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Herakles

Louis Couperus: Herakles - Kapitel 48
Quellenangabe
pfad/couperus/herakles/herakles.xml
typefiction
authorLouis Couperus
titleHerakles
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091119
projectid08f314c4
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48.

Nach Argos machte sich die Menge auf, und Tausende drängten sich auf den Wegen. Es war ein klarer Wintertag. Unter weißem Schnee ruhten die Bäume und die Felder und die weißen Umrisse der Hügelketten. Kristallklar wölbte sich der Himmel mit zartem Blau über den weißen Landen, über einem Meer, das noch weiter war als der Himmel, und in all dem Weiß, von der blauen Meeresfläche und der blauen Himmelskuppel sich abhebend, stand des Zeus Tempel mit seinen Marmorsäulen leuchtend weiß, wie der Schnee selber, hoch auf dem Hügel, und die weißbeschneiten Felsen zogen sich dem Meere entgegen, das in der windlosen Stille ruhig ausgebreitet dalag. Und dunkelfarben wallten an diesem weißen Morgen die Tausende über die Wege und strömten gen Argos, wo, wie jeder wußte, Herakles, von seiner Knechtschaft befreit, seinem göttlichen Vater Dankopfer darbringen würde.

Über den Weg von Mykenä donnerte, mit der Peitsche knallend, indes die Menge zur Seite wich, Jolaos mit den zwei wilden weißen Rossen heran, und die daherstürmenden Tiere waren so weiß in der Weiße des stillen Schnees, so weiß in dem Gewimmel der aufwirbelnden Flocken, die ihre jagenden Hufe emporwarfen, daß sie wie Schneerosse erschienen. Und Jolaos, umhüllt von der flatternden Wolke des weiten Mantels, der sich türkisblau vom Azur des Himmels abhob, schaute sich immer und immer wieder um, als ob einer, der später als er Trachin verlassen, ihn einholen könnte, noch bevor er Argos erreicht hätte. Und die zu beiden Seiten des Weges wimmelnde Menge folgte neugierig dem angstvoll-fröhlichen Blick des Lenkers und vernahm in der Tat den schrillen Schrei eines, der rasch näher kam. Wer den Ruf vernahm, wandte sich seitwärts, und hinter des Jolaos weiterrasselndem Wagen, doch ferne noch, sah die freudig jauchzende Menge den raschen Boten durch die windlose Stille dahereilen, eilen, eilen, dem Winde selber gleich. Nicht minder rasch als Hermes auf geflügelten Sohlen die Wolken durcheilt, schwebte der leichtfüßige Lichas daher, eilte er auf den kaum den Weg berührenden Zehenspitzen durch die vor seinem Schritt zurückweichende Menge, und er glich einem immerfort schrille Rufe ausstoßenden Vogel, der tief über der Erde dahinstreicht... Auf seinen Rücken geschnürt trug er eine kleine Truhe, seine Locken flatterten hinter ihm, seine Fäuste hielt er geballt an die Brust gepreßt, und sein Ehrgeiz war es jetzt, Jolaos, der so viel früher mit den zwei wilden weißen Rossen aus Trachin aufgebrochen war, einzuholen, bevor er noch Argos erreicht habe. Und in dem blau und weiß leuchtenden Morgen schauten die sich scharenden Tausende nach dem Lenker Jolaos und nach Lichas, dem Läufer, hin, und sie wetteten auf den einen, sie wetteten auf den anderen, bis der rasche Bote sich kurz vor Argos' geöffneten Toren den schnaubenden Rossen näherte und das donnernde Gefährt und der pfeilschnelle Knabe zu gleicher Zeit in hurtiger Eile in die Stadt hineinstürmten. Durch Pforten und Wälle, an den Wegen und Straßen entlang schwoll der rasende Jubel wie frohes Echo der zweifachen Botenfahrt, und Jolaos hieß jetzt lachend Lichas den Wagen besteigen und fuhr in rasender Geschwindigkeit weiter zu dem hochgelegenen Platz, wo sich der Tempel erhob.

