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Hermann Ifinger

Adolf Wilbrandt: Hermann Ifinger - Kapitel 27
Quellenangabe
authorAdolf Wilbrandt
titleHermann Ifinger
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170608
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XI

Einige Tage waren vergangen, ebenso schwül wie dieser, von innen und von außen. Am Himmel ballten sich jeden Nachmittag grollende Gewitter, steigerten den Druck der sommerlichen Hitze, zogen langweilig herum, bis sie endlich fast schwarze Finsternis machten und mit Regen, Hagel oder »Graupeln« herunterprasselten; in der Nacht stellte sich dann aber die schwüle Spannung wieder her. Im Hause kam es weder zu Gewittern, noch zu befreiender Entladung; es schlich nur ein dumpfer, brütender Druck durch Ifingers Wohnung hin, der vor allem auf Millis Brust schwebend lastete; sie hatte aber nicht den richtigen erlösenden Gedanken, oder nicht den Mut, sich und ihrem Gatten das Herz zu öffnen und den verlorenen Frieden wieder zu berufen. Am dritten oder vierten Abend saß sie in ihrem »Schmollwinkel« am Fenster, allein; sie hatte es wieder geöffnet, nachdem ein plötzlicher Wind es zugeworfen hatte; danach war von neuem völlige, schwüle Stille gekommen. Schwärzliche Wolken zogen langsam über die Häuser herauf, als verstehe sich das jeden Abend von selbst; zuweilen stieg ein gelber Wetterschein auf und flog über den Himmel. Milli betrachtete jeden und wartete auf den nächsten, um sich zu zerstreuen; es half ihr aber nicht, eine gegenstandlose, zähe Bangigkeit lag ihr auf der Seele, die ihr zuweilen den Atem nahm, die ihr Kopfweh machte ... Sie hatte sich auch mit Kopfweh entschuldigt, Hermann war allein hinübergegangen; man saß offenbar in den Zimmern der Baronin, bei dem rötlich verhängten Licht. Hinter sich, durch die offene Tür, hörte sie aus dem zweiten, dem Kinderzimmer, leisen Gesang; Christel sang an Gretes Bettchen, die Kleine war wohl noch einmal erwacht. Milli bog den Kopf und horchte. Die sanfte, etwas tiefe Stimme der Christel ward aber allmählich stiller und stiller und schlief endlich, sozusagen, ein ...

»Wovor fürcht' ich mich denn?« dachte Milli und seufzte wieder nach Luft. »Vor dieser Baronin da drüben, daß sie mir Hermann ganz und gar entfremdet? Oder vor Hermann, der mich seit dem Kuß zuweilen so seltsam unheimlich anschaut – daß er einmal wirklich errät, was geschehen ist? Oder gar vor Leo Falk, daß er mir noch einmal –?« – Sie schüttelte den Kopf. Ihr schien, das alles sei's nicht. Sie fürchtete sich selbst, fürchtete eine schmerzhafte, ermattende Verzweiflung, die sich in ihr regte ... Wie ein großer, langsamer Wurm kroch es ihr ans Herz: die Furcht vor den Kämpfen, die Feigheit, die Sehnsucht, daß alles aus sein möchte – alles, alles aus. Es überfiel sie auf einmal ein banges, ahnendes Erkennen, daß sie wohl zu den Menschen gehöre, die nur einen Zustand ertragen, nicht ein Durcheinander von vielen, denen das Leben über den Kopf wächst, wenn es kommt und sagt: »ich bin, was du aus mir machst, nimm mich, führe mich!« – Ach, es ging noch gut, solange sie nichts als die Arbeitsbiene war, die in heimlicher Buße sich rastlos abmühte, auch noch als sie in das Gegenteil, in den süßen Halbschlaf träumerischen Nichtstuns versank; aber seit der Verstimmung mit Hermann, seit dem unglückseligen Kuß waren Ruh' und Frieden entflohn. Sie schwamm noch in der trägen Stille so weiter – wie sie von Kindern gelesen hatte, die auf den Riesenblättern der Victoria regia schlaftrunken dahinschwimmen – aber die Sorge, der Kampf saßen auf dem Blattrand und er bog sich, der Tiefe zu ... »Lieber ganz Zigeunerin oder ganz Nonne«, dachte sie geängstigt, »ganz Sünderin oder ganz Büßerin; nur nicht in einem verwickelten Zustand sich so Tag für Tag ein künstliches Gleichgewicht erhalten, zwischen Wollen und Sollen, Fürchten und Hoffen, Wünschen und Verzichten: das ist ja, als müßte man auf den Zehen durch das Leben gehn – oder auf dem Seil! Die großen und starken Menschen mögen das gut können; wir kleinen und schwachen nicht. Seine Rolle spielen – heucheln – sich verstellen ... Ach, wie schlecht kann ich heucheln: bei diesem schrecklichen Kuß hab' ich's ja gezeigt!«

