Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Adolf Wilbrandt >

Hermann Ifinger

Adolf Wilbrandt: Hermann Ifinger - Kapitel 24
Quellenangabe
authorAdolf Wilbrandt
titleHermann Ifinger
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170608
projectid8ddab11e
Schließen

Navigation:

VIII

Bei seiner Vermählung hatte Hermann Ifinger das Haus nicht verlassen, in dem er als Junggesell gewohnt hatte, es war ihm geglückt, die größere Nachbarwohnung hinzuzumieten und durch einen Durchbruch mit seiner alten natürlich und bequem zu verbinden. So blieb ihm sein Blick aus dem Fenster auf die geliebten Propyläen und schräg hinüber zum Hause des Barons Pillnitz, mit dessen anmutiger, dunkeläugiger Frau ihn bald ein so schöner Freundschaftsbund verknüpfen sollte. Das letzte von den vier Zimmern, die auf die Straße hinaussahen, hatte er als Boudoir oder »Schmollnest« der jungen Hausfrau liebevoll und mit Hilfe der Malerfreunde hergerichtet; freilich war der Überraschung, die er damit machte, eine größere für ihn selbst gefolgt: denn Milli, die in diesem farbenlustigen Käfig wie ein reizender Vogel sich wiegen und schaukeln sollte, hatte sich mit jenem unerbittlichen Eifer in die »Wirtschaft« gestürzt und ihren Schmollwinkel, als wär' er eine Brutstätte entnervender Sinneslust, mit wahrer Abneigung gemieden. Dies änderte sich erst, als Christel Schellenberg ins Haus kam; ja die seltsame Umwandlung, die dieses unscheinbare Mädchen so geschwind hervorbrachte, zeigte sich in nichts deutlicher als darin, daß die Porzelläne ihr Boudoir aufzusuchen anfing und – zu ihrem eigenen Erstaunen – sich sehr bald darin wohl und fast glücklich fühlte. Man konnte sie nun stundenlang am Fenster sitzen und träumend in ein Buch oder noch verträumter auf die Häuser gegenüber und in die Luft blicken sehn; oder sie wiegte sich im Schaukelstuhl, ruhte auf dem Sofa und genoß ein »süßes Nichtstun«, das sie noch nicht gekannt hatte, seit sie Milli Ifinger hieß.

Etwa drei Wochen waren seit Christels Ankunft verstrichen; der Hausherr ward zurückerwartet, noch an diesem Abend sollte er mit Erhart kommen, der die vollendete Meerlandschaft selber abliefern wollte. Es dämmerte schon; die Kinder schliefen. Das Wetter war mild, und die Fenster standen offen. Milli lag im Boudoir im Schaukelstuhl, sie hatte die Hände hinter dem Kopf verschränkt, die Augen halb geschlossen. Ihr Bruder, Anton Kircher, in einem hellen, luftigen Sommerröckchen, die Haare gekürzt und gelockt – er hatte sich angewöhnt, sie künstlich zu kräuseln – ging in dem kleinen Zimmer langsam immer auf und ab, die Hände auf dem Rücken; er zog zuweilen die Brauen scharf zusammen, wie man wohl bei tiefem Nachdenken tut, und genoß den Abend in seiner gedankenbrütenden Weise, während Milli träumte.

»Ja, ja, ja, das werden wir schon machen«, sagte er endlich laut, halb zur Schwester gewendet. »Heraus aus dem romantischen Nebel. Eine neue Zeit!«

Milli sah ihn einen Augenblick über die Schulter an, blinzelte dann wieder und entgegnete nichts. Was er ihr da sagte, hatte sie schon öfter gehört, mit denselben und ähnlichen Worten.

