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Gutenberg > David Kalisch >

Herr Karoline

David Kalisch: Herr Karoline - Kapitel 1
Quellenangabe
typecomedy
booktitleHerr Karoline / Er verlangt sein Alibi / Ein Abenteuer mit Jenny Lind
authorDavid Kalisch
year1852
firstpub1846
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleHerr Karoline
pages43
created20110501
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Herr Karoline.

Posse in 1 Aufzug

(nach Varin Rue de la lune)

von D. Kalisch.

[Zum Erstenmale dargestellt auf dem Königsstädt'schen Theater in Berlin am 26. October 1846.]

 

Berlin.
Verlag von A. Hofmann & Comp.
1852.

 

Personen:

        Krippenstabel, Rentier
Eulalia, seine Frau.
Piesecke.
Karoline, seine Frau.
Pausewalke.
Emilie, Dienstmädchen bei Krippenstabel.

Ort der Handlung: Berlin.

 

(Einfaches Zimmer mit einer Thür im Hintergrunde. Zwei Thüren links vom Schauspieler. Eine rechts. Tische, Großstühle, Rohrstühle.)

Erste Scene.

Emilie, dann Pausewalke.

Emilie (die Möbels abstäubend). Ich weiß nicht warum ich mir nur noch hier so viel Mühe gebe, Alles in Ordnung zu bringen; – wenn man so plötzlich ein Haus verlassen muß, ohne sich irgend eine Schuld bewußt zu sein – –

Pausewalke (im Hintergrund). Emilie! – Sind Sie allein? –

Emilie. Ah – Herr Pausewalke. –

Pausewalke. Sagen Sie doch Beste, ist gnäd'ge Frau schon zurück?

Emilie. Ja wohl, – vor einer Viertelstunde ist sie angekommen.

Pausewalke. Eulalia ist also da, – endlich da!

Emilie. Sie scheinen ja eine leidenschaftliche Liebe für gnäd'ge Frau zu haben!

Pausewalke. Verdient sie es nicht? Ist sie nicht die liebenswürdigste Frau Berlins? Ach! – drei Wochen war sie abwesend, welche Ewigkeit für mich! –

Emilie. Für Sie wohl, aber für mich nicht. Kaum war sie angekommen, so kündigte sie mir den Dienst auf.

Pausewalke Sie hat Ihnen gekündigt? – Was ist denn vorgefallen? –

Nr. l.

Emilie.

(Hamburger Polka.)

        :,: Sie glaubt ihr Mann
Wär' ihr nicht treu,
Und daß man ihr
Gefährlich sei.
Mit allen Mädchen
Macht sie's so, –
Man wird bei ihr
Nicht lebensfroh :,:

:,: Kaum war sie da
Macht' sie Scandal
Mit mir und ihrem
Herrn Gemahl,
Den Grund, den sie
Zum Streit gesucht,
War weiter nichts,
Als: Eifersucht. :,:

Drei Billets, so meint sie,
Hätt' er
Mir geschenkt für's
Königsstädter; –
Und der alte
Faselpeter
Schwieg dazu und
Muckste nicht!

Herr Krippenstabel hat Alles aufgeboten Madame zu beruhigen, – umsonst alle Versicherungen und Betheuerungen, ich muß abziehen.

Pausewalke. Das thut mir wahrhaftig leid, – ich hätte mich mit Ihnen über Alles so gut verständigen können, – ich habe da ein kleines Billet, welches Sie abgeben sollten. –

Emilie. Herrn Krippenstabel? –

Pausewalke. Nein, – um Himmelswillen, – an Madame –

Emilie. Aber –

Pausewalke. Geben Sie dieses Billet ab, Emilie, und ich verschaffe Ihnen einen andern, – einen bessern Platz –

Emilie. In Ihrem Herzen? –

Pausewalke. Nein, hier im Hause, in der zweiten Etage. –

Emilie. In der zweiten Etage? – Wir sind ja hier in der zweiten Etage. –

Pausewalke. Ja so, in der dritten wollt' ich sagen – ich verwechsle das immer, – seitdem das Mode-Magazin unten die erste Etage zum Entresol gemacht hat, – weiß man hier im Hause gar nicht mehr, wo man ist! –

Emilie. Also da oben ist ein Dienst offen bei der einzelnen Dame?

Pausewalke. Ja wohl, bei Madame Karoline, – sie ist zwar eine Wäscherin, – aber eine Frau von vieler Bildung –

Emilie. Sie kennen sie?

Pausewalke. Sie wäscht meine Battisthemden, – also mein Billet –

Emilie. Na, – geben Sie nur her –

Eulalia (hinter der Coulisse). Nein, – mein Freund, – da wird nichts draus, – in keinem Fall –

Emilie. Pausewalke. Da kommt sie, da ist sie –

Pausewalke. Eulalia kommt, – ich eile zur Wäscherin. –

Emilie. Gehen Sie rasch hier durch die Thür, – über den Gang kommen Sie nach der kleinen Treppe –

Pausewalke. Ich weiß, – ich weiß –

(durch die Thür rechts ab, ohne dieselbe zu schließen).

Zweite Scene.

Emilie. Krippenstabel. Eulalia.

Eulalia (aus der zweiten Thür links tretend mit Krippenstabel). Und durchaus will ich es nicht, verstehst du mich! –

Krippenstabel (im Schlafrock). Ich bin kein Krakeeler, liebe Frau, – aber das ist despotisch, das ist orientalischer Despotismus, – Du übertriffst an Grausamkeit die größten Tyrannen des Alterthums, –

Eulalia. Ich will einmal, daß Emilie unser Haus verläßt, und zwar noch heut. –

Emilie (sich nähernd). O, – mit Vergnügen –

Eulalia. Du hast gehorcht, – desto besser, – ich werde Dir Deinen Lohn zahlen, – packe Deine Sachen zusammen, – und noch heut Abend befreist Du mich von Deiner Gegenwart. –

Emilie. Gott sei Dank, – es fehlt mir nicht an einem andern Dienst, – man hat mir schon einen angetragen.

(durch die zweite Thür links ab.)

Krippenstabel. Wieder ein Opfer Deiner grenzenlosen Eifersucht Eulalia!

Eulalia. Ich – eifersüchtig? – hahaha –

Krippenstabel. Ich bin kein Krakeeler, Eulalia, – aber das ist seit den sieben Jahren unserer Ehe das acht und vierzigste Dienstmädchen. –

Eulalia. Und wer trägt die Schuld! Mann ohne bessere Empfindungen. Erröthest Du nicht mit Deinen Neigungen zu derartigen Subjekten herabzusteigen –

Krippenstabel. Aber ich bin ja nicht herabgestiegen Eulalia!

Eulalia. Ach, mein erster Mann hat mir nie solchen Verdruß bereitet –

Krippenstabel. Immer der erste Mann, – aber ich bin kein Krakeeler, – ich werde Dir ein neues Kleid kaufen. –

Eulalia. Deine Aufführung während meiner Abwesenheit. –

Krippenstabel. Meine Aufführung! – Ich erkundige mich ja nicht nach der Deinigen: Ich weiß, Du warst in Breslau die Erbschaft der seligen Taute in Empfang zu nehmen. Meine Eifersucht hat Dich von dieser Reise nicht abgehalten.

Eulalia. Du glaubst wohl noch, daß es angenehm ist, solche Geschäfte zu besorgen. O welche Schwierigkeiten, – welche Umstände, – welche Unannehmlichkeiten für eine Frau, wie ich, – allein, ausgesetzt allen Gefahren und Versuchungen der reisenden Männerwelt, – wenn man jung ist, – schön – liebenswürdig –

Krippenstabel. Du, Eulalia?

Eulalia. Zweifelst Du etwa? –

Krippenstabel. Nein – ich bin kein Krakeeler!

Eulalia. Und die Gelegenheit, – die Versuchung mangelt nicht, – auf der Rückreise befand ich mich im Waggon mit einem jungen Mann allein –

Krippenstabel. So – oh –

Eulalia. Beruhige Dich, – die Ehre, – die Pflichten meines Verhältnisses geboten mir jedes Gefühl zu ersticken, – ich dachte nur an Dich, lieber Julius, – an unser Kind. – Du hast mir geschrieben, daß unser Wilhelmchen heut von den Großeltern zurückkommt –

Krippenstabel. Ja, – die alte Mama bringt ihn selbst!