Das Gewitter zog langsam heran, es hatte eine Weile dumpf gegrollt und donnerte nun stark; am Himmel war lauter Nacht. In einem Garten jenseits der Straße, zwischen den nächsten Häusern, fuhr dennoch eine Amsel unermüdlich fort zu schlagen und zu flöten; weder die blendenden Blitze störten sie, noch die rollenden Donner; es war fast ergreifend zu hören. Auch erstaunte Milli, daß der Vogel noch so spät im Sommer und so feurig sang ... Sie lauschte, bis ihr die Augen feucht wurden; eine unaussprechliche Sehnsucht nach Liebe und Zärtlichkeit zog ihr durch die Brust. Sie fühlte sich so allein, allein ... Ach, wenn sie doch diese Tage nicht immer gewartet und geschwiegen, wenn sie sich dem Mann, dem ihr Herz ja so gut war, einmal an die Brust geworfen hätte, ohne viel zu fragen! – – Aber wenn er sie dann plötzlich fragte: was ist zwischen Leo und dir? – Auch schwellte ihr wieder eine wilde, trotzige Bitterkeit das Herz: wenn die andere ihm lieber ist, soll ich bei ihm betteln?

»O wär' nur alles aus! wär' nur alles aus!« wiederholte sie in neuem, seelenmattem Verzagen vor sich hin.

Ein Windstoß fuhr auf einmal durchs Haus, von den Hofzimmern her: er warf die offene Tür, die dorthin führte, mit so heftigem Knallen zu, daß Milli zusammenfuhr. Gleich darauf flammte ein Blitz, dem ein rasches Geknatter folgte; nun begann auch der Regen, ein richtiger, mächtiger Gewitterregen, durch die Nacht zu rauschen. Immer sang noch die Amsel, das Laubdach schien sie noch zu schützen; plötzlich verstummte sie. Es war jetzt, als sei die ganze Erde still und stumm geworden; nur vom Himmel kam Bewegung und Geräusch herab. Der jungen Frau lief ein sonderbarer Schauer über die Haut; es war nicht Andacht, es war auch nicht Furcht, aber irgendein unbestimmtes, feierlich banges Gefühl des Erdenkindes, das sich in einer von oben kommenden, unsichtbaren Hand fühlt ...

Sie fuhr wieder zusammen: es klopfte. Mechanisch, halblaut sagte sie »Herein«, ohne es zu wollen. Leo Falk trat in die Tür, die links zum »Salone« führte; ein neuer gelber Schein beleuchtete sein Gesicht. »Guten Abend, Milli!« sagte sein ruhiger Baß.

Sie schnellte vom Stuhl empor. »Wo – – wie kommen Sie her?« fragte sie ganz verwirrt. »Hat die Christel Sie nicht gesehn?«

»Gewiß hat sie mich gesehn«, antwortete er; »ich hab' ihr aber gesagt: ich als alter Freund – – Warum sind Sie denn im Dunkeln, Milli?«

»Im Dunkeln? – Ja, ja. Ich weiß schon! Christel hat die Lampe gebracht; ich hab' sie aber später wieder ausgelöscht. Ich sah lieber das Wetterleuchten ... Jetzt zünd' ich sie wieder an!«

Sie ging zu dem Sofatisch, suchte ein Zündholzschächtelchen und machte Licht. Während sie das tat, sagte Leo: »Mit dem Regen hab' ich Glück gehabt; grad' als er losbrach, kam ich an Ihr Haus. Mir fielen nur noch die ersten großen Tropfen auf den Hut und die Schultern; ich dachte: es hagelt!«

»Ja, ja«, sagte Milli. »Es wird – – es wird Hermann sehr leid tun: er ist drüben bei Pillnitz.«

»Das tut nichts«, erwiderte Leo, unbefangen lächelnd. »Mir ist's recht: ich wollte Sie gern doch noch einmal sprechen ...«

»Noch einmal?« fragte sie verwundert. »Was heißt das?«

Er schwieg.

