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Herakles

Louis Couperus: Herakles - Kapitel 45
Quellenangabe
pfad/couperus/herakles/herakles.xml
typefiction
authorLouis Couperus
titleHerakles
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid08f314c4
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45.

Trachin war voller Wehmut, und Schmerz lastete auf allen. Äußerlich gedieh des Herakles ländlicher Besitz unter der Fürsorge der Deianeira. Die üppigen Herden grasten zu Tausenden und aber Tausenden: auf den ringsum wogenden Hügeln reifte das Korn zu volleren Ähren als anderwärts, wogten die Halme höher als anderwärts, schwollen an den Weinranken schwerere Dolden als anderwärts. Und inmitten der unzähligen getreuen Diener wuchs Hyllos, das junge Herrlein, zum Knaben heran, während sein Vater noch ferne weilte; wuchs der Sohn des Helden in Kraft und Schönheit heran, und Reichtum und Freude schien allen zu herrschen, die den Schmerz und die Wehmut nicht umgehen sahen. Doch die Wehmut breitete ihre Schatten in der dunklen Dämmerstunde über Felder, Wiesen und Wälder, weil der Herr noch immer fern blieb, und der Schmerz wohnte in dem aus eichenen Stämmen gefügten Landhause, in den Winkeln der niederen Säle, zwischen den hölzernen Säulen. Die Reigen der Spinnen und Spinnerinnen erklangen wie früher, doch mit einem Unterton der Trauer, wenn die Arbeit beendet war und die Lichter in den bronzenen Lampen entzündet wurden, und aus den Liedern der heim- und stallwärts kehrenden Hirten und Hüter klang ein ähnlicher Unterton. Und wie blaß wurde Deianeira, die gute, von all den Ihren geliebte Gattin des Fernweilenden: wie blaß wurde sie vor Wehmut und vor Schmerz, wenn sie untätig, weinend, starren Blickes auf der Eichenbank vor dem Hause saß oder drinnen bei den wehmütig singenden Weberinnen, bis sie sich in das einsame Gemach zurückziehen konnte, wo sie allein auf dem breiten Lager schlief, das sie so oft mit ihrem Gemahl geteilt hatte! Des Hyllos Wiege stand nicht mehr dort, seit er zum Knaben herangewachsen war, doch an des Lagers Fußende stand noch immer die bronzene Truhe, darinnen Deianeira Gewänder und Kleinodien verwahrte, und inmitten der Stoffe und Goldschmiedearbeiten ruhte die goldene Kugel, darin der purpurne Ball aus des Nessos Blut, die schicksalsträchtige Gabe, geborgen war. Dann erschloß die Frau wohl voller Wehmut und voller Schmerz die Truhe, nahm den Ball in die Hand und fragte sich, wo Herakles jetzt wohl verweile, wie sie Herakles wohl zu sich locken könne. Hatte der sterbende Zentaur nicht versichert, daß sein geronnenes Blut die Wunderkraft besäße, fliehende Liebe zu bannen? Und floh des Herakles Liebe nicht fort von ihr, fort von Deianeira, nun der Held selber in die Ferne geirrt war? Oh, hätte sie nur gewußt, wohin, wohin sie ihm rasche Botschaft senden könnte mit einer Gabe, die er an sich tragen würde, einem Ring oder einem Gewand, sie hätte in das Innere des Ringes das Blut fügen oder das Gewand mit dem Blute bestreichen mögen, auf daß er liebend und treu wiederkommen müßte und sie ihn dazu bewegen könnte, sie dann nur noch einmal zu verlassen, wenn er zur Hölle hinabfahren und mit der guten Götter Gunst den Höllenhund lebend ans Tageslicht bringen sollte, um dann endlich in Trachin mit Hyllos und mit ihr der Ruhe zu genießen. Allein sie wußte nicht, wohin ihr Held, der unselige Büßer, geirrt sei, und sie zürnte dem Schicksal, sie grollte dem Himmel und der Welt, den Göttern und den Menschen und allen. Und sie verwahrte dann den Ball wieder. Und im dunkelnden Abend streifte sie still weinend und die Hände ringend am Hügelhang und Wiesensaum vorüber, wie ein irrender Schatten, strich durch den dunklen Wald und kniete in der Nacht in den Heiligtümern der gütigen Götter nieder, deren marmorne Säulenkuppeln das Land des Herakles umgrenzten. Und ihre Klage erhob sich schluchzend in den schmerzvollen Nächten zu Aphrodite und Artemis, zu Eros und Dionysos, zu Athena vor allem und zu Zeus, den sie in Olivenhain und Eichenwald anrief, während sie beide Arme im weißen Mondenschein weit ausbreitete oder ihre schmerzgebeugte Gestalt in dem Dunkel ringsum verschwand. Doch keiner der ihr sonst günstigen Götter schien der Deianeira Gebet voller Erbarmen und mit Liebe zu hören, und ohne einen einzigen Strahl ihrer Gnade zu verspüren, irrte die Frau schmerzvoll hinaus aus dem nächtlichen Walde und kehrte heim, an dem Wiesensaum entlang, wo Herakles selber so häufig voller Wehmut und Schmerz um Admete umhergeirrt war. Dann kam Deianeira wieder in ihr Haus, wo alles schlummerte, wo alle schliefen; dann suchte sie das einsame Lager auf, auf dem sie kaum mehr schlummerte oder schlief, weil sie immerfort horchte, ob er nicht ganz unerwartet endlich, endlich zurückgekehrt an die eichene Tür pochen würde. Doch wehe, sie vernahm das Pochen nicht, und die wehmütigen Tage und schmerzlichen Nächte wechselten, wechselten ohne Ende. Welche Tage sind wehmütiger als die schwül duftenden eines traurigen Lenzes? Welche Nächte sind schmerzvoller als die von linden Düften durchzogenen Sommernächte? Welcher Sang ist von tieferer Verzweiflung durchbebt als das perlende Lied der Nachtigall? Gibt es Blumen voll tieferer Trauer als die Rose der Aphrodite? Ist im Brüllen des Viehs je etwas anderes als seltsames Verlangen, und klingt aus dem schrillen Schrei des Hahnes nicht unerträglicher Schmerz um den neugeborenen Tag? Quillt in des Dionysos Trauben anderes auf denn Wehe? War jemals Freude am blauen Himmel? Kündet der Schnee nicht das weiße Ende? Trostlos liegt die gefrorene Flut, und der rauschende Regen weint Tränen, Tränen, Tränen um das trostlose Leben der Menschen und die Erbarmungslosigkeit der Götter. Wozu die Arbeit, wenn die Rast nicht süß ist? Für wen den Faden spinnen, für wen das Gewand weben, wenn der Mann nicht da ist. für den sich die Frau schmückt? Für wen die Habe pflegen, die Saat säen, das Gras mähen, die Sense durch die Ähren schwingen, wenn der Herr nicht da ist? Und um wessentwillen das Vieh üppig werden lassen und den Wein keltern, wenn der Herr dem Weinberg und der Herde fernbleibt? Wäre es nicht besser, zu weinen, endlos zu weinen, bis die Augen erblindeten, bis der Körper stürbe, bis die Seele ins Unbewußte hingeschwunden wäre?

