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Hermann Ifinger

Adolf Wilbrandt: Hermann Ifinger - Kapitel 36
Quellenangabe
authorAdolf Wilbrandt
titleHermann Ifinger
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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VIII

Milli kam nicht wieder, wie sie's ihm vorhergesagt hatte. Ifinger stellte sich langsam unter der Pflege einer dritten, dann der zurückkehrenden ersten wieder her; die Fieber blieben aus, es handelte sich jetzt im Grunde um die Erneuerung der verbrauchten Kräfte. Eine lähmende nervöse Schwäche dauerte an; sonst gedieh er doch bald so weit, daß er innerhalb der Mauern dieses riesigsten Krankenhauses, dieser kleinen Welt ins Freie gehn und an den ersten weicheren Frühlingslüften sich erquicken konnte. Die kurzen, mit dem Bleistift geschriebenen Nachrichten, die er an Christel und auch an die Baronin schickte, meldeten nur, daß er in Wien sei und allerlei erlebe, nichts von seiner Krankheit. Wozu sollte irgend jemand auf der Welt davon wissen, solange er nicht den Zweck dieser verunglückten Reise irgendwie erfüllt hatte? – So erfuhr denn auch Erhart mit keinem Wort, daß Ifinger ihm so nahe war. Erhart wunderte sich, denn es kamen Briefe und Sendungen aus München, von Christel an »Herrn Doktor Hermann Ifinger« adressiert, »bei Herrn Franz Erhart in Klosterneuburg«; es erschien aber kein »Doktor«, sie in Empfang zu nehmen. So vergingen Wochen. In der zweiten Hälfte des April rückte wirklich der Frühling an; die Sonne entwickelte plötzlich ihre schon südliche Kraft, und über die Alpen her kamen warme Lüfte.

In Ifinger erwachte endlich die Lebens- und Willenskraft, die solange geschlafen hatte, wie wenn die Saiten seines Nerveninstruments alle abgespannt oder zerrissen wären. Er sah sich vom Arzt, mit allerlei ernsten Warnungen, entlassen; er fuhr in die Stadt hinein, um nach seiner Art das neue Leben sogleich mit dem Schwersten, mit dem Besuch beim Grafen zu beginnen ... Daß Waldsee am »Kärntnerring« wohne, hatte er aus dessen Briefen an die Baronin ersehn; vor dem bewußten Hause stieg er denn auch ab. Schon unter der Tür befiel ihn aber eine Schwäche, die er wohl hätte erwarten sollen. Die Schwierigkeit und Bedenklichkeit seines Unternehmens fuhr ihm in die Knie; die Schläfen wurden feucht, der Kopf dumm und leer; »ich würde mich schauderhaft blamieren,« dachte er bestürzt, »wenn ich jetzt hinaufginge! – – Geht es überhaupt? – – Ja, es geht; weil es muß. Aber in diesem Augenblick geht's entschieden nicht!« – – Er seufzte und lehnte sich neben der Tür an die Wand. Jetzt bemerkte er erst, was er beim Herfahren, mit fast geschlossenen Augen, gar nicht wahrgenommen hatte: auf der andern Seite der Ringstraße – dem Opernhaus fast gegenüber – brannte ein großes Haus; freilich nur unterm Dach, auf der abgekehrten Seite, die zu einer andern Straße zu gehören schien; aber eine mächtige, schöne Flamme stieg in den noch hellen Abendhimmel hinauf. Dennoch ging der Strom des Lebens auf der platzbreiten Ringstraße ruhig fort, her und hin; die überfüllten Wagen der Pferdebahn fuhren, die Fiaker und Karossen rasselten auf dem Granitpflaster, die unzähligen Spaziergänger, vom lauen Abend gelockt, zogen an Ifinger wie eine Doppelflut vorbei. Diese großstädtische Unbekümmertheit – die Feuerwehr wird schon löschen! – ergötzte ihn bei aller Schwäche; dazu die Schönheit des Wetters, das festliche Gewimmel im letzten, sinkenden Licht, die blaßrötlich angeschienenen, heiteren Gesichter, das Gefühl der ungeheuren Stadt, in der er mittendrin steckte. »Ich hätte gern einen Stuhl«, dachte er; »da ich aber keinen habe, und noch nicht hinauf kann, so ›wimmele‹ ich lieber eine Weile mit. Vielleicht steckt mich diese gesunde, fidele Menschenmasse an. Vielleicht geht etwas Nervenkraft von ihr auf mich über. Schaden könnt' es nicht!«