Anton Kircher blieb stehn. Er betrachtete sie mit einem gutmütigen Lächeln: »Na, wie du aber schweigen kannst! – Da liegt sie schon wieder eine geschlagene Stunde und sagt nicht ein Wort. – Deinem Mann wird's recht sein; das hat ihm ja immer gefehlt. Der wird an seiner beruhigten, göttlich faulen Frau seine Freude haben!«

»Glaubst du?« fragte sie etwas unsicher, fast ein wenig beklommen. »Ich weiß nicht ... Mir kommt's heute abend wieder so verrückt vor, in was für ein Lotterleben ich versinke; – und doch tut's so gut. ›Eine geschlagene Stunde‹, sagst du ... Diese geschlagene Stunde denk' ich drüber nach; aber ich versteh's nicht. Wie sich ein Mensch, ein sogenannter vernünftiger Mensch, so verändern kann ... Oder findest du nicht?«

»Die Geschichte scheint mir sehr einfach«, erwiderte Kircher, in seiner geräuschlosen Langsamkeit wieder auf und ab gehend. »Du hattest die Wirtschaftstrampelei fürchterlich übertrieben – darin hatte Hermann recht – nun kommst du ins Gegenteil. Das nennt man ein Naturgesetz. Wie wenn zum Beispiel eine Feder, die den Naturtrieb hat, sich auszudehnen, mit aller Gewalt zusammengedrückt wird – endlich läßt man los – da schnellt sie in die Höhe wie toll!«

Milli hob lebhaft den Kopf und die Arme, so daß der Schaukelstuhl sich plötzlich in Bewegung setzte. »Wie sagst du da?« rief sie aus. »Ja, wie das auf mich paßt ... Sag' mir das noch einmal! – Nein, nein«, setzte sie hinzu, den Kopf anmutig schüttelnd; »laß nur. Ich versteh' schon. Ich sag' dir, mir ist wirklich zumut wie so einer Feder. So war ich auch zusammengedrückt – und ich dachte, es muß so sein, und ich will es so – nun bin ich losgelassen und alle Spannung ist weg. – Aber daß in drei Wochen – Verstehst du die Christel, Anton?«

»Was ist da zu verstehn? Eine ungewöhnlich tüchtige und arbeitslustige Person –«

»Nein, Bruder, es ist mehr. Bitte, lach' mich nicht aus: sie kommt mir zuweilen unheimlich vor – ich hab' eine Art von Angst vor ihr – oder Grauen – ich weiß nicht. Ja, du lächelst natürlich, denn du bist ein Mann! – Wie sie zuerst ins Haus kam, so schwarz, so still und so ernsthaft, kriegt' ich einen Schrecken: da hat sich wohl der Hermann himmlisch unpraktisch benommen, was soll ich mit der Trauerweide! – Aber am andern Morgen fing sie gleich so an, alles anzupacken, so in aller Stille; macht sich über jede Arbeit her, als verstünde sich das von selbst, eh' ich noch was sage; hat dann den Hans an der Hand, die Grete auf dem Arm, als wär' sie mit den Kindern auf die Welt gekommen ... Na ja, ja, du ›weißt schon‹; werd' nur nicht gleich ungeduldig, daß ich noch einmal ein Wort darüber rede! Es geht mir ja doch im Kopf herum – so, wie dir deine ›neue Zeit‹!«

Kircher stand und lächelte auf die junge Frau mild überlegen herab: »Liebe Schwester, erlaube – zwischen Sachen und Sachen ist doch wohl ein Unterschied! – Im Übrigen muß ich dir sagen: wenn die Christel dir ›unheimlich‹ geworden ist, so bist du wohl selber schuld. Warum ließest du dir so alles von ihr aus den Händen nehmen –«

»Aber was sollt' ich machen!« rief Milli mit einem komisch verzweifelten Schulterzucken aus, während ihre Stimme ganz in die Höhe ging. »Sie tat halt alles, eh' ich dazukam; wenn ich morgens aufstand, waren alle Zimmer fertig; seit dem dritten Tag wollten die Kinder immer zur Christel, zur Christel – oder zur ›Tissel‹, wie Hänschen sagt. Wenn ich ihr sagte: lassen Sie das, liebe Christel, lassen Sie mich das machen! dann sah sie mich an mit diesen großen Augen, die sie aus einem braunen Samtrock herausgeschnitten hat, und sagte so ruhig, so eindringlich: bitte, gnädige Frau – ich brauch' recht viel Arbeit – je mehr, je besser für mich – lassen Sie mich nur! Und wenn ich ihr dann in diese traurigen, mutigen Augen hineinguckte, wagt' ich nicht zu mucksen; hatte nur das Gefühl: ich tu' ein Unrecht an ihr, wenn ich ihr nicht ihren Willen tue! – Und so ging es weiter!«

