Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Adolf Wilbrandt >

Hermann Ifinger

Adolf Wilbrandt: Hermann Ifinger - Kapitel 32
Quellenangabe
authorAdolf Wilbrandt
titleHermann Ifinger
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170608
projectid8ddab11e
Schließen

Navigation:

VI

So wie er begonnen hatte, ging dieser Winter hin: Hermann Ifinger war Vater, arbeitete, hielt sich zu allerlei Menschen, ohne sie zu lieben, erholte sich von ihnen bei Donna Clara; nur der französische Unterricht war hinzugekommen, den er ganz in der Stille, aber mit seiner zähen Festigkeit weiterführte. Graf Waldsee, nachdem er das von ihm bewunderte Erhartsche Bild kopiert (es war jene Meerlandschaft), hatte München verlassen, um nach dem Westen zu gehn; Ifinger hatte ihn nicht ungern verloren, das Mißgefühl des ersten Abends war, wie es so oft geschieht, gleichwie ein anhaftender Duft weiter mitgegangen; doch hatten sie sich freilich nur noch in größerer Gesellschaft gesehn. Als Waldsee gegen Ende des Winters zurückkam, blieb er wenige Tage; Hermann erfuhr es nur, er lebte damals ganz in seine Arbeiten vertieft, auch leichte Erkrankungen der Kinder hielten ihn zu Hause. Seine Sehnsucht, die Baronin wiederzusehn, bekam aber einen neuen Anstoß, als er von Christel hörte, der Graf sei wieder nach Wien abgereist ... Bis zum Abend des nächsten Tages blieb er noch in seiner »engen Zelle«: er hatte sich – wie er das zuweilen tat – gelobt, die Poesie seines Lebens nicht eher wiederzusehn, als bis er in der Prosa seiner Untersuchungen ein bestimmtes Stück Feld umgeackert hätte. Wie ein Schüler am Sonntag zog er endlich aus – es war gegen sieben Uhr, das letzte Tageslicht im Vergehn – und wandelte seinen geliebten Weg durch die Propyläen, durch die Arcisstraße, um die kleine Fee »aus dem Zitronenlanderl« zu besuchen. Diesmal traf er sie auch allein; er erstaunte nur, sie an einem kleinen Tisch mitten im Zimmer zu sehn, der für sie gedeckt war, und an dem Friedrich, der Diener, sie bediente. Eine Kotelette und eine kleine Flasche Wein standen auf dem Tisch. Sie bat um Entschuldigung, daß er sie bei einer so »niedrigen« Beschäftigung finde; in hastiger, nervöser Heiterkeit ersuchte sie ihn, ein paar Minuten zu warten, bis sie wieder »Mensch« sei. Darauf aß sie weiter. Eine gewisse flackernde Glut lag auf ihren Wangen, die aber nur von dem griechischen Wein herzurühren schien; denn sie war auffallend bleich oder »alabastern«, die Augen schienen größer als sonst, weil sie tiefer lagen, an den Schläfen zogen sich bläuliche Schatten hin. Der Diener blieb stehn, schenkte wieder ein; er wartete, bis sie ihm schweigend ein Zeichen gab, alles abzuräumen. Sie hatte aber trotz des Eifers, mit dem sie Messer und Gabel geführt hatte, doch nicht viel über die Hälfte von der Kotelette gegessen. Die kleine Flasche war leer. Sie stand auf, als der Diener verschwand, und ging durch das Zimmer hin. Eine Unruhe, oder auch eine Ungewißheit, schien sie hin und her zu treiben; sie schien noch nicht zu wissen, was sie sagen wollte. Auf Ifinger warf sie nur mehrmals einen stummen Blick. Zuletzt blieb sie bei ihrem »Garten« stehn – es war in diesem Monat eine schöne Gruppe von blühenden Kamelien und von Azaleen – und ließ sich auf einen Stuhl sinken, wo das tiefgrüne Laub ihr Gesicht halb verdeckte.

»Liebe Donna Clara!« sagte Ifinger. »Darf ich etwas fragen?«

»Das durften Sie ja immer«, antwortete sie und lächelte ihn an. Ihm gefiel aber das Lächeln nicht, übrigens sah er nicht viel davon.

