Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Adolf Wilbrandt >

Hermann Ifinger

Adolf Wilbrandt: Hermann Ifinger - Kapitel 13
Quellenangabe
authorAdolf Wilbrandt
titleHermann Ifinger
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170608
projectid8ddab11e
Schließen

Navigation:

XII

Was ist ihr? Was hat sie? dachte Ifinger laut, als er die Treppe zu Leo Falks Atelier hinaufging. Steigt es ihr gleich zu Kopf, wenn sie leidend ist? Hat sie kranke Nerven? – Er fühlte eine seltsame Enttäuschung: dieses blühende Mädchen mit der gelassenen Anmut der Bewegungen hatte er sich so recht natürlich gesund, so gar nicht modern angekränkelt gedacht. Jetzt will sie auf einmal fort, dachte er, wenn sie zwei Tage nicht wohl ist; und sowie man sie in seinem Mitleid etwas herzlicher anschaut, läuft sie aus der Tür. Ist sie so »sensitiv«? – Oder empören sich ihre zarten Nerven nur gegen mich? – – Er verspürte eine Art von Erbitterung gegen sie; nur daß er sich zu gleicher Zeit stark beklommen fühlte und einen harten Druck auf der Brust, der ihm gar nicht gut tat. Zuneigung keimt so gern im Sonnenschein der Freude; Mitleid aber treibt sie wie Gewitterregen ... Auf dem Treppenabsatz stand er still; er wäre am liebsten wieder umgekehrt und ihr nachgelaufen, bis er sie irgendwo, wie vorhin der Bruder, an die Brust gedrückt und getröstet hätte ... Getröstet? Wodurch? Wozu? – Mit ihr fortzugehn? an den Rhein? Als was? Oder ihr gute Worte zu geben, süße, streichelnde, bis sie wieder mit rosenroten Wangen gelächelt und ihm geantwortet hätte: ich dank' Ihnen, es geht vorüber, der Kopf ist schon besser – und ich bin Ihnen gut!?

Er mußte über sich lächeln und ging wieder weiter; es gab ihm aber einen Stich, an ihr letztes Gesicht zu denken, das so ganz und gar nicht sagte: »Ich bin Ihnen gut!« – Eine geraume Weile stand er dann vor Leos Tür – drinnen hörte er sprechen – und suchte sich zu fassen; endlich merkte er, daß ihm nur der Zwang, die Menschen dazu helfen würden, klopfte und trat ein. Um den Baron, der bei dem altdeutschen, grünen Kachelofen stand, sah er die Maler, auch Erhart, versammelt; nur Falk saß vor seiner Staffelei, er hatte die Baronin nach seiner Weise sogleich stilvoll drapiert und in einen Renaissancesessel gesetzt, und verschlang sie einstweilen mit den Augen, da er noch nicht malte. Das war also dieses »schöne Weib« oder vielmehr dieses »Eidechsige, Sonderbare«, wie Nämlich es genannt hatte. Sie versank etwas in den Sessel, die kleine, zierliche Gestalt; vor Ifingers Augen, dem noch die stattliche, fast üppige Porzelläne vorschwebte, saß sie ungefähr wie ein »erwachsenes Kind« da (was ja ein logischer Unsinn ist! dachte er, sich selber heruntermachend), und schien auch mit den neugierigen Augen eines Kindes in die Welt zu sehen. Die »Virginiaaugen«, dachte Ifinger; die »transatlantischen« ... Es waren in der Tat fremdartige, sonderbare, gleichsam verschleierte Augen; ein bläulicher Duft lag auf dem Weiß, das die dunklen Sterne umgab, etwas unregelmäßige schwarze Bogen zogen sich darüber hin. Wie zwei lebendige, schöngefärbte Fragen schauten diese Sterne aus dem länglich schmalen Gesicht hervor; der fast zu große Mund, mit den schwellenden, wollenden, gleichsam welthungrigen Lippen schien diese Doppelfrage nachzusprechen. »Wer wird uns denn alle die Rätsel lösen?« schienen sie zu sagen, als Ifinger ihr gegenüberstand und sich in etwas ungeschickter Eckigkeit verneigte: »du vielleicht?« Siehst du danach aus? Wieviel von der Welt hast du denn in dir?« – Die junge Frau erwiderte seinen Gruß mit so außerordentlicher Anmut, daß das »Kind« verschwand, und sah ihn aufmerksam an. Er errötete; es gefiel ihm nicht, daß sie ihn so naiv unbefangen prüfte. »Die Porzelläne ist schöner!« dachte er gereizt. Indessen mußte er doch hinschauen und die wunderbar zarte Elfenbeinfarbe anstaunen, die das junge Gesicht verklärte und oben an der überkrausten Stirn unter schwarzem Gelock verging.