»Ich versteh' schon, versteh' schon«, sagte Kircher weise. »Die Hauptsache bleibt aber doch, wie ich mir zu wiederholen erlaube: so eine junge elastische Feder wie du – die war unter einem Druck, den sie nicht mehr aushielt. Da kam zufällig diese Christel, und sie machte dich los – und da liegst du nun, du, in deinem Schaukelstuhl. Bitte, steh nicht auf, bleib nur so liegen, bis dein Hermann kommt; er wird lachen, denk' ich!«

»Nein, das soll er nicht«, sagte Milli, und beruhigt erhob sie sich. »Ich will dir noch was sagen, Anton: es ist auch besser – oder mir ist's lieber – wenn ich Hermann zuerst allein sehe; geh du lieber fort! – – Ich bin ganz konfus. Diese lächerliche Bangigkeit – und dabei müßt' ich doch eigentlich froh sein, mich ihm so zu zeigen – – und eigentlich bin ich's auch. Weißt du, wie mir ist? Wie in den Schuljahren, wenn die Ferien gekommen waren; o so himmlisch nichtsnutzig faul. Oder wie damals zu Pfingsten – ich war schon erwachsen – als ihr Maler mich mitnahmt und wir im Walde kneipten; ich hatte mir einen Kranz gewunden und auf den Kopf gesetzt, und ihr nanntet mich dann den ganzen Tag die ›Zigeunerin‹. Wahrhaftig, Anton, ich fühle mich wieder wie ein junges Mädchen! – Ist das schlecht, oder nicht?«

»Wie könnte das schlecht sein«, sagte er und lachte. »Du fühlst dich einfach wieder jung; – so jung, wie du noch bist! – – Also gut, dann geh' ich. Laß dir nur noch sagen, Milli: was Veränderungen, innere Umwälzungen betrifft – ich hab' noch ganz was andres durchgemacht als du: das ist ein Abgrund, Milli! Seit ich den Pinsel, sozusagen, mit der Feder vertauscht, mich mehr dem Denken über die Kunst zugewendet habe, ist mir furchtbar klar geworden, daß wir alle auf dem Holzweg waren; ich lächele jetzt über meine gemalten Phantasien, frei nach Tizian und den andern alten, romantischen Herren – und über Leo Falk und Erhart auch! Ja, auch über die! Epigonen; lauter Epigonen; Nachbeter – meinetwegen mit Talent – auch mit viel Talent –«

»Und doch auch originell, denk' ich –«

»Ach, was kauf' ich mir für diese Originalität! Doch immer wieder die alte Schönmalerei ... Wahrheit brauchen wir! so recht aus dem Leben gegriffene, handfeste, rücksichtslose Wahrheit! Was sollen wir mit Feuerbach und Makart, mit Erhart und Leo Falk; die sind so, wie ich war – nur ein bißchen besser. Die sind berühmt, gefeiert, man kauft sie; das tut nichts: auf einem falschen Weg sind sie doch. Farbenkonzerte, Romantik in Öl, künstliche Beleuchtung – alles überlebt, verbraucht. Wir leben im Zeitalter der Wissenschaft, der Nüchternheit, der Klarheit! Hinein in die Natur, grad' so wie sie ist!«

»Aber was schön ist, denk' ich, bleibt doch immer schön –«

»Uns geht nur noch die Wahrheit an. Hinein in die Natur, grad' so wie sie ist! Ein alter Zaun, ein zerrissenes Hemd darauf: für einen tüchtigen Kerl ist das grad' genug, weiter braucht er nichts! – Auf diesem Weg ist jetzt Prahm: der hat's gefaßt – der hat mich begriffen. Denn er hat's von mir. Und ich wühle weiter ... Dieser bocksbeinige Kritiker, dieser Brenzel, will noch nicht heran; seine alte Schönheitsduselei steckt ihm noch in den Knochen; aber ich krieg' ihn doch. Ich versteh' die Sache – na, und reden kann ich. Da ist er gegen mich ein Kind!«

»Ja, das kannst du, Bruder«, bemerkte Milli, ganz verstohlen lächelnd. »Aber – der Zug muß schon da sein! Willst du lieber gehn?«

»Ja, ich will lieber gehn«, murmelte Kircher; nickte ihr etwas abwesend, aber doch herzlich zu und nahm seinen Hut. Die junge Frau stand, während er sich langsam von ihr entfernte, nachdenklich und unentschlossen da. Als er aber bei der Tür war, eilte sie ihm nach. »Anton!« sagte sie, die Silben hervorstoßend; das Blut stieg ihr in die jugendweichen Wangen.