Er schloß sich dem Zuge an, der auf den großen Steinplatten des breiten Trottoirs nach rechts strömte; so kam er bald zum Opernhaus, das auf dieser Seite an die Ringstraße stieß. Die Gasflammen blinkten hier schon in den verdämmernden Tag hinein. Ein plötzlicher Welt- und Kunsthunger überfiel Ifinger, der solange als eine von zweitausend Nummern im Krankenhaus gelebt hatte. Nur eine halbe Stunde Musik, Gesang, pathetische Armbewegungen, Kronleuchter, elegante Damen! Dann zur »Sache« zurück! – – Er kam ins Opernhaus, an die Kasse (es war wenig Zudrang) und auf seinen Platz im Parkett. Die Vorstellung sollte eben beginnen. Das Orchester stimmte. Geschwind mietete er noch ein Opernglas; einen Zettel hatte er nicht gekauft, auch noch keinen gesehn. »Was liegt daran, was sie singen«, dachte er; »sie sollen mich überraschen ...«

Sie überraschten ihn auch: der Vorhang ging auf, irgendein unterseeisches Zauberschloß ward sichtbar, nach und nach erschienen aus allen Kulissen ganze Kompanien von Krebsen, Hummern, Fischen und allerlei andern phantastischen Meergeschöpfen; sie zogen umher, sie sangen aber nicht; endlich tanzten sie. Es war keine Oper, sondern ein Ballett! – Ifinger schüttelte den Kopf, das hatte er sich anders gedacht. Endlich hielt er ihn in philosophischer Ergebung still. »Auch gut«, dachte er. »Allerliebste Hummern. So ein Ballett ist auch etwas, das ich nicht machen kann. Für 'ne halbe Stunde hab' ich allen Respekt!« – – Es kam noch eine Überraschung; eine größere. Als zweite Solotänzerin erschien eine große Person von auffallend schöner, harmonischer Gestalt; sie trat vorn aus der Kulisse hervor, mit einer übermütigen, burlesken Bewegung ihres linken Beins, die zu der schönen Erscheinung nicht stimmte; ein ebenso übermütiges Lächeln, mit dem sie dann ins Publikum hineinsah, stand ihr aber gut. Um den runden Kopf und auf der kleinen Stirn wirbelte und tanzte gekraustes Gold, sobald sie sich bewegte. Es waren Lina Schellenbergs goldblonde Locken, sie waren so wenig zu verkennen wie das ganze Wesen. Fast hätte Ifinger laut gesagt: »Das ist ja die Lina!«

Sie bemerkte ihn aber offenbar nicht, obwohl er in einer der vordersten Reihen saß. Ihre lustigen »Katzenaugen« sahen nur anfangs geradeaus ins Parkett hinein; dann fiel ihm auf, daß sie mit naivster Dreistigkeit – zu tanzen oder zu agieren hatte sie jetzt nicht – seitwärts in die Höhe schielten und mit jeweiligem Blinzeln, wie wenn es der Ruck im Mechanismus wäre, einen Schuß nach dem andern abfeuerten. Unwillkürlich gingen seine Augen den ihren nach. In einer Loge des ersten Ranges, auf der rechten Seite, saß ein einzelner, wie es schien kleiner Herr; das gelbliche, etwas geisterhafte, leidend bleiche Gesicht verschwand halb in tiefschwarzem Bart. Seine dunklen Augen waren beständig auf die Tänzerin gerichtet; endlich nickte er ihr auch zu, wie es schien. Ifinger betrachtete ihn durch das Opernglas. »Das ist die dritte Überraschung,« dachte er, indem er doch zusammenfuhr: »da sitzt Leo Falk!«

