heraufkommen sahen, hatten sie ihre Jagdflinten hinter sich gestellt. So konnten sie nunmehr um so leichter von ihren natürlichen Waffen Gebrauch machen. Ehe sich's der junge Mann mit den feuerrothen Haaren und der Ungeheuern Nase versah, war er von sechs derben Fäusten gefaßt und sträubte sich vergeblich gegen deren gebieterische Übermacht.

»Was soll das heißen?« – schrie er, und sein rothes Gesicht wurde vor Zorn noch röther als seine Haare.

»Haltet ihn fest, Gregor, Philipp! – Hans binde ihn!« – tönte wiederum die furchtbare Stimme von der Stiege herab.

Die Diener schickten sich an, den Befehl zu vollziehen.

»Bin ich hier in ein Tollhaus geraten?« – rief der Fremde, und machte sich mit verzweifelter Anstrengung von seinen Peinigern los. »Ich bin Caspar Kranich, der Sohn des Freundes des Herrn Scheuermann! Wo ist er?«

Zu gleicher Zeit hatte er sich über die Schwelle auf die Treppe zurückgezogen. Die Diener stutzten, als sie den ihnen bekannten Namen »Kranich« hörten.

Der Öconom auf der innern Stiege hatte es aber auch gehört.

»Frecher Schurke!« – rief er von seinem sichern Standorte herab. »Caspar Kranich kömmt erst im Spätherbst.«

»Sind Sie der Provincialrath Scheuermann?« – rief ihm der Fremde entgegen.

»Der bin ich.«

»Erlauben Sie mir« – versetzte der Fremde in großer Verlegenheit – »es ist ein Mißverständnis.«

»Was, Mißverständnis!« – höhnte der Hausherr, und schritt einige Stufen zur Hausflur herab, da ihm allmählig der Muth kam.

»Ich bin wirklich der Sohn Ihres Freundes!«

»Nein! Das sind Sie nicht« – rief ergrimmt Herr Scheuermann. »Sie sind der saubere Herr von Syllabus.«

»Verzeihen Sie, Herr Provincialrath!« – rief der Fremde fast kleinlaut.

»Schweigen sie, schamloser Mensch!« – donnerte ihm dieser entgegen. »Hans, Gregor, bindet ihn fest, damit der Gauner nicht entkomme. Marsch mit ihm ins Dorf zum Bürgermeister!«

»Kommt nur her, ihr Kerle!« – schrie nun wüthend der Rothhaarige, und geberdete sich wie ein angeschossener Eber. Er hatte seinen Stockdegen gezogen, und die blanke Klinge funkelte im Sonnenschein, so daß sich Herr Scheuermann wieder in die oberen Regionen der Stiege zurückzog. Die drei Diener griffen nun zu den Flinten, welche zwar zum Schießen unbrauchbar waren; aber noch stark genug, um den ungebetenen Gast mit den Kolben zu bearbeiten. Dieser sprang die Treppe hinab und flüchtete sich zuerst hinter einige Fässer, welche der Hausherr zu dem bewußten Barrikadenbau an das Thor hatte schaffen lassen. Der Lärm wurde immer größer, und der Kutscher, welcher den wunderlichen Empfang vom Bock herab ganz verblüfft mit angesehen hatte, war plötzlich seiner Pferde nicht mehr mächtig. Das Schreien und die Kolbenschläge, deren manche auf die Fässer fielen, machten sie scheu, und sie rannten wild im weiten Kreise durch den Hof. Die Lebensgefahr, in welcher der Kutscher schwebte, lenkte die Aufmerksamkeit der drei Angreifenden für einen Augenblick von dem unglücklichen Herrn von Syllabus ab, welcher die gute Gelegenheit benutzte, um durch das Pförtchen neben dem Thore auf die Landstraße zu entkommen. Fast zu gleicher Zeit hatte auch der gewandte Kutscher das Cabriolet durch das Thor herausgelenkt und ließ nun die schnaubenden Thiere die Straße entlang sprengen.

Nun aber setzten die Verfolger ihrem Räuberhauptmann wieder nach, welcher, als er sie folgen sah, sofort Fersengeld gab, und, langbeinig wie er war, einen ziemlichen Vorsprung gewann. Herr Scheuermann leitete vom Fenster aus diesen Fortgang der militärischen Bewegung, während seine Frau auf dem Sopha weinend die Hände rang, und Friederike, welcher das Ganze wie ein böser Traum vorkam, stumm ergeben neben ihr saß.

Alles Gesinde des Hofgutes war unterdessen herbeigelaufen, und von den benachbarten Feldern setzten sich die Arbeiter in Bewegung. So wäre für den rothhaarigen langen Jüngling, welcher verzweiflungsvoll davon lief, doch kein Entkommen möglich gewesen. Zum Überdrusse kam jetzt auch noch der Bürgermeister mit dem Nachtwächter und dem Büttel, welchen sich eine muthige Schaar Freiwilliger angeschlossen hatte, von dem Dorfe her. So sah sich der ermattete Flüchtling zwischen zwei weit überlegene Armeecorps eingeklemmt, wie Napoleon III. bei Sedan. Er wollte zwar noch einmal von seinem Stockdegen Gebrauch machen, aber der Nachtwächter fing die Klinge mit seinem handfesten Spieße auf und schleuderte sie weit in das Feld hinein. Sofort nahm der Bürgermeister die Amtsmiene an, und erklärte den Entwaffneten für verhaftet. Vor Wuth knirschend, mußte sich dieser von dem Büttel die Hände fesseln lassen.

Unverweilt führte man den Arrestanten die Landstraße weiter nach der Residenz. Denn der Bürgermeister hielt es für gerathen, so bald als möglich sich des gefährlichen Subjectes zu entledigen, und dasselbe den Gerichten in der Hauptstadt auszuliefern.

Als der Criminaltransport nach zwei Stunden etwa der Stadt sich näherte, saßen an einem der beliebtesten Belustigungsorte vor dem Thore der Residenz zwei junge Männer beim Kaffee in einer Laube, welche die Aussicht nach der Landstraße bot. Der arme Schelm wankte bestaubt und todesmüde in seinen Handschellen daher, ein klägliches Jammerbild; der Büttel des Dorfes schritt mit unerbittlicher Feierlichkeit neben ihm, die leibhaftige Gerechtigkeit.

»Sieh nur! Hier kömmt dein Herr von Syllabus« – sagte lachend der eine Kaffeetrinker, und lachte.

»Nun!« – erwiderte der andere. »Die richtige Straße vom Hofgute des Herrn Provincialrathes wäre es schon. Übrigens sind die sechs Wochen noch lange nicht um, Freund!«

»Potz tausend!« – rief plötzlich der Erstere wieder, als die Justiz mit dem Gefangenen näher gekommen war. – »Ist denn das nicht der junge reiche Laffe, welcher seit einigen Wochen den Champagner in der Residenz vertheuert?«

»Alle Wetter! Er ist es wirklich!«

»Das gibt ja eine prächtige Neuigkeit für das Journal« – sagte der Andere wieder. »Da muß ich mich bei der hohen Polizei selber instruiren.« Daher eilte er auf die Straße hinaus, und schloß sich dem Büttel an. Der Zurückgebliebene sah dann, wie er auch mit dem Verhafteten redete.

Endlich kam er eilends zurück. Als er in die Laube trat, brach er in schallendes Gelächter aus.

»Du hast die Wette gewonnen ohne Prügeljunge. Das war der Herr von Syllabus.«

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