Und von dem Blau und dem Weiß hoben sich leuchtend die weißen Säulen und das Giebeldreieck ab, und dunkel wimmelte die dichte Menge der Tausende freudig jubelnd in festlicher Stimmung rings um den Helden, der von Knechtschaft befreit war. Auf den Stufen sangen die Priester Hymnen, zwischen den Säulen der Zella schimmerte ehrfurchtheischend das goldglänzende und elfenbeinerne Bildnis des olympischen Zeus. Und als Jolaos mit dem weißen Gespann daherraste und Lichas vom Wagen sprang, trat Herakles, der Held, inmitten der Hohenpriester des Gottes und der Weisen des Landes hervor. Das Löwenfell umhüllte ihn, der Löwenkopf ruhte auf seinem Scheitel, die Keule lag in seinem Arm, Köcher und Bogen hingen ihm zur Seite: all seine Waffen hatte er noch, die er dem Vater opfern wollte. Er lächelte gütig und zugleich wehmütig, und inmitten der brausenden Freude der Mykener schien er nur zaudernd sein Glück hinzunehmen, schien er noch an seine Freiheit nicht glauben zu können. In seinen blauen Augen lag noch der Zweifel. Aus dem tiefen Stirnrunzeln sprachen Zweifel und bange Sorge. Wer von seiner Kindheit an Sklave gewesen, glaubt nicht an die späte Erlösung, selbst wenn ihm endlich ihre Stunde geschlagen hat. Wer also gelitten hat, glaubt nicht an das Ende seiner Leiden. – Doch jetzt drückte er Jolaos an die Brust und duldete es, daß Lichas sich ihm näherte, daß er die kleine Truhe aus Birkenholz abnahm und, Deianeiras Geschenk darbietend, also sprach:

»O Herakles, herrlicher Held, den ich zu Tmolos nicht mehr traf und dem ich den rotgüldenen Ring nicht darzubieten vermochte, mit mehr Glück wird Lichas jetzt neue Sendung vollenden. Denn er bietet dem Herakles, der Fell, Keule, Bogen und Köcher dem olympischen Vater weihen will, das Geschenk der Deianeira dar, auf daß du, o Herr, dich in das Opfergewand hüllen könnest, das Deianeira im Schrein verwahrte, in den kostbaren Mantel, der doppelt gewebt und zwiefach gefärbt ist.«

Er hielt Herakles die Truhe hin, und rings um sie war eitel frohe Freude alles Volkes durch den weißen, blauen, winterlichen Tag vernehmlich. Hoch am Himmel stand die Sonne, leuchtend weiß glänzte in dem winterlichen Sonnenschein der marmorne Tempel. Herakles blickte auf die kleine Truhe und sprach dumpf und wehmütig, als sei er müde:

»Sorgsam und liebevoll war Deianeira, und sie sandte Lichas zur rechten Zeit. – Ihr Priester, die ihr Herakles in dieser heiligen Stunde umgebt, empfanget jetzt von ihm zuerst die Keule. Ich hatte sie lieb wie einen Freund, und es bekümmert mich, daß ich ihr jetzt Lebewohl sagen muß.« Herakles umarmte die Keule und küßte sie. und die Keule lehnte sich an den Helden wie ein weinender Freund, der für ewig Abschied nimmt. »Empfanget danach, ihr Priester. Bogen und Pfeile. Stark war der Bogen, doch schwer. Schwerer wog mir der Bogen als die Keule, ich weiß nicht, warum. Allein am schwersten von allen meinen Waffen wogen die Pfeile; selbst als es weniger geworden waren, lasteten sie schwer auf mir, und sehet, jetzt sind ihrer nur noch ganz wenige in dem Köcher, und sie drückten mich dennoch allzeit schwer. Und obwohl auch sie mir dienstbar gewesen wären wie all jene, die ich verschoß, waren sie mir nimmer teuer, ebensowenig wie es mir die abgeschossenen waren.« – Und gleich als habe es ihn erleichtert, sich des Köchers zu entledigen, holte Herakles tief Atem und sprach dann weiter: »Empfanget, ihr Priester, als letztes mein Fell. Es war die erste Trophäe; es war mir schützendes Gewand. Ich war nichts anderes denn ein rauher Jäger. Niemals trug ich ein schöneres Kleid. Mich und meine Kraft umhüllte nur dies Löwenfell. Und nackt stehe ich jetzt auf der Schwelle von meines Vaters Hause.«