Es war wirklich der Maler, er konnte nicht mehr zweifeln. Falk trug einen schwarzen Samtrock, wie in alten Münchener Zeiten; dennoch sah er feiner, eleganter aus, – obwohl Hermann nicht zu sagen gewußt hätte, wodurch und warum. Vielleicht auch durch seine Blässe, die bei dem tiefen Dunkel des Haars um so stärker wirkte. Es schien die Blässe eines Menschen zu sein, der zu stark lebt, sich zu sehr verbraucht; – »die richtige Großstädterblässe!« dachte Ifinger. Ihm fielen die Worte des Grafen Waldsee bei jenem ersten Gespräch ein, als dieser von Leo erzählte: »Die Ganzgescheiten sagen freilich, er malt sich zu Tode« ... Jetzt bemerkte er erst, daß es ihm an Atem fehlte, so daß die Brust schon zu schmerzen anfing; es schien, seit er Leo ansah, hatte er noch nicht geatmet. Auch lief ihm ein Schauer den Rücken hinab, und die Hände hatten sich zusammengekrampft ... »Das ist noch nichts für mich«, dachte er, während er nach Luft rang. »Zu solchen Aufregungen gehören robustere Leute. Was tu' ich im Opernhaus! Ich will wieder fort!«

Er sah weder den Maler mehr an, noch die Tänzerin, stand etwas zögernd auf – denn die andern Zuschauer zu stören war ihm unangenehm – und suchte mit dem Blick nach dem nächsten Ausgang. Dabei fiel ihm ein Kopf in die Augen, der sich etwas höher befand. Er glaubte ihn zu kennen. Mechanisch hob er das Kinn; jetzt sah er zu seiner Überraschung den Grafen, der in einer der nächsten Logen, nicht weit von den Hoflogen, nach der Bühne gewendet saß. Auf den ersten flüchtigen Blick wirkte er ähnlich wie Falk, mit dem dunklen, fast schwarzen Vollbart und gekrausten Haar; dann entwickelten sich aber doch größere, vornehmere, auch geistreichere Linien. Seine Augen sahen nicht gespannt, fast glühend, wie die des Malers, sondern sehr gleichgültig auf das phantastische Gewimmel; er schien eher gelangweilt zu sein. So viel sah Ifinger in der Eile; dann trat er geschwind aus der Reihe, um nicht länger zu stören. »Also zu Hause hätt' ich ihn doch nicht gefunden«, dachte er im Gehn. »Da sitzt er. Also was fang' ich nun an? Meinem Koffer nachfahren in das Grand Hotel? – Vom Warten und Nichtstun hätt' ich jetzt genug! – Wenn ich wenigstens vom Grafen hörte, wann ich ihn morgen finde; – mir deucht, er war in der Loge allein ...«

Sein Unternehmungsgeist war wieder erwacht (wer weiß: vielleicht durch die Luft des Hauses, vielleicht durch ein dreistes Linafluidum); ohne weiter nachzudenken, ging er links zum ersten Korridor hinauf. Er traf einen der würdevollen Logenschließer und fragte nach dem Grafen Waldsee; sogleich ging der Diener voran und öffnete ihm die fünfte Tür. Ifinger sah sich in einem schmalen Vorzimmer, mit Spiegeln und Plüschsitzen behaglich ausgestattet; an einem zurückgezogenen Vorhang vorbei sah er in die eigentliche Loge, und weiter ins »Haus« hinein. Er stand einen Augenblick und wunderte sich: er hatte nicht gewußt, daß die Logen des kaiserlichen Opernhauses durch solche Vorräume gleichsam zu kleinen Wohnungen ausgeweitet sind. Vorn an der Brüstung saß Waldsee; er wandte den Kopf und erblickte Ifinger. Sofort schien er ihn zu erkennen: denn sein gleichgültiges Gesicht ward lebendig, ja es bekam einen Ausdruck von fast ungläubiger Betroffenheit. Die große Gestalt erhob sich. Er kam in das Vorzimmer. »Wahrhaftig! Sie sind's!« sagte er mit gedämpfter Stimme.