»Mein gelehrter Freund, von dem ich dir sagte, Doktor Ifinger!« bemerkte der Baron, der herangetreten war und ihn der Baronin vorstellte. Er drückte Ifingers Hand; dann hielt er sein Glas wieder an die Augen, um die humoristischen Phantasien und Karikaturen zu betrachten, die Leo Falk und die Freunde auf die Wände gemalt hatten, und wanderte an ihnen hin. Kircher folgte ihm, als wäre er sein Schatten.

»Oh, ich weiß viel von Ihnen!« sagte die Baronin und sah Ifinger wieder lebhaft, aber mit verbindlichem Lächeln an. »Oder heißt es ›von Sie‹? Nein, nein, von Ihnen; ich weiß schon. Mein Mann hat mir diese letzten Tage viel erzählt über Ihre Gelehrsamkeit!«

Hermann Ifinger machte nur eine ablehnende Gebärde, er vergaß zu antworten; so sehr überraschte ihn das Mienenspiel der jungen Frau. Während ihre feine, helle Stimme gar musikalisch klang und das nicht ganz korrekte Deutsch reizend fremdartig sprach, entstand auf ihrem Gesicht eine Bewegung, die ihn fast verblüffte; ein solches Spiel aller Muskeln um Auge und Mund hatte er selbst in Spanien kaum gesehn, es schien noch etwas »Transatlantisches« hineinzuspielen. Welch ein Gegensatz zu der armen Porzelläne! Die kindlich weichen Züge der Baronin schienen wie lustige Vögel auseinanderzuflattern, während sie sprach, als müßten sie jedes Wort mit ihrem Geschwirr begleiten; es wunderte ihn fast, daß sie sich hernach wieder zusammenfanden. Diese Unruhe verschönte sie nicht (die Porzelläne ist schöner! dachte er zum zweitenmal); erst als sie verstummte, stellte sich der jugendliche Liebreiz wieder her. Nun zeigte sie ihm aber ein so kindliches, so entwaffnendes Lächeln, daß er sie mit übergroßen Augen anstarrte und (er fühlte es zu seinem Verdruß) ein geistverlaßnes Gesicht machte.

»Sie können auch Spanisch mit ihm sprechen!« sagte Leo Falk, der sie in seiner äußeren Unbeweglichkeit studierte. »Er hat uns neulich ein ganzes spanisches Trauerspiel deklamiert!«

»Ein Stückchen von einem Lustspiel nämlich«, entgegnete Ifinger, zur Baronin sprechend. »Mit meinem Spanisch ist's nicht weit her: ich kann nur mit Kellnern und Ladendienern sprechen. Italienisch – o ja!«

Das Gesicht der jungen Frau geriet wieder in Bewegung. »Italienisch! Va benissimo!« rief sie mit drolligem Eifer aus. »Ich spreche auch Italienisch, und ich hab' ihn lieber; wenn ich auch noch nie in Italien war – es ist die schönste Sprache, nicht wahr, die reinste Musik. Darum hab' ich ihn gelernt und recht viel gesprochen ... Warum lächeln Sie?«