Eulalia. Ach, mein Wilhelmchen, meine einzige Freude, meine ganze Hoffnung –

Krippenstabel. Es sind jetzt bald sechs Wochen, daß wir das Pfand unserer ehelichen Liebe entbehrt haben –

Eulalia. Ja, – und nun kommt gerade heut der Junge, – und wir haben kein Dienstmädchen. Ein Kind mehr, und ein Dienstmädchen weniger! –

Krippenstabel. Vielleicht behältst Du noch Emilie.

Eulalia. Kein Wort mehr von dieser Person, – ich werde noch eine andere finden, – ich eile sofort in's Vermiethungs-Comtoir.

Krippenstabel. Ja, – eile, – Eulalia!

Eulalia. Ach, Julius, Julius! Du gleichst nicht meinem ersten Manne.

Krippenstabel. Weil ich dir ein Kleid kaufen will –

Eulalia. Auf Wiedersehen, – lieber Julius!

Krippenstabel. Lebe wohl, Geliebte meines Herzens!

(Eulalia ab.)

Dritte Scene.

Krippenstabel (allein). Eulalia, – ich mißbrauche Deine Erfahrungen. Sie glaubt, Emilie ist der Gegenstand meiner Gefühle. Ich bin kein Krakeeler, ich lasse sie in diesem Irrthume. Aber nein, nicht zu den Füßen einer Köchin lege ich die zitternden Empfindungen meines Herzens. Die Liebe pflegt nicht herabzusteigen, – die welche ich anbete, steht hoch über mir, – ein Stockwerk höher, – in der dritten Etage, – Madame Karoline, – die feine Weißwaarenwäscherin, hat sich in das Innere meiner Seele geschlichen. Sie nennt sich Madame Karoline, – ein eigenthümlicher Familienname! – Seit den sechs Monaten, die ich hier im Hause wohne, habe ich zwar nie einen Mann bei ihr gesehen, indeß dieser Schlafrock, welchen sie mir in dem schwachen Moment einer starken Geldverlegenheit veräußert, dieser Schlafrock, der in meinem Besitze bedeutende Erweiterungen erlitten, – von wem kommt dieser Warschauer? – räthselhaft, – sehr räthselhaft. Ich vermuthe, daß Madame Karoline Wittwe und Fräulein in einer Person ist: eine schöne Beschäftigung für eine einzelne Dame!

Vierte Scene.

Krippenstabel. Karoline (durch die Mittelthür).

Karoline. Ah, – Herr Krippenstabel.

Krippenstabel. Wie, – Madame Karoline, – welches Glück, – Sie schenken mir die Ehre Ihres Besuchs –

Karoline. Ich wünsche Madame Krippenstabel zu sprechen –

Krippenstabel. Meine Frau. –

Karoline. Ich habe gehört, daß sie zurückgekehrt ist. –

Krippenstabel. Ja, leider –

Karoline. Leider?! – Eine so charmante Frau! O Sie! wenn ich Ihre Frau wäre –

Krippenstabel. Ja das wünschte ich auch (umfaßt ihre Taille). O Sie Göttliche!

Karoline. Ich bitte, mein Herr! Sie vergessen – ich habe Ihnen schon zu viel erlaubt. Man könnte darüber sprechen, – und ich kündige Ihnen hiermit an, – sobald Sie mich noch einmal in meiner Wohnung besuchen, ziehe ich sofort aus diesem Hause, welches ich schon längst verlassen hätte, würde ich nicht eine Person hier erwarten müssen, die mich nur hier aufsuchen kann.

Krippenstabel. Eine Person –

Karoline. Ja, Jemand von dem ich schon sehr lang ohne Nachricht bin. –

Krippenstabel. Ein männlicher Jemand, – wahrscheinlich –

Karoline. Ach, – mein Herr! es giebt Verhältnisse im Leben, welche für eine edle und empfindsame Seele sehr grausam sind. –

Krippenstabel. Einzelne Dame, – Wittwe, Fräulein oder Mutter, – wer Sie auch sein mögen, – ich nehme den heftigsten Antheil an Ihrem Schicksal – Madame Karoline, darf ich Ihnen meine Tröstungen, – meine männliche Unterstützung anbieten? – Weisen Sie einen Freund nicht von sich. –

Karoline. Ich habe weder Unterstützungen, noch Freunde nöthig. Ich habe, Gott sei Dank, Alles was ich brauche, – ja ich kann mir sogar ein Dienstmädchen halten, und eben komme ich zu Ihrer Frau, mich über Emilien zu unterrichten, welche Sie heut entlassen wollen.

Fünfte Scene.

Dieselben. Emilie (im Hintergrunde, ohne bemerkt zu werden).

Krippenstabel (für sich). Emilie, hier im Hause bleiben, – das wäre unangenehm. (laut) In Abwesenheit meiner Frau kann ich Ihnen sagen, daß Sie mit dieser Emilie nicht zufrieden sein werden –

Karoline. So, und warum?

Krippenstabel. Ich bin kein Krakeeler! aber das Mädchen ist neugierig, geschwätzig, – aufdringlich, – verliebter Natur, – sie versalzt's Essen, und verbrennt viel Holz. –

Emilie (bei Seite). O, du Jesuit!

Krippenstabel. Was ihre Moral betrifft, – ich bin kein Krakeeler, – aber, sie ist ein weiblicher Hassenpflug!

Emilie (laut). Das ist nicht wahr, Madame, das ist nicht wahr!

Krippenstabel. O weh, – sie hat gehorcht! –

Emilie. Glauben Sie, Madame, Niemand als dieser Herr selbst hat Schuld, daß ich den Dienst verlassen muß. – Madame Krippenstabel –

Krippenstabel (dringend). Emilie, – meinen Rock! – liebe Emilie, meinen Rock, ich muß ausgehen. –

Emilie. Gnädige Frau will nämlich nicht. –

Krippenstabel (dringender). Emilie, – meinen Ueberzieher, – meinen Palito, – meinen Hut – Emilie, – meinen Hut – meinen Hut. –

Emilie. Lärmen Sie doch nicht so, – ich hole ihn ja schon. –

(Sie geht nach dem Zimmer rechts.)

Karoline. Herr Krippenstabel scheinen auf ziemlich vertrautem Fuße mit Ihrem Dienstmädchen –

Krippenstabel. Glauben Sie nicht, meine Werthe (seinen Schlafrock ausziehend). Entschuldigen Sie, wenn ich mir diese Blöße gebe, aber (bei Seite) wie sie meine Taille bewundert. –

Emilie (mit den Sachen). Hier ist Ihr Rock und Hut. (Zu Karoline.) O, Madame, – ich könnte Ihnen Geschichten erzählen, – wenn Sie wüßten –

Karoline. Schon gut liebes Kind, Sie können ohne Weiteres bei mir im Dienst treten. –

Emilie. Und von Ihnen, Herr Krippenstabel, ist es sehr häßlich, – daß Sie ein ordentliches Mädchen verläumden wollen –

Krippenstabel, (welcher seinen Rock angezogen und seinen Hut aufgesetzt hat). Besänftige Dich, liebe Emilie! – Du weißt, ich bin kein Krakeeler, Emilie, aber – ich habe dringende Geschäfte, – wenn Jemand während meiner Abwesenheit kommt, – er soll warten, – ich bin bald wieder hier. –

Nr. 2.

(Cachucha.)

Krippenstabel.
              Ich hab' die Ehre jetzt
Sie zu begrüßen! –
Hoffe bald wieder hier
Sie zu genießen.
Karoline.
Bitte sehre, eilen Sie
Rasch zu verschwinden!
Werden mich wirklich nur
Dadurch verbinden!
Emilie.
Sucht er auch meinem Zorn
Jetzt zu entschwinden,
Soll meine Rache doch
Er bald empfinden!
Krippenstabel.
Welche Malice!
Welche Sottisen!
Karoline.
Die Frau Gemahlin
Bitt ich zu grüßen.
Krippenstabel.
Ich hab' die Ehre
Mich zu empfehlen!
Karoline.
Bitte sich länger
Nicht abzuquälen
:,: Bitte sehr, eilen Sie, (wie oben).

(Krippenstabel und Karoline durch den Hintergrund, Emilie durch die zweite Thür rechts ab.)

Sechste Scene.

Piesecke (allein).
(Tritt vorsichtig durch die Thür links).

Niemand hier?! Wie pocht mir das Herz! – Wenn ich jetzt meiner Frau begegnet wäre, – oh, – ich glaube sie wäre vor Freude in Ohnmacht gesunken! – Glücklicherweise stand die Thür offen, – ich brauchte nicht erst zu klinken, – man hat mich gar nicht eintreten hören. Na, Gott sei Lob und Dank, – daß ich nur wieder zu Hause bin. Berlin, Charlottenstraße 84 in der zweiten Etage, bei meiner lieben Frau, nach so langer, schmerzlicher Trennung wieder bei meiner lieben, guten Karoline.

