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Herakles

Louis Couperus: Herakles - Kapitel 44
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleHerakles
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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44.

Längs den Windungen des Mäander, der sich wie eine Schlange kristallklar und funkelnd durch die lieblichen Triften von Lydien wand, irrte ziellos der Wanderer. Rings um ihn rauschten leise die Bäume in der blauen Morgenluft, Bäume, die der Umherirrende nicht kannte, und die er nicht mit Namen zu nennen wußte. Bäume mit breiten Blättern und purpurroten Blüten, umrankt von wilden Schlingpflanzen, an denen weiße Blumen erblühten. Zum zweiten Male schon eilte vor ihm eine erschreckte Dryade davon, und die Najaden des sich immer weiter und weiter windenden Stromes schwammen geängstigt vor ihm davon und versteckten sich in den Buchten, daraus sie immerfort sich dorthin umschauten, wo die Flut sich durch die weißen Schlingpflanzen schlängelte. Doch unberührt von der sonndurchglühten Schönheit ringsumher schritt der Wanderer müde weiter: rastlos trug sein breiter Fuß den Ziellosen durch Maßliebchen und feuchtes Moos, bis er plötzlich die Keule und das Löwenfell und den Bogen und den Köcher hinwarf und selber unwillig und ermattet in die Blüten hinsank. Das Laub raschelte über ihm, und das Sonnenlicht warf rotgoldene kreisrunde Flecke durch die Blätter, und es war, als ob ein goldener Regen über den Rastenden ausgegossen werde. Die Vögel zwitscherten lieblich rings um ihn her, und der Mäander murmelte weiter und weiter und weiter.

Herakles sann ... Von wannen kam er, wohin ging er? Kaum hätte er es zu sagen vermocht. Er war an den Wegen entlang und durch die Wälder von Hellas geirrt, war einsam in kleinem Boote durch Sturm und Orkan über das Meer gefahren, und sie hatten dem Ruderer nichts anhaben können. Und jetzt war er im lieblichen Lydien gelandet und wandelte durch lachende Triften. Mehr wußte er nicht, als daß sein Gemüt voller Wehmut war. Jeder Tag war gleich dem gestrigen. Nach einsamem Umherirren pochte er an eine Bauernhütte und bat um Gastfreundschaft, um dann am folgenden Tage weiterzuziehen. Oder er schlief zwischen den Felsen am Meeresstrand oder in des Waldes Unendlichkeit und litt Hunger. Seine ungeliebten Pfeile hingen zwecklos im Köcher ihm zur Seite und trafen keinen einzigen Vogel, der ihm zur Nahrung hätte dienen können. Seine geliebte Keule in seinem Arm begleitete ihn, war selber nun wie ein wehmütiger Freund und tat keinen einzigen Schwung, ihm Wild zu töten. Es war. als seien sie beide, die so viele Ungeheuer schon getötet hatten, zu müde geworden, um unschuldige Wachteln zu schießen oder wilde Vöglein zu erlegen, die aus dem Zuge des Gottes Dionysos entflohen waren. Und rings um den hungrigen Träumer, der seines Hungers nicht achtete, sammelten sich furchtlos die Vögel, ästen die zarten Gazellen an tiefer Hangenden Zweigen, indes die Najaden von ferne verwundert und verstohlen durch die Schlinggewächse spähten.

Wie lange irrte Herakles bereits umher? Kaum hätte er es zu sagen vermocht. Eintönige Tage. Wochen, Monde hatten sich wie auf einer Schnur aneinandergereiht, und deren stets sich mehrende Perlen zählte der traurig Umherirrende nicht mehr. Keine Ungeheuer, keine Riesen, keine wilden Vögel traf er auf seinen Wegen, dieweil er den Tod suchte und der Tod ihm auszuweichen schien. Und immer war er vorwärts geschritten, und immer weiter hatte er sich von Hellas und Mykena, von Trachin, von Deianeira und Iolaos und Hyllos entfernt. Und alle und alles wich vor ihm zurück bis an die Grenzen der Unwirklichkeit, gleich als hätte es nimmer, nimmermehr bestanden. Und ermattende, wehe Dumpfheit breitete sich über des Herakles Hirn, und er wünschte nur zu sterben, da er in diesem Leben keinerlei Hoffnung mehr hegte, keinerlei Hoffnung auf Unsterblichkeit; er wünschte zu sterben, im großen All zu vergehen, nicht mehr zu sein, nicht mehr zu sein ... weder Kraft noch Jähzorn noch Buße zu kennen ... Wann würde ihm das Ende nahen?