»Nämlich – um wie der Maler ›Nämlich‹ anzufangen – Ihr Aussehn gefällt mir nicht. Sie sind doch nicht krank?«

»O nein!«

»Um diese Stunde essen Sie nie. Es ist ein Viertel nach sieben. Sie dinieren ja erst um fünf. Warum findet man Sie denn jetzt bei einer Kotelette?«

»Weil ich nicht diniert habe.«

»Und warum das nicht?«

»Warum? Weil ich nicht wollte.« – Sie beugte sich unter dem Laubdach vor, so daß sich das ganze liebliche Oval ihres bleichen Gesichts in den gelblichen Lampenschimmer tauchte. – »So könnten wir noch lange fragen und antworten«, fuhr sie fort. »Ich will's Ihnen sagen. Seit zwei Tagen ist dies das erste, das ich esse. Ich wollte nicht mehr essen. Ich wollte es ebenso tun wie der Architekt, der Semper, von dem Sie mir damals erzählten – oder der andre – ich weiß nicht. Mein Kopf ist so dumm. Aber sehr leider hab' ich es wirklich ebenso gemacht wie er: nach zwei Tage war's aus. Nicht weil ein Minister – – bei mir ist der wilde Hunger gekommen; sagen Sie, die Feigheit. Da hab' ich geklingelt und an ihn gesagt: bringen Sie mir etwas Warmes zu essen!«

»Beste Donna Clara – ich verstehe nicht. Warum haben Sie das gewollt?«

Sie lächelte fein, doch mit unheimlich starrem Blick: »Sehn Sie – ›warum, warum!‹ Jetzt sind Sie wie jene Königin, von der Sie mir einmal sagten; Sie wollen das Warum der Warums wissen! – Ich will's Ihnen abkürzen, erleichtern; hören Sie nur zu. Mein Mann und ich, wir leben schon lange wie in zwei verschiedene ›Welten‹; doch das wissen Sie. Ich hab' aber kein Nonnenherz. Ich hab' gehungert nach Liebe. Ich hab' mich verliebt. In diesen Grafen Waldsee hab' ich mich verliebt ...«

»Was ist –?« fragte sie und stand unruhig auf, da Ifingers Gesicht sie erschreckte. »Ist Ihnen das so entsetzlich? Finden Sie das so schlimm?«

Er starrte sie an und schüttelte nur den Kopf. Wie davon angesteckt, begann seine ganze, auf einmal fröstelnde Gestalt sich zu schütteln. Ihm schien, all sein Blut liege wie eine Kugel um sein Herz herum und hindere es, zu schlagen. Das machte ihm einen Schmerz; natürlich ... Dennoch konnte er denken; aber nur viel zu viel. Wie die Feuerfunken aus einem Dampfwagen auf nächtlicher Fahrt am Fenster vorüberzucken, jagten seine Gedanken vorbei, auch in ganzen Haufen. Aber einige faßte er, denn sie kamen wieder: »Sie hat sich in diesen Grafen verliebt ... Ich hasse diesen Grafen ... Ich liebe sie ... Ich bin verrückt ... Ich darf's ihr nicht zeigen ...«

Ihre letzten Worte schliefen noch in ihm; erst nach einer Weile schlugen sie wie ferne Glocken in seinem Bewußtsein an: »Finden Sie das so schlimm?« Er hatte vorher nur gehört: »Ist Ihnen das so entsetzlich?« und den Kopf geschüttelt. Der Unglückliche nahm alle Kraft zusammen; »wundere dich über nichts!« dachte er; – »auch nicht über dich: das kommt öfter vor, daß zwei eine lieben ...« Er sah auf den Boden, als sinne er so besser nach; denn in ihre Augen vermochte er doch nicht mehr zu blicken; auch seine Züge wagte er ihr nicht zu zeigen. Endlich nickte er vor sich hin, als überrasche es ihn nun nicht mehr: »Also dieser Graf!« sagte er, das erste Zittern der Stimme glücklich überwindend. »Ich hab's nicht gedacht; darum war ich so – – darum machte ich ein so dummes Gesicht. Nehmen Sie's nicht übel. Irgendeiner mußte es sein – kommen mußte es – Sie haben kein Nonnenherz, wie Sie sehr richtig bemerken ... Entschuldigen Sie aber, dann begreife ich nur nicht: warum dieser Wahnsinn – verzeihen Sie – mit dem Nichtmehressen!«