»Verzeihen Sie,« antwortete Ifinger, »ich lächelte nur so aus Versehn über diese internationale Mischung: eine Nordamerikanerin, die in Spanien geboren wird, Italienisch spricht und einen Deutschen heiratet –«

»Weil ich auch Deutschland liebe!« fiel sie ihm ins Wort. »Nicht für die Sprache, die ist nicht so schön; aber deutsche Musik, und deutsche Philosophie, und deutsches Denken – das geht über alles! – Mein marito sagt mir, Sie sind ein echter Deutscher; ob für die Musik, ich weiß nicht – aber für das Wissen und für die Gedanken. Darum bin ich glücklich, daß ich Sie hier sehe! – Kunst und Wissenschaft ... Sie müssen gut sein und mich etwas bilden und belehren, während der Herr Falk mich malt; dann sind wir au grand complet, alles Gute und Schöne auf einmal!«

Sie sagte dies mit einem reizenden Lächeln und zeigte ihre Zähne; fast waren sie zu groß (größer als die der Porzelläne! dachte Ifinger), aber vom reinsten Glanz, von leuchtender Gesundheit. Erhart trat hinzu und nickte. »Frau Baronin, Sie irren nicht,« sagte er mit großem Ernst, »dieser schreckliche Mensch weiß alles. Er denkt auch an alles. Er ist sogar der einzige, der schon jetzt die Flugmaschine erfunden hätte, wenn Gott das nicht dem nächsten Jahrhundert vorbehalten hätte!«

»O ja, ich weiß das durch mein Mann!« erwiderte die Baronin in der anmutigsten Heiterkeit, zugleich voll Bewunderung. »Bitte, bitte, Herr Doktor, bilden Sie mich ein wenig, lassen Sie mich teilnehmen von Ihre Wissenschaft. Erzählen Sie, während Ihr Freund mich malt, von Ihre Fugmaschine!«

Diese vornehmen Damen sind unausstehlich, dachte Ifinger; sie betrachten uns andern als Schwämme, die sie ausdrücken; nur für die Langweile. Warum fragt sie nicht lieber gleich: Was halten Sie von Gott und der vierten Dimension? – Er sah sie mißvergnügt an, lieber an die arme Milli denkend; nur daß ihn diese merkwürdigen »transatlantischen« Augen doch wieder entwaffneten. Ja, sie fragten viel; aber nicht wie die neugierig lüsternen der Lina Schellenberg, sondern reizend ernst, wißbegierig sinnend, in reiner Unschuld des Welthungers. Sie warteten auch ruhig, obwohl er ziemlich lange schwieg; mit aristokratischer Höflichkeit – nein, mit mehr, mit kindlicher Güte, die von der eitlen Ungeduld einer schönen Dame nichts zu wissen schien. Indem er dies alles unklar und gleichsam wider Willen fühlte, schüttelte er verwirrt den Kopf, stieß mit den Fingern gegen seine Brille und entgegnete endlich: »Gnädige Frau, ich verspreche Ihnen das erste Exemplar meiner Flugmaschine, sobald sie geglückt ist; mit gedruckter oder mündlicher Erklärung, ganz wie Sie befehlen. Durch welche Mittel es mir gelungen ist, die Erfindung noch zu verfehlen, das zu erfahren macht Sie wohl nicht glücklich. Wollen Sie aber für die Welt etwas tun, so arbeiten Sie mit mir neidlos für meinen Nachfolger, dem es glücken wird!«

»Wie soll ich das machen?« fragte sie, liebenswürdig lächelnd.

