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Hermann Ifinger

Adolf Wilbrandt: Hermann Ifinger - Kapitel 15
Quellenangabe
authorAdolf Wilbrandt
titleHermann Ifinger
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170608
projectid8ddab11e
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XIV

Als Ifinger zu Kircher zurückkam, war dieser in einen gepolsterten alten Lehnstuhl gesunken, der unter dem Fenster stand; mit einem zischenden, zitternden Geräusch atmete er durch die Zähne, seine Augäpfel irrten umher; seine Hände umklammerten die Lehnen und suchten sie zu zerbrechen. Die ganze Gestalt zog sich zusammen und wand sich wie ein Fisch, der aufs Land geworfen ist und in dem trockenen, warmen Sand sein letztes Leben verzittert. Erst als er Ifingers weiche, teilnehmende Stimme hörte, brach er in das Schluchzen aus, das schon lange gewartet zu haben schien. »Warum sind Sie noch da?« stieß er nach einer Weile durch den schluchzenden Krampf hervor. »Gehn Sie doch auch ... Gehn Sie doch auch!«

Dann ergriff er aber Ifingers Hand und drückte sie zwischen seinen harten, zusammenzuckenden Fingern. »Doktor!« stöhnte er. »Nehmen Sie's nicht übel: ich bin wie ein Kind. Ich schäme mich vor Milli ... Ich schäme mich vor Milli ...«

Plötzlich sprang er auf; seine naß gewordenen Augen warfen einen wilden Blick auf den Tisch, neben dem er gesessen hatte. Er deutete mit der Hand auf einen Dolch, der zwischen Photographien und allerlei Kreide- und Kohlenstücken lag. »Da liegt er!« rief er aus. »Ich war feig! Hätt' ich ihn ihm nur in die Brust gestoßen! Ich hab' dran gedacht; hatte nicht den Mut!«

»Wem? – Sind Sie toll?«

»Wem?« fragte der Maler zurück. »Diesem Mann mit dem Orden; diesem ›Wir bleiben die Alten‹; diesem Hundsgesicht! Wieso bin ich toll? hat mir denn er nicht den Dolch in die Brust gestoßen, mir den Rest gegeben, als er sich so tückisch hineinmischte: ›Frei nach Tizian und nach Giulio Romano‹? – Übrigens eine Lüge: nicht Giulio Romano, sondern – – Aber einerlei. Einerlei. Er hat mir den Rest gegeben. Meine letzte Hoffnung! So ein niederträchtiger, gottverdammter, dekorierter Hund – – sprengt mich in die Luft!«

Er riß das Dolchmesser vom Tisch und warf es gegen die Tür, durch die sich der Landschaftsmaler entfernt hatte. Die Spitze fuhr ins Holz, aber schief; eine Weile zitterte der Dolch, in der Luft schwebend, dann glitt er wieder heraus und fiel auf die Erde. Kircher sah dem zu; es lenkte ihn auf einige Augenblicke von seinen wütenden Qualen ab. Als die Waffe auf den Boden aufschlug, brach sein Schluchzen wieder hervor; das grimmige Gefühl der Ohnmacht fuhr ihm zitternd durch den Körper, er warf auf Ifinger einen irren Blick, der diesem durch die Seele ging. »Aus ist's!« stieß er mit einem pfeifenden Ton durch die Zähne. »Dieser Ideenbaron ... Was so ein Hund ihm sagt, was so ein Schuft drucken läßt, das hat ihn. Ob ich doch sonst noch was bin, davon ahnt er nichts! – Ich überheb' mich nicht, Doktor; glauben Sie mir, Doktor, überheben tu ich mich nicht ... Er hat Bilder von Erhart gekauft, wie ich höre, und von Leo Falk; mit denen vergleich ich mich nicht. Ich bin kein Leo Falk, wie ich kein Makart bin; das weiß ich, das weiß ich ... Aber Nämlich! Er kauft den Ägypter von Nämlich! Der Ägypter von Nämlich ist für ihn ein Bild! Und dann sagt er mir: ›Ihre Schöpfungen sind nicht in meiner Richtung‹; er hat also eine Richtung – dieser Mann ohne Augen, dieser geschniegelte Don Quichotte – diese fidele Trompete, die das nachtrompetet, was die andern ihr vorblasen ... Und dann schwenkt er noch seinen Zylinder und ›wünscht mir den besten Erfolg‹ – in dem Augenblick, wo er mich vernichtet – wo es mit mir aus ist – aus, Doktor, aus – ich kann nicht mehr – ich kann nicht mehr leben – bei Gott nicht. Eine Kugel vor den Kopf, dann bin ich erlöst!«