Liebevoll jubelten die Tausende Argiver und Mykener dem Herakles zu, da sie ihn ungewaffnet und nackt inmitten der Säulen sahen. Er stand da schön wie ein Gott, der gelitten hat. Kraftvoll stand er da und schien unbezwinglich. Allein er selber sprach unterwürfig: »Verzeihet mir, o meine Tausende Freunde, daß ich euch meine Nacktheit sehen lasse. Die schweren Werke, die mir aufgetragen waren, zehrten an meiner Kraft und meiner Schönheit. Seht, meine Glieder sind von Wunden bedeckt. Narben gruben sich in mein Fleisch. Und des Zerberus Mäuler bissen mich erst kürzlich noch wund bis auf die Knochen. Unziemlich, o ihr Freunde, steht Herakles jetzt auf dieser heiligen Schwelle. Allein Deianeira sorgte dafür, daß Herakles seine Blöße mit kostbarem Opfergewande umhüllen könne.« Und er schaute beinahe wehmütig in den Schrein, den ihm Lichas jetzt geöffnet darbot. Dann streckten sich des Herakles Hände nach dem orangefarbenen Gewande aus, das er, zu einem Viereck gefaltet, daliegen sah. Er entnahm es der Truhe und breitete es aus. Es war reich mit Purpur umsäumt. Der purpurumrandete Ocker leuchtete golden in der winterlichen Sonne. Ringsum stand bewundernd das Volk. – Herakles hüllte sich in das mantelförmige Opfergewand. Schwer hing es in breiten Falten über seine Schulter, fiel königlich über seine Glieder bis zu seinen Füßen herab. Der Held erschien darin wie ein Fürst, und das Volk jubelte ihm zu, da es ihn jetzt in einen König verwandelt sah. Wehmütig grüßte er die Menge mit seinem guten Lächeln. Und inmitten der Hohenpriester und der Weisen, inmitten der Priester, die ihm seine Waffen trugen, betrat er den Tempel. Viele drängten sich nach, andere zahllose Tausende blieben auf den Wegen und sahen des Herakles breiten Rücken, von dem orangefarbenen Mantel bedeckt, zwischen den Säulen der Zella verschwinden. Der blaue Himmel überzog sich mit leichten Wolken, und vereinzelte Schneeflocken wirbelten herab.

In dem Tempel erschollen aus den Kehlen der Priester die Hymnen des Zeus. Die Saiten der Harfen erklangen. Der Weihrauch entstieg duftend den Dreifüßen auf den Stufen und kräuselte sich inmitten des flockigen Schnees wolkig empor.

Plötzlich sah das Volk Herakles in dem Weihrauch und in dem Schnee erscheinen. Er war totenbleich, und seine Augen starrten weitgeöffnet wie im Fieber. Jolaos und Lichas gingen ihm sorgenvoll zur Seite. Die Priester und die Greise strömten aus dem Tempel heraus, nun das Opfer vollbracht war. Das Volk jubelte. Doch indes sie jubelten, durchzitterte den Herakles ein heftiger Schauer, ein heftiger sichtbarer Schauer, als ob ihn eine jähe Krankheit befalle. Sein erst so bleiches Antlitz war jetzt flammend rot geworden. Und sie sahen, wie er plötzlich mit beiden zitternden Händen die muskelschweren Oberarme betastete, um die des Mantels purpurne Falten weit herabhingen. Und plötzlich stieß Herakles einen brüllenden Schrei aus. Der Schrei entsetzlicher Angst und ratloser Überraschung hallte über die Köpfe der tiefer stehenden Menge. Und das Volk sah, wie Herakles an dem Gewände zerrte, an den Ärmeln zerrte, an den purpurfarbenen Falten zerrte, die breit um seinen schweren Körper herabflossen.

»Was ist dem Helden?!« riefen angstvoll all die Stimmen. »Herakles, warum der Schrei? Durchzuckt ihn jähes Fieber? Will Hera ihm noch einmal die Sinne verstören? Herakles, so das ungewohnte Gewand dich hindert, wirf es ab. Jolaos und Lichas. meldet uns, was ist dem Helden?«

Allein zwischen Lichas und Jolaos, zwischen den Weisen und Priestern wankte der Held, und sein bärtiger Mund verzerrte sich zu einem breiten Grinsen. Und seine fiebernden Augen starrten wie wahnsinnig, und er stieß wieder laut und lange einen zweiten Schrei hinaus und zerrte, zerrte an dem Gewande.