»Was noch?« fragte er.

Sie lächelte erregt. Sich an seine Schulter hängend, sagte sie: »Du sprachst auch von Leo Falk ... Wär' es dir noch lieb, wenn ich jetzt – wenn ich mich entschlösse?«

»Wozu?«

»Ihn wiederzusehn? ihn ins Haus zu bitten?«

Sehr überrascht sah Kircher ihr in das unruhige, leise zuckende Gesicht. »Wie kommt dir auf einmal dieser – – Milli! wie kommst du so ganz unerwartet zur Vernunft?«

»Ist es ›Vernunft‹, Anton? – Ich wollte – wieder geselliger leben; und da wär' es doch so auffallend, wenn – – Und ich wollte überhaupt aus dieser ›Kasteiung‹, wie ihr immer sagtet – die euch so mißfiel – wieder ins Leben zurück. Und da dacht' ich: die alten Zeiten – – Wär' es dir noch lieb?«

»Wenn Leo endlich ins Haus käme?«

Sie nickte.

»Natürlich wär' es mir lieb!«

»Und glaubst du, daß er käme? – Würdest du's ihm sagen?«

»Wenn du willst, werd' ich's ihm sagen: und er würd' auch kommen. Empfindlich und kleinlich – das ist er ja nicht!«

»Und glaubst du, es würde Hermann freuen?«

»Was du alles fragst«, sagte Kircher verwundert. »Du weißt ja doch seit hundert Jahren, es würd' ihn entschieden freuen. Soll ich also mit Leo reden –?«

Er machte eine Bewegung zur Tür, als wollte er augenblicklich Leo Falk irgendwo suchen gehn. Milli trat ihm aber in den Weg. Sie schüttelte hastig den Kopf, daß die blonden Locken bebten. »Nein, nein, nein«, sagte sie; »noch nicht. Ich bin – – doch noch nicht entschlossen. Es geht mir nur durch den Kopf. Es ist alles so – neu, und so wunderlich. Seit diese Christel da ist ... Sag' ihm noch nichts – und den andern auch nicht – und geh!«

Sie schob ihn nun förmlich, mit ihren sanft drückenden Händen, aus der Tür hinaus. Er zuckte die Achseln und ging. »Du bist ganz nervös, Milli!« sagte er gutherzig lächelnd. Sie nickte. Sie sagte aber nichts mehr. Endlich war er fort.

Am Pfosten der wieder geschlossenen Tür blieb sie stehn; sie legte den Kopf gegen die Kante, machte die Augen zu und drückte die Lippen gegeneinander; vor einem inneren Bangen flüchtete sie wieder in die süße Schlaffheit, der sie verfallen war, seit diese andre sich abmühte. »Leo wiedersehn?« fragte sie sich, Gott weiß zum wievieltenmal. »Ach laß ... Ich will nicht mehr denken ... Will nur diese Ruhe genießen nach dem ewigen Frondienst, nach der Büßerei; leben will ich, leben ...«

Sie stand noch eine Weile so da; plötzlich ging die Tür auf. Hermann, den Hut auf dem Kopf, trat ein. Sie sah seine Gestalt, undeutlich, im Winkel ihres Auges, drehte sich herum und lag ihm in den Armen. Es war ihr aufrichtig zärtlich zumut, sie umfaßte ihn; sie wartete aber, bis seine Lippen sie berühren würden. Erst als er sie küßte, gab sie es zurück. »Bist du endlich da!« sagte sie dann, nur so leise hauchend.

»Ja – endlich da«, antwortete er; nahm ihren zierlichen Kopf zwischen seine Hände, und mit etwas aufgeregtem Lächeln betrachtete er ihr sanft glühendes Gesicht. »Laß dich anschauen, Milli; ich höre ja Wunderdinge; unten traf ich Anton, er sagte mir noch mehr, als du mir schon geschrieben hast. Verjüngung – ein junges Mädchen ... Erhart grüßt, er ist in seinen Gasthof gefahren; morgen kommt er zu Tisch ... Ein junges Mädchen, wahrhaftig; dein Bruder hat recht! Hans und Grete sind wie Äpfel von irgendeinem Baum gefallen ... Lächle nur auch einmal; du schaust mich so ernsthaft an. Freust du dich denn nicht?«

»Freust denn du dich, Hermann?« erwiderte sie, fast flüsternd. Ihre Augen forschten und suchten.