Nr. 3.

(Ländler.)

        Sei mir gegrüßt, Berlin!
Berlin, mein Vaterland!
Wo ich geboren bin,
Und meine Wiege stand!
Lala!

Leichtsinnig zog ich fort;
Mich drückte Kummer sehr, –
Nun ist das Herz mir leicht
Und meine Börse schwer!
Lalala.

Karline, holdes Weib!
Wie sehnt ich mich nach Dir! –
Gieb schnell mir einen Kuß, –
Und hol' 'ne Weiße mir
Lala!

Sei mir gegrüßt, Berlin!
Wo meine Wiege stand, –
Wo ich geboren bin,
Berlin, mein Vaterland
Lalala! –

(sich umsehend). Wie sich das Alles in meiner Wohnung verändert und verschönert hat. O, die liebe Frau! sie muß sehr gespart, – sehr ökonomisch gelebt haben, um mich mit dieser neuen Einrichtung überraschen zu können. Ach, das gute, liebe Weib! was mag sie nicht Alles entbehrt haben, um diese Tapeten, diese neuen Meubles – Mahagony – (er öffnet die Thür links) Plüsch-Sopha, – Großvaterstühle, – wo hat die Frau das Geld zu all' den Sachen herbekommen? Wie ich abreiste, – da hatten wir auch Manches, – besonders viel Pfandbriefe, – Pfandbriefe, die man nicht in landesüblichen Münzsorten umsetzen konnte, – und jetzt, jetzt. – Na, ich sehe doch, der Leiermann, von dem ich an der Grenze die ersten deutschen Klänge wieder gehört habe, der Leiermann hatte ganz recht: – (Er nimmt seinen Rockzipfel in der linken und dreht damit wie an einer Leier mit der rechten Hand, indem er mit halb näselnder Stimme den Leiermann copirt:)

        In der Heimath ist es schön!
Denn es scheint ihr gut zu gehn!
Aller Kummer ist geschwunden
Da ich's hier so fein gefunden!
Ja es scheint ihr gut zu gehn,
:,: In der Heimath ist es schön! :,:

(Nachspiel.)

Siebente Scene.

Piesecke. Emilie.

Emilie. Ein Herr! – Wer ist das?

Piesecke. Still, – es kommt Jemand, – meine Frau! Nein, – 's ist ein Dienstmädchen, – meine Frau hält sich ein Dienstmädchen! Guten Tag, liebes Kind!

Emilie. Der thut ja sehr familiär. Wie sind Sie denn hereingekommen, mein Herr?

Piesecke. Durch die Thür. Sie stand offen. Sage Deiner Frau daß ein kleiner blonder Herr sie zu sprechen wünscht. –

Emilie. Ein kleiner blonder Herr?

Piesecke. Ja, ja, – ein kleiner, Blonder, – ich liebe die Ueberraschungen.

Emilie. So, – gnädige Frau ist ausgegangen. –

Piesecke. Gnädige Frau – (für sich) sie läßt sich gnädige Frau schimpfen? –

Emilie. Er kennt die Madame – wer kann das sein –

Piesecke (mit Beziehung). Ich war einige Zeit abwesend, – entfernt von hier –

Emilie. Ach Sie waren auf Reisen! – Da wissen Sie gewiß recht viel Neues.

Piesecke. O ja – mehr als mir lieb ist.

Nr. 4.

(Mel.: Der Dreispann.)

1.
                                  In Rom da jabsten und da trabsten
Nach Neuigkeiten wir umher: –
Ich hörte nur: daß jetzt bei Papsten
In guter Hoffnung Alles wär'
.
2.
In Frankreich gab es viel Geflenne: –
Das Kartenspiel mir dort mißfiel!
Doch Whist heißt: Schweigen und »Cajeune«
»Cajeune« ist ein schlechtes Spiel!
3.
Von London läßt sich manches melden:
Denkmäler, Monumente schau'n
Stolz auf uns nieder, – große Helden
Die werden hier stets ausgehau'n.
4.
In Petersburg fragt' ich: »wie reis' ich
Sibiriens Bergwerk zu besehn?
»»Wenn einen Kladderadatsch Sie bei sich
So kann das ganz umsonst geschehn!««
5.
In Wien – ich bin gewiß kein Prahler –
Doch welches Aufsehn machte ich!
Ich zeigte einen preuß'schen Thaler
Nein des Jedrängle! Fürchterlich!
6.
In Cassel fragt' ich mit welch'n Zügen
Per Dampf man wohl nach Greifswald reis't?
Da, wegen Erregung von Mißvergnügen
Ward auf der Stell' ich ausgeweis't.
7.
So fand vom Süden bis zum Norden
Das Deutsche Land ich oberfaul!
Die Schuld, daß es so schlimm jeworden
Trägst Du nur (plötzlich zu Emilie) Mädchen! halt det Maul!

Bring mir lieber was zu frühstücken.

Emilie. Frühstück? Für Sie mein Herr?

Piesecke. Ja wohl, für mich. –

Emilie. Ich möchte doch aber wohl vorher wiss –

Piesecke. Was ich essen will? – Das kann ich Dir gleich sagen: Ein Beefsteak mit Ei und eine Weiße wo möglich. –

Emilie. Aber mein Herr, wer sind Sie denn?

Piesecke. Wer ich bin? Ha ha ha – das ist nett! sie weiß nicht, wer ich bin, – ich bin ja – na, wenn mich Deine Frau erblicken wird, da wirst Du mal die Freude und den Jubel sehen. –

Emilie (für sich). Das ist gewiß ein naher Verwandter, – richtig, Herr Krippenstapel sagte ja auch, wenn Jemand käme, sollt ich ihn warten lassen. –

Piesecke. Aber ein bischen rasch, mein Kind, ich habe Hunger!

Emilie. Gleich, gleich, – mein Herr (für sich). Ja, das muß ein ganz naher Verwandter sein.

(Sie geht durch die Thür ab, durch welche sie gekommen.)

Achte Scene.

Piesecke (allein). Das Mädchen scheint etwas neugierig, – aber sonst gar nicht unangenehm. – 's ist doch eine eigene Sache, ich bin doch gewiß ein solides Individuum, aber ich kann kein Frauenzimmer sehen, ohne zu denken, daß sie zum weiblichen Geschlecht gehört. In Breslau auf dem Bahnhofe begegnete ich einer liebenswürdigen Berlinerin, – wir kamen zufällig in einen Waggon, – einige Stationen waren wir sogar ganz allein, sie freute sich einen Landsmann in mir gefunden zu haben, – ich dito, – hierauf trug ich ihr aus Rührung das Lied vor: »In der Heimath ist es schön«, welches sie in holde Träume wiegte – die ich wohl hätte nützen können, – allein der Gedanke, bald zu Hause bei meiner lieben Frau zu sein, überraschte mich, – wir kamen an, und ich sprang aus dem Wagen, ohne ihr Lebewohl zu sagen. (Er will sich setzen und sieht den Schlafrock). Ein Schlafrock! ach, – das ist ja der Meinige, – es war mir gleich so – (er zieht ihn an). Meine gute Frau hat ihn ausbessern lassen! Ach – so ist's bequem, da weiß man erst, daß man zu Hause ist! Ach – du lieber Himmel! was bin ich mager geworden. Das machen die Sorgen, der Nahrungskummer. Na, ich habe jetzt eine Speculation, die mir wohl besser glücken wird, als meine früheren. Ich etablire im Thiergarten eine Schwefeläther-Restauration, wo man gegen 5 Sgr. Entrée die Leiden des menschlichen Lebens in süßen Träumen verschlummern kann. – Die Folgen dieser Erfindung sind gar nicht zu berechnen, denn:

Nr. 5.

1.
                  Es giebt jetzt auf der ganzen Welt
Nicht Sorgen mehr und Pein, –
Denn wer was zu verschmerzen hat:
Nimmt Schwefeläther ein!
Der Mann, der dieses Mittel fand,
Hat unsre Gegenwart erkannt,
Denn ach! die Zeiten sind so schlecht:
Da paßt der Aether recht!
:,: Drum giebt's jetzt auf der ganzen Welt :,: &c.
2.
Ein Mann, der viele Schulden hat,
Weiß nicht mehr ein noch aus,
Die Gläubiger woll'n warten nicht,
Und stürmen ihm das Haus:
Da nimmt er jeden einzeln 'ran,
Mit Schwefeläther ist's gethan;
Gleich träumt das Manichäer Chor:
Von lauter Louisd'or!
    Drum giebt's jetzt auf der ganzen Welt &c.
3.
Ein Mädchen wird bald dreißig Jahr,
Und sitzt noch immer still, –
Das wird zuletzt sehr enuyant,
Wenn keiner kommen will!
Den ganzen Tag seufzt sie und stöhnt, –
Bis sie mit Aether sich versöhnt: –
Dann kommt im Traume gleich gerannt
Der schönste Lieutenant!
    Drum giebts, &c.
4.
Dem Einen scheint das Leben grau,
Zum Leiden nur gemacht,
Weil ihm die allerschlimmste Frau
Stets plagt bei Tag und Nacht!
Da treibt zum Aether ihn die Qual;
Er nimmt drei Unzen auf einmal
Und gleich sieht er im Traum vergnügt:
Daß sie im Sterben liegt!
    Drum giebts, &c.

