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Herakles

Louis Couperus: Herakles - Kapitel 47
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleHerakles
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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47.

Unverrichteter Sache kehrte Lichas in das wehvolle Trachin zurück und meldete seiner Herrin, der trauernden Deianeira: »Würdige Frau, nicht fand Euer getreuer Diener und Bote mehr den Helden, der nächtlicherweile aus der Omphale Gemach sich Löwenfell und Keule und Bogen und den Köcher zurückgeholt hatte und verschwunden war, niemand weiß, wohin.« Und Lichas gab Deianeira den Ring zurück, den er seinem Herrn nicht hatte aushändigen können.

Deianeira war in all ihrer Traurigkeit froh darüber, daß Herakles der Omphale entflohen war und sich aus der erniedrigenden Fessel ihrer Lüste befreit hatte; sie opferte der Aphrodite den Ring, den sie der marmornen Göttin im Rosenhain an den Finger steckte, und versank dann wiederum in ihre müde Wehmut, indes die stillen Tage träge vergingen und ihre Gäste sie nicht verließen, sondern weiterhin um sie blieben; der hundertjährige Ceyx und der junge Iphitos und Iole, die ihr eine zärtliche Freundin geworden war, ungeachtet der stillen Eifersucht Deianeiras, der Eifersucht, die sie allzeit verschwieg, die sie aber leiden und trauern ließ ... Jetzt war Herakles der Omphale entflohen, doch wo, wo weilte er? Und nach dem kurzen Rausch tiefer Freude versank die leidende, blasse Frau wiederum in Wehmut und rang in tiefem Schmerz ihre Hände, siechte langsam dahin, nun der Winter sich näherte, und irrte weinend in den finsteren Nächten über die sturmgepeitschten Hügel und an dem windbewegten Saum der Wiesen entlang gleich einem Körper gewordenen Abbild des Schmerzes, dieweil das Landhaus schlief und die Felder sich trostlos öde an dem leuchtend weißen Wege hinzogen, auf dem er noch immer nicht sichtbar ward, der befreite Büßer, der nun endlich seiner Ruhe und Rast sich erfreuen konnte. Und statt des weichen Lagers suchte sie die harten Stufen der Tempel und Heiligtümer auf, die den gütigen Göttern geweiht waren, und schleppte sich im Gebet zu ihren Bildsäulen hinauf und flehte die Brüder und Schwestern des Herakles an. doch ihr und vor allem ihm Erbarmen zu erweisen – bis der trübe Morgen wiederum erwachte und sie in die Behausung zurückkehrte, wo die besorgten Frauen sie bereits auf der Schwelle erwarteten und die Wankende auffingen und liebevoll auf das Lager betteten. Und selbst die Liebkosungen des Hyllos vermochten nicht, ihrem starren Blick, ihrem schmerzlich verzogenen Mund ein Lächeln zu entlocken ... bis eines Morgens – der erste Schnee lag bereits auf den höchsten Gipfeln der Berge und glitzerte auf dem Oita – schnellfüßige Knaben als Botschafter aus Mykenä kamen, die von den würdigen Greisen selber entsendet waren und jubelnd die Botschaft brachten, daß ganz unerwartet Herakles in Mykenä erschienen sei, den Höllenhund mit drei Ketten im Zaume gehalten habe, den fürchterlich brüllenden Zerberus, dessen drei Mäuler in Maulkörben gefangen waren, dem geliebten Volke und dem Fürsten gezeigt habe, der vor Entsetzen tief in das Innere seines Palastes entflohen sei und, hinter den Säulen verkrochen, gerufen habe, daß Herakles nun frei sei von Buße und Sklaverei, sobald er das Ungetüm wieder in den Hades hinabgeführt hätte. Und nun war plötzlich aufjauchzende Freude in Trachin, und inmitten ihrer Freunde schluchzte Deianeira vor Glück laut auf. Frei! Er war frei! Herakles würde zurückkehren, zurück nach Trachin, zu Deianeira und Hyllos, zurück zu Glück und Freude und Liebe, und vor allem zur Ruhe, zur endlichen Rast! Andere Botschafter folgten den ersten an jenem Abend und kündeten, o Freude, daß Herakles das böse Untier, dessen Mäuler gefesselt waren, in den Tartaros zurückgeführt habe, und daß er nun wirklich frei sei! Frei, frei, frei! So jubelte, so jauchzte, so schallte es über Trachins Hügel. Frei, frei, frei! Der Held endlich frei! Die Buße vollbracht, von dem Fürsten anerkannt! Oh, welche Freude herrschte an jenem Tage in Trachin, welch tolle Tänze gab es an jenem Tage auf Wiesen und Wegen, in Wäldern und auf Hügeln! Die Freudenfeuer flammten in jener Nacht weithin sichtbar über die weißen, schon schneebedeckten Ebenen. Herakles frei! Morgen würde er zurückkehren nach Trachin! Am nächsten Morgen, o Freude, würde er für immer zu all jenen zurückkehren, die ihn liebten!