»Das ist sehr einfach – wie alles Große. Wenn eines Tages die Maschine da ist, so handelt sich's ums Auffliegen, ums Abstoßen; das ist das Schwerste, natürlich – alles andre ist Kleinigkeit. Man sollte also die zukünftigen Menschen darauf einüben, vorbereiten; fängt man schon heut' damit an, und übt es an sich und lehrt es seinen Nachkommen, so kommen die Leute im zwanzigsten Jahrhundert, nach dem Gesetz der Vererbung, schon mit dem fertigen Instinkt auf die Welt und haben's in den Muskeln. Darum hab' ich es gelernt und üb' es mit den Buben und Mädeln meiner Bekanntschaft; – nämlich so stößt man ab, wenn man fliegen will!« – Er stellte sich mit vollkommenem Ernst in Positur und machte die Bewegungen, die er in seinen Worten beschrieb: »Sehen Sie, so mit der linken Hand setzt man da hinten am Rücken die Kurbel in Bewegung, streckt dann den rechten Arm nach vorn in der Richtung aus, in der man davonfliegen will; dann gibt die Maschine einen Ruck, und man schnellt in die Luft!«

Die Baronin lachte laut und herzlich mit ihrem fröhlichen, silbernen Sopran; so herzlich, daß der Baron seine Wanderung an den braunroten Wänden hin unterbrach und herzutrat; sein Schatten, Anton Kircher, folgte. »Wie mir das gut gefällt«, sagte sie dann; »Sie machen selber ein Spaß aus der Flugmaschine, die Sie mit all Ihre Mühe nicht gefunden haben. Sie sind nicht wie so viele deutsche Gelehrte, die so furchtbar ernst sind, mit ein portamento cosi tragico. Sie haben den großen Humor im malheur – wie nennen Sie ihn doch?«

»Den ›Galgenhumor‹«, erwiderte Ifinger.

»Ja, den meine ich. Ein sehr gutes Wort. Ich liebe den ›Galgenhumor‹!«

Die vier Silben klangen gar drollig in ihrer wohllautenden, aber fremden Betonung, von ihren mädchenhaft aufgeblühten Lippen. »Es freut mich, daß dir der Herr Doktor gefällt«, sagte der Baron; »wie ich euch beide kannte, wußte ich es vorher. Wußte ich es vorher. Ich hoffe, er macht uns bald das Vergnügen ... Daß er dann wiederkommen wird, daran zweifl' ich nicht!«

Um diese galanten Worte zu bekräftigen, beugte er sich nieder und küßte ihr die Hand. Sie sah ihn sehr freundlich, wenn auch nicht zärtlich, an. Als der Baron so ritterlich ergeben dastand – freilich auch als Liebhaber an den Don Quichotte erinnernd, aber eine nicht uninteressante Mischung von Hidalgo und gelehrtem Träumer – begriff Ifinger zum erstenmal, daß eine so weltverlangende Schöne sich an diesen Mann hatte hängen können. Es hatte sie wohl noch mehr der deutsche Träumer gewonnen als der deutsche Ritter ... Indem er das dachte, fühlte er sich am Arm gefaßt und spürte einen warmen Atem in seinem Nacken. Kircher stand hinter ihm und flüsterte: »Beneidenswert, dieser Falk! So eine amerikanisch-spanische Venus zu malen – und so ein geistreiches Sphinxgesicht. Alles kommt an Leo!«

Ifinger antwortete nicht. Gleich darauf fragte Kircher laut, offenbar eine zitternde Aufregung überwindend: »Herr Baron, hätten Sie jetzt die Güte, einen Blick auf meine Schwarten zu werfen? Der Schmerz ist kurz. Nur eine Treppe tiefer.«

»Ich danke Ihnen«, sagte der Baron verbindlich, aber kühl; »für heute beschränk' ich mich lieber auf Herrn Falks Atelier und sehe ihm beim Malen zu. Ein andermal, wenn es Ihnen recht ist. Bald!«