»Bitte – nehmen Sie Platz!« sagte sie zögernd, beklommen. Sie deutete auf das Sofa, und setzte sich in den Schaukelstuhl. »Sind Sie denn nicht naß geworden?« fragte sie dann erstaunt und betrachtete ihn mit großen, aufgerissenen Augen.

»Ich sagte Ihnen ja schon: ich kam mit den ersten Tropfen an Ihr Haus.«

»Das hab' ich nicht gehört!«

»Nun, das ist ja auch gleichgültig«, sagte Leo und begann mit einer Hand etwas unruhig in seinem rabenschwarzen Bart zu wühlen. »Was ich Ihnen also gern noch sagen wollte, Milli: das Bild von Ihnen, das ich – damals anfing, hab' ich später fertig gemalt; nach Photographien. Jetzt, da wir wieder gut miteinander sind – – wollen Sie es haben?«

Sie schüttelte hastig den Kopf. »Nein«, flüsterte sie. »Wie können Sie nur denken ...« Mit etwas mehr Stimme setzte sie hinzu: »Ich will es nicht sehn; haben nun schon gar nicht. Danke. – Ist Erhart schon fort?«

»Ja, er ist fort«, antwortete Leo, nachdem er zu ihrer Antwort schweigend vor sich hin genickt hatte. »Er hat in meinem Atelier die rissig gewordene Landschaft wieder ausgebessert, und fährt nun nach Salzburg zurück. Ich hab' ihn zur Bahn gebracht. Er läßt Sie noch grüßen.«

»Danke«, flüsterte sie.

»Da wär' noch was, Milli«, fing er nach einer Stille, in der nur der Regen rauschte, wieder an. »Sehn Sie, diesen Dolch – –« Er zog einen orientalischen Dolch in kostbarer, auffallend kunstreich gearbeiteter Scheide aus der Tasche und legte ihn auf den Tisch, zwischen sich und Milli. »Kennen Sie ihn noch? Sie sahn ihn einmal bei mir, besonders die farbigen Steine da gefielen Ihnen sehr. Wenn ich den hätte! sagten Sie damals. Ich war filzig und ungalant; ich hatt' ihn eben erst gekauft, für mein letztes Geld, und – – na, und ich tat, als hätt' ich's nicht gehört. Konnt' mich noch nicht von ihm trennen. Tragen Sie mir das nicht nach, Milli, und nehmen Sie ihn jetzt!«

Er sagte das so weich und gut, daß sie es fast rührte; sie beugte sich aber doch auf dem Schaukelstuhl vor und schob den Dolch über den Tisch zurück. »Sie sind – närrisch«, erwiderte sie, blutrot im Gesicht. »Wie werd' ich so was Kostbares annehmen ... Ich sagte das damals im Spaß; hätt' ihn nie genommen. Und jetzt – – Stecken Sie ihn wieder ein!«

»Seien Sie nicht so hart«, sagte er bittend. »Es ist ja nur, weil ich Ihnen gern ein Andenken – zum Abschied –«

»Was heißt das? Was wollen Sie?«

»Abschied nehmen will ich. Neulich, beim Mittagessen, hab' ich nichts davon gesagt; ich bracht's nicht heraus. Die Sach' spielt schon lange; aber ganz im stillen. Ich zieh' nun doch endlich fort, nach Wien. Rufen und locken tun sie mich schon seit einem Jahr. Hier in München ist's ja nicht übel; aber ich glaub', Wien ist mein Platz; da können sie sich besser an der Farb' einen Rausch antrinken. Und mehr große Welt; auch mehr schöne Frauen. Kurz, ich geh' jetzt hin. Darum seien Sie gut, Milli, behalten Sie ihn zum Andenken ...«

»Was haben Sie? Was ist Ihnen?« fragte er fast bestürzt, als er jetzt vom Fußboden auf und zu ihr hinüber sah.

»Nichts«, sagte sie ohne Stimme. »Nur – traurig bin ich ...« Sie war immer mehr erblaßt, je länger er sprach, und eine sonderbare Angst verzerrte ihr liebliches Gesicht. Ihr war ungefähr wie einem furchtsamen Kind, das man ganz allein läßt. Alles, alles ging fort ... Ihr blieb nichts als das schwere Leben; das Kämpfen. Niemand hatte sie lieb ...

»Das ist eine Überraschung«, hauchte sie endlich hervor, nachdem sie eine Weile stumm mit kindischen, nervösen Tränen gekämpft hatte. »Kaum haben wir uns wiedergesehn – und nun gehn Sie fort!«

»Tut es Ihnen leid, Milli?« fragte er, die Arme auf den Tisch legend, der ihn von ihr trennte.