Er dachte an alle, die er geliebt hatte, da er sich noch nach Liebe sehnte. Er dachte an Megara, die Tochter des Thespios, er dachte an Hylas und an Abderos: auch dachte er an Iole und Deianeira und an Jolaos, dachte vor allem, vor allem an Admete ... Er dachte an seine fünfzig Söhne, die er nicht mehr gesehen, und an seinen einen Sohn Hyllos dachte er. Und ihm ward so wehmütig zu Sinne und so traurig, daß er sich kaum zu regen vermochte und schwer aufstöhnte vor Schmerz, ... bis er plötzlich einschlief. Er lag da zwischen seinen Waffen, lag in der sengenden Sonne. Er lag umhüllt von einer Wolke summender Fliegen. Nichts weckte ihn jetzt: er lag wie tot da in der Dumpfheit tiefen Schlafes. Das Laub wiegte sich, vom Winde bewegt, über ihm, die Sonnenflecke wurden heller und dunkler, heller und dunkler. Er schlief.

Plötzlich begann es im Gestrüpp ringsumher zu rauschen. Und durch die niedrigen Sträucher kamen die Kerkopen zum Vorschein, kleine Dämonen und Zwerge mit possierlich langen Bärten, frohe, listige Schelme und Diebe, der Schrecken des einfachen Landvolkes; sie stahlen aus den Ställen die Hühnereier und das neugeborene Vieh: sie jagten schwangeren Frauen unerwartet einen Schrecken ein und kitzelten keusche Jungfrauen an den Waden. Sie pflegten die Schlafenden zu necken und ihnen schelmisch ihre Gerätschaften und ihren Hausrat zu verstecken. Sie kamen jetzt, klein und bärtig, von allüberall her zum Vorschein. Und grinsend vor Freude darüber, daß der große Riese schlief, hoben sie ihrer viele die Keule empor und brachen fast unter der Schwere zusammen, richteten sich aber stets keuchend wieder auf und schleppten die Keule von dannen, immer weiter, immer weiter, um sie unauffindbar in einem Felsspalt zu verstecken. Und die kleinen Kerkopen trugen zu dreien den Köcher fort, indes sie mit großen Schlitten possierlich breitbeinig davonstapften, und die noch immer neugierig zuschauenden Nereiden lachten ... Und den Bogen trugen sie von dannen, und dann wollten die Schalke auch das Löwenfell stehlen, und sie gebärdeten sich, als fürchteten sie sich gar sehr vor dem Fell des toten Ungeheuers. Allein der Held, der sich halb auf dem zottigen Fell hingestreckt hatte, hinderte sie, obschon er noch immer schlief, daran, ihm das Löwenfell zu rauben, und die Kerkopen versuchten nun, immer kühner geworden, das Fell unter des Herakles schweren Gliedern vorsichtig hinwegzuziehen. Sie kitzelten den Helden in der Kniekehle, daß es war, als steche ihn eine Fliege, und unruhig bewegte er das Bein und verschob sein Schwergewicht, und die kleinen Schelme zogen das Fell unter dem Schlafenden hinweg, immer mehr und mehr zu sich hin, bis zwei von ihnen, zottige Bartmännchen, ein wenig zu wild an dem roten Fell des nemeischen Löwen rissen und Herakles plötzlich weckten. Und der Held erwachte verwundert, richtete sich mit einem Ruck auf und sah, wie die kleinen Kerkopen nach allen Seiten entsetzt davonstoben. Laut auflachend tauchten die weißen Nereiden im Flusse unter. Der Held aber hatte sich in einem Augenblick erhoben; er strauchelte über die Allerletzten der Schelme, die das Fell unter ihm hatten wegziehen wollen; und wie er mit seinen Händen auf den Boden griff und zwei jammernde Kerkopen an den Beinen packte, hörte er unter seinem Bauch einen dritten schreien und fühlte, daß ein vierter sich unter seinem Bein zu verstecken suchte. Allein Herakles wußte unter Fuß und Knie und mit beiden Händen die Schalke gefangenzuhalten, wie sehr sie auch schreien und zappeln mochten, und dabei noch die lange Schnur von seinen Lenden zu lösen, mit der er dann die vier Kerkopen an den Füßen fesselte und an die Äste eines herabgefallenen Zweiges anband. Und da ließ er sie lachend tanzen. Am Zweige festgemacht, die bärtigen Köpfe herabbaumelnd, weinten und schrien die armen Wichte gleich vier ungezogenen Kindern, und Herakles ließ sie auf seiner Schulter immerfort auf und ab springen, so daß ihre Bärte in einem Augenblick die Blätter streiften, während sie im nächsten schreiend hoch in der Luft schwebten.