Grausam wechselten so schmerzliche Nächte mit wehmütigen Tagen ab, die alle einander glichen. Und dennoch verließ das Vieh die Ställe, dennoch fuhren die Sensen blitzend durch die Ähren, und dennoch sangen, wenngleich ihre Weisen von tiefer Wehmut und von Schmerz durchzittert waren, die Spinner und Weberinnen ihre Reigen, klangen die Reihen der Hirten und Hüter. Von Wehmut und Schmerz, von nichts anderem sangen sie, und nur hin und wieder erklang durch all diese Wehmut ein Lachen des Knaben, des Kindes, das den fernen Vater schon beinahe vergessen hatte, und sein Lachen, o sein Lachen und sein Spiel war vielleicht, gerade weil es so freudig war, das Allerschmerzlichste von allem. Und in den grauen Tagen kamen die vielen, die sie trösten wollten: die zärtlichen Freunde, der alte König, der junge König, die Jungfrau, und rings um die trauernde Deianeira auf der Schwelle des eichenen Hauses sitzen der hundertjährige Greis Ceyx, und Iphitos ihm zur Seite, Iole ihr zur Seite, und ihre traurigen Blicke spähen heimlich über den langen, sich windenden Weg hin, auf dem jedes Herannahen den Staub aufwirbelt ... Wirbelt dort wirklich Staub auf? Wimmelt er weiß durch den Sonnenschein? Nahet dort Herakles? Nein, er nahet nicht. Es ist ein Zug morgenländischer Kaufleute auf Eseln und Maultieren, die beladen sind mit kostbaren Ballen voll Waren aus dem geheimnisvollen Lande im fernen Osten. Und sie bitten darum, sich nähern und der Frau und ihren Gästen und den hinzuströmenden Dienern und Dienerinnen die köstlichen Waren aus ihrem Lande zeigen zu dürfen, darinnen die Lotosblume auf blauen Flüssen blüht und die himmelhohen Berge ihren silbernen Schnee bis zu den Göttern emportragen, darinnen Drachen mit Augen aus glühendem Beryll sich um knorrige Stämme blühender Kirschbäume winden und träumen. Und die Frauen der Kaufleute und ihre Töchter singen von jenen seinen Orten und ahmen tanzend die Gebärden von Göttern und Helden nach, von fremden Göttern und fremden Helden, und singen endlich zur Begleitung leise gezupfter Harfen: »Doch bevor wir über das Meer fuhren, darinnen die lieblichen Eilande liegen, um uns nach Hellas aufzumachen, sahen wir die lieblichsten Triften, die wir jemals erschauten, Triften, auf denen die Göttin verehrt wird, die, von Sternen gekrönt, in Sterne gekleidet ist. Und wir sahen den Strom, der sich wie eine silberne Schlange zu der goldenen Stadt schlängelt, wo Zauberpaläste blinken und weiße Zaubertürme spitz aus duftenden Rosenhainen emporragen, und wir sahen den Zauberpalast des Königs und der Königin, der an dem sich dahinwindenden Strom errichtet ward, mit Säulen aus Gold und Elfenbein, mit Pforten aus Gold und Zedernholz. Lyrischer Purpur liegt auf dem Boden aus Gold und hellem Alabaster gebreitet, auf dem die Betten und Tafeln aus goldenem, duftendem Sandelholz stehen; und unbekannte Düfte steigen aus goldenen Dreifüßen empor. Und wir sahen den Fürsten und die Fürstin, und wir wollen auch von ihnen beiden künden und sagen, daß die Fürstin auf einem Thron aus Elfenbein und Gold saß, und daß sie blond war wie die Sonne selber und weiß wie der Schnee, und daß ihr Haupt von einem schweren Löwenkopf wie von einem Helm gekrönt wurde, der aus entsetzlichen Zauberaugen dreinschaute und mit fürchterlichen Zähnen grinste, während ihren Mantel des Löwen Haut bildete, die goldrot herabfiel und sie mit den Fellen der vier goldroten Pfoten umhüllte. Und die Löwenklauen mit den Klauennägeln ruhten auf ihrer weißen Kinderhand, und sie erschien nun furchterweckend, wie ein gewaltiges Ungeheuer, zumal die kindliche Hand auf einer schweren knorrigen Keule ruhte, die eine entsetzliche Waffe sein und sie in ihrem Reiche unüberwindbar machen soll.« Inmitten ihrer entsetzten Gäste hatte sich Deianeira bleich erhoben, und aufrechtstehend jetzt fragte sie, während die Diener sie dichter umringten: »O saget mir, ihr Töchter aus dem fernen Osten, singet mir und meldet mir, wer war der Gemahl dieser furchterweckenden Frau?«

