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Herakles

Louis Couperus: Herakles - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleHerakles
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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8.

Es war ein düsterer Morgen nach drei düsteren Tagen, die Herakles im Tempel seines Vaters Zeus zu Argos verbracht hatte, drei Tagen voller Büßen und Beten. Und während seiner Läuterung war das Gewitter nicht vom Himmel gewichen, und tiefe und schwere dunkelgraue Wolken, die hin und wieder barsten, standen über den grauen Bergen und über dem Agäischen Meer.

Rings um den geschlossenen Tempel blieb Tag und Nacht das in seiner Liebe erzitternde Volk versammelt und wartete, bis Herakles aus dem Tempel heraustreten würde, denn man wollte ihn mit allen Ehren dorthin geleiten, wo die Gefahr begann. Und Jolaos, der Lenker, führte an diesem Morgen den auf raschen Rädern dahinrollenden Wagen, der mit den schnaubenden wilden, weißen Rossen bespannt war, bis vor den Tempel und wartete zufrieden und mutig inmitten der finsteren Männer und der weinenden Frauen.

»Fürchtet nichts, o ihr Leute von Argos!« rief Jolaos. während er die wilden Hengste zügelte, die sich neben der Deichsel bäumten, so daß die Räder sich nach vorn drehten und dann wieder zurückglitten. »Fürchtet nichts für den Helden Herakles, der auch die Hydra von Lerna töten wird! Er hat als Kind die Schlangen erwürgt, die Hera wider ihn sandte. Seine Fäuste trafen, als er zum Jüngling erwachsen war, den Löwen von Thespiä. Und vor wenigen Tagen erst erlegte und erwürgte er den Riesenlöwen von Nemea. Fürchtet nichts, o ihr Leute von Argos! Der Held ist ja der Sohn des Zeus.«

Und nun öffneten die Priester die Pforten, und an ihrer Seite trat Herakles, der Zeusentsprossene, aus seines Vaters Tempel und schritt dahin, als wäre er selber ein Gott. Den roten Löwenkopf trug er als Helm auf dem Scheitel, während ihm das gelockte Fell von den Schultern herab über den Rücken fiel. Er lächelte ruhig und voll sanfter Güte, und keiner von all denen, die zu ihm aufblickten, gewahrte die Wehmut in seinen Augen, deren Farbe dem grauen Morgen glich, durch dessen Wolken kaum ein Streifen Blau hindurchzubrechen vermochte. Er schickte sich an. den Muschelwagen zu besteigen, als das Volk einen Lärm vernahm, und eine Schar fremder Jünglinge, fünfzig eben herangereifte Epheben näherten sich dem Tempelplatz und baten durch den Mund eines Sprechers flehentlich, den Helden begrüßen zu dürfen. Herakles winkte ihnen, näher zu kommen, und als sie zu ihm getreten waren, fragte er, dieweil er den Fuß schon auf dem Wagentritt hatte:

»Wer seid ihr, jugendliche Gäste, so schön und so kräftig an Gliedern, wer seid ihr, deren noch bartloses und liebliches Antlitz mich so bekannt dünkt?«

»Herakles,« sprach der Jüngling, der das Wort für seine Gefährten führte, »wir sind fünfzig Brüder, deine Söhne, und unsere Mütter sind die Töchter des Thespios. Vater, wir sind deine Kinder. Als wir vernahmen, daß du gehen wolltest, den Löwen von Nemea zu bekämpfen, haben wir geklagt und geweint und waren so verzweifelt, als wären wir nur schwache, am Webstuhl sitzende Jungfrauen, denn wir vermochten nicht auszudenken, daß du ihn besiegen könntest. O Vater, vergib uns die Schmach, die unsere Tränen dir angetan. Doch als wir vernahmen, o teurer Vater, daß du den entsetzlichen Löwen zu erlegen vermochtest, und daß du nun ausziehst, die Hydra zu bekämpfen, jubelten wir laut auf vor Freude und vor Stolz und eilten gen Argos, um dir zu sagen: Vater, sieh deine fünfzig Söhne vor dir stehen, wir sind alle, nachdem unsere Mütter uns umarmt und gesegnet haben, zu dir gekommen, um dich zu bitten: laß uns dir beistehen in dem fürchterlichen Kampf, schlage unsern Beistand nicht aus. Die Hydra ist das entsetzlichste Ungeheuer, das es gibt, mit ihren schuppigen Gliedern füllt sie den ganzen Sumpf von Lerna; ihre neun Köpfe recken sich auf Schlangenhälsen drohend aus der morastigen Tiefe empor: und der mittlere Kopf, o Vater, ist unsterblich. Vater, nimm uns mit dir und laß uns mit dir sterben oder gemeinsam mit dir vernichten, was unsterblich ist.«

Langsam hatte der Held den Fuß vom Wagentritt zur Erde gesetzt, und bewegt saß er jetzt auf der Tempeltreppe nieder und sprach:

»Mein teurer Sohn, meine lieben Kinder, sehe ich euch wahrlich, euch alle fünfzig, als eben herangereifte Epheben, so schön und mit so kräftigen Gliedern vor mir stehen, und erkenne nicht, wie sich in euren lieblichen und bartlosen Angesichtern die Züge eurer Mütter mit des Herakles eigener Art mischen? Ja. meine teuren fünfzig Söhne, ich erkenne euch, Antlitz nach Antlitz erkenne ich, Antlitz nach Antlitz spiegelt mir der Mütter Züge wider, des Thespios fünfzig zarte Töchter, zu denen Herakles in der von fünfzig Hochzeitsfackeln erhellten Nacht sich begab, deren Liebesbrand dem Tage folgte, an welchem der Löwe von Thespiä erschlagen ward. Um den mondbeschienenen Säulenhof in des Herrschers Palast reihten sich die rotwandigen Frauengemächer, wo die zarten Jungfrauen, in ihre Brautschleier gehüllt, den Bräutigam erwarteten, der zu ihnen allen liebevoll eintrat und ohne Zaudern sie alle in seine von Aphrodite beseelten Arme schloß. Die Nacht unter dem silbernen Himmelsglanze und dem Schein goldener Fackelflammen durchtönte der in der Ferne gesungene Hochzeitsgesang. Zart gezupfte Harfen und kunstvoll gespielte Flötenweisen erfüllten sie. Die Nacht war voll Rosenblust, es war die heilige Nacht der Aphrodite, und Thespios, der Herrscher, gab seine fünfzig schönen Töchter dem, der sein Land von dem Löwen befreit hatte. Meine Kinder, meine schönen Söhne, dem Thespios, dem würdigen Vater dieser Mütter, der mir die fünfzig zu Gemahlinnen gab, schenkte ich in euch, o meine Nachkommen, fünfzig mutige Enkelsöhne. Eure Jugend hat seinen Palast mit Hoffnung erfüllt, eure Jünglingskraft hat seine Kampfplätze geschmückt, und dann ... dann vernahmt ihr von eurem Vater Alkeios, der, wehe, durch den Haß der göttlichen Hera in ganz Hellas bekannt werden wird, und eiltet zu ihm, den ihr bereits Herakles heißet, und wollet ihm folgen in das Entsetzen, dem er nun entgegengeht? O meine Kinder, o meine teuren fünfzig Söhne, einen jeden von euch gebar eine andere Mutter: doch so, wie eure fünfzig Mütter einander an Schönheit glichen, daß es schien, als ob Alkeios jedesmal dieselbe Gattin umarmte, so gleichen ihre fünfzig Söhne einander an Tugend und Vortrefflichkeit. Nun, meine Söhne, lasset mich euch alle jetzt an mein Herz und in meine Arme nehmen. Ich habe euch lieb, o meine Kinder, als hätte ich, der unstete Wanderer, inmitten gesicherter Mauern eure zarte Kindheit in der leise schaukelnden Wiege gewiegt: als hätte ich eure ersten Spiele geleitet, eure kräftigen Glieder von jugendstarken Muskeln schwellen sehen. Ich habe euch lieb, gleich als sähe ich euch nicht zum erstenmal am grauen Tage, als wäret ihr an meiner Seite zu der Kraft und zu der Schönheit emporgeblüht, die ihr alle jetzt zeigt. Und ich habe euch so lieb ...«

Bewegt hatte sich Herakles erhoben, und seine Söhne umdrängten ihn, während er beinahe flüsternd fortfuhr: » ... ich habe euch so lieb, daß ich euch, schwächer jetzt als eure edlen, starkherzigen Mütter, sage: Geht ... geht alle hinweg von mir... leihet mir weder euren Beistand noch folget meinem schicksalsschweren Schatten, wachset zu Helden heran, aber fern von eurem Vater, denn er ist ein vom Schicksal Getroffener, und wenn ihr um ihn verweilet, so wird das Schicksal euch treffen gleich ihm. Und nun, meine teuren Söhne, drücke ich euch einen nach dem anderen an meine Brust: meine Wehmut gesellt sich der euren, und eure wohltuenden Tränen fühle ich gleich Tau in meinem bewegten Herzen, an das ich eure lieben Häupter drücke. Doch noch einmal wiederhole ich meine väterliche Bitte, wiederhole ich meinen väterlichen Befehl: kehret zurück zu euren Müttern, kehret zurück zu dem greisen Altvater, erfüllt seinen Palast mit eurer ganzen göttlichen Jugend, des Zeus strahlende Nachkommenschaft, und vergesset den, der vielleicht die Hydra vernichten kann, aber einstmals doch durch Heras Haß zugrunde gehen wird.«

So sprach gerührt der herrliche Held, indes er seine Söhne einen nach dem anderen an sein Herz drückte, seiner eigenen Göttlichkeit unbewußt, die er in seinen Söhnen nur widergespiegelt sah. Darauf näherte er sich dem Wagen, den Jolaos, der getreue Lenker, bereits bestiegen hatte: die Zügel hielt er in der Hand, und die schnaubenden, wilden, weißen Rosse, die sich eben noch neben der Deichsel hoch aufbäumten, schossen nun unter dem Hiebe der Peitsche über den weißen Weg vorwärts, vorüber an dem grauen Meer, die Straße entlang, die zu den Sümpfen von Lerna führte. In dem wolkigen Staub war die riesige Gestalt des Helden, der in dem Wagen stand, rasch am Horizont verschwunden. Und unter den schweren, dunklen, windbewegten Wolken floh das angsterfüllte Volk von Argos in das Innere des Tempels, wo das Bildnis des olympischen Zeus sich erhob, und die Priester führten die fünfzig Söhne des Herakles, die schönen, kräftigen Thespeiden, in das Heiligtum, auf daß sie das Opfer ihrer Dankbarkeit vollziehen könnten, nachdem sie ihren Vater umarmt hatten.

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