»O nein. Mir tut nichts mehr leid!«

»Doch, Milli; ich seh's ja. – Wollen Sie, daß ich hier bleibe? Wollen Sie mich halten?«

Sie lachte ein wenig auf. »Ich wär' auch die rechte dazu – wenn ich das nun wollte. – Gehen Sie nur. B'hüt Sie Gott!«

»Nein, Milli – im Ernst. Lachen Sie doch nicht. Sie könnten mich halten; sonst nichts. Da wir uns doch noch einmal so in Ruhe sprechen: ich bin in einem ganz verflixten, desperaten Zustand; Ihnen sag' ich's ehrlich. Seit dem Wiedersehn neulich – geht mir so viel durch den Kopf; bin ich älter geworden, oder kindischer, oder gescheiter – ich weiß nicht. Ich hab' einen Druck auf der Brust. Das Leben, das freut mich nicht. Ich fang' auf einmal an, mich einsam zu fühlen – was ich nie gekannt hab'. Lachen Sie mich nicht aus; ich – red' mit mir vom Heiraten. Ja, starren Sie mich nur an. Aber wenn Sie denken, ich wüßt' eine oder wollt' eine – das wär' ganz gefehlt. Es gibt eben keine für mich – als die, die es nicht mehr gibt!«

Milli blinzelte mit den Augen, ihr fehlte alles Blut darin, und sie konnte ihn kaum mehr sehn. Ihr schien, das bißchen Bewußtsein wolle sie verlassen. Sie öffnete die Lippen, sagte aber nichts.

Er war auch eine Weile still. In seiner äußerlich gefaßten, klanglosen Weise fing er dann wieder an: »Vielleicht wär's besser gewesen, Milli, ich hätt' damals – schon damals – – Aber was sollt' ich machen; ich fühlte ja nicht so. Hätt' ich damals so gefühlt wie heut', so hätt' ich Ihnen gesagt: werden Sie meine Frau!«

»Ah!« sagte sie, sich aufraffend, mit einem spöttisch gemeinten, aber finsteren Lächeln. »Wie spät Ihnen das kommt!«

Er antwortete nicht darauf. Erst nach einem neuen Schweigen, die dunklen Augen auf sie geheftet, brachte er die Worte heraus: »Sagen Sie mir's ehrlich, Milli. Wenn Sie jetzt – keinen Mann hätten, würden Sie mich heiraten?«

»Was für eine komische Frage das ist!« erwiderte sie, leise zitternd. »Sie sind – nicht recht bei sich, Leo. Auf so was antwortet man nicht ... horchen Sie: der Regen hört auf. Sie werden nicht mehr naß, wenn Sie jetzt gehn.«

»Ich soll also gehn?«

»Ja – besser wär's. Was Sie alles reden! – Auch – – auch hab' ich Kopfweh; sonst wär' ich ja nicht zu Haus. Und – –«

Sie hob plötzlich den Kopf und lauschte. In allen Nerven erschreckt fuhr sie flüsternd fort: »Im Salon hör' ich was. Das ist Christel – oder – – bitte, gehn Sie fort!«

Er horchte nun auch; dann schüttelte er aber ruhig den Kopf. »Sie irren; ich hör' nichts. Das ist Einbildung. Jagen Sie mich noch nicht hinaus; ich bin gar nicht glücklich, Milli – – und Sie sind's auch nicht. Das weiß ich. Wir gehören ja doch zusammen; fühlen Sie das nicht? Der hat seine Baronin; Sie nichts. Lassen Sie mich nicht fortziehn; wenn Sie wollen, so bleib' ich. Halten Sie mich fest!«

»Sie wollen mein Unglück, scheint mir«, stieß sie jetzt heraus. »Sie sind toll. Gehn Sie fort!«

Eine jähe Angst schreckte sie auf, sie richtete sich empor, um den Schaukelstuhl zu verlassen, in dem sie so versunken lag. Aber mit einer Schnelligkeit, die sie nicht begriff, hatte sich Leos geschmeidige Gestalt vor ihr aufs Knie geworfen; seine beiden Arme drückten den Stuhl zurück, so daß sie wieder gegen die Lehne sank. »Nicht verstoßen«, sagte er etwas leiser, flehend, mit seiner weichsten Stimme. »Sie waren mir doch sonst so gut ... Sie, mein bestes Glück auf der Welt!«