»Der Fürst«, also sangen die Frauen, »saß zu Füßen der Frau auf den Stufen aus Gold und Elfenbein, und er war riesengroß: er hatte kräftige Glieder, doch die waren ganz weiß und enthaart, und so glich er beinahe einem Knaben. Lang wallten seine ganz mit Gold überstäubten Locken um sein bartloses weißes Antlitz herab, aus dem seltsam wehmütig die grauen Augen blickten. Ein weißes Gewand wie aus Schnee und Sonnenschein, so wie die Fürstin selber trug, umhüllte wallend seine kräftigen Glieder. Seine mächtigen Arme waren mit goldenen Spangen bedeckt. Seine breiten Pulse und Knöchel, seine starken Hände scheuten sich nicht, den Flachs vom Spinnrocken zu dem Rade zu lenken, und sein breiter Fuß scheute sich nicht, das Brettchen zu treten, so daß rascher das Rad surrte und seiner und zarter der Faden zwischen seinen muskelstarken Fingern hindurchglitt, die das Gesponnene um die Spule wanden. Und er lachte gutmütig, gelassen und wohlwollend, so riesengroß und heldenstark er auch sein mochte, und auf ihn blickten stolzer die Frauen herab, und rings um den Fürsten und die Fürstin tanzten Frauen, die gleich Jünglingen waren, und Jünglinge, die Jungfrauen glichen, während Rosenblätter herabregneten und Springbrunnen von Düften sich rauschend ergossen und faltergeflügelte Kinder mit gezähmten Löwen spielten und von girrenden Tauben umflattert wurden ... Und niemals, o herrliche Fürstin von Hellas, sahen wir in all den anderen Ländern, die wir besuchten, so ungeahnte Üppigkeit, so unvergleichliche, nie erträumte Wollust wie in diesem Lande, in dieser Stadt, wie an diesem Hof dort drüben jenseits des Meeres...«

»Und saget mir, o ihr Töchter des seinen Ostens.« bat flehentlich Deianeira mit gefalteten Händen, »und singet und kündet mir: wie heißet ihr jenes Land und jene Stadt? Und wisset ihr auch den Namen des Fürsten und der Fürstin?«

»Omphale wird die Fürstin von Lydien genannt, und in Tmolos, der Stadt, sitzt in dem Zauberpalast aus Elfenbein und Gold Herakles ihr zu Füßen und spinnt, wahrend sie, umhüllt von dem flockigen Löwenfell, die Keule schwingt!«

Schmerzlich ertönte der Deianeira Schrei, und ob ihrer Verzweiflung entsetzt, erhoben sich die fürstlichen Freunde tröstend, während aus der Diener Schar Jolaos hervortrat und rief: »O ihr Boten des Unheils, nehmet dieses Gold für eure Waren und für das, was ihr uns gemeldet. Doch eilt nun und hebt euch von hinnen, fort von des Herakles Haus, von Trachin, das er, zu weiterer Buße unwillig, verließ, um gen Tmolos zu wandern, wo er, der Gattin und seinen Freunden untreu, zu Füßen der Zauberin vergißt, daß er einstmals ein Held in Hellas war!«

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