Allein die dritte Schar von Boten, die schnellfüßig über den Weg eilten, die weiß schimmernd inmitten der Freudenfeuer mit unvergleichlicher Schnelligkeit einherzuschweben schienen, meldete jetzt der Deianeira, die unter ihren erfreuten Dienern und den Freunden stand:

»Würdige Frau, o Deianeira, von uns allen geliebte Gattin des Helden; Herakles, der erlöst ist und frei von aller Buße, grüßt dich durch unseren Mund, und er grüßt Hyllos, den Sohn, und er grüßt die fürstlichen Freunde und alle, die ihn lieben. Aber er läßt dir künden, o Frau, daß er nicht vor Sonnenuntergang in Trachin sein wird, da der Held sich zu allererst zu dem Tempel seines Vaters in Argos aufgemacht hat, um dort Dankopfer für das glückliche Ende seiner lange währenden Buße darzubringen und die Keule, den Bogen, den Köcher und das Löwenfell dem olympischen Zeus zu weihen.«

»O ihr Boten,« sprach freudig schluchzend Deianeira, »schon erfüllte euer spätes Kommen mich mit ängstlicher Sorge, denn noch vermag Deianeira nicht an das Glück, an den Frieden, an die Liebe, an die Ruhe zu glauben! O ihr Boten, meldet jetzt meinem angsterfüllten Herzen, seid ihr die letzten, seid ihr die letzten?«

»Was, o würdige Frau, könnten spätere Botschaften aus Mykenä dir noch zu künden haben? Schon zog der Held inmitten einer Schar von Mykenern triumphierend nach Argos, und ist das Dankopfer dargebracht und die Weihe vollzogen, so kehrt Herakles nach Trachin zurück.«

»Und ich, wehe, darf nicht bei ihm sein!« rief Jolaos aus.

Bewegt antwortete ihm Deianeira:

»Jolaos, spanne die zwei wilden weißen Rosse vor den schnellrädrigen Wagen und mache dich auf nach Argos, und du, der du so häufig meinen Helden heimwärts führtest, führe ihn auch diesmal heim, da er frei ist für alle Zeit; führe ihn jetzt in schnellster Fahrt heimwärts.«

Jolaos eilte in den Stall, und schon wieherten die weißen Rosse, und durch die helle Nacht tönte von allen Seiten Freudensang. In der weißen Nacht qualmten die roten Feuer der Freude.

»Ihr Frauen!« rief Deianeira bewegt, »kommt mit, kommt mit, lasset uns aus Truhen und Kisten den edelsten Stoff suchen, den wir gewebt haben, auf daß er zum Opfergewand für meinen Helden werde.«