»Frag' nicht so«, sagte er und antwortete durch einen herzlichen Kuß. Dann legte er einen Arm um sie und führte sie näher zum Fenster, ans Licht. »Es wird schon so dunkel, Milli; ich muß das Wunder noch besser sehen, um es recht zu glauben! – Also diese gute Christel ist schuld, daß du wieder jung und – vernünftig wirst? Du willst dich nun also auf eine Bärenhaut legen, Milli Ifinger, wie ein alter Germane? willst einmal ein richtiges Lotterleben führen, nach all der ›Musterwirtschaft‹? als meine Zigeunerin?«

Sie fuhr leicht zusammen: »Nein, nein, als ›Zigeunerin‹ nicht«, sagte sie, von einer alten Erinnerung erschreckt. »Aber – ich will ja gerne tun, was dir Freude macht. Du wirst staunen, Hermann: ich bin rein wie ein Kind um Weihnachten. Die Kinder sind mir wie Spielzeug, wie Puppen. Alles tut die Christel. Mir ist, als läg' ich den ganzen Tag in der Hängematte –«

»Und du willst auch wieder mit den alten Kameraden leben«, fiel Ifinger ihr ins Wort; »willst dich sogar mit Leo Falk feierlich versöhnen! Dein Bruder sagte mir das noch im Fortgehn –«

»Kann er denn nie den Mund halten!« rief sie aus, und ward wieder rot. »Er schwatzt immer, eh' was wahr ist ... Nein – ich weiß noch nicht. Ich hab' nur einmal gedacht – – Wäre es dir recht?«

»Nun, ich denke, das weißt du. Ich hatte es aufgegeben – – wie so manches andre,« setzte er mit halber, bedeckter Stimme hinzu; »aber wenn du mich damit überraschen willst, nehm' ich's als Geschenk – auch ›wie ein Kind um Weihnachten‹. Und wenn du mir dazu eine frische, fröhliche Milli schenkst – die Milli von früher – meine Porzelläne – dann kann alles noch gut werden; schöne, glückliche Tage ...«

Er brach ab, seine Stimme war gesunken, sein Gefühl versagte, als glaubte er an das alles noch nicht. Indem er Milli halb unbewußt losließ, trat er an das Fenster und sah auf die dämmerdunkle Straße hinaus.

»Ich hoffe«, sagte sie leise. – »Wohin siehst du, Hermann? – Auf das Haus da drüben?«

»Auf welches Haus?«

»Wo sie wohnt. Die Baronin, mein' ich. Deine – beste Freundin. Nicht wahr, du freust dich wohl auch sehr, sie wiederzusehn. Hoffst auch auf ›schöne, glückliche Tage‹ ...«

»Sollt' ich sie denn ungern wiedersehn, Milli? – Er wandte sich wieder zu ihr; ein verwundertes, etwas verstimmtes Lächeln zog über sein Gesicht. »Ist das die ganze Veränderung und Verjüngung? Bist du in diesem Punkt noch die alte?«

Sie antwortete nicht, sondern kam zu ihm, drängte sich leise an ihn und legte ihm eine Hand, wie bittend, auf die Schulter. »Komm, sei gut!« sagte sie dann halblaut, aber doch nicht so ruhig und weich, wie sie sich's gedacht hatte. »Du freust dich doch, sagst du, daß ich anders bin. Das mit Leo Falk wär' dir ein Geschenk, sagst du. Schenk' mir auch was, Hermann!«

»Was denn?« fragte er.