Neunte Scene.

Piesecke. Eulalia.

Eulalia. Ach, lieber Mann, da bist Du ja!

Piesecke, (sich umwendend). Wie, was? Das ist ja die Berlinerin, – meine Reisegefährtin –

Eulalia, (für sich). Der Herr von der Eisenbahn, mit dem ich gefahren bin, hier! – im Schlafrock –

Piesecke, (bei Seite). Was will die von mir haben? –

Eulalia. Mich in meiner Behausung zu verfolgen – es ist schrecklich. –

Piesecke. Madame Sie entschuldigen – die Zeit ist zu kurz um viel Complimente zu machen. – Was führt Sie hier her? Sprechen Sie! Bin ich es, den Sie suchen, so ist mir dies sehr schmeichelhaft, allein – es ist ohnmöglich hier –

Eulalia. Ich bin außer mir. Welche Dreistigkeit, welche Unverschämtheit. –

Piesecke. Unverschämtheit! Mein Gott ich finde Sie ganz liebenswürdig, aber Sie müssen doch einsehen, daß hier –

Eulalia. Was hier, – eben daß Sie es wagen, mein Herr, mich hier zu beleidigen, beweist eine Rohheit –

Piesecke. Sie haben Recht, ich habe Ihnen auf der Eisenbahn nicht Adieu gesagt, das war ungezogen, aber wenn Sie wüßten, – wenn Sie wüßten. –

Eulalia. Ich will nichts wissen mein Herr, ich bitte jetzt ernstlich, machen Sie ein Ende oder – (Sie legt ihren Shawl und Hut ab.)

Piesecke (bei Seite). Sie zieht sich aus. – Sie will hier bleiben (laut) Madame, ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich nicht lange Complimente machen kann. Die Zeit ist zu kurz. Es wird mir angenehm sein, Sie wo Anders zu treffen, geben Sie mir ein Rendezvous, aber hier –

Eulalia. Ein Rendezvous! – ich werde ohnmächtig!

Piesecke (bei Seite). Sie verstellt sich. (laut) Meine Liebste, Beste, das hilft Alles nichts, ich bin verheirathet – verstehen Sie, – ein verheiratheter Mann! –

Eulalia. Wenn Sie verheirathet sind, mein Herr! sollten Sie mich um so mehr mit Ihren Anträgen verschonen.

Piesecke. Aber, mein Gott! ich verschone Sie ja. Was kann ich denn dafür, daß Sie mich verfolgen, – Sapperment! Sie zwingen mich zum Aeußersten, Entschuldigen Sie! aber ich kann nicht anders: Machen Sie, daß Sie fortkommen. –

Eulalia. O Gott! mein Gott! das ertrag' ich nicht! –

Piesecke. Die Zeit ist zu kurz zu Complimenten, – es hilft nichts, entfernen Sie sich aus meiner Behausung!

Eulalia. Aus Ihrer Behausung? Himmel. Ich höre Jemanden kommen. –

Piesecke. Meine Frau, meine Frau! verschwinden Sie.

(Nimmt sie am Arm.)

Eulalia. Jesus! – wenn das mein Mann ist.

Piesecke. Verschwinden Sie, sag' ich, sogleich – hier durch das Zimmer (er schiebt sie gewaltsam in das Zimmer links und verriegelt die Thür.)

Eulalia. Hülfe! Hülfe!

(Ab.)

Zehnte Scene.

Piesecke. Emilie (mit einem Packet).

Emilie (zur Thür heraus). Schon gut! – Ich werde es dem Herrn abgeben. –

Piesecke. Was ist das, was ist das?

Emilie. Ein Geschenk für gnäd'ge Frau (bei Seite) I, sieh' mal, – hat der sich den Schlafrock von Herrn Krippenstabel angezogen. –

Piesecke (für sich). Was? meine Frau empfängt Geschenke?!

Emilie (hat das Packet geöffnet). Ach, welch ein schöner Stoff, mouslin de soie.

Piesecke. Seide, – ein seidner Stoff, wer macht sich denn das Vergnügen, ihr seidne Kleider zu schenken?

Emilie. Wer? na, das ist einzig, wer? der gnädige Herr!

Piesecke. Der gnäd'ge Herr! Was? es giebt hier einen gnäd'gen Herrn?

Emilie. Sie haben heut früh zusammen, wie man so zu sagen pflegt, eine Scene gehabt, und jedesmal, wenn sie nicht nachgeben will, kauft er ihr ein Kleid, – sie hat schon eine recht schöne Garderobe.

Piesecke (ganz perplex). Wenn sie nicht nachgehen will, kauft er ihr ein Kleid. – Er, wer – sie – oh – ah – (er sinkt in einen Fauteuil).

Emilie. Was ist Ihnen denn?

Piesecke. Wer, – wer ist dieser gnädige Herr? –

Emilie. Na, kennen Sie denn Herrn Krippenstabel nicht? –

Piesecke. Krippenstabel, – o was ist dies schon für ein gräßlicher Name. –

Emilie (für sich, laut, auf Piesecke deutend). Ich denke, er ist ein intimer Freund vom Hause. –

Piesecke. Ja, ich fürchte auch, – ein sehr intimer Freund (aufspringend). O, – jetzt haben wir's, – jetzt ist mir Alles klar, – daher kommen die Mahagony Meubles, – die Tapeten, – die Großvater- und Großmutterstühle, – oh. –

Emilie (das Kleid betrachtend). Ach, wenn man doch auch 'mal so'n Stück hätte. –

Piesecke. Gieb her das Kleid, – zerreißen will ich es, – vernichten in kleine Stücke. –

Emilie (ihn zurückhaltend). Was soll das heißen, mein Herr! Was fällt Ihnen ein?

Piesecke. Stapenkrippel, – Krapenstiefel, – Krippen – Du, Du, Dienstmädchen, – um welche Stunde pflegt er zu kommen?

Emilie. Wen meinen Sie?

Piesecke. Der, – der gnädige Herr!

Emilie. Um welche Stunde? er ist den ganzen Tag hier.

Piesecke. Und des Abends?

Emilie. Des Abends auch, – er schläft ja hier. –

Piesecke. Er, – er schläft hier?

Emilie. Aber mein Herr, ich begreife nicht –

Piesecke (für sich). Oh, – er schläft hier, – das ist das letzte Wort, in dieser Sache. (laut) Es ist gut – ich will ihn erwarten.

Emilie. Und Ihr Frühstück (auf die zweite Thür weisend) ich hab' es d'rin zurecht gemacht!

Piesecke. Frühstück! Gute Nacht, Frühstück! – Aber nein, – ich will essen, trinken, – ich habe Stärkung nothwendig um zu leben, – um mich zu rächen. –

Nr. 6.

Piesecke.
(Lucretia Borgia.)
              Mich zu rächen will ich essen!
Ach mein Leid ist nicht zu ermessen!
Alle Treue hat sie vergessen!
Ach ich armer, geschlagener Mann!
    Wie war ich so froh –
    Ach, – jetzt ist's nicht mehr so –
Will sie niemals wiedersehen
Die mich so konnt' hintergehen!
Mich zu rächen will ich essen! &c.
Emilie.
Sich zu stärken will er essen:
Um sein Unglück zu vergessen!
Und ich kann es nicht ermessen
Was ihn so betrüben kann!
    Wie war er so froh
    Als er kam, doch so: –
Kann ich wirklich nicht verstehen:
Was ihm mag zu Herzen gehen!
Sich zu stärken will er essen &c. (wie oben).

(Piesecke ab durch die zweite Thür.)

Elfte Scene.

Emilie, (später) Krippenstabel.

Emilie. Ich fange an, vor dem Menschen Furcht zu bekommen, – Es ist Niemand zu Hause. – ah, – da kommt ja der Herr! –

Krippenstabel. Emilie, hat man ein Packet gebracht? –

Emilie. Ja wohl, Herr Krippenstabel, – hier, – sagen Sie doch, – erwarten Sie nicht Jemanden hier?