»Guten Abend, Herr Graf!« erwiderte Ifinger noch leiser, beinahe flüsternd. »Ich bitte tausendmal um Entschuldigung. Wollte durchaus nicht stören – –«

Der Graf antwortete sogleich durch eine geringschätzige Gebärde seines linken Arms gegen die Bühne zu. Dann fragte er, den Kopf bewegend, durch einen stummen, höflichen, übrigens sonderbar gespannten Blick.

»Wollen Sie mir nur sagen, Herr Graf, wann ich morgen die Ehre haben könnte, Sie in einer nicht unwichtigen Angelegenheit zu sprechen? Ich hoffte nämlich schon heute – – Da ich Sie aber verfehlt habe – das heißt –«

»Das heißt, ich bin ja hier«, fiel Waldsee ihm lächelnd ins Wort. »Sie verfehlen mich also doch nicht. Bitte –!«

Er lud ihn ein, sich zu setzen.

»Erlauben Sie«, sagte Ifinger fast bestürzt. »Man kann hier doch nicht – – Es handelt sich auch um eine schwierige – sozusagen, delikate – –«

Der Graf riß die Augen auf. Er warf einen raschen, funkelnden Blick auf Ifinger und an ihm hinunter; – sofort hatte er aber seine äußere Ruhe wieder. »Was tut das«, sagte er mit dem bekannten Lächeln, das den andern vordem sooft gestört hatte. »In diesen Kajüten wird allerlei besprochen; ich versichere Sie ...« Er ließ den schweren Vorhang fallen, der das Vorzimmer von der Loge trennte; jetzt sah man nicht mehr in das »Haus«, und die lustige Musik des Orchesters schlug etwas gedämpfter herein. »Wir sind nun ganz unter uns. Ein paar Herren werden noch kommen – aber nicht vor dem zweiten oder dritten Akt. Bitte, sprechen Sie!«

Die kräftige, elegante Gestalt des Grafen, im Frack und in weißer Binde, nahm neben ihm auf dem braunroten Sofa Platz. Ifinger fühlte auf einmal wieder alle seine Nerven. Die krankhafte Schwäche vom »Kärntnerring« ging ihm durch die Glieder. In dieser Umgebung, bei dieser Musik von den zartesten, bedenklichsten, verwickeltsten Verhältnissen sprechen ... »Im Sechsachteltakt«, dachte er, unwillkürlich horchend. »Er wird mich übrigens nicht ausreden lassen; ich komme gar nicht durch ...«

Er starrte auf den Vorhang, durch den die Musik hereinkam; in seiner Aufregung war ihm, als sehe jetzt die kleine Baronin durch den Teppich durch und bitte ihn mit einem flehenden Blick, »sie nicht zu verlassen«. Es war ihm sonderbarerweise auch, als höre er hinter sich, aus der Wand, Millis weiche Stimme; sie flüsterte etwas – – er verstand es nicht; aber es erinnerte ihn, wie im Traum, an ihren Opfermut, ihren Heroismus ... Er drückte die vom Licht gereizten, brennenden Augen zusammen, um sich besser zu fassen. Dann stieß er endlich hervor: »Es handelt sich nämlich um – – um die Baronin handelt es sich.«

»Die Baronin Pillnitz?«

»Ja. – Ich bitte, Herr Graf, denken Sie vorderhand, Sie hätten es mit einem vernünftigen, zurechnungsfähigen Menschen zu tun – wenn's etwa auch nicht so aussieht. – Die Baronin hat mich mit ihrem Vertrauen beehrt ... Sie ist tief gekränkt, daß Sie – – daß Sie annehmen konnten, es stände ihr ein andrer zu nah' – nämlich meine Wenigkeit.«