»Sie wissen ja noch nicht ... Lieber, lieber Freund!« – – Sie kam langsam zu ihm und legte ihm eine ihrer kleinen, schwachen Hände wie hilfesuchend auf die Schulter; der gefiel das nicht, einen Augenblick bebte sie; aber sie hielt dann still. – »Haben Sie ein wenig Mitleid mit mir, Sie, mein einziger Freund; und hören Sie, wie es steht! Eh' er das erstemal abreiste – Waldsee, wissen Sie – da hat er an mich seine Liebe erklärt; hier auf dieser Stelle. Ich hatte ihn schon gern – sehn Sie, ich bin ganz aufrichtig – aber ich wollte es nicht, ich zeigte es ihm auch nicht, ich wies seine Liebe zurück, und sprach an ihn wie eine Schwester, oder eine Mutter. Darauf hat er ein Wort von Ihnen gesagt, ich weiß nicht mehr, wie es kam; ich hab' ihm aber geantwortet: der ist nur mein Freund, weiter nichts! – Und er ist abgereist. Aber aus Frankreich und aus Spanien hat er mir geschrieben; gute, schöne Briefe ... Und ich liebte ihn immer mehr. Von seine ehrenhafte Gesinnung konnt' ich nicht mehr zweifeln ... Endlich kommt er wieder und – – plötzlich, nach zwei Tagen, reist er wieder ab. Ohne ein Wort. Nur ein Brief läßt er an mich zurück ... Eccola!«

Mit einer heftigen, zitternden Bewegung griff sie in den Busen und zog ein Briefchen hervor, das sie stark zerknittert oder zerlesen hatte. Sie drückte es ihm schweigend in die Hand; ihre Wangen glühten. Ifinger nahm es ebenso stumm und las:

»Zuweilen, verehrte Freundin, ist ein schriftlicher Abschied besser als ein mündlicher, so in meinem Fall. Indem ich nach Wien zurückgehe, das ich wohl besser gar nicht verlassen hätte, halte ich es für eine Art von Pflicht, Ihnen folgendes mitzuteilen, das Sie vermutlich auch überraschen wird; mich hat es sehr überrascht. Ihr Herr Gemahl, der schon, als ich seine Meerlandschaft kopierte, sich so sehr an mich anschloß, hat mich jetzt, als ich von der Reise wiederkam, mit einem Vertrauen beehrt, das mich ganz verblüffte. Er hat mir in seiner Galerie auseinandergesetzt, daß das eingetreten sei, was er schon lange geahnt habe, – wie denn seine Ahnungen noch nie getäuscht hätten: Sie und dieser Herr Ifinger hätten sich ernsthaft liebgewonnen. Er erbittere sich darüber nicht. Er habe es geahnt. Er sei, Gott sei Dank, frei von Eifersucht. Er fühle auch sehr gut – schon seit längerer Zeit – daß er nicht recht dazu angelegt sei, eine Frau zu beglücken und durch sie glücklich zu werden. Er schätze Herrn Ifinger hoch. Und obgleich sein aristokratisches ›Vorurteil‹ sich dagegen sträube, daß ein Bürgerlicher – – Kurz, um nicht seinen ganzen Vortrag zu wiederholen: der Baron hätte offenbar nichts dagegen, wenn Sie sich freundschaftlich von ihm und der Galerie trennten, um Frau Ifinger zu werden. Daß ich Ihnen diese frohe Botschaft mitteile, zeigt Ihnen hoffentlich, wieviel Talent ich zum ›Heiligen‹ habe. Ich werfe Ihnen nicht einmal vor, daß Sie mich getäuscht haben, als Sie mir damals sagten: ›der ist nur mein Freund, weiter nichts!‹ Ich ziehe mich geräuschlos zurück. In einem Punkt steh' ich dem Baron nicht nach: ›geahnt‹ hab' ich es auch. Allerdings, im Punkt der ›Eifersucht‹ komm' ich ihm nicht gleich. Ich hoffe, auch darin erreich' ich ihn mit der Zeit. Leben Sie denn – für immer – wohl!«

»Haben Sie das gelesen?« fragte Donna Clara endlich, da Ifinger noch immer schwieg. Sie betrachtete ihn erstaunt, sie konnte sein Gesicht nicht verstehn; sie fand da nur ein wunderliches, bitteres, rätselhaftes Lächeln. »Was sagen Sie, lieber Freund?« fragte ihre weiche, klagende Stimme von neuem.