»Bald!« setzte er noch einmal hinzu, mit einem kurzen, freundlichen Nicken, das aber eine verwünschte Ähnlichkeit mit begönnernder Herablassung hatte. Der wächst sich rasch zum Mäzen aus! dachte Ifinger. Unter seinem Hinterkopf verspürte er wieder Kirchers aufgeregten Atem und fühlte, wie sich dessen Schulter an die seine drückte. »Ist das nicht, um sich eine Kugel vor den Kopf zu schießen?« hörte er ihn flüstern. »Nicht fünf Minuten hat er für mich übrig; ›ein andermal, wenn es Ihnen recht ist‹. Allerdings, ich bin nicht berühmt ... Hole der Teufel Ihren Baron!«

»Hol' ihn der Teufel!« wiederholte Kircher und ging langsam hinaus, durch eine offene zweite Tür, die in ein kleines Nebenzimmer führte. Niemand gab auf ihn acht, außer Ifinger; nur dieser hatte sein Flüstern vernommen; auch lag noch das Gespräch zwischen Bruder und Schwester auf ihm, das er vorhin erlebt hatte. Er sah dem Verstörten nach, mitleidig und beklommen. Wenn er ihn etwas aufrichten oder trösten könnte ... Den Bruder der Porzelläne ... Leo Falk war eben beschäftigt, der Baronin eine bessere Stellung zu geben, ehe er ans Malen ging; der Baron sah tiefsinnig zu, Erhart und Nämlich standen hinter ihm. Von einer warmen Aufwallung getrieben, ging Ifinger geräuschlos bis zur offenen Tür und dann über die Schwelle. In diesem kleineren Gemach standen lange Tische, mit Zeichnungen, Photographien und allerlei Scharteken, auch alten Büchern bedeckt; einige überflüssige Möbel schliefen ungebraucht in den Winkeln. Durch ein niedriges Fenster kam ein Übermaß von Licht herein. Ifinger dachte Kircher hier zu finden, von seinem Groll in irgendeine Ecke gedrückt; aber der Maler war fort. Er hatte sich offenbar durch die andre Tür entfernt, die auf den Vorplatz hinausführte.

Unentschlossen stand Ifinger eine Weile da. Sollte er ihm folgen? – Durch das Fenster sah er mit gleichgültigen, verlorenen Blicken auf die Straße; es war die Augustenstraße; sie war mittäglich still und leer, nur die blauen Uniformen zweier Soldaten gingen an seinem Auge vorbei. Eine dunkle Gestalt bewegte sich an den Häusern gegenüber, langsam, bis sie stehenblieb; nun ward sie ihm erst bewußt. Er sah ein Gesicht, das sich zu heben, heraufzublicken schien. Es schien blaß zu sein. Auf einmal glaubte er die Züge oder die Formen zu erkennen; ja ihm war, als sähe er einen ganz bestimmten, traurigen, verhärmten Ausdruck, den er noch lebendig im Gedächtnis hatte ... Es war die Porzelläne; da stand sie; trotz seines schwachen Gesichts konnte er nicht zweifeln. Warum stand sie da? Wollte sie noch einmal zum Bruder? Weshalb ging sie dann nicht ins Haus? Was war hier zu sehn? Was trieb sie in ihrem elenden Zustand durch die Straßen?

In diesem Augenblick schien sie ihn hinter dem Fenster zu entdecken; denn mit einer jähen Bewegung wandte sie sich ab und ging weiter, der Brienner Straße zu. Im nächsten Augenblick eilte Ifinger zur Tür. Er fragte sich nicht, was er wolle; den Hut, den er noch in der Hand hielt, auf die Stirne drückend, kam er auf den Vorplatz und sprang die Treppe hinab. Die mögen da drin die Baronin malen, dachte er, und auch unterhalten ... Auf der Straße schlug ihm ein feiner Regen ins Gesicht, er hatte noch nicht aufgehört; es war nur ein Sprühen, aber der Wind und die Kühle machten es empfindlich. Die Porzelläne hatte ihren Schirm gleichwohl nicht aufgespannt; sie ging auf der andern Seite der Straße fort, den schräge fallenden Tropfen entgegen. Eh sie an die Ecke kam, blickte sie zurück. Sie bemerkte offenbar, daß Ifinger ihr folgte; ihre Schritte wurden hastig, vor Unruhe, wie es schien, strauchelte sie und wäre fast gefallen; gleich darauf aber verschwand sie nach rechts in die Brienner Straße hinein. Ifinger eilte ihr nach.