»Ich will Ihr Glück nicht sein; Sie waren meines auch nicht«, entgegnete sie so hart wie sie konnte. »Lassen Sie den Schaukelstuhl los! Rühren Sie mich nicht an!«

»Milli! Gute Milli! Ich will's wieder gutmachen; sagen Sie nur, wie. Wenn Sie noch etwas Herz für mich haben – wenn Sie mit ihm nicht glücklich sind und es mit mir doch noch werden könnten – – Sagen Sie nur ein Wort. Was Sie mir sagen, das tu' ich!«

»Dann stehen Sie auf – da ich's Ihnen sage. Ich werd' nicht wieder schwach sein; hoffen Sie das nicht. Lassen Sie mich los! Leo –!«

»Hermann!« rief sie im nächsten Augenblick, nicht mehr mit Zorn, sondern mit Entsetzen aus. In der Tür zum Salon stand Hermann, die Augen überweit offen, den Türdrücker noch in der Hand. Er sah auf die beiden wie sinnlos herab, auf die halb ohnmächtige Frau und den vor ihr knienden Leo, der ihre Knie umschlungen hielt. Doch überraschte ihn dieses Bild nicht so sehr, er hatte schon zu viel gehört ... Durch den ermüdenden Baron vertrieben, der das große Wort führte, zu Hause durch Leos Stimme wieder in sein unbestimmtes, grübelndes Ahnen geschreckt, hatte er ohne Willen an der Tür gehorcht. »Sie waren mir doch sonst so gut« ... »Ich werd' nicht wieder schwach sein, hoffen Sie das nicht« ...

Leo Falk sprang auf; in Ifinger löste sich die kurze Erstarrung. Die Wut des wilden Tiers, die er sonst nicht kannte, brach aus ihm hervor; seine Hände krampften sich mordsüchtig zusammen, er beugte sich zurück wie zum Sprung, um Leo niederzuschlagen oder zu erwürgen. Doch als er den Maler so naiv betroffen dastehen sah, ohne Furcht, mit einer großartig verrückten Gelassenheit erwartend, was geschehen werde, ging etwas in ihm vor, das er nicht verstand. Es war, als verließe ihn eine wilde Kraft, und als käme eine andre, edlere, geistigere wieder. Er bewegte nur die Hand gegen ihn, um ihn zu entfernen. »Gehn Sie«, sagte er, die Worte hervorstoßend. »Wir sprechen uns noch; aber nicht jetzt. Gehn Sie; dies ist mein Haus!«

Eine Weile danach sah er Falk nicht mehr. Er sah nur noch die Gestalt der jungen Frau, in eine Ecke gedrückt, mit grünlich weißem Gesicht. Es blitzte ihn etwas an: der Dolch auf dem kleinen Tisch, an dessen bunten Steinen und mattem Gold die Flamme der Lampe spielte. Er kannte diesen Dolch; wie manches Mal hatte er ihn in Leos Atelier gesehn. Wie kam der hierher? Etwa so, wie Erharts Bilder zu Lina Schellenberg kamen? – Waren sie nur vor der Welt sich fremd gewesen, und im stillen »so gut«?

Eine neue grauenhafte Wut fuhr ihm wie eine heiße, augenverdunkelnde Welle durchs Hirn. Er griff nach dem Dolch, und ohne Frage, ohne Wort ging er auf Milli zu, um ihn ihr in die Brust zu stoßen. Die Unglückliche sank mit einem schwachen Schrei ganz in sich zusammen, hob die Hände abwehrend, aber mit wenig Kraft. Er blieb stehn und sah auf sie herab; sie lag so tief da unten am Boden, er konnte sie nicht treffen. Auch verging diese Vernichtungswut über ihrem kläglichen, erbärmlichen, gottverlassenen Anblick. Er stand einige Zeit, ohne sich zu regen. Dann stöhnte er nur einmal auf, um die Brust von ihrer tödlichen Last zu befreien, und der Dolch entfiel ihm.

»Stehn Sie auf«, sagte er mit etwas heiserer, aber fester Stimme, deren Ruhe ihn selber überraschte. »Ich tue Ihnen nichts. – Sie werden mein Haus verlassen. – Wir werden uns nicht wiedersehn.«

»Nein«, sagte sie tonlos. »Ich verlasse es.«

Sie hob sich an der Wand empor, senkte dann den Kopf, so daß ihr die Locken über die Wangen fielen, und ging aus der Tür.

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