»Ah! Sie hat Ihnen gesagt –?«

»Ja. Sie hat mir – alles gesagt. Ich kenne Ihre Briefe; den letzten – und die früheren. Ich weiß, daß Ihre Gefühle – – Kurz, ich habe alle Hochachtung und Bewunderung für Ihren Geist, Ihr Herz, Ihr – – Verzeihen Sie, daß ich mir erlaube, Ihnen das zu sagen. Es gehört zur Sache. Denn aus dem ganzen Inhalt und Ton Ihrer Briefe, aus Ihrem ganzen Wesen und Denken –«

Ifinger unterbrach sich selbst; er hörte ein lebhaftes Klatschen und horchte auf, mit den Augen blinzelnd. Der Graf, dessen innere Erregung sich nur in einer eigentümlichen Spannung der Brauen und der Oberlippe wahrnehmen ließ, stand mit einer Art von Lächeln auf – er saß der Loge zunächst – und lüftete den Vorhang, um hinauszusehn. »Das ist ein Applaus für unsre jüngste Prima ballerina«, sagte er ruhig. »Die gefällt jetzt sehr. Mir nicht. Mir ist sie zu – positiv; wie ein Ausrufungszeichen: ›Da bin ich!‹ – Wollen Sie sie sehn?«

»Ich danke«, erwiderte Ifinger trocken. Er war durch dieses Benehmen des Grafen doch etwas verwirrt, nahm aber all seine Kraft zusammen, um es nicht zu zeigen. Bisher hatte er seinen Hut in der Hand gehalten; jetzt stellte er ihn aber neben sich auf den Fußboden. Nachdem er abgewartet, daß Waldsee den Vorhang wieder zufallen ließ, fuhr er in seinem Satz rasch und fließend fort, als handle es sich um etwas Einfaches, Selbstverständliches: »Also aus alledem hatte ich entnommen, daß Sie kein gewöhnlicher Mensch sind – – es hat Ihnen übrigens beliebt, es auch in diesem Augenblick zu zeigen – – und daß die Baronin recht hat, Ihnen sehr zugetan zu sein; denn – sie ist es wirklich. Auch daß – – daß es gegenseitig ist. Sie bilden sich nur leider ein, ich sei Ihnen im Wege. Das ist ja gewiß eine Ehre für mich, die ich zu schätzen weiß; aber es ist ebensowenig wahr, wie daß Wilhelm Tell den Geßler erschossen hat, der wahrscheinlich gar nicht existierte. Die Gefühle der Baronin für mich existieren auch nicht. Ich bin ihr bester Freund, wie ich wohl sagen kann; wenn ich mehr sagen wollte, wär' ich ein Hundsfott. Entschuldigen Sie diesen kräftigen Ausdruck, in einem kaiserlichen Opernhaus. Es würde ja auch genügen, wenn ich sagte: über die Baronin und mich sind Sie ganz im Irrtum!«

Der Graf war nach und nach bleich geworden, während Ifinger sprach; er rieb an seiner Uhrkette; übrigens lehnte er sich zurück und streckte einen Arm auf der Sofalehne aus, um seine Spannung und Bewegung nicht zu zeigen. Das »steinerne Gesicht!« dachte Ifinger, der ihn einigemal flüchtig von der Seite ansah. Nicht gerade lächelnd, aber mit einem leichten Zucken des Schnurrbarts sagte Waldsee dann: »Erlauben Sie ... Sind Sie von München gekommen, Herr Ifinger, um mir das zu sagen?«