Erst als er sie fast erreicht hatte, kam er zur Besinnung. Was jagte ihn denn hinter ihr her? Was wollte er ihr sagen? Hatte er ein Recht, sie mit seinem Mitleid zu verfolgen, wenn sie keines wollte? – Sie schritt immer hastig fort; er blieb stehn. Es ergriff ihn auch eine unheimliche Furcht vor sich selbst: er fühlte, daß ihr Fliehen ihn übermäßig reizte, daß er eine Tollheit begehen möchte, um ihren Trotz zu brechen ... Oder wär's keine Tollheit –? dachte er, mit sich selber streitend. Jedenfalls sie doch nicht aus den Augen lassen; – wohin mag sie gehn? Wohin mag sie gehen? – So fragte er sich einmal über das andere, als gäbe ihm diese Ungewißheit ein Recht oder eine Pflicht, ihr doch nahe zu bleiben ... Sie ging nicht nach Haus, sie schritt die ganze Brienner Straße entlang, an ihrem Geschäft vorbei, endlich in den Hofgarten, auf dessen Arkaden und Bäume die »königliche Residenz« hinabsah. Schräg durch ihn hindurch hastete sie dem Ausgang zu, der in den großen Park, den »Englischen Garten«, führt. Will sie in den hinein? dachte Ifinger, der ihr aus einiger Entfernung folgte. Als er aber durch diesen Ausgang wieder ins Freie kam, war das Mädchen verschwunden. Weder auf dem Weg zum Park, noch rechts und links in den Straßen konnte er sie entdecken. Eine Weile stand er wie verblüfft. Was war ihr geschehn?

Das Gebäude des Kunstvereins fiel ihm in die Augen; es stieß an die Arkaden des Hofgartens, neben dem Parkausgang; von dort trat man ein. War sie nicht in die Erde versunken, so mußte sie in die Ausstellungsräume des Kunstvereins hinaufgestiegen sein! – Er ging wieder zurück und hier die Treppe hinauf. Vielleicht wollte sie sich noch einmal, ihrem leidenden Kopf zum Trotz, an Leo Falks »Frühling« und seinem Triumph erbauen ... Als er den Saal betrat, in dem dieses Bild hing, sah er einen bunten, unruhigen Haufen, der sich davor drängte; vor den andern Gemälden in diesem Raum war kein einziger Mensch. Die meisten gafften stumm, viele, ohne etwas zu sehn, da die Köpfe und Schultern der andern wie Mauern vor ihnen standen. Eine schrille, noch unreife Stimme ließ sich aber unerschrocken hören, nicht laut, eher flüsternd, aber doch so scharf ins Ohr dringend, daß Ifinger sie erkannte.

Zunächst vor dem Bild standen Hand in Hand drei Mädel, zwei lang aufgeschossen, eines breit, schon seitlich, obwohl wie die andern noch ein halbes Kind; die längste, in der Mitte, erklärte den andern das ganze Gemälde, mit dem Finger deutend. Ungefähr die Hälfte der kleinen Amoretten nannte sie leise beim Namen; dann entstand ein Kichern. Über die weißgekleidete Hauptfigur auf dem Fels, mit den weißen Rosen im Haar, sagte sie kein Wort; so oft sie aber mit dem stummen Finger darauf wies, verstärkte sich das Kichern, ging in ein dreifaches Flüstern über, und die drei Gestalten, so aneinandergekettet, schwankten wie am Faden aufgereihte und geschüttelte Kastanien hin und her. Die andern Zuschauer hinter ihnen schienen sich zu wundern, sahen sich aber nur an, ohne zu sprechen.