Krippenstabel. Niemand erwarte ich. – Wozu diese Frage? –

Emilie. Weil Jemand gekommen ist. –

Krippenstabel. Jemand gekommen? – eine Dame vielleicht? –

Emilie. Nein, – ein Herr! –

Krippenstabel. Ein Herr! Was für ein Herr?

Emilie. Ein großer schwarzer Mann, er ist hereingekommen, ohne zu klopfen. –

Krippenstabel (ängstlich). Ohne zu klopfen. –

Emilie. Ja, und er hat gleich zu essen verlangt. –

Krippenstabel. Zu essen? Er hat Appetit! – Das ist ein Dieb, ein Gauner! –

Emilie. O ich glaube doch nicht, – er ist ziemlich anständig gekleidet. –

Krippenstabel. Die größten Bösewichte gehen jetzt nach der neuesten Mode.

Emilie. Er sagte: er wolle die gnäd'ge Frau sprechen.

Krippenstabel. Und Du hast ihn doch abgewiesen? –

Emilie. Mein Gott, nein! Ich glaubte es wäre ein naher Verwandter, d'rin sitzt er und frühstückt..

Krippenstabel (in Extase). Er sitzt und frühstückt, er frühstückt und sitzt! Du läßt ihn allein mit dem Silberzeug? –

Emilie. Ach Gott! Sie haben Recht. – (sie will ab.)

Zwölfte Scene.

Vorige. Piesecke (bleibt an der Thür).

Piesecke. Na, wie ist's denn liebe Köchin, – Sie wollten mir ja eine Weiße besorgen.

Krippenstabel. Ich bin kein Krakeeler, aber, – der Mensch hat sich schon meinen Schlafrock angezogen. –

Piesecke (bemerkt Krippenstabel und geht auf ihn zu). Wünschen Sie vielleicht Etwas, mein Herr? (zu Emilie.) Laß uns allein, mein Kind! –

Krippenstabel (ängstlich). Nein, nein, – sie ist gar nicht überflüssig. –

Piesecke (streng zu Emilien). Entferne Dich, sofort!

Emilie (bei Seite). Ich weiß nicht was ich machen soll, – er hat ihm gewiß Geheimnisse zu sagen. – (zögernd ab.)

Piesecke. Ich bitte, mein Herr, wollen Sie nicht gefälligst Platz nehmen, (er offerirt Krippenstabel einen Stuhl, nimmt selbst einen und setzt sich).

Krippenstabel (sich unwillkührlich setzend, ängstlich für sich). Die Geschichte könnte mir Spaß machen, wenn ich nur mehr Courage hätte.

Piesecke (bei Seite). Sollte dies vielleicht einer unserer früheren Gläubiger sein, welche meine Rückkehr erfahren?

Krippenstabel. Mein Herr –

Piesecke. Mein Herr –

Krippenstabel (sehr laut). Mein Herr! (bei Seite.) Ich muß mir Muth machen.

Piesecke. Offen gesprochen, – glaubten Sie, als Sie hier herkamen, mich hier zu finden?

Krippenstabel. Nein, – nein, – ich gestehe, daß ich überrascht bin.

Piesecke. Na ja, das dachte ich mir, – da ich erst diesen Morgen hier angekommen bin, so kann noch Niemand wissen –

Krippenstabel. Sie kommen von der Reise, – Sie waren auf Reisen? –

Piesecke. Ja, – ich – ich komme, – von Rußland. –

Krippenstabel. Rußland, – so? Nettes Land!

Piesecke. O ja. –

Krippenstabel. Schöne Gegend! –

Piesecke. Sehr schöne Gegend! (Kleine Pause.) Mein Herr! Ihre Unterhaltung ist mir sehr angenehm, – ich fürchte jedoch Sie abzuhalten.

(Er nimmt den Stuhl Krippenstabels, welcher aufgestanden ist, und setzt ihn rechtsweg; dagegen nimmt Krippenstabel den Stuhl Pieseckes und setzt ihn nach links weg; beide begrüßen sich dabei, wie wenn Jeder von ihnen erwartet, daß sich der Andere empfehlen wird. Hierauf setzt sich Piesecke rechts, Krippenstabel links, der eine nimmt die Zeitung. der andere ein Buch, sie wenden sich den Rücken und lesen. Nach einer Weile drehen sie sich plötzlich um, und sich gegenseitig bemerkend, springen sie auf).

Beide. Mein Herr, mit wem –

Piesecke (endigend). Mit wem habe ich die Ehre zu sprechen? –

Krippenstabel. Wie, – Sie wüßten nicht? –

Piesecke. Sonst würde ich Sie nicht fragen. –

Krippenstabel. Das ist aber sehr auffallend, mein Herr, daß –

Piesecke. Mein Herr, Sie treiben es zu weit, – wer sind Sie? – ich kenne Sie nicht, – es giebt hier so viel liederliches Gesindel, das sich in die Wohnungen schleicht. –

Krippenstabel. Gesindel? – Selbst Gesindel! Herr, ich bin hier in meiner Wohnung! –

Piesecke. Was sagen Sie? –

Krippenstabel. Das sind hier meine Zimmer, und ich habe das Recht –

Piesecke. Was, was? Bist Du vielleicht Kriepen, Krippenstabel?

Krippenstabel. Du? – woher kennen wir uns so genau? –

Piesecke (wüthend). Du bist also der Mensch, – der, – der –

Krippenstabel. Herr, dutzen Sie mich nicht, ich verbiete mir jede Familiarität! –

Piesecke. Familiarität? – ja, – die will ich Dir anstreichen. (will auf ihn los.)

Krippenstabel. Was wollen Sie von mir, wer sind Sie? –

Piesecke. Ich bin der Mann. –

Krippenstabel. Der Mann. –

Piesecke. Der Mann Ihres Opfers, – der Gatte Ihrer Geliebten. –

Krippenstabel. Meiner Geliebten? –

Piesecke. Karoline, meiner Karoline!

Krippenstabel (ängstlich bei Seite). Der Mann von der feinen Wäscherin oben. –

Piesecke. Ah, – Du zitterst. –

Krippenstabel (wie oben). Ich möchte nur wissen wer ihm etwas gesagt hat. –

Piesecke. Du zitterst, Bösewicht!

Krippenstabel. Wie, Sie sind also der – der Mann –

Piesecke. Der Mann Karolinens, die Du verdorben, – verführt hast, – ach – der Mann meiner Karoline, die ich über Alles liebte.

Krippenstabel. Entschuldigen Sie, interessanter Reisender, verehrungswürdiger Voyageur! Man hat Ihre Gattin schändlich verläumdet, – ich versichere Sie, auf Ehrenwort. –

Piesecke. Du lügst, – Verführer jugendlicher Strohwittwen. –

Krippenstabel. Der Zorn macht Sie ungerecht, – die Leidenschaft übermannt Sie, werthester Herr Karoline.

Piesecke. Was, – Herr Karoline, – Du willst mich noch zum Besten haben. (Er ist dicht an Krippenstabel gerathen, und giebt ihm einen Stoß in die Seite.)

Krippenstabel. Herr! Stoßen Sie hier nicht, – ich verbiete mir das in meinem Zimmer. –

Piesecke. In Deinem Zimmer, – Du wagst zu sagen in Deinem Zimmer, weil Du die Miethe bezahlst, – weil Du die Meubles gekauft hast, – zerbrechen will ich diese unmoralische Mahagony-Einrichtung. (Er wirft die Stühle um.)

Krippenstabel. Herr, Sie treiben mich zum Aeußersten, zum Alleräußersten. –

Piesecke. Eine Viertelstunde gebe ich Ihnen Zeit zum ausziehen!

Krippenstabel. Ich bin kein Krakeeler, – aber ich siede, – ich siede. –

Piesecke. Nach dieser Zeit werfe ich Ihre Meubles durch's Fenster.

Krippenstabel. Ich bin kein Krakeeler sag' ich Ihnen, aber ich bin auf dem Punkte –

Piesecke. Auf welchem Punkte? –

Krippenstabel. Ich hole den Viertels-Commissarius, ich verconstablerire mich gegen Sie. –

Piesecke. Ah, Sie wollen Scandal, – Oeffentlichkeit und Mündlichkeit – mir ganz recht, – kommen Sie zum Criminal-Commissarius, – kommen Sie. –

Krippenstabel. Ich bin zufrieden, – gehen Sie gefälligst voran.