»Allerdings, Herr Graf ... Ich verstehe, was Sie dabei denken. ›Du versicherst mir das, mein Lieber‹ – so in Gedanken sagt man gern: »mein Lieber«; ich mache sonst keinen Anspruch darauf, – ›aber du kannst doch nicht verlangen, daß ich es auch glaube. In der Welt wird viel gelogen, am meisten aber in den sogenannten zarten Angelegenheiten; da gehört es beinah' zu den Tugenden. Du hast vielleicht deine guten Gründe, dich jetzt wieder auf die »Freundschaft« zurückzuziehen und sogar zu wünschen, daß der Graf Waldsee jetzt das Leben der kleinen Baronin verschönert. Der traut dir aber nicht‹ ... Nicht wahr, Herr Graf, so denken Sie. Was soll ich dabei machen. Es gibt Leute, die glauben, daß sie von Glas sind; so anmaßend bin ich nicht. Es wär' aber gut, wenn es möglich wäre. Man wünscht sich so oft: könnt' ich jetzt in diesen Menschen hineinsehn; ich hätt' in diesem Augenblick keinen glühenderen Wunsch, als daß Sie in mich hineinsehn könnten – damit Sie begriffen: der ist nicht von München gekommen, um mich zu belügen!«

Ifingers Stimme begann bei diesem Schluß seiner Rede gegen seinen Willen zu zittern; er verzog das Gesicht vor Unmut, denn es war ihm greulich, zu denken, daß er dem Grafen einen theatralischen Eindruck machen könnte. Waldsee schien dergleichen aber nicht zu fühlen; er sah seinen Logengast mit größter Aufmerksamkeit, mit offenbarer Verwunderung an. Diese Art von Menschen schien ihm neu zu sein. Der lange, forschende Blick unter den zusammengedrängten Brauen nahm sich kaum mehr wie Mißtrauen oder Zweifel aus; sondern wie ein beunruhigtes Fragen: nun, und wenn dem so ist, wie kommst du dazu? Was für einer bist du?

Draußen ward wieder geklatscht. Der Graf blieb diesmal sitzen; er machte nur eine Bewegung mit dem Kopf nach der Bühne zu: »jetzt ärgert sich die Junge«, murmelte er mit einem leichten Lächeln; »vorhin tat's die Alte. – – Verzeihen Sie, Herr Ifinger. Ich bin nicht sehr gutgläubig, darin haben Sie recht ... Ich gesteh' Ihnen aber offen, ich habe die größte Lust, Ihnen alles zu glauben, was Sie mir da sagen. Ich will weitergehn. Ich will Ihnen bekennen: wenn ich nicht mehr zweifeln könnte – wenn ich die Gewißheit hätte – ich wär' ein glücklicher Mensch. Ich bin diese ganze Zeit – – ich habe – – Ich will Ihnen sagen ...«

»Nein, das kann ich noch nicht«, sagte er abbrechend und stand auf. Sein Kopf und seine Augen gingen hin und her, er sah Ifinger nicht mehr an. Die aristokratische Ruhe hatte ihn verlassen. Als wolle er sie wiedergewinnen, lehnte er sich gegenüber an die Wand, gegen einen Spiegel, und drückte seinen Nacken, das dichte, wellige Haar gegen die Tapete zurück.

»Sie kommen der Gasflamme zu nah, Herr Graf«, sagte Ifinger.

»Ich danke Ihnen ...«

Waldsee rückte mehr nach rechts.

»Ich will noch ein übriges tun, Herr Graf«, fing Ifinger nach einem letzten Zögern wieder an, indem er sich mit dem Taschentuch über die Schläfen fuhr; »ich will mich vor Ihnen lächerlich machen – – vielleicht leuchtet Ihnen dann die Wahrheit doch ein ... Ich hab' eine große Dummheit gemacht – mich in die Baronin verliebt. Unerwidert. Sie weiß es nicht. Ich hab' es selbst nicht gewußt – bis ich von der Baronin hörte, daß sie hatte sterben wollen, weil sie von Ihnen gekränkt – – nun, weil Sie mir die unverdiente Ehre erwiesen haben, mich für glücklich zu halten. Darauf habe ich Sie gehaßt –«

Der Graf hörte nicht mehr. »Sie hat sterben wollen?« flüsterte er, mit vorgebeugtem, ganz verstörtem Gesicht.