Endlich lösten sich die drei, nach der Seite zu, von dem Haufen ab und traten in den freien Raum. Sie hielten sich noch an der Hand. Ifinger stand vor ihnen; sowie ihn die längste, die Lina Schellenberg, erblickte, stieß sie ein herzhaftes »Ah!« aus. Dann nickte sie ihm zu, deutete mit dem Kopf nach dem Bild, drückte eines ihrer grünlichen Katzenaugen zu und lachte ihm ins Gesicht.

»Ich gratuliere«, sagte Ifinger halblaut, indem er eine seiner kurzen Verbeugungen vor ihr machte. »Das sind wohl die Kreszenz und die Kathi, nicht wahr?«

»Und die Resi«, erwiderte sie verbessernd. »Meine Freundinnen.«

»Dazu gratulier' ich nochmals«, sagte Ifinger, mit einem Blick auf diese »Freundinnen«, deren frühreife Gesichter gleichfalls ein unerschrockenes Betreten des breiteren Lebensweges zu verheißen schienen. »Nu, es geht ja gut, Lina: das Bild ist da, und Sie und Herr Falk werden zugleich berühmt. Sind Sie ihm nun dankbar? Wie?«

Sie blies ihre Lippen auf und stieß die Luft durch die Zähne. »Rächen tu' ich mich doch noch! und wie!« flüsterte sie dann. »Geben Sie nur acht!«

Plötzlich fiel ihr etwas andres ein; sie ließ ihre Freundinnen los, nahm Ifinger dreist beim Arm und zog ihn einige Schritte mit fort. »Lassen S' Ihnen was sagen«, raunte sie ihm ins Ohr; »sagen S' aber meinen Tanten und Basen nichts davon, wenn Sie die Urscheln noch sehn. Ich komm' zum Ballett!«

»Wohin? Zum Ballett?«

»Ich sag's ja. Ein feiner alter Herr will sich meiner annehmen; er hat einen großen Geldbeutel, sagt er, und ein gutes Herz; und da ich ihm auf dem Frühlingsbild so gefallen hab' und offenbar zur Kunst gehöre, sagt er, und ein ganz verteufeltes, romantisches Persönchen bin, sagt er, so will er mich ausbilden lassen für die Tanzerei. Wissen Sie, was 'ne Ratte ist? So eine soll ich werden, 'ne Ballettratte. Das ist komisch! Was? – Und dann eine Korrüfee!«

»Was für ein Geschöpf?« fragte Ifinger. – »Aha! Eine ›Koryphäe‹; eine erste Tänzerin bei der Großen Oper. Also so ein großes Tier hoffen Sie zu werden?«

»Na, und ob!« sagte sie lauter und warf den Kopf in den Nacken. »Sonst fang' ich doch gar nicht an! – Das weltberühmte Modell, der ›Frühling‹ von Leo Falk. Ein ›romantisches, verteufeltes Persönchen‹ ... Hast du nicht gesehn!«

Sie schlug eine kurze Lache auf – es erinnerte ihn wieder an die Pfauenstimme – und warf eine Fußspitze in die Luft, als solle sie zur Ballettprobe antreten. »Guten Appetit!« rief sie ihm dann noch zu. Wie eine aufgerichtete Eidechse huschte sie zu ihren Freundinnen zurück, packte sie an den Armen und zog sie zur Tür hinaus, nach dem Ausgang zu.

Die wird ihren Beruf nicht verfehlen! dachte Ifinger. Aber die Porzelläne! Wo ist die Porzelläne? – Es gab ihm einen Stich in die Brust: aus dem nächsten Saal trat sie plötzlich ein. Sie sah ihn nicht, sie blickte nur nach dem Bild und auf das Gedränge, das ihr noch immer den Zutritt verwehrte. Eine schwermütige Ungeduld verzog ihr noch bleiches Gesicht. Sie schlug die Augen auf, wie zum Himmel, heftete sie dann wieder auf den Menschenknäuel. Eine ihrer Fußspitzen hob sich und fiel wohl ein dutzendmal, wie ein Hammer, aber leise, auf den Boden nieder. Sie sprach mit den Lippen. Bei alledem schien sie ihm schöner, rührender als je ... Endlich machte sie eine Bewegung, als wolle sie gehn, zuckte mit den Schultern und blickte nach dem Ausgang. Jetzt schien sie Ifinger zu bemerken, denn sie fuhr leicht zusammen.