(Sie bleiben beide an der Thür.)

Piesecke. Bitte sehr, – gehen Sie nur. –

Krippenstabel. Nach Ihnen, – wenn's beliebt.

Piesecke. Ohne Umstände.

Krippenstabel. Ich bin ja hier zu Hause. –

Piesecke. Ich auch. –

Krippenstabel. Aber bitte. –

Piesecke. Bitte. –

(Sie wollen beide zugleich durch die Thür und klemmen sich).

Dreizehnte Scene.

Vorige. Emilie.

Emilie (hereinstürzend). Herr Krippenstabel, Ihr kleiner Sohn, Ihr Wilhelmchen ist angekommen, – ach, wie wird sich Madame freuen.

Piesecke. Ein Sohn! Ein Wilhelmchen! Oh!

Krippenstabel (freudig). Mein Kind, – mein Würmchen ist da!

Piesecke (wüthend). Sein Kind, – sein Würmchen! Ha! ich will ihn tödten diesen Wurm. (Er will heraus).

Krippenstabel (ihn zurückhaltend). Zurück, Kannibale!

Piesecke. Ich will ihn vernichten, diesen Wurm!

Krippenstabel. Emilie, Emilie! zu Hülfe! zu Hülfe!

Nr. 7.
(Mel.: Wenn der Muth in der Brust seine Spannkraft übt.)

Piesecke.
        Kommt der Wurm in dem Sturm meiner Leidenschaft jetzt,
Wo mich Rache und Wuth in Verzweiflung gesetzt,
Mord' ich ihn, würg' ich ihn, tödt' ich ihn schnell –
Sterben muß er hier auf der Stell'!
Emilie und Krippenstabel.
Kommt der Wurm in den Sturm seiner Leidenschaft jetzt, –
Wo ihn Rache und Wuth in Verzweiflung gesetzt,
Wird er ihn tödten hier auf der Stell'!
Ach, wo schaffen wir Hülfe schnell!
Alle.
:,: Gräßliche, häßliche, abscheuliche, gräuliche
Thaten sind hier verrathen, verrathen!
Seelen erschütternde, Herzen erbitternde
Schreckensgedanken durchwanken mein Hirn. :,:
Emilie.
        Ach, haltet ein, –
Was das Herz auch mag empören –
Höret mein Flehn!
Laßt erhören
Euch, beschwören:
Was auch immer geschehen,
Nicht des Hauses Ruhe störet
In blinder Wuth,
Was fromm und still im Frieden ruht!

(Wiederholung des ersten Theils in möglichst raschem Tempo. – Krippenstabel eilt ab.)

Vierzehnte Scene.

Piesecke. Emilie.

Piesecke (in einen Sessel stürzend). Ein Kind, ein Kind, ein kleiner Krippenstabel. –

Emilie. Aber was ist hier geschehen? – Sie haben ja Alles drüber und drunter geworfen. –

Piesecke. Ach, liebe Emilie, – nicht wahr, – Du heißt Emilie?

Emilie. Ja, mein Herr! –

Piesecke. Ich liebe diesen Namen. –

Emilie. Aber sagen Sie mir doch nur, – was geht hier vor? –

Piesecke. Schreckliches, Fürchterliches. Die Mysterien von Paris sind gar nichts dagegen, – der ewige Jude ist ein Lump gegen mich! –

Emilie. Ich verstehe nicht. –

Piesecke. Mahagony-Meubles, – seidene Kleider, – ein Dienstmädchen, – ein Kind, – ein kleines Kind – ach! –

Emilie. Aber was geht Sie denn Herrn Krippenstabels kleiner Sohn an? –

Piesecke. Was er mich angeht, – es ist ja mein Sohn!

Emilie. Ihr Sohn!

Piesecke. Ja, – er ist der Meinige, ohne es zu sein, – das heißt, er ist mein Vater und ich bin nicht sein Sohn, – nein, ich will sagen, ich bin sein Sohn und er ist nicht mein – ach, mein Verstand tanzt Polka. –

Emilie. Er ist wahnsinnig.

Piesecke. Nein, – so, – ich bin nicht sein Vater und seine Mutter ist meine Frau. –

Emilie. Madame Krippenstabel ist Ihre Frau?

Piesecke. Madame Krippenstabel! Sie trägt schon seinen Namen, – oh, – die Mythologie hat solche Ausschweifungen nicht aufzuweisen! –

Emilie. Sie ist also nicht seine Frau? –

Piesecke. Ich sage Dir ja, sie ist die Meinige. –

Emilie. Sie sind also gar nicht ordentlich verheirathet?

Piesecke. Nicht im geringsten. –

Emilie. Da haben wir's! Civil-Ehe!

Piesecke. Meine Ehre ist vernichtet, – mein Name geschändet. –

Emilie. Ach, lieber Herr! Sie thun mir wirklich leid, – Sie jammern mir –

Piesecke. Tröste mich, – Emilie, tröste mich. (Er umfaßt sie.)

Emilie. Der arme Mann! Ist Ihnen unwohl?

Piesecke. Schwach, – sehr schwach, Emilie!

Emilie. Die häßliche Frau! Ich habe sie nie mehr gehaßt, als in diesem Augenblicke. Uebrigens, da Sie ihr Mann sind, ihr eigentlicher, rechtmäßiger Gatte, so halte ich es für meine Pflicht, Ihnen nichts mehr zu verbergen. –

Piesecke. Noch etwas, – noch ein Unglück?

Emilie. Muth, fassen Sie Muth! –

Piesecke (sich auf sie fester stützend). Ich fasse. –

Emilie. Es macht noch ein anderer junger Mensch der Madame die Cour. –

Piesecke. Ein alter Major vielleicht. –

Emilie. Nein, – ich sage Ihnen ja, ein junger Mann, ein gewisser Pausewalke. –

Piesecke. Pausewalke, – Krippenstabel, – was das Alles für Namen sind. –

Emilie. Er hat mich diesen Morgen gebeten, ihr dieses Billet zuzustellen. –

Piesecke. Ein Billet! – gieb her, ehrliche Seele! tugendhaftes Dienstmädchen!

Emilie (giebt es ihm).

Piesecke. Krippenstabel, – Pausewalke, das sind nun schon zwei, – ohne mich zu rechnen. Wenn sie noch welche hat, sag's lieber gleich. –

Emilie. Ich kenne keinen weiter. –

Piesecke. Einen mehr oder weniger, – 's kommt ja gar nicht darauf an (er entfaltet den Brief).

Funfzehnte Scene.

Dieselben. Pausewalke.

Pausewalke (hereinschleichend). Emilie, Emilie! Kann man sie jetzt sprechen?

Emilie (leise zu Piesecke). Das ist er!

Pausewalke. Hast Du ihr mein Briefchen gegeben?

Emilie. Ihr nicht, – aber dem Herrn. –

Pausewalke. Herrn Krippenstabel?

Emilie. Nein, diesem Herrn da. –

Pausewalke. Wie? – wer ist dieser Mann? –

Piesecke (erzwungen gemüthlich). Kommen Sie näher, lieber Pausewalke. –

Pausewalke (betroffen bei Seite). Lieber Pausewalke – was soll das heißen? (Er weicht zurück).

Piesecke. Der hat schon weniger Courage. –

Pausewalke. Mein Herr, das Billet, welches Sie in Händen haben –

Piesecke. Ist von Ihnen – ich weiß es. –

Pausewalke. Und wer giebt Ihnen das Recht?

Piesecke. Recht? – ich habe Rechte, heilige Rechte, – und das erste wäre, Sie stellenweise durchzuwalken, Pausewalke.

Pausewalke. Mein Herr!

Piesecke. Mein zweites Recht ist zu sagen: Pausewalke, Du wirst mein Rächer! Ich gebe Dir Vollmacht mich zu rächen!

Pausewalke. Ich begreife nicht –

Piesecke. Pausewalke, Du liebst meine Frau, die mir durch die Segnungen der Kirche angehört.

Pausewalke. Sie wären –

Emilie (leise zu Pausewalke). Es ist ihr rechter Mann.

Pausewalke. Ihr rechter Mann.

Piesecke (mit gezwungenem Anstand). Diese Frau hat alle Bande des gesellschaftlichen Socialismusses, – musses gelöst und sich während meiner längeren Abwesenheit mit Communismus beschäftigt, – diese Frau, ich verwünsche sie, – ich verabscheue sie – liebe sie, – laß Dich von ihr lieben, es ist mir gleichgültig.

Pausewalke. Und Krippenstabel –

Piesecke. Ist ein Tiger. –

Emilie. Ein Panther. –

Pausewalke. Ist es möglich!