»Wie können Sie so reden!« murmelte Ifinger. »Sie haben noch – – Sie haben – –«

Es fiel ihm nichts ein, was der Unglückliche noch hatte, was ihm noch helfen konnte. Endlich warf er die Worte heraus: »Sie haben noch Ihre Schwester!«

Kircher packte Ifingers Arm: »Um die von mir zu erlösen, muß ich ja aus der Welt! Ich war ja ihr Stolz, ich war ihre Hoffnung; darum hat sie für mich geopfert und geblutet – wie ein Engel, Doktor – ich lieb sie wahnsinnig, Doktor ... Soll ich ihr heut' abend sagen: Da bin ich, ich bin ein ›Abmaler‹, mir kauft kein Mensch, kein Hund mehr was ab, füttre deinen Bettler!? Soll ich mich ihr so lange auf die Schultern legen, bis sie zusammenknickt? – Lieber auf dem Mist verfaulen, Doktor ... Sagen Sie ihr, wenn ich fort bin, wie dies alles gekommen ist; verdeutschen Sie ihr's, erklären Sie ihr's, daß ich sterben mußte – daß ich um ihretwillen – für sie – – Aber das bringt sie dann um. Sie hängt an mir wie ein Narr. Sie allein auf der Welt! – – Fragten Sie nicht vorhin, wie's ihr geht? Nu, sie geht herum, sie verkauft wieder Töpfe und Tassen, sie sagt mir ›Guten Morgen, Bruder‹, ›Guten Abend, Bruder‹; aber sie tropft so weg. Sie hat einen Kummer. Wer ist das anders, als ich? Mein miserables Schicksal verzehrt sie. Wenn ich nun heut' abend komme und sage: unsre letzte Seifenblase ist geplatzt, der Baron läßt sich empfehlen – und dann ihr Gesicht – – Nein. Das kann ich nicht mehr. Das will ich nicht mehr sehn! Lieber soll sie mich still und kalt und erlöst auf dem Sofa finden – und wenn ihr dann auch das Herz – – dieses Engelsherz – – Nur um meinetwillen ... Was ich auch denke, jeder Gedanke ist scheußlich ... Doktor, ich ersticke!«

Er war wieder in den Lehnstuhl gesunken, aber nun fuhr er auf, als vergehe ihm wirklich der Atem, riß oben an seinem Hemd, bis der Knopf zersprang und die Krawatte sich ablöste, und atmete mit offenen Lippen. Ifinger rang nach Fassung und Besinnung; ihm selber verging die Luft. »Sie haben nicht unrecht,« sagte er endlich mit äußerer Ruhe, in seinem trockenen Ton, »wenn Sie hier ersticken: das ist ja ein dicker Dunst, in dem man nicht atmen kann. Abgesotten; schwül. Kommen Sie hinaus. Lieber, guter Freund, kommen Sie hinaus. Draußen sprech' ich besser – und Sie denken besser. Wie alt sind Sie denn? Sechsundzwanzig, höchstens siebenundzwanzig Jahre; dann schämen Sie sich, von Sterben zu sprechen. Es gibt in Europa noch mehr Barone als den einen; es gibt auch Leute, die keine Barone sind und doch Bilder kaufen. Ich helfe Ihnen suchen. Ich helf' Ihnen so lange, bis wir welche finden. Kommen Sie nur erst hinaus! in die Luft!«

Er stieß das alles geschwind hervor, wenn auch nicht so fließend wie sonst; nahm einen weichen Filzhut vom Tisch und setzte ihn dem Maler ohne weiteres auf den Kopf; dann hängte er sich in dessen Arm und zog ihn langsam zur Tür. Kircher betrachtete ihn sehr erstaunt, mit noch etwas wirrem Blick; er blieb stehn, doch machte er sich nicht los. »Was sind Sie für ein närrischer Mensch?« sagte er, mit plötzlicher Rührung kämpfend. »Wie kommen Sie mir vor?«

»Ich? Hoffentlich wie ein –«

Kircher ließ ihn nicht ausreden: »Doktor, Sie sind verrückt! Was gehe ich Sie an? Warum stürzen Sie sich in solche Unkosten von Menschenliebe – für ein verlorenes Subjekt? Was machen Sie für ein schauderhaft mitleidiges Gesicht?«

»Fällt mir gar nicht ein«, brummte Ifinger. »Ich will Sie nur in die Luft führen, weil Sie hier nur auf abgesottene Gedanken kommen –«