Nicht fort! Ich rede sie an! dachte er sehr erregt, fast laut. Er ging auf sie zu. Es war aber schon zu spät; eine kleine Gestalt stand vor ihm, die ihm den Weg vertrat, mit einem großen, rundlichen Kopf, den er gleich erkannte: es war die Tante der Lina, Frau Veit, die ihn vor Tagen besucht hatte. Neben ihr, bescheiden etwas weiter zurück, hielt sich die Große, die Christel. Frau Veit verneigte sich so tief, daß sie fast verschwand, lächelte ihm dann vertrauensvoll zu und hielt ihm ihre Hand hin: »Heut' nachmittag reisen wir nämlich ab!« sagte sie flüsternd, als wolle sie sich entschuldigen, daß sie immer noch da seien. »Mußten doch das Bild noch sehen, Euer Gnaden«, fuhr sie unaufhaltsam fort; »von wegen der Lina; haben's nun gesehn. O mein! So ein Fratz, so ein Laubfrosch – da schaut's wie ein Engerl aus, man sollt's gar nicht glauben. Aus so was so was zu machen – Euer Gnaden, ich muß sagen, das ist eine große Kunst! Bald denkt man: das ist die Lina, grad so schaut sie aus, wenn sie einen anlügt; dann schaut man wieder hin und denkt: die ist selig worden, sag' nichts Böses auf sie, die hat schon den Himmelskranz auf, Respekt vor dem Mädel! – Und das lange anständige Kleid, das sie anhat – da ist nichts zu sagen. Nur daß sie die Beine so übereinanderlegt ... Aber das tut sie gern; hab's ihr oft gesagt: du Wuzerl, das schickt sich nicht; – da hat sie mir einmal frech ins Gesicht gelacht. Da hab' ich ihr 'ne Ohrfeig' geben ... Aber wie ein Engerl! mit den weißen Rosen! Allen Respekt, Euer Gnaden! So ein Lugenschippl, so ein leichtes Tuch – das ist eine große Kunst!«

»Aber laß den Herrn Doktor doch gehen«, sagte die Christel leise. Sie hatte die klugen braunen Augen auf die seinen geheftet und sah, daß sie ungeduldig über die kleine Frau hinwegschweiften. »Der Herr Doktor will fort!«

Frau Veit sank erschrocken in sich selbst zusammen. »Bitte tausendmal um Vergebung!« stammelte sie in ihrem gebildetsten Hochdeutsch. »Wollte durchaus nicht inkommodieren ... Nur weil wir wegen der Lina – – Euer Gnaden, nicht bös sein! Adje!«

Sie drückte sich beiseite, damit er gehn könne, wohin er wollte, und winkte der Christel mit den Augen und dem ganzen Gesicht, geschwind das gleiche zu tun. Gleich darauf waren sie fort, aus der Tür. Ifinger stand allein.

Er fühlte sich wie wirr im Kopf; als hörte er noch das sprudelnde Geflüster, mit dem ihn die kleine Alte überflutet hatte, und die schrille Keckheit der angehenden »Ratte«, des »Engerls«. Jetzt zur Porzelläne, zur Porzelläne, was auch danach komme ... Aber während die Alte sprach, hatte die blasse Junge sich still entfernt, er wußte nicht wie, noch wohin. Er suchte sie in dem Menschenhaufen vor Leos Bild, der sich nun endlich löste, er ging von Saal zu Saal; Milli blieb verschwunden.

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.