Die Stimmen der Menge dröhnten jetzt zu ihm empor, und alle schrien durcheinander: »Die Pest hat den Helden befallen! Nein, es ist nicht die Pest! Es ist das Gewand, es ist das prächtige Gewand! Es ist das kostbare Opfergewand. Es ist ein giftiger Mantel!« Und von allen Seiten strömten die Tausende den Hügel hinauf zu dem Tempel. Dort sahen sie Herakles wie rasend, doch vergebens an dem Gewände ziehen und zerren.

»Wirf es ab, wirf es ab das entsetzliche Gewand!« riefen sie alle voller Todesangst um den Helden. Und Herakles zerrte, und Jolaos und Lichas zerrten, doch sobald sie zu zerren begannen, schrie der Held wie in Todesschmerzen auf, und er rief jetzt mit verwunderter, zitternder Stimme angstvoll: »Jolaos, Jolaos. rühre das Gewand nicht mehr an; es brennt mich zu Tode: ich kann es nicht abwerfen! Ich weiß nicht, warum, doch es saugt sich brennend an meinem Fleisch und an meinen Wunden fest. Lichas, was brachtest du mir von Deianeira? Was ist es mit diesem Ocker und diesem Purpur? Jolaos. Jolaos, hilf mir! Oh, kannst du, ohne zu zerren, vorsichtig, vorsichtig mich von diesem entsetzlichen Gewande befreien? Ein flammendes Jucken zieht sich mir über das Fleisch. Jolaos, hilf mir, Jolaos!«

Der Lenker versuchte jetzt vorsichtig, das Kleid von den Schultern des Helden zu streifen. Allein Herakles stieß einen Schrei aus wie ein verwundetes Tier und stieß Jolaos rauh von sich. »Laß ab!« schrie Herakles auf. »Lichas, Lichas! Sprich!« Er hatte sich auf den Jüngling geworfen und schüttelte ihn wütend. »Sprich!« wiederholte der rasende Held, »sprich, was brachte mir Lichas von Deianeira, was ist dies für ein entsetzliches Gewand; was hat dieses fürchterliche Geschenk zu bedeuten? O ihr Götter, welch flammendes Jucken läuft mir über das Fleisch? Wie Feuer zieht sich mir die Glut von den Füßen zum Haupte empor.«

In dem unablässig fallenden Schnee umdrängten die Tausende den Tempel, und sie sahen voller Todesangst den Helden, wie der, zitternd in dem ihm noch immer durch den Körper rasenden Flammenfeuer, jeden Augenblick von Schreien unterbrochen, fluchend den Lichas schüttelte: »Diesen elenden Boten sandte mir Deianeira mit einem vergifteten Gewande! Wehe! Nicht bringe ich es von meinem Fleisch los, an dem es festklebt, und flammend brennt es an den tiefen Wunden, die mir des Zerberus Biß in Schenkel und Arme, in Brust und Rücken schlug. Den elenden Boten sandte mir Deianeira. Einen Verräter sandte mir die Verräterin, die ich eine treue Gattin wähnte. Sprich, sprich, Elender! Liebt Deianeira einen anderen Helden als Herakles, daß sie mir ein Gewand sandte, das mich verbrennt? Sprich, sprich und gestehe, daß sie den Herakles auf der Schwelle von seines Vaters Zeus Tempel zu Argos zu töten vorhatte. Wehe! Die Flammen, die Flammen, die Flammen! Sie steigen empor zu meinem Kopf, sie senken sich herab auf meine Fersen, sie durchglühen mein Inneres. O Elender du, den die elende Deianeira mir sandte! Wehe!«

Schreiend unter brennenden Schmerzen, die seinen Leib peinigten, hatte der Held mit einer jähen Gebärde der Kraft den Knaben Lichas emporgehoben. Er zappelte in den mächtigen Händen des Herakles, und er erschien wie ein Kind neben dem rasenden Riesen. Seine zarten Kinderglieder zitterten angstvoll in den herniederwirbelnden Schneeflocken, und er rang flehentlich die erhobenen Arme, die denen einer Jungfrau glichen; seine zitternden Beine mit den raschen, seinen Füßen strebten hilflos und vergeblich hinab.