Auf einmal umklammerte ihn der Maler und drückte sein knochiges Gesicht gegen Ifingers Schulter. »Sie sind so gut, so unsinnig gut«, stöhnte er, wieder leise schluchzend. »Wollen mir helfen ... Mir ... Die andern laufen fort, Sie bleiben, Sie hören mit Engelsgeduld all meine Bosheit an, hegeln und hätscheln mich wie ein krankes Kind ... Sie sind wie meine Schwester! Wie Milli!«

Der Name ging Ifingern – nicht zum erstenmal heute – wie eine warme Welle über die Brust. »Ich bin nur ein Mensch, wie Sie«, gab er kurz zur Antwort. »Wie wär's mit einem Glas Bier, Kircher, in der Abendluft. Da bereden wir's weiter ... Sehn Sie, da ist die Tür!«

Er hielt unterdessen die Schulter still, damit der andre noch eine Weile auf ihr ausruhn könnte. Die zitternde Bewegung von Kirchers Kopf hörte langsam auf; er hob sich empor, ein eckiger, aber rührender Ausdruck von Scham ging darüber hin. »Ja, ja, ja«, murmelte der Maler. »Ja, da ist die Tür. Wie ich Ihnen wohl vorkomme ... Aber wenn Sie wüßten, wie lange ich schon auf dem letzten Loch – – Wie wär's mit einem Glas Bier, sagen Sie. Ich will mich doch von einem Mann wie Sie nicht verachten lassen. Junge Leute müssen hoffen, natürlich. Ich will auch noch hoffen! – Sie haben so was an sich, da geht einem das Herz wieder auf. Sie sind zum Verlieben, Doktor; durch Ihre verwünschte Brille schauen Sie so wahnsinnig gut heraus ... Ich bin nicht gefühllos, Doktor! Glauben Sie mir, in all meinem Elend bin ich kein undankbarer Hund; ich sehe, was für einer Sie sind – und ich danke Ihnen. Sie und Milli – zwei echte Menschen ... Helfen Sie mir, helfen Sie mir; ich will noch nicht verzagen. Also hinaus in die Luft!«

Er zog nun selber den andern fort, seinen Arm heftig drückend – es sollte Zärtlichkeit sein – und ging aus der Tür. Sie kamen auf die Straße, und hier faßte sie allerdings ein anregender Wind, der ihnen aufmunternd durch die Haare fuhr; nur daß es ein Südost war, der gefeuchtete Schwüle brachte, statt das Blut zu kühlen. Über Kircher kam eine ziellose Unruhe nach der wilden Verzweiflung; er führte Ifinger, statt geführt zu werden, doch ohne zu wissen, wohin; durch die Augustenstraße bogen sie in die Dachauer Straße ein und zogen bis auf den Platz, vor dem sich der Ostbahnhof – damals noch nicht ein Teil des Ganzen geworden – mit dem alten Staatsbahnhof brüderlich vereinte. Ein jetzt verschwundener Biergarten stieß an diesen Platz; ein etwas verkümmertes Anwesen mit geringem Baumwuchs, doch fanden sich hier dann und wann, im Vorübergehn, ein paar Freunde zusammen. Es dämmerte bereits. Der Garten war fast menschenleer. »Sollten wir nicht hier –?« fragte Ifinger. Der Maler nickte stumm, und sie traten ein.

Kaum hatten sie aber Platz genommen, so sprang Kircher wieder auf, mit unheimlichen Augen über Ifinger hinwegstarrend. An einem der nächsten Tische saß eine Gesellschaft von Männern, in halblautem Gespräch. Das schwül bleiche Abendlicht hob unter ihnen ein bartloses, mageres Gesicht von unschöner Farbe hervor, das in dieser Beleuchtung nicht zu verkennen war: Brenzel, der Kritiker, seinen Stuhl gegen einen Baum zurückgelehnt, saß halb liegend da. Aus Kirchers geschlossenem Mund kamen einige verwilderte, schauerliche Töne, noch unheimlicher als sein Blick; gleich darauf ging er, vor Aufregung etwas schwankend, auf den Kritiker zu. Der erschrockene Ifinger, gleichfalls aufgesprungen, eilte ihm nach. »Kircher!« rief er mit halber Stimme.

Der Maler hörte ihn nicht. Er stand vor Brenzel, noch ohne ein Wort zu sagen; offenbar weil die Kehle ihm noch nicht gehorchte. Brenzel sah ihn unsicher an, der Ausdruck in Kirchers Gesicht überraschte ihn. Mit leidlicher Ruhe sagte er aber höflich »Guten Abend!« und zog seinen Hut.

»Wie können Sie die – Dreistigkeit haben, mich noch zu grüßen?« erwiderte nun der Maler, dem die Stimme bebte.