»Was willst du morgen tun?« fragte sie zurück. »Sie natürlich besuchen – nicht wahr?«

»Wen?«

»Die da drüben. Die Pillnitz. Nicht wahr?«

»Du fragst wirklich wie ein ›Kind‹!« antwortete er, etwas ungeduldig mit der Schulter zuckend, auf der ihre Hand lag. »Daß ich sie nach meiner Rückkehr besuche, versteht sich ja doch von selbst!«

»Morgen?«

»Warum nicht morgen? Seine nächsten Freunde besucht man ja doch zuerst. Ich hab' ihr auch geschrieben, am Tag nach meiner Ankunft würd' ich –«

»Tu' mir eine Liebe, Hermann!« – Mit einer zitternden Bewegung schüttelte sie seine Schulter ein wenig. – »Schenk' mir auch was; hörst du? Geh morgen noch nicht zu ihr. Und diese Woche noch nicht. Eine Woche, zwei Wochen wart' noch!«

»So wahr ich Hermann Ifinger heiße, ich versteh' dich nicht. Warum wünschest du das?«

»Schau – hör' mich ruhig an! – Ich bin ja nicht eifersüchtig, glaub' das doch nicht; nicht so, daß ich denke, ihr küßt euch – oder ihr habt euch zu lieb ... Aber in dieser – schweren Zeit ist es so gekommen: ich wollte dir alles leisten, alles für dich tun; darüber wurd' ich dir langweilig, prosaisch – ach, ich seh' es ja ein – und bei dieser reizenden Frau, da fandst du die sogenannte Poesie! Die ist reich und hat keine Pflichten, hat auch keine Kinder; die kann in allen fremden Sprachen mit dir sprechen, die will alles wissen, von dir wissen, du bist ihr Professor, ihr Konversationslexikon, ihr Hofgelehrter ... Nein, ich sag' ja nichts, ich will ja nicht spotten – mich auch nicht ereifern. So recht ruhig und gemütlich möcht' ich dir sagen, Hermann: ich versteh' es ja! – Aber versteh du mich auch. Ich will nun doch auch so leben – will's wenigstens versuchen – in diesem Augenblick ist mir, als könnt' ich's. Und du sollst mich wieder liebhaben – furchtbar lieb – lieber als alle Baroninnen der Welt – das ist mein Gedanke. Aber dazu mußt du mir etwas Zeit lassen; siehst du das nicht ein? Du darfst nicht gleich den nächsten Tag wieder zu ihr gehn; ich muß dich eine Weile allein, ganz allein haben – wie auf einer Hochzeitsreise – dich an mich gewöhnen, rund um dich herumwachsen – – Ach, ausdrücken kann ich's nicht. Aber du verstehst mich ja; du, du – so ein kluger Mann. Sag' mir's, daß du mich verstehst!«

»Ich fürchte, ich bin nicht so klug«, antwortete Hermann und schüttelte den Kopf. »Ist das unser Wiedersehn, Milli? unser erstes Gespräch? – Laß doch diese Frau; leb' du dein neues Leben, frisch drauf los, dann tut sie dir nichts! – Mir scheint, sie ist in deinem armen Kopf zum Gespenst geworden –«

»Du willst mir diese Liebe nicht tun?«

»Bitte, hör' mich auch ein paar Augenblicke an. Man lebt nicht nur mit einer Frau auf der Welt; das ist auch nicht nötig. Die Baronin Pillnitz ist so ehrbar wie irgendeine – wie du – – Dieses Zucken versteh' ich nicht: du weißt und glaubst ja doch selber, daß sie ehrbar ist! Sie hat einen Reiz für mich, der deinen Reizen nicht schadet; sie ist meine Freundin geworden und wäre auch die deine, wenn du dich nicht aus törichtem Mißverstand in dich verkrochen hättest; Hochmut hat sie dir nie gezeigt – aber gegen deine mißtrauische Kühle konnte sie doch nicht in tropischer Wärme glühn! – – Ich bin mir wie ein fremder Mensch, daß ich von dergleichen so lehrhaft und so trocken rede; wenn du mich aber so ansiehst, dann kommt es so ... Eine Freundschaft, die mehr Wert für dich haben konnte als ein Dutzend andre, hast du fallen lassen; ihr besucht euch, und weiter nichts. Das kann ich nicht ändern. Aber daß ich es ebenso mache wie du, weil deine Laune es will, dazu bin ich zu verständig, zu stolz, zu treu – mit einem Wort, dazu bin ich zu gut!«

»Du willst mir diese Liebe nicht tun?« wiederholte sie.