Allein mit dem hoch emporgehobenen Knaben, noch immer vor Schmerz brüllend, noch immer der ungetreuen Frau fluchend, die ihm das giftige Gewand gesandt, war Herakles inmitten der Menge, die erschauernd zurückwich, die Stufen herabgewankt. Und Fluch und Schrei verzerrten unaufhörlich den bärtigen Mund des rasenden Helden zu entsetzlicher Grimasse. Noch immer bebten über ihm in seinen hoch erhobenen Händen die zarten Glieder des Lichas, rangen sich flehentlich die runden Arme, zitterten verzweifelt die Beine und versuchte sein kindlicher Schrei schrill das dumpfe Gebrüll des Herakles zu übertönen. Rings um den Helden flatterte das unheilvolle Gewand, das immer fester und fester an seinen Wunden klebte. Wie er mit seiner Beute weitereilte, jetzt empor an den Felsen, schien der Purpur sichtbarlich fester an das Helden Körper zu kleben, an jeder Wunde, an jeder noch nicht ganz verheilten Narbe. Da stand er hoch oben auf dem hohen Felsen! Da stand er, machtvoll in seiner allerletzten Kraft. An den starken Beinen, an den gebogenen Knieen sah ein jeder den roten Rand festkleben, festhaften! Plötzlich schleuderte der Held fluchend und brüllend die leichte Last von sich, und der eben noch an langen Locken und flinken Füßen gepackte Lichas flog, leicht wie ein Reif durch die Luft. Ein entsetzliches Angstgeschrei erfüllte die Luft. Der Körper des Knaben beschrieb einen Kreis und stürzte in die Tiefe hinab, wo er zwischen den Felsen verschwand.

Die Tausende, die des Herakles Raserei fürchteten, flohen davon, über die Wege eilten sie davon. Auf dem Felsen stand noch hoch aufgerichtet der Held, die Arme emporgestreckt, und fluchte den Göttern und brüllte unter den Schmerzen, die ihn durchflammten.

Nur Jolaos fürchtete sich nicht. Er stürmte den Felsen hinauf und rief: »Herakles! Herakles, den ich liebe, komm mit, komm mit mir auf dem Wagen nach Trachin. Der Balsam der Artemis wird den giftigen Purpur lösen.«

»Nach Trachin?« schrie der Held, »dorthin, wo die Verräterin wohl mit einem Buhlen das Verbrechen ersann?«

»Herakles! O Herakles, höre mich! Deianeira ist getreu, ich schwöre es dir! Deianeira ist treu! Dieses Gewand ward nicht von Deianeira vergiftet! Das flammende Feuer wird vor ihrer Fürsorge weichen! O mein Herakles, komm mit, komm mit!«

»Freund!« schrie schluchzend der Held, »rühre mich mit keinem Finger an. Dort, wo ich das Gewand abzuzerren versuchte und deine Finger mich nur flüchtig berührten, brennt mich das Feuer wie Flammen der Hölle. Dort zuckte es wie Glut über meinen Körper. Oh, was für ein Schmerz! Schmerz, der mit jedem Schrei wilder und wilder wird! O Jolaos, Jolaos, Jolaos! Keines der Ungeheuer, die ich besiegte, tat mir so fürchterlichen Schmerz an. Es ist, als ob mein Blut immer wilder und wilder zu sieden begänne.«

In dichteren Flocken fiel der Schnee herab. Jolaos hatte des Helden Hand ergriffen und führte seinen Herrn den Felsen herab wie einen Kranken, der kaum die Füße zu bewegen vermochte. Die noch neugierig zurückgeblieben waren, trotz ihrer Angst, hatten sich fern um den Wagen geschart, dessen weißes Zweigespann von den Mutigsten am Zaum gehalten wurde. Doch nun, da der Held seine Raserei an Lichas gekühlt hatte, weinte er wie ein Kind und ließ sich führen wie ein Kraftloser und bestieg den Wagen, indes die beiden wilden weißen Rosse schmerzvoll wieherten, gleich als verstanden sie... Und seiner leidvollen Schwachheit näherten sich jetzt die Argiver. Sie vermochten den Helden nicht mehr zu stützen, denn die geringste Berührung ließ ihn vor Schmerz aufbrüllen.

In dem Wagen sank Herakles vor Schmerzen stöhnend zusammen. Jolaos ließ die Peitsche durch die Luft sausen, und dichter fielen die Flocken. Die Rosse schössen vorwärts, doch ihre angstvolle Fahrt ward zu bedachtsamem Maß gehemmt. Das Volk lief mit. Das war des Herakles Triumphzug nach Trachin!

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