Piesecke. Wenn er Lärm machen will, so antworte ihm: der Mann will es so, – der Mann will es so, – der Mann hat mich dazu autorisirt, und er wird verstummen. –

Pausewalke. Aber, – indeß –

Piesecke. Er wird verstummen, sag' ich Dir. – Du wirst mein Rächer sein, vernichte ihn, – mach' ihn schwindsüchtig, – räche mich, – Pausewalke, – und jetzt Emilie folge mir, – ich gehe den Rest meines Frühstücks, – das letzte Fleisch in diesem Hause zu genießen. (Pathetisch ab mit Emilie.)

Sechszehnte Scene.

Pausewalke (dann) Eulalia.

Pausewalke. O welche Täuschung, – welche bittere Täuschung, – Eulalia ist die Frau zweier Männer (es klopft an die erste Thür links). Man klopft an diese Thür, – wer ist hier eingeschlossen? (er öffnet.)

Eulalia (hereinstürzend). Nein, länger kann ich es nicht ertragen, ich muß um jeden Preis wissen, was hier vorgeht. (Pausewalke erblickend), Herr Pausewalke?

Pausewalke. Ich selbst, meine schöne Freundin!

Eulalia (betroffen). Meine schöne Freundin?!

Pausewalke (recitirend).
Ja, ich bin es der Sie heiß und zärtlich liebt, –
Und sein Leben willig für Sie giebt!

Eulalia. Sie lieben mich?

Pausewalke. Und Sie, hat Sie die Abwesenheit nicht mitleidsvoller für meine Leiden gemacht? –

Eulalia. Was bedeutet dieser Ton, mein Herr? Sie haben bis jetzt nie gewagt, in ähnlicher Weise, –

Pausewalke. Ja, ich fühle das Unrecht meiner früheren Schüchternheit, – Eulalia, – ich habe Sie dadurch selbst gezwungen, die Grausame zu spielen –

Eulalia. Die Grausame –

Pausewalke. Ich fühle jetzt, wie lächerlich es war, die Rivalität eines Krippenstabels gefürchtet zu haben. –

Eulalia. Mein Gatte, ein lächerlicher Rival. – Ha –

Pausewalke. Ihr Gatte, zu was diese Bezeichnung, ich weiß Alles, theure Freundin, und ich verzeihe Ihnen, ja ich liebe Sie nur um so mehr. –

Eulalia. Herr Pausewalke, – ich bitte, – Sie vergessen alle Rücksichten. –

Pausewalke. Welche Rücksichten, – ich kenne keine (in höchster Extase vor ihr knieend).
Hier auf den Knieen will ich Dir es sagen:
Daß alle meine Pulse für Dich schlagen! –

Siebzehnte Scene.

Vorige. Krippenstabel (später) Emilie.

Krippenstabel (im Hintergrunde). Eine neue Erscheinung! ein neues Unglück!

Eulalia. Gott, – mein Gatte!

Pausewalke (langsam und gleichgültig aufstehend). Ah, – Sie sind es. –

Krippenstabel. Herr Pausewalke, mein Erstaunen ist von außerordentlicher Tiefe.

Eulalia. Glaube nur nicht etwa, lieber Mann 

Krippenstabel. Ich bin kein Krakeeler, Eulalia, – aber, Herr Pausewalke, haben Sie doch die Güte mir zu sagen, was Sie in der Umgegend meiner Gattin auf die Knie treibt? –

Pausewalke. Was geht Sie das an, mein Herr?

Krippenstabel. Was sagen Sie? –

Pausewalke. Ich frage, was Sie das kümmert? –

Krippenstabel. Ich bin kein Krakeeler, aber –

Pausewalke. Madame ist nicht Ihre Gattin –

Krippenstabel. Herr! –

Pausewalke. Sie sind eben so wenig ihr Mann, als ich es bin. –

Eulalia. Ha, welche Kühnheit! –

Pausewalke. Kühn find' ich's Unschuldigen spielen zu wollen, wenn man die Frau eines Andern verführt hat. –

Eulalia. Julius, Julius! Er überhäuft uns mit Schmähungen. –

Krippenstabel Wenn nur der Viertel-Commissarius schon da wäre. –

Pausewalke. Sie haben diese Dame ihrem Ehemanne entführt. –

Krippenstabel. Ihrem Manne, – welchem Manne, – sie war Wittwe als ich sie heirathete. –

Pausewalke. Nein, mein Herr! ihr Mann lebt noch und er ist es, welcher mich von Allem unterrichtet!

Krippenstabel. O Eulalia, was hast Du gethan!

Eulalia (weinend). Ich ersticke. –

Krippenstabel. Eulalia antwortet nicht. –

Eulalia. Ich bin einer Ohnmacht nahe. –

Emilie (welche inzwischen gekommen ist). Ja, der erste Mann lebt noch. –

Eulalia. Er lebt noch, – ich sterbe!

Krippenstabel. Mein Herr! verlassen Sie mein Haus, entfernen Sie sich. –

Pausewalke. Welche schreckliche Scene.

Krippenstabel. Ach, ich bin kein Krakeeler, aber ich bekomme Nervenfieber.

Alle.

Nr. 8.

Krippenstabel.
(Nachtwandlerin.)
        :,: Ach ich werd's nicht überleben:
So dem Unglück preisgegeben!
Alle ehelichen Bande
Aufgelöst, – o welche Schande!
Ach, wer konnte je es denken,
Daß so tief sie mich würd' kränken.
So dem Unglück überlassen:
Nicht vermag ich es zu fassen! :,:
Eulalia.
:,: Ach, nicht werd' ich's überleben:
So dem Unglück preisgegeben!
Alle ehelichen Bande
Aufgelöst, o welche Schande!
Ach, wer konnte je es denken,
Daß so tief er mich wird kränken.
So dem Jammer überlassen:
Nicht vermag ich es zu fassen! :,:
Emilie und Pausewalke.
:,: Ach, er [sie] wird's nicht überleben:
So dem Unglück preisgegeben!
Alle ehelichen Bande
Aufgelöst, o welche Schande!
Ach, wer konnte je es denken:
Daß das Schicksal so würd's lenken!
Nicht vermag er [sie] es zu fassen!
So dem Unglück überlassen! :,:

(Eulalia, gestützt auf Emilie, wankt nach ihrem Zimmer. Pausewalke durch den Hintergrund ab.)

Achtzehnte Scene.

Krippenstabel (später) Karoline.

Krippenstabel. Bigamie! zwei Männer auf einmal! Ein Verbrechen in meinem Hause, – das kommt vor das neue Criminal-Verfahren mit der öffentlichen Gerichtsbarkeit – in die Vossische – in die Spenersche Zeitung kommt's, – in'n Publicisten, – in die Zeit. – O Julius, Julius, was hat man mir gethan? – Welches schreckliche Trauerspiel enthüllt sich in dem Schooße deines bürgerlichen Lebens. –

Karoline. Ah, Sie sind noch hier, ist Ihre Frau schon zu Haus?? –

Krippenstabel. Fliehen Sie Madame Karoline, – fliehen Sie diese Wohnung des Verbrechens, diese Gemächer des Jammers, diese Räume des Unglücks. –

Karoline. Was soll das heißen? –

Krippenstabel. O Karoline, vermehren Sie nicht die Gräuel und die Schrecken dieses Hauses durch Ihre Gegenwart. –

Karoline. Sie sind sehr unhöflich, – ich begreife nicht –

Krippenstabel. Wenn er uns zusammen überraschte, Karoline!

Karoline. Von wem sprechen Sie?

Krippenstabel. Wie, haben Sie ihn denn noch nicht gesehen?

Karoline. Gesehen? Wen? Wen?

Krippenstabel. Wissen Sie denn nicht, daß er gekommen ist?

Karoline. Aber, mein Gott! Wer? Wer?

Krippenstabel. Ihr Mann, – Ihr Gatte!

Karoline. Mein Joseph – mein Piesecke! wo ist er?

Krippenstabel. In meinem Schlafrocke steckt er, – in meinem Warschauer. –

Karoline. Piesecke hier, – bei Ihnen! – er ist noch nicht heraufgekommen, – warum ist er hier bei Ihnen, – und nicht bei mir oben, sprechen Sie, – um Himmelswillen –

Piesecke (eintretend). Ah – da sind sie zusammen!

Neunzehnte Szene.

Vorige. Piesecke.