Ifinger lachte auf; es klang aber tonlos, heiser; seine Schultern zuckten. »Was ich dazu sage?« stieß er endlich hervor. »Nun – daß ein wilder Humor darin ist. Dieser Baron, den ›seine Ahnungen noch nie getäuscht haben‹ ... Das ist ausgezeichnet! – – Sie haben dem Grafen Waldsee hoffentlich geantwortet: ›mein Mann und Sie, ihr seid beide verrückt. Verrückt‹. Sie haben ihm doch auseinandergesetzt, daß ich im höchsten Grade ungefährlich bin –«

»Ich ihm darauf noch antworten?« fiel sie ihm ins Wort, und die kleine Gestalt richtete sich auf. »Ihm noch einmal beteuern, daß Sie nur mein Freund sind – nachdem er mir hier geschrieben hat: Sie haben mich belogen!? Wenn er an mich nicht glaubt, wozu red' ich dann?« – Sie begann zu zittern; nicht aus Schwäche, nur aus Empörung. » Ay, dios mio!« rief sie plötzlich auf spanisch aus. »Mich ihm an den Hals werfen? wenn er so über mich denkt? No, no, no. Lieber sterben!«

Er sah sie fast erschrocken an: in ihren Augen brannte etwas, das er noch nie darin gesehen hatte: sie kam ihm in diesem Augenblick als die echteste Spanierin vor. »Sterben«, wiederholte er unwillkürlich. »Jetzt versteh' ich erst. Um das da« – er hielt den Brief in die Höhe – »haben Sie sterben wollen –«

»Ja,« unterbrach sie ihn; »ja, ich hab's gewollt. Um das da – und um alles. Wozu leb' ich denn? Ich bin ja wie im Grab! – Endlich kommt so ein Gefühl, daß ich wieder lebe – ein Mann, der – – Was tut dieser Mann? Er glaubt an den Baron, nicht an mich. Er kommt nicht einmal und fragt: wie ist es? Er schreibt an mich diesen beleidigenden, verächtlichen Brief und reist ab ... Da hab' ich hier gestanden und – – und fühlte mich so verlassen, so beschimpft, so zwecklos; mochte nicht mehr leben. Und ich dachte an Semper, und wollte nicht mehr essen. Zwei Tage hab' ich's auch gekonnt. Ich machte es so heimlich, ich glaube, niemand hat's gemerkt. Dann ward ich aber so schwach, so elend – und es tat so weh. Da hab' ich gegessen!«

»Gott sei Dank!« murmelte er, bei diesen weichen Lauten ihrer unschuldigen Stimme vom Mitleid überwältigt. »Wie können Sie sterben wollen ... Verfallen Sie nie mehr auf solchen Wahnsinn; schwören Sie mir das! – – Ich weiß alles, was sie sagte,« dachte er dann in seinem fiebernden Hirn; »verstanden hab' ich alles ... Sie ist auch nicht glücklich ... Wie komm' ich nur zu dieser Liebe – ich – mit all diesen Scheußlichkeiten, mit Eifersucht, Neid und Haß! Ist das diese brüderliches ›ideale‹ Freundschaft? Sollten nicht die Leute nach tausend Jahren davon reden? – So dumm werden sie wohl nicht sein. Da war so ein Ifinger, sagen sie vielleicht, ein vergeckter Hausnarr, der aus den Wolken fiel und so recht in den Sumpf hinein ... Ach! wie ist mir zumut!«

Die Baronin war unterdessen durchs Zimmer gegangen; sie kam langsam zurück und blieb jetzt mit niederhängenden Schultern, schmal und welk, vor ihm stehn. »Lieber Freund,« sagte sie, fast ein wenig lächelnd, – »schwören kann ich es nicht. Aber –«

»Was können Sie nicht schwören?« fragte er, in seiner armen Seele ganz verwirrt.

»Nun, was Sie eben sagten: daß ich nie wieder versuchen will – – Aber es wird Sie begnügen, zu hören, daß ich jetzt nicht mehr an solchen ›Wahnsinn‹ denke ... Stehn Sie mir nur bei! verlassen Sie mich nicht! – Oder verachten Sie mich, weil ich mich so verlieben konnte? Denken Sie auch wie er –«

»Nein, nein,« sagte er hastig, seinen zugeknöpften Rock aufreißend. »Verwechseln Sie mich nicht mit – dem andern: ich bin ja Ihr Freund! – Werd' Ihnen auch beistehn, natürlich; und Sie nicht verlassen. Nur in diesem Augenblick – – ich hör' Ihren Mann. Er kommt von der Galerie herauf; mit Prahm – und mit Kircher. Ja, das sind ihre Stimmen. Die alle kann ich jetzt nicht sehn ... Essen Sie, stärken Sie sich. Es geht ja nicht bloß Ihnen schlecht; glauben Sie das nicht. Essen Sie ein Beefsteak ... Adieu!«

Er griff geschwind noch nach ihrer Hand, faßte aber ihr Handgelenk; er schüttelte es heftig. Dann lächelte er ihr zu, nickte und stürzte aus der Tür.

 << Kapitel 31  Kapitel 33 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.