Draußen vor dem aus Eichenstämmen gefügten Hause umarmten die Fürsten Ceyx und Iphitos vor Freude weinend den Hyllos, und mit Iole und den Frauen eilte Deianeira in den eichenen Saal, und sie öffneten die Truhen und die Kästen und holten in fiebernder Hast wollene Gewebe und Leinentuch daraus hervor. Es waren Stoffe, die sorgfältig gleichmäßig gewebt, sorgfältig doppelt gefärbt waren, und Deianeira wählte aus jenem Schatz einen schweren Stoff, der mit wollenen Fäden durchzogen und mit goldfarbigem Ocker doppelt gefärbt war, einen Stoff, der Herakles, nun er das Löwenfell als Weihgeschenk dem Zeus dargebracht hatte und es nicht mehr tragen konnte, ein füglich Gewand sein würde. Und Iole und die Frauen bewunderten den reichen Mantel, der in breiten Falten von des Herakles breiten Schultern herabfallen würde. Da nahm Deianeira bewegt den schweren Stoff auf ihre vor Glück zitternden Arme und floh damit in ihr eigenes Gemach. Und sie küßte den Stoff. Sie entzündete die hohe bronzene Lampe und entnahm der bronzenen Truhe, die zu Füßen des Lagers stand, die Kugel aus Blattgold, darin der purpurne Ball ruhte. Oh, jetzt wollte sie darüber wachen, daß ihr Glück, einmal wiedergekehrt, an ihrem Herzen und in ihrem Hause für ewig das ihre bleiben würde! Jetzt wollte sie, der Worte des sterbenden Nessos eingedenk, Herakles mit dem süßen Zauber bannen, auf daß er sie, sie allein, liebe und ihre heimliche, allzeit wache Eifersucht, ihre verborgene Eifersucht, ihre glühende Eifersucht dahinschwinden könne gleich einer Blume mit giftigen roten Blüten, die ihr die Sinne benahmen, und mit scharfen Stacheln, die sie verwundeten. Und sie breitete den Mantelstoff auf dem Boden aus, wo der leuchtende Ocker im Widerschein der Lampenflamme hell erglänzte, und der Kugel aus Blattgold entnahm sie den purpurnen Ball und kniete nieder. Und mit einem Herzen voller Liebe, einer Seele voller Glück zeichnete sie mit vor Freude zitternder Hand am Saume des Stoffes den rundum gehenden viereckigen Rand, dessen immerfort kurz abgebrochene Linie Viereck nach Viereck füllte, sich in stets gleicher Richtung hin und her wendete, so daß des zierlichen Motivs Viereck sich an Viereck reihte und den ockerfarbenen Stoff mit breiter purpurner Verzierung umsäumte. Dort, wo der Stoff geöffnet über des Helden breite Brust herabfallen sollte, wiederholte ihre zeichnende Hand mit purpurnem Strich der Kugel den zierlichen Rand in kleineren Vierecken, und dann füllte sie, ganz verliebt in ihr Werk, die glatten Stellen des umrandeten Stoffes mit einer purpurnen Blätterform aus, die dem Blatte des Akanthus glich. Der rote Streifen des roten Blattes auf dem gelben Stoff vertiefte sich zu orangefarbener Glut, und das Gewand dünkte Deianeira sehr schön. Und dazu barg es ja ihr süßes Geheimnis: während sie den Stoff bewunderte, nachdem sie den Ball ganz aufgebraucht hatte, lächelte sie ob des Liebeszaubers, den sie, von allen ungeahnt, an Herakles übte. Ewig würde er nun sie allein lieben. Nie mehr würde sein Herz einer anderen gehören. Iole würde er nur wie eine Schwester ansehen. Jetzt würde nur sie, des Hyllos Mutter, in seinen Armen und an seinem Herzen ruhen, ihm neues Liebesglück schenken – und dieses Glück würde ewig währen, ewig währen das Glück!

Sie erhob sich und breitete den Stoff weit zwischen ihren Händen aus. Wie farbenleuchtend war das Gewand! Wie königlich schwer fiel der Mantel herab! Und der viereckige Rand, der Viereck an Viereck schloß, und das Akanthusblatt, das sich in stets wiederholter Zeichnung vervielfachte, ließ mit den orangefarbenen Motiven den Glanz des Ockers nur noch leuchtender erscheinen. So glüht die Pracht des Sonnenunterganges! Ihm aber würde das Gewand nicht Untergang bringen, sondern Anfang, Aufgang eines neuen Glücks! Und nun legte sie, lächelnd vor Liebe und Erwartung, rascher atmend vor Glückstrunkenheit, das prächtige Gewand viereckig zusammen und drückte Kuß um Kuß darauf, und dann barg sie es in einer Truhe aus Birkenholz, die mit Blattgold beschlagen war, und drückte sie an ihr Herz, und dann ging sie, ihre Erregung bezwingend, in den Saal zurück. Dort zeigte sie die Truhe froh und glücklich. Nicht aber zeigte sie die purpurne Zeichnung, auf daß sie eine Überraschung für den folgenden Morgen bliebe, wenn der Held, in das neue Gewand gehüllt, vor sie hintreten würde. Und inmitten all ihrer Frauen entbot sie Lichas und sprach strahlenden Auges: »Bote du, der du den Herakles zu Tmolos nicht mehr trafest, weil mein Held bereits auf dem Wege zum Tartaros war, um sein letztes Werk zu vollbringen: Bote, der du dem Herakles den Ring nicht darzubieten vermochtest, jetzt wirst du mit günstigerem Ausgang neue Sendung vollbringen! Rasch, eile, du leichtfüßiger Lichas, über den Weg nach Argos, wo mein Held Fell, Keule, Bogen und Köcher dem olympischen Vater opfern will, und biete Herakles, auf daß er sich in ein würdiges Opfergewand hülle, diese Truhe aus Birkenholz dar, in der Deianeira liebevoll den kostbaren Mantel verwahrte, den doppelt gewebten, zwiefach gefärbten.« Sie reichte Lichas die kleine Truhe, und rings um sie war nur frohe Freude der Frauen, und draußen über dem weißen Schnee, über Bergen und Hügeln und Wiesen erhob kein gütiger, günstiger Gott seine warnende Stimme, und der weiße Winter schwieg erbarmungslos. Und nur die rote Sonne des neuen Tages ging groß hinter dem Landhause auf und tropfte durch den Nebel wie Blut aus dunkler Wunde, wie Blut, das den sich zerteilenden Nebel durchflammte ...

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