Krippenstabel. Es ist nicht mehr Zeit. –

Karoline (mit offenen Armen auf Piesecke zueilend). Piesecke, mein lieber Mann! –

Piesecke. Hinweg, – hinweg, sage ich. –

Karoline. Du stößt mich von Dir, Joseph?! –

Piesecke. Zurück, treulose, emancipirte Lebensgenossin, hülle Dich nicht in den Omnibus der Unschuld, – ich weiß Alles. –

Krippenstabel. Liebster Herr, – Sie irren sich. –

Karoline. Joseph, lieber Joseph, – was soll das heißen? –

Piesecke. O Karoline, wer hätte das je von Dir geglaubt? Cleopatra ist eine Heilige gegen Dich – und das graue Alterthum hat nichts Aehnliches aufzuweisen!

Karoline. Was soll dieser Unsinn, – lieber Mann, – ich verstehe von Allem dem nichts. –

Piesecke. Und er, – wie er dasteht! – wie ein Eisbär, der Bittersalz eingenommen hat. –

Krippenstabel. Aber hören Sie doch nur – Sie sind ja ganz im Irrthum. –

Piesecke. Ruchloses Paar! –habe ich Euch endlich, Ihr entkommt mir nicht mehr, – ich werde Euch vernichten, – Euch, und Euer Kind.

Karoline. Welches Kind?

Piesecke. Das Preußische Landrecht, – die Städteordnung, – die Provinzialstände erlauben mir das, – aber nein, – ich überlasse Dich diesem Mahagoni-Meubles-Versorger, diesem seidenen Kleider-Lieferanten, – das soll deine Strafe, – das soll meine Rache sein!

Karoline. Aber lieber Mann! man hat dich mystifizirt, – man hat mich verläumdet, sieh', ich bitte Dich – sieh' nur diesen Menschen an, – ist es möglich, daß ich den lieben sollte? –

Krippenstabel (mit dummen Gesicht). Ich bin kein Krakeeler, aber –

Piesecke (für sich). Es ist wahr, der Mensch – (laut) aber der Andere, – der Pausewalke, wie?

Karoline. Pausewalke? –

Piesecke. Du glaubtest Dich allein, – Du dachtest mein Mann ist auf Reisen, – er wird nichts erfahren, – Du hast Dich geirrt, ich weiß Alles, dieser Pausewalke –

Krippenstabel. Pausewalke, welchen ich auf den Knien vor meiner Frau überraschte.

Piesecke. Du wagst sie in meiner Gegenwart Deine Frau zu nennen? ha! (er giebt ihm einen Stoß.)

Krippenstabel. Herr stoßen Sie nicht, – ich hab' es Ihnen bereits gesagt – ach, wenn nur schon der Viertels-Commissarius da wäre, –

Karoline. Joseph, – lieber Joseph, kannst Du wirklich glauben daß –

Piesecke. O Du tief gesunkene Gattin! – Bilde Dir nur nicht ein, daß ich deshalb verzweiflen, daß ich die Einsamkeit suchen werde, und die dunklen Oerter. Nein, noch giebt es edle Seelen, die meiner Liebe würdig sind. Ich habe eine Frau gefunden, welche mich liebt, mich verfolgt, – ich habe sie mir aufbewahrt, – hier – und vor Deinen Augen will ich – (er öffnet die erste Thür rechts).

Karoline. Eine Frau, – mein Gott! – eine Frau.

Zwanzigste Scene.

Dieselben. Eulalia.

Piesecke. Kommen Sie Madame, kommen Sie, – es ist Zeit zu erscheinen. –

Eulalia. Himmel, was wollen Sie noch? –

Krippenstabel. Meine Frau!

Karoline. Seine Frau!

Piesecke. Seine Frau?

Eulalia (zu Piesecke). Schweigen Sie, um –

Piesecke. Ihr Mann? ah, – desto besser, – das Schicksal ist gerecht – Sie kommen Sich von seiner Untreue überzeugen, – jetzt verstehe ich Alles, – jetzt ist es mir klar, warum Sie durchaus hier bleiben wollten, – Sie sehen hier sein Opfer, – meine Gattin. –

Eulalia. Ihre Gattin?

Piesecke. Meine rechtmäßige Frau – und hier ist der Ort des Verbrechens. –

Eulalia. Wäre es möglich! –

Karoline (weinend). Ich ertrage es nicht, – es ist schrecklich.

Piesecke. Ja wohl ist es schrecklich. (zu Eulalia.) Kommen Sie, Madame, überlassen wir diese Beiden ihrem Schicksale, rächen wir uns, indem wir sie verachten und uns lieben! –

Eulalia. Julius, Julius, – Du schweigst hierzu?

Krippenstabel. Ach, – wenn nur der Viertels-Commissarius schon da wäre! –

Piesecke. Ja! (zu Krippenst.) Du nimmst meine Frau, – ich nehme die Deinige, – wir tauschen. – Die Geschichte des Mittelalters hat ähnliche Betspiele aufzuweisen! Leben Sie wohl, – Krippenstabel, – ich verzeihe Ihnen –

Krippenstabel. Was, Sie wollen tauschen? – ja, hören Sie – wenn die Sache nicht anders beigelegt werden kann, – ich bin kein Krakeeler! –

Eulalia. Was, Undankbarer, – Du willst mich verlassen? (schluchzend) Julius!

Karoline (schluchzend). Joseph, – lieber Joseph –

Piesecke (zu Karoline). Mögest Du Dich bessern, – lebet glücklich und zufrieden –

Krippenstabel (zu Karoline). Es hat nicht anders sein sollen, – finden wir uns in die Fügungen des Schicksals. –

Einundzwanzigste Scene.

Vorige. Pausewalke. Emilie.

Pausewalke. Ah – da ist sie – (zu Eulalia). Madame, ich werfe mich Ihnen zu Füßen. –

Piesecke (ihn zu Karoline zwingend). Nicht bei dieser, – hier ist sie ja. –

Krippenstabel. Ich widersetze mich. –

Pausewalke. Verzeihen Sie mir, Madame, ich war unbescheiden, ich weiß es, – aber dieser Herr trägt die Schuld, – er versicherte mich, Sie wären seine Frau. –

Piesecke. Ich –

Eulalia. Er –

Pausewalke. Ich würde es noch glauben, hätte mir nicht der alte Hauswart unten Alles aufgeklärt. –

Piesecke. Aufgeklärt, was aufgeklärt?

Pausewalke (auf Piesecke deutend). Dieser Herr wohnte früher im zweiten Stockwerk, – er war einige Zeit abwesend, inzwischen wurde durch das Modemagazin unten die zweite Etage zur Ersten, die dritte zur zweiten gemacht. –

Eulalia (freudig). Ah, jetzt hab' ich's, – jetzt hab' ich's. –

Krippenstabel. Gott sei Dank! – meine Frau hat's. –

Eulalia. Er hat sich um eine Etage geirrt. –

Karoline. Ah, Du glaubtest, Du wärest bei Dir?

Piesecke. Bei Dir? bei mir!

Krippenstabel. Sie haben früher hier logirt, – Sie treten hier ein, – und denken Sie sind zu Hause. –

Karoline. Ich wohne eine Etage höher, lieber Mann.

Piesecke. Aber das ist doch höchst unangenehm, – man macht eine kleine Reise, – man kommt zurück, – glaubt, man ist in seiner Behausung, – und geräth wer weiß wo hinein. –

Krippenstabel. Bei mir, – bei mir! –

Piesecke. Bei Ihnen, – ich bin bei Ihnen seit diesem Morgen, und Sie sagten mir es nicht?

Krippenstabel. Ich bin kein Krakeeler, – aber ich hab's Ihnen ja zehnmal gesagt, werthester Herr Karoline.

Piesecke. Was, Herr Karoline? ich heiße Piesecke, – Joseph Piesecke. –

Eulalia. Piesecke? – Joseph Piesecke – mein Vetter. –

Piesecke. I, was?

Eulalia. Sie sind der Neffe meiner Tante Stromer. –

Piesecke. Stromer. Richtig! Was macht sie denn die alte Tante?

Eulalia. Man erwartet Sie, der Erbschaft wegen. –

Piesecke. Also ist sie todt, die alte Stromern! Na, ich hab's immer gesagt, daß das einmal so kommen muß. –

Eulalia. Ihr Erbschaftsantheil beträgt mehr als 5000 Thaler. –

Piesecke. Fünftausend Thaler! Karoline!

(Er nimmt gerührt den Rockzipfel wie in der sechsten Scene.)

        In der Heimath ist es schön!
Freudig ist das Wiedersehn!
Habe wieder Dich erworben! –
Ach, die Tante ist gestorben: –
's will mir tief zu Herzen gehn –
In der Heimath ist es schön!
Chor.
:,: In der Heimath ist es schön! :,:

 


 








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