»Ja, verhungern – wie Semper – – durchgeführt hat sie's nicht. Ich hoffe, so viel Konsequenz verlangen Sie auch nicht. Darauf hab' ich Sie also gehaßt – ja, Herr Graf, gehaßt – und von ganzem Herzen. Ich hab' aber, auf Donna Claras Verlangen, Ihre Briefe gelesen ... Und dann hab' ich gedacht: etwas muß geschehn; und alle zugleich können nicht glücklich sein, das ist gegen die Lehrsätze der Arithmetik; dieser Donna Clara, die den andern lieber hat, muß ihr bester Freund also helfen! – Ich bin hergefahren. Ich bin krank geworden. Ich hab' hier im Spital gelegen, so und so viel Wochen. Jetzt bin ich wieder ziemlich gesund – und sitz' Ihnen gegenüber, während die Herrschaften tanzen, und mache meiner Eitelkeit den Spaß, Ihnen die ganze komische Geschichte zu erzählen ... Wenn das auch nicht hilft, nun, dann kann ich nicht helfen. Wenn Sie das nicht einsehn: ›ein Mann, der mich haßte‹ – der aus Kummer krank wurde – der kommt angereist, um seine Eingeweide vor mir zu sezieren, und mir ins Herz zu reden, auf die Gefahr, daß ich keins mehr habe; so ein Mann wird doch wohl nicht falsch – – wird doch nicht – –«

Seine Beredsamkeit ließ ihn jetzt im Stich. Er hatte den noch verpfuschten Nerven zu viel zugemutet. Das eine Zeitlang überhetzte Herz schlug nun schwach und schläfrig; die Zunge und die Logik wollten nicht mehr weiter. »Vor diesem Nebel,« dachte er, »seh' ich keinen Grafen mehr ...« Er machte eine unklare, unvernünftige Anstrengung, aufzustehn. Dabei taumelte er aber in Waldsees Arme, der ihn so plötzlich erlöschen sah und erschrocken zusprang. »Doktor!« rief Waldsee aus. »Doktor Ifinger!« – Es war ein voller, warmer Herzenston, der wie ein weicher Schauer an Ifinger hinunterlief. Er seufzte in seiner Schwäche vor Freude auf; er schloß eine Weile die Augen und überließ sich gern diesen beiden Armen, die ihn so kräftig hielten. Ihm war, als wäre eine große Last von ihm genommen; – alles andre tut nichts – das wird sich nun finden ...

Als er mit einiger Geduld wieder zu sich kam, sah er den Grafen neben sich auf dem Sofa, etwas vorgebeugt, sich selbst an dessen Schulter gelehnt. Waldsees Gesicht sah nun endlich aus wie seine Briefe; offen, weich und innig, mit tiefem, alles verstehendem Blick, und zugleich verklärt. Er sah jetzt schön aus; schön und liebenswert ... Seine weiße Kravatte war durch Ifinger ganz verschoben und verdrückt. »Doktor!« sagte er. »Ich danke Ihnen. Sie geben mir das Leben wieder. Ja, bei Gott, so ist es. Ich hab' auch gelitten ... Aber Sie, Sie. Was sind Sie denn für ein Mensch?«

Ifinger zuckte die Achseln, mit noch etwas starrem Lächeln. »Nun, eben was Sie sagen: ein Mensch!«

»Aber was für einer ... Damals verstand ich Sie in der Eifersucht nicht, jetzt in der – Liebe nicht. Lehnen Sie sich nur an; ich bitte. Sie sind noch etwas schwach ... Was Sie da alles in sich durcheinander mischen: Naturforscher, Mystiker, Moralist, Ästhetiker, eine Art Poet –«

»Sagen Sie kürzer: ein Deutscher!« murmelte Ifinger.