»Ihr schalkhaften Wichte!« rief Herakles aus, »wenn ihr nicht bis zum Jüngsten Tage auf des Herakles Schulter weitertanzen wollt, aus der Tiefe aufwärts und aus der Höhe hinab, so saget ihm rasch: wo ist seine Keule, wo sind seine Pfeile, und wo ist sein Bogen?«

Und angstvoll schrien die Kerkopen um Gnade und riefen ihm zu, wo sich die verborgenen Waffen befänden. Allein Herakles verstand sie nicht, denn ein lautes Lachen von vielerlei Stimmen erklang über dem sich dahinschlängelnden Strom. Herakles meinte anfänglich, daß die Nereiden also lachten, doch als er aufblickte, gewahrte er, daß über die Windungen des Mäander langsam eine schmale Barke dahertrieb, die von zwei aufrecht stehenden Männern vorwärts gestoßen ward. Die Barke war in der Form eines großen Delphins zierlich geschnitzt, und weil Herakles noch niemals solch zierliches Fahrzeug unter Menschen gesehen, meinte er, daß es eine Göttin sein müsse, die da auf dem Delphinrücken auf einem Stapel goldener Kissen ruhte. Eine fremde Göttin, die er nicht kannte, eine asiatische Göttin, die sich daran vergnügte, mit ihren Jungfrauen auf dem sich windenden Mäander umherzufahren. Rings um die fürstliche Frau, die einer Göttin glich und den Herakles anlachte, weil der Held an dem abgerissenen Aste noch immer die vier Kerkopen, zwei und zwei, auf seiner Schulter trug, lagen vier nymphenhafte Sklavinnen, und sie lachten gleich ihrer Herrin bei dem unerwarteten Anblick des Riesen, der so possierlich die vier kleinen Schelme auf seiner breiten Schulter tanzen ließ, vom Boden in die Luft empor, aus der Luft wieder in die Tiefe. Endlich rief die göttergleiche Fürstin aus:

»O du possierlicher Mann, du riesiger Jäger der Kerkopen, sage mir, wer bist du, der du hier umherirrst und dich vielleicht immer tiefer in Lydiens Wäldern verirren wirst? Sehe ich in dir den Stromgott des Mäander, der endlich kommt, die bösen Wichte zu strafen, oder bist du einer von Rhea-Kybeles Korybanten, der die schalkhaften Zwerge lehrt, zu Ehren der Großen Mutter zu tanzen?«

»Herrliche Frau,« sprach Herakles, »die du der Aphrodite gleichst, erlaube, daß diese Wichte mir erst meine Waffen wiedergeben, bevor ich dir sage, wer ich bin. Nun, ihr schalkhaften Wichte« – und Herakles ließ die Kerkopen auf und ab, auf und ab wippen, während die Frauen in der Barke hellauf lachten –, »wenn ihr nicht bis zum Jüngsten Tage tanzen wollt, aus der Höhe in die Tiefe, aus der Tiefe in die Höhe ...«

Doch schon schrien, und jetzt auch ihm verständlich, die armen Kerkopen, wo Bogen und Pfeile und Keule versteckt seien, und Herakles fand sie alsbald und band die Wichte dann los, die nun, vor Schmerzen hinkend, in dem Gestrüpp herumkrochen und beinahe über ihre Bärte strauchelten. Und Herakles hüllte sich in das Löwenfell, setzte sich den aus dem Löwenkopf gestalteten Helm auf, hing sich Bogen und Köcher um, nahm die Keule in den Arm, und die Frauen wunderten sich sehr und staunten ihn an, wie sie den Kerkopenjäger, der ihre Lachlust geweckt hatte, jetzt in einen unüberwindlichen Helden verwandelt sahen. Und wehmütig sprach er:

»Jetzt, o du Göttergleiche, kann Herakles dir melden, wer hier umherstreift und sich in Lydiens Wäldern verirrte: es ist der Sohn des Zeus selber und der Alkmene, der mykenischen Fürstentochter: Alkeios ist es, der, wehe, berühmt ward durch der Hera Haß, und den man in Hellas darum bereits Herakles heißt.«