»Hör' doch, was ich sage. Wir sind nun drei Jahre Mann und Frau; wir könnten – glücklicher sein; aber diese Baronin stand dem nicht im Wege. Willst du's nun anders anfangen, und besser – Milli, gute Milli! ich ersehn' es ja; ich will dir's ja danken – täglich, und jeden Tag mehr – fang' nur an, und frag' nicht! Du bist noch so jung, ich bin noch nicht alt; noch ist nichts verloren –«

»Du willst mir diese Liebe nicht tun?« fragte sie zum drittenmal.

»Nein, ich kann es nicht«, entgegnete er nun gereizt und kurz. »Ich hab' dir von dieser Art von ›Liebe‹ im letzten Jahr mehr getan, als gut war; ich hab' die Baronin vernachlässigt, mehr als ich verantworten kann; nur ihre Engelsgeduld, ihre vornehme Seele, ihre rührende Treue – daß du's einmal hörst! – die haben es so hingenommen, ohne kalt zu werden. Jetzt deiner Laune zu Gefallen mein Wort nicht zu halten, ihr gegenüber zu wohnen, ohne sie zu sehn – – du bist ein Kind, wenn du das verlangst. Wir erziehn Hans und Grete – wir müssen auch uns erziehn, wenn es nötig ist. Laß endlich diese Frage, Milli, und frag' lieber dich selbst: sollte nicht ich ihm die Liebe tun, das nicht zu verlangen?«

Sie war eine Weile still. Sie schob sich langsam am Fenster hin und von ihm hinweg, bis sie ganz in der Ecke stand. Mit einem fremden, gefrorenen Ton sagte sie dann: »Du liebst mich nicht mehr. – – Du liebst diese Frau mehr als mich.«

»Du weißt nicht, was du sagst«, gab er kalt zur Antwort.

Auf einmal überlief es ihn dann; die Schulter wendend sah er zu ihr hinüber und bewegte den Kopf hin und her, als wollte sein weiches Gesicht ihr sagen: »das ist der erste Abend nach dem Wiedersehn!« – Sie starrte aber hinaus, schräg über die Straße weg, nach den erleuchteten Fenstern, hinter denen die Baronin wohnte. Die junge Gestalt war wie versteinert, sie bewegte sich nicht.

»Ich hab' – die Kinder noch nicht gesehn«, murmelte Hermann endlich. »Ich will sie in ihren Bettchen – –«

Er verstummte und ging hinaus.

Milli sah ihm nicht nach. Sie lehnte ihre schmale, heiße Stirn gegen die Fensterscheibe, die letzte in der Ecke; ihre Augen feuchteten sich nicht, der Trotz war zu groß; aber die verzogenen Lippen flüsterten und bebten. »Er liebt mich nicht mehr«, wiederholte sie. »Er liebt diese Frau mehr als mich ...«

Sie wusste nicht, ob sie es glaubte; aber ihr war, als tue es ihr wohl, es so recht zu glauben. Eine unsägliche Bitterkeit füllte ihr das Herz. Mit einem jähen Entschluß hob sie dann die Stirn, stieß sich vom Fenstersims hinweg und trat in das Zimmer zurück. An ihrem kleinen, geschnitzten Schreibtisch setzte sie sich nieder, zündete eine Kerze an, legte einen kleinen Briefbogen auf die Unterlage und begann zu schreiben.

»Mein Bruder wird Ihnen mündlich sagen und auseinandersetzen, wie leid es mir tut, daß wir uns so lange, lange nicht sahen. Erhart ist gekommen; wenn Sie morgen mit ihm bei uns essen wollen – als die alten Freunde – so wird es uns herzlich erfreuen. Ich wollte Ihnen auf diesem Blatt nur noch sagen, Leo: was etwa einer von uns dem andern zu vergeben hat, das soll hiermit getan sein; so mein' ich's – und ich denke, Sie auch. Kommen Sie! – Milli Ifinger.«

Sie starrte das beschriebene Blatt eine Weile an; ihre Lippen waren blaß geworden, und die Augen farblos. Indem sie es noch einmal überlas, zuckte ihr die Hand; sie nahm es und machte eine Bewegung mit den Fingern, als wolle sie es von oben her auseinanderreißen. Dann schüttelte sie aber den Kopf. Ohne weiterzulesen, faltete sie es und ließ es in einen Umschlag gleiten; mechanisch, mit geschlossenen Augen und halb geöffneten Lippen.

 << Kapitel 23  Kapitel 25 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.