»Auch das; meinetwegen ... Einer von den guten ... Nun will ich Ihnen auch etwas erzählen, Doktor Ifinger: diesen Abend fahr' ich noch nach München ... Eine Frau, für die ein solcher Mensch wie Sie so was unternimmt – wenn ich an die nicht glaube – wenn die nicht meine Frau wird – dann bin ich der ›Hundsfott‹, von dem Sie vorhin sprachen. Sie sagen, sie ist mir gut ... Ich hab' hier ein unsinniges Leben geführt diese ganze Zeit ... Ohne diese Frau kann ich ja nicht leben ... Es ist eigentlich infam, nicht wahr, daß ich Ihnen das sage: ich trete Ihnen aufs Herz. Aber Ihr Gesicht, Ihre Augen –«

»Treten Sie nur zu«, sagte Ifinger, mit seinem kurzen, hastigen Nicken. »Genieren Sie sich nicht!«

Der Graf sah auf seine Uhr, stand auf; »es gibt noch einen Zug,« sagte er in fiebernder Unruhe; »ich kann ihn noch erreichen. Ich muß mich aber umkleiden; Sie entschuldigen mich, wenn ich Sie verlasse ... Ich telegraphiere Ihnen aus München, sobald – – Wohin telegraphier' ich Ihnen?«

»Nach Klosterneuburg, beim Maler Erhart –!«

»Ah! Nach Klosterneuburg, bei dem großen Maler Erhart! – Dahin komm' ich dann später selbst und berichte Ihnen ... Bleiben Sie noch hier?«

»O nein«, sagte Ifinger und schüttelte den Kopf. »Nur ein paar Minuten lassen Sie mich noch sitzen, daß ich mich ganz erhole. Das tu' ich allein; bitte, kümmern Sie sich nicht um mich. Fahren Sie nach München; die Frau – – die Frau schleppt's schon lange.«

»Ja, ich gehe. Adieu!« – – Er nahm seinen Überrock und seinen Hut. – »Doktor! Ich werd' ihr sagen, daß Sie – daß Sie mein Freund werden müssen. Ich hoff' es – trotz alledem!«

»Meinen Sie wirklich, ich wär's nicht schon! Wär' ich sonst gekommen?«

Er stand auf. Der Graf sah ihn noch einmal an, mit gerührtem Lächeln; er wollte etwas sagen, dann riß er aber die Uhr heraus, warf einen Blick auf sie, und hielt sie dem Doktor vors Auge, wie um auszudrücken: allerhöchste Zeit! – Mit einer raschen Bewegung voll Anmut, legte er einen Arm um Ifinger, auf einen Augenblick; dann drückte er sich den Hut auf den Kopf und war aus der Tür.

Die Musik war zuletzt lauter geworden, sie hörte nun mit einer Art von Fanfare auf. Es rauschte etwas herab, zugleich erhob sich, erst oben, dann auch unten und rückwärts, ein etwas handwerksmäßiges, hartes, zuletzt, wie es sich ausnahm, allgemeines Klatschen. Unwillkürlich bewegte sich Ifinger, lüftete den Teppich und trat in die Loge an die Brüstung vor. Seine Augen sahen wieder klar, ohne jeden Nebel. Zwischen der Rampe und dem heruntergelassenen Vorhang erschien die »Koryphäe« (früher Korrüfee) Lina Schellenberg, erhitzt, nicht so schön, mit etwas geziertem Lächeln, und verneigte sich mehrmals, den Kopf hin und her biegend, vor dem Publikum.

Von drüben kam dann ein neues, vereinzeltes, aber laut schallendes Klatschen, dem sich die Claque aus der Höhe anschloß. Die Koryphäe warf einen ihrer »positiven« Blicke zu diesem großmütigen Verehrer ihrer Kunst hinüber, und dankte durch eine kurze, drollig ernsthafte Gebärde. Hermann Ifinger folgte ihrem Blick. Es war Leo Falk, der in seiner Loge zurückgelehnt unablässig klatschte, bis Lina verschwunden war.

Ifinger wandte sich ab und ging.

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