Die Frau hatte sich, von ihren Jungfrauen umringt, in der Barke erhoben und sprach in lächelnder Bewunderung: »Ruhmreicher Held, sei mir willkommen. Dein Ruhm drang bis nach Lydien, wo wir von dem Löwen hörten und von der Hydra wie von dem Eber, von der Hirschkuh und den Stymphalischen Vögeln und vom Stall des Augias, vom Stier und den Rossen und den Rindern wie vom Gürtel und von den heiligen Früchten. Ruhmreicher Held, sei mir willkommen: willkommen auf Lydiens Boden heißt dich Lydiens Fürstin, die Gemahlin des Tmolos, die zur Witwe gewordene Omphale, und sie fragt dich aus lebhaftester Anteilnahme: bist du auf dem Wege zu deinem zwölften Werk?«

»O du der Aphrodite gleichende Omphale,« antwortete noch wehmütiger der Held, »Herakles hat mit den Göttern gebrochen, Herakles vollendet seine Buße nicht, denn es gebricht ihm an Mut, aus dem Hades den Höllenhund lebend ans Tageslicht zu bringen. Herakles ist Hellas, seinem Vaterland, für alle Zeit entflohen und Mykenä, seiner verlorenen Vaterstadt; geflohen ist er von seinen eigenen Triften in Trachin; seine Gattin Deianeira und seinen Sohn Hyllos hat er für immer verlassen, und wehe, wehe, Herakles ist jetzt nichts anderes als ein ziellos Umherirrender, der gen Osten die Schritte lenkte, weil der Westen ihm allzu bekannt war. Doch er kommt nicht in das Morgenland, um ein Werk zu vollenden oder Buße zu tun. Er ist ein Verfluchter, von dem sich der göttliche Vater und die Brüder und Schwestern abwenden, wie er sich von ihnen abwandte.«

»Liebwerter Held,« sprach Omphale, »willst du wahrlich ziel- und mutlos weiter umherirren, ohne selber zu wissen, bis an welche Grenze des äußersten Ostens? Und wolltest du wahrlich, wenn du die goldene Pforte der Eos erreicht hättest, mut- und ziellos wieder zurückirren und so dem Ende entgegentreiben? O minniger Held, laß dir lieber von Omphale raten und bist du zur Buße unlustig, so lerne von ihr ein Ziel für dein Leben kennen. Weihe dich nicht länger jenen Göttern, denen du ein Verworfener bist, sondern unserer Göttin! Weihe dich der strahlenden Astarte, sei ihr Priester, so wie ich ihre Priesterin bin! Weihe dich ihrer Liebe und ihrer Lust, neben der die Reize der Aphrodite verblassen! Und komm, o liebenswerter Held, mit mir in die Stadt, die des verstorbenen Königs Namen trägt, in das königliche Tmolos, wo Omphale dich heiliges Wissen lehren wird, das du, ich wette, noch nicht kennst!«

Wehmütig lächelte Herakles und sprach: »O du Wohlmeinende! O Priesterin der Liebe und der Lust, die selber der Astarte gleicht! Was willst du den Herakles lehren? Zu alt an Jahren, zu schweren Blutes, allzu lau würde dich dein Schüler dünken. O laß ihn. laß ihn, Omphale, der nicht das Leben mehr sucht, sondern den Tod.«

Allein Omphale achtete nicht des Widerspruches des Helden; sie hatte ihren Jungfrauen bereits zugeflüstert, daß sie die roten Rosengewinde, mit denen die goldene Delphinbarke umschlungen war, von den goldenen Wänden loslösen sollten, und sie selber schlang von dort, wo sie stand, die Blumen dem Helden um das Haupt, der sich, halb unwillig lachend und halb belustigt widerstrebend, von den zarten Fesseln zu befreien suchte. Doch anstatt sich zu befreien, verstrickte er sich nur immer mehr und mehr in die Rosenfesseln... Schon glitt die Barke, von den beiden Männern fortgestoßen, weiter. Mit einem Ruck hatte sich der Held befreit, allein er wollte nicht rauh sein gegen die ihn noch immer anlachende und ihn noch immer gefesselt haltende göttergleiche Frau. Und während der vier Jungfrauen Harfen und Flöten erklangen, ließ Herakles sich mitziehen und fuhr, halb willig und lächelnd sich fügend, zu müde, um noch länger zu widerstreben, auf den sich schlängelnden Windungen des Mäander dahin in der rasch stromaufwärts gleitenden, die Wasser durchschneidenden Delphinbarke, indes er noch immer von den zarten Blumenfesseln umschlungen war.

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