»Ich verstehe Sie nicht«, sagte Brenzel kalt, nach kurzem Besinnen. »Ich habe keinen Grund, Sie nicht mehr zu grüßen; darum grüß' ich Sie. Darf ich fragen, was Sie von mir wollen?«

Kircher dämpfte die Stimme, soviel Besinnung war ihm noch geblieben; er trat noch näher, so daß er den Baum hinter Brenzel mit der Hand berührte, und sagte, mit fast geschlossenen Zähnen: »Haben Sie keine Ahnung, Herr, was Sie sind? Was Sie tun? Daß Sie mit Ihrer Frechheit, Ihrer Schnödigkeit den Leuten nicht nur die Ehre abschneiden, vielleicht auch das Leben? Daß Sie – Sie – mit Ihrem konfiszierten Gesicht, mit Ihrer von Gott gezeichneten Visage – sich eine Wollust daraus machen, andre zugrunde zu richten? – Haben Sie denn keine Ahnung, Herr, was für ein Handwerk Sie treiben? Daß das Mord sein kann? Daß Sie vielleicht ein Menschenleben zu verantworten haben, zehnmal mehr wert als Sie?«

»Kommen Sie, kommen Sie!« murmelte Ifinger, der hinter dem Maler stand und ihn unwillig am Ärmel zog. »Sind Sie denn des Teufels?«

Kircher riß sich aber los; er war nicht zu halten. »Ja, ein Mord, ein Mord!« wiederholte er mit stärkerer Stimme und die Zähne öffnend. »Hören Sie, Herr: ein Mord!«

»Ja, ich höre, ich höre«, erwiderte der andere. »Ich kenne die Phrasen, Herr ... Aber wenn es auch keine wären – ich hab' nach meinem Gewissen zu urteilen, und nach weiter gar nichts. Es handelt sich nicht um Essen und Trinken, sondern um die Kunst. Wollen Sie jetzt gefälligst Ihrer Wege gehn –«

»Reizen Sie mich nicht!« fiel ihm Kircher ins Wort. »Herr, wenn Sie nicht ganz verrückt sind, so reizen Sie mich nicht! – Ihr ›Gewissen‹, sagen Sie ... Wo sitzt Ihr Gewissen; zeigen Sie mir das ... Na, und was sagt Ihr Gewissen, wenn Sie einen Mann wie mich zur Verzweiflung bringen und ich Ihnen das erste beste Messer in die Brust stoße – und nach Ihnen mir? Wo sind Sie dann, Sie mit Ihrem Gewissen? Wo bleiben Sie dann mit der ›Kunst‹?«

Es war ein Klang in seiner Stimme, eine Glut in seinen Augen, fast so drohend wie seine Worte. Brenzel sah unwillkürlich nach Kirchers Hand; er hatte sich bisher nach rückwärts gegen den Baum gelehnt, jetzt hob er sich nach vorn und stand auf. An seinem Tisch erhob sich alles. Einer der Herren stellte sich neben Brenzel, wie um ihn zu schützen.

»Wenn ich jetzt nicht ein Ende mache –!« dachte Ifinger. Er nahm all seine Kräfte zusammen – schwächlich war er durchaus nicht – umschlang den Maler von hinten her und zog ihn zurück. »Denken Sie an Ihre Schwester!« flüsterte er ihm zu. »Denken Sie an Milli!« – Er fühlte, daß nach diesen Worten Kirchers Widerstand nachließ. Sowie er das wahrnahm, faßte er ihn Arm in Arm, raunte ihm noch einmal den Namen der Schwester zu, und zog ihn aus dem Garten hinaus.

Erst vor dem Eingang fand Kircher seinen Willen wieder. Mit einem wilden Ruck befreite er seinen Arm; er sah Ifingern drohend ins Gesicht, sein eigenes war glühend rot. Dann blickte er nach dem Garten zurück, plötzlich schien ein andres, schreckliches Gefühl über ihn zu kommen; er verlor die Farbe, schlug sich dann mit einer Hand vor die Stirn, bedeckte sich die Augen. Ein stöhnendes, hell aufwimmerndes Geräusch kam aus seiner Kehle, das Ifingern durch Mark und Bein ging.

»Lassen Sie mich! Lassen Sie mich!« rief er gleich darauf, da Ifinger die Hände ausstreckte, wie um ihn von neuem festzuhalten. »Es ist aus! Lassen Sie mich gehn!« – Er knitterte noch etwas zwischen den Zähnen hervor, das nicht zu verstehen war; entfernte sich, mehr stürzend als gehend, über den weiten Platz gegen die Bayerstraße zu, und war schnell verschwunden.

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